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DER ABGRUND IST SCHWARZ - UND ICH WILL FALLEN. Leo und Pat sind Zwillingsbrüder. Äußerlich ähneln sich die beiden bis ins kleinste Detail, ansonsten könnten ihre Welten jedoch kaum weiter auseinanderliegen. Nicht nur, dass Pat, im Gegensatz zu Leo, mit Männern rein gar nichts anfangen kann, auch ansonsten haben die Zwillinge in ihrem Leben gänzlich unterschiedliche Wege eingeschlagen. Während Leo seit dem viel zu frühen Tod des Vaters mit seiner aalglatten Fassade auf viele kühl wirkt - und viel zu viele One Night Stands hat -, ist Pat eher emotional veranlagt, hat seit vielen Jahren sogar eine feste Freundin. Die beiden führen ein geregeltes, wenn auch emotional weit voneinander entferntes Leben. Bis zu diesem kalten Wintertag, der alles verändern wird...
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Seitenzahl: 225
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Nachwort
Für alle, die kämpfen.
Der Abgrund, an dem ich stehe, ist dunkel und schwarz.
Würde ich einen Kieselstein über den Rand dieser geheimnisvollen und faszinierenden Hölle werfen, ich würde den Aufprall nicht hören. Lautlos würde er durch die Luft schweben. Schwerelos, bis der harte Boden den Sturz abrupt auffängt.
Schlafen. Friedlich. Endlos.
Kein Erwachen mehr.
Kein Verstellen mehr.
Kein Weglaufen vor der eigenen Identität, dem eigenen Spiegelbild.
Miirr selbst.
Wenn die Realität, das Leben, der Alltag nicht so schwierig wären… Wäre mein Leben doch zu bewältigen, zu schaffen.
Der Abgrund ist schwarz – und ich will fallen.
Heiligabend, Gegenwart
Es war klirrend kalt, als Leo die Haustür zur Straße öffnete. Sofort bildeten sich Rauchwolken, als er ausatmete. Die Gegend, in der das Haus seiner Familie stand, war keine Besondere. Hier wohnten hart arbeitende und gut-verdienende Menschen, die größtenteils auch wirklich nett waren, was zahlreiche Garten- und Nachbarschafts-feste eindeutig belegten.
Zumindest war man hier in der Lage den Schein zu wahren und auf „liebevollen Umgang“ zu machen. Leo betrachtete oft von seinem Fenster im zweiten Stock aus die warm beleuchteten Räume der Nachbarhäuser, versuchte hineinzuspähen, was ihm auch oft gelang, und stellte sich insgeheim immer wieder abstruse Dinge vor, die sich hinter diesen Mauern abspielen könnten.
Swingerparties vielleicht?
Teufelsanbetungen?
Leos direkter Nachbar war ein Familienvater um die 30 mit wirklich sehr kleinen Kindern. Er arbeitete ziemlich oft in Nachtschichten und kam deshalb meistens dannnach Haus, wenn sich Leo entweder gerade für die Arbeit fertigmachte oder am Wochenende, wenn Leo von irgendwelchen Clubs nach Hause kam.
Morgens war es deshalb oft das gleiche Spiel. Gegen 6:20 Uhr ging der Fernseher an und irgendwelche vollbusigen Blondinen mit aufgespritzten Lippen taten Dinge mit haarigen Kerlen, die Leo eigentlich gar nicht sehen wollte. Es war ihm schleierhaft, wie sich der Typ jeden Morgen die gleichen Pornos reinziehen konnte, ohne dass es ihn abturnte.
Die Welt war ein Tollhaus.
Vor allem in der Kleinstadt.
***
Die Straße lag verlassen vor ihm. Statt dem erhofften Schnee fiel nur leichter Nieselregen an diesen Weihnachtstagen, der von den geschwungenen Dächern der Nachbarhäuser abprallte und in extra dafür vorgesehene Behälter prasselte.
Es war eine schöne Nacht.
Friedlich.
Ruhig.
Hinter den beleuchteten Fenstern feierten die Familien das Fest der Liebe, als Leo an ihnen vorbeiging. Weil Leos Mutter Amerikanerin war, zelebrierte seine Familie Weihnachten seit er auf der Welt war am 25. Dezember.
Alte Gewohnheiten ließen sich eben nur schwer ablegen.
Leo war froh, an Heiligabend das Haus verlassen zu können, um seine eigenen kleinen Päckchen zu öffnen. Seit Jahren schon ging er mehrmals im Monat in verschiedene Clubs seiner Heimatstadt, um sich etwas Spaß zu gönnen. Der Club, in den er wollte, hieß „Black Mamba“ und lag einige Kilometer entfernt in der anonymeren größeren Stadt. Hier wurde alles geboten, was Männer einer speziellen Klientel dringend benötigten. Verschiedene in unterschiedliche Neontöne getunkte Dancefloors mit vollkommen unterschiedlicher Musik, kleine Kämmerchen aus billigem Holz, hinter deren Wänden Gott weiß was ablief und natürlich die berühmten Darkrooms im Keller des Gebäudes.
Leo hasste Darkrooms.
Nicht zu wissen, wer ihn gerade berührte, war für ihn ein absolutes No-Go.
Nicht jedoch anonymer Sex, der keinerlei Verpflichtung bedeutete.
Vor dem neonbeleuchteten Eingang standen wie gewöhnlich die gleichen zwei Bodyguards, wie jeden Abend, an dem der Club geöffnet hatte. Trotz, oder gerade weil Weihnachten war, zogen sie auch heute Abend ihre fiesen und aufgesetzten Gesichter.
Boris, Typ Nummer Eins, nickte Leo kurz zu, versuchte ein Lächeln, das misslang, und trat einen Schritt zur Seite, um ihn hereinzulassen. Chris, Typ Nummer Zwei, strafte Leo mit Nichtbeachtung. Die Abfuhr vorein paar Wochen, als sich Chris offenbar endlich dazu hatte durchringen können, Leo anzubaggern, war an Leo gescheitert.
Unter seiner rauen Schale war er ja eine solche Queen!
Leo kümmerte es nicht. Er war in der Fleischwarenabteilung, wie er das „Black Mamba“ gerne nannte, angekommen und das Casting, wer es heute zum sexuellen Abenteuer mit ihm schaffen würde, war eröffnet.
Kaum hatte er sich seiner schwarzen Lederjacke und seines ebenso dunklen Schals entledigt, ging er zwei Stockwerke nach oben, auf dem der größte Floor lag und zog sich auch gleich an den Rand der Tanzfläche zurück, um die Lage zu sondieren. Im Moment schallte harte Housemusik aus den Boxen und die Typen um Leo herum tanzten sich die Seele aus dem Leib – wie auf dem „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ – nur schlimmer. Hinter ihm, durch Pflanzen und Geländer abgetrennt, lag eine Art Kuschelecke. Bequeme Sofas und rauchiges Licht sorgten für die passende Atmosphäre, um den Typen, die reden wollten, genügend Raum zu geben. Wirklich reden wollten hier jedoch die Wenigsten. Männer waren berechenbar und auch nach Jahrhunderten der Evolution nach wie vor ziemlich einfach gestrickt.
Leo teilte die Typen vor ihm gedanklich gerade in ABC-Grüppchen auf, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.
„Hi!“, hauchte es ihm ins Ohr, so dass Leo Gänsehaut bekam. Er schüttelte die Hand ab und sah seinem kommenden Gesprächspartner in die grünen Augen. „Wie geht’s?“, fragte der Fremde weiter.
„Danke, gerade gings noch“, gab Leo zurück und drehte sich wieder in Richtung Tanzfläche. Mr. Erotic kümmerte die Abfuhr nicht und er fühlte sich wohl bemüßigt, die Eroberung weiter auszubauen. Er legte Leo erneut die Hand auf die Schulter und drehte ihn sanft zu sich um.
Leo verdrehte die Augen.
„Was darf ich für dich tun?“, fragte er entnervt.
Mr. Selbstvertrauen, nun von unbändigem Mut gepackt, kam näher, wohl in der Absicht, keine Worte mehr verschwenden und stattdessen durch Zungenakrobatik punkten zu können - sie hing ihm jedenfalls schon aus dem Mund und seine Augen waren bereits geschlossen. Leo war fast beeindruckt von so viel Mut. Seine Hand schoss nach vorne auf dessen Brust und schob ihn so sanft es Leo möglich war mit einem leichten Ruck in die Richtung, aus der er kam.
Als der leicht irritiert die Augen öffnete und Leo verwirrt musterte, raunte der nur ein „Ich bin nicht dein Typ.“, und drehte sich erneut zu den Jungs auf der Fläche. Dies hatte der Fremde nun offenbar verstanden – einen dritten Versuch gab es nicht.
Einige Stunden später musterte Leo noch immer die Meute im „Black Mamba“. Je später der Heilige Abend,desto mehr fremde, neue Kerle kamen in den Club und Leo legte sich noch immer nicht fest. Einige Typen hatten ihn bereits angesprochen, er hatte jedoch jedes Mal Abfuhren erteilt. Er brauchte den Sex nicht unbedingt. Wenn es sich ergab, schön. Falls nicht, und das kam hin und wieder vor, ging Leo auch schon mal ohne Abenteuer nach Hause.
Heute sollte jedoch keiner dieser Fehlschlagtage sein.
An der Bar angekommen, überlegte Leo bereits, ob er für heute aufgeben und in sein Bett verschwinden sollte, als sich ein Schatten über sein Gesicht legte – zumindest kam es ihm so vor. Neben ihm bestellte ein rotblonder, großer und offensichtlich extrem gut gebauter Kerl ein Bier und beachtete niemanden neben ihm. Da Leo nicht zu den Jungs gehörte, die Schüchternheit zu ihren positiven Eigenschaften zählten, drehte er sich ganz zu diesem Adonis um, nippte an seiner Cola und sah den Fremden mit einer Mischung aus Neugier, Interesse und Überlegenheit an.
Als der nicht reagieren wollte, fluchte Leo in Gedanken und trat einen Schritt auf ihn zu. Die Initiative zu ergreifen, gehörte nicht zu seinen Vorlieben. Was jedoch sein musste, musste sein.
„Wenn ich dir jetzt sagen würde, dass du ein wundervolles Lächeln hast, würdest du denken, dass ich dich anmachen will“, begann er und der Fremde drehte sich ihm zu, sah Leo kurz erstaunt an und lächelte verwirrt, was Leo nur noch mehr überzeugte.
„Und damit hättest du recht. Hi, ich bin Leo.“
„Bastian“, gab Adonis zurück und bezahlte im Anschluss sein Bier. „Allein hier?“
„Allein allein, allein allein“, sang Leo zurück und grinste.
„Du Armer.“
„Aber echt. Ich Armer.“ Er zog die Unterlippe vor und setzte seinen berüchtigten Dackelblick auf. Bastian grinste wieder. Dieses Mal breiter, was Leo ungeheuer beflügelte.
„Leo? Steht das für Leopold?“, lächelte er Leo an.
Total komisch – ich habe einen Witzbold kennenge-lernt!, dachte Leo wenig begeistert und fühlte sich kurz darauf bemüßigt, dem Fremden seinen vollen Namen zu nennen „Leonard.“ Seine Mutter liebte Namen, die man abkürzen konnte.
„Verstehe. Auch schön. Wie alt bist du?“
Leo kam sich vor wie in einer schlechten Folge von Tatort, während eines besonders traumatischen Verhörs. „23“, war die schlichte Antwort.
„Ich bin 20“, informierte ihn Bastian.
„Eigentlich bin ich an deinem Alter nicht interessiert“, grinste Leo seine künftige Eroberung an.
„Ach, nein?“ Bastian schien nicht beleidigt zu sein. Ein weiteres, wegweisend gutes Zeichen. „An was bist du dann interessiert?“
Statt einer Antwort ließ Leo seinen Blick sanft an Sebastians Körper hinabgleiten.
„Verstehe.“ Bastian lehnte sich zu Leo herüber. „Du gehst ganz schön ran.“
„Warum auch nicht? Zeit ist Geld“, grinste Leo und nahm Bastian am Handgelenk und zog ihn hinter sich her in Richtung dieser kleinen, doch recht ungemütlichen, aber zweckmäßigen Kabinen des „Black Mamba“.
Erster Weihnachtsfeiertag, Gegenwart
Regen prasselte auf das Dachfenster, als Leo einen Tag später ungewöhnlich früh die Augen öffnete. Von weihnachtlicher Stimmung war er weit entfernt – und das Wetter trug nicht gerade dazu bei, den Wunsch auszulösen „Kling, Glöckchen, klingelingeling“ zu singen. Die Nacht – und Bastian – steckte ihm noch in den Knochen und er musste einsehen, sich dann doch zu lange mit ihm beschäftigt zu haben.
Als das sexuelle Abenteuer seinen buchstäblichen Höhepunkt erreicht hatte und beide vollkommen fertig zu nichts mehr in der Lage waren, war Bastian dann in Leos Kopf von der Schublade mit einem erotischen A in die mit einem müden D gerutscht.
Der Grund: er hatte ihn verliebt angesehen und ein „Wann sehe ich Dich wieder?“ in Leos Ohr gehaucht und ihn anschließend auf eine Art geküsst, die Leo schlicht und ergreifend anwiderte. „Wir werden sehen“, war dannauch die knappe Antwort gewesen, mit der sich Leo zurückzog und Bastian im „Black Mamba“ zurückließ – neuer Typ, gleiches Procedere.
Warum irgendwelche Gefühle in jemanden investieren, der es zu 99%iger Sicherheit sowieso nicht wert war?
Warum Zeit und Energie darauf verschwenden, jemanden kennenlernen zu wollen, der sich dann sowieso irgendwann vom Acker machte?
Dann doch lieber unverfängliche Sex-Abenteuer und morgens alleine in seinem Bett aufwachen.
Das war das Leben, das er führen wollte. Unabhängig – zumindest zu einem Teil. Trotz seiner 23 Jahre lebte Leo noch immer in dem Haus seiner Familie, spielte aber bereits seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, auszuziehen und sich etwas eigenes Kleines zu suchen. Doch in Wahrheit hatten die unterschiedlichsten Jungs in seiner Stadt oberste Priorität und etwas so Grundlegendes, wie seinen Wohnsitz zu ändern, bedurfte seiner vollsten Aufmerksamkeit, die er momentan einfach nicht aufbringen konnte. Dazu hatte er auch in seinem Job zu viel zu tun.
Um Punkt 6:33 Uhr wurde die Tür zu Leos Zimmer im zweiten Stock aufgerissen und ein vielleicht 22kg Sack schlug auf der Bettdecke auf, unter der Leo über die vergangene Nacht nachdachte. Geschrei war währenddessen nicht zu hören, sondern ein eher geflüstertes: „Frohe Weihnachten, Lio!“
Seit sie sprechen konnte, nannte Leos kleine, sechsjährige Schwester Viola ihren Bruder Lio – warum,wusste keiner außer ihr selbst so richtig.
Leo schoss, trotz müder Glieder, nach oben, packte seine Schwester, aus deren Kehle eine Art Quieken kam, und riss sie mit Schwung unter seine Bettdecke, was Viola ein fröhliches Lachen entlockte.
„Bist du des Wahnsinns?“, fragte Leo verschlafen. „Bei mir wurde es gestern Nacht echt spät und ich bin hundemüde.“
„Du bist immer müde, weil du abends immer weggehst. Heute ist Weih-nach-ten!“ und bei jeder Silbe piekste sie ihren kleinen Finger gegen die schläfrige Stirn ihres Bruders.
Als Viola geboren wurde, platzte sie mehr oder weniger in das neu gefundene Familienglück seiner Mutter Michelle. Leo und sein Zwillingsbruder Pat waren gerade siebzehn geworden und nahmen, wie alles in ihrem gemeinsamen Leben, auch dieses Großereignis vollkommen unterschiedlich auf. Während sich Pat wie ein Schneekönig freute und seine neue kleine Schwester kaum noch aus den Augen ließ, wandte sich Leo ab. Von allem und jedem, was zur fröhlichen Stimmung im Haus der Familie nicht gerade beitrug. Leo hatte damals bereits mit der zweiten Hochzeit seiner Mutter schwere Probleme und als dann auch noch die Schwangerschaft freudig verkündet wurde, war für Leo ein Ende aller Heuchelei erreicht. Er konnte weder sich selbst, noch seiner Familie weiter eine Art Unbeschwertheit vorspielen, was vor allem heftige Szenen mit seinem Bruder heraufbeschwor.
Pat und er waren eineiige Zwillinge, sie glichen sich, wie bei vielen Zwillingspaaren, bis aufs Haar, waren aber innerlich weiter voneinander entfernt, als man von außen auch nur erahnen würde. Sie liebten sich und in schwierigen Situationen standen sie auch meist zueinander, den Alltag bestritten sie jedoch getrennt voneinander.
Dazu waren ihre Ansichten dann doch zu verschieden.
Streitgespräche gab es lediglich unter vier Augen und ganz selten vor anderen Menschen. Während Pat sich Gedanken über eine Situation und verschiedene Erlebnisse machte, sprach sie Leo aus. Seine Direktheit und seine gnadenlose Offenheit trieben Pat manchmal an den Rand der Verzweiflung. Seltsamerweise liefen Kämpfe zwischen ihnen aber immer gewaltfrei ab. Noch nie, außer vielleicht im Kindergartenalter, hatten sich die beiden geprügelt. Es war vielmehr so, dass sich ein Zwilling meist geschlagen gab und sich in seine Gedankenwelt zurückzog, um dort zu entscheiden, was für ihn nun richtig oder falsch war. Dieser Zwilling war Pat und Leo fühlte sich dadurch oftmals seinem Bruder überlegen.
Sommer, Vergangenheit
„Was bist du eigentlich so ...?“
„Wie? So?“ Leo drehte sich um, als Pat ihm diese alberne Frage stellte und sah seinem Bruder ins Gesicht.
„So. So …!“ Wenn Pat nach den richtigen Worten suchte, war bereits vieles zu spät. „So scheiße!“, machte er Leo an, der ihn darauf nur müde musterte.
„Ich bin scheiße, weil ich nicht jeden Dreck schlucke, den unsere Mutter und unser neuer Vater uns auftischen? Wenn ich deshalb scheiße bin, dann bin ich das eben! Und jetzt verpiss dich!“
„Nur weil man dich nicht um Erlaubnis gefragt hat, Leonard!“
„Hör damit auf, Patrick.“ Er spie den vollen Namen seines Bruders geradezu aus. „Leg es nicht darauf an. Gleich klatscht es!“
„Ich finde deine Reaktion vollkommen überzogen und nicht einmal ansatzweise nachvollziehbar.“ Pat ging an seinem Bruder vorbei und setzte sich aufs Bett. Es sollte eine lockere Handlung sein. Sie war es nicht und für einen 17Jährigen schwafelte Pat manchmal einfach zu gestochen.
„Es ist mir eigentlich vollkommen egal, wie du das findest.“ Leo blieb stehen und sah von der Tür aus seinen Bruder mit einer Mischung aus Wut und Unverständnis an. Komischerweise musste man immer Pats Meinung sein. Wenn man das nicht war, gab es Ärger.
Wie im Moment.
„Wir haben eine Schwester, Leo!“ Das Strahlen in Pats Augen war wieder da – und in diesem Moment hasste ihn Leo dafür regelrecht.
„Dann freu dich doch verflucht nochmal! Aber lass mich damit in Ruhe.“
Pat stand auf und ging auf Leo zu. Kurz bevor er das Zimmer verließ, blieb er stehen und drehte sich zu Leo um. „Weißt du, Leo. Viola macht Mum und Peter glücklich. Sie ist bildschön, sieht aus wie ein blonder Engel und ist unsere kleine Schwester. Deshalb kannst du Dad immer noch lieben. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“ Er kam wieder zwei Schritte auf seinen Bruder zu. „Es ist deine Schwester, Leo. Die nichts dafür kann, geboren worden zu sein. Du bist nur eifersüchtig. Mehr nicht. Gib ihr eine Chance und vergiss dich selbst mal für eine Weile. Das würde uns allen guttun.“ Damit verließ Pat das Zimmer.
An diesem Punkt waren die Brüder oft. Wenn Pat mit Beschimpfungen und Zurechtweisungen nicht erfolgreich war, appellierte er an das Gewissen seines Bruders. Dabei wusste Pat immer ganz genau, welche Worte wie bei Leo ankommen würden. Das funktionierte natürlich auch andersherum.
Da machte sich das gemeinsam geteilte Leben wieder bemerkbar.
Erster Weihnachtsfeiertag, Gegenwart
„Lass mich nur noch ein bisschen schlafen, okay?“
„Hör auf, mich mit dem Hundeblick anzugucken!“ Viola versuchte ernst zu bleiben. Als Leo jedoch den Da-ckelblick weiter ausbaute, fing sie unter der Decke, unter der beide steckten, wieder an zu lachen. „Du Blödi! Aber nur noch fünf Minuten.“ Mithilfe von Armen und Beinen schubste sie die Bettdecke ungeschickt weg und sprang aus dem Bett. „Hier stinkt’s!“, gab Viola von sich, hielt sich die Nase zu, als ob sie vor einer Kläranlage stehen würde und schickte ein unpassend fröhliches „Ich geh Pat wecken“ hinterher. Der Mief in ihrer Nase schien vergessen.
„Alles klar. Gute Nacht.“
„Lio!“ Viola stemmte die Hände in die Hüften.
„Ja, schon gut, ich steh auf.“
Kleine Schwestern konnten echt die Hölle sein.
Als Leo in einem gelben Charlie-Brown-T-Shirt im heimischen Wohnzimmer ankam, herrschte fleißige Betriebsamkeit. Violas Augen waren von dem rot und grüngeschmückten Weihnachtsbaum und den darunterliegen-den Geschenken nicht mehr wegzubekommen und Peter, ihr Vater und Leo und Pats Stiefvater, saß im Sessel und trank seinen ersten, noch dampfenden Kaffee.
„Guten Morgen, du Nichtmehrnachhauskommer“, begrüßte er Leo.
„Hm?“
„Wurde wieder spät gestern …“ Er trank einen erneuten Schluck aus seiner „Peter ist der Größte“-Tasse.
„Zwei oder so, keine Ahnung.“
„Hi, Honey.“ Leos Mutter gab ihm einen Kuss auf die Wange und schickte ein „Merry Christmas“ hinterher. „Pat?“
„Woher soll ich …“
„Ich hab ihn geweckt. Er müsste gleich runterkom-men!“, unterbrach ihn Viola freudig.
„Guten Morgen“, kam es daraufhin erstaunlich fit hinter Leos Rücken hervor. Leo drehte sich um und entdeckte einen müden, aber dennoch frisch geduschten Pat im Türrahmen, der gerade von einer aufgedrehten Viola umgerannt wurde.
„Langsam, langsam“, versuchte sich Pat zu wehren und gab seiner Schwester einen Kuss auf die Stirn.
„Ich hol’ mir mal einen Kaffee, um diese glückliche Familie ertragen zu können.“ Leo schlurfte in die Küche und erntete als Dank für seinen Spruch von seiner Mutter einen Klaps auf den Hinterkopf.
„Don’t say such things, big boy!“, tadelte ihn seine Mutter lächelnd. Statt Namen verwendete sie oftmals nurdie Bezeichnung „big“ für Leo und „little“ für Pat.
Als Leo zurück in das weihnachtlich geschmückte Wohnzimmer kam, sah Viola ihren Bruder gespielt grimmig an und fragte genervt: „Bist du nun endlich da? Darf ich jetzt anfangen?“
Leo verdrehte die Augen und setzte sich auf die Couch neben seinen Bruder, der ihn nur wissend angrinste. Was für eine Familie!
Zwillinge führen ein vollkommen anderes Leben als „normale“ Geschwister. Während Brüder unterschiedlichen Alters sicherlich vieles miteinander teilen, tun es Zwillinge auf eine andere Weise gemeinsam.
Ein gleiches Alter, noch dazu ein gleiches Aussehen hat viele Vorteile – aber auch viele Nachteile. Auf dieser Welt leben viele eineiige Zwillinge, die sich in der Regel auch gut verstehen. Es prägt sie die gemeinsam verbrachte Kindheit und die vielen Stunden, die sie miteinander verbracht hatten – und in der sie sich auch selbst nur wichtig waren.
Das war auch bei Leo und Pat so. In Kindheitstagen legte ihre Mutter großen Wert darauf, dass sich beide gleich kleideten und auch die Jungs waren von unterschiedlichen Klamotten wenig begeistert. Konfliktsituati-onen, wie Spielzeugneid, gab es auch bei ihnen. In den meisten Fällen, in denen sich beide stritten, gewann Leo, weil es Pat dann plötzlich nicht mehr wichtig zu sein schien, den roten Laster fahren zu dürfen, den jetzt Leo wollte.
So war es auch heute noch, auch wenn sich die Brüder immer mehr voneinander entfernten.
In der Familie wusste zwar jeder, dass Leo schwul war, ein Gespräch zwischen ihm und Pat hatte es aber bis heute nicht gegeben. Leo hatte keine Probleme mit seiner Sexualität – er wollte sie nur nicht in Psychogesprächen auseinandernehmen und sich dem stellen, was Menschen, die ihm wichtig waren, dachten. Mit Ablehnung konnte Leo noch nie besonders gut umgehen – zumindest was Menschen betraf, die er auf eine spezielle Weise liebte.
Leo liebte seine Familie. Er liebte seine Mutter, Peter mittlerweile auf eine andere „Vater-Weise“ und auch Pat und Viola gehörten zu ihm. Pat zählte jedoch zu jenen Menschen in seiner Umgebung, die ihm irgendwie das Gefühl gaben, so, wie er war, nicht richtig zu sein.
Oder bildete er sich das nur ein?
Dieses Gefühl der Unzulänglichkeit hasste Leo genauso sehr, wie Typen, die ihm nach dem Sex sagten, dass sie sich in ihn verliebt hatten.
„Es wird Zeit zu packen“, seufzte Michelle und gab ihrem Mann einen Kuss. „Wenn wir die Maschine erreichen wollen, müssen wir langsam mal anfangen.“ Sie sah in die Runde und entdeckte nicht viele frohe Gesichter. „Jetzt hört schon auf, so zu schauen, als würde ich euch zwingen, Nacktschnecken zu essen.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Es wird schön werden!“
„Ja, total!“, freute sich Leo gespielt und verschwand in sein Zimmer, um die nötigsten Sachen zu packen. DerFlug nach Berlin war nötig, da Oma Hilde am 28. Dezember ihren 90. Geburtstag feierte und die gesamte Familie um sich haben wollte. Auf der Einladungskarte stand in schwarzen Buchstaben auf weißem, festem Papier geschrieben: „Einladung zu meinem vielleicht letzten Geburtstag, bevor ich unter der Erde verschwinde!“ Ja, sie hatte speziellen Humor und dadurch war jeder noch so selbstsüchtige Angehörige gezwungen, der Einladung zu folgen.
Hilde war die Mutter von Leo und Pats richtigem Vater, der vor acht Jahren gestorben war. Noch schlimmer als der Flug nach Berlin, war der Flug nach Berlin mit ihren Verwandten, die ebenfalls in Leos Stadt wohnten. Eine echte Geduldsprobe war vor allem Christopher, Leos und Pats Cousin. Als Leo gehört hatte, dass er und seine ganze furchtbare Familie ebenfalls in diesem Flugzeug sitzen würden, wurde ihm schon im Vorfeld spei-übel. Er fügte sich jedoch dem Wunsch seiner Mutter, an dem Familienfest teilzunehmen und sich auch zu benehmen – was blieb ihm auch übrig? Seine Mutter konnte die Hölle sein, wenn sie sauer war. Also vermied er es, sie in irgendeiner Form auch nur ansatzweise zu ärgern, wenn er sich weiter bester Gesundheit erfreuen wollte.
Zweiter Weihnachtsfeiertag, Gegenwart
Während Leo mitsamt seiner ganzen Familie einen Tag später in der Wartehalle des Flughafens Wurzeln schlug, weil seine Mutter wie üblich viel zu früh vor Ort sein wollte, verspürte er nicht die geringste Lust, seine grünen Augen offen zu halten. Alle um ihn herum schienen aufgeregt zu sein und sich auf ein spannendes Abenteuer zu freuen.
Die Warterei nervte.
Gerüche. Eindrücke. Trubel.
Ein schreiendes Kind im Lauflernalter, eine stolzie-rende Stewardess, der die Welt zu gehören schien, wartende Männer, deren Frauen im Dutyfreeshop das verdiente Geld zum Fenster hinauswarfen.
Das Schlimme an dieser Gesellschaft, die Leo beobachtete, war der Zerfall von zwischenmenschlichen Beziehungen, die man vor allem an Flughäfen oder anderen öffentlichen Orten beobachten konnte. Quasi alle spielten an ihren Handys, telefonierten damit oder hörten Musik. Wieder andere schrieben an ihren Laptops, während ihre Begleitung stumm daneben saß und dumm aus der Wäsche sah.
Wirklich miteinander reden? Wozu auch?
Zwar gehörte Leo nicht zu der Sorte Mensch, die ganze Redeergüsse von sich gaben, er bildete sich aber etwas darauf ein, einer der wenigen in seinem Freundeskreis zu sein, der sich auf jeden Fall nicht handysüchtig nannte.
Eine Leistung? Irgendwie schon.
Wenn man bedachte, wie viele Kontakte in dieser neuen Welt nur noch über ein Textformat abliefen, war es für Leo geradezu revolutionär, eben dies nicht zu tun und somit gegen den Strom zu schwimmen. Er war eben durch und durch ein Rebell und tat sich schwer damit, wie alle zu sein.
Warum auch. Er war schließlich was Besonderes.
„Du bist ein Vollidiot!“ Leo wurde aus seinen Gedanken gerissen und sah Christopher von der Seite her an.
Christopher, ein erschreckend dünner und immer exzellent gekleideter junger Mann von 19 Jahren, war mächtig stolz auf seinen Namen. Vor einiger Zeit hatte es Leos Mutter gewagt, ihn Chris zu rufen. Seitdem war das Verhältnis zwischen ihnen eher kühl. „Ich finde es respektlos, Menschen nicht mit ihrem richtigen Namen anzusprechen“, hatte er selbstgefällig von sich gegeben. Schon in Kindertagen, als die Jungs gemeinsam spielten, hatte sich Christopher standhaft geweigert, Leo tatsächlich mit Leo anzusprechen. In dieser Zeit reagierte Leo darauf mit heftigen Wutausbrüchen. Nun saß Chris-topher neben Leo auf einer steril und kalt wirkendenFlughafenbank und sah ihn mit seinen braunen und seltsamerweise auch kalten Augen fordernd an.
„Was?“
„Du bist ein Voll…“,
„Ja, ja, ich hab dich verstanden.“ Leo bereute es schon fast, ihn am Terminal mit einem Lächeln begrüßt zu haben. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Warum hatte er nicht fernab der Familie einen Flug gebucht? Oder sich krank- oder besser noch totgestellt? Sich irgendwelche Pocken geholt oder sich in den Zug nach Nirgendwo gesetzt. „Und warum bin ich gleich wieder ein Vollidiot?“
„Na, weil du sie nicht siehst.“ Er gab ein Nicken in Richtung vollbusiger Blondine von sich, die den beiden gegenüber an einem anderen, jedoch sehr nahen Gate saß.
„Was interessiert sie mich?“
„Na die is’ rattenscharf, Digga!“ Christopher, beziehungsweise Christophers Hormone, waren außer sich. „Voll krass“, fügte er hinzu.
„Na dann.“ Leo gab ihm einen Klaps auf die Schulter. „Geh und hol sie dir, Tiger“, motivierte er ihn. Die Ironie in seiner Stimme nahm Christopher nicht wahr.
„Sehr witzig.“ Er lehnte sich wieder zurück. „Sie glotzt dich an.“ Er zog eine Schnute. „Nicht mich.“
„Lass mich einfach in Ruhe.“ Leo war einfach nicht in Stimmung für heterosexuelle Gespräche – schon gar nicht mit Christopher und seine Laune sank auf einen neuen Tiefpunkt.
„Ich glaub, ich krieg nen Ständer.“ Christopher verzog keine Miene bei seinem unnötigen geflüsterten Ausspruch. Wollte er wirklich über den Zustand von Chris-tophers Hoseninnenleben nachdenken? Eindeutig nicht. „Weißt du, was ich mit der Alten alles anstellen würde, wenn ich könnte?“
„Was? Sie zu Tode langweilen? Sie zu Tode quat-schen? Sie zu Tode nerven?“, hakte Leo nach und erntete außer einem Stirnrunzeln keine weitere Reaktion. Chris-tophers Gehirn war in seine Hose gerutscht und dort fühlte es sich offenbar pudelwohl. Leo strafte seinen Cousin anschließend mit Nichtbeachten, in der Hoffnung, ihn somit endgültig zum Schweigen zu bringen. Fehlanzeige.
„Aber ein Gutes hat es, dass ich sie jetzt nicht durch-nagle. Sie würde anschließend nichts anderes mehr wollen.“ Er lachte sein widerlich chauvinistisches Lachen - und Leo platzte der Kragen. Die Zeit zu handeln war gekommen.
„Entschuldigung?“, sagte Leo laut zu der Blondine gegenüber, was Christopher zu einem entsetzten Gesichtsausdruck und offenstehendem Mund verleitete – er sagte jedoch schockiert keinen Ton, Leo meinte aber, ein leichtes Wimmern zu hören.
Er sah jedenfalls hektisch zwischen ihm und der Blondine hin und her – wie bei einem spannenden Ten-nismatch.
„Mein Freund hier, den ich kaum kenne, fühlt sichwegen Ihres Aussehens sexuell erregt. Macht es Ihnen etwas aus, aufzuhören so toll auszusehen?“ Er lächelte sie gekünstelt an. Die Blondine starrte verwirrt zurück.
