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Der Roman Der Irrwisch oder der Kaper von James Fenimore Cooper ist eine packende Abenteuererzählung, die zur Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges im späten 18. Jahrhundert spielt. Im Zentrum der Handlung steht der ebenso geheimnisvolle wie charismatische Kapitän des Kaperschiffes "Der Irrwisch", ein Mann, der für seine Kühnheit ebenso bekannt ist wie für seine moralische Ambivalenz. Als Freibeuter segelt er an der Grenze zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit, stets gejagt von den britischen Truppen, die ihn als gefährlichen Piraten betrachten. Ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte ist die spannungsgeladene Begegnung zwischen dem Kaperkapitän und einer Gruppe von Personen, darunter junge Offiziere, Adelige und patriotische Siedler, deren Schicksale miteinander verflochten werden. Coopers Figuren überzeugen durch psychologische Tiefe und komplexe Motivation: Loyalitäten werden ständig hinterfragt, und die Grenzen zwischen Freundschaft und Feindschaft verschwimmen auf faszinierende Weise. Cooper fängt die Atmosphäre der Epoche eindrucksvoll ein, indem er realistische maritime Details und historische Hintergründe mit dramatischen Verfolgungsjagden und lebendigen Dialogen verbindet. Besonders fesselnd sind die Seeschlachten und die überraschenden Wendungen der Handlung, welche die Leser bis zur letzten Seite gespannt bleiben lassen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Wie viel an der nachfolgenden Erzählung dem Gebiete wirklicher Thatsachen, wie viel dem der Dichtung angehöre, möge der geneigte Leser uns erlassen, hier zu berichten; wir schweigen absichtlich darüber, und Forscher, denen ihre Muße solche Beschäftigung erlaubt, mögen die Mühe, eine Gränzlinie aufzufinden, selbst auf sich nehmen.
Die Wahl des Schauplatzes wird keiner Rechtfertigung bedürfen: wer sich darüber entschuldigen wollte, irgend Jemand entweder in der Phantasie oder in der Wirklichkeit nach einem Meere wie das mittelländische, an Küsten wie die Italiens – geführt zu haben, würde in eine Ziererei verfallen, von der wir wenigstens uns frei wissen. Die Ausführung unseres Gemäldes mag hinter der ursprünglichen Idee zurückgeblieben sein, aber jedes edle Wagniß trägt seine Berechtigung in sich selber, besonders wo ein Mißlingen nur auf den Urheber zurückfallen kann. Wer die Schauplätze je gesehen hat, die wir in so schwachen und unvollkommenen Umrissen gezeichnet haben, wird um der guten Absicht willen Nachsicht mit den Mängeln unseres Gemäldes haben, und wer jenes Glück nicht genossen hat, findet sicher unsere Schilderungen so hoch über aller anderwärts geschauten Wirklichkeit, daß kein Zweifel an unserer Fähigkeit bei ihm auskommen wird.
Von Raoul Yvard, von Ghita Caraccioli und dem kleinen Irrwisch haben wir nicht mehr zu sagen, als was sich im Buche selbst findet. Wir sprechen mit Sancho: »die uns erzählt haben von allen Dreien« – das Schifflein rechnen wir mit zu den lebenden Wesen – »sagten, es sei so gewißlich wahr, daß wir getrost darauf schwören könnten.« Irren wir uns, so heilen wir dieß Geschick mit dem ehrlichen Pansa, und dazu in einem Falle, der an Wichtigkeit dem seinigen nichts nachgeben wird.
Uebrigens hört und weiß die Welt im Allgemeinen wenig von der endlosen Masse Einzelnheiten, die das Leben auf der See bilden. Wenige hervorragende Momente werden etwa von Geschichtschreibern herausgegriffen, wenn sie in Verbindung mit Schlachten, Verträgen, Schiffbrüchen oder Schiffsjagden stehen, alles Uebrige aber bleibt ein leeres Blatt für die große Menge. Man hat nicht mit Unrecht behauptet, daß das Leben jedes einzelnen Menschen, würde es einfach und klar erzählt, eine Fundgrube heilsamer Lehre und wechselvoller Unterhaltung bilden müßte, und eben so wahr ist, daß jeder Tag aus einem Schiffe Stoff zu interessanten Berichten genug darböte, könnten anders die trockenen Berichte des Logbuches in die plastische Sprache lebendiger Auffassungsgabe umgewandelt werden. Schon ein einzelnes Schiff, allein auf der Wasserwüste, kann ein Gegenstand der Reflexion werden, wie es der Poesie Nahrung, dem sittlichen Gefühle Anregung darbietet, und da wir selten müde werden, uns mit diesem Stoffe zu beschäftigen, so kann unser Wunsch nur der sein, daß die Zahl von Lesern, die wir gewissermaßen als unsere literarische Klientschaft betrachten dürfen, unserer Produkte nimmer überdrüssig werden möge.
Unsere Hauptsorge betrifft aber dießmal den Kontrast, den wir zwischen kindlichem Glauben und einer leichtsinnigen Freigeisterei bezeichnet haben. Beide Charaktere sollten der Zeit und dem Orte, dem sie angehören, treu sein, und wir waren bemüht, beiden das nöthige Relief zu geben, dabei aber alle Uebertreibung zu vermeiden. Daß eine starke natürliche Sympathie zwischen Menschen vorhanden sein kann, die sich in solchen Dingen so ferne als möglich stehen, beweist die tägliche Erfahrung, und daß es Gemüther gibt, in denen die Macht der Grundsätze auch die einschmeichelndste und trügerischste der menschlichen Leidenschaften überherrscht, hoffen wir nicht allein – nein, wir glauben es zuversichtlich. Dabei wollten wir jene edleren Züge einer siegreichen Ausdauer in derjenigen Hälfte des Menschengeschlechtes erscheinen lassen, wo sie nach unserer Überzeugung am ehesten hienieden gefunden werden.
Der siebente unserer Seeromane liegt hiemit vor den Augen des Publikums. Als wir den ersten vollendet hatten, glaubte keiner unserer Freunde an einen glücklichen Erfolg; ihr Mißtrauen gründete sich auf die Einförmigkeit des Stoffs und auf die mancherlei unwillkommenen Zuthaten. Nicht allein, daß sich diese Prophezeihungen, was unsern eigenen schwachen Versuch betrifft, als unwahr erwiesen haben – die Neigung der Lesewelt ist entschieden genug gewesen, um auch von andern Seiten her eine achtunggebietende Anzahl von Nachkommen jenes ersten Stammhauptes freundlich aufzunehmen. Möchten in dem » Irrwisch« verwandte Züge genug sich finden, um auch diesem Sprößling ein Heimathsrecht in der großen gemeinschaftlichen Familie zu sichern.
Die Wunder der tyrrhenischen See wurden schon seit den Tagen Homers besungen und gepriesen. Daß überhaupt das mittelländische Meer mit seiner schönen Begrenzung durch Alpen und Apenninen, mit den tief ausgezackten, unregelmäßigen Küsten – in Allem, was Klima, Produkte und physische Formation betrifft, das köstlichste Stück der bekannten Erde bildet – ist eine Wahrheit, die wohl jeder Reisende gerne zugeben wird. Blicket hin auf die reichen Gelände, die das Binnengewässer umschließen, sehet die prachtvollen Vorgebirge, welche diesem Miniaturbilde eines Oceans als Strebepfeiler zu dienen scheinen; ihre Abhänge tragen Alles, was ein Gemälde lieblich und reizend macht, die Höhen sind mit Wartthürmen gekrönt, auf den Felsklippen in der Tiefe ragen geweihte Einsiedeleien, der wunderreiche Wasserspiegel selbst ist mit Segeln betüpfelt, die gleichsam eigens zu dem Zwecke, einen malerischen Effekt hervorzubringen, aufgetakelt sind – bildet nicht das Ganze eine besondere Art von Welt für sich, eine Welt, reich an Genüssen für Jeden, der so glücklich ist, ein Gefühl für Reize zu besitzen, welche den Beschauer nicht allein für den Augenblick bezaubern, sondern auch, gleich den Gebilden einer glorreichen Vergangenheit, in dem Gedächtniß des Abwesenden haften bleiben.
Unsere vorliegende Aufgabe wird sich mit diesem Fragmente einer Schöpfung beschäftigen, die selbst in ihren wildesten Partien noch so unendlich schön ist: würde sie nur nicht so häufig durch die Leidenschaften der Menschen ihres edelsten Reizes entkleidet! Es ist Keiner, der nicht einstimmte in das Lob der Natur, die für das mittelländische Meer so viel gethan hat – aber auch Keiner, der läugnen könnte, daß eben dieses Meer bis auf die neueste Zeit der Schauplatz grausamerer Gewaltthaten und tieferen menschlichen Elendes als vielleicht jeder andere Theil unserer Erde gewesen ist.
An seinen nördlichen und südlichen Küsten von verschiedenen Menschenstämmen bewohnt, welche durch ihre Schicksale noch weiter als durch Abstammung, Sitten und Religion von einander geschieden sind, war dieser Theil des Oceans gleichsam das Bollwerk der Christenheit gegen die Muhamedaner, die Schutzwehr eines Alterthums, das jedem Eindringen geschichtlicher Forschung Trotz bietet; sein dunkelblauer Spiegel hat in dem Zeiträume zwischen Agamemnons und Nelsons Tagen weit öfter Scenen der Gewaltthat und des Mordes geschaut und weit mehr Siegesrufe vernommen, als alle übrigen Theile von Neptuns weitem Gebiete zusammengenommen. Natur und Leidenschaft der Menschen haben sich vereint, um seine Fläche dem menschlichen Antlitze ähnlich erscheinen zu lassen, das unter seinem Lächeln und unter dem gottähnlichen Ausdruck seiner Züge ebenfalls den Vulkan verbirgt, der so oft in unserem Herzen glüht und unsere Glückseligkeit verzehrt. Jahrhunderte lang gefährdeten Türken und Mauren die Schifffahrt an diesen lachenden Küsten, und die Uebermacht dieser Barbaren schien endlich nur deßhalb ihr Ziel erreicht zu haben, um den blutigen Kämpfen der Europäer Platz zu machen, welche durch ihre gewaltigeren Streitkräfte die Ungläubigen vom Kampfplatze vertrieben hatten.
Die Umstände, welche die zwischen den Jahren 1790 und 1815 liegende Epoche zu dem ereignißreichsten Zeitraume der neueren Geschichte machten, sind Allen wohlbekannt, obgleich die einzelnen Vorfälle, durch welche diese denkwürdigen fünfundzwanzig Jahre so vielfach bewegt wurden, bereits in die Geschichte übergegangen sind. Alle Elemente jenes Kampfes, der dazumal die Welt erschütterte, scheinen jetzt so vollständig beseitigt zu sein, als ob sie ihr Dasein einem längst entschwundenen Zeitalter verdankten, und die noch Lebenden erinnern sich der Ereignisse ihrer Jugend, wie man etwa der Begebenheiten verflossener Jahrhunderte zu gedenken pflegt. Damals brachte jeder Monat einen neuen Sieg, eine neue Niederlage, und die Berichte von dem Umsturze bestehender Regierungen und der Eroberung weiterer Provinzen erneuerten sich unaufhörlich. Die Welt war in Bewegung und glich einem in Aufruhr begriffenen Volkshaufen. Es war eine Periode, auf welche furchtsame Seelen mit Verwunderung, jugendliche Gemüther mit Zweifeln, und unruhige Köpfe mit Neid zurückschauen.
Die Jahre 1798 und 1799 waren zwei der wichtigsten dieser ewig denkwürdigen Zeit; sie eben sind es in ihrem vollen Charakter der Aufregung und Thatkraft, in welche wir nunmehr den Leser im Geiste versetzen müssen, um ihn mitten in die Scenen einzuführen, deren Schilderung wir uns zur Aufgabe gemacht haben.
Ein schöner Augustabend neigte sich eben seinem Ende entgegen, als ein kleines Fahrzeug, von einem leisen Westwinde getragen, mit zauberhafter Leichtigkeit in den sogenannten Kanal von Piombino 1 einlief. Die auf dem mittelländischen Meere üblichen Schiffe, wie die Schebecke 2, die Felucke 3, der Polacker 4, die Bombardiergalliote, und gelegentlich auch der Lugger 5, sind durch die malerische Schönheit und Zierlichkeit ihrer Takelage zum Sprichwort geworden. Das fragliche Fahrzeug zeigte die Bauart des letzteren der genannten Schiffe – einer Gattung, welche übrigens in den italienischen Gewässern weit weniger, als in der Bai von Biskaya und in dem brittischen Kanale üblich ist, und dieß war ein Umstand, der den Matrosen, welche den Ankömmling von der Küste von Elba aus beobachteten, sogleich als unheilverkündend erscheinen wollte. Ein dreimastiger Lugger mit breit entfalteten Segeln, mit einem niedrigen, schwarzen Rumpfe, der nur eine einzige, kaum bemerkbare rothe Linie, unter den Rusten hinlaufend, sehen ließ, und mit so tiefliegender Kuhl, daß man nichts als den Hut eines oder des andern ungewöhnlich großen Matrosen darüber emporragen sah – mußte als ein verdächtiges Schiff betrachtet werden, und nicht einmal ein Fischer hätte sich auf Schußweite zu ihm hingewagt, so lange sein Charakter noch unbekannt war. Kaperschiffe und Corsaren (wie man sie damals, in vielen Fällen nicht unverdient und in der schlimmsten Bedeutung des Wortes, nannte), waren an jener Küste keineswegs ungewöhnlich, und es mußte zuweilen selbst für Fahrzeuge, welche befreundeten Nationen angehörten, gefährlich erscheinen, ihnen in solchen Augenblicken zu begegnen, wo sie vielleicht eine Beute verfehlt hatten, welche man mit einem Ueberreste von Barbarei selbst jetzt noch für rechtmäßig erklärt.
Der Lugger mochte ungefähr hundert und fünfzig Tonnen fassen, doch ließ ihn sein schwarz bemalter, niedriger Rumpf weit kleiner erscheinen, als er in Wirklichkeit war. Die straffgespannten Segel verriethen übrigens schon seine Eile, denn dem Seevogel ähnlich, der mit ausgebreiteten Schwingen einherschießt, kam er mit Doppelflügeln 6 herangezogen, und die Seeleute am Ufer, die, wie wir schon oben bemerkt, seine Bewegungen beobachteten, schüttelten mißtrauisch mit dem Kopfe, während sie sich in sehr mittelmäßigem Italienisch über die Absicht und Bestimmung des Fremdlings besprachen.
Diese Beobachtung, nebst dem sie begleitenden Gespräche, erfolgte auf dem hohen Felsvorsprunge oberhalb von Porto Ferrajo, dem Hafen der Insel Elba – einem Punkte, der seitdem als Hauptstadt von Napoleons Miniaturreiche so häufig erwähnt wurde. Ja sogar die Wohnung, welche später dem gefallenen Kaiser als Palast diente, stand nur einige hundert Schritte von den Sprechenden entfernt, und war gerade gegen den Eingang des Kanals und die toskanischen Berge, oder besser gesagt, gegen das damals noch bestehende kleine Fürstenthum Piombino gewendet, denn das spätere Einverleibungssystem, wonach die größeren Staaten Europa's die kleineren allmählig verschlangen, hatte damals seine volle Höhe noch nicht erreicht.
Dieses Haus, das in den Vereinigten Staaten höchstens für eine bessere Art von Landhaus gelten könnte, wurde damals, wie auch jetzt wieder, von dem florentinischen Statthalter bewohnt, der den toskanischen Theil der Insel verwaltete. Es steht an dem äußersten Rande eines niederen Felsvorsprunges, der den westlichen Damm der tiefen, weitgedehnten Bai bildet, neben welcher der kleine Hafen sich befindet.
Derselbe liegt hinter einer Krümmung der Felsen, welche sich hier gegen Westen in der Gestalt eines Hakens ausdehnen, sehr geschickt versteckt, und scheint absichtlich vor dem Auge jedes Eindringlings so wohl verborgen, als ob man sich vor ähnlichen Besuchen, wie eben einer von dem verdächtigen Fremden in Aussicht stand, gefürchtet hätte. Wenn er auch an Ausdehnung die neueren Docks, wie sie in jüngster Zeit an Plätzen, wie London und Liverpool, erbaut wurden, kaum erreichte, so war er gleichwohl durch gutplacirte Batterien vor jeder denkbaren Gefahr beschirmt, und was vollends den Schutz vor den Elementen betraf, so wäre wohl ein Schiff auf dem Gesimse des geheimsten Kabinets kaum sicherer als hier vor Anker gelegen.
In diesem heimischen, niedlichen Wasserbecken, das, mit Ausnahme des schmalen Eingangs, vollständig mit Gebäuden umringt war, lagen ein paar Felucken, welche zwischen der Insel und dem nahegelegenen Festlande Handel trieben, und ein einziges österreichisches Fahrzeug, das unter dem Vorwande, Eisen zu holen, aus dem adriatischen Meere herübergekommen war, ebensogut aber auch jeden andern Zweck als den vorgegebenen – nämlich mit den übrigen kaiserlichen Besitzungen in Italien eine Handelsverbindung zu unterhalten – verfolgen konnte.
In dem Augenblicke, den wir jetzt eben schildern, waren übrigens auf allen diesen Fahrzeugen und in ihrer Nähe kaum ein Dutzend lebender Wesen zu bemerken. Die Nachricht, daß sich ein fremder Lugger, wie der oben beschriebene, in der offenen See sehen lasse, hatte die Seeleute beinahe insgesammt an's Ufer gelockt, und auch die meisten der im Hafen Ansässigen waren Jenen die breiten Stufen der krummen Straßen, welche auf die Höhen hinter der Stadt führen, hinangefolgt oder hatten sich auf den Felsvorsprung begeben, der die Aussicht auf die See von Nordosten gegen Westen beherrscht.
Die Annäherung des Luggers hatte unter den Seeleuten dieses harmlosen, wenig besuchten Hafens ungefähr dieselbe Wirkung hervorgebracht, wie sie etwa das Erscheinen des Habichts unter den furchtsamen Bewohnern eines Hühnerhofes zu äußern pflegt. Das Takelwerk des Fremdlings, an sich selbst schon ein höchst verdächtiger Umstand, war schon zwei Stunden früher einigen alten Küstenfahrern aufgefallen, welche ihre müssigen Augenblicke gewöhnlich auf der Höhe zubrachten, wo sie die Zeichen des Wetters prüften und sich ihren traulichen Gesprächen hingaben; sie hatten die Sache ihren Bekannten mitgetheilt, und alsbald waren etliche zwanzig Personen auf der Promenade von Porto Ferrajo versammelt, lauter Leute, die in Allem, was den Seedienst betraf, entweder wirkliche Kenner waren oder sich wenigstens für solche hielten. Als aber vollends der lange, niedere, schwarze Rumpf, der so breite Segel trug, völlig sichtbar wurde, da schienen sich die schlimmen Anzeichen noch zu vermehren; dunkle Gerüchte verbreiteten sich in der Stadt, und Hunderte von Zuschauern strömten auf dem erwähnten Flecke zusammen, der, nach der Redeweise unserer Landsleute aus Manhattan, einer Batterie ziemlich ähnlich sah. Auch wäre dieser Name wirklich nicht so ganz unpassend gewesen, denn in der That war daselbst eine kleine Batterie, und zwar auf eine Art aufgepflanzt, daß eine Kugel recht leicht ihre zwei Drittel Meilen – ungefähr gerade so weit, als der Fremde noch vom Ufer entfernt war – reichen konnte.
Unter den Seemännern Elba's war Tommaso Tonti der älteste; dabei galt er glücklicherweise auch für einen nüchternen und gewöhnlich sehr verständigen Mann, und wurde deßhalb beinahe in Allem, was den Seedienst betraf, als das Orakel der Insel angesehen. Jeder von den Bürgern, mochte er nun Weinhändler, Krämer, Gastwirth oder Eisenarbeiter sein, fragte, sobald er die Höhe erreichte, unverzüglich nach dem alten Tonti oder 'Maso, wie man ihn gewöhnlich nannte, und drängte, so wie er in der Entfernung des grauköpfigen Seemannes ansichtig wurde, an seine Seite, bis sich zuletzt ein Haufen von beinahe zweihundert Männern, Weibern und Kindern mit einem Eifer um die Person des Lootsen versammelt hatte, wie sich etwa die Gläubigen in Augenblicken religiöser Auslegung um einen Lieblings-Ausleger des Gesetzes zu schaaren pflegen.
Dabei war bemerkenswerth, mit welcher Artigkeit die kleine Versammlung von höflichen Italienern den betagten Seemann bei dieser Veranlassung behandelte, denn Keiner unterbrach ihn mit Fragen, und Alle vermieden mit der größten Sorgfalt, sich zwischen ihm und der Küste aufzupflanzen, um ihn dadurch nicht an der ferneren Beobachtung des Fremdlings zu hindern. Fünf oder sechs andere Küstenfahrer von seinem Alter standen neben ihm; diese redeten ohne Scheu, wie ihre Erfahrung es mit sich brachte. Tonti aber hatte keinen geringen Theil seines Rufes gerade durch seine Vorsicht in der Aeußerung von Orakelsprüchen erlangt, so daß er meistens noch mehr zu wissen schien, als er in Wirklichkeit von sich gab, und er war deßhalb jederzeit sehr zurückhaltend. Während daher seine seemännischen Genossen allerhand widerstreitende Ansichten über den Charakter des unbekannten Ankömmlings preisgaben, und unter den versammelten Männern und Frauen hundert verschiedene Muthmaßungen von Munde zu Munde gingen, hatte man den Lippen des alten Mannes nicht eine einzige Sylbe entschlüpfen gehört, wodurch er hätte kompromittirt werden können. Er ließ die Andern nach Belieben schwatzen; er selbst fand es, seinen Gewohnheiten und wohl auch der Schwierigkeit der Aufgabe, in solchem Falle eine Entscheidung zu geben – weit angemessener, ein ernstes, unheilverkündendes Schweigen zu beobachten.
Wir haben oben von Frauen gesprochen: denn es war wohl natürlich, daß ein Ereigniß, wie das obenerwähnte, in einer Stadt von drei- bis viertausend Seelen auch eine ziemliche Anzahl von Personen des zarteren Geschlechts auf die Anhöhen locken mußte. Die meisten waren bemüht, so nahe als möglich zu dem betagten Seemanne hinzugelangen, um die erste Nachricht um so früher vernehmen, um so rascher verbreiten zu können; doch schien es fast, als ob unter den jüngeren gleichfalls eine Art weiblichen Orakels sich befände, denn theils von ihrer Neugierde getrieben, theils wohl auch von dem angeborenen Stolze und der Bescheidenheit ihres Geschlechts geleitet, welche ihnen in der Stellung etwas mehr Zurückhaltung zur Pflicht zu machen schienen, als ihre weniger gebildeten Gefährtinnen für nöthig hielten – hatte sich ein Dutzend der hübschesten Mädchen um Ghita versammelt, um zu vernehmen, was wohl diese vorläufig zu sagen haben mochte.
Wenn wir übrigens von der verschiedenen Stellung der Bewohner sprechen, so darf dieses Wort nur in äußerst eingeschränkter Bedeutung genommen werden. Porto Ferrajo zählte unter seiner Bevölkerung blos zwei Klassen – Handelsleute und Arbeiter; Ausnahmen hievon gab es höchstens ein Dutzend, bestehend aus einigen niederen Beamten der Regierung, einem Advokaten, einem Arzte und etlichen Geistlichen. Der Statthalter der Insel war zwar ein Mann von bedeutendem Range, beehrte aber den Ort nur selten mit seiner Gegenwart; sein Stellvertreter war nichts weiter als ein gewöhnlicher Beamter und aus der Stadt selbst gebürtig, wo sein früherer Stand zu wohl bekannt war, als daß er es hätte unternehmen dürfen, an dem Orte, wo er geboren worden, den Herrn zu spielen. – So bestanden denn auch Ghita's Gefährtinnen aus den Töchtern der Kaufherren und anderer Leute dieser Klasse, welche der Umstand, daß sie Lesen gelernt hatten, gelegentlich auch in Livorno gewesen waren und von Seiten des Regierungsbevollmächtigten freien Zutritt zu dessen Haushälterin besaßen – dazu verleitete, sich über die ungezwungenere Neugier der weniger gebildeten Mädchen der Stadt doch etwas erhaben zu dünken.
Ghita selbst verdankte übrigens den schon erwähnten Einfluß über ihre Freundinnen nicht sowohl dem zufälligen Vortheile einer Geburt als Krämers- oder Gastwirthstochter, als vielmehr ihren eigenen Vorzügen, denn ihre Herkunft, so wie ihr Familienname war den meisten Mädchen aus ihrer Umgebung gänzlich unbekannt. Sie hatte erst vor sechs Wochen gelandet, und war von einem Manne, der für ihren Vater galt, in Christofori Dovi's Hotel als bleibender Gast zurückgelassen worden. Der Umstand, daß sie Reisen gemacht hatte, gab ihr schon an sich eine gewisse Auszeichnung vor ihren Gefährtinnen; dazu kam noch ein starker Wille und große Entschiedenheit des Charakters, ein äußerst bescheidenes und anständiges Benehmen, verbunden mit einer auffallend zierlichen, mädchenhaften Gestalt und einem Gesichte, das zwar kaum für schön gelten konnte, aber im höchsten Grade einnehmend und anziehend war. Niemand dachte daran, nach ihrem Familiennamen zu fragen, und sie selbst schien es nicht für nöthig zu halten, desselben zu erwähnen. Der Name – Ghita – genügte; er war in der ganzen Stadt bekannt, und obgleich, es in Porto Ferrajo noch zwei oder drei andere Mädchen desselben Namens gab, so war sie doch schon eine Woche später, nachdem sie gelandet hatte, gleichsam durch gemeinsame Uebereinkunft als die Ghita von Allen gekannt und hoch geachtet.
Man wußte, daß Ghita Reisen gemacht hatte, denn sie war in einer Felucke, welche, wie man sagte, aus den neapolitanischen Staaten kam, auf Elba angelangt. Wenn sich dieß wirklich so verhielt, so war sie wahrscheinlich in der ganzen Stadt die einzige Person ihres Geschlechts, welche jemals den Vesuv gesehen und alle die Wunder in jenem Theile Italiens, dessen Ruf einzig nur der Gegend von Rom nachsteht, mit eigenen Augen angestaunt hatte. Wenn also überhaupt ein Mädchen den Charakter des Fremdlings zu errathen im Stande war, so konnte es in ganz Porto Ferrajo Niemand anders als Ghita sein, und dieß war denn auch der Grund, warum sich eine Schaar von wenigstens einem Dutzend Mädchen ihres eigenen Alters und dem Anscheine nach aus derselben Klasse, wie sie – ohne ihr Wissen und, ehrlich gestanden, auch ganz gegen ihren Willen, um ihre Person versammelt hatte.
Von der Zurückhaltung, welche die Neugierigen in 'Maso's Nähe beobachteten, war übrigens bei dieser Mädchengruppe nichts zu bemerken, denn obwohl sie vor ihrer Freundin alle mögliche Achtung hegten und ihre Vermuthungen lieber als die jeder andern Person mit angehört hätten, so fühlten sie dennoch ein so dringendes Verlangen, ihre eigenen Stimmen hören zu lassen, daß keine Minute verstrich, ohne daß ihren beweglichen Lippen allerlei Fragen und Muthmaßungen entschlüpft wären. Dabei kamen denn alle nur erdenklichen Muthmaßungen, mitunter auch die tollesten und abgeschmacktesten Einfälle zum Vorschein. Die Eine meinte, es sei ein Schiff mit Depeschen aus Livorno, das vielleicht sogar »Seine Excellenz« am Bord haben könnte. Dagegen wurde jedoch geltend gemacht, daß Livorno im Norden und nicht im Westen von Elba liege. Eine Andere stellte die Vermuthung auf, es könnte wohl eine Ladung von Geistlichen führen, welche von Corsika nach Rom zögen: man warf aber ein, die Geistlichkeit stehe eben jetzt in Frankreich nicht so sehr in Gunsten, daß man ihr ein Schiff von so überlegenem Range, wie das des Fremdlings offenbar sein mußte, zur Ueberfahrt eingeräumt hätte. Eine Dritte, mit mehr Einbildungskraft als die beiden Vorhergehenden begabt, äußerte sogar Zweifel darüber, ob es überhaupt nur ein Schiff sei, denn, meinte sie, es sei gar nicht selten, daß ähnliche Luftgebilde auf der See erschienen, welche dann gewöhnlich das Bild einer außerordentlichen Erscheinung annähmen.
» Si7,« sagte Annina, »das wäre aber ein förmliches Wunder, Maria; und warum sollten wir gerade jetzt ein Wunder erleben, da doch die Fasten und die meisten Festtage bereits vorüber sind? Ich glaube, daß es ein wirkliches Schiff ist.«
Die Anderen lachten, und nachdem man sich noch eine gute Weile mit vielem Eifer über die Sache besprochen hatte, kam man endlich mit allgemeiner Zustimmung dahin überein, daß das unbekannte Schiff bona fide als ein wirkliches Fahrzeug irgend einer Gattung anzusehen sei, obwohl Alle darin einstimmten, daß es weder eine Felucke, noch eine Bombardiergalliote oder Galeere sei.
Diese ganze Zeit über war Ghita stumm und in Gedanken vertieft dagestanden, gerade wie Tommaso bei der andern Gruppe, nur aus ganz verschiedenem Beweggrunde. Trotz des unaufhörlichen Geplauders und der mancherlei spaßhaften Einfälle ihrer Freundinnen hatte sie den Blick kaum einen Augenblick von dem Lugger abgewendet, auf welchen ihr Auge wie durch einen Zauber festgebannt schien. Einem unbeschäftigten Zuschauer, der dieses interessante Mädchen beobachtet hätte, würde wohl der Wechsel in dem Ausdrucke ihres Gesichtes aufgefallen sein, das, voll zarten Gefühls, nur zu oft die vorübergehende Erregung ihres Innern ausdrückte. Wäre vollends dieser Beobachter scharfblickend genug gewesen, um solche Anregungen, vermöge der Lebendigkeit ihres Ausdrucks – von der gewöhnlicheren Empfindungsweise ihrer Gefährtinnen zu unterscheiden, so würde ihm nicht entgangen sein, wie bald ein Schatten der Angst und selbst der Unruhe, und bald wieder das heimliche Lächeln der Freude und des Entzückens in ihren sprechenden Zügen sichtbar wurde. Hohe Röthe wechselte mit tiefer Blässe, und als der Lugger plötzlich seinen Kurs wechselnd bei dem Winde braßte und dann, dem Delphin in seinen muthwilligen Sprüngen ähnlich, wieder davon abfiel – da leuchtete einen Augenblick lang ein Strahl der Freude in ihrem sanften blauen Auge, der das Mädchen wahrhaft bezaubernd machte.
Keine dieser vorübergehenden Erscheinungen war jedoch von der geschwätzigen Gruppe der sie umringenden Mädchen bemerkt worden, so daß sie, ohne eine Frage und noch viel weniger einen Verdacht zu erwecken, sich fast mit voller Freiheit den Eindrücken überlassen konnte, welche jenen öfteren Wechsel veranlaßt hatten.
Die Gruppe der Jungfrauen um Ghita hatte sich zwar, mit weiblichem Zartgefühl, etwas abseits von dem großen Haufen versammelt, war aber dennoch nur wenige Ruthen von 'Maso's Standpunkte entfernt, so daß eine aufmerksame Zuhörerin unter den Ersteren jedes Wort des alten Seemannes – wenn er nämlich überhaupt eines sprach – vernehmen konnte. Dieß geschah jedoch erst, als Tonti von dem Podesta, Vito Viti, der jetzt gleichfalls auf dem Hügel erschien, in eigener Person befragt wurde.
»Was hältst du von dem Burschen, guter 'Maso?« fragte der Bürgermeister – der Arme war von der Anstrengung des Bergsteigens noch ganz erschöpft und keuchte trotz einem Wallfische, wenn er sich, um Athem zu holen, über's Wasser erhebt – nachdem er den Ankömmling selbst einige Zeit lang schweigend gemustert, mit der Miene eines Mannes, der sich vermöge seines Amtes berechtigt fühlt, Jedermann nach seinem Belieben auszufragen.
»Es ist ein Lugger, Signore,« war die kurze und offenbar auch die richtige Antwort.
»So, so – ein Lugger also: nun so viel verstehen wir auch noch, Nachbar Tonti – aber was für eine Art von Lugger ist es? Da gibt's z. B. Feluckenlugger, Polackerlugger, Bombardierlugger und alle möglichen Sorten von Luggern: welcher von diesen Arten gehört nun dieser Lugger an?«
»Ei, Signor Podesta, wir Leute im Hafen wissen nichts von diesen Namen. Wir heißen eine Felucke – eine Felucke, eine Bombardiergalliote – eine Bombardiergalliote, einen Polacker – einen Polacker, und einen Lugger nennen wir – einen Lugger. Dieses hier ist, wie gesagt, ein Lugger.«
'Maso sprach dieß mit vollem Selbstbewußtsein, denn er fühlte, daß er hier in seinem eigenen Fahrwasser war, und es kam ihm ganz erwünscht, den Leuten allen zu beweisen, wie er sich auf diese Dinge viel besser als selbst ein Bürgermeister verstehe. Der Podesta dagegen sah, daß er sich in diesem Handel getäuscht hatte, und fühlte sich nicht wenig ärgerlich darüber, denn er setzte seinen Ehrgeiz darein, seine Mitbürger glauben zu machen, daß er von Allem Etwas verstehe, und hatte sich eingebildet, er habe auch hier eben so feine Definitionen gegeben, wie er's bei seinen gerichtlichen Verhandlungen zu thun gewohnt war.
»Nun meinetwegen, Tonti,« antwortete Signor Viti, mit einer Protektorsmiene und höchst herablassendem Lächeln; »die Sache ist ja nicht der Art, daß sie voraussichtlich bis an den Gerichtshof zu Florenz gelangen müßte, und so mögen denn deine Erklärungen für genügend gelten, und ich will nichts weiter dagegen einwenden. – Ein Lugger ist also – ein Lugger.«
» Si, Signore: gerade so nennen wir's unten im Hafen. Ein Lugger ist – ein Lugger.«
»Und jenes fremde Fahrzeug dort draußen ist ein Lugger? Behauptest du wirklich so, und bist du nöthigenfalls bereit, es zu beschwören?«
Nun konnte zwar 'Maso die Nothwendigkeit eines Eidschwures bei der ganzen Sache durchaus nicht einsehen, und war von jeher, wenn nicht gerade die Zollbeamten etwas der Art verlangten, in solchen Dingen ziemlich gewissenhaft; er fühlte sich deßhalb bei dieser Zumuthung etwas betroffen, und richtete abermals einen Blick auf den Fremden, ehe er seine Antwort gab.
» Si, Signore,« erwiederte er endlich, nachdem er sich noch einmal mit eigenen Augen von der Wahrheit überzeugt hatte, »ich will darauf schwören, daß jener Fremdling dort ein Lugger ist.«
»Und kannst du wohl auch noch sagen, ehrlicher Tonti, welcher Nation er angehört? In diesen unruhigen Zeiten ist die Nation von eben solcher Wichtigkeit, wie die Takelage.«
»Da habt Ihr ganz recht, Signor Podesta, denn wäre er ein Algierer Corsar, ein Maure oder ein Franzmann, so würde er jedenfalls in dem Kanal von Elba einen unwillkommenen Besucher abgeben. Der Bursche dort hat allerhand widersprechende Kennzeichen an sich, nach denen ich ihn bald zu dem einen und bald wieder zu dem andern Volke rechnen möchte: ich bitte Euch deßhalb, Signore, gönnt mir noch ein wenig Zeit, bis er etwas näher herangekommen ist – dann erst will ich meine bestimmte Meinung abgeben.«
Diese Forderung war durchaus vernünftig und fand auch keine Einwendung. Der Podesta wendete sich um und gewahrte Ghita. Sie hatte schon früher seine Nichte besucht, und er hegte eine sehr günstige Meinung von dem Verstande des Mädchens: so näherte er sich ihr also mit dem Entschlusse, einen Augenblick mit ihr zu plaudern, ohne seiner Würde etwas zu vergeben.
»Der ehrliche 'Maso ist sehr bestürzt, der arme Bursche!« bemerkte er mit huldvollem Lächeln, als ob er den Lootsen wegen seiner Verlegenheit bemitleide; »er will uns weiß machen, das unbekannte Fahrzeug da draußen sei ein Lugger, und kann doch nicht sagen, welchem Lande es angehört.«
»Es ist aber ein Lugger, Signore,« erwiederte das Mädchen, tief Athem holend, als ob sie sich bei dem Klange ihrer eigenen Stimme erleichtert fühlte.
»Wie! du willst gar in der Schiffskenntniß so erfahren sein, daß du diese Einzelnheiten bis auf eine Meile Entfernung unterscheiden könntest?«
»Ich schätze den Abstand nicht auf eine Meile, Signore – nicht mehr als eine halbe, und überdieß vermindert er sich mit raschem Laufe, trotzdem daß der Wind so schwach ist. Uebrigens läßt sich ein Lugger von einer Felucke eben so leicht wie ein Haus von einer Kirche, oder gar einer unserer ehrwürdigen Geistlichen auf der Straße von einem Marinesoldaten unterscheiden.«
»Ja, ja, das wollte ich ja eben unserem 'Maso sagen, wenn der eigensinnige alte Mensch mich nur angehört hätte. Die Entfernung ist ungefähr gerade so, wie du gesagt hast, und nichts leichter als zu sehen, daß der Fremde ein Lugger ist. Was aber die Nation betrifft? –«
»Das läßt sich nicht so leicht bestimmen, Signore, ehe uns das Schiff seine Flagge gezeigt hat.«
»Beim heiligen Antonio! Du hast recht, Kind, und es ist nicht mehr als ziemlich, daß es uns endlich seine Flagge weise. Niemand hat ein Recht, dem Hafen seiner kaiserlich-königlichen Hoheit so nahe zu kommen, wenn er nicht seine Flagge aufsteckt und dadurch seine Abstammung, so wie seine redliche Absicht kund gibt. – Sind die Kanonen der Batterie, wie gewöhnlich, geladen, meine Freunde?«
Die Frage wurde bejaht, ihr folgte eine eilige Berathung zwischen einigen der angeseheneren Männer des Haufens, und dann schritt der Podesta mit wichtiger Miene auf den Regierungspalast zu. Nach fünf Minuten sah man einige Soldaten in der Batterie mit den nöthigen Vorbereitungen beschäftigt: sie schickten sich an, einen Achtzehnpfünder auf den Fremden zu richten.
Die Mehrzahl der Frauen wandte sich seitwärts und hielt sich die Ohren zu, da die Batterie kaum hundert Schritte von ihrem eigenen Standpunkte entfernt war; nur Ghita ließ nicht die leiseste Spur von Furcht für ihre eigene Person blicken, sondern bewachte, zwar mit bleichem Antlitz, aber mit festem Auge, in großer Spannung jede Bewegung der Artilleristen. Erst in dem Augenblicke, als diese abfeuern wollten, vermochte ihr die Angst einen lauten Schrei zu erpressen.
»Sie werden doch nicht auf den Lugger zielen!« rief sie. » Das ist doch gewiß nicht nöthig, Signor Podesta, um den Fremden zum Aufhissen seiner Flagge zu veranlassen. So etwas habe ich im Süden nie gesehen.«
»Ihr kennt unsere toskanischen Bombardiere nicht, meine kleine Signora,« erwiederte der Bürgermeister mit mildem Lächeln und triumphirender Geberde. »Es ist ein Glück für Europa, daß das Großherzogthum so klein ist, denn seine Truppen würden sich selbst noch gefährlicher als die Franzosen erweisen!«
Ghita schenkte übrigens dieser Anspielung patriotischen Stolzes keine Aufmerksamkeit: beide Hände aufs Herz gepreßt, stand sie da, einer Statue der Erwartung ähnlich, während die Mannschaft in der Batterie ihr Geschäft verrichtete. In der nächsten Minute wurde die Lunte angelegt und die Kanone losgefeuert.
Während ihre Gefährtinnen alle Heiligen um Hilfe anriefen, und ihrem Schrecken durch Geschrei Luft machten, einige sogar im Entsetzen sich zur Erde niederduckten, stand Ghita, offenbar die zarteste von Allen, fest und aufrecht – und doch sprach sich in ihren Zügen mehr Theilnahme an dem Vorangegangenen aus, als in den Mienen aller Uebrigen zusammengenommen. Das Blitzen und der Donner des Geschützes äußerten offenbar keine Wirkung auf sie, und von den Artilleristen hatte Keiner den Knall der Kanone mit mehr Regungslosigkeit angehört als dieses schwache Mädchen. Sie ahmte sogar die Weise der Soldaten nach und bückte sich, um den Flug der Kugel zu beobachten, obgleich sie die Hände voll Herzensangst zusammenpreßte und zitternd den Ausgang zu erwarten schien.
Bald waren die wenigen Sekunden der Ungewißheit vorüber, und man sah, wie die Kugel eine volle Viertelmeile über dem Lugger hinaus das Wasser berührte, und noch zweimal so weit auf dem glatten Spiegel hintanzte, bis sie endlich durch ihre eigene Schwere in die Tiefe gezogen wurde.
»Die heilige Maria sei gepriesen!« murmelte das Mädchen, ohne es selbst zu wissen, leise vor sich hin, während ein halb freudiges, halb spöttisches Lächeln ihre Mienen erhellte. »Diese toskanischen Artilleristen sind keine gefährlichen Schützen!«
»Das nenne ich einmal mit Geschicklichkeit gefeuert, schöne Ghita!« rief der Bürgermeister und ließ beide Hände sinken, mit denen er sich die Ohren zugehalten hatte; »das war zum Erstaunen gut gezielt! Jetzt nur noch einen zweiten Schuß, wie diesen, aber gerade soweit vorwärts, und einen dritten, genau zwischen die beiden ersten – dann soll der Fremde die Rechte von Toskana respektiren lernen. – Was meinst du nun, ehrlicher 'Maso – wird uns wohl der Fremde erzählen, woher er ist, oder wird er noch länger unserer Macht Trotz bieten?«
»Ist er gescheidt, so wird er seine Flagge aufhissen: und doch sehe ich noch kein Zeichen, welches Anstalten hiezu verriethe.«
Und so war es auch wirklich: der Fremde, obwohl im wirksamsten Bereiche der Batterie befindlich, zeigte durchaus keine Lust, die Neugierde der Stadtbewohner zu befriedigen oder ihre Besorgnisse zu zerstreuen. Zwei oder drei seiner Matrosen waren in der Takelage sichtbar, aber auch sie schienen vor dem so eben erhaltenen Gruße ihr Werk keineswegs zu beschleunigen, und von Bestürzung war vollends keine Spur zu bemerken.
Nach einigen Minuten drehte endlich der Lugger sein großes Segel, und lenkte dann mehr nach der Landspitze, so daß es schien, als ob er um das Vorgebirge herumsegeln und in die Bai steuern wollte.
Diese Bewegung veranlaßte die Artilleristen auf der Höhe, in ihrem Beginnen inne zu halten: der Lugger aber hatte sich den Klippen bereits bis auf eine Meile genähert, als er abermals und in aller Muße beidrehte, und seinen Kurs zum zweiten Male und zwar in der Richtung nach dem Eingange des Kanals änderte.
Jetzt folgte ein zweiter Kanonenschuß, der die Lobrede des Bürgermeisters rechtfertigte, und gerade so weit vorwärts vor dem Fremdling hinflog, als der erste hinter demselben das Wasser berührt hatte.
»Da sehen Sie, Signore,« rief Ghita, voll Eifer zu dem Podesta sich wendend, »sie schicken sich bereits an, ihre Flagge aufzuhissen, denn sie kennen nunmehr Ihre Wünsche. Jetzt werden doch die Soldaten nicht noch einmal feuern!«
»Das wäre eine offenbare Verletzung des Völkerrechts, meine kleine Signora, und ein Makel an der Bildung der Toskaner. Ach! siehst du wohl, mein Kind, die Kanoniere haben es auch schon bemerkt, und legen bereits ihre Werkzeuge bei Seite. Cospetto! es ist doch Jammerschade, daß sie ihren dritten Schuß nicht noch anbringen konnten, damit du gesehen hättest, wie der Lugger getroffen worden wäre, denn bis jetzt konntest du blos die Vorbereitungen dazu wahrnehmen.«
»O, 's ist schon genug, Signor Podesta,« antwortete Ghita lächelnd, denn jetzt erst, da sie bemerkte, wie die Kanoniere kein weiteres Unheil beabsichtigten, konnte sie auch wieder lächeln; »wir Alle haben schon von euren Artilleristen auf Elba gehört, und das, was ich jetzt eben von ihnen gesehen habe, überzeugt mich vollkommen von dem, was sie bei vorkommender Gelegenheit zu leisten im Stande sind. Sehen Sie nur, Signore, der Lugger ist eben daran, unsere Neugierde zufrieden zu stellen.«
In der That schien es der Fremdling nunmehr für passend zu halten, sich der allgemeinen Völkersitte zu bequemen. Der Lugger kam, wie wir schon oben erwähnt haben, doppelt geflügelt vor dem Winde daher, d. h. er hatte zwei seiner Segel so über's Kreuz gestellt, daß sie noch über die beiden Borde seines Rumpfes hinausragten – eine Lage, welche bei der Felucke, ganz besonders aber bei dem Lugger unter all' den graziösen Stellungen, welche sie anzunehmen vermögen, die malerischste genannt werden kann. Unähnlich den hohen, spitzköpfigen Segeln, welche der Mangel an Matrosen auf unseren Schiffen eingeführt hat, lassen diese, fast möchte man sagen, klassischen Seeleute – ihre zugespitzten Raaen weit über den Bord hinauslaufen, und ersetzen das, was ihren Segeln an Höhe abgeht, durch die größere Breite ihrer Leinwand. Bei der Felucke besonders scheint die Form der Segel im buchstäblichen Sinne den Flügeln eines großen Seevogels nachgebildet zu sein, denn sie stimmen so vollkommen mit der Gestalt der Letzteren überein, daß diese leichten Fahrzeuge in der ebenerwähnten Segelordnung einer Seemöve oder dem Falken, wenn er sich in den Lüften wiegt oder auf seine Beute herabschießt – am meisten ähnlich sehen.
Zwar entspricht der Lugger mit seiner eigenthümlichen Takelage vielleicht nicht so ganz den Anforderungen an malerische Schönheit, wie die eigentlich lateinischen 8 Fahrzeuge; doch nähert er sich ihnen immer noch so weit, daß er dem Auge jederzeit einen angenehmen Anblick gewährt und besonders in der erwähnten Stellung höchst freundlich aussieht. Einem Seemanne macht er noch überdieß den Eindruck größerer Zweckmäßigkeit, denn seine Art, die Segel zu führen, setzt ihn in den Stand, mit den schwersten Stürmen, den wildesten Wogen den Kampf zu bestehen, während er bei heiteren Lüften und auf glattem Wasserspiegel dem Auge so wohlgefällig erscheint.
Der Lugger, der jetzt am Fuße der Berge von Elba vorüberzog, war ein Dreimaster, hatte aber nur an den beiden vorderen Stengen Segel aufgehißt. Der dritte Mast, in den Hackbord eingesetzt, war nur kurz und führte ein kleines Segel, das man in England ein Bratspillsegel nennt, und das, wenn es scharf angehalt wird, vornehmlich dazu dient, die Büge des Fahrzeugs in den Wind zu bringen und dasselbe luvgierig zu machen, wie dieß in der Kunstsprache genannt wird.
Uebrigens war eben jetzt kaum ein leichtes Athemholen des Windes zu verspüren, und selbst Ghita, welcher das heiße Blut ihrer Heimath in den Wangen glühte, fühlte sich nur von einem leisen Lüftchen angefächelt, das ihr gelegentlich die Locken aus dem Gesichte wehte, welche mit der Seide ihres Geburtslandes an Glanz, wie an Zartheit zu wetteifern schienen, da sie sonst wohl schwerlich von dem sanften Hauche der Seeluft bewegt worden wären.
Dafür hatte der Lugger aber auch seine leichtesten Segel entfaltet – die schwereren blieben für die Zeit des Sturmes aufbewahrt – und die Leinwand blähte sich gleich den Falten eines Luftballons in dem milden Hauche des Abends; von Zeit zu Zeit, wenn eine höhere Woge die Raaen hin- und herschüttelte, klappten die Segel zwar wieder zusammen, im Ganzen aber standen sie doch fest und gehorchten dem Luftzuge fast mehr aus freiem Willen als von einer mechanischen Macht getrieben.
Die Wirkung hiervon auf den Rumpf des Fahrzeugs war beinahe eine zauberhafte zu nennen, denn trotz der fast unmerklichen Gewalt, womit das Schiff bei seiner leichten, ausnehmend zierlichen Bauart vorwärts getrieben wurde, legte es dennoch zwischen drei bis vier Knoten 9 in der Stunde zurück – eine Schnelligkeit, welche der eines rüstigen Fußgängers so ziemlich gleich kommt. Die Mannschaft am Bord konnte die Bewegung ihres Schiffes nur mit Mühe bemerken, denn dieses schien eher dahin zu gleiten, als vorwärts zu segeln, und die Wellen in seinem Kielwasser waren nicht stärker gekräuselt, als wenn man mit dem Finger rasch durch eine ruhige Wasserfläche fährt. Die leiseste Bewegung mit dem Steuer änderte augenblicklich den Kurs des kleinen Schwimmers, der dann seine Wendungen und Biegungen mit der Leichtigkeit und Grazie einer Ente ausführte. Das Bratspillsegel besonders, das aufgegeit war, und, jeden Augenblick zum Gebrauche bereit, in schönen Gewinden von seiner leichten Raa herabhing, trug gerade jetzt vornehmlich zu dem zierlichen Aussehen des ganzen Fahrzeugs bei, das in den Augen eines Seemanns etwas gar Geheimnißvolles, ja sogar Verdächtiges an sich hatte, so daß 'Maso's Mißtrauen nicht ohne Grund erwacht zu sein schien.
Die Vorbereitungen zum Aufhissen der Flagge, welche Ghita's rascher, schnell auffassender Blick sogleich bemerkt hatte und die selbst dem trägeren Auge der Kanoniere nicht entgangen waren, wurden eben an dem äußeren Ende dieser Bratspillraa getroffen. Ein Junge hatte sich auf dem Hackbord gezeigt, und war offenbar damit beschäftigt, die Flaggenfall zu diesem Zwecke loszumachen. Nach einer halben Minute verschwand er wieder, und sogleich sah man eine Flagge stät und langsam an ihrem Stocke emporsteigen.
Im Anfang hing das Flaggentuch in gerader Linie abwärts, so daß man nichts weiter daran erkennen konnte; doch bald breiteten sich seine Falten rasch auseinander, als sei am Bord dieses leichten Fahrzeugs Alles eben so luftig und flink, wie der Hauptkörper selbst, und man sah ein weißes Feld, von einem rothen Kreuze rechtwinkelig durchschnitten, mit demselben Zeichen in dem Innern der beiden obern Quartiere.
» Inglese!« rief 'Maso, bei dem Anblick der fremden Flagge seine Muthmaßung endlich preisgebend – »ja, Signore, 's ist ein Engländer. Ich dachte mir's gleich im Anfang; doch da der Lugger nicht die sonst übliche Takelage seiner Nation zeigt, so mochte ich's nicht wagen, meine Meinung zu äußern.«
»Ja, ja, ehrlicher Tommaso! es ist ein wahres Glück, in diesen unruhigen Zeiten einen so geschickten Seemann, wie Euch, neben sich zu haben! Ich wüßte wahrlich nicht, wie wir sonst ausfindig gemacht hätten, welchem Volke der Fremde angehört. – Ein Engländer also! Corpo di bacco! Wer hätte geglaubt, daß ein so mächtiges Seevolk, das überdieß noch so weit entfernt wohnt, dieses kleine Fahrzeug eine so große Strecke herschicken würde! 's ist ja schon eine ziemliche Reise von Elba nach Livorno – nicht wahr, Ghita? – und doch, möcht' ich behaupten, ist England noch zwanzigmal weiter entfernt.«
»Ich weiß wenig von England, Signore, aber ich habe gehört, daß es jenseits unserer eigenen See liegen soll. Dieß ist übrigens die Flagge jenes Landes, denn ich habe sie schon oft gesehen. Viele Schiffe jener Nation kommen an die Küsten im tiefern Süden.«
»Ja, das Land hat große Seemänner; dagegen soll es, wie man mir sagt, weder Wein noch Oel erzeugen. Dabei sind die Engländer Bundesgenossen des Kaisers und Todfeinde der Franzosen, welche in Oberitalien so viel Unheil angerichtet haben. Das macht schon etwas aus, Ghita, und jeder Italiener sollte die Flagge ehren. – Ich fürchte aber, der Fremde hat nicht die Absicht, in unsern Hafen einzulaufen.«
»Seinem Kurse nach sollte man es allerdings nicht glauben, Signor Podesta,« antwortete Ghita mit einem leisen Seufzer, den jedoch außer ihr selbst sonst Niemand wahrnahm. »Vielleicht macht er Jagd auf einen Franzosen, von denen man im vergangenen Jahre so viele, nach Osten steuernd, gesehen haben will.«
»Ja, das war allerdings ein großes Unternehmen!« erwiederte der Bürgermeister mit imponirender Geberde und weit aufgerissenen Augen. »General Bonaparte, derselbe, der in den beiden verflossenen Jahren im Mailändischen und in den päpstlichen Staaten wie ein Teufel gehaust hat, segelte plötzlich, wie man uns versicherte, mit zwei- bis dreihundert Schiffen von Frankreich ab, ohne daß ein Sterbensmensch gewußt hätte, worauf es gemünzt war! Einige sagten, er wolle das heilige Grab zerstören; Andere, es gelte, den Großtürken zu vernichten, und wieder Andere, man gedenke, die Inseln zu erobern. In der nämlichen Woche lief ein Schiff in unsern Hafen ein, und brachte die Nachricht, der General habe die Insel Malta in Besitz genommen, in welchem Falle wir auch für Elba hätten zittern müssen. Ich hatte von Anfang an meine eigenen Vermuthungen!«
»Das Alles habe ich damals auch gehört, und mein Oheim würde Ihnen vermuthlich besser als ich sagen können, was wir Alle bei jener Nachricht empfanden!«
»Nun, das Alles ist jetzt vorbei – die Franzosen sind in Egypten – dein Oheim aber, Ghita, ist in See gegangen, wie ich höre?«
Mit letzterer Frage wollte der Podesta das Mädchen ausforschen; er hatte sie eigentlich nur so ganz sorglos hinwerfen wollen, ohne aber dabei einen gewissen argwöhnischen Seitenblick verbergen zu können.
»Ich glaube so, Signore,« lautete des Mädchens Antwort; »doch weiß ich nur wenig von seinen Geschäften. Uebrigens ist jetzt die Zeit gekommen, wo ich ihn erwarten sollte. Sehen Sie doch nur, Excellenz!« – dieß war ein Titel, der den Bürgermeister unfehlbar erweichte und seine Aufmerksamkeit von andern Gegenständen gänzlich auf seine eigene Person lenkte – »der Lugger scheint in der That Lust zu haben, einen Blick in die Bai zu werfen, wenn nicht gar in dieselbe einzulaufen.«
Diese Bemerkung gab dem Gespräche eine andere Wendung. Sie war übrigens keineswegs ungegründet, denn der Lugger, der mittlerweile das Vorgebirge im Westen hinter sich hatte, schien in der That geneigt, Ghita's Vermuthung zu bestätigen. Er hatte sein großes Segel beigedreht, die beiden bis jetzt aufgehißten auf die Backbordseite gebracht, und sich so weit luvwärts gewendet, daß sein Gallion statt der bisherigen Richtung längs des Kanals auf die gegenüberliegende Seite der Bai lossteuerte.
Diese Aenderung in dem Kurse des Luggers brachte unter der versammelten Volksmenge eine allgemeine Bewegung hervor: Alle begannen die Höhe zu verlassen, und eilten die abschüssigen Terrassen der Straße hinab, um so bald als möglich den Hafen zu erreichen. Der Podesta war mit 'Maso unter den Vordersten des Zuges; die Mädchen, mit Ghita in der Mitte, folgten mit gleicher Neugierde, nur mit noch weit rascheren Schritten.
Bald hatte die Menge die Quai's, die Straßen, die Verdecke der Felucken und andere die Aussicht beherrschende Punkte besetzt, und man sah den Unbekannten in der Mitte der breiten und tiefen Bai dahingleiten; er hatte sein Bratspillsegel ausgeholt – die übrigen Segel waren rückwärts gestellt, so daß er dem Winde, so zu sagen, gerade in's Auge sah, wenn man es überhaupt Wind nennen konnte, was wenig mehr als ein Seufzen des klassischen Zephyrs war.
Seine Bewegung geschah natürlich nur langsam, aber immer noch mit gleicher Leichtigkeit und Anmuth. Nachdem er etwas über eine Meile über den Eingang des Hafens hinaus gesegelt war, wendete er plötzlich, und schaute jetzt geradezu gegen die Stadt. Er war übrigens nunmehr den westlichen Klippen so nahe gekommen, daß diese ihm das bischen Wind, welches in ihrer Richtung wehte, jetzt gänzlich entzogen, und nachdem er seine Segel noch eine halbe Stunde offen gehalten, wurden sie plötzlich an die Raaen gehißt, und der Lugger ging auf der kleinen Rhede vor Anker.
Es war mittlerweile beinahe völlig dunkel geworden, und die Menge, welche nunmehr ihre müssige Neugierde befriedigt hatte, begann sich allmählig zu zerstreuen. Signor Viti blieb bis zuletzt, denn in solchen unruhigen Zeiten, das fühlte er wohl, forderte die Pflicht von ihm, auf seiner Hut zu sein; bei all' seiner geräuschvollen Thätigkeit war es aber seiner Wachsamkeit dennoch entgangen und auch seine emsig fortgesetzten Beobachtungen wollten ihm nichts davon entdecken – daß der Fremdling, der mit so vieler Zuversicht in die Bai hereingesteuert war, seinen Ankerplatz auf einem Punkt gewählt hatte, wo nicht eine einzige Kugel von den Batterien ihn erreichen konnte, während er selbst, wenn er anders zu Feindseligkeiten geneigt gewesen wäre, den ganzen kleinen Hafen hätte bestreichen können. Das machte aber – Vito Viti war zwar ein enthusiastischer Verehrer, aber nichts weniger als ausübender Kenner der Schießkunst, und mochte sich nicht gerne mit der Wirkung von Kugeln befassen, den einzigen Fall ausgenommen, wenn dieselbe nicht auf ihn selbst, sondern auf Andere berechnet war.
Von all' den neugierigen, zum Theil wohl auch ängstlichen und Schlimmes witternden Zuschauern, welche sich seit dem Augenblicke, da die Absicht des Luggers, in die Bai hereinzusteuern, bekannt geworden – im Hafen und in dessen Nähe versammelt hatten, blieben Ghita und 'Maso allein am Strande zurück, nachdem das Schiff vor Anker gegangen war. Der Lugger war von den Beamten, welche das Quarantaine-Gesetz – diesen mächtigen, physischen wie moralischen Popanz des mittelländischen Meeres – aufrecht zu erhalten hatten, laut angerufen und die vorgelegten Fragen auf eine Art beantwortet worden, welche für den Augenblick alle weiteren Zweifel beseitigte.
»Woher kommt Ihr?« lautete die Frage, welche im italienischen Provinzialdialekt gestellt wurde.
»Aus England, mit Berührung von Lissabon und Gibraltar,« lautete die Antwort, welche glücklicherweise lauter Orte enthielt, welche, was die Pest betraf, von jedem Verdachte frei waren und eben damals sehr günstige Gesundheitstabellen aufzuweisen hatten.
Nur der Name des Fahrzeugs schien von der Art, daß sich alle Kenner der englischen Sprache, deren Porto Ferrajo sich rühmen konnte, vergeblich die Köpfe darüber zerbrachen. Er war zwar von einem der an Bord Befindlichen deutlich genug angegeben worden; aber das Quarantaine-Personal hatte auf seine Frage:
» Come chiamate il vostro bastimento?« 10 immer wieder und zu drei verschiedenen Malen die Antwort erhalten:
» The Wing and Wing.«
» Come?«
» The Wing and Wing.«
Eine lange Pause folgte; die Beamten steckten die Köpfe zusammen, um vorerst die Worte, die sie gehört, mit denen, wie ihre Gefährten sie vernommen, zu vergleichen, und dann einen Einwohner, welcher das Englische zu verstehen vorgab, dessen Kenntniß aber nur so weit reichte, als dieß bei einem Sprachkundigen in einem wenig besuchten Hafen gewöhnlich der Fall ist – um die Bedeutung derselben zu befragen.
» Ving-y-Ving!« brummte dieser Dolmetscher, der sich in keiner kleinen Verlegenheit befand, »was zum Teufel ist das für ein sonderbarer Name! Fragt sie doch noch einmal!«
» Come si chiama la vostra barca, Signori Inglesi?« 11 wiederholte Derjenige, der zuerst angerufen hatte.
» Diable!« fluchte Einer auf Französisch, »es heißt the Wing and Wing; Ala e Ala12.«
» Ala e Ala!« wiederholten die Quarantaine-Beamten, sahen einander erstaunt in's Gesicht und lachten, wiewohl noch immer etwas verlegen und zweifelhaft – » Ving-y-Ving!«
Diese Scene ereignete sich, eben als der Lugger seinen Anker auswarf und die Menge sich zu zerstreuen anfing. Das Ganze verursachte nicht wenig Gelächter, denn bald verbreitete sich in dem Städtchen das Gerücht, es sei so eben ein Fahrzeug aus England angelangt, das in der Sprache jener Inselbewohner – Ving-y-Ving – auf Italienisch – Ala e Ala – heiße – ein Name, der Allen, die ihn hörten, ausnehmend abgeschmackt vorkam.
Zur Bestätigung der Thatsache zeigte der Lugger übrigens an dem Ende seiner großen Raa eine kleine viereckige Flagge, auf welcher, wie man dieß zuweilen in Wappenbüchern findet, zwei große Flügel mit einem Hahnenschnabel in der Mitte gemalt oder eingewirkt waren. Das Ganze hatte viel Aehnlichkeit mit dem Aeußern eines Cherubs, wie die menschliche Einbildungskraft sich diese himmlischen Wesen zu denken gewohnt ist, und schien auch die Beobachter am Strande vollkommen zu befriedigen, welche allzu wohl mit Kunstgebilden vertraut waren, um nicht zuletzt doch noch einen ziemlich deutlichen Begriff von dem, was » Ala e Ala« zu bedeuten habe – zu erhalten.
Wie schon gesagt, waren 'Maso und Ghita, selbst nachdem die Andern sich zum Abendessen nach Haus verfügt hatten, allein am Ufer zurückgeblieben. Der Lootse – denn so wurde Tonti gewöhnlich genannt, weil er, als ein mit der Küste wohl vertrauter Seemann, auf den verschiedenen Fahrzeugen, worauf er diente, vornehmlich dieses Amt versah – behauptete seinen Posten am Bord einer Felucke, zu welcher er gehörte, und bewachte die Bewegungen des Luggers; das Mädchen aber hatte, wie es ihrem Geschlechte geziemte, ihren Standpunkt auf dem Quai so gewählt, daß sie mit den rohen Matrosen im Hafen nicht in Berührung kommen, und doch Alles bemerken konnte, was mit dem »Doppelflügler« vorging.
Es verstrich übrigens mehr als eine halbe Stunde, ehe irgend ein Zeichen sichtbar wurde, das die Absicht zu landen verrathen hätte; erst als es völlig dunkel war, wurde auf dem Lugger ein Boot ausgesetzt, das man gegen die gewöhnliche Hafentreppe heranrudern sah, wo einige Mauthbeamte zu seinem Empfange bereit standen.
Es ist eben nicht nöthig, uns bei den Förmlichkeiten dieser Offizianten länger aufzuhalten. Die lästigen Menschen hatten Laternen bei sich, und waren, wie gewöhnlich, sehr aufmerksam bei der Untersuchung der Papiere; es schien aber, daß der im Boote befindliche Fremde Alles in Ordnung hatte, denn nach kurzem Aufenthalte wurde ihm die Landung gestattet.
In diesem Augenblicke ging Ghita nahe an der Gruppe vorüber, indem sie Gesicht und Gestalt des Fremden scharf in's Auge faßte; sie selbst war so dicht in einen Mantel gehüllt, daß ein Erkennen ihrer Person sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich gewesen wäre. Das Mädchen schien mit dem Resultate ihrer Untersuchung zufrieden, denn unmittelbar darauf war sie verschwunden.
Nicht so 'Maso, denn dieser hatte sich unterdessen von der Felucke herbeigemacht, und gelangte noch zeitig genug zu der Treppe, um mit dem Fremden ein Wort zu sprechen.
»Seine Excellenz, der Podesta,« begann der Lootse, »hat mir aufgetragen, Euch zu sagen, Signore, daß er in seinem Hause der Ehre Eures Besuches harre; dasselbe ist ganz in der Nähe, in der Hauptstraße der Stadt, so daß es Euch nur Vergnügen machen kann, dahin zu lustwandeln; ich weiß, daß es ihn sehr verdrießen würde, wenn er nicht so glücklich wäre, Euch bei sich zu sehen.«
»Seine Excellenz ist ein Mann, den man nicht verdrießlich machen darf,« antwortete der Fremde in sehr gutem Italienisch; »die nächsten fünf Minuten sollen ihm beweisen, wie sehr mir daran gelegen ist, ihm meine Achtung zu beweisen.«
Mit diesen Worten wandte er sich an die Mannschaft seines Boots und befahl ihnen, nach dem Lugger zurückzukehren und wohl auf das Signal Acht zu geben, das sie vielleicht an den Strand zurückführen könnte.
Während 'Maso dem Fremden den Weg nach Vito Viti's Wohnung zeigte, konnte er sich nicht enthalten, in der Hoffnung, daß hierdurch einige Zweifel, die ihn beunruhigten, beseitigt werden könnten – verschiedene Fragen an denselben zu richten.
»Seit wann, Signor Capitano,« fragte er, »habt ihr Engländer euch zu der Segelweise der Lugger bekehrt? Für Euer einen ist dieß doch eine ganz neue Takelage?«
» Corpo di Bacco!« gab der Andere lachend zur Antwort, »wenn Ihr mir auf's Haar hin den Tag bestimmen könnt, wo Branntwein und Spitzen zum ersten Mal aus Frankreich nach meinem Vaterlande eingeschmuggelt wurden, dann, mein Freund, will ich Euch Eure Frage beantworten. Mir scheint, Ihr seid auf Euren Seefahrten wohl niemals so weit nördlich gekommen, daß Ihr die Bai von Biscaya oder den brittischen Kanal gesehen hättet, sonst müßtet Ihr wissen, daß ein Guernsey-Bewohner mit dem Takelwerke eines Luggers weit besser als mit dem eines größeren Schiffes vertraut ist.«
»Guernsey ist ein Land, von dem ich noch niemals gehört habe,« versetzte 'Maso in seiner Einfalt – »hat es etwa Verwandtschaft mit Holland – oder gar mit Lissabon?«
»Mit keinem von beiden. Guernsey ist eine ehemals französische Besitzung, welche die Engländer aber schon vor mehreren hundert Jahren erobert haben. Es ist eine Insel, die dem König Georg gehört, die aber in Sprache und Sitten immer noch halb gallisch ist, wie denn ein größerer Theil ihrer Bewohner noch französisch spricht. Dieß ist der Grund, warum wir die Lugger den Kuttern vorziehen, welch' letztere mehr die englische Takelage führen.«
'Maso schwieg, denn diese Antwort hatte in der That die mancherlei Besorgnisse, welche er hegte, mit einem Male zerstreut. Er hatte an dem fremden Fahrzeuge so Vieles wahrgenommen, was ihm als Französisch aufgefallen war, daß allerhand Zweifel über dessen wahren Charakter in ihm aufgestiegen waren; jetzt aber fühlte er, wenn anders die Angabe des Kapitäns sich bestätigen sollte, jedes Mißtrauen beseitigt, denn was war wohl natürlicher, als daß ein Fahrzeug, das auf einer ursprünglich französischen Insel ausgerüstet worden, auch einige von den Eigenthümlichkeiten des Volkes, welches dasselbe erbaut, an sich tragen mußte?
Der Podesta war zu Haus und erwartete seinen Besuch. 'Maso wurde zuerst zu einer geheimen Unterredung zugelassen, während deren der Fremde in dem Vorzimmer allein blieb. Der Lootse theilte seinem Herrn in dieser kurzen Besprechung alles mit, was er zu sagen hatte – seine Verdachtsgründe, wie auch die anscheinende Lösung des Räthsels. Nachdem dieß vorüber war, verabschiedete er sich und erhielt einen Paolo 13 zur Belohnung.
Vito Viti empfing sodann seinen Gast in dem Vorzimmer; da aber noch keine Lichter aufgestellt waren, so blieb es so dunkel, daß Keiner von Beiden die Gesichtszüge des Andern unterscheiden konnte.
»Signor Capitano,« bemerkte der Bürgermeister, »der Vice-Statthalter befindet sich in seinem Palaste auf dem Hügel, und wird von mir die Aufmerksamkeit erwarten, daß ich Euch zu ihm bringe, um Euch selbst die Honneurs des Hafens erweisen zu können.«
Der Podesta brachte diese Einladung, welche schon an und für sich durchaus vernünftig und den bestehenden Gebräuchen gemäß war, mit einer Artigkeit vor, gegen welche der Fremde nichts einzuwenden hatte. So verließen sie denn Beide die Wohnung des Bürgermeisters und gingen nach dem Palaste des Statthalters – einem Gebäude, das seitdem als die Wohnung eines Kriegers, der zu seiner Zeit fast ganz Europa unterjochte, berühmt geworden ist.
Vito Viti war ein kurzes, engbrüstiges Männchen, und brauchte eine ziemliche Zeit, um die treppenähnlichen Straßen hinanzusteigen; sein Gefährte dagegen schritt über die Terrassen mit einer Raschheit, einer Leichtigkeit, welche ihn schon an sich selbst als einen jungen Mann erscheinen ließen, wenn dieß auch nicht aus seiner Miene und Haltung überhaupt, so viel man in der Dunkelheit davon erkennen konnte – hervorgegangen wäre.
Andrea Barrofaldi, der Vicestatthalter, gehörte zu einer ganz anderen Gattung von Leuten, als sein Freund, der Bürgermeister. Er besaß freilich nicht viel mehr Lebenserfahrung und Weltkenntniß, als dieser, war dagegen sehr belesen und hatte mehrere brauchbare Werke geschrieben, die zwar in Beziehung auf Geist in keinem großen Rufe standen, dafür aber in ihrer Art recht nützlich waren und eine tüchtige Gelehrsamkeit verriethen – ein Umstand, dem er überhaupt seine jetzige Stelle verdankte.
Es gehört zu den Seltenheiten, wenn ein bloßer Gelehrter auch für das öffentliche Leben tauglich ist, und doch geben sich fast alle Regierungen den Schein, als ob sie die Wissenschaft beschützten: ganz besonders ist dieß bei solchen der Fall, welche sich im Allgemeinen um Literatur so wenig bekümmern, daß es wohl einiger Versicherungen von Achtung für dieselbe bedarf, um ihren Charakter nicht darunter leiden zu lassen. Dieß ist der Grund, warum wir auch in den Vereinigten Staaten, wo die Gesetze sich der Rechte und Interessen der gelehrten Stände so wenig annehmen, daß sie dieselben sogar bei der Ausübung ihres Berufes allerhand lästigen Abgaben unterwerfen, von denen sich eine andere christliche Nation kaum etwas träumen läßt – so manche hochtrabenden Ansprüche auf den Ruhm einer solchen Bildung vernehmen, trotzdem, daß das System der Belohnungen und Strafen14, das allgemein vorherrscht, vor Allem verlangt, daß Derjenige, der dessen Wohlthaten genießt, zuerst allerhand närrische Proben ablegen soll, um seine Tauglichkeit für ein Amt zu beweisen.
Andrea Barrofaldi hatte keinen ähnlichen politischen Purzelbaum gemacht, und war demgemäß sogar ohne die schönklingende Phrase – »er habe nie darnach verlangt« – zu seinem Amte gekommen. Er hatte seinen jetzigen Posten erhalten, ohne daß in den toskanischen Journalen eine Sylbe davon erwähnt worden wäre, »wie er gegründete Zweifel in sich hege, ob er denselben auch annehmen dürfte«; man ging dabei so offen und einfach zu Werke, wie dieß immer der Fall sein wird, wenn Ehrlichkeit und Vertrauen die Grundlage des Verfahrens bilden, ohne daß von einer Anmaßung, und noch weniger von Bemerkungen darüber die Rede gewesen wäre.
Er bekleidete sein Amt nun schon seit zehn Jahren, und hatte während dieser Zeit eine ausnehmende Geschicklichkeit in Ausübung der gewöhnlichen Dienstverrichtungen seines Postens erlangt, dessen Pflichten er stets mit Treue und Eifer nachkam. Doch war er dabei seinen geliebten Büchern keineswegs untreu geworden, und eben in dem Augenblick, mit dem wir die folgende Scene eröffnen, hatte Signor Barrofaldi – für den zu verhandelnden Gegenstand ein sehr gelegenes Thema – einen ausgedehnten, tief eindringenden Kursus im Studium der Geographie beendigt.
Der Fremde wurde im Vorzimmer zurückgelassen, während Vito Viti in das innere Gemach eintrat und mit seinem Freunde, dem Vicestatthalter, eine kurze Unterredung pflog. Sobald diese zu Ende war, kehrte Ersterer zurück, um seinen Gefährten dem Stellvertreter eines Großherzogs, wenn nicht gar eines Königs vorzustellen.
Es war an dem heutigen Abende das erste Mal, daß der unbekannte Seemann in eine Beleuchtung trat, welche seine Gestalt deutlich unterscheiden ließ, und sobald die Strahlen einer hellen Lampe ihnen erlaubten, ihre Untersuchung zu beginnen, waren auch die Blicke beider Beamten mit lebhafter Neugierde auf den Fremden gerichtet. In einer Beziehung wenigstens fühlte sich keiner von Beiden getäuscht, denn Gesicht, Gestalt und Aussehen des Seemannes übertrafen sogar noch ihre Erwartungen.
