Der Kapuzinermönch - Hannes Wertheim - E-Book

Der Kapuzinermönch E-Book

Hannes Wertheim

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Beschreibung

Deutschland anno domini 1525. In Thüringen ziehen die Bauern in einen Krieg für Freiheit und Gleichheit vor Gott. Angeführt werden sie von dem revolutionären Prediger Thomas Müntzer. Sie kämpfen im Geist der Reformation und gegen die eigene Verelendung. Der Aufstand wird blutig niedergeschlagen. Um das grausame Strafgericht der Fürsten einzudämmen, schließen sich einige der letzten Rebellen zusammen, um – als Gaukler getarnt – das Morden und Plündern einzudämmen. Ein waffenkundiger Kapuziner und eine heilkundige, geheimnisvolle Frau sind die Anführer der mutigen Schar. Als gefährlichste Widersacher erweisen sich der ehrgeizige, blutrünstige Ritter von Bogenwald und sein Berater, ein teuflischer Mönch im weißen Habit. In der Reichsstadt Köln kommt es zu einem dramatischen Gefecht.

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Seitenzahl: 730

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Hannes Wertheim

 Der Kapuzinermönch

Roman

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Prolog

»Laßt uns das Papsttum genießen, da Gott es uns verliehen hat.«

Giovanni di Medici, Papst Leo X. (1513 bis 1521), genannt der Sonnengott

Der Herbst des Mittelalters zog stürmisch herauf. Die Welt schien auf dem Weg zur Hölle. Dürre herrschte auf den Feldern, schwere Unwetter gingen nieder auf magere Ernten. Immer wieder bebte die Erde, und der Schwarze Tod schwang allenthalben seine Sense. Söldnerheere von Kaisern und Päpsten überzogen Europa mit Krieg und Vernichtung. Blut wurde wie Wasser vergossen, Tränen wie Regen. Es war, als wollten die Engel nun die Schalen des göttlichen Zorns ausleeren. Astrologen erkannten in den Konjunktionen der Planeten, daß die Endzeit gekommen und der Antichrist unter ihnen war. Die Kathedralen verloren an Glanz, die Heilsbotschaft an Trost.

Doch kein Mensch ist dafür geschaffen, auf Dauer ganz ohne Glanz und Trost zu leben. Diesseitige Ausschweifungen milderten die Gottesfurcht der Reichen. Den Armen fraß sich der Hunger in den Bauch. Neue Prediger fanden Gehör, die ihnen allein das Himmelreich verhießen. Doch kein Mensch, schon gar nicht der hungrige, ist dafür geschaffen, auf Dauer ganz von Hoffnung zu leben. Die Ärmsten verloren an Gottvertrauen.

So drohte am Ende des 15. Jahrhunderts die Welt für den Herrn verlorenzugehen und – schlimmer noch – die Menschen für die Kirche. Keine Kirche kann solch heillosen Zustand dulden. Blutrot glühte der Himmel über Europa im Feuerschein der Scheiterhaufen, auf denen sie alle Beförderer ihres Untergangs verbrannte. Und doch schien das Paradies entfernter denn je. Selbst die höchsten Diener Gottes begannen am Jenseits zu zweifeln und richteten sich ihr Himmelreich im Diesseits ein.

Giovanni di Medici steigerte von 1513 bis 1521 als Papst Leo X. die paradiesische Pracht und die Schulden der Kurie ins Unermeßliche. Man nannte ihn den Sonnengott – und ärgsten Widersacher Luthers.

Leo, geboren als florentinischer Fürst, war ein der Welt zugewandter Sinnenmensch, der nach seiner Wahl zum höchsten Mann der Kirche erst zum Priester und dann zum Bischof geweiht werden mußte. Seine päpstliche Hofhaltung ließ sich mit der eines Kaisers messen. Zweihundert Stallburschen pflegten seine prachtvollen Jagdpferde, Hunderte von Lakaien und die besten Leibköche sorgten für das Wohl eines Mannes, der nicht nur Mäzen der Künste, sondern auch ein Lukull war. Fast täglich führte sein Hofnarr ihm Vertilgungsspäße vor, bei denen Dutzende Eier und bis zu sechs Hühner im Schlund des Spaßmachers verschwanden.

Nur ein teutonisch strenger Geist, wie der des kantigen Kerls Luther, konnte darin solch abscheulichen Frevel entdecken, daß er von fern schon 1517 wetterte: »Rom ist verderbter als Babylon und Sodom, eine Pflanzschule greulichster Gottlosigkeit.« Die Höflinge Leos waren sich mit dem Papst einig, der das »als schnödes Mönchsgezänk« abtat.

Leo wußte nicht nur zu nehmen, er wußte auch zu geben. Zweitausend käufliche neue Ämter und Pfründe richtete er für aufstrebende Diakone und zahlungskräftige Prälaten ein. Reiche Kaufmannssöhne erwarben Kardinalshüte.

Gegen Geld übersah Leo ebenso großzügig die läßlichen und weniger läßlichen Sünden seiner Schäflein. Das mächtig heiße Höllenfeuer, an das sogar ein käuflicher Kardinal in stiller Stunde manchmal dachte, verlor unter seiner Hoheit an Hitze und Pein. Freilich waren solche stillen Stunden selten, denn im Vatikan verging kein Tag, an dem nicht Musik erscholl oder ein Ballett aufgeführt wurde. Dafür priesen Spielleute, Narren und Müßiggänger den obersten Hirten. Selbst die zahlreichen Dirnen Roms liebten Leo, denn sie wohnten meist unbehelligt den vielzähligen Geistlichen und Pilgern bei, einige zogen gar als Kurtisanen in die Paläste der Purpurträger.

Golden waren die Tage unter Leo und um so finsterer nach seinem Tod. Sein unstillbarer Hunger nach Luxus und seine Kardinäle hatten die römisch-katholisch-apostolische Kirche eine Milliarde Golddukaten gekostet. Der Kirchenstaat, so spottete man, hatte mehr Gläubiger als Gläubige.

Die Lage war ernst, denn immer unwilliger zahlten jene Untertanen Gottes, die fern von Rom und dem Paradies des Papstes lebten, für einen Platz im vergleichsweise schnöden Jenseits. Es galt, den Glauben zu erneuern. Soviel begriff die Kurie vier Jahre nach Luther. Luther selbst begriff sie nicht. Dieser Habenichts faselte von der Freiheit eines Christenmenschen, der ohne bezahlten Beistand die Seligkeit erlangen könne. Für seine Sünden, so behauptete dieser Hundsfott frech, müsse man nur im Himmel, aber nicht auf Erden bezahlen. Doch den höchsten und hochverschuldeten Geistlichen schien die Armut in Christi kaum erstrebenswert. Damit war kein Staat zu machen, schon gar kein Kirchenstaat.

So entschied sich das Kardinalskollegium nach Leos Tod und langer Klausur für die bewährte Tugend der Strenge, die läuternde Kraft des Schreckens und den unbekannten Kardinal von Tortosa für den Heiligen Stuhl. Ein gebürtiger Flame, der in Spanien mit der Verbrennung von dreißigtausend Ketzern hinreichende Glaubensstrenge bewiesen hatte. Sein Feuereifer, so hoffte man, würde wankelmütige Christen in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurücktreiben und ihre Zahlungsmoral bessern.

Von dem designierten Papst hieß es zudem, er gönne sich selbst nicht mehr als etwas Gemüsebrühe und reichlich Gebete zum Mittagsmahl. So viel freiwilliger Verzicht überzeugte das Konklave von dem Kandidaten.

Doch kaum hatte der Flame als Hadrian IV. italienischen Boden betreten, erkannten die Kardinäle ihren Irrtum.

Die Purpurträger selbst bekamen den heiligen Eifer des schmächtigen Männchens zuerst zu spüren. Ihre Dirnen, Spielleute und Narren wurden verbannt, Lakaien entlassen, Höflinge vor die Tür gesetzt. Mit einem Federstrich vernichtete der ehemalige spanische Großinquisitor 1250 wohlbestallte Ämter. Er ernannte gut ein Dutzend neuer Kardinäle in ganz Europa, die ihm treu ergeben und enthaltsam waren.

Die weniger ergebenen und enthaltsamen Gefolgsleute Leos drohten leer auszugehen, obwohl sie den neuen Papst mit Liebe und Geschenken überhäuften. Umsonst.

Mit keinem noch so geringen Hofamt, ja nicht einmal mit einem schäbigen Bajocco, der geringsten Kupfermünze des Kirchenstaats, vergalt Hadrian beispielsweise dem Kardinal von Santi Quattro Coronati das köstliche Geschenk der Tiara Leos X., die der eifrige Kirchendiener auf eigene Kosten bei einem Pfandleiher ausgelöst hatte. Ganz Rom haßte Hadrian bald aus tiefstem Herzen.

Doch den flämischen Geizkragen focht das nicht an. Er blieb einsam und unbeweglich wie ein Fels. Selbst der schweren Pest von 1522 zum Trotz blieb er in Rom und las einer Handvoll unwilliger Kardinäle, die nicht rechtzeitig auf ihre Landgüter geflohen waren, die Leviten und Messen.

So sollte der 14. September 1523 als Freudentag in die Geschichte der Ewigen Stadt eingehen, denn die große Glocke des Kapitols verkündete mit lautem, dumpfem Dröhnen Hadrians Tod. Ein Jahr, acht Monate und drei Tage hatte das Pontifikat des Gelehrten gedauert. Lange genug, wie die Römer befanden, und sie hängten Lorbeerkränze an die Haustür seines Leibarztes nahe der Via del Oro. Dem guten Mann war es nicht gelungen, den Heiligen Vater von den Folgen eines Giftanschlages zu kurieren. Dafür zollte man ihm höchstes Lob.

Als es im Oktober 1523 endlich wieder »Habemus papam« hieß, jubelte ganz Rom, denn das Konklave hatte für einen Neffen Leos gestimmt. Giuliano di Medici bestieg als Clemens VII. den Heiligen Stuhl. Gekrümmt von Gicht, da er das Leben liebte, aber aufrecht und unbeugsam in seiner Demut gegenüber menschlichen Schwächen und Gelüsten. Die goldene Vergangenheit schien wieder eine Zukunft zu haben. Man irrte.

Unter dem neuen Pontifex Clemens VII. sollte nahezu die Hälfte des Abendlandes vom katholischen Rom abfallen. Blutige Schlachten waren die Folge. Erbitterte Kriege, in denen deutsche Fürsten, skandinavische Landesherren und der englische König dem Papsttum schwere Wunden schlugen und im Namen Gottes reiche Beute machten. Kriege, die das Antlitz Europas veränderten und die jahrhundertelang nicht zum Stillstand kamen.

Der Glaube, ob alt oder neu, nahm dabei Schaden oder geriet in Vergessenheit, so wie die ersten und ärmsten Vorkämpfer der Reformation.

Im Jahre 1525 zogen die deutschen Bauern für eine Umgestaltung der Welt nach Gottes Wille und den Worten des Evangeliums ins Feld. Bewaffnet mit Sensen, krummen Gewehren und ihrem aufrechten Glauben. Dem Glauben, daß jeder Mensch frei, Gerechtigkeit auf Erden möglich und der Herr mit ihnen sei.

Erster Teil

Kapitel 1.

»Nunschärfen die Engel die Sensen und schlagen als Gottes Knechte die sündhaften Herrn.«

Thomas Müntzer, 1525

Es war eine freundliche Mainacht, der Mond schien hell. Ein lauer Wind strich durchs Geäst und ließ die Leichen leise schaukeln. Grimmig betrachtete Bruder Fresenius ihre entstellten Gesichter, die hoch oben – verdorbenen Früchten gleich – in den Baumwipfeln hingen. Die Augen hatte man ihnen ausgestochen, das Blut auf ihren Wangen lockte die Krähen. Von Gott und der Welt verlassen, sollten die Gehängten dem einsamen Wanderer als Mahnung dienen. Ihre kreuzweise gebundenen Schuhe verrieten ihren Stand. Sie stammten aus einfachem Bauerngeschlecht. Grund genug in diesen Tagen, dem grausamen Strafgericht der Fürsten anheimzufallen.

Erbarmungswürdiger konnte der Gekreuzigte selbst nicht ausgesehen haben. »Gott sei ihren Seelen gnädig«, murmelte der Kapuzinermönch und schlug das Kreuz. Er raffte seine blutgesäumte Kutte und setzte den Weg eilig fort. Es war Zeit, eine Herberge zu suchen, in der er vor marodierenden Söldnern oder versprengten Aufrührern sicher war. Die einen würden einen Mönch vielleicht nur zum Spaß, die anderen aus bitterem Zorn durch die Spieße laufen lassen. Auch quälte den Mönch inzwischen ein arger Hunger. Viel mehr als eine Handvoll Wintergerste hatte er in den letzten Tagen nicht gegessen.

Fresenius bahnte sich mit einigen Hieben einen Weg durchs Gestrüpp in den Schutz dicht stehender Bäume. Der Wald glänzte silbern, die Nacht war still, doch in den Ohren des Mönchs hallten noch immer die Geräusche der vergangenen Schlacht. Mächtig drängte sich ihm das Bild vom blutgetränkten Acker vor Frankenhausen auf, auf dem schreiend vor Schmerzen mehr als viertausend Bauern vor seinen Augen elend verreckten. Durchbohrt von den Hellebarden der Pikiere, zerrissen von Kanonensalven der fürstlichen Feldschlangen, niedergehauen von der Reiterei oder dahingemäht vom tödlichen Pfeilregen aus hart gespannten Armbrüsten. Vier Tage war es her, daß er im schlammigen Lehm am Rande des thüringischen Schlachtfelds gestanden und das schreckliche Sterben verfolgt hatte. Einzelne Gliedmaßen lagen verstreut zwischen den Elenden, es gab gar abgerissene Fäuste, die noch zuckten, sich wie flehend gen Himmel reckten.

Fresenius schritt schneller aus, so als wolle er den Bildern des Grauens davonlaufen. Nein, Feigheit trieb ihn nicht. Er war ein kampferprobter Mann von kräftiger Statur. Seine kantigen, höchst eigenwilligen Gesichtszüge, die viele als grob bezeichnet hätten, verrieten Mut und Entschlossenheit.

Bei Gott, es war nicht das erste blutige Gemetzel, das der Kapuziner erlebt hatte. Der Mann, der sein Haupt nun unter der spitzen braunen Kapuze verbarg, die seinem Orden den Namen capucii oder eben Kapuziner einbrachte, war vor weniger als fünf Jahren noch selber ins Feld gezogen. In den geschlitzten, bunten Hosen eines Landsknechtsführers.

Er hatte vor den Städten Italiens und im fernen Frankreich viele sterben sehen und manchen selber in den Tod geschickt. Im Namen des Kaisers, im Namen von Fürsten, manchmal im Namen der Gerechtigkeit und immer im Namen des Herrn. Nein, der Tod auf dem Schlachtfeld war ihm nicht fremd, und er hatte ihn nie gefürchtet.

Vielleicht lag es an seinem ungewöhnlich hohen Alter, knapp ein halbes Jahrhundert nämlich, daß er des Tötens schließlich müde geworden und seine Aufmerksamkeit beim Kampf erlahmt war. Ein feindlicher Heerführer hatte ihm im Gefecht von Piacenza die rechte Hand – seine Schwerthand – abgetrennt. Obgleich zum Soldatendienst untauglich, hatte Fresenius es als Zeichen der Gnade Gottes genommen, daß er die Schlacht überlebte, und sich zur Umkehr entschlossen. Nie mehr, so hatte er geschworen, würde er ein Schwert führen, und sein Noviziat begonnen. Die Einsiedelei, auf die der Orden der Kapuziner streng hielt, sollte ihn von seiner heißblütigen Kriegernatur kurieren.

Sein Ziel war innere Einkehr und sein Weg die Abkehr von dieser verzweifelten Welt. Seine Hoffnung ging ganz auf den Erlöser. Vor drei Jahren hatte er den Profeß der Kapuziner gesprochen, die Gelübde von Keuschheit und Armut abgelegt und sich in die Einsamkeit zurückgezogen.

Doch er hatte Zeit und Ort seines Eremitentums schlecht gewählt. Nahe Frankenhausen hatten nämlich seine karge, grob gezimmerte Hütte und sein magerer Acker gelegen. Zu nahe bei dem Feld, auf dem die Herren den Bauern ihre blutige Lektion erteilt und ihn jäh in die unglückselige Welt zurückgeholt hatten. Seine Hütte war verbrannt, sein kleines Feld verwüstet, sein innerer Frieden dahin.

In der Ferne schlug ein Hund an und riß Fresenius aus seiner düsteren Gedankenstille. Mit dem geschulten Ohr eines Waffengängers erkannte er die Richtung, aus der das Geräusch kam und daß es von Mauern gedämpft wurde. Auf gut eine halbe Stunde Weg schätzte er die Entfernung zu der wie immer gearteten menschlichen Behausung. Er zögerte kurz, denn so nötig eine sichere Unterkunft war, so unwillig ging er unter Menschen.

Seufzend wandte er sich schließlich nach rechts. Was half’s, besser dem Gekläff eines räudigen Köters folgen, als einem Trupp räudiger Mordbuben in die Arme laufen. Besser? Was blieb ihm anderes? Schließlich hatte er vor Gott geschworen: »Ich bin nicht mehr zum Kampf bereit.« Fern seiner heiligen Einfalt, fügte er nun allerdings hinzu: »Und ich bin schon gar nicht dafür gerüstet.« Resigniert betrachtete er die aus Eisen geschmiedete Hand, die mit Lederriemen an seinem rechten Armstumpf befestigt war. Mit einem Anflug von Wehmut dachte er an die schönen Zweihänder, mit doppelt geschliffenen Klingen, die er so oft geführt hatte, oder die Hakenbüchsen, deren Läufe er so kunstfertig gefeilt hatte. Seine Eisenklaue sah zwar bedrohlich aus, ja, sie glich dem Waffenhandschuh eines Ritters, doch sie war allein noch tauglich, die Riemen eines Kurzpflugs zu ziehen. Ich bin ein Krüppel, hatte der Mönch auch bitter gedacht, als er die tobende Schlacht zu Frankenhausen verfolgte.

»Herr, verzeih mir«, rief Fresenius an diesem Punkt in die Stille und scheuchte damit ein Käuzchen auf. Ach, schalt er sich innerlich, es ist immer dasselbe mit dir, kaum kommst du in Berührung mit der Welt, packt dich wieder die törichte, gottlose Ungeduld des Kriegers.

Deshalb hatte Fresenius in den letzten drei Jahren seine selbstgewählte Klausur nur selten verlassen. Nur wenn es ihm am Nötigsten mangelte, an Zunderschwamm oder einem Feuerstein etwa, war er zu Markte gegangen. Und jedesmal hatte er es bitter bereut. Es war schwer, geduldig die Ohren vor der Welt zu verschließen, wenn sie einen lärmend umgab. Seine lang geübte Geduld hatte jedesmal Schaden genommen bei diesen Ausflügen in das gemeine Leben mit all seinem Geränk und Gezänk.

Ein halbes Jahr war es her, da hatte er bei der Kirchmeß zum erstenmal diesen Aufruhr unter dem Pöbel zu spüren bekommen, der nun – wie auch anders – in allgemeinem Mord und Totschlag geendet war. Im Namen des Herrn. Fresenius verzog unwillig den Mund und zerbrach mit kräftigem Griff einen Zweig, der seinen Kopf streifte, so als wolle er sich beweisen, daß seine Linke durchaus noch fähig zu Kraftakten war.

Eine Flugschrift von einem Bauern Karsthans hatte damals auf dem Markt die Runde gemacht. Ein selbsternannter Prediger der Reformation hatte eine Krauttonne zur Kanzel gewählt und den frechen Text verlesen: »Die Pfaffen und Mönchsleut weiden sich prächtig, meiden nicht Wein und nicht Weib, das sieht man wohl an ihren feisten Bäuchen und Bälgen. Doch laden sie Gottes Zorn auf sich. Eher glaube ich, daß mein apfelgraues Pferdchen möge lesen und schreiben lernen, als das die Pfaffen und Bischöf selig werden.«

Deutliche Worte. Laut hatten die einfachsten Bauern, pockennarbige Hungerleider allesamt, ihre Zustimmung gebrüllt. Ja, Aufruhr lag dick in den Gassen wie der Geruch frisch gedüngter Äcker. Er, der Bekehrte, wollte nichts zu schaffen haben mit einem Kampf gegen Kirche und Papst, den die Aufrührer einen Wolf nannten. Doch die zerlumpten Marktweiber hatten garstig gefeixt und gescherzt über ihn, den Lumpenmönch, der seiner breiten Schultern und der eisernen Hand wegen nicht nach einem ehrlichen Bettler und christlicher Entbehrung und Demut aussah.

Sie wußten es nicht besser, und tatsächlich lief im Habit der Mönche allerlei Gelump herum. Aber Fresenius hatte es besser gewußt, sich aus allem herausgehalten und das Ende ihres unbotmäßigen Verhaltens vorausgesehen. Mit Sensen und Dreschflegeln war kein Krieg zu gewinnen.

Schon wieder dachte er an Waffen! Ärgerlich zertrat er einige Zweige und spornte sich zu einer schnelleren Gangart an, der Waldboden federte unter seinen Füßen. Schneller als angenommen erreichte er sein Ziel. Der Wald lichtete sich und gab den Blick auf eine einsame, doch recht stattliche Abtei frei. Eine Torfackel warf flackerndes Licht auf eine weißgekalkte Mauer, dahinter erkannte er die spitzen Schatten eines Kapellenturms. Der Anblick tröstete ihn.

Es war ein Augustiner, der die Luke im Tor auf sein Pochen hin aufriß. Fresenius erkannte ihn im unsteten Fackelschein an der Tonsur und dem schwarzen Habit.

»Der Geist der reinen Furcht und der kühnen Stärke Gottes sei mit Euch, lieber Bruder in Christo«, grüßte Fresenius den Nachtwächter, der ihn mißtrauisch musterte und eisern schwieg. »Könnt Ihr einem armen Bruder Herberge für eine Nacht gewähren?« fragte Fresenius, wiewohl ihm das ausdrückliche Betteln nicht lag. Der Augustiner öffnete nun auch das Gitter im Fenster und blickte an Fresenius herab.

»Der Herr mit dir«, brummte er mißmutig, »doch nach einem Bruder in Christo siehst du mir nicht aus.« Fresenius, der den Zustand seiner Kutte, die von Lehm verkrustet und mit Blut verschmiert war, für diese Einschätzung verantwortlich machte, verbarg seine eiserne Hand im weiten Ärmel der Kutte, um keinen Argwohn zu erregen. Er beeilte sich, eine Erklärung zu geben: »Bruder, verzeiht mein Aussehen. Vier Tage und Nächte bin ich nun auf Wanderschaft. Ihr habt gewiß gehört von der großen Schlacht bei Frankenhausen, nun, da komm’ ich her und nur deshalb ...«

Der Augustiner unterbrach ihn mit einem erstaunten Ausruf: »Ihr habt die Schlacht gesehen?«

Fresenius schien es, als mische sich in das Erstaunen ein unseliges Maß an höchst weltzugewandter Neugier, dabei war er sich sicher, daß er einen Augustinereremiten vor sich hatte, der ebenfalls zur Abkehr von allem Diesseitigen verpflichtet war.

»Ja, von Frankenhausen komm’ ich«, sagte er knapp und für einen kurzen Moment in den barschen Ton eines Hauptmannes zurückfallend. Der Augustiner kicherte. »Welch ein Glück, welch unverschämtes Glück.« Fresenius stutzte. Glück war die letzte Empfindung, die er mit den Bildern des Schlachtfelds verband. Doch bevor er eine Frage stellen konnte, entriegelte der Augustiner das schwere Tor und zog ihn herein. »Sei uns willkommen, Freund, du kannst mir einen großen Dienst erweisen.«

Verwundert schaute der Kapuziner nun auf seinen Glaubensbruder herab. Nein, der hatte weiß Gott keinen Grund, die Nase über Fresenius’ Aufzug zu rümpfen. Der ging ja selbst in einer kotverschmierten, schmuddligen Kutte einher. Auch stank der Kerl erbärmlich nach saurem Schweiß, scharfen Zwiebeln und süßem Wein. Seine Ausdünstungen vermischten sich mit dem beißenden Geruch eines Schweinekobens und dem Ruß der Pechfackel, mit dem der Augustiner dem späten Gast nun den Weg wies. Vorbei an den Wirtschaftsgebäuden und dem Schlafsaal seiner Brüder.

»Mein Name ist Bruder Servantus, seid willkommen. Hier entlang, guter Mann. Ihr müßt hungrig sein. Ich denke, von unserer Schweinelende dürfte noch ein Fetzchen übrig sein, und eine Kanne Wein könnte uns beiden nicht schaden.«

»Wein?« fragte Fresenius halb erstaunt, halb entsetzt und stolperte beinahe über ein schwarzes Bündel zu seinen Füßen.

Servantus kicherte, das Bündel schnarchte. »Das ist Bruder Egidius, er weiß noch mehr über Wein als ich, er studiert ihn eifrig.« Er gab dem berauschten Mönch einen Tritt, ein Grunzen war die Antwort. Servantus zuckte die Schultern und wandte sich wieder Fresenius zu. »Nun, wir haben genug davon. Unser Prior duldet keine Nachlässigkeit bei der Abgabe des Zehnts. Er nimmt auch nur vom Besten, schließlich muß der Wein ab und an auch als Blut Christi dienen, wenn der bischöfliche Abt seine Inspektion vollzieht. Ihm können wir schlecht den sauren Tropfen anbieten, den die Bauern zum Meßwein behalten.«

Mehr als die allzu übliche Gier des Priors entsetzte Fresenius die Nachlässigkeit im Glauben: »Aber, Ihr seid Eremiten, wenn ich Eure Kleidung recht erkenne, gilt für Euch nicht auch das Gebot der Enthaltsamkeit? Ich kenne die Regel des heiligen Augustin nicht genau, doch ...«

Wieder unterbrach ihn sein Begleiter mit einem Kichern und wies ihm den Weg durch eine niedrige Tür. »Oh, ich kenne sie auch nicht, doch unser Prior ist ein großzügiger Mann und stammt wie die meisten unserer Brüder aus adligem Haus. Eremit, was zählt das schon? Ich wurde geboren als dritter Sohn des Grafen von Pernau. Ist es meine Schuld, daß sein Gut für drei Söhne kein Auskommen sicherte? Nur der Not halber nahm ich dieses schäbige Gewand an«, er zupfte an seiner Wollkutte, »das scheint mir Entbehrung genug. Enthaltsamkeit, Schweigen, Keuschheit und reichlich Gebete sind gewiß löbliche Dinge, doch unter der sancta laetitia verstehe ich etwas anderes.«

Fresenius wurde an einen groben Tisch gedrängt, nahm sich jedoch kaum Zeit, den Raum – es war die Klosterküche – genau zu inspizieren. »Sancta laetitia?« fragte er statt dessen mit gerunzelter Stirn. »Na, der heiligen Freude wegen, versteht Ihr denn kein Latein?« Fresenius verstand es tatsächlich nicht besonders gut, er war länger Krieger als Scholar gewesen, doch soviel war ihm klar, mit der Gottesfurcht des Bruder Servantus war es nicht weit her. Er wollte das Thema lieber meiden, um nicht in unchristliche Wallung zu geraten. Schon im Feld waren ihm adlige Nichtsnutze, die nur ihrer Geburt, aber nicht ihrem Können eine herausragende Position und Befehlsgewalt verdankten, ein Dorn im Auge gewesen.

»Was für ein Dienst ist es, den ich für Euch tun soll?« fragte er statt dessen knapp, während der feiste Mönch seine enge Kutte der Bequemlichkeit halber über seinen Strick schob und ihm aus einem eisernen Kessel einen Batzen Fleisch mit Brei in eine Schüssel häufte. Sich selbst setzte der Augustiner einen Krug vor und schenkte kräftig vom Faßwein ein.

»Nun«, sagte er und kratzte sich den glänzenden Schädel, »es ist so, daß unser hochverehrter und hochwohlgeborener Abt gewiß eine Chronik der Schlacht wünscht. Doch von uns weiß keiner etwas Rechtes davon, außer daß sie gewonnen wurde und sonst nur das, was unser Holzknecht im Dorf aufgeschnappt hat. Ich kann aber schlecht eine Chronik verfassen aus dem, was ein Holzknecht uns zuträgt. Der bischöfliche Abt ist selbst ein gewandter Kriegsherr und nimmt es daher mit Schlachtberichten sehr genau. Im Vertrauen, er ergötzt sich geradezu daran.« Wieder kicherte der Mönch.

»Wieso geht Ihr nicht selbst hin nach Frankenhausen und fragt die Leut?« Aufrichtig empört sah der Augustiner ihn an und nahm einen kräftigen Schluck, bevor er protestierte: »Wo denkt Ihr hin, wir sind Eremiten, wie Ihr richtig erkannt habt. Was haben wir mit dem gemeinen Volk oder der Welt zu schaffen?«

»Auch ich bin Eremit, gehöre überdies zum gemeinen Volk, und glaubt mir, nichts liegt mir ferner, als mich mit der Welt zu befassen«, erklärte Fresenius mit einem Anflug seiner alten Ungeduld.

»Lieber Bruder, ich wollte dich nicht beleidigen. Der geistliche Stand adelt dich. Und vor Christus sind zumindest wir gleich«, ging der Augustiner über die Bemerkung vom gemeinen Volk hinweg.

Schweigend widmete der Kapuziner sich seinem Braten, packte ihn mit der Linken und biß vorsichtig hinein. Sein Magen nahm so reiche, fette Kost nur widerwillig an und zwang ihn zu bedächtigem Essen.

»Ihr wollt keinen Wein? Dabei plaudert es sich angenehmer«, schmeichelte der Augustiner. Fresenius schüttelte den Kopf. Als sein erster Hunger gestillt war, milderte sich seine Stimmung, und insgeheim bat er Gott um Vergebung für seinen Mißmut gegenüber Servantus. Er hatte nicht das Recht, über diesen Mann zu urteilen, die Wege zum Herrn waren schließlich vielfältig und verworren.

»Ihr wollt also von der Schlacht hören?« Schläfrig nickte der Augustiner, überzeugend wirkte sein Interesse nicht. »Nun, am Montag nach Cantate, dem 15. Mai also, zog sich ein Haufen von bald fünftausend bewaffneten Bauern am Weißen Berg zusammen.«

»So viele?« fragte Servantus, und ein Schauer des Entsetzens durchfuhr ihn, er bekreuzigte sich.

»Vielleicht waren es sogar ein-, zweihundert mehr«, fuhr der Kapuziner ungerührt fort, als ehemaliger Kämpfer wußte er Truppenstärken recht gut zu schätzen. »Sie kamen aus ganz Thüringen und schlugen ein Lager auf. In Flugschriften und Reden führten sie Beschwerde gegen Landes- und Lehnsherren, darunter kirchliche wie weltliche.«

Servantus schüttelte voll Abscheu das Haupt, auf seinem kahlen Schädel tanzten die Schatten der Flammen. »Solch ein dreister Pöbel. Das kommt alles von dieser Wittenbergischen Nachtigall, diesem Kerl Luther, der lästerlichen Unsinn von der Gleichheit und Freiheit vor Gott predigt. Aber was kann man erwarten von dem Sohn eines schmutzigen Bergmanns?«

Fresenius mißfiel die dumpfe Selbstgerechtigkeit des Mönches. Er selbst hielt nicht viel von Luther, aber es drängte ihn, obwohl es unklug war, dem Kerl vor ihm ein wenig aus der Welt der Armen zu berichten, die er gut kannte.

»Ich denke eher, daß es Teuerung und Not, die harte Fron und die hohen Abgaben sind, die sie aufmüpfig machen, dazu das Verbot zu fischen, zu jagen oder Holz zu schlagen«, bemerkte er mit fester Stimme, »sie leiden Hunger, wißt Ihr.«

Die sterbenden Bauern hatten verhärmt und elend ausgesehen, gerade so, wie er seinen Vater, einen einfachen Landmann, in Erinnerung hatte.

Servantus quälte weder Hunger noch die Erinnerung daran. »Ihr übertreibt Euer Mitleid, guter Mann. Was schimpfen diese Karsthänse über Armut? Der Herr selbst hat sie schließlich zum verfluchten Stand erklärt. So steht es in der Bibel, im Buch Mose, wenn ich mich recht entsinne. Das wird ihnen bitter bekommen, wenn sie an Gottes Werken rütteln. Und nun fahr fort mit der Schlacht, laß ihr Blut endlich fließen!«

»Der Acker war rot davon. Es ist ihnen wahrlich bitter bekommen«, sagte Fresenius trocken, »sie sind fast alle tot.«

»Ja, der Herr ist gerecht, Amen«, sagte Servantus befriedigt, dann setzte er unwirsch hinzu: »Aber der Tod ist nicht genug für solche Mordbuben, solch gottloses Gesindel. Im ewigen Feuer der Verdammnis sollen sie schmoren, man sollte ihnen die Augen mit glühenden Zangen ausreißen, die Zungen spalten, ihre Kinder müssen büßen bis ins siebte Glied!« Der Wein gab seiner christlichen Inbrunst Feuer.

»Dafür«, unterbrach Fresenius den Redefluß mit schneidender Stimme, »sorgen bereits die Fürsten. Glaubt mir, sie werden nicht ruhen, bis sie jedem Bauern sein Leben zur Hölle gemacht haben.« Der Galgenbaum kam ihm in den Sinn. Servantus aber lehnte sich zufrieden zurück und gab seiner ehrlichen Erleichterung durch ein kräftiges Rülpsen Ausdruck. Wieder stahl sich der deutliche Geruch scharfer Zwiebeln in Fresenius’ Nase, mit einem Wedeln seiner linken Hand versuchte er ihn zu vertreiben. Servantus rückte seinen Schemel näher zum Feuer und legte seine Beine auf den Tisch, um sie nach Flohstichen zu untersuchen. »Ein lästiges Geschmeiß«, schimpfte er, und es war unklar, ob er die Flöhe oder die Bauern meinte.

»Wollt Ihr nun von der Schlacht erfahren oder nicht?« knurrte Fresenius ungehalten.

»Oh gewiß, aber Ihr schwatzt so viel vom Elend der Landleute, daß mir ganz langweilig davon wird. Mir brummt schon der Schädel.«

»Am Wein kann das wohl nicht liegen?«

Kichern. »Ach, Ihr seid mir aber ein Bruder Sauertopf, erzählt mir lieber, wie die Fürsten dem Gesindel den Garaus machten. Wie gesagt, der bischöfliche Abt liebt solche schmückenden Einzelheiten.«

»Aus dem Hinterhalt«, sagte der Kapuziner, und gegen seinen Willen ballte sich seine linke Faust, es mußte der Kriegsmann in ihm sein, der die Faust ballte. »Die Bauern hatten einen Brief mit ihren Forderungen an die Fürsten geschickt und wollten mit dem Landgrafen von Hessen, dem Herzog von Braunschweig und dem Herzog von Sachsen verhandeln, die mit ihren Reitereien und Söldnerheeren herbeizogen.«

»Verhandeln?« kreischte Servantus und schlug sich auf die Knie, als habe der Kapuziner einen gelungenen Scherz gemacht. »Ja, verhandeln«, sagte Fresenius heiser, »sie wollten, so sagten sie, kein Blut vergießen.«

»Hahaha, Angst hatten sie, diese feigen Schwätzer, diese Feldmäuse«, meinte Servantus zu wissen.

Damit lockte er den Kriegsmann in Fresenius endgültig aus der Reserve. Ungestüm brach er hervor: »Was verstehst du, der du im Speck deiner Gleichgültigkeit wohnst, von Feigheit oder Tapferkeit? Nennst du einen Haufen Hungerleider feige, die mit Fischspießen, rostigen Flinten, Dreschflegeln oder Sensen gegen ein wohlgerüstetes Heer von geharnischten Reitern und Kanonen ziehen?« Servantus nahm die Füße vom Tisch, rückte den Schemel näher heran und blitzte Fresenius wütend an. »Besinne dich, wer du bist, Bruder. Verblendet nenn’ ich das, gotteslästerlich, verderbter als die Saat Satans.« Der Kapuziner zuckte, fürwahr, er hatte nicht wie ein Geistlicher, sondern wie ein Krieger gesprochen. Im Hof schlug der Hund an. »Willst du nicht sehen, wer die Nachtruhe stört?« fragte Fresenius versöhnlich und ernsthaft bemüht, seinen unseligen Groll zu mildern. Was hatte er sich nur wieder hinreißen lassen! Der Mann, so feist und versoffen er sein mochte, hatte ja recht. Die Bauern waren Irrgläubige, verlorene Seelen, der Kampf war nicht ihr Geschäft, Demut ihre Berufung.

Servantus bemerkte den milderen Ton und war leicht zu beschwichtigen. Er lehnte sich wieder zurück.

»Wollt Ihr nicht nachschauen?« fragte Fresenius ein zweitesmal und aus echtem Interesse, denn der Hund kläffte beharrlich weiter. Servantus bewahrte seine eben zurückgewonnene Seelenruhe und seine bequeme Position nahe beim Feuer. »Ich brauche nicht nachzuschauen. Es wird der Prior sein. Er hat heute nacht zu tun.«

»Wird er nicht erzürnt darüber sein, daß Ihr Eure Nachtwache so vernachlässigt?«

»Oh, eben das Gegenteil. Er schätzt in Nächten wie diesen meine Nachlässigkeit.«

Der Kapuziner krauste die Stirn. Servantus zwinkerte ihm verschwörerisch zu: »Er ist nicht allein, versteht Ihr?« Fresenius schüttelte den Kopf.

»Nun, er hat heute seine Messe im nahegelegenen Nonnenstift gehalten, und gewöhnlich pflegt er danach eine der Novizinnen mit hierher und gesondert ins Gebet zu nehmen. Sancta laetitia, Ihr wißt schon.«

»Das kann nicht wahr sein.«

»O mein Gott, Ihr wißt wirklich nichts von der Welt. Soll ich Euch die Früchte der nächtlichen Bemühungen zeigen? Sie liegen unter dem Lehm des Schweinekobens verscharrt. Die Schöße der Bräute Jesu Christi sind selten jungfräulich, aber oft recht fruchtbar.«

Fresenius erstarrte unter dem Kichern des Mönches, das nun zu einem fetten Lachen anschwoll. »Und Ihr nennt die – Bauern verderbt«, zischte Fresenius schließlich voll Ekel und Abscheu. »Was sagt Ihr?« fragte Servantus, sich die Lachtränen aus den Augen wischend. Der Kapuziner besann sich, er war kein Bekehrer, die Mission nicht seine Pflicht.

»Nichts, guter Mann. Ich bin nur müde von den Anstrengungen der letzten Tage.«

»Ihr seid müde? Ist das der Dank für ein so prächtiges Stück gesottenes Schwein? Ein Mittelstück noch dazu und mit Honig gesüßter Gerstenbrei«, wurde Fresenius noch einmal jeder Bissen in den Mund gezählt. Doch die Rechnung, die Servantus aufmachte, war noch nicht zu Ende. »Müde. Müde. Was soll denn ich sagen? Ich scheue keine Mühe, um es Euch wohl gehen zu lassen, Ihr schlagt Euch den Wanst voll und speist mich mit Euren mageren Schlachtberichten ab, lästert Gott, redet den Armen das Wort. Was soll mir das nutzen?«

»Ihr batet mich um diesen Dienst.«

»O nein, nein, darum bat ich nicht. Ich bat Euch um eine Chronik für den bischöflichen Abt. Eine, die ich vorzeigen kann.«

Endlich verstand der Kapuziner. Sein Gastgeber wollte sich um die mühselige Schreibarbeit drücken. »Ich bin Kapuziner. Wie du vielleicht weißt, lehnen wir jede wissenschaftliche Tätigkeit ab, sie scheint uns nicht tauglich, um Gott zu finden.«

Wieder brach der Augustiner in Gelächter aus. »Das also ist es. So verquer hat mir noch keiner erklärt, daß er nicht schreiben kann. Ja, ja, das gemeine Volk ist wirklich nicht allzu verständig.« Der Kapuziner erhob sich von seinem Schemel und richtete sich zu seiner ganzen, stattlichen Größe auf. »Ihr irrt, ich bin des Schreibens durchaus mächtig, und es liegt mir fern, Euch etwas schuldig zu bleiben. Führt mich in die Schreibstube.«

»Nur wenn Ihr versprecht, all diesen Unsinn über die Not der Bauern wegzulassen.«

»Ich werde mein Bestes geben«, sagte Fresenius grimmig. Stolz verbarg er weiterhin seine eiserne Kralle im Kuttenärmel, wiewohl sie eine treffliche Entschuldigung gewesen wäre, das Amt des Chronisten nicht zu übernehmen. Daß er auch mit der Linken die Feder führen konnte, grenzte schließlich an ein Wunder. Servantius führte ihn in eine Schreibstube und verschwand grußlos.

Das unruhig flackernde Licht des Öllämpchens warf kleine tanzende Schatten auf die weißgekalkte Wand der Klosterzelle. Bruder Fresenius trat in Gedanken versunken hinter eines der grob gezimmerten Schreibpulte. Fröstelnd rieb er mit seiner grobknochigen linken Hand seine Schultern. Kühlere Nachtluft drang jetzt durch ein vergittertes Mauerloch, das Fenster zu nennen eine Übertreibung gewesen wäre.

Immer noch schlug der Hund an, und immer noch taten seine Gedanken ungebärdige Sprünge. Mißmutig blickte er auf das Pergament herab, Chroniken und Studien waren nicht seine Sache. Nur eine einzige wissenschaftliche Leidenschaft hatte der Bauernsohn je gekannt. Es war die Lektüre von Werken der Kriegs- und Waffentechnik, wie Abrahams »Feuerwerksbuch« über das Schießpulver von 1422 oder das wenige, was ihm während seiner Zeit in Italien von dem zeitgenössischen Universalwissenschaftler Leonardo da Vinci über Fluggeräte oder den Bau von Tauchglocken zum Angriff auf Belagerungsflotten in die Hände gekommen war.

Doch dieses Kapitel war abgeschlossen, den Kämpfer in sich hatte er besiegt, so predigte er sich selbst. »Meine Demut ist so vollkommen«, murmelte Fresenius mit einem Anflug von Sarkasmus, »daß ich sogar zu dem lästigen Dienst bereit bin, den du, Servantus, mir aufzwingst.« Er tunkte einen frisch geschnittenen Gänsekiel in ein Tintenfaß und glättete das frische Pergament aus ungegerbter Ziegenhaut mit der eisernen Faust. Immer noch gab man in Klöstern dem Pergament den Vorzug vor dem groben, grauen aus Lumpenbrei geschöpftem Papier, auf das die Bauern ihre Forderungen und Städter ihre Bücher drucken ließen. Handschrift und Pergament, für die gelehrten Augustiner bedeuteten sie ein Festhalten an der alten, göttlichen Ordnung.

Die beweglichen Buchstaben hingegen, so schimpften sie, die dieser Kerl Gutenberg erfunden hatte, brachten auch die Gedanken der einfachsten Leute in Bewegung. Gierig lasen sie oder – besser – ließen die meisten sich vorlesen, was so mühelos aus den städtischen Druckerpressen hervorquoll. »Rasch geschaut, rasch verdaut, nix als Scheiß«, scherzten die Handschreiber.

Fresenius schrieb zögernd und etwas ungelenk die ersten Worte: »Dies sind die Annalen des Klosters von Pernau zu Thüringen. Zu berichten ist von dem großen Schlachten und Sterben der Bauern vor Frankenhausen im Jahre des Herrn 1525.« Das war wohl ausgedrückt für einen, der das Schreiben verabscheute. Fresenius lächelte über seinen Anflug von Eitelkeit.

Doch dann drängten sich die Geräusche der Schlacht wieder auf. Der Angriff der fürstlichen Reiterei hatte den Bauernhaufen unvorbereitet getroffen, als sie – unbewaffnet, am Fuße ihres Berglagers – wie die Schäflein der Predigt ihres Führers gelauscht hatten. Verzückt und darauf vertrauend, daß noch der Waffenfriede zwecks Verhandlungen herrsche. Doch die Fürsten hatten keinen Frieden gewahrt. Nein, so konnte er das nicht schreiben. Von Tapferkeit mußte die Rede sein, nicht vom Hinterhalt.

»Es war eine Kriegslist«, rief sich Bruder Fresenius zur Ordnung. Eine erlaubte Kriegslist der Herren.

In Mühlhausen, so rief er sich ins Gedächtnis, hatten Rebellen die Getreide- und Fleischvorräte des Deutschritterordens an die Stadtbettler verteilt. Was für ein Frevel gegen die gottgewollte Weltordnung! Denn wie hieß es in der Bibel? Die hier unten ein Jammertal durchleben, werden hernach im Himmel die Fürsten sein.

Fresenius schob den Gedanken an das brennende Frankenhausen, in dessen Mauern die Fürsten ein schreckliches Blutgericht unter den letzten geflohenen Schwärmern abgehalten hatten, beiseite und griff beherzt wieder zur Feder. Chronistenpflicht.

»Schon zuvor war über ein Jahr wohl große Unruhe im ganzen Land. Vom Klettgau bis in den Schwarzwald zogen Bauern eine Spur aus Blutrunst und Büberei bis hin zu uns ins Thüringische. Sie brandschatzten Burgen und Klöster, verstreuten Reliquien. In Frankenhausen empfingen sie ihre gerechte Strafe.« Ja, das las sich gut, das klang nach Tatsachen und nicht nach wirren Glaubenszweifeln.

Allein, so schlich sich plötzlich wieder ein ketzerischer Gedanke in Bruder Fresenius’ militärisch geschultes Hirn, war es nicht eine ungleiche Schlacht gewesen? Schilderte er nicht den Sieg des Giganten über Armselige und schob dabei die Schuld der Maus statt der Katze zu? Er war doch schließlich Waffenkenner!

Ach, die Bauern waren Opfer eines blinden Irrglaubens geworden. Selbst Luther, auf den sich einige beriefen, hatte die Kämpfer eine räuberische Rotte gescholten. Die Bauern zu Frankenhausen aber wurden geführt von einem wahrhaft argen, falschen Propheten, der Thomas Müntzer hieß und den Armen predigte, Gott habe ihm das Schwert aus der Schrift verliehen. Wozu er die Bibel in teutscher Sprach und den Propheten Daniel zitierte und verkündete: »Die Herren sind nur Diener des Schwerts, das nötlich ist, um die Gottlosen zu vertilgen und das Volk zu schützen. Wo die Fürsten dies aber nicht tun, so soll ihnen das Schwert genommen und wider sie erhoben werden.«

Das Schwert aus der Schrift. Wieder hielt Fresenius inne, gedankenverloren fuhr er sich mit dem Ende des Federkiels über die Oberlippe und starrte auf die kleinen züngelnden Schatten an der Wand. Teuflische Schatten, die sich in kleine sensentragende Gnome verwandelten, winzige tanzende Bauern. »Höllenbrut«, zischte Fresenius und war geneigt, gleich Luther auf der Wartburg, sein Tintenfaß nach ihnen zu werfen und »Weiche von mir, Satan!« zu rufen. Satan? Er dachte an den kaum vierzehnjährigen Frankenhäuser Buben, dessen stilles, furchtsames Gesicht vor seinen Augen von den Stahlstacheln eines Morgensterns zerschmettert worden war.

Zuckend war der Junge niedergesunken, sein Gesicht eine einzige blutende Wunde. Kurz zuvor hatte er mit seligem Blick aus hell leuchtenden Augen noch das von Müntzer angestimmte Pfingstlied gesungen:

Komm zu uns Schöpfer, Heil’ger Geist,

erleucht dein’ arme Christenheit,

erfüll unser Herz,

das zu dir seufzet, mit innerlichem Schmerz.

Die klare, reine Stimme des Knaben, gemischt mit dem rauhen Gesang aus vielen Männerkehlen hatte Fresenius mächtig ergriffen; da wurde nicht müde geleiert wie im Chor von satten, feisten Klosterbrüdern. Inbrunst gab der Melodie leuchtende Kraft und trug sie weit über das Feld.

Lächerlich, schimpfte Fresenius seine plötzliche Schwäche und versuchte ärgerlich einen Tintentropfen von dem Pergament zu kratzen, wobei dieser Form und Gestalt eines Blutspritzers annahm.

Nein, vielleicht nicht lächerlich. Es war ihnen ein heiliger Ernst gewesen. Und wer die Bibel in weltlichem Sinne las, der konnte Stellen wie die über das Schwert, das man gegen falsche Fürsten erheben dürfe, aus dem Propheten Daniel wohl wirklich falsch deuten.

So wie dieser Müntzer, der vor der Schlacht frech gepredigt hatte, mit zerquälter, zorngefurchter Stirn und in flammender Sprache.

»Was aber sind die Fürsten? Sie sind nichts als stierwütige Tyrannen, schinden die Leute. Unser Blut vertun sie mit Hofieren, mit unnützer Pracht, mit Huren und Spitzbuben. Es hat Gott geboten im Deuteronomium, es soll ein König nicht viele Pferde mit sich führen und keine große Pracht veranstalten. Auch soll ein König täglich das Gesetzbuch in den Händen haben. Was aber tun unsere Fürsten? Sie nehmen sich des Regierens nicht an, hören die armen Leute nicht, sprechen nicht Recht, halten die Straßen nicht rein, wehren nicht Mord und Raub, verteidigen nicht die Witwen und Waisen, fordern den Gottesdienst nicht. Diese dürftigen Madensäcke verderben uns Arme mit immer neuen Lasten, das Land mit unnötigen Kriegen. Rauben, Brennen, Morden, das sind fürstliche Tugenden. Und selbst wenn solches zu dulden wäre, so kann Gott doch das nicht dulden, daß sie den falschen Gottesdienst der Pfaffen und Mönche verteidigen.«

Das war ein grobes Stück. Und kurz vor Ende dieser Predigt hatten die Fürsten denn auch ihren Angriff gewagt, um der Lästerei ein Ende zu setzen. Im Namen des Herrn.

Die blakende Fackel schickte stinkenden Ruß zur Decke. Pesthauch der Hölle, fluchte Fresenius, doch dachte er dabei an einen Regenbogen. Ja, einen Regenbogen, deutlich sah er ihn jetzt wieder vor sich. So deutlich wie zu Frankenhausen.

Als die erste Kanonensalve die Versammlung der Bauern zersprengte, die Leiber einiger von ihnen zerriß und die geharnischte Reiterei herangaloppierte, hatte Müntzer in den Himmel gezeigt. Fünftausend Hälse reckten sich empor.

Ein mächtig schillernder Regenbogen umkränzte die Sonne. Ein Regenbogen genau wie der, den Müntzers Bundesgenossen auf ihre Fahnen malten. Jenem Regenbogen nachgeformt, den Gott, nachdem er mit der Sintflut alle verderbten Menschen vertilgt hatte, in die Wolken setzte, zum Zeichen, daß sein Bund mit Noah und seinen Söhnen ein ewiger sei. »Sehet«, hatte Müntzer gerufen, »sehet, Gott gibt uns ein Zeichen, daß wir recht tun. Flieht nicht, sondern kämpft! Ihr seid Kämpfer Gottes, und dies ist eine Schlacht im Namen des Herrn.«

Fresenius erschauerte, als er an diese Szene dachte. Die Feder entglitt seiner linken Hand. Die letzten Zeichen von Abgeklärtheit wichen aus seinen Zügen. Der Kapuziner starrte auf einen Riß in der Mauer, und plötzlich war es ihm, als ginge dieser Riß mitten durch sein Herz, dem er lange sein Recht versagt hatte. Nun schlug es wild aus wie ein sich aufbäumendes Pferd. Fresenius wehrte sich vergeblich gegen dieses aufbrausende Gefühl, ihm rauschte das Blut in den Ohren. Er unterlag.

Da war ein Regenbogen gewesen. Ja. Und dieser Regenbogen hatte auch seine Seele erleuchtet. Mitten auf einem Schlachtfeld. Es durchfuhr ihn eine Erkenntnis, die größer war als alles, was er je empfunden hatte. Müntzer war kein Ketzer, sondern vielleicht ein Gesandter Gottes, ein Kämpfer gewiß, und ein zwar grober, aber auch großer Mann. Der Eine unter Tausenden, der verkannte Messias vielleicht. Fresenius griff beherzt und begierig zur Feder, aus seinem tiefsten Innersten flossen nun die Worte. Es waren Worte, an Gott gerichtet. Welcher Frevel und welche Lust, sich ihm einmal direkt anzuvertrauen. Servantus sollte seine Chronik haben. Kratzend flog die Feder über das Pergament. In nichts glich die Schrift des Kapuziners den wohleinstudierten, schön geschwungenen Buchstaben, mit denen die Augustiner gewöhnlich ihre Chroniken zu führen pflegten. Auch vergaß er, Sand über die frische Tinte zu streuen, so daß einige Worte häßlich unter dem Ärmel seiner groben Kutte verschmierten.

Ein reißender Schmerz ging durch jeden einzelnen Satz. Er schrieb nieder, was er gesehen und empfunden hatte. Und dann schloß er mit einem letzten, verzweifelten Satz: »Herr, führe mich in den Kampf, auch wenn die Sache verloren ist, denn hier auf Erden ist unsere Hölle.«

Fresenius ließ die Feder sinken, wieder bellte im Hof der Hund. Ja, es war etwas verkehrt in der Welt, und das war nicht die Bibeldeutung Müntzers, denn die nahm das Heilige Wort ernst und wörtlich. Fresenius sank auf die Knie, Tränen schössen in seine Augen, strömten seine Wangen herab.

Nie zuvor hatte er etwas Ähnliches empfunden, tiefsten Schmerz und tiefste Beglückung zugleich, den Mut zum eigenen Gedanken. Und dann war es Fresenius, als ströme durch das Mauerloch nicht mehr der Gestank vom Schweinekoben, sondern der süße Duft der Nazarener-Rose. Lieblich und betörend schwer.

Der Kapuziner legte sich nieder auf die kalten Ziegel und schloß die Augen. Vor ihm erschien das Bild einer heiligen Frau. Sanft war ihr ovales, weißes Gesicht, doch ihre Lippen, ihre Augen waren nicht zu erkennen. Die Mutter Gottes? Nein, nicht die Mutter Gottes. Und dann hörte er eine wunderbare Stimme. »Du bist ein Krieger Gottes, und dein Kampf ist nicht zu Ende.«

Fresenius erschrak nicht. Erst als der süße Duft verflog und er widerwillig die Augen öffnete, durchrieselte ihn ein Schauer. Die Glocke läutete zur Prim. Zeit zum ersten gemeinsamen Gebet der Brüder, sechs Uhr morgens. Fresenius trat ans Fenster. Im blasser werdenden Mondlicht glänzte das Stroh im Hof, als sei es von Silber gesponnen. Die Glocke verhallte ungehört, keiner der Brüder eilte zum Gebet. »Dieser Ort liegt fern von dir, Herr«, murmelte der Kapuziner, schnürte Kutte und Bündel und machte sich auf den Weg.

Kapitel 2.

»Magd, hol Wein,

Knecht, schenk ein,

Edelmann trink aus,

Bauer zahl’s – dem Schmalztopf ist der Boden aus.«

Spottgedicht, 1525

Der Stumpf wurde bereits brandig, verzweifelt rieb Bauer Rufus Salz in die Wunde, so wie es der reisende Bartscherer im Dorf bei kleinen Schnitten und Wunden tat. Ein stechender, brennender Schmerz war der Lohn. Stöhnend sank er auf den feuchten, harten Stein des Bergwerkschachts nieder.

Er war der Hölle von Frankenhausen entkommen, indem er sich tot gestellt hatte. Die Häscher waren auf dem Schlachtfeld an ihm vorbeigeritten, während er, schwer verletzt, Wasser und reinstes Blut geschwitzt hatte, halb ohnmächtig vor Schmerz, Furcht und bitterem Zorn.

Wasser sammelte sich jetzt über ihm in den Rillen der Stollendecke und tropfte in sein müdes Gesicht. Ausruhen, er wollte endlich ausruhen.

Der Himmel wußte, ob er diese Wunde würde überleben können. Irgendwo, in einer schmutzigen Ackerfurche vor Frankenhausen, lag nun sein halber rechter Arm, abgehauen mit einem Hieb, und faulte mit dem Unrat und Kot. Blutig waren die Felder gewesen. So dicht hatten die Leichen darin gelegen, daß die Pferde ins Stolpern gerieten. Die übermenschliche Wut und der Schock hatten den Bauern überleben lassen, des Nachts war er geflohen. Erst war er über den Acker gekrochen, immer und immer wieder sich duckend, das Gesicht in den Schmutz pressend, um Atem zu schöpfen und sich nicht den Truppen der Herren zu verraten, die das Schlachtfeld durchstreiften, um den Gefallenen ihre letzte Habe zu rauben. Endlich hatte er den rettenden Wald entdeckt, hatte sich unter Aufbietung aller Kräfte aufgerappelt und auf den Weg zu dem verlassenen Bergwerk gemacht. Verbissen hatte er gegen jede Schwäche angekämpft und hatte es tatsächlich in den sicheren Tunnel geschafft.

Doch jetzt, im Moment der Ruhe, spürte Rufus den nagelnden Schmerz der Wunde doppelt schwer. Das Schwert des Söldners war gut geschärft gewesen. Ein einziger, gezielter Hieb hatte ihn gefällt. Ja, die Soldaten der Herren waren wohl geübt gewesen und gut vorbereitet zur Schlacht.

Anders als wir tumben Schwärmer, dachte Bauer Rufus bitter. Wir, die wir einen Gottesdienst hielten, statt mit der Heimtücke der Angreifer zu rechnen. Der Herr war nicht mit uns, durchzuckte es ihn. Dann umhüllte ihn gnädig das weiche Dunkel der Bewußtlosigkeit.

Lange war im finsteren Stollen nichts zu hören als das träge Plätschern kleiner Wassertropfen, das im Gewirr der Gänge verhallte. Dann – ohne daß Bauer Rufus es vernahm – näherten sich tastende Schritte, begleitet von leisem Sporengeklirr. Eine Fackel wurde in den Stollen gehalten.

»Schaut, Herr, dort, das Häuflein, mir scheint, das ist ein Mensch.« Aufgeregt deutete Landsknecht Michael mit seiner Pechfackel auf die zusammengekrümmte Gestalt, die den sauren Schweiß des Sterbenden ausschwitzte.

»Nenn mich einmal noch Herr, und es wird dir übel bekommen, Bursche! Nach dieser Schlacht ist ein jeder Fürst und Ritter dieses Titels verlustig gegangen, Herr«, knurrte Graf Albert von Traubstedt und folgte widerwillig dem kargen Lichtschein. Im Kegel der Flamme entdeckte dann auch er den Sterbenden. »Fürwahr, ein Mensch. Ein Bauer dünkt mich, schau nur, Michael, das stumpfe Kurzmesser in seinem Gürtel, die kreuzweise gebundenen Schuhe. Bei Gott, es muß einer der unseren sein. Der ist mehr tot als lebendig.«

Der Herr und sein Knecht bückten sich und stolperten in den niedrigen Stollen vor, der tief in den Berg hineinreichte.

»Was für ein Kerl«, staunte Michael, »schaut nur, sein Arm ist ihm halb vom Rumpfe abgeschlagen, und doch hat er sich hierher gerettet. Zwei Tagesmärsche sind es von Frankenhausen bis hierher. Weiß nicht, ob er das überlebt, die Wunde scheint brandig. Herr, dieser Gestank! Sein Gesicht sieht aus, als habe er bereits Gott geschaut oder den Teufel.«

Der Graf nickte. Sinnend betrachtete er den hageren, kleingewachsenen Mann vor sich. Die groben Züge, die wettergegerbte Haut, das struppige dunkle Haar. Alles wies ihn als Landarbeiter aus, der vielleicht um die fünfunddreißig Sommer gesehen hatte. Das Alter war bei diesen hart arbeitenden Leuten schwer zu schätzen.

»Ja, egal, was einer auch behaupten mag, diese Bauersleut waren tapfere Kämpen, wünschte, meine Schar wäre so wohlgemut bei Pavia auf die Franzen losgezogen.« Unbeholfen näherte er sich dem Ohnmächtigen, streckte eine Hand vor und zog sie im selben Moment wieder zurück, ohne den Mann zu berühren. Wie befaßte man sich mit einem Sterbenden? Sein Handwerk war das Töten, nicht das Heilen. Dafür waren die Feldscherer und Apotheker da, aber bei Frankenhausen hatte es keinen Feldscherer gegeben. Nur Gottvertrauen.

»Laßt ihn ruhig liegen«, sagte plötzlich eine Stimme. Eine weibliche sanfte Stimme, die aus dem Dunkel direkt vor ihnen kam. Michael ließ vor Schreck die Pechfackel fallen. »Wer da?« rief in barschem Ton der Graf und zog zugleich sein Schwert aus der Scheide. Die Stimme lachte. Kein höhnisches Lachen, sondern ein sanftes liebliches Lachen aus einem Frauenmund. Michael griff, von diesem Klang erleichtert, zur Fackel und leuchtete in das dunkle Ende des Tunnels hinein.

»Ihr werdet Euch nicht fürchten vor einem schwachen Weib«, sprach die Stimme sanft, und doch war es Michael, als läge leichter Spott in den Worten. Die Flamme leuchtete ein Gesicht von grotesker Häßlichkeit aus. Es war zerlöchert von Pockennarben. Michael zuckte zurück, war das eine Aussätzige, eine, die die Türkenpest am Leib trug?

Das alte, verhutzelte Weiblein blickte aus klugen, haselbraunen Knopfaugen auf die beiden Kämpfer. »Hab’ ich euch die Sprache verschlagen? Laßt gut sein, mein Gesicht ist mein Fluch, aber euch nicht gefährlich, alle Krankheiten, die es gezeichnet haben, habe ich wohl überstanden. Ich trage keine Waffen bei mir, keine Waffen, wie ihr sie kennt. Ihr seid Eindringlinge in mein stilles Reich. Auf zwei Jahre sah ich hier nicht einen Menschen, und nun ist es, als sei Kirchmeß in meinem Salzstollen. Wollt ihr schürfen? Ich rate euch ab, hier ist lange nichts mehr zu holen.«

Der Graf von Traubstedt erholte sich dank dieser munteren Rede von seinem ersten Schrecken. »Weib, wer bist du?«

»Das tut nichts, edler Mann. Nennt mich Märthe. Mehr braucht es nicht. Mir ist bekannt, was Euch hierher verschlagen hat. Die verlorene Schlacht von Frankenhausen, nicht wahr? Gott gab mir Kunde von dem schrecklichen Sterben.«

Der Graf musterte sie verächtlich, Märthe lächelte wissend und zuckte mit den Schultern. »Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes lautete Eure Losung, nicht wahr? Was hilft’s? Ich muß mich um diesen Mann hier kümmern. Er ist zu retten, also tretet beiseite.«

Der Graf, sonst nicht gewohnt, Befehle zu empfangen, gehorchte den bestimmten Worten des Weibleins sofort. Märthe kniete neben dem halbtoten Bauern nieder und zog einen Beutel unter ihren lumpigen Röcken hervor.

»Sammelt Wasser«, wies sie Michael an und reichte ihm zugleich einen silbernen Becher aus den unergründlichen Falten ihres Gewandes. Gehorsam hielt Michael den Becher unter ein Rinnsal, das sich seinen Weg von der feuchten, mit bizarren Kalkfingern übersäten Decke zum Boden suchte. Als das Gefäß halbvoll war, reichte er es der seltsamen Frau. Märthe entnahm ihrem Beutel ein stark riechendes Kräutersträußlein und zerrieb es über dem Becher.

Der Graf erkannte nur den Duft von Lorbeer und Bilsenkraut, von dem es hieß, daß es eine stark schmerzlindernde und betäubende Wirkung habe.

Dann zog Märthe ein kleines Fläschchen hervor und träufelte daraus eine Flüssigkeit auf ein erstaunlich sauberes Leintuch. »Das wird die Wunde reinigen und dem armen Mann seine Kraft wiedergeben«, erklärte sie. Der Graf zuckte nur die Schultern.

Sie sprengte Kräuterwasser über den brandigen Stumpf und verband die Wunde mit dem Tuch. Dann strich sie dem Bewußtlosen den Rest des seltsamen Gebräus und eine Salbe mit Bilsenkraut auf die Lippen und murmelte heiser eine uralte heidnische Formel: »Wie die Beinrenke, so die Blutrenke, so die Gliederrenke: Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied, als ob sie geleimt seien.«

»Seid Ihr mit dem Teufel im Bunde?« fragte jetzt zornig der Graf, dem alles Heidentum noch mehr zuwider war als die gottlosesten Katholiken.

»Wenn Ihr die Erde als von Gott bestellt erachtet und alles gutheißt, was in der Welt vorgeht, so sage ich ja. Ich bin mit dem Teufel im Bunde, denn mir ist danach, die Dinge nicht so zu lassen, wie sie sind. Glaubt Ihr aber nicht, daß all dies Elend und die allgemeine Unwissenheit Gottes Wille ist, so wage ich zu sagen, mein Bündnis ist oben im Himmel gemacht.«

»Oho, du scheinst mir ein weises, gewitztes Weib zu sein«, sprach der Graf voll Spott.

»Nenn mich lieber eine Unbelehrbare, edler Herr. Wie ich sehe, gehörst auch du meinem Geschlecht an, denn du scheinst eine Vorliebe für aussichtslose Schlachten und das Los des Entrechteten zu hegen.« Märthe lächelte sanft und musterte die zerfetzten Beinkleider des Grafen, die so gar nicht zu seinem herrischen Auftreten paßten. Glomm da nicht ein Funken stillen Triumphs in ihren schelmischen Augen?

»Still«, mahnte plötzlich Michael, »mir scheint, ich höre Schritte.« Die seltsame kleine Gemeinde lauschte atemlos. Tatsächlich, da näherte sich einer mit festem Tritt, ein feines Trappeln folgte ihm wie von Rehhufen, so sanft und unbestimmt. Michael löschte die Pechfackel.

Und doch, der Geruch würde sie verraten. Welch ein Ärgernis. Drei Tage nun waren sie auf der Flucht, den Schergen der Landesfürsten entkommen, und nur nachts hatten sie sich durch die thüringischen Wälder geschlagen auf der Suche nach der verlassenen Salzsode. Glücklich hatten sie schließlich den von dichtem Gestrüpp überwachsenen Eingang zu den bald fünfzig Jahre alten Stollen und Schächten gefunden, frohgemut, nun ein sicheres, einsames Versteck zu haben, in dem sie ausruhen und neue Pläne schmieden konnten.

Michael umfaßte mit hartem Griff seinen Morgenstern, der Graf zückte wieder sein Schwert, die festen Tritte kamen näher. So still waren die beiden Kämpfer und das Kräuterweib, daß sie wieder das Tropfen des Wassers auf den Stein im Gewirr der verlassenen Tunnel vernahmen.

Einzig das Stöhnen des Verwundeten zu ihren Füßen verriet sie. Graf von Traubstedt hob das Schwert. Er würde ein Dutzend seiner Verfolger noch mit ins Grab nehmen, das schwor er sich mit dem Übermut des jungen, unermüdlichen Kämpfers. Er war eisern entschlossen.

»Hab acht, Katharina, der Boden ist feucht. Soll ich dich ein wenig um die Taille fassen und stützen?«

»Wage es, und du wirst eine Antwort bekommen, die dir nicht schmeckt, lieber Hans, und rote Backen beschert«, antwortete kratzbürstig eine Jungmädchenstimme.

Der Graf ließ sein Schwert sinken, Michael ärgerte sich über den vorschnellen Verlust der Fackel, und Märthe lachte perlend. Seltsam, dachte der Graf, ihre Stimme ist die eines lieblichen jungen Mädchens und ihr Gesicht das einer Hexe. Teufelei, fürwahr! Doch was sollte jede Furcht, er hatte Satan ins Antlitz gesehen in der Schlacht zu Frankenhausen. Was nun noch kam, konnte nicht schlimmer sein. Er war ein wirklich junger Mann, trotz seiner dreißig Jahre, trotz seines Kriegszugs über den Brenner.

Der unbekannte Hans und seine Katharina waren dem Lachen gefolgt, darauf vertrauend, daß ein Lachen kein böses Omen sein konnte. Beide waren einfache Leut. Hans, der Druckergeselle, und Katharina, Tochter einer armseligen Melkmagd.

»Hallo, gute Leute«, klang es denn auch zuversichtlich vom Anfang des Stollens, und ein mageres Lichtlein beschien die kleine Versammlung, die mit ihren Rücken den verletzt daliegenden Bauern verdeckte.

»Holla! Wir sind finstere Gestalten wie Ihr, habt Ihr wohl einen Bissen Brot oder besser ein Ende Schinken, wir sind hungrig wie die Tanzbären.« Munter plauderte Hans, der eine Laute mit bunt flatternden Bändern auf dem Rücken trug, auf die hohen Herren zu.

Ihren Stand erkannte er am Harnisch und den edlen Handschuhen. Und ein Blick in die Gesichter verriet ihm, wer der Herr war, der mit dem fast beilförmigen Gesicht und dem harten, angriffslustigen Blick aus klaren Augen. Der Landsknecht neben ihm war wohl an die zehn Jahre älter, mißtrauisch sah er aus; seine Stirn trug tiefe Linien, er legte sie wohl oft in Falten, so wie jetzt. Um den schmalen Mund lag ein erbitterter Zug, der von großer Entschlossenheit, aber auch von mannigfaltigen Enttäuschungen erzählte. Ihm fehlte die vorpreschende Art und das leicht entflammbare Temperament seines Herrn. Ungefährlicher war er nicht.

Dennoch wußte Hans, er war in Sicherheit. Denn der edle Ritter vor ihm trug einen gemalten Regenbogen, das Zeichen der Aufständischen, auf seinem Brustpanzer. Die geschlitzten Pluderhosen des baumlangen, kräftigen Landsknechtes leuchteten in den Farben der Rebellen. Hans streckte ihm die Hand entgegen. »Seid mir gegrüßt, liebe Brüder in Christo.« Michael nannte den munteren Lautenspieler insgeheim einen »lachhaft Gecken«, reichte ihm aber doch die Pranke, die stark genug schien, eine junge Birke auszureißen.

Zögernd, einer Katze gleich, folgte Katharina. Hans hatte sie aus einem brennenden Stall in einem Weiler nahe Frankenhausen befreit. Sein erster Findling. Besser, sie mitzunehmen, so hatte sich Hans gedacht, und auf einer Flucht nicht allein zu sein, zumal Katharina ein bildschönes Mädchen war.

Noch besser, so dachte Hans jetzt, einen bewaffneten Kämpfer zu finden, einen, der zudem einen Gefährten dabei hatte, an dessen Gürtel ein Leinenbeutel hing, wie man ihn zum Transport von Trocken- oder Räucherfleisch und Brotkanten nutzte. Doch bevor er den Landsknecht um einen Bissen davon angehen konnte, mischte Märthe sich ein.

»Gottes Wille hat uns zusammengeführt, laßt uns beten.« Verwundert betrachtete Hans die geheimnisvolle Alte mit der singenden Stimme, die hier dem Anschein nach das Kommando führte. Dann erblickte er den Bauern und wich zurück. »Ein Toter?« fragte er entsetzt. »Einer, der bald wieder unter den Lebenden weilen wird. Glaubt mir, und laßt uns für ihn beten«, sagte Märthe mild und leise.

Niemand widerstand der seltsamen Macht ihrer Stimme, selbst Katharina – die Katze zog ihre Krallen ein und wartete, was nun geschehen sollte. Märthe sank neben dem verwundeten Bauern auf die Knie. Die anderen taten es ihr nach, sogar Graf Traubstedt beugte die Knie, so daß die Scharniere seiner geschmiedeten Beinpanzer knirschten.

»Herr, wir danken dir für unsere wundersame Rettung. Errette diesen armen Knecht, der für dich seine Gesundheit gab, denn deine Güte ist ohne Grenzen. Du bist die Kraft und die Herrlichkeit. In deinem Namen haben sich gefunden – wie du geweissagt – die letzten Aufrechten. Zu folgen deinem Befehl, vertrauend auf deine Güte und deinen Ratschluß. Wir, die Kämpfer unter dem Regenbogen. Du wirst uns speisen mit Worten und mit Brot, und wir werden immerdar deine Diener sein. Amen.«

Zögerlich kam das Amen nun von allen Seiten und verhallte in mächtigem Chor im Stollen. Hans, seltsam ergriffen und den Worten noch nachsinnend, erholte sich nur langsam. Mitleidig schaute er auf den bewußtlos daliegenden Bauern hinab. Und doch war er der erste, der sprach.

»Hat einer von Euch Edlen schon jetzt einen Bissen Brot?«

Märthe lachte wieder. Der Graf blickte grimmig. Was für eine seltsame Versammlung von Narren. Was sollte dieser Pakt, den Märthe für sie alle geschlossen hatte? Und das im Angesicht eines Sterbenden. Sterbenden?

Der Bauer Rufus regte sich. Aus einem Röcheln wurde ein Seufzer, dann schlug er die Augen auf. »Danke, Gott, ich bin gerettet.« Der Blick war klar und fest, mühsam schob der Bauer seinen geschundenen Leib zur Wand des Stollens und richtete sich daran auf, jede Hilfe abwehrend. Bauer Rufus war ein stolzer Mann.

»Mir träumte, ich sah eine heilige Frau, und Rettung war mir gewiß. Nun sehe ich, daß ich lebe und wohlauf bin. Ihr lieben Leut, es ist eine Lust zu leben.«

Es ist eine Lust zu leben. Die Worte des großen Ulrich von Hutten, Reichsritter und poeta laureatus, aus dem Munde eines Bäuerleins. Graf Traubstedt stutzte, dann gab er Michael Befehl – so ganz hatte er sich das Herrsein nicht abgewöhnt –, den Beutel mit seinem Feldproviant zu öffnen.

»Verteile, was wir noch haben, denn wir feiern ein Fest der Wiederauferstehung.«

Hans kaute schon auf einem recht saftigen, in Honig eingelegten Schinken herum, dennoch zieh er – mit vollem Mund – den edlen Herrn der Gotteslästerung: »Euer Hochwohlgeboren, gestattet, daß ich Einspruch erhebe. Die Wiederauferstehung gebührt einzig dem Herrn. Wir kämpfen in seinem Namen, aber wir lästern ihn nicht und sind durchaus sterblich, alle, wie wir hier sind.«

Märthe schnitt einen kräftigen Batzen Schinken ab und reichte ihn dem matten Bauern, der schweigend das Wunder genoß. »Laßt gut sein, Bruder Hans, Gott ist mit uns allen«, sagte Märthe.

Dann verschwand sie für kurze Zeit im dunklen Ende des Tunnels und kehrte mit einem Krug zurück. Auf ihrer Schulter hockte nun ein weißer Rabe mit roten Äuglein, die im Licht der Fackeln wie Rubine glitzerten. Der Graf war nun sicher, sie mußte eine Hexe sein, zumal der Rabe sich krächzend zu Wort meldete: »Lustig, lustig, ihr lieben Brüder, leget alle die Arbeit nieder, es lebet keiner mehr als ich und du.« Der Vogel legte nach dieser langen Ansprache keck den Kopf schief, als erwarte er Applaus. Katharina lachte laut, und Märthe kraulte zart das Brustgefieder des merkwürdigen Gesellen.

»Das ist Hesekiel, mein liebster Gefährte, und das hier guter alter Wein, den ich lange schon aufbewahre für ein Fest wie dieses. Trinkt, denn wir sind in Sicherheit, und große Aufgaben warten auf uns. Ein Kreuzzug für den wahren Glauben.« Sie reichte den Krug Hans, der brav und arglos einen tiefen Schluck nahm.

»Ei, das ist guter, süßer Wein. Ich möcht’ wetten, besseren bekommt kein Pfaffe zu trinken.« Gierig wollte er ein zweites Mal ansetzen, doch Katharina entriß ihm mit strafendem Blick den Krug. »Du derber Hundsfott, nichts als Fressen und Saufen hast du im Sinn. Gib mir, ich bin durstig. Oh, verzeiht, ich vergaß, hoher Herr, wollt Ihr zuerst?«

Sie schlug demütig die Augen nieder und reichte den Krug dem Grafen. Der nahm ihn widerwillig und nur, weil er ihm von so schönen, weißen Händen gereicht wurde. Dazu dieser blitzende Blick aus smaragdgrünen Katzenaugen. Das Mädchen war betörend jung und schön. Der Kontrast zwischen ihrer blühenden Schönheit zur Häßlichkeit der Hexe konnte größer nicht sein. Doch mit dem irdenen Krug in den Händen wußte der Graf nicht recht, wie er sich weiter verhalten sollte.

Märthe war ihm zunehmend unheimlich, eine Wunderheilerin, eine Kreatur Satans. War das wirklich Wein, was sich da im Inneren des Gefäßes spiegelte? Von merkwürdigen Zaubertränken war immer noch die Rede, und nicht lange war es her, daß Graf von Traubstedt die letzte Hexe hatte munter brennen sehen, weil sie das Vieh vergiftet und die Wöchnerinnen eines Weilers so besprochen hatte, daß sie zweiköpfige Wechselbälger gebaren. Mißtrauisch sog er den Geruch des Tranks durch die Nase. Ein feines, süßes Aroma von Mandeln und Muskat schlug ihm entgegen.