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Europa im 16. Jahrhundert. Um seinen finanziellen Schwierigkeiten zu entkommen, versucht der Kölner Kaufmann Arndt van Geldern die reiche Seidenweberin Rebecca zur Ehe zu überreden. Doch um ihre Unabhängigkeit zu bewahren, hat diese sich zur Gründung eines Beginenkonvents entschlossen. Wütend über die Zurückweisung versucht van Geldern, Rebecca als Ketzerin zu verklagen und auf diese Weise in den Besitz ihres Vermögens zu gelangen. Aber er hat nicht mit seinen beiden Töchtern gerechnet, die ihre eigenen Ziele verfolgen und die Pläne ihres Vaters unbedingt durchkreuzen wollen.
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Seitenzahl: 643
Veröffentlichungsjahr: 2013
Hannes Wertheim
Die Visionen der Seidenweberin
Roman
Edel:eBooks
Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel:eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.
Copyright © 1999 by Hannes Wertheim
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Datagrafix
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ISBN: 978-3-95530-183-5
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Prolog
I. Die Eisläuferin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
II. Ein Totentanz
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
III. Von Engeln und Ketzern
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
IV. Fluchtversuche
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
V. Die Verlobung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
VI. Maskeraden
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
VII. Von Heiligen und Huren
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
VIII. Die Rückkehr
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Der trockene Geruch von Frost. Erstarrte Welt. Steinerne Teufel kauern frierend in Dachrinnen, grinsen schadenfroh. Eisbögen ragen aus ihren Schlünden. Am Horizont bohrt sich der stumpf gebliebene südliche Domturm in den gläsernen Himmel. Keck wie eine Hutfeder sitzt ein Holzkran auf dem unvollendeten Dach. Der nördliche Turmzwilling ist nur Fragment. Dem Höchsten so fern. Seit fünf Jahren stehen die Arbeiten an Kölns gewaltiger Peterskirche still. Kein Abbild des Himmels – ein aufgegebener Versuch. Brüchig ist die Gemeinschaft in Christo geworden. Das ganze Jahrhundert hallt wider vom Lärm unnützer Theologen, vom eitlen Wortgezänk der Frommen und der Frömmler. Alles zerfasert in tausend Glaubenszweifeln. Längst sind auch vom Kern der lutherischen Lehre immer radikalere Gruppen abgesplittert: Wiedertäufer, Mennoniten, Hugenotten, Calvinisten, Zwinglianer, Pantheisten, Sakramentierer, Zungensprecher, Engelsbrüder. Eifernde Schwärmer.
»Was wir lehren ist die Wahrheit, was wir nicht lehren ist Lüge«, das sagen sie alle. Man hat Gott vom Himmel auf die Erde geholt und in die Übel der Welt verstrickt. Die Religion ist nicht mehr Führerin der Politik, sondern ihre Dienerin. Im Getöse der Waffen, dem Lärm der Worte werden die Schreie der Opfer, die Klagen der Leidenden und der Gequälten leicht überhört.
Überall werden die Ketzer wie Treibvieh gejagt – Frankreich, Spanien, England, die Niederlande. Jeder Unzufriedene wird von den Papisten als Protestant bezeichnet – oder wahlweise von den Protestanten als Ketzer gegen den eigenen Glauben. Man tötet wegen Meinungen, verbrennt Gedanken, richtet Träume hin. Die Päpste hüben, die Abtrünnigen drüben.
Wer seiner Kirche – welche es auch sei – nicht gehorcht, wird auch gegen seinen Kaiser, seine Fürsten, seinen Herrn ungehorsam und fordert am Ende gleiches Recht für alle.
Das ist das Ende.
Ganze Nationen liegen im Streit um die rechte Religion. Blutig sind die Gemetzel der Glaubensparteien. In Deutschland herrscht ein gläserner Friede. Vor zehn Jahren zu Augsburg gemacht. »Cuius regio, eius religio« – wes Untertan du bist, des Glauben ist dein. Freilich kursieren auch hier Spottblätter, auf denen deutsche Landesfürsten im Namen des rechten Glaubens nichts anderes als eine Lotterie betreiben: der eine wird evangelisch und gewinnt alle kirchlichen Pfründe, der andere bleibt katholisch und erobert sich abtrünniges Land hinzu.
In der Domstadt Köln ist man gutkatholisch, schon aus Gewohnheit. Und doch – auch in diesem Rom und Jerusalem des Nordens scheuen jetzt viele die Kosten und Mühen für einen so gewaltigen Bau wie den Dom, den die Vorfahren mit inbrünstiger Frömmigkeit begonnen haben. Die Augen himmelwärts. Vorbei. In Zeiten wie diesen, nach dem Pestsommer des vergangenen Jahres 1565, gibt man seine Groschen und Gulden lieber für Ablässe her, für Bittmessen und Zwölf-Stunden-Andachten, kauft Kerzen für die Madonna von Kalk, stiftet Votivgaben, um den Zorn Gottes zu besänftigen. Schließlich ragt überall der Tod ins Leben. Was bietet dagegen eine Kathedrale an Hoffnung, an Trost? Dieses Labyrinth von feinen Streben, Pfeilern, Stützen und Maßwerk. Die schmalgesichtigen, überschlanken Steinfiguren der Propheten, Apostel und Jungfrauen entsprechen nicht mehr dem Geschmack und waren von jeher unwillkommenes Zeugnis des erzbischöflichen Bestrebens, die Freie Reichsstadt und ihre stolzen Bürger ganz unter die Macht des Krummstabs zu zwingen. Und frei will man sein zu Köln, frei vor allem. Im Handel liegt Zukunft, und Geld ist keine Glaubensfrage, schon gar nicht, wenn soviel davon aus den Händen von Niederländern stammt, die es – leider, leider – immer öfter mit dem elenden Calvin halten. Ihrem Geld sieht man es nicht an.
Man hält sich in Köln – so es geht – heraus aus dem elenden Religionsgezänk, jagt Ketzer nur, wenn die Vernunft es gebietet und der Friede. Und Friede liegt an diesem Tag über der Stadt wie der trockene Geruch von Frost. Keiner ahnt, daß dieser Friede so gläsern wie jener von Augsburg ist. Für die Familie des Kaufherrn van Geldern währte er nicht einmal einen einzigen Tag.
Columba beugte sich tief über die Brüstung des Treppenturms, der das Kaufmannshaus im Sankt-Alban-Viertel hoch überragte. Wuchtig schob sich der nahe Rathausturm vor ihren Blick, Zeuge des irdischen Fleißes der Hanse- und Handwerkerstadt am Rhein. Still jubelnd sah sie in das gleißende Blau des letzten Januarmorgens. Unten im Hof klapperten und schlitterten Metzgersboten über das eisglatte Pflaster, Ochsenschlegel auf den Schultern. Karren voll frisch geschlachtetem Federvieh, Kapaune, Gänse, ein zuckender Schwan, wurden herangerollt. Ihren weichen Leibern entstieg noch der warme Atem des Lebens. Federn taumelten wie Schneeflocken durch die Luft. Blanke Fische schillerten in hölzernen Tonnen, die ein Fuhrknecht in den Hof zerrte.
Die Küchenmägde veranstalteten ein Geschrei über den lahmen Gang der Lieferanten, nur darum, weil sie selbst sich zur nimmermüden Eile anmahnen wollten und doch zum Warten verurteilt waren. Das Fleisch zum Braten, das Geflügel zum Rupfen, der zu putzende Fisch kamen spät. Der feierliche Einzug der spanischen Delegation aus den Niederlanden hatte den Weg vom Hafen ins Ratsviertel und den Heumarkt mit seiner Fleischhalle versperrt. Ketten hatten die Gaffenden in den Gassen zurückgehalten.
Ein Holzknecht hob nun neckend ein gewaltiges Scheit und drohte mit Prügeln, kreischend sprang eine Magd zur Seite, glitt aus auf einer Spur von Ochsenblut und Eis, fiel fluchend hin und sorgte für noch mehr Gelächter, Geschrei. Eile, Eile, ein Fest mußte vorbereitet werden. Im Küchenhaus an der Stirnseite des Hofes loderten längst die Flammen im mannshohen Kamin, glühten und sangen die Eisenkessel, sausten die Messer auf den Kohl herab, simmerte es in den Töpfen.
Kein Geringerer als Don Cristobal de Castellanos, Finanzsekretär der spanischen Regentin der Niederlande, wurde für den Abend im Haus des Kaufherrn Arndt van Geldern erwartet. Dessen Tochter Columba drehte sich unternehmungslustig im Wandelgang der Turmspitze, bis es ihr schwindelte. Ein Fest am Abend, nun ja, aber solch ein Morgen! Die eisige Luft des letzten Atemzugs strich über ihre Lungen, ihre Zähne waren stumpf und glatt vor Kälte. Sie wollte nur eines – hinaus. Hinaus zum Rhein, der seit vier Tagen eine feste Eisdecke hatte und die Schiffe der Spanier, die unterwegs waren, um dem zur Jahreswende gekürten Papst Pius V. in Rom zu huldigen, zur Rast zwang. Eben jetzt war die Gelegenheit für einen Ausflug günstig: Die Luft in den Gassen war winterlich rein, der Vater fortgeeilt zum Empfang des hohen spanischen Gesandten ins Rathaus, das Gesinde geschäftig, die Schwester gewiß im Lautenspiel versunken. Juliana liebte es zu glänzen als Kleinod, Schmuckstück, Engel des Vaters. Wie er war sie flämisch blond, dazu weiß und weich und demütig fromm und – dachte Columba, indem sie die Gedanken an die Ältere energisch abschnitt – verschlagen wie ein Roßtäuscher. Sie spuckte aus.
In ihrem Rücken klapperten Schritte, keuchte es die Treppen herauf. »Hab ich es doch gewußt, hab ich doch«, tönte es stoßweise, »gewußt, daß Ihr, puuh, daß Ihr hier seid.« Die ältliche Zofe stand – nach Atem ringend – auf der obersten Stufe. Spät kam ihr Entsetzensschrei: »Und nur in Mieder und Rock. Der Tod wird Euch holen.« Ihre mageren Hände griffen nach Columbas Kleid, zerrten energisch daran.
Das Mädchen riß sich lachend los. »Ist es nicht herrlich hier? Eine Wonne, eine Lust? Mertgin, komm, ich zeige dir den Himmel und Gottes Thron«, rief sie übermütig.
Die Magd bekreuzigte sich rasch und murmelte ein frommes Sprüchlein, dann raffte sie die Röcke, packte Columba beim Handgelenk und zerrte sie die Wendeltreppe hinab in den zweiten Stock des Hauses, wo das Schlafgemach der jungen Herrin lag.
Bald darauf klappten Truhendeckel, wühlte die Zofe in Miedern, Leibtüchern, Seidenschürzen und Spitzen. »Der goldene Brokat, wo ist der goldene Brokat? Das Mieder aus Granatapfelsamt? Das Kleid mit den goldenen gestickten Papageien? Oh, diese Hast, diese unvermutete Aufregung«, greinte sie.
Columba zuckte stumm mit den Schultern. »Es wird sich schon finden, oft habe ich es in letzter Zeit nicht getragen.«
»Heute abend werdet Ihr es tragen«, erwiderte Mertgin ungewohnt streng. »Die Ehre des Hauses gilt es zu zeigen. Die Spanier lieben die Zeremonie, die Würde.«
Columba lief zur Tür des Zimmers. »Wo wollt Ihr wieder hin?« fragte die Zofe scharf. »Euer Haar muß gewaschen und neu geflochten werden. Fünfzig Perlen und das goldene Netz liegen bereit. In der Badstube brennt bereits der Kamin. Wir müssen eilen, bevor Juliana zum Bad geht. Euer Vater will auch Euch von Eurer schönsten Seite sehen. Und das Kleid, der goldene Brokat, muß gebürstet und parfümiert werden.«
Columba zerrte trotzig schweigend einen wollschwarzen Umhang von zweifelhafter Sauberkeit aus einer Truhe unter ihrem Bett.
»Ihr bleibt«, befahl die Zofe im panisch scharfen Ton der Untergebenen, die einem noch höheren Herrn Rechenschaft schuldig ist.
Columba trat an die Tür und warf den Umhang über.
»Wie eine Vogelscheuche seht Ihr aus.« Die Stimme der Magd schraubte sich krächzend in lächerliche Höhen. Columba warf ihr einen halb mitleidigen, halb frechen Blick zu. Mertgin wußte es nicht besser. Die Ehre des Hauses war ihr Credo und ihr Sanctus, ihre Morgenandacht und ihr Abendgebet. Das verblühte Weiblein, das nie im Besitz von Anmut oder – was mehr zählte – genügend Brautgroschen gewesen war, liebte die Sippe van Geldern abgöttisch. Da sie Columba zugeteilt war, war Columba der Mensch, in dem sie ihre Erfüllung, ihren Ausdruck suchte. Fanatisch wie ihre Liebe war, scheute sie auch vor Kränkungen nicht zurück. Wo der geliebte Schützling nicht dem hehren Bilde glich, das Mertgin sich von ihr machte, war sie unbarmherzig.
Aber nein, eine Vogelscheuche war Columba nicht, eher ein wilder, ungezähmter Vogel. Schwarz wie Rabenschwingen schimmerte ihr schweres Haar unter der weinroten Samtkappe, die sie sich nun überstülpte. Vergnügt blitzten die haselnußfarbenen Augen, und ihr breiter Mund hob sich zu einem verächtlichen Lächeln. Verachtung war die letzte Antwort auf die erstickende Fürsorge dieser Magd.
Alles war groß und ausdrucksvoll in Columbas Gesicht, wenn auch nicht schön. Zu dunkel, urteilten die Anbeter der blonden Venus Juliana, ihrer Schwester. Zu dunkel, dachten die mächtigen und reichen jungen Freier argwöhnisch, um die ihr Vater sich beständig bemühte. Zu dunkel, warnte selbst der Beichtvater des Hauses van Geldern und roch die Sünde, sah den lockenden Teufel im goldenen Blick der Achtzehnjährigen. Kein Zweifel, zu dunkel, dunkel wie die Nacht der Ungläubigen, wie der Schatten Satans, der auch Köln von Zeit zu Zeit verdüsterte.
Zu aufsässig, das war es, was ihr Vater manchmal bei sich dachte, während er mühsam das Gefühl unsinniger Zuneigung zu seiner Jüngsten niederkämpfte. Gefühle störten das Geschäft. Leidenschaften waren ein Luxus, der jeden Gewinn verderben konnte. Den einer vernünftigen Ehe zum Beispiel. Zu aufsässig, zu keck, zu vorwitzig, das war Columba. Ihr fehlte die Zucht. Wäre sie ein Sohn, Arndt van Geldern hätte sich keinen besseren wünschen mögen, zumal Melchior, sein einziger männlicher Nachkomme, verloren war, kaum noch eine Erinnerung, verschollen bei einer Seefahrt in die Neue Welt, ein unglückseliger Glücksucher auf den Spuren des Silberschatzes von Peru.
Als Opfer seiner Leidenschaft für Abenteuer hatte er die Handelsvertretung seines Vaters in Lissabon jäh und heimlich verlassen, überdrüssig der Zahlenkolonnen, der Rechnungsbücher, der gelben Akten, kaum begabt für das besonnene Geschäft des Bankiers und Händlers. »In den Kolonien verdienst du in einem Monat mehr als hier in einem Jahr«, hatten ihm die Werber der Kauffahrteischiffe zugeraunt. Mit ihm war nicht mehr zu rechnen.
Columba hingegen handhabte schon als Kind das Rechenbrett im Kölner Kontor des Kaufmanns flink wie sein bester Gehilfe, begriff später im Spiel die Gesetze von Zinsfuß, Schuldbrief und Verschreibung, fuhr mit dem Finger auf den knisternden Landkarten eines Mercator die Handelswege quer durch Europa nach. Kaum daß sie zehn Jahre alt war, wußte sie eine Galeone von einer Karacke zu unterscheiden. All das ginge an, denn auch Töchter konnte man im Geschäft gebrauchen, müßte man nicht in diesem Falle den Verdacht hegen, daß Columba sich manchmal an Deck eines Kauffahrteischiffes träumte – hinaus, nur hinaus.
Columba öffnete die Tür. »Die Tante Rebecca verlangt mich zu sehen«, log sie. »Ich soll ihr helfen, einen gestickten Seidenmantel aus ihrer Webstube als Geschenk für unseren heutigen Gast, den Gesandten, auszuwählen, und ein Geschenk für Seine Heiligkeit den Papst selber.«
»Torheiten, elende Lügenmärchen«, schnaubte Mertgin.
»Eine Torheit, dem Heiligen Vater zu Rom ein Chortuch zu verehren? Aber Mertgin, das aus deinem Munde!« scherzte Columba boshaft.
Die Magd überging die Frechheit. »Nichts habt Ihr auf den Gassen zu suchen, denkt an den Skandal im letzten Sommer, Eure unvorsichtige Dummheit im Weingarten Eures Vaters. Außerdem hängen überall noch die Pestzettel an den Haustoren.«
Columba nestelte ein Samtband unter ihrem Mieder hervor, an dem eine silberne, fein ziselierte Kugel baumelte. »Ich trage meinen Riechapfel bei mir, und der Frost bannt die pestilenzischen Dämpfe. Seit dem Dreikönigstag gab es keine Opfer mehr. Der Schwarze Tod hat seine Ernte eingefahren.« Eine stattliche Ernte. Auf jedes der vierundzwanzigtausend Kölner Häuser, hieß es, kam ein Toter.
»Was, was«, schimpfte daher Mertgin, »erst gestern hörte ich, daß ein Kupferdreher aus der Schmiedegasse selbst Maß nahm für seinen Sarg. Die Pest ist ihm in die Lunge geschossen, bald stirbt es wieder schlimm zu Köln. Die Muhme Oligschläger sah auch den schwarzen Hund auf den Dächern spazieren, der Teufel ist unter uns.«
Ihr Schützling wandte sich verächtlich schnaubend ab. »Die Oligschläger ist eine alte Vettel, der der Dachstuhl verrückt ist. Eine Wichtigtuerin, die überall die Hexen ins Feld pinkeln sieht, um Regenschauer auf längst verfaulte Ernten herabzuziehen. Übles Geschwätz.«
»Ihr wißt nicht wovon Ihr sprecht«, meinte Mertgin kopfschüttelnd. »Ihr seid so jung und unerfahren, wenn es um die Welt geht. Satan sitzt überall.«
Columba schritt achselzuckend zur Tür.
Mertgin richtete sich behende auf, um ihr den Weg zu versperren. Columba war schneller, riß die Tür auf, schlüpfte durch den Spalt und schlug sie zu. Von außen legte sie den Riegel vor, und Mertgin blieb nichts übrig, als ihre Gefangenschaft laut krakeelend kundzutun. Der schwere Gobelin vor der Tür, der den zugigen Wind des Winters abhielt, erstickte ihre Stimme wie eine verwehende Kerzenflamme. »Tod« war das letzte Wort, das an Columbas Ohr drang. Sie lachte. Mertgin würde genug Zeit haben, den goldenen Brokat zu suchen, bevor sie selbst gesucht und gefunden würde.
Mit leisen Schritten eilte ihr Schützling über die wachsduftenden Dielen der oberen Galerie. Vorbei an dem verlassenen Schlafgemach der Mutter – Gott hab sie selig –, in dem diese nur wenige Stunden nach Columbas Geburt den letzten Atemzug getan und ihre Seele Gott anbefohlen hatte. Eine geweihte Kerze der Ursulinerinnen in der Rechten, das Kruzifix in der Linken und eine Lache verdorbenen, klumpenden Bluts trocknete zwischen ihren Schenkeln. Sie war achtundzwanzig Jahre alt geworden, ihr Körper erschöpft von der Zeugungskraft des Gatten und neun Geburten, drei verfehlten, drei unglücklichen mit toter Frucht, zwei glücklichen und einer für sie tödlichen – Columbas.
Die hielt nun den Atem an. Das Zimmer der Schwester lag vor ihr, und die Tür stand offen, die weich gezupften, schwebenden Töne ihres Lautenspiels verrieten es.
Juliana war ein neugieriges, träges Geschöpf, süchtig nach Klatsch und den Geheimnissen anderer. Columba kannte sie als geübte Denunziantin mit blauen, schrägstehenden Lammaugen, die ihre Seligkeit darin fand, andere zu bezichtigen und zu verraten. Sei es aus Langeweile, aus bösartigem Vergnügen oder um von eigenen Verfehlungen abzulenken. Vom Schöpfer mit Schönheit und vom Vater mit Geschenken und Komplimenten verwöhnt, nie dazu angeleitet, einer anspruchsvollen Beschäftigung nachzugehen, war sie zu einer hohlen Puppe verkommen. Ihre leere Seele neigte zu Neid und Mißgunst, wenn sie funkelnde Lebenslust in den Augen anderer wahrnahm.
Columba mußte an ihr vorbei, um die Treppe zu erreichen. Wie ein Kind, das hofft, nicht entdeckt zu werden, sog sie lautlos die Luft ein, hielt den Atem in ihren Lungen fest und kniff die Augen zu. Auf Zehenspitzen schlich sie sich an, um mit einem beherzten Sprung die Türöffnung zu passieren. Als flinker Schatten wollte sie entkommen. Sie setzte an und wurde entdeckt.
»Columba!« Der strenge Klang der Stimme verdarb den letzten Lautenton.
Die Angerufene erstarrte im äußersten Winkel der Türöffnung und warf einen wütenden Blick durch den zurückgeschlagenen Gobelin. Juliana saß mit gelöstem Haar und Mieder auf einer gepolsterten Truhe, die Laute ruhte wie eine hölzerne Birnenhälfte in ihrem Schoß. Notenblätter entfalteten sich zu ihren Füßen wie ein keusches Gesangbuch. Melina, ihre schwarze Zofe – ein großzügiges Geschenk des Vaters von einer Reise nach Venedig –, stand in ihrem Rücken und kämmte hingebungsvoll ihr Haar. Elfenbein und Ebenholz. Der Kontrast zwischen den beiden jungen Frauen hätte jeden Maler gereizt und viele Männer lüstern gemacht.
Fürwahr, Juliana war ein Engel. Wie süßer Rahm glänzte das schwellende Fleisch ihrer Brüste, die das Hemd eben bedeckte. In aller Demut – die sie der Welt so überzeugend vorzuspielen wußte – war Juliana einer Todsünde verfallen: der maßlosen, selbstverliebten Eitelkeit.
»Setz dich zu mir, liebe Schwester. Laß uns über den Abend reden, was wirst du tragen?« Ein beinahe tückischer Zug lag um ihren Mund, der den klaren Blick ihrer Augen Lügen strafte. »Ich hörte Vater sagen, der Freiherr Fritjof van Ypern wird unter den Gästen sein, er kam mit dem Gesandten, nur um dich in Augenschein zu nehmen. Lange hat Vater darum Verhandlungen geführt. Willst du ihm nicht gefallen? Der erste Eindruck entscheidet vieles.«
Columba seufzte. Der immer wieder angekündigte Junker Fritjof, Graf und Freiherr eines kleinen Sprengels bei Brügge und im Besitz einiger Hafenrechte in Dordrecht, was sollte sie ihm groß gefallen? »Er wird mich ohnehin heiraten, der Mitgift wegen, so verschuldet wie er ist«, erwiderte sie trotzig. Und sie würde ihn heiraten, seines Titels und seiner Hafenrechte wegen, die dem Vater nützlich waren. Ja, sie würde ihn wohl heiraten. In einem halben, in einem Jahr vielleicht. Das war weit hin. Die Ehe, die Liebe – falls es sie gab, was Columba ernstlich bezweifelte –, all das hatte Zeit. Kein Grund, diesen Tag nicht zu nutzen, um durch die Gassen zu streifen, den Hafenkai beim Holzmarkt entlangzuschlendern und vielleicht eine ...
»Schwester, was drückst du dich dort im dunklen Winkel bei der Tür herum, komm herein«, gurrte Juliana mit dem gefährlich freundlichen Unterton einer Spionin, die vor einer Entdeckung steht. »Sehe ich richtig? Du trägst einen Umhang? Wozu?«
»Es ist kalt draußen«, gab Columba keck zurück.
»Draußen? Was solltest du draußen wollen? Ohne Mertgin darfst du nirgends hin. Schon gar nicht nach dem Aufruhr, den du im letzten Sommer verursacht hast.«
Columba wandte sich ab. Sie zögerte kurz. Das Fest, der Abend, die hohen Gäste, Verhandlungen – es würde Juliana nicht viel Zeit und Gelegenheit bleiben, sie beim Vater anzuzeigen. Und morgen? Morgen war ein anderer Tag und vielleicht Tauwetter, das alle Straßen und Pfade in unwegsamen Schlamm verwandeln würde. Beherzt schritt sie auf die Treppe zu.
»Columba«, kam es nun schrill von Juliana, die vergessen hatte, ein Engel zu sein, denn es fehlte an Bewunderern. »Komm sofort zurück, ich darf nicht dulden, daß du unsere Familie zum Spott der Gasse machst! Eine van Geldern ohne Begleitung auf der Straße. In grober Bauernkutte! Du machst uns zum Refrain der Bänkelsänger. Gerade an diesem Tag! Die ganze Stadt blickt auf unser Haus. Die Spanier bei uns, noch dazu auf dem Weg nach Rom, und du in dieser Verkleidung. Was wird der Vater davon halten?«
Die letzte Frage bedurfte keiner Antwort. Columba sprang dennoch die Stiegen hinab, mit jeder Stufe stieg ihr Mut. Hinter ihr riß Juliana – ein rächender Engel – den Gobelin zur Seite.
»Willst du den Neidern unseres Vaters noch mehr Stoff für ihr Gerede geben, willst du die Schandmäuler nähren? Reicht es dir nicht, daß man dich für eine Freundin der Wiedertäufer hält, die in unserem Weingarten entdeckt wurden? Dein ganzes Wesen ist unziemlich. Im Gottesdienst tuschelt man über dich, ich höre alles.«
Hörte sie auch, was man von ihrer Prunksucht sagte, von ihrer allzu heiligen Miene, von ihrem Hochmut, ihrer herablassenden Freundlichkeit, ihrer aufdringlichen Frömmigkeit und ihrem lockenden Lächeln für den jungen, gutaussehenden Diakon von St. Alban?
Columba drehte sich um. Ihre Augen funkelten zornig. »Nun, Schwester, auch ich höre gut. Besonders nachts, wenn das Haus in Stille liegt und die Stiegen unter deinen Schritten federn. Ich höre oft, wie du dich fortstiehlst, durch unsere Kapelle in die Kirche von Sankt Alban. So wie in der letzten Nacht.«
Sie haßte sich für diese Sätze, kaum daß sie sie ausgestoßen hatte. Sie haßte sich dafür, daß sie sich mit der Schwester gemein machte. Ihre Art war es sonst nicht, Geheimnisse zu verraten, und der Triumph, den sie nun damit erzielte, schmeckte schal.
Juliana erbleichte unter der Weiße ihrer Haut wie der Tod. Ihr Kiefer spannte sich so stark, daß die Wangen blau und durchsichtig schimmerten. Die dunkle Zofe trat hinter sie, zog sie sanft flüsternd in das Zimmer zurück und schloß die Tür.
Nachdenklich und ein wenig bedrückt trödelte Columba zum ersten Stockwerk des Hauses hinab. Dahin, wo sich die Hauskapelle, der Tanz- und Prunksaal, das Empfangszimmer, das Büro, die Bibliothek und das Schlafgemach des Kaufmanns befanden. Sie warf einen flüchtigen Blick nach links. Hinter einer Biegung des Ganges gab es noch ein Zimmer, eines mit doppelt verriegelter Tür. Sie krauste die Stirn. Mochte sie noch so heiter gestimmt sein, in diesem Haus holten sie an jeder Ecke trübe Gedanken ein.
Hatte Juliana wirklich ein Geheimnis, das dunkler als die Nacht selber war? So dunkel wie die Nacht, in der die Bewohnerin des verriegelten Zimmers lebte, selbst wenn es lichter Tag war? Seufzend verharrte Columba und strich mit dem Finger über die steinerne Nase einer Treppenfigur. Müßte sie ihrer Stiefmutter nicht eine bessere Tochter sein, mitleidiger in ihrem Empfinden für diese wilde, zerquälte Kreatur, die der Vater seit Monaten vor der Welt in jenem Zimmer verschloß?
Armes Weib, von Gott gestraft und eine Strafe Gottes. Der Tod ihres einzigen, langersehnten, aber mißgestalteten Kindes hatte sie wirr gemacht. Die letzte Pest hatte den fahlgesichtigen Wurm, einen Sohn, noch vor der Taufe verzehrt. Den Gatten klagte die späte Mutter des Kindsmordes an, da er, der Geschäfte wegen, mit der Familie nicht rechtzeitig vor der Seuche auf sein Landgut bei Zons geflohen war. Ein Strom unflätiger Worte brach abwechselnd mit irrwitzigen Liebesschwüren aus der Wahnsinnigen, wann immer sie ihn sah, der aufgestaute Wust und Aushub ihres Lebens zwischen Messe und Haushalt, Kirchenstuhl und Stuhlgang, Bett und Beichte. Und dann immer wieder dieses Flehen um die Lust und die Lenden des Gatten. Das Wimmern um Zuneigung. Liebe zählte zu den gefährlichen Krankheiten, da hatten die gelehrten Mediziner durchaus recht.
Columba biß sich auf die Lippen. Dieses unglückliche Haus erdrückte sie: der verlorene Bruder, die irrwitzige Stiefmutter, die katzengleiche Schwester, der kaltgesichtige Vater, die nörgelnde Mertgin. Wie Dämonen hockten sie in ihrer jungen Seele und verdunkelten sie oft. Nur oben auf dem Treppenturm wehte die Luft der Freiheit. Luft!
Sie vergaß das Zimmer linker Hand, die Schwester, das Dunkel, gab der Treppennymphe einen Nasenstüber und nahm mit einem Sprung zwei Stiegen – wie ein Kind im Nu wieder lustig. Ihre tänzelnden Schritte verrieten die Rückkehr der Fröhlichkeit. Summend passierte sie das ebenerdige Kontor, wo emsige Fakturisten über Kontobüchern hockten, mit dem Prüfmesser Münzen schabten und ihre Federn übers Papier kratzen ließen. Sie trat in den Hof und trank sich satt am Frost, am Geschrei, am Gezänk, am Gurren der Tauben. Sie liebte das Leben.
Niemand schien sie zu beachten, sie schlug den Umhang enger um sich, zog die Kapuze tief ins Gesicht und huschte durch den Torweg hinaus auf die Gasse. Ein steinerner Adler blickte ihr nach, das Wappentier der van Gelderns: Ein Bündel von Blitzen trug den Greifvogel, die er nur mühsam zu bändigen schien.
Columbas schleichender Verfolger würdigte den Vogel keines Blickes.
Wie ein gieriges Flämmchen schoß der Schmerz hoch, durchstach ihm die Blase, loderte unter der Bauchdecke auf und fraß sich brennend durch die Gedärme fort bis in sein zerfurchtes Fuchsgesicht. Arndt van Geldern zuckte. Die Krankheit war sein ständiger Begleiter, aber bezwingen sollte sie ihn nicht. Er knirschte mit den Zähnen und umklammerte mit der knochigen Linken die Lehne des Stuhls, der neben ihm in der Fensternische stand. Dieses verfluchte Steinleiden. Was hatte er nicht alles dagegen versucht. Viele Quart Tönnissteiner Sprudel getrunken, den Aderlaß vornommen, bis sein Blut dünn wie Wasser war. Die Mittel der Drecksapotheke – vom Pferdemist bis zum Schweinekot – hatte er auf seinen Unterleib gestrichen, ein ganzes Nonnenkonvent zum Schutzheiligen der Blasenkranken, den heiligen Stephanus, beten lassen. Nichts kurierte, nichts linderte. Die Chirurgen rieten ihm, den Stein zu stechen, doch der Schnitt, das Blut, der Schmerz, der Brand und vielleicht der Tod, nein, dann lieber der Schmerz. Er ließ schon nach, und van Gelderns Züge entspannten sich unter seiner gelblichen Haut.
Sein Blick fiel auf den Alten Markt vor dem Fenster: Krämerbuden, Apfelweiber, buntes Gewimmel, Feilschen, Schwätzen und Krakeel. Er liebte den Anblick der Geschäftigkeit. Leben. Obgleich er beinahe zweiundsechzig Sommer gesehen hatte, blieb noch so vieles zu tun, wenn nicht alles verloren sein sollte. Der Name, das Geld, das Haus, das Ziel, einer der reichsten und vornehmsten Bürger seines Vaterlandes – so nannten die Kölner ihre Stadt – zu sein und zu bleiben. Begründer einer Sippe, die in nicht allzu ferner Zeit in den erlauchten Kreis der kaum zweiundzwanzig Kölner Familien aufsteigen sollte, die die Geschicke dieser stolzen Stadt seit Jahrhunderten bestimmten, ihre Bürger- und Rentmeister stellten.
Mit einem versuchten Lächeln, das leichter als eine Feder wog, wandte der Fernhändler sich um und betrachtete die Ratsherren in ihren schwarzen Amtsroben und Hauben, die, aus dem Rathausturm kommend, über den Löwenhof hierher in die neue Empfangshalle strömten. Der Ratskellermeister und seine Knechte erwarteten sie bereits, um süßen Malvasier auszuschenken und kleine Honigkrapfen zu reichen.
Die Begrüßung des spanischen Gesandten und seiner Gefolgschaft war vorüber, die offiziellen Reden und eine kurze Ratssitzung im Beisein des Gastes gehalten. Nun ging es an die kleinen Besprechungen, das Flüstern und Plaudern, Horchen und Lauschen. Wer die Kunst beherrschte, Zwischentöne zu hören, der konnte vielleicht etwas erfahren über die Pläne der spanischen Krone und ihres Trägers, Philipps II., des mächtigsten europäischen Herrschers in diesen Tagen, Herr über ein Reich, in dem die Sonne nie unterging – ein zerrissenes Reich, übernommen von seinem Vater. Von Philipps Kriegsabsichten oder Friedensangeboten hingen Handel und Wohlstand ganz Europas, auch Kölns, ab. Die Ungläubigen rüttelten an den Türen der Welt – französische Hugenotten, die Schweizer Calviner, deutsche Lutheraner, Heiden, Türken, Indianer, alles eins. Sie ließen dem König, dem Erlöser der Völker, dem Hort der Armen und dem Schild der Reichen, wie der Habsburger sich nannte, keine Ruhe. Philipp hatte wie schon sein Vater – der selige Kaiser Karl V. – geschworen: »Ich spüre die Ketzer mit Hunden auf, jage sie mit Wölfen, schlage sie mit Feuer, rotte sie aus. Brennt die Ketzer ohne Unterschied, sage ich. Wenn nötig, heißt es, alle opfern dem einen, einzigen Gott.« Er liebte die Menschheit so sehr, daß der einzelne ihm nichts bedeutete.
Der alte Kaufmann verharrte in seiner Ecke. Er konnte warten, das Fest am Abend würde ihm genug Gelegenheit bieten, mehr über Philipps Politik zu erfahren. Plante er wieder einen Waffengang gegen die jungfräuliche Engländerin Elisabeth, die frech die Hugenotten in Frankreich unterstützte und auch den vom Ketzertum infizierten Niederländern Hilfe im Kampf gegen ihre spanischen Herrscher gewährte? Wenn ja, so konnte dies eine erneute Handelssperre zwischen den Niederlanden und England bedeuten. Das spanisch regierte Antwerpen, die satte Stadt an der Scheide, wäre wieder einmal blockiert für den Warentausch zwischen Flandern, London und Köln. Arndt van Geldern fürchtete eine solche Behinderung, die ihn in ernsthafte Schwierigkeiten bringen würde. Sein Handel hing seit beinahe zehn Jahren ganz von den Nordländern ab. Die Zeiten, in denen er selbst den Rheinstrom hinauf- und hinuntergefahren war, die Alpen überquert oder die Seeroute nach Portugal gewagt hatte, um venezianischen Samt und indische Gewürze einzukaufen, waren vorbei. Jahre, die angefüllt waren mit Wagnissen, Glücksstreichen, Niederlagen, ertragreichem Handel und dem bedauerlichen Sieg der südländischen Kaufleute über ihre Konkurrenz aus dem Norden. Nun wollte van Geldern – in seinem Kölner Kontor residierend – die Ernte einfahren, deren Saat er in den Niederlanden und England ausgebracht hatte. Doch das elende Gezänk um Religion und Freiheit des Gewissens, wie die törichten Flamen es nannten, drohte die Ernte zu verderben. König Philipp würde es nicht dulden, daß seine Niederländer endgültig der Ketzerpest anheimfielen, eher würde er das ganze Land verbrennen.
Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete der Kaufmann die in bunte Seidenmäntel und Paradeuniformen gekleideten Spanier. Sie nippten mit unbewegten Mienen an ihren Silberbechern und suchten fröstelnd die Nähe der Kohlebecken. Eifrig fachten die Ratsdiener die Glut an. Der Kellermeister verehrte Don Cristobal mit zierlicher Geste vier Fässer des besten Ratsweins aus Bacharach und versprach, sie auf sein Schiff bringen zu lassen.
Kein Zweifel, dem Rat lag viel an Ruhe und Handelsfreiheit des niederländischen Umschlagplatzes für englische Tuche, rheinische Weine, Getreide, Fisch, kölnischen Waffenstahl, exotische Spezereien und alle anderen Köstlichkeiten dieser Welt. Flandern und Brabant waren das Herz des kölnischen Handels, der Rhein war seine Ader. Antwerpen gesperrt, das hieße, sich rasch umzuschauen, neue Stapelplätze und Häfen für den Englandhandel zu finden. Dordrecht, solange es dort nicht gärte, sinnierte van Geldern, Emden etwa, Hamburg vielleicht. Aber die Kosten!
Vielleicht drohte von Philipp überdies eine neue Türkensteuer, die sein Vetter, Kaiser Maximilian II., im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation verkünden würde. Es hieß, die Galeeren Sulaimans planten neue Angriffe im Mittelmeer. Dann müßte man rasch eine Kommission einbestellen, um gerechte Gründe zur Verweigerung eines zu hohen Beitrags zu formulieren. Köln, eine der letzten katholischen Bastionen im Deutschen Reich, war Philipp teuer, er konnte es nicht über die Maßen bluten lassen. Nicht so, wie er es mit den Spanien direkt unterstellten siebzehn niederländischen Provinzen tat, seinem »wahren Indien«, wie die gebeutelten Flamen mit bitterem Spott fluchten, wenn sie des Königs gefräßige Kriegskasse im Kampf um den Glauben erneut zu füttern hatten.
Arndt van Geldern selbst wartete auf einige Renten und beträchtliche Anteile am peruanischen Erzschatz, die der König wie auch die Silberbergwerke von Akmaden, seine Salzlager, Monopole für Papier, Spielkarten und Sklaven längst in aller Welt verpfändet hatte. Vom Finanzsekretär Cristobal hoffte er dringend auf Nachricht über seine ausstehenden Zinsen und Gewinne.
Ein Schiffsunglück bei Oostende im vergangenen Herbst, ein mißratenes Getreidegeschäft im Baltischen und gewaltige Außenstände in London hatten seine Finanzen böse strapaziert. Schon saßen ihm Gläubiger im Nacken. Er brauchte keine windigen Wechsel, keine leeren Titel, er – schmerzlich verzog er den Mund – brauchte Geld. Ihm, vor dem Bischöfe mit einschmeichelnder Miene sich verneigt hatten, um Geld für die Edelsteine in ihrer Mitra zu erbitten, vor dem Ritter hinter aufbrausender Art ihre Furcht verborgen hatten, mit ihren Wechseln abgewiesen zu werden, ihm fehlte es an Barschaften.
Wieder grub van Geldern seine Finger in die hölzerne Stuhllehne, nicht eines Schmerzanfalls wegen, sondern um sich zu beruhigen. Es galt, die Miene des Unbeteiligten zu machen, den nichts drängt und der niemanden bedrängt. Heitere Gelassenheit kennzeichnete den Erfolgreichen, und van Geldern war geübt darin, so elegant wie ein Seiltänzer zu lächeln, so als sei der Seiltanz die natürlichste Gangart des Menschen.
In der Mitte des Saales erschien nun Bürgermeister Konstantin von Lyskirchen in hermelinbesetztem Mantel und schwergoldener Amtskette. Neben ihm ging der hochgewachsene Cristobal de Castellanos, dessen vorgebeugte Schultern den Schreibtischmann verrieten. Ein hochmütiger Spanier, der die wieselnden Ratsherren minderer Bedeutung wie wimmelndes Gewürm zu betrachten schien. Zwei Mitglieder der Waffenschmiedezunft, rotgesichtig und prall, glitten auf ihn zu und machten ihm in geradebrechtem Spanisch ihre Komplimente.
Cristobals Dolmetscher übersetzten, um die lästigen Schmeichler zu kränken, die plumpen Laute artig in reines Deutsch. Cristobal lächelte leicht verächtlich. Der Finanzsekretär der spanischen Regentin in den Niederlanden war vieler Sprachen mächtig und legte keinen Wert auf Komplimente aus ungebildetem Mund.
Van Geldern war klar, was die ungeschickten Handwerkermeister wollten: Informationen über die Freiheit des Waffenhandels in den Niederlanden. Ein heikles Thema, denn wer in Zeiten wie diesen ausgerechnet in den calvinistisch durchsetzten Niederlanden und in Nachbarschaft zum feindlichen England mit Arkebusen und Harnischen, Luntenrohren und Hellebarden sein Geschäft zu machen suchte, stand schnell im Verdacht, skrupellos an die Feinde Spaniens zu liefern. Doch genau das, überlegte van Geldern mit dem wachen Instinkt des Kaufmanns, war ein einträgliches Geschäft. Wenn ich nur Geld dazu aufbringen könnte, dann ...
»Sie sind zu eifrig«, bemerkte ein stattlicher Mann im ehrwürdigen Gelehrtenhabit, der an die Seite van Gelderns getreten war, mit leiser, dunkler Stimme. Der Kaufmann zuckte leicht zusammen, waren seine Gedanken auf seiner Stirn zu lesen? Nein, beruhigte er sich, nein, er meint die Waffenschmiede, und nickte seinem Nachbarn zu, Doktor Theodor Birckmann, Mitglied der berühmten Kölner Drucker- und Verlegerdynastie und Fürstlicher Leibarzt. »So werden sie nie erfahren, welche Erschwernisse oder Vergünstigungen die Spanier für unseren Handel erwägen. Die Lage ist heikel.«
Van Geldern nickte abwartend, ob nicht vielleicht Birckmann durch weitere Worte einige seiner Geheimnisse – oder das, was er dafür hielt – preisgeben würde. Der Arzt und Verleger Birckmann, ein Antwerpen- und Englandhändler wie er, war ein Mann nach seinem Geschmack. Berechnend, ganz auf seinen Vorteil bedacht und von kühlem Gemüt. Kein religiöser Schwärmer, kein Glaubensfanatiker wie es zur Zeit so viele gab, die sich und andere in Gefahren brachten.
Birckmanns magenstärkendes Ingwerpulver war bei Elisabeths engstem Ratgeber, dem Staatskanzler William Cecil, so beliebt, daß die Birckmannschen Druckerzeugnisse ohne Kontrolle der englischen Zensurbehörde in London ausgeliefert werden konnten. Eine stolze Leistung für einen Kölner Verlag, der für sein gutkatholisches Schrifttum berühmt war und im protestantischen England ohne Protektion längst hätte scheitern müssen. Zu diesem Zweck benutzt, war die Medizin ein heilsamer Segen. Und ein preiswerter. Van Geldern seufzte in Gedanken an die hohen Bestechungssummen, die er zahlen mußte, um in London unbehelligt mit Stahl handeln zu können, der von billigerer englischer Ware bedroht war.
Birckmann plauderte im geschmeidigen Ton des hoferfahrenen Menschen weiter. »Man sagt, in den Niederlanden lauern an jeder Ecke die elenden Zaunprediger vom neuen Glauben. Die Flamen folgen ihnen wie der Faden dem Weberschiffchen. König Philipp hat wohl klug daran getan, im Oktober dort die Inquisition einzuführen. Die Niederlande sind ein gefährliches und ein gefährdetes Land.«
»Und ein geschäftiges Land. Die Flamen zählen selbst im Traum noch die Dukaten. Sie lassen mechanische Webstühle laufen und setzen ihre vierjährigen Kinder daran. Der Handel ist ihnen heilig, sie werden sich besinnen«, warf van Geldern ein, der Gespräche über die Religion haßte. Als geborener Flame tat er gut daran, sich aus dem Streit zwischen Bibel und Meßbuch herauszuhalten, zumal erst im letzten Sommer in seinem Weingarten nahe der Severinstraße siebenundfünfzig Wiedertäufer entdeckt und verhaftet worden waren. Und das just zu dem Zeitpunkt, als seine jüngste Tochter dort eingekehrt war. Eine lästige Geschichte.
Der Arzt neben ihm lächelte still und verstand. »Das Geschäft heilig, van Geldern? Ich möchte wohl hoffen, daß es vor allem der Glaube und die einige und einzige Kirche sind, die unseren Nachbarn heilig ist.« Er pausierte kurz, seine Mundwinkel zuckten in mildem Spott. »Heilig wie uns selbst.«
»Gewiß«, versicherte sein Gegenüber lau, »nichts gegen die Religion, die einige und einzige. Ich selbst stifte der Kirche genug und habe eben erst wieder einen großen Ablaß erworben für bald fünfzig Goldgulden.«
»Ich sah den Zettel darüber im Fenster Eures Kontors hängen, ein hübscher Beweis für Eure Frömmigkeit, das gefällt den heimischen Kunden«, bestätigte Birckmann. »Keiner kann an Eurer Gottesfurcht zweifeln. Ich selbst habe dieser Sache im Juni letzten Jahres nie ...«
»Mich dünkt«, unterbrach ihn van Geldern mit ungeduldiger Kopfbewegung, die die goldene Kette auf seinem Barett klirren ließ, »daß nicht nur die neue Religion die Köpfe der Flamen und Brabanter verwirrt. Bedenkt die große Teuerung im Land der Scheide. Ein Ei, so heißt es, kostet in Antwerpen heute so viel wie eine Henne am vergangenen Martinstag, dazu die immer neuen Steuern der Spanier und die schlechten Ernten. Das Volk ist unruhig und läuft aus den Dörfern, die Wölfe ziehen ein, und ihnen nach die neuen Prediger. Sie nutzen die Angst und den Zorn der Leute, um sie für ihren Gott zu gewinnen.«
»Es ist ein ekle Hefe, die dort gärt«, stimmte Birckmann ernst zu. »Not und religiöse Verwirrung sind gefährliche Geschwister. Wir haben nach Luther gesehen, wozu das führt, zu Spaltung und Unfrieden. Philipp hat recht, wenn er sagt, daß der Aufstand gegen die Religion immer im Aufstand gegen die Fürsten endet.«
»Gewiß, gewiß, aber darum die Inquisition bei einem freiheitsliebenden Volk wie den Flamen in aller Schärfe einzuführen, ist das klug?« fragte van Geldern leise, »Feuer, Eisen und Grab – so heilig sie sind – verhärten die Menschen. Was, wenn die niederländischen Fürsten, wie einige unserer deutschen, die Gunst der Stunde nutzen, die neue Religion annehmen, und das Volk gegen die spanische Herrschaft aufwiegeln?«
»Ein Bürgerkrieg wäre zweifelsohne die Folge«, schloß Birckmann trocken, »und unsere Geschäfte wären dahin. Wir würden zwischen den Fronten zermahlen wie ein Bündel Papierlumpen.«
»Achttausend flämische Tuchweber sind vor der Inquisition schon nach England geflohen. Man empfängt sie gern, denn sie sind Künstler ihres Fachs. England wird den Profit davon haben. Antwerpen liegt derweil wie tot, berichtet mein Agent, die Schiffe fliehen aus dem Hafen, man rennt als hocke die Pest in der Stadt, sogar die Huren gehen zur Messe.«
Birckmann nickte kaum merklich, er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Lamberth Galisius, Dominikanerpater und Abgesandter des Kölner Kurfürst-Erzbischofs, kam ihm zuvor, ein hageres, unscheinbares Männlein in schlichter grauweißer Ordenstracht, dessen hervorstechendstes Talent der lautlose Gang war. Kein Wunder, denn neben anderen Geschäften gehörten die Inquisition und die Ketzerverfolgung zu seinem Aufgabengebiet. In seinen blauschimmernden Fingern balancierte er einen Silberbecher mit Ratswappen. »Nun, nun, das nenne ich ein freigeistiges Gespräch. Wohlgetan. Hier in Köln darf man es sich ja leisten. Aber für spanische Ohren klänge es nach blankem Aufruhr.«
Er lächelte listig, die beiden Kaufleute strafften die Schultern wie zur Abwehr. Was hatte dieser elende Glaubensspitzel mitangehört?
»Die Inquisition verhärtet die Menschen?« zitierte Galisius. »Nein, und nochmals nein, sie ist ein ganz und gar zärtliches und edles Instrument, denn sie dient der Rettung der Seelen. Die Inquisition verdirbt das Geschäft? Was für ein frevlerischer Gedanke, Mijnheer van Geldern. Unser Geschäft ist es doch, viele tausend Seelen vor der ewigen Verdammnis zu retten. Wozu sonst sollten wir hier auf Erden wandeln?«
»Was führt Euch hierher, Pater?« fragte Birckmann mit gefährlich freundlicher Miene. »Wollt Ihr dem Gesandten eine Nachricht für den neuen Papst übermitteln? Geht es darum, ob Seine Heiligkeit unserem kurfürstlichen Erzbischof endlich seine Affirmation erteilen wird? Eine wirklich lästige Sache, wenn ein Erzbischof noch nicht in seinem Amte bestätigt ist. Es kommt noch soweit, daß Seine Heiligkeit zu Rom von Eurem hochlöblichen Herrn, dem Kurfürsten Friedrich von Wied, verlangt, sich zum Priester weihen zu lassen. Pius, so sagt man, ist streng in Fragen der Religion seiner Kirchendiener.«
Galisius wand sich. Birckmanns Anspielungen auf die fehlenden Weihen seines Herrn waren eine Frechheit, schließlich waren die meisten seiner Vorgänger auch nicht zum Spenden der heiligen Sakramente berechtigt gewesen. Aber unter diesen Umständen, in Zeiten der katholischen Gegenreformation, konnte er das mehr weltliche Wesen seines Herrn schlecht verteidigen. Heuchelei war das Gebot der Stunde, und so lächelte Galisius süßlich, als er sagte: »Niemand kann an der Tiefe des Glaubens unseres hochlöblichen Kurfürsten zweifeln. Seine Durchlaucht geißelt täglich seinen Leib, dünn wie Papier scheint seine Haut bereits, so viele Krusten trägt sein Rücken, so roh ist sein edles Fleisch, daß er sich kaum zu setzen vermag.«
Angewidert verzog der Mediziner Birckmann den Mund, ihm schien, als schmecke sein Speichel plötzlich nach Eisen. Diese heilige Marter hatte den Geschmack blutiger Wollust – wie die ganze Inquisition.
Ein Mitglied der spanischen Delegation schlenderte vorbei, sein Degen schleppte auf den glasierten Bodenziegeln leise nach. Van Geldern betrachtete ihn kurz und runzelte die Stirn. Der dunkle, hübsche Kerl, dessen Wangen gegen die Mode glattrasiert waren, erinnerte ihn an jemanden. An wen nur?
Galisius verneigte sich tief zu dem Fremden hin und verschüttete von dem Wein, der rot wie Blutstropfen auf seinen weißen Kuttenärmel fiel. Wie erfrischt wippte er wieder nach oben und fuhr – um eine Spur lauter, vielleicht um die Ohren des Spaniers zu erreichen – mit seiner Predigt fort: »Ein herrliches Werk hat Philipp im Flanderland begonnen. Er hat drei neue Erzbischöfe eingesetzt, fünfzehn Bischöfe, hundertzweiundsechzig Inquisitoren, tausend Schergen, zehntausend Denunzianten. Gute Hirten, treue Wächter des Glaubens. Was, wenn in seinem Hause jeder glauben darf, was er will? Das Land würde wimmeln von tausend Sekten. Die Erde wäre verloren für den Herrn.«
»Und die Niederlande für Philipp«, murmelte Birckmann kaum hörbar.
»Wie?« Galisius horchte auf und schnellte nach vorn, eine Hand an seinem rechten Ohr. »Wo wir von Sekten sprechen, werter van Geldern, was haben die Turmwächter inzwischen erfahren von diesen garstigen Wiedertäufern, die man in Eurem Garten fand?«
Van Geldern zog den Marderkragen seines Mantels näher an den Hals. Ihn fror.
»Der Anführer ist, wie Ihr wißt, längst enthauptet, die Weiber sind der Stadt verwiesen, einen Rest verhört man peinlich«, erklärte er widerstrebend, »und erfährt nicht viel außer schimpflicher Gotteslästerei. Sie glauben nicht, daß Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandelt wird, sondern es Brot und Wein bleibt, und anderen Unsinn.«
»War nicht auch Eure Tochter an jenem Abend zugegen?« Das war ein gemeiner Schlag. Van Geldern mußte ihn direkt parieren, obwohl er wußte, daß eine Verteidigung immer den Beigeschmack einer Selbstanklage hatte.
»Sie liebt die Kühle und das lachende Grün der Gärten. Sie kam spät von einem Spaziergang vor den Mauern heim und wollte kurz in unserem Kelterhaus ausruhen. Niemand«, van Geldern betonte das Wort, »hat je daran gezweifelt.« Birckmann blickte zur Seite – auch diesmal nur auf seinen Vorteil bedacht, und der lag nicht darin, sich in Gespräche über Wiedertäufer einzumischen.
»Die Weiber sind leicht verführbar«, bemerkte Galisius spitz. »Der beste Ort für hitzige Weibsgemüter ist und bleibt das Kloster, möchte ich meinen. Darin gebe ich den von mir so hochverehrten Jesuiten völlig recht. Ein Segen sind sie, gerade hier in Köln. Dieser Glaubenseifer, diese Frömmigkeit.« Verzückt riß er die Augen auf.
»Ich denke, daß meine Familie fromm genug ist«, entgegnete van Geldern heftig. »Meine Schwägerin Rebecca lebt seit vier Jahren als Begine in einem von ihr gestifteten Konvent von zwölf Frauen. Sie setzt ihr ganzes Vermögen dafür ein.« Der letzte Satz war unterfüttert mit Abscheu.
»Beginen!« rief Galisius verächtlich. »Sie waren schon dem letzten Papst ein Dorn im Auge. Legen keine ewigen Gelübde ab, dürfen ihr Vermögen frei verwalten und behalten, können jederzeit den Bund mit Gott wieder lösen. Und dann erst die Vielzahl der Häretikerinnen, die sich unter ihnen befinden! Das ist zuviel der Freiheit. Gefährliche Weiberbündnisse sind das, der Teufel hat ein leichtes Spiel mit den Beginen.«
Das Gespräch wurde van Geldern lästig. Wiedertäufer, Lutheraner, Jesuiten. Im Laufe dieses bewegten Jahrhunderts hatte man bisher viele Ideen zu Staub zerfallen sehen, und immer reiften neue nach. Man konnte ein ganzes Volk verbrennen, aber nicht Ideen. Wann würden Menschen wie dieser Galisius es jemals begreifen? Sie steuerten einen Nachen in wildbewegtem Meer und glaubten den Brechern entkommen, sie sogar lenken zu können. Die Zeit würde über sie hinwegrollen. Längst war die Hälfte aller deutschen Landesfürsten protestantisch.
Mit gutem Grund, denn so durften sie die kirchlichen Güter einziehen, wertvolle katholische Pfründen selbst verteilen und verwalten. Ein einträgliches Geschäft, und die Zukunft liegt im Geschäft, dachte der Kaufmann. Philipp und alle unerbittlichen Glaubensverfechter waren Herrscher der Vergangenheit und des Vergehenden. Aber er hütete sich, das zu sagen, denn diese Männer, die dem Jenseits auf Erden zu seinem Recht verhelfen wollten, waren die Männer, die seine Welt regierten. Im katholischen Köln war es am nützlichsten, katholisch zu sein. Das war eine einfache Mathematik, und van Geldern liebte die Welt der Zahlen weit mehr als die Welt der Ideen und Gedanken, in der alles unberechenbar war.
Er haßte die Glaubenshelden wie die Glaubensmärtyrer, und er spürte seinen kalten Haß so deutlich wie die Steine, die in die feine Haut seiner Blase schnitten und sie zu zerspalten schienen. Er biß auf seine dünnen Lippen und schluckte.
»Die Steine?« fragte Birckmann, froh, von Galisius und dem Religionsgespräch ablenken zu können.
Van Geldern nickte, Schweiß verklebte ihm die fahl gewordenen gelben Stirnhaare.
»Ich empfehle Euch das Harfenspiel«, sagte der Doktor fröhlich. »Wenn mir nicht wohl ist, lege ich mich zu Bett und lasse einen Harfenspieler kommen. Ganz so wie die griechischen Medici es empfahlen.« Er war mit Leidenschaft den humanistischen Wissenschaften zugetan, der heiteren Welt der Antike, die so licht ins Dunkel der Glaubensstreitigkeiten schien und den Anfang des Jahrhunderts so golden überglänzt hatte.
»Heidnischer Unsinn«, protestierte Galisius eifernd. »Hingegen ein oder zwei Rosenkränze, die Berührung eines heiligen Knöchelchens wirken leicht Wunder.«
Birckmann verdrehte leicht die Augen, er hielt nicht viel von der Weißen Magie der Kirche, schwieg aber. Van Geldern reckte den Hals, um dem frömmelnden Geschwätz zu entgehen. Der Bürgermeister verbeugte sich eben vor Don Cristobal und zog davon, um in der Morgenansprache vom Balkon am Rathausplatz die neuen Edikte über das Halten von Schweinen in den Gassen und die Beseitigung des Schmiedeabfalls zu verlesen. Die Kölner waren recht nachlässig in Fragen der Sauberkeit, und trotz Androhung des Halseisens ließen die Brauer und Bäcker ihre Säue und Ferkel noch immer im Straßenkot schnüffeln und sich dort suhlen.
Don Cristobal sah sich suchend um.
»Wirklich, van Geldern«, schwatzte Galisius, »ich muß mich wundern über Eure Freigeisterei, und das im Beisein von Vertretern seiner heiligen katholischen Majestät und ...«
Dann der Triumph. Der Blick des Spaniers traf van Geldern. Der Grande beugte vornehm und wie erleichtert sein Haupt. Van Geldern war ausgezeichnet vor allen. Das Fest am Abend würde ein Weiteres tun, um ihn über die Niederungen kleingeistigen Gezänks zu erheben. Er war wieder wer, unverzichtbar für die höchsten Kreise, seine Wechsel stiegen unmittelbar im Wert.
Er raffte energiegeladen seinen Mantel und warf einen letzten Blick auf Birckmann, der in die Betrachtung des Alten Markts vor dem Fenster versunken schien. Van Geldern folgte Birckmanns Blick und stutzte. Zorn flammte in ihm auf, brennender als jeder Blasenschmerz. Zwischen den Gaddemmen und Kauflauben sah er eine schlanke Gestalt im schwarzen Umhang. Die Kapuze war ihr vom Kopf geweht, darauf leuchtete eine Kappe aus weinrotem Samt.
Mit geröteten Wangen eilte Columba über den Markt.
Was zum Teufel hatte seine Tochter auf der Straße verloren? Schon wieder allein! Nein, nicht ganz allein, mit einem Aufseufzen erkannte van Geldern den Verfolger.
Dem widerlichen Gestank des Filzengrabens wußte auch der Frost nichts anzuhaben. Columba drückte ihre Hand vor Mund und Nase, während sie neben dem stinkenden Bächlein von Springstein zu Springstein hüpfte. Gerberlauge, Waidmus und die Filzabfälle der Hutmacher ließen das dunkel verfärbte Rinnsal in der Mitte der Gasse dampfen. Kinder in schmutzigen Kitteln und mit laufenden Nasen setzten Holzscheite hinein und trieben ihre Schiffe mit Stecken dem Hafen zu.
Columba lächelte. Sie hatte den gleichen Weg. Dumpfes Huftrappeln ließ sie aufhorchen, sie wandte sich um, gerade noch rechtzeitig, um sich gegen die Wand eines Häuschens zu drücken. Drei geharnischte Reiter, einer in kölnischer, zwei in spanischer Soldatentracht sprengten heran. Die Nüstern der Gäule dampften, sie schlitterten auf den vereisten Pfützen, und die Reiter lenkten sie durch das Bächlein, wo sie die Schiffe der Kinder zertraten und den Schlamm aufspritzen ließen. Die Männer hielten mit grimmigen Mienen auf den Thurnmarkt zu, wo die spanische Delegation in Kölns vornehmsten Gasthäusern logierte. Der Kölner holte mit einem Stock aus und schlug nach einem Gassenjungen, der mit einer Peitsche aus Aalhaut einen Kreisel tanzen ließ. »Fort da, Lausepack, macht Platz. Räumt die Gasse!«
Columba runzelte ärgerlich die Stirn, was sollte das? Warum erlaubte die Stadt den Spaniern ein solches Auftreten in ihren Mauern? Sie beugte sich zum Bach hinab und rettete eines der Schifflein. Der kleine Besitzer dankte stumm. Columba tat einen letzten Sprung, und der ärgste Teil der Straße lag hinter ihr. Zur Rechten erhob sich das Zunfthaus der Faßbinder mit seinem modischen Stufengiebel und dem bunten Wappenschmuck. Mit wenigen Schritten passierte sie den Holzmarkt mit seinen bemalten Kaufmannshäusern, erreichte die Stadtmauer mit dem überdeckten Wachgang und durchquerte im Gedränge von Hafenarbeitern und Marktgängern das Tor zum Kai.
Auf der anderen Seite begrüßte ein Branntweinhocker johlend das Mädchen. Er hatte ein aufgebocktes Holzbrett vor sich, auf dem das kleine Faß stand, aus dem er zapfte. »Einen Trunk für einen Weißpfennig, Mädchen!« rief er zahnlos. Sein Gesicht war ein Netz von roten Adern, er selbst sein bester Kunde. »Macht die Wangen voll und rund. Komm, ich schenk dir ein. Gib mir deine Gunst.«
Die umstehenden Schiffer- und Ruderknechte in ihren groben Lederblusen und Leinenkutten, die das Eis zum Müßiggang zwang, klatschten angeregt Beifall. So angespornt streckte der Branntweinhändler die knotige Hand nach Columbas Röcken aus. »Komm, meine Schöne, du bist gerade recht, nicht zu dünn und nicht zu dick.«
Geschickt wich das Mädchen zur Seite, der Mann fiel, wobei ihm Brett und Faß folgten, vornüber.
Seine Trinkgesellen lachten übermütig, einer tat, als wolle er das Faß rauben, weshalb der Branntweinhändler sich auf ihn warf. Ein Gerangel war die Folge, bis der Torwächter mit dem Schaft seiner Hellebarde grob dazwischenstach. Ein eifriges Männlein hatte ihn auf das Geschehen aufmerksam gemacht und beobachtete im Schatten des Tores zufrieden den Wächter, der unnachsichtig auf die am Boden liegenden Männer eindrosch. Einen Augenblick zu lange genoß er das Bild roher Kraft, über die er selbst nicht verfügte. Als er sich wieder nach dem Mädchen umsah, war es verschwunden. Fluchend löste er sich aus dem Torbogen.
Columba war fröhlich in das Gewimmel am Kai eingetaucht. Sie fand bei all diesen groben Kerlen, was Herrensöhne bei ihren Stallknechten fanden: eine rauhere und freiere Welt fern von Vorschriften und leeren Regeln, die Ausdünstung menschlicher Wärme, den Wechsel zwischen schweißtreibender Arbeit und ungehemmter Faulenzerei, eine von Schimpfen und Sprüchen gewürzte Sprache, kölschen Singsang und kehlig-rauhe, holländische Töne, die ihr geheimnisvoller und lebendiger schienen als das gezierte Reden der Vornehmen.
Fuhrknechte, Sackträger und Gewölbediener eilten mit Schubkarren einher. Be- und entluden die Nachen, Fähren und Kauffahrteischiffe. In Fässern, Kisten und Körben wurden Heringe aus Holland zum Fischhaus gerollt, Winterkohl von der anderen Rheinseite marktfertig verpackt, Tuche aus England und baltisches Getreide zum Stapelhaus transportiert, wo die Zöllner die Sachen prüften und die Kölner Kaufleute drei Tage lang das Vorkaufsrecht auf diese fremdländischen Waren hatten, bevor sie weiter rheinauf verschifft werden konnten. Leihzähler standen neben den Schiffsstegen und registrierten im Auftrag der Schiffspatrone die Ladung.
Columba bewunderte das bunt bewimpelte Ratsschiff, mit dem Kölns Regierung hohen Besuchern das Geleit zu geben pflegte. Daneben ankerte das Schiff der spanischen Delegation, eine hübsche holländische Koef mit seitlichen Kielbrettern, Heckruder und zwei Segeln, blau und silbern beflaggt. Bei ihrer Weiterfahrt würden die Spanier in ein zierlicheres Boot umsteigen, um sich den Rhein hinauf treideln zu lassen, sobald das Wetter es erlaubte. Columba blickte über den Rand des Kais und bewunderte die spiegelnde Eisfläche, die die Schiffe fest umschloß. Tief darunter gurgelte grünlichschwarz der Rhein, aber kein Zweifel, die Schicht war fest genug, um ...
Eine magere Hand krallte sich in ihren rechten Arm. Erschrocken fuhr Columba herum und blickte in das Gesicht eines zahnlosen Weibleins. Ein grobes Tuch hing ihr tief in die Stirn und über das linke Auge, ganz so, als habe sie etwas zu verbergen. Das Brandzeichen einer Diebin vielleicht.
Columba griff nach dem kleinen Geldbeutel an ihrem Gürtel, umschloß ihn fest mit der Hand und riß sich heftig von der Alten los, die heiser kicherte. »Hast Angst, schöne Taube vor einer Eule wie mir? Lahm wie ich bin und halb blind?«
Sie zog das Tuch aus der Stirn, und Columba blickte halb entsetzt, halb fasziniert in eine leere Augenhöhle. Ein Gesicht, an dem der Tod bereits seine Künste geprobt hatte. »Ich will dir nichts, schöne Taube, zarte Taube.«
Columba stutzte bei der beharrlichen Wiederholung dieser Anrede, die die deutsche Entsprechung ihres Namens war. »Was willst du?«
»Ich sag dir die Zukunft für nur einen Groschen.«
»Ein Groschen! Du bist ja toll.« Sie wandte sich ab.
»Du hast viel mehr zu geben, das sehe ich«, schimpfte die Alte, »und was ich weiß, schöne Taube, ist soviel wert wie zwei Quart Wein.«
»Zwei Fettmännchen kannst du haben, das reicht für ein Pintgen«, feilschte das Mädchen. Sie griff in die Geldbörse und ließ die kölnischen Kupfermünzen hüpfen.
Die Alte leckte sich beim Klimpern die Lippen. »Gib deine Hand«, sagte sie fast grob und riß Columbas Linke zu sich heran, drehte sie um und beugte sich mit schräggelegtem Kopf darüber. Ihr rechtes Auge schien die feinen Linien abzutasten, sie murmelte tonlos vor sich hin und tat ganz plötzlich einen Schrei, schrill und hoch. Sie ließ Columbas Hand fahren. »Was soll das?« fragte ihre Kundin ungehalten, »dafür gebe ich kein Geld. Rede endlich.«
»Erst die Münzen.« Columba zahlte. Das Weib tat zwei schleichende Schritte zurück, dann hob sie das Haupt und starrte das Mädchen böse an: »Du wirst noch heute dem Tod begegnen, meine Taube. Das ist es, was ich sehe, auch wenn ich nur noch ein Auge habe. Du bist eine Gezeichnete.« Flink drehte sie sich nach diesen Worten um, tauchte unter dem Arm eines Fuhrknechts weg und war verschwunden, bevor Columba etwas erwidern konnte. Kopfschüttelnd sah die Kaufmannstochter der Alten nach.
»Branntweindrossel«, murmelte sie, »geschieht mir recht, daß ich mein Geld los bin. Nur gut, daß sie nicht den Freiherrn von Ypern in meiner Hand gesehen hat.«
Achselzuckend wandte sie sich nach rechts und lief mit hüpfenden Schritten bis auf die Höhe vom Werthchen, einer kleinen, vorgelagerten Insel. Und richtig, auf den Treppen, die zum Strom hinabführten, saßen sie, die Schlittschuhläufer. Sehnsüchtig betrachtete Columba die Schar. Es waren müßige Schiffersknechte, freie Handwerksgesellen und vorwitzige Mägde – darunter vielleicht einige Hübschlerinnen aus dem Hurenhaus vom Berlich –, die den Umgang mit den Kerlen nicht scheuten und ihre Frechheiten munter parierten. So frei müßte man sein, nicht auf seinen Ruf bedacht, überlegte Columba, wenigstens dieses eine Mal.
Sie fing den Blick eines drallen Mädchens auf, dessen strohfarbenes Haar wirr unter einer weißen Haube hervorstand. Ihre Wangen waren erhitzt und glatt vor Kälte, die hellblauen Augen blitzten unternehmungslustig. Das Mädchen war Columba auf Anhieb sympathisch. Eben band sie sich blankpolierte, spitz zugefeilte Ochsenrippen unter die Schuhe und fing dabei Columbas neugierigen Blick auf.
»Was schaust du? Möchtest du auch einmal übers Eis gleiten?« fragte die Blonde. Columba nickte begeistert, das gutmütige Gesicht des Mädchen nahm ihr jede Scheu.
»Na, dann komm, zier dich nicht, ich werde dir meine Schienen leihen.« Mit flinken Fingern löste sie die eben geschnürten Lederbändchen, riß sich die Knochen vom Fuß und winkte damit. Columba sprang die Stufen hinab und setzte sich neben sie.
»Tringin«, maulte ein junger Bursche in der groben Kutte des Färbergesellen, »du hast mir einen Lauf zur Schiffsmühle versprochen, was ist, hast du nur geprahlt? Wenn du dich nicht traust bis in die Mitte des Stroms zu laufen, ich lege gern meinen Arm um dich. Obwohl«, er warf einen Blick auf Tringins Hüfte, als wolle er Maß nehmen, »mein Arm dazu ein wenig kurz ist.« Beistimmendes Gelächter von den Umstehenden. Tringin gab ihm einen Klaps auf die Schulter.
»Meine Freundin hier möchte es einmal probieren, vielleicht hast du einen Arm für sie übrig.«
Columba knüpfte eifrig die Lederbändchen über ihrem Spann und schüttelte ungestüm den Kopf. »Ich möchte es schon alleine wagen, so schwer kann es wohl nicht sein.«
Tringin wog den Kopf und krauste spielerisch ihre Nase. »Das hat schon so mancher Esel gesagt. Du wirst dich wundern, diese Ochsenrippen da sind ganz besonders schnell. Luthger, der gebrannte Kopf, ein Knochensammler von der Alten Mauer am Bach, hat sie geschnitzt. Der versteht sich darauf wie kein zweiter, das kannst du mir glauben.« Sie packte Columba unter dem Arm und half ihr, sich aufzurichten.
»Von der Alten Mauer am Bach?« fragte Columba mit einem Anflug von Mißtrauen. Keine gute Gegend, von der Tringin da sprach. Sakramentierer, Wiedertäufer und andere Sektierer sollten da hausen, ganz Köln munkelte es.
»Gewiß«, antwortete das Mädchen Tringin arglos, »der Luthger ist ein braver Kerl, alle Welt weiß das.«
Na denn, die Tringin sah nicht aus wie eine Ketzerin, so frei und unbekümmert wie sie lachte.
Vorsichtig geleitete das Mädchen die Kaufmannstochter die Böschung hinab. Columba streckte den rechten Fuß vor und setzte ihn aufs Eis, zog den Linken nach und stand unsicher, ihre Knie zitterten.
»Traust du dich wirklich?« fragte Tringin betont zweifelnd.
»Und ob«, gab Columba zurück.
»Na denn.« Tringin versetzte ihr einen herzhaften Stoß, und Columba schoß vorwärts. Sie beugte, der Stoßrichtung gehorchend, den Oberkörper nach vorn, ruderte wild mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten, und kam langsam wieder in die Höhe. Der Umhang behinderte sie, sie schlug ihn hastig hoch. Noch immer glitten die Schienen mit ihr übers Eis, was nun? Unwillkürlich löste sich ein kleiner panischer Schrei von ihren Lippen.
»Warte«, hörte sie Tringin hinter sich, »ich komme gleich. He, Mathys, leih mir deine Schienen.«
Columba löste den rechten Fuß von der spiegelnden Fläche, schwankte bedenklich, hörte hinter sich grölendes Gelächter, verächtliche Pfiffe. Sie setzte den Fuß wieder auf und stieß sich trotzig ab, löste den linken Fuß vom Eis, schwankte und – stürzte nicht. Das Gelächter verebbte. Sie lief, und es war wunderbar. Sie schwebte, sie glitt, sie flog, der Wind strich über ihr Gesicht. Der Umhang blähte sich im Wind wie schwarze Vogelschwingen. »Es ist herrlich«, schrie sie und erschrak ein wenig über die Kraft der eigenen Stimme.
»Nicht wahr«, kam es aus einiger Entfernung von Tringin. Der Wind schmeckte frisch wie Metall und füllte ihren warmen Mund, mischte sich mit ihrem Atem, schnitt über die Zähne. Oh, dachte Columba, wie ich dieses Mädchen Tringin liebe, einfach darum, weil sie mir diesen Genuß verschafft hat.
Aber es blieb keine Zeit zu denken, die Schienen unter ihren Füßen waren fürwahr ein Kunstwerk. Leicht aber scharf schnitten sie sich in das Eis. Columba tat, was sie zuvor bei den anderen Läufern beobachtet hatte, und wagte weit ausholende, lange Schritte, beugte sich leicht vor und hatte im Nu das Ufer der Insel vor sich im Blick. Flößer stapelten dort ihr Lang- und Schnittholz, zimmerten Floßtafeln und Ruder. Columba sah sie nur als undeutliche Schatten, ihr Blick war fest auf das unebene Ufer gerichtet. Immer näher kam ein kleiner Sandausläufer, schon sah sie die ersten Befestigungssteine und einen knorrigen, armdicken Ast, der weit übers Eis ragte. Sie steuerte direkt darauf zu und bemerkte zum ersten Mal, daß sie zwar zu laufen, nicht aber zu bremsen verstand.
»Tringin!« schrie sie in plötzlich aufwallender Panik. »Tringin, was jetzt?«
Ihr Ruf kreuzte sich mit dem des blonden Mädchens: »Halt an, verflucht, halt an! Dreh dich zu mir.« Der silberfarbene Ast bohrte sich in Columbas Blick, seine toten Zweige streckten sich wie Knochenfinger nach ihr aus. Der verfluchte Ast würde sie aufspießen. Ein letzter Schrei löste sich von Columbas Lippen und stieg in den Himmel wie eine aufgescheuchte Krähe.
Man war auf dem Weg zur Ratskapelle St. Maria in Jerusalem.
Würdig schritt der Bürgermeister mit seinem hölzernen Regimentsstab in der Rechten voran, neben ihm wiederum Don Cristobal. Es folgten in geordnetem Zug die neunundvierzig Ratsherren und boten dem gaffenden Volk das Schauspiel einer einträchtigen, ehrwürdigen Regierung. Die anderen Spanier, die geladenen Gäste, unter ihnen van Geldern und, wenn auch ernstlich beleidigt über den hinteren Platz im Zug, der Mönch Galisius folgten. Es waren nur wenige Schritte durch die Rathaushalle und über den Rathausplatz.
Der Zweite Bürgermeister ging an der Seite van Gelderns und plauderte aufgeräumt. Zweifelsohne eine weitere Auszeichnung, die sich der Kaufmann dadurch verdient hatte, daß Don Cristobal de Castellanos ihn zum Abschluß des Empfanges persönlich und mit zierlichen Worten begrüßt hatte.
