Der Kalte Krieg - Odd Arne Westad - E-Book
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Der Kalte Krieg E-Book

Odd Arne Westad

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Beschreibung

Der «Kalte Krieg» und seine Auswirkungen auf die Welt von heute »Ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung.« The Times Literary Supplement, Books of the Year In dieser Weltgeschichte des »Kalten Kriegs« erzählt und analysiert Odd Arne Westad präzise und elegant zugleich die Geschichte eines der bis heute wirkmächtigsten Konflikte der Neuzeit. Dabei porträtiert er die Epoche des »Kalten Kriegs« länderübergreifend in globalgeschichtlicher Perspektive und stellt scharfsinnig die Bezüge zu unserer Gegenwart her. Der »Kalte Krieg« dominierte die internationale Politik und prägte das Leben der Menschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – in allen Teilen der Welt. Er verursachte Angst und Verwirrung von Hollywood bis Hanoi. Auf der Höhe der Forschung präsentiert Odd Arne Westad eine große, umfassende Geschichte dieses Weltkonfliktes und deutet ihn erstmals aus globaler Perspektive. Glänzend zeigt er, dass er weit mehr war als eine begrenzte Konfrontation zwischen den beiden Supermächten, die mit dem Kollaps der Sowjetunion endete. Eindrücklich argumentiert er, dass der »Kalte Krieg« den globalen Transformationen des 19. Jahrhunderts entsprang, und begreift ihn im Zusammenhang des weltweiten wirtschaftlichen, technischen, sozialen und politischen Wandels. Höchst anschaulich analysiert er die verschiedenen Phasen der Konfrontation zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Das neue Standardwerk und unerlässliche Lektüre für alle, die verstehen wollen, wie tiefgreifend der »Kalte Krieg« das Leben der Menschen prägte, und welche Rolle er bei der Entstehung unserer heutigen Welt gespielt hat. »Eine großartige Gesamtdarstellung von einem unserer großen Historiker.« Timothy Snyder

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EPUB

Seitenzahl: 1411

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Odd Arne Westad

Der Kalte Krieg

Eine Weltgeschichte

Aus dem Amerikanischen übersetztvon Helmut Dierlamm und Hans Freundl

KLETT-COTTA

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»The Cold War. A World History«

im Verlag Allen Lane (Penguin Books), London

© Odd Arne Westad, 2017

Für die deutsche Ausgabe

© 2019 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

Unter Verwendung eines Fotos von © akg-images / Gert Schütz

Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde

Printausgabe: ISBN 978-3-608-98148-3

E-Book: ISBN 978-3-608-19191-2

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Die Formierung der Welt

Ausgangspunkte

Prüfungen des Krieges

Europäische Asymmetrien

Der Wiederaufbau

Das neue Asien

Die koreanische Tragödie

Die östliche Hemisphäre

Die Herausbildung des Westens

Der Fluch Chinas

10 

Zerfallende Imperien

11 

Die Herausforderungen Kennedys

12 

Begegnung mit Vietnam

13 

Der Kalte Krieg und Lateinamerika

14 

Die Breschnew-Ära

15 

Nixon in Peking

16 

Der Kalte Krieg und Indien

17 

In den Strudeln des Nahen Ostens

18 

Abkehr von der Entspannung

19 

Neue Vorzeichen für Europa

20 

Gorbatschow

21 

Globale Transformationen

22 

Europäische Realitäten

Die Welt, die der Kalte Krieg hervorbrachte

Anhang

Dank und Methodik

Anmerkungen

Vorbemerkung zu Personen- und Ortsregister

Personen- und Ortsregister

Zum Andenken an Oddbjørg Westad (1924–2013)und Arne Westad (1920–2015)

Die Formierung der Welt

In den sechziger Jahren, als ich in Norwegen(1) aufwuchs, war die Welt durch den Kalten Krieg gespalten. Er spaltete Familien, Städte, Regionen und Länder. Er verursachte Angst und einige Verwirrung: War es sicher, dass nicht schon morgen eine Atomkatastrophe passieren würde? Wie könnte sie ausbrechen? Die Kommunisten bildeten eine kleine Gruppe in meiner Heimatstadt, sie waren verdächtig, weil sie andere Ansichten hatten und vielleicht auch weil ihre Loyalität, wie oft genug gesagt wurde, nicht unserem Land, sondern der Sowjetunion(1) galt. In einem Staat, den Nazideutschland(1) im Zweiten Weltkrieg besetzt hatte, war die Loyalität zum falschen Land eine ernste Angelegenheit: Sie implizierte Verrat in einer Region, in der man vor dem Hochverrat auf der Hut war. Norwegen grenzte im Norden an die Sowjetunion(2), und wenn sich die Temperatur der internationalen Beziehungen nur ein bisschen erhöhte, stieg sie auch entlang des meist zugefrorenen Flusses, der die Grenze markierte. Selbst im stillen Norwegen war die Welt geteilt, und man kann sich manchmal kaum noch daran erinnern, wie schwerwiegend die Konflikte waren.

Der Kalte Krieg war eine Konfrontation zwischen Kapitalismus und Sozialismus, die in den Jahren von 1945 bis 1989 ihren Höhepunkt hatte, obwohl ihre Ursprünge viel weiter in der Vergangenheit lagen und ihre Folgen heute noch zu spüren sind. Auf seinem Zenit stellte der Kalte Krieg ein internationales System in dem Sinne dar, als dass die führenden Mächte der Welt ihre gesamte Außenpolitik an irgendeiner Beziehung zum Kalten Krieg ausrichteten. Die mit dem Kalten Krieg einhergehenden konkurrierenden Gedanken und Ideen beherrschten die meisten innenpolitischen Diskurse. Dennoch war der Kalte Krieg selbst auf dem Höhepunkt der Konfrontation zwar das beherrschende, aber längst nicht das einzige Thema. Im späten 20. Jahrhundert gab es viele wichtige historische Entwicklungen, die weder durch den Kalten Krieg hervorgerufen noch von ihm bestimmt waren. Er war nicht für alle Phänomene entscheidend, aber er beeinflusste die meisten, und zwar oft zum Schlechteren: Die Konfrontation trug dazu bei, eine von den Supermächten dominierte Welt zu zementieren, eine Welt, in der Macht und Gewalt oder die Androhung von Gewalt zum Maßstab internationaler Beziehungen wurden und in der Überzeugungen zum Absoluten tendierten: Nur das eigene System war gut, das andere war von Grund auf böse.

Das Erbe des Kalten Krieges beruht zu einem Großteil auf dieser Art von Absolutheit. In ihrer schlimmsten Ausprägung wird man mit ihr in den amerikanischen(1) Kriegen im Irak(1) und in Afghanistan(1) konfrontiert: die moralischen Gewissheiten, der Verzicht auf Dialog, das Vertrauen in rein militärische Lösungen. Doch sie ist auch im dogmatischen Glauben an die freie Marktwirtschaft oder an von oben diktierte Lösungen sozialer Probleme oder in Bezug auf Generationsprobleme zu finden. Manche Regime beanspruchen heute noch autoritäre Formen der Legitimität, die auf den Kalten Krieg zurückgehen: China(1) ist seiner Größe wegen das beste Beispiel und Nordkorea(1) das schlimmste, aber Dutzende von Ländern, von Vietnam(1) und Kuba(1) bis Marokko(1) und Malaysia(1), haben in einem erheblichen Ausmaß Kennzeichen des Kalten Krieges in ihre Regierungssysteme integriert. Viele Weltregionen haben immer noch mit Umweltproblemen, mit sozialer Ungleichheit oder mit ethnischen Konflikten zu kämpfen, die durch das letzte große internationale System forciert wurden. Manche Kritiker behaupten, das Konzept des unaufhörlichen Wirtschaftswachstums, das langfristig zu einer Bedrohung für den menschlichen Wohlstand oder gar für das Überleben der Menschheit werden könnte, sei in seiner modernen Form aus der Konkurrenz innerhalb des Kalten Krieges erwachsen.

Um dem System (dieses eine Mal) Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Es gab auch weniger negative Aspekte des Kalten Krieges, wenigstens was das Ende des Konflikts betrifft. Nur sehr wenige Westeuropäer(1) oder Südostasiaten(1) hätten lieber in den kommunistischen Staaten gelebt, die im Ostteil ihrer Kontinente entstanden waren. Und wenngleich das Erbe der amerikanischen(2) Interventionen in Asien(1) heute gewöhnlich rundweg verurteilt wird, ist eine Mehrheit der Europäer(1) damals wie heute überzeugt davon, dass die US-amerikanische(4) Militärpräsenz in ihren Ländern der Aufrechterhaltung des Friedens und der Entwicklung demokratischer Staaten diente. Die bloße Tatsache, dass die Konfrontation im Kalten Krieg friedlich endete, war natürlich von überragender Bedeutung: Da es genug Atomwaffen gab, um die Welt mehrfach zu vernichten, waren wir alle auf Mäßigung und Weisheit angewiesen, um eine nukleare Apokalypse zu verhindern. Der Kalte Krieg war vielleicht nicht der lange Frieden, den manche Historiker in ihm sehen.[1] Doch auf den höheren Ebenen des internationalen Systems, in den USA und der Sowjetunion(3), wurde der Krieg so lange vermieden, dass ein Wandel stattfinden konnte. Von diesem langen Aufschub war unser aller Überleben abhängig.

Was war dann das Besondere am Kalten Krieg als internationalem System im Vergleich zu anderen solchen Systemen in der Geschichte? Wenngleich die meisten Weltordnungen multipolar waren, also von vielen rivalisierenden Mächten geprägt, sind doch einige Vergleiche möglich. Die europäische(2) Politik zwischen den 1550er Jahren und dem frühen 17. Jahrhundert war zum Beispiel stark beeinflusst durch eine bipolare Rivalität zwischen Spanien(1) und England(1), die mit dem Kalten Krieg einige Merkmale gemeinsam hatte. Die Ursprünge jener Rivalität waren zutiefst ideologisch, wobei die spanischen Monarchen sich als Vertreter des Katholizismus und die englischen(2) als Vertreter des Protestantismus verstanden. Beide Staaten schlossen Bündnisse mit ideologisch gleichgesinnten Staaten, und Kriege wurden weit entfernt von den imperialen Zentren ausgetragen. Diplomatische Kontakte und Verhandlungen gab es nur begrenzt, jede Partei betrachtete die andere als ihren natürlichen und vorgegebenen Feind. Die Eliten beider Länder glaubten leidenschaftlich an ihre Sache und daran, dass der Lauf der folgenden Jahrhunderte davon abhänge, wer in der Konfrontation den Sieg davontrug. Die Entdeckung Amerikas und der wissenschaftliche Fortschritt im Jahrhundert Johannes Keplers(1), Tycho Brahes(1) und Giordano Brunos(1) führten dazu, dass sehr viel auf dem Spiel stand: Wer immer den Sieg errang, so glaubte man, werde die Zukunft nicht nur beherrschen, sondern sie auch für seine Zwecke in Anspruch nehmen.

Außer dem Europa(3) des 16. Jahrhunderts, dem China(2) des 11. (mit dem Konflikt zwischen den Song- und den Liao-Staaten) und natürlich der viel erforschten Rivalität zwischen Athen(1) und Sparta(1) im antiken Griechenland(1) gab es nur selten bipolare Systeme. Im Lauf der Zeit tendierten die meisten Regionen zur Multipolarität oder etwas seltener auch zur Unipolarität. In Europa zum Beispiel herrschte nach dem Zusammenbruch des Fränkischen(1) Reiches im späten 9. Jahrhundert in den meisten Epochen Multipolarität. In Ostasien(1) hatte das Chinesische Reich(1) von der Yuan-Dynastie im 13. bis zur Qing-Dynastie im 19. Jahrhundert die Vorherrschaft. Die relative Seltenheit bipolarer Systeme ist vermutlich nicht schwer zu erklären. Da sie einer Art Gleichgewicht bedurften, waren sie instabiler als unipolare, an einem Reich orientierte Systeme oder als multipolare Systeme mit einem breiten Spektrum an Mächten. Die bipolaren Systeme hingen außerdem in den meisten Fällen von anderen Staaten ab, die nicht direkt unter der Herrschaft der Supermächte standen, aber das System in irgendeiner Form, insbesondere jedoch durch ideologische Identifikation, mittrugen. Und in allen Fällen außer im Kalten Krieg endeten sie mit verheerenden Kriegen: mit dem 30-jährigen Krieg, mit dem Zusammenbruch der Liao-Dynastie und mit dem Peloponnesischen Krieg.

Es besteht kein Zweifel, dass die leidenschaftliche Konfrontation der Ideen stark zur Bipolarität des Kalten Krieges beitrug. Die herrschende Ideologie der Vereinigten Staaten(6) mit ihrer Betonung von Marktwirtschaft, Mobilität und Mutabilität war universalistisch und teleologisch dank des immanenten Glaubens, dass sich alle Gesellschaften europäischen(4) Ursprungs unweigerlich in die gleiche allgemeine Richtung wie die Vereinigten Staaten(7) bewegen würden. Der Kommunismus, die spezielle in der Sowjetunion(4) entwickelte Form des Sozialismus, wiederum war als Antithese zu der von den Vereinigten Staaten(8) repräsentierten kapitalistischen Ideologie angelegt: als eine alternative Zukunft sozusagen, die sich die Menschen überall erkämpfen konnten. Wie viele Amerikaner(9) glaubten auch die führenden Politiker der Sowjetunion(5), dass die »alten« Gesellschaften, die auf lokaler Identifikation, sozialer Fügsamkeit und Rechtfertigung der Vergangenheit beruhten, tot seien. Sie konkurrierten um die Gesellschaft der Zukunft, und von dieser gab es nur zwei wirklich moderne Versionen: die Marktwirtschaft mit all ihren Unvollkommenheiten und Ungerechtigkeiten und die Planwirtschaft, die rational und integriert war. In der Sowjetideologie(6) stellte der Staat eine Maschine dar, die für die Verbesserung des Schicksals der Menschheit arbeitete. Dagegen waren die meisten Amerikaner(10) gegen die zentralisierte Macht des Staates und fürchteten deren Folgen. Damit war die Bühne für eine intensive Konkurrenz der Systeme bereitet, bei der nach Ansicht beider Parteien nichts Geringeres als das Überleben der Menschheit auf dem Spiel stand.

Dieses Buch versucht, den Kalten Krieg als globales Phänomen innerhalb eines Betrachtungszeitraums von 100 Jahren einzuordnen. Es beginnt in den 1890er Jahren, den Jahren mit der ersten globalen Krise des Kapitalismus, der Radikalisierung der europäischen(5) Arbeiterbewegung und der Expansion der Vereinigten Staaten(11) und Russlands(1) zu transkontinentalen Reichen. Es endet um das Jahr 1990 mit dem Fall der Berliner(1) Mauer, dem Zusammenbruch der Sowjetunion(7) und dem Aufstieg der USA zu einer echten globalen Hegemonialmacht.

Mit dem von mir gewählten Betrachtungszeitraum von 100 Jahren verfolge ich nicht die Absicht, andere grundlegende Ereignisse wie die Weltkriege, den Zusammenbruch der Kolonialherrschaft, den wirtschaftlichen und technologischen Wandel oder die Umweltzerstörung in ein einziges sauberes System zu bringen. Vielmehr hat die Betrachtung den Zweck zu verstehen, wie der Konflikt zwischen Sozialismus und Kapitalismus in großem Maßstab globale Entwicklungen beeinflusste und von diesen beeinflusst wurde. Sie zielt jedoch auch darauf zu erklären, warum sich eine bestimmte Art von Konflikten während des gesamten Jahrhunderts mehrmals wiederholte und warum sich alle anderen, materiellen oder ideologischen, Konkurrenten um die Macht auf diesen Zeitraum beziehen mussten. Der Kalte Krieg entwickelte sich an den Bruchlinien eines Konflikts, der im späten 19. Jahrhundert begann, just in dem Moment, als die europäische(6) Moderne ihren Höhepunkt zu erreichen schien.

Meine These, wenn es in einem so umfangreichen Buch denn nur eine These geben kann, lautet, dass der Kalte Krieg den globalen Transformationen des 19. Jahrhunderts entsprang und ein Jahrhundert später, bedingt durch ungemein schnelle Veränderungen, zu Ende gebracht wurde. Als ideologischer Konflikt wie als internationales System kann er deshalb nur im Rahmen des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandels begriffen werden, der viel breiter und tiefer ist, als die vom Kalten Krieg selbst ausgelösten Phänomene. Seine Hauptbedeutung kann auf verschiedene Art verstanden werden. In einem älteren Buch habe ich die Ansicht vertreten, dass tiefgreifende und oft gewaltsame Veränderungen im postkolonialen Asien(2), Afrika(1) und Lateinamerika(1) ein wichtiges Ergebnis des Kalten Krieges gewesen seien.[2] Doch der Konflikt hatte auch andere Bedeutungen. Er kann als ein Stadium in der Entstehung der globalen Hegemonie der Vereinigten Staaten(13) betrachtet werden. Er kann als die (allmähliche) Niederlage der sozialistischen Linken, insbesondere in der von Lenin(1) befürworteten Form, gesehen werden. Und er kann als akute und gefährliche Phase internationaler Rivalitäten dargestellt werden, die aus den Katastrophen zweier Weltkriege erwuchsen und Bestand hatten, bis in den siebziger und achtziger Jahren neue globale Trennlinien wichtiger wurden.

Gleichgültig welchen Aspekt des Kalten Krieges man betonen will, es kommt darauf an, die Intensität der wirtschaftlichen, sozialen und technologischen Transformationen zu erkennen, die zeitgleich mit dem Konflikt stattfanden. In den 100 Jahren zwischen den 1890er Jahren und den 1990er Jahren entstanden (und verschwanden) neue Märkte in schwindelerregendem Tempo. Es entstanden Technologien, von denen frühere Generationen nur hätten träumen können, und von denen einige dafür eingesetzt wurden, die Fähigkeit der Menschen zu Beherrschung und Ausbeutung ihrer Mitmenschen zu vergrößern. Außerdem waren diese 100 Jahre geprägt von einem beispiellos raschen Wandel der globalen Strukturen des Lebens, der fast überall durch wachsende Mobilität und Urbanität gekennzeichnet war. Alle Formen des, rechten wie linken, politischen Denkens waren durch die Geschwindigkeit und Maßlosigkeit dieser Veränderungen beeinflusst.

Neben der Bedeutung der Ideologien war die Technologie einer der Hauptgründe für die Dauerhaftigkeit des Kalten Krieges als internationales System. In den Jahrzehnten nach 1945 wurden so große Atomwaffenarsenale aufgebaut, dass beide Supermächte versuchten, die Welt zu retten, indem sie ihre Zerstörung vorbereiteten, ein Verhalten, dessen tragische Ironie dem heutigen Leser nicht verborgen bleibt. Atomwaffen waren, wie der führende Politiker der Sowjetunion(8) Josef Stalin(1) es formulierte, »Waffen neuen Typs«: nicht Gefechtsfeldwaffen, sondern Waffen, mit denen man ganze Städte auslöschen konnte, wie es die Vereinigten Staaten(14) 1945 mit Hiroshima(1) und Nagasaki(1) getan hatten. Nur die beiden Supermächte, die USA und die Sowjetunion(9), besaßen freilich genug Atomwaffen, um die Erde mit totaler Vernichtung zu bedrohen.

Wie in allen Jahrhunderten der Geschichte vollzogen sich auch im 20. zahlreiche wichtige Entwicklungen mehr oder weniger parallel. Und sie waren fast alle von dem Konflikt zwischen Kapitalismus und Sozialismus beeinflusst, auch die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre. Gegen Ende des Jahrhunderts trugen einige dieser Entwicklungen dazu bei, dass der Kalte Krieg sowohl als internationales System als auch als vorherrschender ideologischer Konflikt obsolet wurde. Es ist deshalb gut möglich, dass die Wichtigkeit des Kalten Krieges von künftigen Historikern herabgestuft wird, weil sie etwa den Ursprüngen der asiatischen(3) Wirtschaftsmacht, den Anfängen der Erkundung des Weltraums oder der Ausrottung der Pocken von ihrem Standpunkt aus größere Bedeutung beimessen. Die Geschichte ist immer ein komplexes Geflecht von Sinn und Bedeutung, dessen Interpretation sehr stark von der Position des Historikers geprägt ist. Ich beschäftige mich vor allem mit der Rolle, die der Kalte Krieg bei der Entstehung unserer heutigen Welt gespielt hat. Doch das bedeutet natürlich nicht, die Geschichte des Kalten Krieges höher als alle anderen Geschichten zu bewerten. Es beinhaltet lediglich die Aussage, dass der Konflikt zwischen Sozialismus und Kapitalismus lange Zeit sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene einen tiefgreifenden Einfluss darauf hatte, wie die Menschen ihr Leben lebten und wie sie in lokalem und globalem Maßstab politisch dachten.

Grob gesagt, vollzog sich der Kalte Krieg im Kontext zweier grundlegender Veränderungsprozesse in der internationalen Politik. Der eine war die Entstehung neuer Staaten, die mehr oder weniger nach dem Vorbild der europäischen(7) Staaten des 19. Jahrhunderts gebildet wurden. Im Jahr 1900 gab es weniger als 50 unabhängige Staaten auf der Welt, davon etwa die Hälfte in Lateinamerika(2). Heute sind es nahezu 200, von denen die meisten in Bezug auf Regierungssystem und Verwaltung bemerkenswert ähnlich sind. Der andere fundamentale Veränderungsprozess war der Aufstieg der Vereinigten Staaten(16) zur beherrschenden Weltmacht. Im Jahr 1900 beliefen sich die amerikanischen(17) Verteidigungsausgaben, im Dollarkurs von 2010 gerechnet, auf etwa zehn Milliarden Dollar, bedingt durch den Spanisch-Amerikanischen(2) Krieg und die Aufstandsbekämpfung auf den Philippinen(1) und Kuba(2) – eine außerordentliche Steigerung im Vergleich zu früheren Jahren. Heute haben sich diese Ausgaben in Höhe von einer Billion Dollar verhundertfacht. Im Jahr 1870 betrug das Bruttoinlandsprodukt der USA neun Prozent des Weltbruttoinlandsprodukts; auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges im Jahr 1955 lag es etwa bei 28 Prozent. Und selbst heute, nach jahrelangen Berichten über den Niedergang der Vereinigten Staaten(19), beläuft es sich immer noch auf etwa 22 Prozent. Der Kalte Krieg entstand also in einer Ära der Staatenvermehrung und der wachsenden amerikanischen(20) Macht, und beides prägte die Richtung, in die er sich entwickelte.

Diese internationalen Veränderungen bewirkten auch, dass der Kalte Krieg in einem Rahmen stattfand, in dem der Nationalismus eine nachhaltige Kraft war. Wenngleich die Anhänger von Sozialismus oder Kapitalismus als sozialen und wirtschaftlichen Systemen dies oft bedauerten, konnte der Appell an irgendeine nationale Identität manchmal die besten ideologischen Pläne für menschlichen Fortschritt vereiteln. Immer wieder zerschellten großartige Modernisierungs- oder Bündnispläne oder Pläne für die Gründung transnationaler Bewegungen schon an der ersten Hürde, die der Nationalismus oder eine andere Form der Identitätspolitik darstellten. Obwohl auch der Nationalismus per definitionem als globales System deutliche Grenzen hat (man denke nur an die Niederlage der hypernationalistischen Staaten Deutschland(2), Italien(1) und Japan(1) im Zweiten Weltkrieg), war er immer ein Problem für diejenigen, die der Ansicht waren, die Zukunft gehöre universalistischen Ideologien.

Selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, von 1945 bis 1989, hatte deshalb die Bipolarität immer ihre Grenzen. Trotz ihrer globalen Anziehungskraft wurde weder das sowjetische(10) noch das US-amerikanische System in einem anderen Land jemals vollständig kopiert. Einen solchen Klon hielten selbst die leidenschaftlichsten Ideologen nicht für möglich. Die Folge war, dass entweder kapitalistische oder sozialistische Volkswirtschaften mit starker lokaler Prägung entstanden. In einigen Fällen waren diese Mischungen der politischen Führung, die gerne eine nicht kontaminierte Form ihrer politischen Ideale verwirklichen wollte, regelrecht verhasst. Aber zum Glück für die meisten, wie man behaupten könnte, mussten Kompromisse geschlossen werden. Länder wie Polen(1) oder Vietnam(2) verschrieben sich zwar dem sowjetischen(11) Entwicklungsideal, entwickelten sich jedoch in der Realität ganz anders als die Sowjetunion(12), genau wie Japan(2) oder Westdeutschland(1) trotz tiefgreifender amerikanischer(22) Einflüsse, immer anders als die Vereinigten Staaten(23) waren. Ein Land wie Indien(1) mit seiner einzigartigen Mischung von parlamentarischer Demokratie und detaillierter ökonomischer Planung war sogar noch weiter von jedem Idealtypus des Kalten Krieges entfernt. Nur die beiden Supermächte waren in den Augen ihrer eigenen Regierungschefs und ihrer leidenschaftlichsten Anhänger im Ausland so unverfälscht, dass sie anderen Ländern als Modell dienen konnten.

In gewisser Hinsicht ist das nicht überraschend. Die jeweiligen Vorstellungen von der Moderne in den Vereinigten Staaten(24) und der Sowjetunion(13) hatten einen gemeinsamen Ursprung im späten 19. Jahrhundert und behielten auch während des Kalten Krieges viele Gemeinsamkeiten. Beide Auffassungen gründeten in der Expansion Europas(8) und dem europäischen Denken, sie hatten sich in globalem Maßstab in den drei Jahrhunderten zuvor entfaltet. Zum ersten Mal in der Geschichte hatte ein Zentrum, Europa(9) mit seinen Ablegern, die Welt beherrscht. Die Europäer hatten Reiche geschaffen, die mit der Zeit den größten Teil der Erde in Besitz nahmen und drei Kontinente mit ihren eigenen Leuten besiedelten. Dies war eine einzigartige Entwicklung, die bei einigen Europäern und Menschen europäischen(10) Ursprungs die Überzeugung weckte, sie könnten mit den von ihnen entwickelten Ideen und Technologien die Zukunft der ganzen Welt beherrschen.

Diese Art zu denken, erreichte im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt, wenngleich ihre Wurzeln viel weiter in die Vergangenheit reichten. Auch das ist kaum verwunderlich: Das 19. Jahrhundert war zweifellos die Ära, in der der Vorsprung der Europäer(11) gegenüber dem Rest der Menschheit in Bezug auf Technologie, Produktion und militärische Macht am größten war. Das Vertrauen in das, was einige Historiker »die Werte der Aufklärung« genannt haben: Vernunft, Wissenschaft, Fortschritt, Entwicklung und Zivilisation als System und das leidenschaftliche Engagement für diese Werte beruhten offenbar auf der europäischen(12) Übermacht, genau wie die Kolonisierung Afrikas(2) und Südostasiens(2) und die Unterjochung Chinas(3) und des größten Teils der arabischen Welt. Ab dem späten 19. Jahrhundert herrschten Europa(13) und seine Ableger, einschließlich Russlands(2) und der Vereinigten Staaten(25) trotz interner Differenzen absolut, und dasselbe galt auch für die von ihnen entwickelten Ideen.

In der Epoche der europäischen(14) Vorherrschaft blühten die europäischen Ideen allmählich auch andernorts auf. Die Moderne nahm in unterschiedlichen Teilen der Welt unterschiedliche Formen an. Doch die Hoffnung der lokalen Eliten auf die Schaffung ihrer jeweils eigenen industriellen Zivilisation reichte von China(4) und Japan(3) bis in den Iran(1) und nach Brasilien(1). Der Schlüssel zur modernen Transformation, den sie zu erwerben hofften, waren der Primat des menschlichen Willens gegenüber der Natur, die Fähigkeit, dank neuer Energieformen die Produktion zu mechanisieren, und die Schaffung eines Nationalstaats mit massiver Partizipation der Öffentlichkeit. Ironischerweise war die Verbreitung dieser Ideen europäischen(15) Ursprungs der Anfang vom Ende der europäischen Vorherrschaft: Die Menschen in anderen Ländern strebten auch deshalb nach Modernität, um sich den Imperien, die über sie herrschten, besser widersetzen zu können.

Selbst im Kernbereich der europäischen(16) Moderne entstanden im 19. Jahrhundert ideologische Konflikte, die letztlich das gesamte künstliche Konzept einer einzigen Moderne sprengen sollten. Als sich die Industriegesellschaft durchsetzte, meldeten sich verschiedene Kritiker zu Wort, die nicht so sehr die Moderne selbst als vielmehr ihren Endpunkt infrage stellten. Mit der bemerkenswerten Transformation von Produktion und Gesellschaft, sagten einige, müsse es doch mehr auf sich haben, als dass lediglich ein paar Menschen reich würden und sich ein paar europäische(17) Reiche nach Afrika(3) und Asien(4) ausdehnten. Es müsse doch ein Ziel geben, das, wenigstens historisch gesehen, für das durch die Industrialisierung entstandene menschliche Elend eine Entschädigung wäre. Einige dieser Kritiker verbanden sich mit anderen, die die gesamte Industrialisierung bedauerten und manchmal vorindustrielle Gesellschaften idealisierten. All diese Kritiker forderten neue politische und wirtschaftliche Systeme, die auf der Unterstützung der einfachen Männer und Frauen beruhten, die in der Zentrifuge des Kapitalismus landeten.

Die fundamentalste Kritik war der Sozialismus, der als Begriff in den 1830er Jahren allgemein gebräuchlich wurde, aber schon in der Französischen(1) Revolution seine Wurzeln hat. Seine zentralen Ideen sind: öffentliches statt privaten Eigentums von Grund, Boden und Rohstoffen und Erweiterung der Massendemokratie. Anfänglich blickten viele Sozialisten genauso oft zurück in die Vergangenheit wie voraus in die Zukunft. Sie feierten den Egalitarismus bäuerlicher Gemeinschaften oder, in einigen Fällen, die religiöse Kritik am Kapitalismus oft in Verbindung mit Jesu(1) Worten in der Bergpredigt: »Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.«

Aber ab den 1860er Jahren gerieten die frühsozialistischen Vorstellungen durch das Denken von Karl Marx(1) und seinen Anhängern unter Druck. Marx, ein Deutscher, der die sozialistischen Prinzipien zu einer Fundamentalkritik des Kapitalismus organisieren wollte, interessierte sich mehr für die Zukunft als für die Vergangenheit. Er postulierte, dass der Sozialismus logischerweise aus dem Chaos des wirtschaftlichen und sozialen Wandels in der Mitte des 19. Jahrhunderts erwachsen werde. Weder die feudalistische Ordnung der Vergangenheit noch die kapitalistische Ordnung der Gegenwart konnten seiner Ansicht nach mit den Herausforderungen der modernen Gesellschaft fertigwerden. Sie mussten durch eine sozialistische Ordnung ersetzt werden, die auf wissenschaftlichen Grundsätzen zur Führung der Volkswirtschaft beruhte. Diese Ordnung sollte durch eine Revolution des Proletariats der besitzlosen Industriearbeiter entstehen. »Das Proletariat«, schrieb Marx(2) im Kommunistischen Manifest, »wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.«[3]

Marx(3)’ Anhänger, die sich selbst nach dem Manifest Kommunisten nannten, waren im 19. Jahrhundert immer nur kleine Gruppen, hatten aber einen viel größeren Einfluss, als ihre geringe Zahl vermuten ließ. Sie zeichneten sich insbesondere durch die Leidenschaft ihrer Überzeugungen und ihren grundsätzlichen Internationalismus aus. Andere Bewegungen der Arbeiterklasse strebten nach allmählichem Fortschritt und stellten die wirtschaftlichen Forderungen der durch sie vertretenen Unterprivilegierten in den Mittelpunkt. Marx(4)’ Anhänger dagegen betonten die Notwendigkeit eines rückhaltlosen Klassenkampfs mit dem Ziel, durch eine Revolution die politische Macht zu erringen. Ihrer Ansicht nach hatten die Arbeiter keinen König und kein Vaterland, und der Kampf für eine neue Welt hatte für sie keine Grenzen. Demgegenüber waren die meisten ihrer Konkurrenten Nationalisten und manchmal sogar Imperialisten.

Der Internationalismus und der antidemokratische Dogmatismus der Marxisten(1) waren die wichtigsten Gründe, warum sie sich Ende des 19. Jahrhunderts gegen andere Bewegungen der Arbeiterklasse oft nicht durchsetzen konnten. In Deutschland(1) zum Beispiel begrüßten viele Arbeiter die Gründung eines neuen starken Einheitsstaats durch Bismarck(1) in den 1870er Jahren, weil ihnen die Staatenbildung wichtiger war als der Klassenkampf. Marx(5) selbst jedoch verdammte den neuen deutschen Staat wegen seines »militärischen Despotismus und seiner rücksichtslosen Unterdrückung der arbeitenden Massen«, als er in seinem komfortablen Exil auf dem Londoner(1) Haverstock Hill interviewt wurde.[4] Auch die deutschen Sozialdemokraten wurden von den Marxisten(2) verdammt, als sie in ihrem Programm von 1891 den Kampf für die Demokratie als ihr wichtigstes politisches Ziel bezeichneten(2). Sie hatten ein »Allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht mit geheimer Stimmabgabe aller über 20 Jahre alten Reichsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts für alle Wahlen und Abstimmungen« verlangt.[5] Für Friedrich Engels(1), Marx’ Mitarbeiter und Nachfolger, hieß dies »das Feigenblatt dem Absolutismus abnehmen und sich selbst vor die Blöße binden«. Seiner Ansicht nach mochte »dies Preisgeben der Zukunft der Bewegung um der Gegenwart der Bewegung willen … ›ehrlich‹ gemeint sein, aber Opportunismus ist und bleibt es, und der ›ehrliche‹ Opportunismus ist vielleicht der gefährlichste von allen«.[6]

Schon in den 1890er Jahren hatten sich überall in Europa(18) und auf dem amerikanischen(26) Doppelkontinent sozialdemokratische Parteien gegründet. Wenngleich sie in ihrer Kritik des kapitalistischen Systems manchmal am Marxismus(3) orientiert waren, zogen die meisten Reformen einer Revolution vor und warben für mehr Demokratie, Arbeiterrechte und allgemein verfügbare Sozialeinrichtungen. Etliche hatten sich bereits zu Massenparteien entwickelt, die mit den Gewerkschaftsbewegungen in ihren Ländern verbunden waren. In Deutschland(3) erzielte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei bei der Reichstagswahl von 1890 mit eineinhalb Millionen fast 20 Prozent der abgegebenen Stimmen (wenngleich sie wegen der unfairen Wahlgesetze nur wenige Sitze im Reichstag erhielt). In den nordeuropäischen(1) Staaten waren die Zahlen ähnlich. In Frankreich(2) hatte die Fédération des travailleurs socialistes de France schon in den 1880er Jahren mehrere Stadtregierungen übernommen. Trotz der Kritik von Engels(2) und anderen förderten die meisten sozialdemokratischen Parteien die Demokratie und begannen, von ihren Früchten zu profitieren.

Durch die globale Wirtschaftskrise der 1890er Jahre änderte sich das alles. Wie die Krise von 2007/08 begann auch die von 1890 mit der nahezu vollständigen Insolvenz einer großen Bank – in diesem Fall der britischen(3) Baring Bank, die zu hohe Risiken auf ausländischen Märkten eingegangen war. Die City of London(2) hatte schon schlimmere Krisen erlebt, doch diesmal bestand der Unterschied darin, dass sich das Problem wegen der größeren ökonomischen wechselseitigen Abhängigkeiten schnell ausbreitete und Volkswirtschaften auf der ganzen Welt befiel. So kam es in den frühen 1890er Jahren zur ersten globalen Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit (in den Vereinigten Staaten(27) in einem bestimmten Stadium fast 20 Prozent) und zu massiven Arbeiterunruhen. Viele Arbeiter und sogar junge Fachkräfte, die zum ersten Mal in großer Zahl arbeitslos wurden, fragten sich, ob der Kapitalismus am Ende sei. Selbst viele Mitglieder des Establishments begannen, sich dieselbe Frage zu stellen, als sich die Unruhen ausbreiteten. Teile der extremen Linken, insbesondere Anarchisten, brachten Terrorkampagnen gegen den Staat ins Rollen. In Frankreich(3) gab es zwischen 1892 und 1894 sogar große Bombenanschläge, unter anderen einen auf die Nationalversammlung. In vielen Ländern Europas(19) und in den Vereinigten Staaten(28) wurden politische Führer ermordet: der französische Staatspräsident 1894, der spanische(3) Ministerpräsident 1897, die Kaiserin von Österreich(1) 1898 und der italienische(2) König 1900. Im folgenden Jahr wurde der amerikanische(29) Präsident William McKinley(1) auf der Pan-American Exposition in Buffalo(1), New York, ermordet. Auf der ganzen Welt waren die Herrschenden wütend und voller Furcht.

Die Unruhen der 1890er Jahre spalteten die sozialdemokratischen Bewegungen ausgerechnet in einer Zeit, da sie beispiellosen Angriffen von Unternehmern und Regierungen ausgesetzt waren. Streiks wurden oft gewaltsam niedergeschlagen, Sozialisten und Gewerkschaftler ins Gefängnis geworfen. Als Folge der ersten globalen Wirtschaftskrise wurden die demokratischen Errungenschaften der Jahre zuvor zurückgenommen. Die Krise führte außerdem zu einer Wiederbelebung der extremen Linken der Sozialisten, die die Demokratie nur als Feigenblatt der Bourgeoisie betrachtete. Der junge Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich bald darauf Lenin(2) nennen sollte, vertrat diese Auffassung, und dasselbe galt für viele andere, die die Bewegungen der Sozialisten und Arbeiter in Europa(20) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach links trieben.

Verschiedene Mitglieder der Arbeiterorganisationen zogen verschiedene Lehren aus der Krise. Etliche hatten erwartet, dass durch die Finanzkatastrophen der frühen 1890er Jahre der Kapitalismus zusammenbrechen würde. Als dies nicht geschah und sich die Wirtschaft, wenigstens in einigen Regionen, in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts wieder erholte, konzentrierte sich die Hauptströmung der Sozialdemokraten weiter auf die Organisation von Gewerkschaften und die Durchsetzung von Tarifverhandlungen. Dabei profitierten sie von einer Erkenntnis, die ihnen aus der Krise geholfen hatte: dass bei einem wirtschaftlichen Abschwung nur starke Gewerkschaften gegen willkürliche Entlassungen und die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen Widerstand leisten können. In Deutschland(4), Frankreich(4), Italien(3) und Großbritannien(4) nahm die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder rasant zu. In Dänemark(1) stimmte der Dachverband der Gewerkschaften im Jahr 1899 jährlichen Verhandlungen über Löhne und Arbeitsbedingungen mit dem Arbeitgeberverband zu. Diese langfristige Übereinkunft, weltweit die erste ihrer Art, wurde zu einem Modell, das sich allmählich auch anderswo verbreitete. In der Folge war Dänemark während des Kalten Krieges eines der am wenigsten gespaltenen Länder der Welt.

Die radikale Linke in Europa(21) hasste nichts mehr als den »Klassenverrat«, den die dänischen(2) Sozialdemokraten ihrer Ansicht nach durch das Septemberabkommen begingen. Als die Radikalen durch die Krise neuen Auftrieb bekamen, waren sie mehr denn je davon überzeugt, dass es, wie Marx(6) vorausgesagt hatte, mit dem Kapitalismus bald zu Ende gehen werde. Einige von ihnen fanden, dass die Arbeiter selbst mit ihren politischen Organisationen die Geschichte zu ihrer logischen Bestimmung treiben könnten: Streiks, Boykotte und andere Formen des kollektiven Protests waren nicht nur Mittel, um das Los der Arbeiterklasse zu verbessern, sie konnten auch zum Untergang des bürgerlichen Staates beitragen. Unter diesen Bedingungen kam es in den 1890er Jahren zum endgültigen Bruch zwischen der Hauptströmung der reformistischen Sozialdemokraten und den revolutionären Sozialisten, die sich schon bald wieder Kommunisten nannten – ein Bruch, der bis zum Ende des Kalten Krieges Bestand haben sollte. Die Konfrontation zwischen den beiden Richtungen sollte sich zu einem wichtigen Moment der Geschichte des 20. Jahrhunderts entwickeln.

Die Entstehung politisch organisierter Arbeiterbewegungen war ein echter Schock für das etablierte Staatensystem des späten 19. Jahrhunderts. Doch damals waren noch zwei weitere wichtige Mobilisierungen im Gange, um die sich zunächst weder das politische Establishment noch seine sozialistischen Gegner groß kümmerten.

Die eine betraf die Kampagnen der Frauen für politische und soziale Gerechtigkeit, die zum Teil in Reaktion auf die frühen Kämpfe der Arbeiter um das Wahlrecht entstanden. Warum, fragten manche, sollte selbst gebildeten Frauen aus dem Bürgertum das Wahlrecht verweigert werden, wenn auch männliche Analphabeten aus der Arbeiterklasse darüber verfügten? Andere nahmen eine gewisse Übereinstimmung zwischen den Forderungen der Frauen – einschließlich der gleichen ökonomischen Rechte und der gleichen Rechte innerhalb der Familie – und dem wahr, was die Arbeiterklasse forderte, doch sie waren während der ersten Welle der feministischen Agitation vermutlich eine Minderheit.

Die Militanz der Bewegung jedoch war, insbesondere in Großbritannien(5) vor dem Ersten Weltkrieg, verblüffend. Als die Suffragetten ihr Ziel der vollen politischen Emanzipation nicht erreichten und bei ihren Demonstrationen von der Polizei geschlagen und festgenommen wurden, traten sie im Gefängnis in den Hungerstreik. Und in einem besonders schockierenden Fall wurde eine Suffragette getötet, als sie sich bei einem Pferderennen vor ein Pferd des Königs warf. Sie und ihre Schwestern siegten letztlich auf der ganzen Linie, aber nicht als Teil der sozialistischen Linken.

Zur selben Zeit wie die Frauenbewegung wuchs auch der antikolonialistische Widerstand. In den 1890er Jahren verebbte in Teilen Afrikas(4) der erste Schock über seine Besetzung und Kolonialisierung. Bewaffnet mit Ideen und Konzepten, die aus den imperialistischen Metropolen stammten, aber für den lokalen Gebrauch modifiziert waren, schwankten die gebildeten Eliten in den Kolonien zwischen dem Bedürfnis, vom Kolonialsystem zu profitieren, und dem Bedürfnis, es im Namen der Selbstregierung zu bekämpfen. Auch bäuerliche Bewegungen schlossen sich dem Widerstand gegen den Einfluss des Westens an: der Donghak-Aufstand in Korea(1), der Boxeraufstand in China(5) oder die Dschihadis in Nordafrika(1) hatten vermutlich eine andere Welt zum Ziel als ihre gebildeten Landsleute, aber auch sie säten die Saat des antikolonialen Widerstands. Die lokale Bewegung, die gegen die Vereinigten Staaten(30) kämpfte, als diese 1899 auf den Philippinen(2) ihr erstes koloniales Abenteuer starteten, bestand sowohl aus angesehenen Bürgern als auch aus Bauern. Anfang des 20. Jahrhunderts waren bereits die ersten antikolonialistischen Organisationen entstanden: der Indische(2) Nationalkongress, der Afrikanische Nationalkongress (ANC) in Südafrika(1) und die Vorläufer der Indonesischen Nationalpartei.

Während die Gegner von Kapitalismus, Kolonialismus und Patriarchat ihre Kämpfe gegen das Establishment führten, fanden auch im internationalen Staatensystem globale Veränderungen statt. In Europa(22) und in Ostasien(2) verstärkten Deutschland(5) und Japan(4) ihre Positionen. Die bemerkenswerteste Veränderung jedoch ereignete sich an den Rändern Europas(23). Europa, oder genauer gesagt Teile Westeuropas(2) hatten seit dem 17. Jahrhundert auf der ganzen Welt militärisch dominiert, und seit dem 18. Jahrhundert hatten einige westeuropäische(3) Länder, insbesondere Großbritannien(6), Frankreich(5), Belgien(1) und die Niederlande(1), in Bezug auf Innovationen weltweit den größten wirtschaftlichen Erfolg. Ende des 19. Jahrhunderts jedoch holten die riesigen kontinentalen Reiche an den Rändern Europas(24) – eine besondere Art von Staaten – die wichtigsten europäischen(25) Länder ein und überholten sie sogar auf einigen Gebieten. Russland(3) und die Vereinigten Staaten(31) waren sehr unterschiedlich, was ihr politisches System und ihre wirtschaftliche Organisation betraf. Aber beide hatten sich stark ausgedehnt und von den Völkern an ihren Grenzen riesige Territorien erobert. Die Vereinigten Staaten(32) hatten ihr Staatsgebiet seit ihrer Gründung in den 1780er Jahren von 971 250 auf 984 000 000 Millionen Quadratkilometer verzehnfacht. Und Russland(4) war seit der Entstehung der Romanow-Dynastie im Jahr 1613 ebenfalls schnell gewachsen: von etwa fünf Millionen auf 22,6 Millionen Quadratkilometer. Großbritannien(7) und Frankreich hatten natürlich ebenfalls riesige koloniale Besitzungen, aber sie waren nicht zusammenhängend und größtenteils von Ureinwohnern besiedelt, also viel schwerer wirtschaftlich zu nutzen und langfristig unter Kontrolle zu halten.

Wie in diesem Buch weiter unten dargestellt, spielten Ideen und ein Gefühl der schicksalhaften Bestimmung sowohl bei der russischen(5) als auch bei der amerikanischen(33) Expansion eine wichtige Rolle. Die Eliten beider Länder glaubten, dass ihre Staaten aus einem bestimmten Grund expandieren würden, dass sie dank der Vorzüge, die sie als Völker besaßen, zur Vorherrschaft in ihren Regionen und letztlich auch auf der ganzen Welt bestimmt seien. Bei ihrem Griff nach der Vorherrschaft waren die Eliten beider Länder überzeugt davon, eine europäische(26) Mission zu erfüllen. Da sie europäische(27) Vorfahren hatten, engagierten sie sich in gewisser Hinsicht jeweils für ein Projekt zur Globalisierung Europas(28), für seine Erweiterung bis zum Pazifik. Einige ihrer geistigen Führer waren außerdem der Ansicht, dass ihr Volk im Zuge dieser Expansion europäischer würde, also mehr auf europäische(29) Werte fokussiert und eher bereit, in einem imperialen Zeitalter die Last eines Imperiums zu tragen. Gleichzeitig lebten aber auch in beiden Ländern Menschen, die in der Erweiterung ihres Landes etwas ganz anderes sahen als in der Ausbreitung der europäischen(30) Reiche. Aus der Sicht vieler Russen(6) und Amerikaner(34) waren die Briten(8) und Franzosen(6) nur auf Rohstoffe und geschäftliche Vorteile aus, wohingegen sie selbst für ihre Expansion höhere Motive hatten, nämlich politische und religiöse Vorstellungen von Unternehmertum und sozialer Organisation zu vermitteln und Seelen zu retten.

Religion spielte sowohl bei den Amerikanern(35) als auch bei den Russen(7) eine wichtige Rolle.[7] Der institutionelle Glaube, der in Europa(31) (und auch an vielen anderen Orten) Ende des 19. Jahrhunderts schon an Boden verloren hatte, nahm im Leben der Russen(8) und Amerikaner(36) immer noch einen wichtigen Platz ein. Zwischen dem evangelikalen Protestantismus der Amerikaner(37) und dem christlich-orthodoxen Glauben der Russen(9) bestanden gewisse Ähnlichkeiten. Beide bewerteten Teleologie und Glaubensgewissheit höher als andere christliche Gruppen. Beide waren von Konzepten der Ursünde unbeeindruckt und glaubten an die Perfektionierbarkeit der Gesellschaft. Insbesondere jedoch waren sowohl die Evangelikalen als auch die Orthodoxen überzeugt davon, dass ihre Politik in einem direkten Sinn von ihrer Religion angeregt worden sei. Sie allein waren dazu bestimmt, Gottes Plan für und mit den Menschen zu erfüllen.

Auf unterschiedliche Art war sowohl der amerikanische(38) als auch der russische(10) Eintritt in die Weltpolitik durch den Wettbewerb geprägt, in dem sie mit der führenden Weltmacht des 19. Jahrhunderts standen, mit Großbritannien(9). Den Amerikanern(39) missfielen die Handelsprivilegien, die die Briten(10) im Ausland genossen, und sie empfanden es als scheinheilig und eigennützig, dass sie Freihandel und Investitionsfreiheit proklamierten. Trotz der Bewunderung, die viele Mitglieder der amerikanischen(40) Elite für alles Britische(11) hegten, konkurrierten die beiden Länder Ende der 1890er Jahre zunehmend um Einfluss, und zwar insbesondere in Südamerika(1), dem Kontinent, der den Aufstieg Amerikas zur(41) Weltmacht zuerst zu spüren bekam. Auch in Russland(11) wurde das britische(12) Weltsystem als das wichtigste Hindernis für den Fortschritt des eigenen Landes betrachtet. Seit dem Krimkrieg in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als eine von den Briten(13) geführte Koalition die russische(12) Kontrolle über die Schwarzmeerregion verhinderte, betrachteten viele Russen(13) Großbritannien(14) als eine antirussische Hegemonialmacht, die den Aufstieg ihres Landes vereiteln wollte. Britische(15) und russische(14) Interessen gerieten sowohl in Zentralasien(1) als auch auf dem Balkan in Konflikt, und im Jahr 1905 machten die Russen(15) die britische(16) Unterstützung dafür verantwortlich, dass Japan(5) den Krieg gegen Russland(16) gewann. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten(42) hatte Russland(17) nicht die Perspektive, durch wirtschaftliche Entwicklung die Nachfolge Großbritanniens(17) als globaler kapitalistischer Hegemon anzutreten. Doch gerade die Kombination von territorialer Expansion und ökonomischer Rückständigkeit war der Keim für Russlands(18) Aufstreben – in seiner sowjetmarxistischen(14) Gestalt – zur globalen antisystemischen Macht.

Obwohl der Kalte Krieg für den internationalen Aufstieg der Vereinigten Staaten(43) als Nachfolger Großbritanniens(18) stand, wäre es völlig falsch, diese Ablösung für friedlich oder reibungslos zu halten. Für die längste Phase des 20. Jahrhunderts übten die Vereinigten Staaten(44) einen revolutionären Einfluss auf die Weltpolitik und auf andere Gesellschaften aus. Dies gilt für ihren Einfluss sowohl auf Europa(32) (einschließlich Großbritanniens(19)) als auch auf Lateinamerika(3), Asien(5) oder Afrika(5). Henry James(1) lag gar nicht weit daneben, als er in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts seinen amerikanischen(45) Helden wie folgt charakterisierte: »Sie sind der große Barbar aus dem Westen, der in aller Unschuld und mit seiner ganzen Kraft kommt, sich diese arme, alte und korrupte Welt eine Weile betrachtet und sich dann auf sie stürzt«.[8]

Die Vereinigten Staaten(46) waren ein internationaler Unruhestifter, der sich zunächst weigerte, nach den Regeln zu spielen, die die britische(20) Hegemonie im 19. Jahrhundert aufgestellt hatte. Ihre Ideen waren revolutionär, ihre Sitten verstörend und ihr Doktrinarismus gefährlich. Erst als der Kalte Krieg zu Ende ging, war die Hegemonie der USA im globalen Rahmen solide etabliert.

Im Kalten Krieg ging es deshalb um Aufstieg und Festigung der US-amerikanischen(49) Macht. Doch er hatte noch einen weiteren Inhalt. Er handelte von der Niederlage des Kommunismus sowjetischen(15) Stils und dem Sieg eines demokratischen Konsenses in Europa(33), den die Europäische Union institutionalisierte. In China(6) führte er zu einer von der Kommunistischen Partei Chinas durchgeführten politischen und sozialen Revolution. In Lateinamerika(4) bedeutete er die zunehmende Polarisierung der Gesellschaften entlang der ideologischen Trennlinien des Kalten Krieges. Dieses Buch versucht, die Bedeutung des Kalten Krieges zwischen Kapitalismus und Sozialismus im globalen Maßstab, in all ihren Spielarten und mit ihren manchmal verwirrenden Widersprüchen aufzuzeigen. Als einbändige Geschichte kann es kaum mehr, als sich an der Oberfläche komplexer Entwicklungen zu bewegen. Doch es hat seinen Zweck erfüllt, wenn es den Leser dazu einlädt, weiter zu erforschen, wie der Kalte Krieg die Welt zu dem gemacht hat, was sie heute ist.

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Ausgangspunkte

Der Kalte Krieg hatte seinen Ursprung in zwei Prozessen, die um die Wende zum 20. Jahrhundert stattfanden. Der eine war die Verwandlung der USA und Russlands(19) in zwei mächtige Imperien mit der immer stärkeren Überzeugung, eine internationale Mission zu haben. Der andere war die Verschärfung der ideologischen Kluft zwischen dem Kapitalismus und seinen Kritikern. Diese beiden Prozesse fielen zusammen, als die Vereinigten Staaten(51) in den Ersten Weltkrieg eingriffen und sich der Sowjetstaat(16) 1917 nach der Russischen Revolution mit einer alternativen Vision zum Kapitalismus etablierte. Dank des Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise bekam die sowjetische(17) Alternative rund um den Erdball viel Unterstützung, aber sie wurde auch zur Zielscheibe für ihre Feinde und Rivalen. Bis 1941, als sowohl die Sowjetunion(18) als auch die Vereinigten Staaten(52) in den Zweiten Weltkrieg eintraten, war die Sowjetunion(19) zwar in ihrem Inneren mächtiger denn je, aber auch international stärker isoliert als je zuvor. Das Zusammenspiel der Sowjets(20), der Vereinigten Staaten(53) und Großbritanniens(21), der größten Macht des 19. Jahrhunderts, sollte den Rahmen für die künftigen internationalen Beziehungen setzen.

Die Sowjetunion(21) agierte als Gegner des Weltkapitalismus, wohingegen die Vereinigten Staaten(54) dessen Führungsmacht wurden, wenn auch unter Umständen, die sich eine Generation zuvor kein Europäer(34) hätte träumen lassen. Die Geschichte der Welt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ist in allererster Linie eine Geschichte des Wachstums der wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Macht der USA. In den 50 Jahren zwischen dem amerikanischen(56) Bürgerkrieg und dem Ersten Weltkrieg stieg das amerikanische(57) Bruttoinlandsprodukt (BIP) um mehr als das Siebenfache. Die Stahlproduktion der USA, die 1870 erst fünf Prozent des britischen(22) Niveaus ausgemacht hatte, betrug bis 1913 das Vierfache der britischen(23) Produktion. In diesem Jahr wurden in den USA mehr Patente registriert als in irgendeinem anderen Land auf der Welt. Dank der Kombination von technologischem Wandel und einem Überfluss an natürlichen Ressourcen entstand ein kapitalistischer Moloch, der innerhalb einer einzigen Generation alle seine Konkurrenten weit in den Schatten stellte.

Ein Teil des amerikanischen(60) Erfolgs beruhte darauf, wie die massive wirtschaftliche Macht der USA mit dem täglichen Leben ihrer Bürger verknüpft war. Bei anderen aufsteigenden Mächten in der Geschichte hatte ihr Aufstieg vor allem den Eliten genutzt, und das einfache Volk hatte sich mit den auf dem Tisch des Imperiums zurückgelassenen Speiseresten begnügen müssen. Mit den Vereinigten Staaten(62) änderte sich das. Durch ihren wirtschaftlichen Aufstieg entstand eine Konsumgesellschaft, der anzugehören jedermann hoffen durfte – auch neue Einwanderer oder Afroamerikaner, die ansonsten diskriminiert wurden und kaum politischen Einfluss besaßen. Neue Produkte verbesserten den Status und dienten der Bequemlichkeit, und das Erlebnis der Moderne durch Waren, die mithilfe neuer Technologien hergestellt waren, definierte, was es hieß, Amerikaner(63) zu sein: Es ging um einen Transformationsprozess, um einen Neuanfang in einem Land, in dem Ressourcen und Ideen einander durch ihre Fülle befruchteten.

Im späten 19. Jahrhundert führte die Verknüpfung der Konzepte Einzigartigkeit, Mission und Überfluss zu einer Ideologie der amerikanischen(64) Außenpolitik, die eine außerordentliche Kraft und Geschlossenheit besaß. In der Vorstellungswelt der Amerikaner(65) waren die Vereinigten Staaten(66) anders als andere Länder: moderner, entwickelter und rationaler. Außerdem fühlten sich die Amerikaner(67) gegenüber dem europäisch beherrschten Rest der Welt verpflichtet, zu dessen Neugestaltung nach amerikanischem(68) Vorbild beizutragen. Nahezu alle Amerikaner(69) waren sich sicher, dass die Vereinigten Staaten(70) über eine fortschrittlichere Form der europäischen(35) Zivilisation verfügten, aber sie waren in der Frage gespalten, zu welcher Art von Machtausübung sie dieser Vorsprung berechtigte. Einige glaubten immer noch an den Rahmen, den die Amerikanische Revolution gesetzt hatte, nämlich dass das Vorbild des US-amerikanischen(72) Republikanismus, der amerikanischen(73) Sparsamkeit und des amerikanischen(74) Unternehmungsgeists den Rest der Welt beeinflussen und die Völker in anderen Ländern zu einem Neustart der europäischen(36) Erfahrung nach amerikanischem(75) Muster anregen werde. Andere waren der Überzeugung, dass die Vereinigten Staaten(76) in einer Welt expandierender Imperien die Führung übernehmen müssten. Statt nur Vorbild zu sein, sollten sie intervenieren, um die Welt auf den rechten Weg zu bringen. Ihrer Ansicht nach brauchte die Welt nicht nur amerikanische(77) Ideen, sondern auch amerikanische(78) Macht.

Ideen und Macht wirkten um die Jahrhundertwende beim Sieg der Amerikaner(79) im Spanisch-Amerikanischen(4) Krieg zusammen. Obwohl der Krieg weniger als vier Monate dauerte, erwarben die USA durch ihn ein Kolonialreich, das die früheren spanischen Besitzungen Philippinen(3), Guam(1), Puerto Rico(1) und Kuba(3) umfasste. Der erste amerikanische(81) Gouverneur der Philippinen(4), William Howard Taft(1), unterwarf die Inseln einem Experiment, in dem sich seiner Auffassung nach die Kennzeichen der typisch amerikanischen(82) Entwicklung spiegelten: Kapitalismus, Bildung, Modernität und Ordnungsliebe. Als er 1908 zum amerikanischen(83) Präsidenten gewählt wurde, betonte er die positive Rolle, die das amerikanische(84) Kapital im Ausland, wie etwa in der Karibik, in Mittelamerika(1) oder im asiatisch-pazifischen Raum, spielen könnte. Aber er unterstrich auch die daraus für amerikanische(85) Unternehmen erwachsenden Möglichkeiten, im Ausland Geld zu verdienen, und die Pflicht des amerikanischen(86) Staates, diese Unternehmen zu schützen. Tafts(2) »Dollardiplomatie« war ein Zeichen für den globalen Aufstieg seines Landes.

1914 stiegen die Vereinigten Staaten(87) zur Weltmacht auf. Doch ihre führenden Politiker waren noch unsicher, welche Rolle ihr Land auf der Weltbühne spielen sollte. Sollte das amerikanische(88) Ziel in der wirksamen Intervention oder in der perfekten Isolation bestehen? War es der wichtigste Zweck der amerikanischen(89) Macht, das eigene Volk zu schützen oder die Welt zu retten? Diese Fragen waren Gegenstand der Debatte, als Präsident Wilson(1) 1917 beschloss, in den Weltkrieg einzutreten. Wilsons Ansicht nach gehörte es zu den Aufgaben Amerikas(90), die Welt in Ordnung zu bringen. Seine Politik gegenüber Mexiko(1), wo er zweimal intervenierte, beruhte auf dem Prinzip, dass es im Interesse der Vereinigten Staaten(91) lag, ihren Nachbarn zum Konstitutionalismus und einer amerikanischen(92) Form von Demokratie zu drängen. Seine Sympathien lagen ganz bei den Alliierten, die unter Führung Großbritanniens(24), Frankreichs(7) und Russlands(20) gegen die von Deutschland(6) und Österreich(2) geführten Mittelmächte kämpften. Was ihn zum Eingreifen trieb, war der deutsche U-Bootkrieg gegen die internationale Schifffahrt zwischen den Vereinigten Staaten(93) und den Ländern der Alliierten. In seiner Kriegserklärung versprach er, »die Grundsätze des Friedens und der Gerechtigkeit gegen selbstsüchtige und autokratische Macht zu verteidigen«, und forderte: »Die Welt muss sicher gemacht werden für die Demokratie.«[1] In seinen Verlautbarungen während der kurzen amerikanischen(94) Beteiligung am Krieg in Europa(37) konzentrierte er sich auf die Notwendigkeit, Chaos und Unruhe zu bekämpfen und die Freiheit zu erhalten: für die Menschen, für die Geschäfte und für den Handel.

Wilson(2) war der erste Südstaatler, der nach dem Bürgerkrieg zum Präsidenten gewählt wurde, und seine Ansichten über die Rassenlehre und die Mission Amerikas(95) waren typisch für die Weißen seiner Zeit. Er betrachtete es als eine der globalen Aufgaben der USA, die Fähigkeit anderer Staaten zu Demokratie und Kapitalismus allmählich zu verbessern und ging dabei von einer klaren rassischen Hierarchie aus. Weiße Amerikaner(97) und Westeuropäer(4) wären jetzt schon gut geeignet für die Aufgabe. Mittel-, Ost(1)- und Südeuropäer(1) müssten noch auf sie vorbereitet werden. Und Lateinamerikaner(5), Asiaten(6) und Afrikaner(6) müssten durch Führung und Vormundschaft aufgeklärt und gebildet werden, bis sie tatsächlich die Verantwortung für ihre eigenen Angelegenheiten übernehmen konnten. Für Wilson, im Wesentlichen ein liberaler Internationalist, war die Fähigkeit, rationale politische Entscheidungen zu treffen, eng mit der Fähigkeit zum Fällen ökonomischer Entscheidungen verbunden. Nur wer letzteres geschafft hat, würde auch ersteres meistern. Die Rolle der Amerikaner(98) bestand darin, die Welt auf eine Zeit vorzubereiten, in der solche Entscheidungen überall getroffen und durch Handel und freien ökonomischen Austausch die Entstehung eines friedlichen Gleichgewichts gefördert werden sollten.

Hatten die Vereinigten Staaten(99) wenigstens in den Augen einer breiten Mehrheit ihrer Bürger das Versprechen von Kapitalismus und Marktwirtschaft erfüllt, so war Russland(21) im späten 19. Jahrhundert für viele eine fast gänzliche Negation dieser Werte. Obwohl der Handel und die Industrieproduktion unter Zar Nikolaus(1)II. (1894–1917) expandierten, suchten sowohl die Regierung als auch ein Großteil der Opposition nach Alternativen, die Russland(22) das Fegefeuer einer Marktumstellung ersparen sollten. Im ganzen 19. Jahrhundert erweiterte sich das Russische(23) Reich unaufhaltsam von Osteuropa(2) über Zentralasien(2) bis in die Mandschurei(1) und Korea(2). Genau wie viele Amerikaner(100) an eine kontinentale Definition ihres Landes glaubten, lange bevor eine solche Möglichkeit existierte, so hielten es viele Russen(24) für ihre Bestimmung, ein Reich zu schaffen, das sich von Meer zu Meer erstreckte, von der Ostsee und dem Schwarzen Meer bis zum Kaspischen Meer und dem Pazifik. Reiche wie Großbritannien(25) oder Frankreich(8) mochten sich dank ihrer Seemacht ausgedehnt haben, aber Russland(25) wollte ein zusammenhängendes Landreich von der nahezu zweifachen Größe der kontinentalen Vereinigten Staaten(101) schaffen, das von seinem eigenen Volk besiedelt war.

In dem neuen Russland(26) rangen alte und neue Ideen um die Vorherrschaft, und manchmal bildeten sich auch überraschende Kombinationen. Die Berater des Zaren(2) schmähten oft die Marktwirtschaft als eine Verunreinigung der Werte, die das Russentum und das Reich aufrechterhielten: Hierarchie, Authentizität, Mitgefühl und Religion sowie Bildung und Kultur fielen ihrer Ansicht nach der verzweifelten Gier nach dem materiellen Vorteil zum Opfer. Selbst Russen(27), die keine Anhänger des Zaren(3) waren, hegten die Überzeugung, dass natürliche, direkte, echte Formen des Austauschs verloren gehen und womöglich durch nicht authentische ausländische Lebensweisen ersetzt werden könnten. All dies wirkte als Antrieb für den linken wie rechten antikapitalistischen Widerstand der Russen(28) in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Die wenigen, die an den liberalen Kapitalismus glaubten, gingen in diesem Getümmel häufig unter.

Aus dem antikapitalistischen Chor in Russland(29) stach die sozialdemokratische Partei als eine der Bewegungen heraus, die das Reich mit den breiteren Strömungen in Europa(38) verbanden. Der Hintergrund der 1898 gegründeten Partei war marxistisches Denken, was sie natürlich mit wesentlichen Teilen der Arbeiterbewegung in Deutschland(7), Frankreich(9) und Italien(4) gemein hatte. Schon vor dem 2. Parteitag im Jahr 1903 hatte die Polizei des Zaren(4) die meisten führenden Mitglieder der Partei ins Exil getrieben. Deshalb fand der Parteitag in London(3) statt, wo sich die Partei in zwei Teile aufspaltete: die Mitglieder der »Mehrheit« (russisch: Bolschewiki) und die der »Minderheit« (russisch: Menschewiki). Die Spaltung war nicht nur politisch, sondern auch persönlich motiviert. Vielen Parteimitgliedern gefiel die persönliche Kontrolle nicht, die Lenin(3) als Führer der Bolschewiki über die Parteiorganisation ausüben wollte. Die Spaltung verschärfte das Chaos unter den Gegnern des Zaren(5). Lenin war kein Mensch, der leicht Kompromisse schloss.

Schon einige Zeit vor dem Londoner(4) Parteitag hatte Lenin(4) seine Anhänger mit Träumen von einer russischen(30) Revolution und der Eroberung der Regierungsmacht bei der Stange gehalten. Er wurde 1870 als Wladimir Iljitsch Uljanow in eine bürgerlich-liberale Familie in einer Stadt 800 Kilometer westlich von Moskau(1) geboren. Das Schlüsselerlebnis seines Lebens ereignete sich 1887: Sein älterer Bruder Alexander(1), Mitglied einer linksgerichteten terroristischen Gruppe, die die Ermordung des Zaren(6) plante, wurde verhaftet und hingerichtet. Kurz darauf schloss sich Wladimir(5) einem radikalen Studentenverband an und las zahlreiche Bücher, und zwar nicht nur russische(31), sondern auch deutsche, französische(10) und englische. Im Jahr 1897 wurde er verhaftet und nach Sibirien(1) verbannt. Dort nahm er das Pseudonym Lenin an, das sich auf den sibirischen Fluss Lena bezog. Er lebte drei Jahre lang unter polizeilicher Überwachung in einer Bauernhütte, wo er schrieb, las und organisierte. In seinem 1902 publizierten, ersten wichtigen Werk Was tun? zitiert er(6) aus einem Brief, den der deutsche(8) Sozialist Ferdinand Lassalle(1) 1852 an Karl Marx(7) geschrieben hatte: »Dass die Parteikämpfe gerade einer Partei Kraft und Leben geben, dass der größte Beweis der Schwäche einer Partei das Verschwimmen derselben und die Abstumpfung der markierten Differenzen ist, dass sich eine Partei stärkt, indem sie sich purifiziert, davon weiß und befürchtet die Behördenlogik wenig!«[2] Als Lenin aus der Verbannung zurückkehrte, war er(7) bereit für die Schlacht.

Die erste Chance für die russischen(32) Revolutionäre kam sehr unerwartet. Im Jahr 1905 verlor das Russische Reich einen Krieg gegen Japan(6), und unter dem Schock der Niederlage kam es in Moskau(2) und St. Petersburg(1) zu gewaltigen Demonstrationen gegen die Regierung. In der Hauptstadt leitete der Sozialist Leo Bronstein, der sich Trotzki(1) nannte, einen autonomen Arbeiterrat (Sowjet), der gegen die Behörden Widerstand leistete. Die gesamte russische(33) Opposition verlangte freie Wahlen und die Einführung irgendeiner Form von parlamentarischer Demokratie. Der Zar(7) erfüllte ein paar Forderungen, aber er und seine Berater versuchten, die Regierung unter ihre Kontrolle zu bringen und zu verhindern, dass sie von dem neu gewählten Parlament, der Duma, abhängig wurde. Die Bolschewiki beteiligten sich an den Ereignissen von 1905, aber Lenin(8) glaubte nicht daran, dass sich der Sozialismus durch Wahlen erringen lasse. Bolschewiki und Menschewiki stellten zusammen nie mehr als fünf Prozent der gewählten Abgeordneten.

Auch der Rest der Welt befand sich um die Jahrhundertwende in einem Zustand wachsender sozialer und politischer Spannungen. Neue Konflikte nagten an der optimistischen europäischen(39) Vision einer von wissenschaftlichem Rationalismus, allmählichem Fortschritt und neuen Chancen geprägten Zukunft. Die Wirtschaftskrise von 1893 hatte die Vereinigten Staaten(102) besonders hart getroffen und in einem Zeitraum von mehreren Jahren Arbeitslosigkeit und Einkommensverluste der Arbeiter verursacht. Während in einer gnadenlosen Jagd nach Rohstoffen, Märkten und Prestige weitere Gebiete in Afrika(7) und Asien(7) kolonisiert wurden, entstanden in Indien(3), Südafrika(2), Südostasien(3) und dem Nahen Osten(1) die ersten organisierten antikolonialistischen Bewegungen. Aber trotz dieser Unstimmigkeiten, die mehr und mehr Klassenkonflikte und bewaffneten Widerstand hervorriefen, blieb die Vorstellung von einer besseren Zukunft in Europa(40) und in den europäischen(41) Ablegern außerhalb des Kontinents beherrschend. Seit fast 100 Jahren hatte es keinen all-europäischen(42) Krieg mehr gegeben, und die meisten Menschen nahmen an, dass rationales Denken, Engagement für das Wohl der Menschen und wirtschaftliche Abhängigkeit auch in Zukunft einen solchen Krieg verhindern würden. Das neue Jahrhundert würde bestimmt die eine oder andere Herausforderung mit sich bringen, aber insgesamt war der Fortschritt linear und permanent.

Das alles änderte sich 1914. Indem die europäischen(43) Eliten ihre jungen Männer in den Krieg schickten, begingen sie einen kollektiven Selbstmordversuch, dem viele von ihnen zum Opfer fielen und durch den die Überlebenden einen großen Teil ihres Reichtums und ihrer Stellung in der Welt einbüßten. Der Erste Weltkrieg war der Beginn eines 30-jährigen europäischen(44) Bürgerkriegs, der Revolutionen und neue Staaten, wirtschaftliche Umwälzungen und Zerstörung in einem Ausmaß hervorbrachte, das Anfang 1914 niemand für möglich gehalten hätte. Mehr als 15 Millionen Menschen starben im Ersten Weltkrieg, größtenteils europäische(45) Männer in den besten Jahren. Mehr als 21 Millionen wurden verwundet. In Frankreich(11) schrumpfte das BIP um 40 Prozent, in Deutschland(9) um mehr als das Doppelte. Österreich-Ungarn(1) und das Osmanische(1) Reich verschwanden von der Landkarte. Großbritannien(26) führte erstmals in seiner Geschichte die Rationierung von Lebensmitteln ein.

Noch schlimmer als die materiellen Auswirkungen des totalen Krieges jedoch waren seine psychologischen Folgen. Eine ganze Generation von Europäern(46) lernte, dass das Töten, Zerstören und Hassen von Nachbarn Aspekte des täglichen Lebens und die moralischen Gewissheiten des 19. Jahrhunderts wenig mehr als hohle Phrasen waren. Sie lernten der bestehenden Ordnung zu misstrauen, die sie in einen Krieg ohne Sieger und ohne edlen Zweck geführt hatte. Nach der Schlacht an der Somme im Jahr 1916 schrieb ein junger Waliser in sein Tagebuch: »Nicht der Tod, sondern eher das Leben rückte in weite Ferne, als ich in einen Zustand des Nicht-Denkens, Nicht-Fühlens, Nicht-Sehens verfiel … Männer gingen an mir vorbei, die andere Männer trugen, weinend, fluchend oder schweigend. Sie alle waren Schatten, und ich war nicht besser als sie. Lebende oder Tote, alle waren unwirklich … Vergangenheit und Zukunft waren gleich weit weg und unerreichbar, warfen keine Brücke des Begehrens über den Abgrund, der mich von meinem erinnerten Selbst trennte und von allem, das zu erlangen, ich erhofft hatte.«[3]

Es war die Generation des Ersten Weltkriegs, die in ihrem späteren Leben den Kalten Krieg prägen sollte. Alle Merkmale des Ersten Weltkriegs waren in ihm enthalten: Angst, Unsicherheit, das Bedürfnis, an etwas zu glauben, und der Anspruch, eine bessere Welt zu schaffen. Die Verzweiflung, die der totale Krieg in Europa(47) verursacht hatte, und die Furcht, dass er sich auf den größten Teil des Erdballs ausbreiten könnte, steckte in den Köpfen aller, die den Krieg erlebt hatten, gleichgültig, wo sie ihn erlebt hatten. Major Clement Attlee(1), der spätere britische(27) Premierminister, kämpfte in der Türkei(1) und im Irak(2). Captain Harry Truman(1) kämpfte in der wichtigen Maas-Argonnen-Offensive. Second Lieutenant Dwight D. Eisenhower(1) bildete Soldaten für die Front aus. Konrad Adenauer(1), der spätere Bundeskanzler, war Bürgermeister von Köln(1), der viertgrößten Stadt Deutschlands, die unter dem Ersten Weltkrieg schwer zu leiden hatte. Josef Stalin(2), der die Sowjetunion(22) maßgeblich prägte, kritisierte den Krieg in Sibirien(2), wohin man ihn als Revolutionär verbannt hatte. Ho(1) Chi Minh, der Führer der vietnamesischen(3) Revolution im Kalten Krieg, erkannte, dass Frankreich(12) an Macht verlor und gründete die erste Unabhängigkeitsbewegung seines Landes. All diese Männer kamen aus den Katastrophen des Ersten Weltkriegs.

Auch die Herausforderung des kapitalistischen Weltsystems begann mit dem Ersten Weltkrieg. Durch den Krieg spalteten sich die sozialdemokratischen Parteien in Kriegsbefürworter und Kriegsgegner. Manche Sozialdemokraten unterstützten die Kriegsanstrengungen, weil sie sich ihrem Land verpflichtet fühlten. Aber in Deutschland(10), Frankreich(13), Italien(5) und Russland(34) wurden die Kämpfe auch von Minderheiten in den sozialdemokratischen Parteien als Krieg zwischen verschiedenen Gruppen von Kapitalisten verurteilt. Karl Liebknecht(1), der einzige Sozialdemokrat, der im Parlament gegen den Krieg stimmte, sagte in seiner mutigen Begründung: »Dieser Krieg, den keines der beteiligten Völker selbst gewollt hat, ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen(11) oder eines anderen Volkes entbrannt. Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg, einen Krieg um die kapitalistische Beherrschung des Weltmarktes, um die politische Beherrschung wichtiger Siedlungsgebiete für das Industrie- und Bankkapital.«[4]

Revolutionäre wie Liebknecht(2) und Lenin(9) vertraten die Ansicht, dass Soldaten, Arbeiter und Bauern mit ihren Brüdern auf der anderen Seite der Front mehr gemein hätten als mit den hohen Offizieren und Kapitalisten hinter den Linien. Der Krieg wurde demnach von Räubern und Dieben veranstaltet, unter denen das einfache Volk zu leiden hatte. Es war der Kapitalismus selbst, der den Krieg produzierte und noch weitere Kriege produzieren würde, wenn er nicht abgeschafft würde. Die von der Ultralinken proklamierte Reaktion auf den Krieg war eine transnationale Form von Revolution, bei der die Soldaten die Gewehre auf die eigenen Offiziere richteten und sich mit ihren Kameraden in den Gräben auf der anderen Seite der Front verbrüderten.

Der Erste Weltkrieg legte die Grundlage für die Entstehung der beiden künftigen Supermächte des Kalten Krieges. Er führte dazu, dass die Vereinigten Staaten(103) eine globale Verkörperung des Kapitalismus wurden und sich Russland(35) in Gestalt der Sowjetunion(23) zu einer permanenten Herausforderung der kapitalistischen Welt entwickelte. Das heißt, das Ergebnis des Ersten Weltkriegs präfigurierte den Kalten Krieg als internationales System, obwohl noch viel geschehen musste, bis die Bipolarität im späten 20. Jahrhundert voll entwickelt war. Doch die radikalen Kommunisten, die der Ersten Weltkrieg hervorbrachte, waren nicht die einzigen Herausforderer des Kapitalismus. Auch für die italienischen(6) Faschisten (Partito Nazionale Fascista) und die deutschen Nazis(3) (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) war der Erste Weltkrieg die Brutstätte. Dennoch war es die Geburt der kommunistischen Macht im größten Flächenstaat der Erde, die den Kurs für den längsten Konflikt des 20. Jahrhunderts bestimmte, und zwar durch den Staat, den sie schuf und durch den Einfluss, den sie in anderen Ländern hatte.

Die bolschewistische Machtübernahme in Russland(36), einem Verbündeten von Frankreich(14) und Großbritannien(28)