Der Kampf geht weiter - Joe Chialo - E-Book

Der Kampf geht weiter E-Book

Joe Chialo

0,0

Beschreibung

Joe Chialo ist Musikmanager, Familienvater, Christ, Deutscher, Afropäer mit Wurzeln in Tanzania, CDU-Bundesvorstand, Crossover-Metallsänger, Türsteher, Kreativer und: Er will mehr. Er will raus aus den "Mimimi-geht-nicht"-Verhinderungsschleifen. Er will trotz Widersprüchen Brücken bauen. Chialo geht mit seinen Themen dorthin, wo es wehtut, wo die Veränderungen am schwierigsten sind. In die Kirche. Der Kompass in seinem Leben. Christliche Erziehung, Werte, Menschenbild. Die Moral der Amtskirche wird derzeit in ihren Grundfesten in Frage gestellt. Missbrauch, Korruption und Massenaustritte. NEIN, sagt der Autor. Kirche ist mehr! Es geht um Glaubwürdigkeit! In die CDU. Eine Partei in der Opposition. Auf der Suche nach der Zukunft. Abgewählt aus der Regierungsverantwortung. Frustriert? NEIN, sagt der Autor. CDU ist mehr! Eine Partei, die wieder zwei Fragen in den Mittelpunkt rückt: Wer sind wir und wer wollen wir werden? Nach Afrika. Korrupte Regierungen, Hunger, Armut, Krankheiten, Bürgerkrieg. NEIN, sagt der Autor. Afrika ist mehr! Jung, dynamisch, im Aufbruch, eine kreative Supermacht. Deutschland und Europa brauchen ein neues Mindset für eine beiderseitige Gewinnbeziehung. Chialo ist pragmatisch, mit Tatkraft, Resilienz und Frustresistenz. Er fordert mehr Offenheit für die Chancenvielfalt bei der Bewältigung der großen Themen unserer Zeit. Ganz konkret und jenseits politischer Sonntagsreden

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



JOE CHIALO

Der Kampf geht weiter

Mein Leben zwischen zwei Welten

INHALT

Intro

1Achtung! Achtung!

»AFRIKA BRAUCHT UNS NICHT, WIR BRAUCHEN AFRIKA«

2So ein Tag, so wunderschön wie heute!

3Brot, Bonanza und »Zum Blauen Bock«

»DAS BESTE KOMMT NOCH«

4Deep Breath of Fresh Air

5Der »Drecksstift« wird erwachsen

»WIR MÜSSEN WIEDER RICHTIG ARBEITEN«

6Der Türsteher wechselt die Branche

7I believe I can fly

»GLAUBE BEDEUTET LIEBE UND HOFFNUNG«

8Jetzt kannst du zeigen, was du draufhast

9Mein Kopf an der Laterne

»RESILIENZ UND SICHERHEIT IN DEUTSCHLAND ERHÖHEN«

10Warum der Kampf weitergehen muss

Dank

Über den Autor

Für meinen Vater Isaya Chialo,für meinen Pater Karl Oerder

Intro

»Als es noch keine Landkarten gab, kannte die Welt keine Grenzen. Es waren die Landkarten, die ihr Gestalt verliehen und den Anschein erweckten, als handelte es sich um fest umrissene Gebiete, um etwas, das man besitzen konnte – und nicht um etwas, das in Schutt und Asche gelegt und geplündert werden konnte. Landkarten ließen Orte am Rande des Vorstellbaren fassbar und zugänglich werden. Und später, als es nötig wurde, wandelte sich die Geografie zur Biologie, mit der eine Rangordnung entworfen wurde, in die man die Menschen einordnen konnte, die in ihrer Abgeschiedenheit und Primitivität an anderen Orten auf dieser Landkarte lebten.«

Abdulrazak Gurnah, Ferne Gestade

© 2022 Penguin Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe Gmbh. Übersetzung: Thomas Brückner

Der Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah wurde auf Sansibar, heute Tansania, geboren, lebt in Großbritannien. Ich entstamme einer tansanischen Diplomatenfamilie, kam in Bonn zur Welt und bin Deutscher.

Auf der inneren Landkarte von Menschen mit diesem Hintergrund haben sich für immer Wegmarken eingebrannt.

Der Sehnsuchtsgeruch nach roter Erde, Staub und Sonne, der sich nur in Ostafrika so tief ins Gedächtnis gräbt.

Der Kolonialismus und die Kämpfe um Selbstbestimmung, durch Generationen weitergetragen, fest verankert in der eigenen Identität.

Das Leben zwischen zwei Welten, zwei Heimaten, zwei Kontinenten. Ich bin ein Afropäer. Das sage ich mit Stolz. Denn ich habe gelernt, was es heißt, beide Seelen zu einer zu machen. Kein leichter Weg – und er endet nie.

In diesem Buch erzähle ich die Geschichte dieses Wegs. Es ist die Geschichte eines schwarzen Klosterschülers, der als Crossover-Metal-Sänger Karriere machen will, schließlich Musikmanager und Mitglied des CDU-Bundesvorstands wird. Eingebettet in diese Story sind meine politischen Botschaften: als fiktive Reden, als Appelle, endlich zu handeln. Es muss sein – und zwar jetzt.

Mein Vater hat mir ins Stammbuch geschrieben: »A luta continua.«

Der Kampf geht weiter – der Schlachtruf der Freiheitskämpfer gegen die Herrschaft der Portugiesen in Mosambik. Aber er ist so viel mehr.

Heute ruft er dazu auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, um gemeinsam und friedlich eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Die Herausforderungen, vor denen die Welt steht, zwingen uns dazu. Zur ehrlichen und mutigen Auseinandersetzung mit neuen Wahrheiten. Zu einem Kampf, an dessen Ende Gerechtigkeit und Miteinander stehen und wir alle die Sieger sind.

– EINS – Achtung! Achtung!

ANKUNFT IN KURZEN HOSEN.

DER TOD MEINES VATERS.

EINTRITT IN DIE CDU.

Am 4. Januar 1979 kam ich auf dem Flughafen Köln/Bonn zum zweiten Mal zur Welt. Es war ein bitterkalter Tag und er beendete das Leben, wie meine Brüder und ich es bis dahin kannten. Die Sonne, die Weite, die Wärme, die Gerüche Afrikas – nur noch eine blasse Kopie in den Erinnerungen.

Der Winter in jenem Jahr war außergewöhnlich kalt und schneereich, noch heute wird er Jahrhundertwinter genannt. Damals versank Deutschland geradezu im Schnee. Im Norden waren Dörfer tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Im Rheinland türmten sich Schneeverwehungen so hoch, dass ich selbst auf Zehenspitzen nicht darüber hinwegschauen konnte, und tagsüber sanken die Temperaturen auf zweistellige Minuswerte. Es war spiegelglatt auf den Straßen. In vielen Wohnungen funktionierten die Heizungen nicht mehr, die Versorgung mit Lebensmitteln stockte, das öffentliche Leben lag brach.

Und in diesem Jahrhundertwinter begann mein zweites Leben.

Unser Vater sollte einen Posten als Botschaftsrat in Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt, antreten, eine große Chance für ihn – und für uns der Start in einer neuen Heimat. Krasser hätte der Wechsel nicht sein können. Wir Kinder bibberten in unseren kurzen Hosen und dünnen T-Shirts und versuchten tapfer, die amüsierten Blicke der Menschen in den dicken Mänteln zu ignorieren. Wir kletterten am Gepäckband herum und bemühten uns, das Airport-Deutsch, das durch die Lautsprecher tönte, zu übersetzen. »Achtung! Achtung!« Dann wurde ein Name gerufen. Oder die Stimme sagte: »Bitte lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt!« Das neue Land klang blechern.

LAND AUS SCHNEE UND EIS

In grünen Shorts standen mein Bruder Jerome, damals 9 Jahre alt, ich (8), George (5) und John (2) am Ausgang, während unser jüngster Bruder James, der erst drei Monate alt war, im Kinderwagen lag. Auf dem Weg nach draußen hielt meine Mutter mich fest an der Hand, mit der anderen schob sie den Kinderwagen, an den George sich ängstlich klammerte, während mein Vater die auf einem Gepäckwagen aufgetürmten Koffer vor sich herschob. Wir waren überwältigt. Auch unsere Eltern, die Deutschland kannten, schauten ungläubig.

Keiner von uns hatte jemals solche Schneemassen gesehen – von uns Kindern kannte überhaupt niemand Schnee. Das ganze Land schien weiß und kalt. Ein eisiger Kontrast zu den warmen Farben unserer Heimat. Als wir vor die Tür des Flughafens traten, stapften wir Jungs in unseren dünnen Schuhen im tiefen Schnee herum. Zum Glück wurden wir von Freunden meiner Eltern, die uns abholten, notdürftig in Decken gewickelt, bevor sie uns nach Bonn brachten. In die Hauptstadt, in ein Deutschland, das zu meinem werden sollte.

Mein Weg ist ein deutscher Lebenslauf, aber doch anders als bei den meisten 1970er-Jahrgängen.

»Der Kampf geht weiter« – dieser Satz hat eine viel tiefere Bedeutung für meinen Vater, meine Familie und für mich. »A luta continua« war in den 1960er-Jahren der Schlachtruf der Befreiungsfront Frente da Libertação de Moçambique im Süden Tansanias. Sie rief zum Kampf gegen die Kolonialherren aus Portugal auf. Die Bürger Mosambiks wollten die Unabhängigkeit, es folgte ein erbitterter Kampf für die Freiheit. Mein Vater unterstützte – wie so viele in Tansania – diesen Kampf gegen die portugiesischen Unterdrücker im angrenzenden Mosambik.

DIE DÜRRE FAUST RECKEN

Ja, es ist auch eine alte Parole der Linken. Heute noch begegnen einem in Berlin Kämpen, weit jenseits der 70, die ihre dürre Faust hochrecken und verkünden, der Kampf gehe weiter: »Für Holger!«, »Für Rudi!«, für wen auch immer. Für meinen Vater war es aber mehr als nur ein Schlachtruf, es war sein Begleiter durchs Leben.

Am 26. September 2016 hörte ich diesen Satz von ihm zum letzten Mal. Es war unser letztes Telefonat.

Mein Vater litt im Alter an Diabetes, hatte sich aber mit der Krankheit gut arrangiert. Meine Eltern waren nach ihrer Zeit als Diplomaten, die sie nicht nur nach Deutschland und Schweden, sondern auch nach China und Japan geführt hatte, wieder nach Daressalam zurückgekehrt und lebten dort ihren Ruhestand. In jenem September 2016 wollte mein Vater wie jedes Jahr zum Grab seiner Mutter nach Nachingwea fahren, ganz im Süden Tansanias. Ein Ausflug in die alte Heimat. Dort angekommen, erlitt er nach dem Besuch an der Grabstätte einen massiven Zuckerschock.

Mein Bruder James, der bei ihm war, schaffte es, ihn in ein Krankenhaus in Mtwara zu bringen. Ich telefonierte ständig mit Tansania und sorgte mich still um meinen Vater, während sich die Welt um mich herum weiterdrehte.

Als ich ihn endlich persönlich am Krankenbett erreichte, war ich beruflich für einen Tag in München. In der Stadt dröhnte das Oktoberfest. Wer mag feiern, wenn Tausende Kilometer entfernt das Leben am seidenen Faden hängt?

Er wollte nicht über seine gesundheitliche Situation sprechen, sondern sich und mich ablenken. Und gab sich alle Mühe, es wie ein normales Gespräch erscheinen zu lassen. Aber ich merkte, über diese Kilometer hinweg, wie viel Kraft es ihn kostete, ganz der Alte zu sein, stark zu sein. Das tat sehr weh.

Ich berichtete ihm von meinen Zukunftsplänen, wie ich mein eigenes Musiklabel ausbauen wollte, von meinen Verhandlungen mit Universal Music und dass ich Musik aus Afrika nach Europa bringen will. Wir haben immer viel über die Arbeit gesprochen, den klaren Blick meines Vaters hatte ich früh zu schätzen gelernt.

JAHR DER VERÄNDERUNGEN

2016 war bis dahin ein hektisches Jahr gewesen, ein merkwürdiges Jahr. Zu Beginn war ich in die CDU eingetreten. Eine Entscheidung, die viele verwunderte, sie sahen mich eher auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Beruflich hatte ich wahnsinnig viel um die Ohren. Und dann hatte ich einige Tage vor dem Telefonat mit meinem Vater ein Gespräch mit dem Europa-CEO und dem weltweiten Universal-Chef über ein Joint Venture, eine Riesenchance!

Als ich meinem Vater davon erzählte, sprudelte alles aus mir heraus, die Sätze überschlugen sich. »Komme bald nach Tansania. Ist viel gerade. Freue mich auf dich. Muss auch zur Ruhe kommen.« Er freue sich sehr darauf, mich wiederzusehen, sagte er. Das beruhigte mich ein wenig. Man sagt, dass es viele Freunde, aber nur einen Vater gibt, und das stimmt, das ist mir damals schmerzlich bewusst geworden. Und während ich das schreibe, spüre ich, wie ich ihn vermisse. Und höre wieder, wie er am Ende des Telefonats mit brüchiger Stimme sagt:

»Joseph, a luta continua!«

Am nächsten Tag ist er gestorben.

Es waren die letzten Worte meines Vaters an mich. Das hat er mir, das hat er uns hinterlassen, das ist sein Vermächtnis. Der Kampf geht weiter. Das ist das, was vor allem anderen von ihm bleibt. Für mich ist dieser Satz mein Leitmotiv geworden. Ich habe ihn in den Ring eingraviert, den ich am Finger trage. Es ist mein Ehering.

WIE EINE CHRISTIN HANDELN MUSS

In jenem Jahr bin ich vor allem aus Wertschätzung für die Politik von Angela Merkel in die CDU eingetreten. Ihre Haltung gegenüber flüchtenden Menschen aus Syrien, Afghanistan und den Ländern Afrikas hatte mich tief beeindruckt. Ihre bedingungslose Hilfe für Menschen in Not.

Das war das »C«. Das war christlich. Sie handelte gegen ungemein viele Widerstände, auch innerhalb der eigenen Partei. Und sie handelte so, wie eine Christin handeln muss: Liebe deinen Nächsten! Hilf denen, die sich selbst nicht helfen können! Sei empathisch! Ich dachte, in einer Partei, in der eine Vorsitzende sich von der Humanität und ihrem christlichen Glauben leiten lässt, in der es einen klaren moralischen Kompass gibt, will ich mich fest engagieren.

Weil ich mein Leben hier aufgebaut habe. Weil ich Menschen getroffen habe, die zu Freunden, und manche, die zu Mentoren wurden. Weil mir Deutschland Türen geöffnet und meinen Horizont erweitert hat.

Weil ich – um einen alten Slogan meiner Partei aufzugreifen – in diesem Land gut und gerne lebe. Auch deshalb bin ich in der CDU.

MORGEN KANN ES RICHTIG WEHTUN

Mein Lebensweg ist anders als viele Lebensläufe meiner Generation. Doch wie stabil diese Lebensläufe bleiben, wie sehr wir uns auf das verlassen können, was Deutschland groß gemacht hat, wir wissen es nicht. Die vergangenen Jahre, mit Klimakrise, Pandemie, Krieg und dem Heraufziehen einer neuen Weltordnung, haben gezeigt: Was wir heute noch für undenkbar halten, kann morgen schon Realität sein. Morgen kann die Welt anders aussehen. Morgen kann es richtig wehtun – wenn wir uns nicht ändern.

»AFRIKA BRAUCHT UNS NICHT, WIR BRAUCHEN AFRIKA«

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

es galt immer, in großer Not zu helfen.

Und das war im Ansatz immer gut.

 

Entwicklungshilfe hatte immer die besten Absichten,

es ging darum, die finanzielle Not in Afrika zu lindern.

Doch die Entwicklungshilfe ist inzwischen zu einer Industrie gewachsen.

 

Es sind viele, viele Organisationen, die das Beste wollen,

doch aufgrund von Ineffizienz und falschen Voraussetzungen oft nicht das erreichen,

was sie erreichen wollen.

 

Aus meiner Sicht hat diese Entwicklungshilfeindustrie immer auch etwas Abschätziges

gegenüber einem Kontinent,

der sich im Aufbruch befindet.

 

Ja, der Kontinent ist komplex – wie jeder Kontinent.

Es gibt Armut und Krieg, aber eben nicht nur.

Daher brauchen wir eigentlich etwas ganz anderes.

 

!

Deutschland sollte vor allem

die wirtschaftliche Zusammenarbeit

mit Afrika intensivieren –

und zwar partnerschaftlich.


 

Und deshalb müssen wir

die Entwicklungshilfe

in ihrer jetzigen Form abschaffen.


Sie ist teuer.
Sie ist ineffizient.


Und sie erreicht nicht das,

was sie erreichen will.

 

Was wir brauchen, ist ein Perspektivwechsel.

 

Denn nicht Afrika braucht Europa.

!

Europa braucht Afrika.

 

Der afrikanische Kontinent ist jung,

das Durchschnittsalter liegt zwischen 20 und 25.

Die Bevölkerung wächst so schnell wie keine andere

auf der Welt.

 

Schon heute leben 1,4 Milliarden Menschen auf dem Kontinent. 2030 könnten es 1,7 Milliarden sein.

Dann gäbe es mehr Afrikaner als Chinesen.

 

Nicht zuletzt erleben wir derzeit einen Bauboom.

Prognosen gehen davon aus,

dass in den nächsten zehn Jahren in Afrika mehr gebaut wird als in den vergangenen hundert Jahren

in Europa.

 

Sechs der zehn am schnellsten wachsenden

Volkswirtschaften weltweit

befinden sich auf dem afrikanischen Kontinent –

und auch die Konsumausgaben steigen, derzeit

um fast vier Prozent.

 

Im Jahr 2021 waren es bereits über 1,93 Billionen Dollar.

Wir erleben eine enorme Dynamik,

ein neues Selbstbewusstsein – und eine Lust am Erfolg!

 

In vielen Branchen wie Technologie, Medizin oder

Landwirtschaft gibt es eine neue Elite,

top ausgebildet, oft im Ausland,

und sehr selbstbewusst,

was ihr Können und ihr Potenzial angeht.

 

Diese neue Generation,

die Erfahrungen in westlichen Industrieländern

gesammelt hat,

kommt jetzt zurück, packt an, engagiert sich,

gründet Unternehmen.

 

Und das ist der Gamechanger.

 

Viele Menschen in afrikanischen Ländern

sind längst in die Zukunft aufgebrochen –

vor allem, weil die Chancen der Digitalisierung

erkannt wurden.

 

Die Zahl der Start-ups schießt auf dem Kontinent

in die Höhe. Längst fließen hohe Summen an

Risikokapital nach Afrika.

 

Und die Frage ist:

Warum ist Deutschland so zurückhaltend?

 

Dabei liegt es auf der Hand: Wenn die Hälfte

der Bevölkerung jünger als 20 Jahre ist,

heißt das: In den kommenden Jahren wird es

immer mehr Menschen im erwerbsfähigen Alter

geben, die die Wirtschaft voranbringen.

 

Damit ist Afrika der einzige Kontinent auf der Welt

mit einer sogenannten »demografischen Dividende«.

!

 

Und diese jungen Menschen sind mutig,

lernbereit und es zieht sie in die Städte.

War es früher noch erklärtes Ziel,

Landwirtschaft zu betreiben und

sich sein Essen selbst anzubauen,

geht es den jungen Menschen immer mehr

um die eigene Wertschöpfung,

getrieben vom Willen,

Teil des Wirtschaftssystems zu werden.

 

Afrika ist ein Kontinent des Aufbruchs und Wandels.

 

Und ein extrem junger Kontinent bedeutet auch:

!

das ist ein riesiger potenzieller Markt

für Start-ups und moderne Computertechnologien,

für Medizin und Biotechnologie,

ein riesiger Markt für Kultur,

für Mode, für Musik und Film.

Ein Markt für digitale Produkte, für Software,

für Apps – für Zukunft.

 

Denn was viele in Deutschland nicht wissen:

Afrika legt gerade einen Innovationssprung hin,

es werden Entwicklungsstufen einfach übersprungen. Direkt vom Brief zur WhatsApp – ohne den Umweg

über Fax oder Mail.

 

Auch was die Bezahlung per Smartphone angeht,

ist der Kontinent weit vorne.

Bereits heute gibt es mehr Mobile Money Accounts

als traditionelle Bankkonten. Die Hälfte aller

Mobile-User nutzt für Geldtransfers ihr Handy.

 

Es gibt Mobile-Payment-Plattformen,

die schnelle Finanztransfers auch

in entlegenste Gebiete ermöglichen und damit

die Kaufkraft gerade der ländlichen Regionen stärken.

Die Nutzerzahlen solcher Plattformen haben längst

zweistellige Millionenhöhen erreicht.

Es sind die digitalen Finanzdienstleistungen,

die FinTechs, die den Weg in eine Zukunft

im Wohlstand bahnen.

 

2060 werden mehr als eine Milliarde Menschen

!

in Afrika zur neuen Mittelschicht gehören.

Also zu der Schicht, die der Motor

jeder Volkswirtschaft ist.

 

Um ihre Ziele zu erreichen, gehen sie in junge,

agile Unternehmen, die ständig wachsen.

 

Es gibt schon jetzt Hunderte von Unternehmen

in Afrika mit Milliardenumsätzen.

 

Dazu gehören Paketdienste, die inländische und

grenzüberschreitende Paketsendungen

mithilfe von künstlicher Intelligenz

revolutioniert haben,

dazu gehören Zahlungsplattformen,

die kleinen und mittelständischen Unternehmen

E-Commerce ermöglichen.

 

Und neben FinTechs sind in Afrika inzwischen

auch Start-ups gegründet worden,

die sich für ertragreichere Ernten,

die Überbrückung schwieriger Logistikketten

sowie eine bessere Gesundheitsversorgung einsetzen.

 

Noch wichtiger aber ist:

Diese Unternehmen wachsen schneller und

haben oft eine bessere Umsatzrendite

als Konzerne im internationalen Vergleich.

 

Wir sprechen hier von dynamischen und

extrem erfolgreichen Start-ups,

die sich hervorragend auch in Deutschland

auf Start-up-Messen präsentieren könnten –

sind sie doch Leuchttürme eines

rasant wachsenden Markts.

 

Und nicht wenige gehen davon aus,

dass der freie Handel und offene Grenzen

die afrikanischen Gesellschaften

in eine neue Zeit katapultieren.

 

Das schreit förmlich nach einer Start-up-Offensive,

!

nach einer stärkeren Vernetzung

von Deutschland und Afrika.

 

Sowohl politisch als auch unternehmerisch

ist Afrika für uns, für Deutschland und Europa,

nicht mehr wegzudenken.

Und das sollten wir endlich begreifen.

 

Nach Lage der Dinge wird man auf dem afrikanischen Kontinent nicht auf Deutschland warten.

 

Vielmehr beginnen afrikanische Länder

inzwischen, sich ihre Partner selbst auszusuchen.

 

Es ist ein offenes Geheimnis, dass China

das längst begriffen hat.

China ist seit Jahren der größte Investor

und Handelspartner in Afrika.

 

Viele Gelder fließen in den Aufbau

der Infrastruktur und in die Entwicklung

von Industrie und Handelszentren.

 

Dadurch genießt China in Afrika

große Sympathien.

 

Aber auch Russland bemüht sich

– schon lange vor dem Ukraine-Konflikt –

um Kooperationen mit afrikanischen Staaten,

vor allem auch auf militärischer

und sicherheitspolitischer Ebene.

 

Das zeigt sich in Mali, wo Russland

immer mehr die Rolle übernimmt,

die Deutschland und Frankreich

bis dato eingenommen hatten,

und die nun immer weiter zurückgedrängt werden.

 

Auch die USA verfolgen in Afrika

sowohl sicherheitspolitische als auch

wirtschaftliche Interessen.

 

Afrika hat längst mehrere Optionen

für die Zusammenarbeit.

Seien es China, Russland, USA oder die Türkei.

Sie alle sind dabei, das enorme Potenzial

des Kontinents zu entdecken.

 

Doch obwohl Europa an seinen Außengrenzen

direkt an Afrika grenzt,

obwohl man »viel näher dran« ist

als China oder Russland,

nutzen wir Europäer viel zu wenig

diesen strategischen Vorteil.

 

Dabei sind engere Beziehungen zu Afrika

!

nicht nur sicherheitspolitisch, wirtschaftlich,

sondern auch geopolitisch geboten.

Das globale Gravitationszentrum verschiebt sich

ohnehin immer mehr nach Asien.

 

Und deshalb werden wir es als Europäer

ohne ein stärkeres Engagement in Afrika

noch schwerer haben,

unseren internationalen Einfluss zu behaupten.

 

Dass sich gute, enge und stabile Beziehungen

zu Afrika außerdem positiv auf Fragen

der Sicherheit und der Migration auswirken,

versteht sich von selbst.

 

Denn Menschen,

die Arbeit haben,

ein Unternehmen gründen,

die selbst Arbeitsplätze schaffen,

also kurz gesagt: Menschen,

die eine Perspektive haben,

werden sich nicht auf den Weg machen,

um in Europa oder anderswo ihr Glück zu suchen.

 

Wer eine Perspektive in seinem Heimatland hat,

nimmt das Risiko einer gefährlichen Flucht

und unsicheren Zukunft

nicht auf sich.

 

Deshalb muss eines unserer Ziele sein,

in unternehmerischen Kooperationen

noch mehr wirtschaftliche, gesellschaftliche

und kulturelle Perspektiven

in beiderseitigem Interesse zu schaffen.

 

Und ja, die Menschen in Afrika sind sehr offen

!

für Kooperationen mit Europa und Deutschland.

Das erlebe ich derzeit selbst, sei es in Form

vieler großartiger Start-up-Ideen.

Oder – wie in meinem Fall – großartiger Musik und Kultur.

 

2018 habe ich deshalb beruflich

die Brücke nach Afrika geschlagen und

gemeinsam mit meinem Joint-Venture-Partner

Universal Music Africa

das Musiklabel Afroforce1 gegründet.

 

Es geht darum, afrikanischen Künstlerinnen und

!

Künstlern die deutschen und

europäischen Märkte zu erschließen.

 

Auch hier herrscht große Dynamik,

auch hier sind wir dabei,

das Bild von Afrika zurechtzurücken,

das noch in alten Vorstellungen verharrt.

 

Deshalb ist es mir eine Herzenssache,

dem Kontinent auch hier

die Geltung zu verschaffen,

die er woanders längst hat.

 

Und wenn Europa den Paradigmenwechsel vollzieht,

wenn Länder wie Deutschland

gemeinsam mit afrikanischen Partnern

das Potenzial des afrikanischen Kontinents

erschließen,

stehen wir vor einer in jeder Hinsicht

gewinnbringenden Zukunft.

 

Afrika ist bereit, seien wir es auch.

– ZWEI – So ein Tag, so wunderschön wie heute!

DAS LEBEN IN AFRIKA.

MEINE STRENGE MUTTER.

DIE ALTE NACHBARIN.

Die kleine Siedlung bestand aus einer Handvoll Lehmhütten. In deren Mitte gab es einen zentralen Platz mit einem Brunnen. Über die staubigen Straßen liefen Ziegen, im Schatten der Hütten pickten Hühner nach Futter. Wie die meisten Leute in Liputu waren auch meine Großeltern Bauern. Sie führten ein einfaches Leben. Mein Großvater stand tagein, tagaus im Morgengrauen auf und bestellte das Feld. Meine Großmutter fütterte zum rhythmischen Klang der Harke die Hühner und Ziegen und fachte das über Nacht abgedeckte Kochfeuer an. In einem Blechtopf brodelte tagsüber ständig eine Suppe, in die meine Großmutter mit ihrem kleinen Messer Gemüse schnitt. Mein Vater und seine Geschwister tobten mit den anderen Kindern des Dorfes um das Haus, wenn sie nicht gerade auf dem Feld oder im Haushalt halfen.

In der Schule bemerkten die Lehrer früh den wachen Geist von Isaya, so hieß mein Vater. Was in der Schule gelehrt wurde, faszinierte ihn. Die Buchstaben, die Zahlen, das alles eröffnete ihm eine gänzlich neue Welt. Schneller als die anderen begann er zu lesen. Fast noch schneller sprach sich herum, dass es in Liputu einen begabten Jungen gab, und so wurde ein Ordensmann, ein aus Deutschland stammender Benediktinermönch, auf ihn aufmerksam. Wenig später besuchte er meine Großeltern in ihrer Hütte und erzählte ihnen begeistert von Isayas großem Potenzial. Meine Großeltern waren strenggläubig und vertrauten dem Ordensmann. So kam es, dass mein Vater in einem Benediktinerkloster zur Schule ging – ein großes Privileg, das meine Großeltern mit Stolz erfüllte.

ACHT KILOMETER SCHULWEG – ZU FUSS!