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Ingmale, ein afrikanischer Königssohn, wird zu Beginn des 18. Jahrhunderts nach Haiti verschleppt und versklavt. Als er schließlich elend zugrunde geht, hinterlässt er einen magischen schwarzen Stein. Hundert Jahre später verschlägt es den Londoner Tom Elliott auf eine Karibikinsel. Dort kursieren seltsame Gerüchte über den geheimnisvollen Edelstein. Elliott schenkt den Erzählungen zunächst keinen Glauben. Doch dann packt auch ihn die Gier nach dem geheimnisvollen Saphir ...
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Seitenzahl: 540
Veröffentlichungsjahr: 2013
Hannes Wertheim
Der Sklavenkönig
Roman
Edel:eBooks
Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel:eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.
Copyright © 1998 by Hannes Wertheim
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Eine frühere Ausgabe erschien bereits unter dem Titel "Der schwarze Saphir".
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-182-8
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Inhalt
Prolog
Erster Teil – Ein Rebell kehrt zurück
Grenada, Karibik, September 1817
1
2
3
Zweiter Teil – Hoher Besuch
London
1
2
Grenada
3
4
London
5
Grenada
6
7
London
8
9
Yorkshire
10
Dritter Teil – Der weiße Zombie
Haiti, eine Dorfstraße am Nachmittag
Clandenbury Hall, Yorkshire
1
2
Haiti
3
4
5
6
7
Vierter Teil – Lob der Wissenschaft
Clandenbury Hall, Yorkshire
1
Zwischen Haiti und Jamaica
2
Clandenbury Hall, Yorkshire
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
Fünfter Teil – Luxus und Laster
London
1
2
3
4
5
6
Clandenbury Hall, Yorkshire
7
8
London
9
Sechster Teil – Die Augen des Wolfes
London
1
2
3
Clandenbury, Yorkshire
4
5
6
Clandenbury, zwei Wochen später
Ingmales Geschichte
An Bord eines Sklavenschiffes, 1715
Er ist nicht wie die anderen. Er spricht nicht ihre Sprache. Er kennt nicht ihre Träume, nicht ihre Götter. Er ist anders.
Vielleicht erhält ihn dieses Bewußtsein am Leben. Er hat weiße Skorpione zwischen Daumen und Zeigefinger zerquetscht, sie ausgesaugt. Er hat in den dampfenden, stinkenden Eingeweiden eines verendeten Kamels Nächte überlebt, in denen nackte Felsen vor Kälte zersprangen. Er hat auf der Flucht vor den Verfolgern das Blut von toten Eseln getrunken. Er ist über brennenden Sand gelaufen. Er hat Steinvipern mit bloßer Faust die Köpfe abgerissen und ihnen das Gift aus den Drüsen gedrückt. Er hat zwei seiner Verfolger, maurische Reiter, zugleich mit einer Lanze durchbohrt, so daß ihnen die Rippen brachen und als rosafarbene Spieße in den Himmel ragten, einen leeren, toten Himmel, der niemals Regen spendet, der Tiere verenden, Pflanzen verdunsten und Menschen verdursten läßt.
Er ist ein Sohn der Wüste geworden, auf der Flucht vor den Menschenfängern Allahs und ihren krummen Musketen.
Er ist gegen sein hämmerndes Herz, gegen seine bis zum Bersten gespannten Lungen, gegen die sengende Sonne gelaufen, um sein Leben zu retten.
Er ist Ingmale, Sohn des Umgume, König von Ika Ibo, und es war ein böser, eifersüchtiger Geist, der ihn schließlich zur Beute seiner Häscher machte, endlose Meilen von seiner Heimat entfernt, von dem dunklen Regenwald an der Mündung des Ase. Dort, wo sein Thron stand, geschnitzt aus schwarzem Ebenholz, getragen von den weißen Stoßzähnen eines Elefanten, gekrönt mit dem ausgebleichten Schädel eines uralten Feindes. Dort, wo er hätte Gebieter sein sollen, über viele hundert Krieger, Weiber, Kinder und Sklaven. Dort, wo sein Volk Felder bestellte, Yams anpflanzte, und wo die Götter schwarze Gesichter hatten. Dort, wo die Berge wie die Rücken schlafender Riesen aus der Erde ragen. Er trägt das Zeichen des Löwen im Gesicht.
Die Weißen halten es für abscheuliche Narben. Drei riesige Striemen auf jeder Backe, die sich wie tektonische Verwerfungen über die dunkle Haut erheben. Das Erkennungszeichen eines Barbaren, so denken die Weißen, dem man mit vergifteten Dornen die Haut aufgeritzt und entstellt hat. Es wird den Preis drücken. Man nimmt nicht gern die mit den Zeichen ihres Stammes, mit den verstümmelten Ohren, den verlängerten Hälsen, den geweiteten Lippen. Sie wissen nicht, daß Ingmale der Sohn des Königs Umgume ist.
Jetzt ist er Sklave Nummer 66 an Bord der Bonne Chance – finis, basta, drauf gespuckt. Einer ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, einer ohne Vorfahren und ohne Kinder. Ein Sklave des weißen Mannes. Vor 38 Tagen hat das Schiff den Hafen von Sénégambia verlassen, mit leichter Brise im Rücken und Kurs auf Sainte-Domingue, der kolonialen Perle des französischen Reichs. Mit 187 Mann an Bord. 17 Seeleuten und 170 Sklaven, die Kopf an Kopf, Zehe an Zehe unter Deck liegen.
Das Schiff rollt und stampft durch atlantische Sturmzonen. Wellentäler, die tiefer sind als die Schluchten des Kongo, verschlingen den Rumpf und jagen ihn schwankend empor auf die Kämme von tosenden Brechern.
Die Luken sind dicht, die Deckroste verschlossen. Es ist stockfinster im Bauch der Sklavenbrigg. Seit Stunden, seit Tagen, seit einer Woche? Die Gefangenen atmen keine Luft mehr, sie atmen Schwaden von üblen Gerüchen. Die Eimer, über denen sie ihre Notdurft verrichten, quellen über, sind umgefallen, rollen von Luv nach Lee und überziehen die Männer mit einer stinkenden Brühe. Die Planken, auf denen sie liegen, sind blutig wie ein Schlachthausboden. Jeder zweite von ihnen ist ein Opfer der roten Ruhr und entleert seinen Darm schon lange nicht mehr in die herumrollenden Eimer.
Ingmale hat die Stunden in Atemzüge eingeteilt. Die Stunden vergehen in quälender Langsamkeit, denn er atmet nur selten. Er glaubt, daß er mit dem Gestank den Tod einatmet. Der Mann, mit dem er seine Handschelle und seine Fußkette teilt, ist längst verreckt. Die Ratten, deren Krallen dem schwankenden Schiffsboden trotzen, schleifen sich kratzend zu ihm heran. Ingmale rasselt mit den Ketten, wenn er atmet, um sie sich vom Leib zu halten. Er würde sie gerne essen, aber er kann sich nicht bewegen in der drangvollen Enge, die Ellbogen eines lebenden Nachbarn bohren sich schmerzhaft in seine Rippen.
Die Ratten wittern das eitrige, wunde Fleisch unter den Eisenringen. Wenn Ingmale schläft, nagen sie an den blankliegenden Knochen seines toten Gefährten. Ingmale schläft selten. Er ist anders als die anderen. Das Knirschen des Rumpfes, das Knarren von Tauwerk und die brausende See übertönen nicht das Wehgeschrei und das Winseln der Kranken und Sterbenden. Einige sind wahnsinnig vor Durst, die Matrosen haben sie seit Beginn des Sturmes vergessen. Wenn der Wind sich legt, werden sie unter Deck kommen und die Toten heraussuchen und die Kranken. Und man wird sie über Bord werfen, zu den Haien, die eben noch Lebenden und die Toten. Das Wasser ist bereits knapp genug, der Sturm hält sie auf, und ein kranker Neger ist eine Gefahr für den Rest der wertvollen Fracht. Schwarzes Elfenbein. Dreißig Pfund winken pro Stück. Auch für Sklave Nummer 66.
Ingmale kennt seinen Preis natürlich nicht, aber er weiß, er ist anders, er ist der Sohn eines Königs. Das hält ihn am Leben. Das und der schwarze Saphir. Der Stein der Götter, Zeichen seiner Unberührbarkeit, Zeichen seiner Unsterblichkeit. Er hat ihn vor seinen Häschern verborgen gehalten. Trickreich, findig. Er nahm ihn in den Mund, wenn die Araber ihm den Arsch zerteilten, um den Weißen zu zeigen, daß er gesund, kein Opfer der blutigen Ruhr und nicht mit einem Wachspfropfen verstopft sei, um sie zu täuschen. Er steckte ihn in den After, wenn man kam, um ihm das Maul aufzureißen und den weißen, harten Schmelz seiner Zähne zu loben. Und er verschluckte ihn, wenn man kam, um beides auf einmal zu prüfen. Der Stein ist viele Male durch ihn hindurchgewandert.
Manchmal glaubte er zu spüren, wie er ihm die Därme von innen aufschlitzte, aber er kam immer wieder zum Vorschein. Er ist unversehrt, und er wird Ingmale all das Unfaßbare überleben lassen. Die Weißen würden es die Hölle nennen, wenn sie nicht wüßten, daß ihre Ladung nicht zur menschlichen Rasse gehört.
Ingmale kennt keine Hölle. Er hat keinen Namen für das, was mit ihm und den anderen geschieht, aber er überlebt es.
Die Brigg überquert den Atlantik in achtundvierzig Tagen. Die ersten Möwen umkreisen kreischend die Rahen. Der Sturm legt sich nach zehn Tagen.
Die Luken werden geöffnet, der Bordarzt kommt herab, um die Toten zu zählen. Alle zehn Minuten muß er eine Pause machen. Hartgesottene Seeleute hieven ihn an Deck, weil er den pestilenzischen Gestank nicht ertragen kann. Er erbricht sich über die Reling und steigt wieder hinab. Er hat eine Arbeit zu erledigen, bevor man die Überlebenden an Deck holen, mit Wasser und Essig übergießen, ihre Schädel rasieren und ihren Zustand überprüfen kann.
Siebenundzwanzig halten der Überprüfung nicht stand und werden den Haien übergeben, die sich über das knochige Mahl nicht minder ärgern wie ein Plantagenbesitzer, der sich einen halbtoten Nigger hat aufschwatzen lassen.
Am Ende gehen auf der französischen Insel Sainte-Domingue, das die Eingeborenen Haiti, gebirgiges Land, nennen, zweiundsiebzig Sklaven von Bord. Gekleidet in rauhe Nesselhemden, paarweise aneinander gekettet in leidlichem Zustand, einige mit Wachspfropfen im Hintern, das farblos gewordene Haar mit Tinte nachgefärbt, die Zähne künstlich gebleicht, gestärkt mit dünnem Rum, die Mienen für immer erstarrt, obgleich sie das Schlimmste noch vor sich haben.
Ingmale ist gut in Schuß. Trotz der Narben im Gesicht das beste Pferd im Stall. Man pfercht ihn mit den anderen in einen Lattenverschlag, die Holzwände sind doppelt so hoch wie die Männer, oben ist der Himmel zu sehen. Ein feuchter, türkisfarbener, tropischer Himmel. Die Luft atmet sich köstlich und ist erfüllt vom Duft der Zitronenbäume. Eine trügerische Insel, die so aussieht, als habe sie Erbarmen.
Ohne Vorwarnung wird das Gatter in der Nacht geöffnet – oder ist es der frühe Morgen? Unter Flüchen, Geschrei und Kreischen drängen und stürzen Männer in vornehmen Röcken und Kniehosen herein. Sie tragen rohlederne Peitschen und Hanfseile, stürmen wie blind auf die verängstigten Schwarzen los und binden wahllos welche zusammen. Sie haben sich gesichert, was ihnen unter die Finger kam, und nun beginnt das Feilschen mit den Händlern.
Ingmale wird umlagert, schon strecken sich derbe Pranken nach seinem Kiefer aus. Ingmale hat den Stein längst verschluckt. Man klappt seinen Mund auf, erforscht seinen Schlund bis tief in den Rachen. Man nimmt keine Rücksicht auf Schmerzempfinden oder Gefühl oder Scham.
Er wird es überleben. Das in jedem Fall. Er versteht nur wenig von dem, was die Männer schreiend verhandeln. Auf dem Weg von der Wüste, durch den Dschungel und über den Fluß seiner ehemaligen Heimat hat er nur einige Brocken Französisch gelernt. Aber sie schmeckt ihm nicht, diese rasselnde Sprache, sie fließt nicht weich und dunkel durch seine Kehle wie das Bantu, schmiegt sich nicht an seinen Gaumen wie seine eigenen Gesänge.
Die Dämmerung steigt lavendelfarben auf, als Sklave Nummer 66 einen Besitzer gefunden hat. Es ist ein derber Mann mit einem roten Netz von Adern auf der Nase und Furchen im Gesicht, die Ingmale an die Äcker seiner Heimat erinnern, wenn Dürre herrscht. Grau und verkrustet. Der Mann hat ein Pferd dabei. Er sitzt auf. Ingmale trägt einen Eisenring um den Hals, von dort führt ein Lederseil bis zum Sattelknauf seines neuen Herrn. Die Hände sind ihm auf den Rücken gefesselt. Der Master drückt seine Fersen in die Flanken des Pferdes, es zuckelt los, ein Rucken, das sich vom Sattelknauf bis zum Eisenring mitteilt. Ingmale stolpert kurz, dann begreift er:
Er hat keine Wahl, er muß dem schaukelnden Hintern des Pferdes folgen. Er, der Sohn des Umgume, Sohn der Wüste und Herr des Regenwaldes. Der Stein schaukelt in seinen rumgetränkten Magensäften. Ingmale spürt ihn, und der Stein gibt ihm Kraft. Er ist unverwundbar.
Es geht bergauf in die Wälder. Ingmale erkennt Pflanzen seiner Heimat und den Schrei eines Vogels. Doch alles bleibt ihm fremd. Fremd wie das schrille Pfeifen in den Zuckerrohrfeldern, die sie am Abend erreichen. Bei Einbruch der Dunkelheit zieht die First Gang, die erste Garde der Feldarbeiter, an ihnen vorbei. Mit gesenkten Häuptern, die schwarzen Rücken nackt, die Muskeln hart gespannt vor Schmerz, Arbeit und Kummer. Auf einigen klafft wundes Fleisch, zerschnitten von rohledernen Peitschen. Ingmale sieht die Rücken, kennt nun sein Schicksal.
Man pfercht ihn zu den anderen Afrikanern. Denen, die noch wild und ungezähmt sind, denen, die man den Tieren zurechnet und die noch nicht das Brandzeichen des Besitzers tragen.
In dem Verschlag herrschen Hunger und Haß. Man stürzt sich wie ein Rudel Hunde auf die Schale mit schwarzäugigen Kartoffeln. Nur zwei verharren stehend, an eine Wand gelehnt. Ingmale und ein junger Mandingo, fast noch ein Kind. Ingmale schenkt ihm einen Blick der Anerkennung, der Knabe fängt ihn freudig auf und nickt. Ingmale braucht kein Essen, er trägt den Stein im Magen. Er ist unverwundbar. Aber nur für eine einzige Nacht.
Am nächsten Morgen wird vor der Baracke das Feuer geschürt, das Brandeisen in die lodernden Flammen getaucht. Von fern, aus den Zuckerrohrfeldern, weht traurig der Gesang der Feldarbeiter herüber. Sie wissen es, sie kennen es, sie haben es erlebt. Sie sind Gefangene der weißen Hölle. Wer nicht mehr singt, ist schon tot.
Das Eisen zischt, so rot glüht es. Ingmale wird mit den anderen vor die Hütte gestoßen. Jeder Tag, den sie nicht arbeiten, ist ein verlorener Tag. Der Mandingoknabe stellt sich an die Seite Ingmales. Sie haben keinen Blick für die anderen, nur für den Mann, der das Brandeisen zum Zischen bringt.
Der Mann ist schwarz. Schwarz wie sie und ein Koromantee. Einer der stolzesten Krieger Afrikas. Ingmale hätte es als Ehre empfunden, in seinem Heimatland gegen ihn kämpfen zu dürfen. Aber er darf nicht kämpfen. Er muß niederknien im hellen Staub, die Hände auf den Rücken gefesselt. Man reißt ihm grob die Hemdbrust auf. Der Koromantee hantiert mit dem Eisen elegant wie ein spanischer Degenfechter. Ein Flämmchen tanzt auf dem Stempel, leckt genüßlich den geschwungenen Buchstaben. Der Koromantee schaut Ingmale ins Gesicht. Er erkennt das Zeichen des Löwen, er lächelt nicht böse, aber verächtlich. Er spuckt auf das Eisen, bevor er es auf Ingmales Brust drückt. Der Geruch von verbranntem Fleisch ist alles, was Ingmale wahrnimmt. Es ist sein eigenes Fleisch, das verbrennt, und in diesem Moment entschließt sich der Sohn des Umgume, lieber zu sterben als so weiterzuleben.
Der Mandingojunge fühlt seinen Schmerz, er öffnet seinen Mund, so als wolle er den Schrei ausstoßen, der sich nicht von Ingmales Lippen löst. Dann erkennt er, welchen Entschluß der Sohn des Umgume gefaßt hat, und schweigt.
Es gibt viele Möglichkeiten, auf einer Plantage zu sterben. Man kann sich mit einer der vielen Krankheiten infizieren, der Ruhr, der Tuberkulose, der Dschungelpest, dem Gelben Fieber. Oder man schließt sich den Dreckfressern an, die heimlich Lehm und Erde essen und Eisenmasken tragen müssen, wenn man sie dabei erwischt. Man kann auch Hand an sich legen, wenn man es nur gründlich und entschlossen genug tut. Geht man zaghaft zu Werke, und gelingt es nicht gleich, ist die Strafe grauenhaft. Fünfzig Peitschenhiebe sind nichts dagegen.
Ein Sklave, der sich selbst vom Leben zum Tode befördern will und dabei versagt, wird beim Ohr gepackt und damit an einen Baum genagelt. Dort steht er eine halbe Stunde, bevor man ihn losschneidet, unter Verlust des Ohres. Eine weitere halbe Stunde ist nötig, um auch das andere Ohr auf diese Weise zu entfernen.
Ingmale wählt einen anderen Weg. Er schläft nicht, er ißt nicht, er schweigt, und er arbeitet. Die Arbeit ist mörderisch genug. Er empfängt stumm die Schläge des erbosten Aufsehers, die ihn nur näher an sein ersehntes Grab heranführen. Der kleine Mandingo bewundert seinen Mut. Es ist der Mut des afrikanischen Löwen. Nach einem Monat ist Sklave 66 tot. Die anderen begraben ihn als Helden. Sie haben verstanden. Sie wickeln Ingmales ausgezehrten Körper in rote Baumwolle und legen ihn ins Grab. Sie schaufeln Erde darauf und nehmen Abschied mit Gesängen.
Es ist die Nacht nach seinem Begräbnis, als eine Ibo-Frau zu ihm hinausschleicht. Mit bloßen Händen scharrt sie die Erde aus der Grube, arbeitet verbissen, bis sie die rote Baumwolle freigelegt hat, sie faltet das Tuch mit sanften Händen auseinander. Ingmale ist mit offenen Augen gestorben. Er blickt sie an. Sie tastet nach seinen kalten, harten Königsnarben. Dann greift sie ein Zuckerrohrmesser und trennt mit einem harten Schnitt seinen Kopf vom Rumpf.
Die Geister sollen seine Seele nicht holen. Sie schleudert das Haupt aus der Grube. Dumpf schlägt es auf, hüpft über den Boden, der Kiefer zerspringt, die Zähne brechen und geben den Saphir frei. Den schwarzen Saphir. Die Ibo-Frau nickt langsam. Sie weiß, wen sie zu Grabe getragen haben. Ingmale, den Sohn des Umgume. Der Tod ist sein Triumph, der Stein sein Vermächtnis, er wird viele Wiedergänger haben.
Der Saphir ist geheiligt und mit Blut getauft. Sie weiß, wem sie den Stein geben wird. Dem Mandingoknaben. Er trägt Afrika noch in seinem Herzen, und damit Hoffnung. Ingmale hat ihn erwählt. Er wird leben, ewig leben, solange er den Stein bei sich trägt. Sein ist die Rache. Sein Name ist Macandal. Viele werden ihm folgen. Schwarze Rebellen. Auf Jamaica, auf Haiti, auf Saint Lucia, auf Tobago, auf Grenada. Die Weißen werden allein schon ihre Namen fürchten.
Sie und die geheime Bruderschaft Ingmales, Sohn des Umgume, der den schwarzen Saphir bei sich trug und durch seinen Tod unsterblich wurde.
Wasser spritzte auf. Alarmiert spähte Corporal Lewis Dexter hinab in den Hafen von St. George’s, der tief unter ihm am Fuß der Festung lag. Auf dem schwarzen Wasser tanzten Lichtflecken von Schiffslaternen und Kaifackeln. Seine Wache hatte gerade begonnen, und seine Augen mußten sich an das mondlose Dunkel gewöhnen.
»Immer ruhig, Junge«, ertönte hinter ihm der brummende Baß von Lieutenant Brimwell, »is’ nur ’n Beiboot der Concordia, das sie zu Wasser lassen. Schätze, die Königliche Marine wird sich heute nacht wieder heftig amüsieren, da unten. Seit dieser hochmütige Korse besiegt is’, finden sie kein Ende mit’m Feiern. Napoleon is’ erledigt, es leben der Rum und die Weiber.«
Mit seiner Muskete deutete er auf die schlafende Stadt, die sich an den Festungsfelsen schmiegte. Jetzt drangen die Geräusche von Ruderern zu ihnen herüber, die heiseren Befehle des Steuermanns und der dumpfe Schlag der Riemen, die in gleichmäßigem Takt das Wasser durchpflügten.
Am Kai versammelten sich eifrige Handlanger, die wie aus dem Nichts aus den Schatten der Häuser aufgetaucht waren. Ihre Lockrufe klangen zu den Ruderern und hinauf zur Festung. Im kehligen Singsang des Kreol warben sie für ihre Rumbuden in den winkligen Gassen und für ihre petits dames, die schwarzen, verführerischen Schönheiten der Nacht.
»War’ auch lieber da unten, all’ unsere feinen Offiziere sind dabei«, knurrte Brimwell und spuckte einen gelben Strahl Tabaksaft über die Brüstung des Bollwerks. »Aber ob Frieden oder nicht, unsereins muß Wache schieben. Verfluchte Langeweile!«
Lewis Dexter entspannte sich ein wenig, doch unter dem rauhen Kragen seiner roten Uniformjacke sammelte sich in Rinnsalen der Schweiß. Noch immer hatte sich der Junge aus dem rauhen Schottland nicht an die Schwüle der Tropen gewöhnt. Die üppigen Gerüche von Orchideen und Muskatbäumen legten sich wie lähmender Mehltau auf seine Atemwege und machten ihn schwindlig. Das Paradies war für ihn die Hölle, erfüllt mit bedrohlichen Geräuschen wie dem hohen Pfeifen der Fledermäuse oder dem Gezirp von Zikaden.
»Steh bequem, Junge«, forderte ihn Brimwell auf und hockte sich selbst auf eine leere Munitionskiste, die er eigens zu diesem Zweck neben der Geschützpforte postiert hatte.
»Wie wär’s mit ’nem Spielchen, Euer Lordschaft?« wandte er sich nun, mit leichtem Spott, an einen zweiten Wachsoldaten, einen hochgewachsenen, jungen Mann von siebenundzwanzig Jahren mit dem Gebaren eines Gentleman und den verwegenen Zügen eines Hasardeurs, der lässig an der Brüstung lehnte und in den Hof der Festung starrte.
»Danke, heute nicht, Sir«, gab der Mann in der roten Uniform eines Majors gelangweilt zurück, »der Einsatz lohnt nicht, oder haben Sie Ihren Sold inzwischen erhalten?«
Brimwell spuckte wieder aus. »Dumme Frage, ’türlich nicht. Die Staatskassen sind leer wie immer. Bonaparte hat unseren König den letzten Hemdenknopf gekostet, heißt es. Wer in der Armee auf seinen Sold hofft, ist ein Träumer. Für ’ne Lordschaft sind Sie ganz schön klamm, Major Ton Elliott. Dabei hat Ihr Vater doch die Taschen voll, hä?«
»Wir stehen uns nicht sehr nah«, antwortete der Angesprochene steif, doch seine Miene verriet kalte Wut.
In versöhnlichem Ton fuhr Brimwell fort. »Schon gut, bin auch pleite. Hach, das waren noch andere Zeiten, als wir damals sechsundneunzig die Aufständischen hier ausgehoben und die Plantagen zurückerobert haben. Da sprang was bei raus. Drei Sklaven Preisgeld für ’nen toten Rebellen, eine Viertelquadratmeile Land für jedes gesäuberte Zuckerrohrfeld. Meiner Seel’, hab’ selbst ein Dutzend Nigger und fast ’ne Meile Land damals bekommen. Tja, fast war ich ein gemachter Mann.«
»Der Tod ist ein einträglicheres Geschäft als das Kartenspiel, nicht wahr?« bemerkte der Lord mit einem spöttischen Funkeln in seinen dunklen Augen.
»Wohl wahr, wohl wahr. Ein Lob auf sauberes Kriegshandwerk, sag’ ich immer. Hab’ damals alles wieder verloren, was mein Glück hätte sein sollen. Aber davon können wir beide ein Lied singen, oder, Sir Elliott?«
Der Lord schnaubte nur verächtlich, doch Brimwell reagierte gereizt.
»So dumm, um einen Marschbefehl zu spielen, bin ich freilich nicht, M’lord«, bemerkte er spitz. »Die Armee is’ auch so gefräßig genug. Ein Krake mit hundert Armen, stimmt’s, Dexter? Dich haben sie mit ’nem ordentlichen Whiskeyrausch zum Dienst gepreßt, oder?«
Der junge Corporal blickte kurz über seine Schulter und nickte mit reumütigem Blick. »Haben mir ’nen Halfpenny in den letzten Krug gelegt, ich hab’s nich’ gemerkt und ihn geschluckt, damit stand ich im Sold. Der Halfpenny is’ bis heut nich’ mehr aufgetaucht.«
Brimwell lachte dröhnend, aber nicht ohne Mitgefühlt.
»Tja, Junge, so machen sie das, nicht gerade die feine englische Art. Aber nu’ denk dir mal, unser feiner Lord hier hat seinen roten Rock bei ’ner Wette gewonnen. Lebt wie’n Gentleman im feinsten London und spielt mit ’nem Freund darum, wer am nächsten Morgen in ’ner Hängematte eines stinkenden Batteriedecks mit Kurs auf die Karibik aufwachen soll. Einfach so, aus ’ner Laune heraus. Hab’ meiner Lebtag noch nicht so ’nen Blödsinn gehört. Macht mich richtig wütend, wenn einer sein Leben so wegwirft …«
Der junge Lord Elliott drehte sich um und hob halb ärgerlich, halb amüsiert eine Braue. »Sein Leben wegwirft? Und das aus dem Mund eines überzeugten Soldaten, der bei der Armee beinahe zu unermeßlichem Vermögen gekommen wäre? Lieutenant Brimwell, ich muß mich wundern, das klingt ein wenig nach Insubordination.«
»Insub … was? Weiß nicht, was Sie damit meinen, aber eins is’ klar: Ich hab’ mit Seiner Majestät mehr als einmal mein Leben riskiert. Mehr als einmal.«
»Sie Glücklicher«, seufzte der Major, »das einzige, was mich hier in Lebensgefahr bringt, ist die tödliche Langeweile.«
»Ah ja, ihr beide wißt eben nicht, was ein echtes Gefecht is’, wenn Pulverschwaden und Schwefeldampf dir die Lunge verbrennen und dir Kugeln um die Ohren zischen wie ein Schwärm verfluchter Stechmücken.«
Tom Elliott verdrehte die Augen zum nächtlichen Himmel. »Ersparen Sie mir das. Mein in Gelddingen zurückhaltender Vater hat mich halb zu Tode gequält mit seinen Erinnerungen an die Rebellion von Grenada. Er war damals dabei. Machte eine Inspektionsreise zu seinen Plantagen. Kannten Sie ihn, Brimwell?«
»Elliott? Elliott? Ach ja, einer von den Pflanzern, die sich der Bürgerwehr anschlossen. Kerls in piekfeinen Klamotten, hatten Angst, ’ne Kugel könnte ’n Loch reinbrennen.«
Der junge Lord lächelte amüsiert.
»Na ja, nix für ungut. Aber gegen Fedon und seine Rebellen waren sie machtlos. Eine Bestie sag’ ich, gefährlicher als eine Korbnatter und cleverer als jede Raubkatze. Ging nicht mit rechten Dingen zu, seine Rebellion. Damals 1976. Man sagt, er gehört zu einer geheimen Bruderschaft. Besitzen ’nen heiligen Stein, der sie unverwundbar macht. Schwarze Magie und so. Fedon kann sich in den loup-garou verwandeln und dir das Herz mit einem Tatzenschlag aus der Brust holen. Ein schwarzer Teufel, sag’ ich.«
Elliott lächelte breit, legte seine Ellbogen auf die Brüstung und musterte den Veteranen, der seine Kriegserlebnisse aufwärmte, mit leichtem Spott. Von unten erklang das perlende Lachen einer Kokotte herauf, so als teile sie seine Belustigung. Brimwell bemerkte es und fuhr mit gesteigertem Eifer fort.
»Ich übertreib’ nicht. Ein Jahr hat Fedon fast die ganze Insel beherrscht, bis rauf nach Sauteurs. Selbst mit unseren dicksten Kanonen, den besten Truppen und den blutrünstigsten Söldnern war dem nicht beizukommen. Muß an dem Stein liegen. Teufelskram.«
Brimwell bekreuzigte sich, wobei er die abgeschabten Goldknöpfe seiner Jacke berührte. Lewis Dexter zuckte zusammen. Er kannte die Legende vom schwarzen Stein. Jeder Weiße, der seinen Fuß je auf karibischen Boden gesetzt hatte, wußte von dem magischen Saphir und der geheimnisvollen Bruderschaft, die mit ihrer grausamen Magie alle schottischen Spukgestalten zu übertreffen schien. Die sanfte, von Spott durchtränkte Stimme Elliotts beruhigte Dexters gereizte Nerven.
»Sie waren zu lange in den Tropen, Brimwell«, sagte er. »Werwölfe, magische Steine, geheime Bruderschaften – das ist Altweibergeschwätz von den Märkten. Mein Vater sagt, Fedon war nicht mehr als ein verwegener, gallischer Mulatte. Halb Franzose, halb Neger, wütend über die Vorherrschaft der Briten und ihre Vorurteile gegen Pflanzer mit schwarzem Blut. Fedon war ein williges Werkzeug für die Spione der Französischen Revolution, die Verbündete in den britischen Kolonien suchten. Revolution. Egalité, liberté, fraternité, pah. Wir wissen, wo das endete. Bei Napoleon, einem gierigen Despoten. Und viel mehr wäre auch aus Fedon nicht geworden, hätte er Grenada erobert. Das Wort von der Freiheit meint meist nicht mehr, als die Freiheit zur vollkommenen Ausbeutung anderer. Der Mensch ist des Menschen Wolf, nicht sein Hirte.«
Brimwell kratzte seinen Schädel, schaute aber befriedigt drein wegen der ausführlichen Rede, mit der Elliott seine Ausführungen über die Rebellion beantwortet hatte. Seine Lordschaft nahm ihn ernst.
»Is’ mir zu hoch, M’lord, das mit, wie hieß es, égalité und der Freiheit und so«, brummte er, »aber das mit ’nem Wolf, das stimmt. Wie ich sagte, ein loup-garou. Man hat Fedon nie gefunden.
Selbst Lowensteins Gebirgsjäger, die jeden Winkel und jeden Grat nach Rebellennestern durchkämmt haben, kamen ohne seinen Kopf zurück. Nix als abgerissene Mohrenköpfe hatten sie im Gepäck, der ganze Markt stank damals nach Verwesung und Heidenpack, so viele von den Barbaren haben sie da aufgespießt, aber nie Fedon.«
Dexter schüttelte sich beim Gedanken an die abgetrennten Köpfe. »Fragt sich, wer die Heiden und Barbaren waren«, murmelte Elliott sarkastisch, doch Brimwell ließ sich nicht beirren.
»Und seit Ende der Rebellion vor zwanzig Jahren sind noch jede Menge unerklärliche Sachen passiert. Ich sag’ es, der lebt noch. Genau wie diese Bruderschaft. Und wenn nicht, dann ist es sein Geist, der überall Speicher und Pulvermagazine anzündet und das Vieh vergiftet. Denkt nur an die aufgeblähten Maulesel …«
»Still«, kam es scharf und plötzlich wie ein Peitschenknall von Elliott. In Sekundenschnelle hatte er seine gelassene Haltung aufgegeben. Mit hart gespanntem Rücken und zusammengekniffenen _Augen spähte er die Schanze des Kastells hinab. Gleichzeitig brachte er den Hahn seiner Muskete in Sicherheitsrast, öffnete, ohne hinzusehen, sein Pulverhorn am Koppel und schüttete Schwarzpulver in den Lauf. Geschickt löste er den Ladestock von seiner Waffe, griff sich eine mit Leinen umwickelte Kugel aus seiner Patronentasche und stopfte sie in den Lauf. Seine Fingerfertigkeit verriet den geübten Waffengänger.
Dexter tat es ihm aufgeregt nach, seine Hände umklammerten zitternd die Muskete, und er verschüttete reichlich Pulver bei dem Versuch, die richtige Menge für die Pulverpfanne abzumessen. Gleichzeitig schlossen beide Soldaten den Pfannendeckel und setzten die Hähne auf Schußposition.
Keuchend und stoßweise kam Dexters Atem, als aus dem Geäst eines am Hang stehenden Muskatbaumes ein Braunpelikan mit knatternden Flügeln aufstieß.
Brimwell lachte, schüttelte seinen Kopf und öffnete ein frisches Päckchen Kautabak. Herzhaft biß er einen frischen Batzen ab.
»Wollt’ wohl Jagd machen, M’lord, das sind zähe Viecher, hab’ sie oft genug probiert.«
»Da, da, da war noch was anderes«, stotterte Dexter.
»Ach was, hier gibt’s nix zu holen außer ein paar lästigen Gefangenen, regt euch ab«, murmelte Brimwell, begleitet von heftigen Kaugeräuschen. Unten im Hof schlug ein Hund an. Tom Elliott wirbelte herum und legte die Muskete an, als ihn ein Stöhnen Brimwells ablenkte. Der vierschrötige Mann griff sich an seine Kehle und bemühte sich würgend, den Kautabak auszuspeien; sein Gesicht verfärbte sich in ungesundem Blauton. Er röchelte und formte mit den Lippen mühsam das Wort Gift.
Bevor Dexter oder Elliott ihm zu Hilfe eilen konnten, riß eine gewaltige Explosion sie zurück und warf sie mit den Rücken gegen die steinerne Brüstung. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgten sie einen gewaltigen Feuerball, der aus dem Pulvermagazin des Forts emporstieg, begleitet von einer mächtigen Wolke und einem Regen aus zerborstenen Balken und auffliegenden Faßteilen, die mit Funkenschwänzen niedergingen. Beißender Rauch hüllte sie ein, Balken flogen krachend und brennend zu Boden. Geschrei erhob sich im Hof und mischte sich mit dem grölenden, triumphierenden Gelächter der Eingekerkerten zu einem infernalischen Lärm.
Im Nebel auf der Geschützgalerie wurden tappende Schritte eines Barfüßigen hörbar. Major Elliott rappelte sich hoch, die Muskete im Anschlag, das Bajonett aufgepflanzt. Kurz lichtete sich der Rauch, und im Schein einer Laterne erkannte er das wilde Gesicht eines Farbigen.
Kein Wunder, daß man ihn einen Wolf nannte. Er besaß die wilde Schönheit einer Bestie. Seine schmalen Augen leuchteten gelb und katzengleich, die Lippen seines vollen Mundes waren aufgeworfen und erinnerten an den Fang eines Raubtieres. Das ganze Gesicht war von einer grauschwarzen, wirren Mähne umrahmt. Genauso plötzlich wie es aufgetaucht war, verschwand es wieder. Elliott vernahm nur das kurze Stöhnen von Dexter.
»Verflucht«, murmelte Tom Elliott heiser und stieß mit seinem Bajonett in den Nebel hinein. Mit einem eisernen Griff wurde es abgefangen und Elliott zu Boden gezogen. Einen Moment später spürte er einen dumpfen Schlag auf seiner linken Schläfe, danach nichts mehr. Tiefe Dunkelheit umhüllte ihn.
Er fühlte sich wie ein Stück Zucker auf der Zunge einer riesigen Echse, die darauf wartete, daß das süße Kristall sich auflöste. Sein Schädel dröhnte, und mit Widerwillen nahm er die modrigen, süßlichen Gerüche wahr, die ihn umgaben. Feuchtigkeit drang in seine Kleidung, während er, angetrieben von gelegentlichen Schubsern, bergan stolperte. Major Elliotts Kopf war noch immer in kratzendes Sackleinen gehüllt, das ihm jede Sicht nahm.
»Restez, un moment, s’il vous plaît«, ertönte inmitten der wüsten Finsternis plötzlich hinter ihm eine Stimme, deren gepflegter Konversationston in merkwürdigem Gegensatz zu der rohen Gewalt der Entführung stand. Die Stimme gab Befehl, den Gefangenen die Augenbinden abzunehmen. Mit geschickten Fingern wurden die Knoten gelöst, und Minuten später starrte Elliott in das rosenfarbene Licht der Morgendämmerung.
Verwirrt und erzürnt blickte er sich um. Wie eine Fliege fühlte er sich im Netz der Blicke seiner Entführer gefangen. Um ihn herum, auf einer Lichtung im Regenwald, stand ein halbes Dutzend Farbiger. Neben sich erkannte er Phileas, einen alten, schwarzen Mann mit melancholischem Gesicht, der zu den Gefangenen des Forts gehört hatte. Zwanzig Jahre lang. Es konnte niemanden geben, der an seiner Befreiung noch Interesse hatte. Auch ihm waren die Hände auf den Rücken gebunden, auch er schaute mit stolzer Verachtung und erhobenem Haupt in die Runde.
Nun trat der Mann mit der gepflegten Stimme vor. »Bonjour, messieurs«, sagte er mit so übertriebener Höflichkeit, daß es eine Form der Beleidigung war, und verneigte sich. Major Elliott erkannte in ihm seinen Angreifer, den katzenartigen Mulatten mit den schmalen Augen, den hohen Wangenknochen und dem vollen Mund. Im fahlen Licht der Morgendämmerung wirkte er weniger gespenstisch, aber keineswegs weniger gefährlich.
Es war schwer, das genaue Alter des Mannes zu schätzen, dessen Bewegungen geschmeidig und jung, dessen Gesicht aber alt war. Er mußte über fünfzig Jahre zählen.
Unter seiner polierten Oberfläche lauerte etwas, das zugleich schrecklich weise und schrecklich wild war. Nie zuvor hatte Tom Elliott einen Menschen gesehen, der die gleiche Befähigung zur Güte wie zur Grausamkeit zu haben schien. Er hatte keinen Zweifel. Vor ihm stand der mysteriöse Rebell Grenadas – Julien Fedon.
»Ich habe versäumt, mich Ihnen vorzustellen, Monsieur«, begann der Anführer nun mit schmeichelnder Stimme, so als erriete er die Gedanken des Gentleman-Soldaten.
»Nicht nötig«, blaffte Elliott, »ich denke, ich kenne Sie. Ihr Name ist Fedon, wenn ich nicht irre? Oder soll ich Sie den loup-garou nennen?«
Der Schatten eines Lächelns huschte über das Gesicht des Farbigen, dessen Haut den Ton dunklen Honigs hatte. »Bien«, sagte er kurz, »nachdem die Formalitäten beendet sind, können wir unseren Weg fortsetzen. Die Augenbinden wären hinderlich beim Aufstieg. Achten Sie bitte auf die Wurzeln und Lianen. Ich fürchte, der Pfad wird nun schwierig.«
Bevor der Major oder sein Leidensgenosse etwas erwidern konnte, verschwand Fedon mit schnellen, lautlosen Schritten im dichten Gewirr von Farnen und Weihnachtssternen. Seine Männer trieben die Gefangenen an, denen nichts blieb, als ihnen zu folgen. Major Elliott warf einen letzten Blick zurück über die Schulter, um sich zu orientieren. Fern am südwestlichen Horizont entdeckte er dünne schwarze Rauchschwaden, die die aufsteigende Sonne umkräuselten. Fort George war nicht verloren, man hatte den Brand unter Kontrolle.
Sie befanden sich am unteren Hang des Mount Quaqua, dessen Kuppe hoch oben von Wolkendunst und Nebeln verschleiert war. Mit grimmigem Blick folgte Elliott dem Anführer. Bald hielt der Wald die Gruppe in seinen Schlingen. Endlose Schächte aus Dunkelheit standen zwischen den Bäumen, deren weit ausladende Kronen kaum Licht durchließen. Wie hypnotisiert marschierte Elliott, gefolgt von seinem schwarzen Leidensgenossen Phileas, durch das düstere, dunkelgrüne Labyrinth aus Philodendren, Fächerpalmen, Hautfarnen und Maulbeerbäumen. Die schwere, feuchte Luft machte das Atmen schwer. Der schwierige, für unkundige Augen nahezu unsichtbare Pfad verbot jede Unterhaltung mit dem anderen Gefangenen, und Elliott blieb nichts, außer darüber zu rätseln, was die Entführung zu bedeuten hatte.
Gewiß waren weder er noch Phileas, der seit Ende der Rebellion von 1796 im Fort eingesessen hatte, wertvolle Geiseln. Die Armee würde in keinem Falle eine Patrouille auf ihre Fährte setzen. Allein der Wunsch nach Vergeltung könnte den Kommandeur von Fort George zu einem Angriff auf die versteckten Rebellen veranlassen. Doch wie sollten sie deren Versteck, das sie mehr als zwanzig Jahre vergeblich gesucht hatten, nun entdecken?
Die Spitze des Mount Quaqua galt als unbesteigbar. In den Zeiten der Rebellion hatten Hunderte von Soldaten an seinen Hängen ihr Leben gelassen, zerrissen und zerschossen von hinterhältigen Kugelsalven aus dem undurchdringlichen Gestrüpp des Regenwaldes. Dies war das Gebiet des schwarzen Mannes, hierher flohen noch immer entlaufene Sklaven, um als Maroons frei in der Wildnis zu leben und zu sterben. Hier hatten die Fabeln und Mythen, die man sich vom loup-garou, von geheimen Bruderschaften und dem Stein, der unverwundbar macht, ihren Ursprung. Der weiße Mann war den Bedingungen und Fährnissen dieser Gegend nicht gewachsen.
Nach etwa einer Stunde erreichte die stille Gruppe den montanen Nebelwald, und Elliott gab jede Hoffnung auf eine baldige Rettung durch einen nacheilenden Trupp auf. In steilem Winkel kletterten sie weiter bergan. Spanisches Moos streifte ihre Gesichter wie gewaltige Spinnennetze. Schlingpflanzen, die die Bäume überwucherten, streckten ihre Wurzelfinger nach ihnen aus. In den von Dunst umhüllten Baumkronen kreischten Papageien einen Spottgesang. Als die Finsternis am dichtesten schien, lichtete sich plötzlich der Wald. Fedon erwartete die Männer auf einem Berggrat, der kaum breiter als ein Schiffstau war.
»Messieurs, jetzt kommt der gefährliche Teil unserer Exkursion. Wenn Sie möchten, Major Tom Elliott, können wir Sie gern an einem Seil führen oder als gut verschnürtes Paket hinüberziehen.« Seine Stimme war frisch, seine Miene belustigt. Elliott konnte nicht anders, als die verwegene Dreistigkeit des Mannes zu bewundern, und fühlte sich bemüßigt, ihm nachzueifern. Der Hasardeur in ihm war wieder erwacht.
»Ich danke Ihnen, Sir«, erwiderte er vollendet höflich, womit er ein Lächeln auf das Gesicht des Entführers zauberte, »aber mir sind solche Abhänge aus meiner Heimat durchaus vertraut.«
»Wie Sie wünschen, mon Commandant. Sie wurden mir als Abenteurer beschrieben«, kam es von Fedon, der seinen Männern zugleich Zeichen gab, den gebrechlich erscheinenden Phileas anzuseilen. Doch zum Erstaunen aller weigerte sich auch der schwarze Diener mit großer Würde, Hilfe von den Rebellen anzunehmen. »Wenn es Gott will«, waren die ersten Worte, die er an diesem Morgen sprach, »so wird Er mich über die Schluchten führen. Die Hilfe von Mördern aber lehne ich entschieden ab.«
»Mörder?« gab Fedon mit einem Anflug von Ärger zurück, »ich bin kein Mörder.«
Phileas spuckte aus, wiederholte seinen Vorwurf jedoch nicht.
»Immerhin haben Sie gestern nacht zwei Menschen vor meinen Augen getötet«, konnte Major Elliott sich nicht enthalten zu sagen. Fedon fand zu seiner Ruhe zurück.
»Ich töte keine Menschen, ich töte nur Feinde«, waren seine letzten Worte, bevor er, einem Seiltänzer gleich, den Berggrat entlanglief. Vorsichtig folgten ihm Elliott und Phileas, denen man die Hände losgebunden hatte, damit sie Halt an hervorragenden Ästen und Lianen suchen konnten.
Sie kamen nur langsam voran, während hinter ihnen die schwarzen Kampfgefährten Fedons mit sicherem Tritt den gefährlichen Weg meisterten. Immer wieder blickte der Rebellenführer sich nach der Gruppe um, und noch einmal erinnerte sich Elliott an Brimwells Worte von dem Wolf. Ob schwarze Magie oder nicht, dieser Mann war ein Wunder des Dschungels, in dem er all die Jahre überlebt hatte. Jetzt setzte er zu einem beherzten Sprung über eine kleine Kluft an, die den Berggrat von einem steilen Hang trennte. Sicher landete er an der Schräge und griff nicht einmal nach der Liane, die dort kunstvoll als Hilfe angebracht war.
Mit siegessicherem Grinsen erwartete er seine Gefangenen auf der anderen Seite. Phileas, der vor dem Major ging, erhob stolz sein Haupt und nahm Anlauf. Doch wie zu befürchten, war er nicht kräftig genug, um den Satz zu vollführen. Mit einem kleinen Schrei drohte er abzustürzen, und Elliott sprang beherzt vor, um den Bedauernswerten am Hemd zurückzureißen. Doch es war Fedon, der mit sicherem Griff und aus waghalsiger Schräglage einen Arm des alten Mannes zu packen bekam. Mit einem kräftigen Ruck zog er Phileas zu sich an den Hang. Der Alte dankte es ihm mit einem Blick kalter Verachtung und klopfte sich in unnachahmlich würdevoller Weise Staub und Dreck aus seiner grauen Gefangenenkluft.
Fedon lachte.
»Ich sehe, es ist nicht nach deinem Geschmack, von einem Mörder das Leben geschenkt zu bekommen. O Bruder, du bist in deinem Herzen mehr Brite als dieser stolze Major.«
Elliott gelang der Satz unter Mühen, aber er gelang. Seine schwarzen Begleiter vollführten ihn mit geschmeidiger Eleganz. Sie setzten kletternd den Weg zur Spitze des Berges fort. Als Phileas nach einer Biegung kurz verschnaufte, warf Elliott einen Blick hinab in die schwindelerregende Tiefe. Die Schönheit der Aussicht nahm ihm den Atem.
Tief unten, am Fuß der dicht bewaldeten, schroffen Hänge, leuchtete der Grand Etang, ein Vulkansee, der smaragdgrün schimmerte. Ein Steinbröckchen löste sich und hüpfte mit spitzen Schlägen hinab. Sein Weg dauerte mehrere Minuten, nicht viel länger als der Weg der Kletterer, bis sie das von Wald und Palisaden umschlossene legendäre Camp Fedons erreichten.
»Bien venue!« Fedon begrüßte sie dort noch einmal mit offenen Armen. Hinter ihm loderte ein Feuer, über das zwei Frauen einen schweren Eisenkessel gehängt hatten. Mißtrauisch blickten sie den Ankömmlingen entgegen. In den Büschen rund um die Lichtung machte Elliott gut getarnte, mit Palmwedeln gedeckte Unterkünfte aus. Er schätzte die Größe des Camps auf nicht mehr als fünfundzwanzig Hütten. In den Baumkronen über ihnen verrieten leichte Bewegungen des Blätterdachs versteckte Späher.
Die schwarzen Begleiter nahmen nun zwanglos um das Feuer Platz. Die Frauen reichten ihnen grobe Holzschalen und füllten sie mit einem scharf duftenden Eintopf.
Steif und unbeholfen musterten Phileas und der Major die friedliche Szene. Fedon, der sich ebenfalls auf den Boden gehockt hatte, um zu essen, winkte sie heran. »Kommen Sie, mes amis, kommen Sie. Dieser Leguan-Eintopf ist köstlich. Glauben Sie mir. Er verleiht einem die Schnelligkeit und Geschmeidigkeit einer Echse. Essen Sie mit mir.«
Weder Phileas noch der Major machten Anstalten, sich zu setzen, bis einer der Schwarzen aufsprang und sie mit sanfter Gewalt zu Boden drückte. Fedon machte ein Zeichen, und eine der Frauen lief zu einer der versteckten Hütten. Wenig später erschien sie mit einer grünen Flasche.
»Wenigstens einen Willkommensschluck sollten wir nehmen«, sagte Fedon, setzte die Flasche an und nahm einen kräftigen Zug. Dann nötigte er Elliott die Flasche auf. Der schnupperte mißtrauisch daran und rief erstaunt. »Das ist Rum.«
»Ja«, Fedon grinste. »Und der beste dazu, zwanzig Jahre alt. Stammt aus den Vorräten der Leumière-Plantage. Sie kennen sie? Nun, das freut mich, denn vor zwanzig Jahren war sie mein ganzer Stolz. Das beste Zuckerrohr habe ich dort gepflanzt, und die neuen Besitzer arbeiten noch heute mit meiner Brennerei, die zu den hervorragendsten der Insel gehört. Sie verstehen doch sicher, daß ich dort manchmal meine Rumvorräte ergänze? Dieser hier dürfte noch aus meinem eigenen Anbau stammen.«
Phileas nahm widerwillig die Flasche von Elliott und trank. Es war ein ausgezeichneter, reifer Rum mit dem Aroma alter Eichenfässer. Erfrischt und gestärkt, wischte sich der ehemalige Hausdiener den Mund ab. Dann sagte er. »Ihr seid also nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Dieb.«
Fedon warf den Kopf zurück und lachte. Immer mehr gewann Elliott den Eindruck, daß der Mann ein wunderliches Spiel mit ihnen trieb, das einzig und allein seinem Amüsement zu dienen schien. Er hoffte, daß diese Art von Amüsement nicht eine besonders verfeinerte Spielart des Tötens einschloß.
»Ein Dieb, mon cher, ein Dieb? Oh non, non. Ich bin weder das eine noch das andere. Dies ist meine Insel. Oui, oui. Mon île, c’est vrai. Die Briten und alle anderen Tyrannen sind nur geduldete Gäste.«
Elliott zuckte zusammen. Nun war er sich sicher: Dieser Mann war größenwahnsinnig bis an die Grenze vollkommenen Irrsinns. Schweigend nahm er eine Holzschüssel voll Essen in Empfang. Das Aroma von Zimt und Muskat stieg ihm verführerisch in die Nase, und mit Genuß langte er zu. Es galt, wenigstens mit vollem Magen die Reise auf die dunkle Seite des Lebens anzutreten.
Fedon fand wieder zu seinem ruhigen Gleichmut und seinem eleganten Plauderton zurück.
»Mes amis, Sie haben natürlich die Freiheit, in mir zu sehen, was Sie wollen. Ich bin ein großer Freund der Gedankenfreiheit, der wir auch alle anderen Freiheiten verdanken. Aber meine Vernunft, la raison, verlangt es, Sie aufzuklären. Ich habe Ihre Kameraden nicht getötet, Major Tom Elliott. Die Zeit des Krieges ist vorbei. Der alte Lieutenant wird sich bald erholen, sein Kautabak enthielt nur eine Prise Manzanillo, genau wie das Pulver, das ich in die Haut des bleichen Jungen ritzte. Die Blätter dieses Baumes verursachen einen traumreichen Rausch. Altes Rezept aus Afrika. Ah non, ich bin kein Mörder. Und ich betrachte auch meine gelegentlichen Ausflüge zu La Leumière nicht als Diebeszüge. Die Plantage wurde mir und meiner Familie unrechtmäßig entrissen …«
»... nachdem Sie die Briten angegriffen, den Gouverneur und dreiundvierzig weitere ehrbare Regierungsbeamte, Kaufleute und sogar Geistliche im Namen der Freiheit ermordet haben. Machen Sie uns und sich selbst nichts vor, Sie sind ein Gesetzloser, ein Barbar«, unterbrach ihn Phileas scharf.
»Diese Worte aus deinem Mund schmerzen mich, Bruder«, erwiderte Fedon, und Elliott nahm zum erstenmal seit ihrer Begegnung einen Anflug von wehmütiger Ernsthaftigkeit in seiner Stimme wahr.
»Bist du nicht auch ein Schwarzer«, fuhr Fedon eindringlich fort, »ist deine Seele keine Wunde, deine Vergangenheit keine Narbe? Hast du Ingmale vergessen? Und Macandal? Hast du vergessen, wie die Weißen dein Volk hergeschafft haben? Eingepfercht wie Vieh? In stinkenden, fauligen Booten, ohne Licht und Luft, umgeben von Sterbenden und verwesenden Leibern? Sprich mir nicht von ehrbaren Kaufleuten und Gouverneuren. Bestien waren es allesamt.«
Phileas schwieg eine Weile, seine Miene war unbewegt, dann sagte er: »Nennen Sie mich nie mehr Bruder, Sir. Und ersparen Sie mir Predigten über die Leiden des schwarzen Volkes und über Ingmale und Macandal. Ich bin ein Nigger, ja. Aber Sie, Sir, sind nichts als ein erbärmlicher Mulatte und Aufschneider der übelsten Sorte. Sie haben im Namen einer zweifelhaften französischen Freiheit auf bestialische Weise getötet. Ich spucke auf diese Freiheit. Mein Herr, Sir Broderick Kellynch …«
»Kellynch?« unterbrach Major Elliott ihn überrascht, »aber so hieß ein Freund meines Vaters.«
Phileas schenkte ihm einen kurzen, ausdruckslosen Blick, dann fuhr er in Fedons Richtung fort: »Sir Kellynch war ein gütiger und gerechter Mann, dem ich die besten Jahre meines Lebens verdanke. Er war weiß, ein Brite wie dieser Major, und doch verdamme ich Sie dafür, daß Sie ihn getötet haben. Ihn und Ihre eigene Schwester.«
Fedons Gesicht verlor an Farbe.
Phileas schwieg kurz, dann fügte er in einem schneidenden Ton hinzu: »Gott ist mein Zeuge, Sie sind eine Bestie, Fedon!«
Fedons Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
»Ich hätte nicht übel Lust, dich zu töten Phileas, wenn ich nicht wüßte, daß das Gefühl brennender Schuld dich so reden läßt. Warst nicht du es selbst, der den Mördern der Kellynchs das Tor öffnete?«
»Es waren Ihre Männer, Fedon. Sie kamen in Ihrem Namen. Wie konnte ich wissen, daß sie kamen, um zu morden?«
»Es waren nicht meine Männer, Phileas. Zum Teufel, es waren nicht meine Männer.«
»Aber Sie waren es, der am Morgen durch die brennende Ruine strich. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, Fedon. Nichts wird mich vom Gegenteil überzeugen.« Phileas wandte sein Gesicht ab, es war grau vor Erschöpfung.
»Ich war nicht da, um zu morden«, stieß Fedon hervor, dann schwieg auch er.
Elliott schaute die beiden Männer verwirrt an. Welches Geheimnis verband sie? Woher kam der Haß, der einen so tiefen Graben zwischen beide schnitt? War Phileas nicht auch wegen Teilnahme an der Rebellion verurteilt worden?
Fedon erhob sich und ging mit federnden Schritten davon. Zwei Schwarze packten Phileas und Elliott unsanft unter den Armen, zerrten sie hoch und stießen sie zurück in die Dunkelheit des Dschungels. Phileas bekreuzigte sich, und auch Elliott machte seinen Frieden mit Gott, wenngleich es ihn erzürnte, daß er ein Geheimnis mit ins Grab nehmen sollte, dessen Lösung er nicht kannte.
»Seid bereit für den Tanz im Rachen des Löwen. Magie noire, mes amis.« Fedons Stimme klang übermütig, sein Zorn schien verraucht. Am Nachthimmel standen die Sterne dicht wie Blüten, vor ihnen flackerte ein Feuer, das sich von Holz und – wie Elliott angewidert feststellte – den Überresten menschlicher Knochen nährte.
Man hatte ihn und Phileas noch tiefer in den Dschungel geführt und ihnen eine kurze Rast bei verbundenen Augen gestattet. Sie waren erschöpft in einen fiebrigen, traumlosen Schlaf gefallen. Erst das scharfe Rasseln einer Kalebasse, die mit Samenkörnern gefüllt und einem Netz aus den Wirbeln eines Schlangenrückgrats bedeckt war, hatte sie geweckt. Um sie herum hatten sich lautlos Männer und Frauen in weißen, parfümierten Baumwollgewändern versammelt. Sie gehörten nicht zum Lager Fedons.
Die ernsten, dunklen Gesichter waren mit geheimnisvollen Zeichen geschmückt, die im Schein der Flammen plastisch wie Narben hervorsprangen. Einige von ihnen hatten kleine Trommeln in ihrem Schoß. Auf ein Zeichen Fedons begannen sie, einen Rhythmus zu schlagen, der wie das Heranrollen eines Donners klang. Die hohe, fast schrille Stimme einer Frau durchschnitt die Nacht, und gegen die aufsteigende Tonfolge ihrer Anrufung setzten die Trommler eine ununterbrochene Klangbatterie, die so mächtig und eindringlich widerhallte, daß die Wipfel der Palmen im Takt mitschwangen.
»Was für ein erbärmliches Schauspiel soll das werden?« knurrte Elliott ungehalten. »Ich wünschte, er würde uns diesen Maskenball des Todes ersparen und uns sauber abkehlen.«
Phileas starrte mit der ganzen Würde eines vollkommenen Butlers in die Runde und wirkte seltsam deplaziert. Jetzt wandte er sein stilles Gesicht seinem Leidensgenossen zu. »Das ist Obeah, Sir. Der Geheimkult dieser Insel. Sie beschwören die Loa, ihre Geister. Vielleicht haben Sie davon gehört. Auf Haiti nennen sie es Voodoo. Schwarze Magie, verstehen Sie?«
Der Major schnaubte. »Egal, wie sie es nennen, ich würde gern auf eine mir bekannte Weise und ohne unnötiges Zeremoniell sterben. Ich hasse es, wenn man sich meinethalben zuviel Umstände macht.«
Eine Frau in weißem Gewand erhob sich nun und begann einen Tanz von zuckenden Schultern, Armen und Beinen. Es war kein anmutiges Ritual schöner Posen, sondern ein wildes Sichhingeben an die Mächte der Natur.
»Es ist nicht gesagt, daß das Ritual mit unserem Tod endet«, bemerkte Phileas unbeeindruckt, »und bei allen christlichen Heiligen, ich glaube nicht, daß Fedon noch ein ernsthafter Anhänger des Obeah ist. Er ist ganz einfach ein Scharlatan und Leuteverführer.«
Der Verführer trat nun aus dem Schein des Feuers. Er wirkte selbstsicher wie ein Mann, der einen Blitz in der Tasche zu tragen vermochte. Major Elliott fand ihn wider Willen beeindruckend. Er respektierte einen gewitzten Spieler, und der alte Rebell spielte hoch, darüber hatte er keinen Zweifel. Die Trommeln verstummten. Fedons Worte fielen wie Funken in die Nacht.
»Was Sie hier sehen, mes amis, ist nur ein Vorgeschmack auf das, was Sie erwartet. Obeah ist die kleine Schwester der grande dame noire, des Voodoo. Aber sie ist nicht zu unterschätzen. Ich werde es Ihnen beweisen. Mambo«, mit diesem Wort wandte er sich an die Sängerin, »rufe Legba, Le grand Legba.«
Fragend blickte Tom Elliott zu Phileas hinüber, auf dessen Wangen die Flammen einen gespenstischen Tanz vollführten. Ohne den Blick des Majors zu erwidern, erklärte der alte Mann: »Legba ist der Gott der Wegkreuzungen, der alle Sphären miteinander verbindet. Die Diener der Loa glauben, daß er Zugang zum Reich der Toten hat.«
»Und was, zum Teufel, soll das bedeuten?«
Phileas wandte dem Major sein Gesicht nun voll zu. Ein müdes Lächeln umspielte seinen Mund. »Es bedeutet, daß gleich der Herr der Toten zu uns sprechen wird.«
»Könnte mir einen unterhaltsameren Gesprächspartner vorstellen«, bemerkte der Major mit einem Anflug seines gewohnten Sarkasmus.
Die Mambo, Priesterin der anwesenden Gemeinde, schüttete nun Schwefelpulver in die Flammen, so daß Funken mit beißenden Rauchschwänzen in alle Richtungen schössen. Dann öffnete sie ein ledernes Säckchen und schüttete etwas Maismehl auf die Erde, aus dem sie mit ihren Fingern ein Muster formte. Die Gemeinde verfolgte ihre Handlungen gebannt und mit heiliger Stille. Nichts als die Geräusche des Dschungels begleiteten das Ritual.
»Sie legt das Vévé«, erklärte flüsternd Phileas, »das Zeichen des Gottes.«
»Hoffentlich kann der Gott lesen«, höhnte Elliott.
Die Mambo brachte ihn mit einem kalten Blick zum Schweigen. Wieder setzten die Trommeln ein. Es ertönte ein durchdringendes Stakkato, dann wieder das anschwellende Rollen eines Donners, so mächtig, als ob die Erde in ihrem Innersten zerrissen würde. Tänzerinnen erhoben sich, bewegten Arme und Beine in immer gleicher Abfolge. Sie hatten kaum zehn Minuten getanzt, als es passierte: Die Leittrommel hielt plötzlich inne, brach aus dem festen Rhythmus der anderen Trommeln aus und war dann auf einmal wieder da mit einem scharf synkopierten, zerklüfteten Kontrapunkt. Die Wirkung war qualvolle Leere, reißender Schmerz.
Tom Elliott spürte diesen Schmerz beinahe körperlich und blickte zu Phileas herüber. Der hatte die Augen geschlossen, seine Mundwinkel zuckten. Er wirkte plötzlich seltsam verletzbar. »Sie beginnen zu begreifen, nicht wahr? Sie spüren die Macht«, murmelte er fast unhörbar in Elliotts Richtung.
In diesem Moment erstarrte eine der Tänzerinnen. Die Leittrommel dröhnte erbarmungslos mit tiefen, wuchtigen Schlägen, die direkt in das Rückgrat der Frau zu treffen schienen. Bei jedem Schlag krümmte sie sich zusammen. Von Krämpfen getrieben, begann sie eine Pirouette zu drehen, aus der sie bald wieder ausbrach, um zum Feuer zu stürzen, wobei sie stolperte, hinfiel, mit den Händen um sich griff, als suche sie nach Hilfe.
Die Trommel trieb sie erbarmungslos weiter. Und unter den dröhnenden Klängen traf schließlich der Geist ein. Die rasende Frau beruhigte sich, mit friedlichem, entrücktem Blick wandte sie ihr Gesicht dem Himmel zu.
»Der göttliche Reiter hat sie auf sein Pferd gezogen«, flüsterte – nicht ohne Ehrfurcht – Phileas.
»Wie?« fragte Elliott.
»Der Loa ist gekommen. Der Geist hat sie in Besitz genommen, Sie werden es sehen, Sir.«
Bevor der Major weitere Fragen stellen konnte, griff die Besessene nun mit ruhiger Hand in die Flammen. Ohne zurückzuzucken oder Zeichen des Schmerzes zu zeigen, griff sie ein zu Kohle verbranntes Scheit. Ihre Haut zeigte keine Veränderung, als sie das rotglühende Holzstück zu ihrem Mund führte und es ganz darin aufnahm.
»Sie ist eine Dienerin Ingmales, sie schluckt den schwarzen Saphir«, murmelte Phileas voll Ehrfurcht.
»Es ist glühende Holzkohle. Das ist, das ist ganz und gar unmöglich. Ihr Mund verbrennt!« rief der Major entsetzt.
»Non, nicht unmöglich. Nicht sie schluckt das Holz. Das ist der Loa, er spürt keinen Schmerz. Er ist unverwundbar«, zischte neben ihm – mit unverhohlenem Triumph – Fedon. Elliott hatte sein Kommen nicht bemerkt. »Und du, Bruder Phileas, höre gut zu, was Legba zu berichten weiß über deinen toten Herrn, meine Schwester und ihrer beider Kind, das fern von hier geboren wurde und das du verraten hast. Das Kind Vivian Kellynch. Es lebt und ist längst eine junge Frau geworden.«
Der schwarze Diener zuckte bei der Erwähnung der Namen zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Dann streckte er seinen Kopf weit vor, lauernd wie ein Jaguar im Baumwipfel, der am Fuß des Stammes seine Beute entdeckt hat.
Mit fremder Stimme und durchsetzt mit geheimnisvollen Worten, die Elliott nicht verstand, sagte das Mädchen: »Gebt mir meinen Trank, Mgune agba.« Die Mambo trat vor und verneigte sich respektvoll, während sie der Besessenen einen Tonkrug reichte. Die junge Frau trank, ihre Augen rollten nach hinten, das Weiß der Äpfel leuchtete in der Dunkelheit wie polierter Marmor. Nie zuvor hatte Elliott etwas so Schreckliches und gleichzeitig Ergreifendes erlebt.
»Victoire, die schwarze Dienerin Uleles, ist verflucht, weil sie den schwarzen Saphir verriet«, stieß die Besessene hervor. »Ihr Geliebter Broderick ist zweimal durch die Erde gegangen und zurückgekehrt. Un corps cadavre. Baron Samedi, der Tod, streckt die Hand nach beider Tochter aus, weil sie nach ihren Eltern sucht. Vivienne steht an der Schwelle des Todes. Mange moun. Mange moun. Mange moun.«
Ihre Stimme brach ab, das Mädchen sank erschöpft zu Boden, alles Leben schien aus ihr zu weichen, schlaff hingen ihre Arme herab. Die Trommeln setzten wieder ein. Der Geist war verschwunden.
Major Elliott schüttelte sich, als säße ihm ein drückender Alp auf der Brust. Fedon grinste wie ein Whistspieler, der gerade seinen sechsten Rubber heimgebracht hatte. Seine Siegesgewißheit forderte Elliott heraus.
»Nun?« fragte Fedon.
»Die Royal opera ist nichts dagegen. Schöne Inszenierung Fedon«, erwiderte der Major lakonisch und wandte sich zu seinem Mitgefangenen um, auf dessen Skepsis er hoffte. Der aber hatte all seine distanzierte Würde abgelegt. Mit wildem Gesicht wiederholte er immer wieder nur einen Satz: »Sie leben. Mein Gott, sie leben. O Herr, ich danke Dir.«
»Von wem spricht er?« fragte Major Elliott verwirrt. »Oder wird er auch von einem Geist heimgesucht?«
»Vom Geist der Vergangenheit, mon ami. Vom Geist der Vergangenheit. Er klebt daran wie eine Napfschnecke, mein schwarzer Bruder mit der weißen Seele.«
Phileas faßte sich nun. Mit einem Satz war er bei Fedon und packte ihn aufgeregt an den Aufschlägen seines Hemdes. »Wo sind sie? Wo sind sie? Wo ist Sir Kellynch, wo ist Madam Victoire? Das Kind? Das Kind? Wo ist es? Sagen Sie es mir.«
Fedon wollte sich aus dem Klammergriff befreien, doch Phileas hielt ihn mit ungewöhnlicher Kraft fest. Der Rebell entspannte sich und schaute dem Schwarzen nicht ohne Freundlichkeit ins aufgeregte Gesicht.
»Du siehst also, daß ich kein Mörder bin, n’est-ce-pas? Ich bin allerdings auch kein Hellseher. Was Victoire, meine Schwester betrifft, weiß ich nichts. Was ihren Verführer, deinen geliebten Herrn angeht, so habe ich eine gewisse Ahnung. Un corps cadavre ist, wie du weißt, eine sehr häßliche Sache. Er ist nicht tot, aber er lebt auch nicht. Aber eins weiß ich genau. Ihre Tochter, meine Nichte, Mademoiselle Vivian Kellynch, lebt in England. Allerdings, wie der Loa sagte, an der Schwelle des Todes. Es wird Zeit, daß wir sie dort abholen.«
Phileas ließ die Hemdaufschläge des Mannes fahren. »England«, murmelte er.
Elliott glaubte Tränen in seinen Augen zu erkennen. Da er für sich selbst keinen Grund zur Rührung erkannte und das Gerede Fedons für wirr hielt, verlegte er sich auf nüchterne Fragen.
»Was, Monsieur Fedon, hat dieses ganze Spektakel hier mit unserer Entführung zu schaffen? Zum Teufel, wenn Sie uns nicht töten wollen, dann spannen Sie uns auch nicht länger auf die Folter!«
»Oh pardon, ich vergaß, Sie sind ein fischblütiger Brite, dem alle Leidenschaften fremd sind.«
Im Hintergrund wurden die Trommeln wieder laut, diesmal spielten sie zum Tanz auf. Erzürnt erhob der Major seine Stimme gegen den dröhnenden Lärm.
»Das sind sie keineswegs, Sir. Ich versichere Ihnen, daß ich eine große Leidenschaft dafür hege, zu überleben. Was also haben Sie mit uns vor?«
»Zunächst nicht viel. Seulement, un petit excursion.«
»Einen Ausflug? Wohin? Wozu?«
Phileas hatte sich wieder beruhigt und richtete sich auf, sein Gesicht war klar und ruhig. »Nach Haiti«, sagte er entschlossen, »wir müssen zunächst nach Haiti.« Im Hintergrund begannen die Schwarzen zu tanzen, einen frenetischen, jubelnden Tanz. Phileas schloß sich ihnen an. Er tanzte mit seinem Schatten.
»Exactement«, Fedon nickte mit Blick auf den Diener. »Nach Haiti, der schwarzen Insel, dem zweiten Herzen Afrikas. Ein Besuch bei Maman Ulele. Nur sie und die Männer der Bruderschaft können Broderick Kellynch zu einem Zombie gemacht haben, einem corps cadavre. Vielleicht wissen sie auch, wo Victoire, ma sœur, abgeblieben ist.«
Major Elliott runzelte die Stirn. »Es mag Ihre Gastfreundschaft in ungebührlicher Form verletzen, Sir, aber ich habe nicht vor, mich auf eine Reise in das zweite Herz Afrikas zu begeben. Und es liegt mir fern, mich einer mir gänzlich unbekannten Dame namens Madam Ulele aufzudrängen, die blasphemischen Unsinn mit Verstorbenen treibt. Ihre Verwandtschaft interessiert mich nicht, Fedon. Lassen Sie mich gehen.«
Der Rebell zeigte seine Raubtierzähne. »Ah, mon ami. Sie wagen es, mich zu beleidigen und herauszufordern, ohne jeden Trumpf im Ärmel? Sie sind waghalsig. Aber ich schätze Ihren Mut, Sie werden ihn brauchen, bei dem, was vor uns liegt.«
»Uns?« fragte der Major spöttisch und abweisend.
»Oh, ich werde Sie für Ihre Begleitung belohnen. Wie würde Ihnen eine Rückkehr in Ihre scheußliche, kalte Heimat gefallen? Ein vorzeitiges Ende Ihrer unfreiwilligen militärischen Laufbahn. Eh?«
Der Major hob überrascht seine linke Braue.
»Ist das der Preis, den Sie mir versprechen, wenn ich Sie nach Haiti begleite?«
»Bien sûr. Nach Haiti und, wenn wir das überleben, ein wenig weiter, nach Großbritannien. Ich habe Sie entführt, weil ich in England Ihre Hilfe brauche. Sie sind dafür, sozusagen, vom Schicksal bestimmt. Unsere Mission ist, nun, nicht ungefährlich. Ich verspreche Ihnen als Belohnung dafür die vollkommene Freiheit, wieder die Unbilden Ihres feuchten Klimas und das zweifelhafte Vergnügen Ihres entsetzlichen Essens zu genießen. Was sagen Sie?«
»Was verlangen Sie von mir?«
»Nichts als Ihr Ehrenwort als Gentleman, daß Sie mir bedingungslos folgen.«
Mißtrauisch legte der Major seine Stirn in Falten. »Vergessen Sie es. Ich habe nicht vor, mich mit einem Rebellen gemein zu machen, der zudem die englische Krone angegriffen hat. Auch Ihr Hokuspokus hier hat mich nicht eben von der Lauterkeit Ihrer Absichten überzeugt.«
Fedon schüttelte den Kopf und zog eine abgegriffene Zeitung aus der Tasche. »Ah non, das ist kein Hokuspokus. Im Gegenteil, ich bin interessiert an einer Wiederherstellung meines guten Namens und der Wiedervereinigung meiner Familie. Sie haben gehört, wie Phileas mich bezeichnete: Mörder meiner Schwester. C’est scandaleuse.«
»Sie entdecken Ihre Familienehre recht spät, Fedon«, bemerkte der Major sarkastisch. »Ich glaube nicht, daß Sie dafür soviel riskieren.«
Fedon grinste unverschämt. »Sie haben recht. Es geht um mehr. Meine Schwester war nämlich zufällig die letzte Besitzerin des schwarzen Saphirs, und der ist seit dem Überfall auf die Kellynch-Plantage ebenso verschwunden wie meine Schwester mit dem Kind, das sie damals unter dem Herzen trug.«
»Ein Saphir? Also treibt Sie Gier, sonst nichts. Ich wußte, daß Sie weder ein ehrenwerter Rebell noch ein Magier sind.«
»Wenn Sie den Geistern nicht glauben, dann überzeugt Sie vielleicht das hier.«
Er reichte dem Major die Zeitung. Eine London Times, die vom Juni datiert war. Erstaunt warf der Soldat einen Blick auf das vertraute Druckerzeugnis und auf eine mit Tinte gekennzeichnete Annonce.
»Wo haben Sie das her?«
»Es fiel mir bei einem Plantagenbesuch in die Hände. Ich leihe mir dort nicht nur Rum, sondern auch Lesestoff aus. Die Nächte sind lang im Dschungel, vous comprenez? Lesen Sie.«
Verwirrt überflog der Major den angestrichenen Text. »Was, Monsieur Fedon, soll das nun wieder? Interessieren Sie sich für eine frischgebackene Gouvernante, die eine standesgemäße Erziehung für Kinder aus guter Familie anbietet?«
»Lesen Sie den Namen der Gouvernante. Lesen Sie den ganzen Text laut«, sagte Fedon mit der müden Geduld eines Lehrers.
»Antwort schriftlich an Miss Vivian Kellynch, postlagernd Southwark«, las der Major, stutzte und ließ die Zeitung sinken. »Vivian Kellynch. Das Kind von Mister Broderick und Ihrer Schwester? Die Namensgleichheit könnte ein Zufall sein.«
Fedon schüttelte den Kopf. »Unmöglich. Vivienne war der Name unserer Mutter. Ich bin sicher, daß Victoire ihre Tochter so genannt hat.«
»Dann wissen Sie also aus einer Zeitung, daß zumindest sie lebt und in England ist.«
Fedon nickte anerkennend. »Diese geschätzte englische Publikation ist in diesem Punkt besser informiert als die Loa und die Bruderschaft selbst. Die Anzeige spornte mich an, nach denen zu suchen, die ich für tot und verschollen hielt. Nun, wie steht es damit, einer britischen Gouvernante das Leben zu retten? Eine Jungfrau in Bedrängnis, sie ist kaum neunzehn Jahre alt, und wenn sie meiner Schwester ähnelt, tant mieux. Weckt das nicht die Abenteuerlust eines Gentleman?«
»Was zum Teufel soll ich mit diesem pompösen Unsinn zu schaffen haben?« rief Elliott erzürnt und zerknüllte die Zeitung in seiner Hand. Fedon starrte ihn fest an, wie ein Spieler, der kurz davor ist, einen vernichtenden Trumpf auf den Tisch zu blättern.
»Sie haben die Annonce nicht ganz gelesen, mein Freund. Wenn Sie die Rettung einer bedrängten Jungfrau nicht interessiert, dann vielleicht das Folgende.«
Widerwillig strich Tom Elliott die Zeitung glatt, seine Augen überflogen erneut das Inserat von »Vivian Kellynch, erzogen im philanthropischen Institut von Miss Pratt, Southwark/London, dank ihres Gönners Lord Winston Montgomery Elliott, Earl of Clandenbury.«
»Das ist, das ist …«, stammelte verwirrt der Major.
»Ihr Vater, oui.«
