Der kleine Ausreißer - Hildegard Lenz - E-Book

Der kleine Ausreißer E-Book

Hildegard Lenz

5,0

Beschreibung

Die Heimatkinder verkörpern einen neuen Romantypus, der seinesgleichen sucht. Zugleich Liebesroman, Heimatroman, Familienroman – geschildert auf eine bezaubernde, herzerfrischende Weise, wie wir alle sie schon immer ersehnt haben. Wundervolle, Familienromane die die Herzen aller höherschlagen lassen. Der Tag fängt früh an auf einem Bauernhof. Ganz gleich, ob wochentags, sonntags oder feiertags – das Vieh will stets pünktlich versorgt werden. Auch der Milchwagen wartet nicht, wenn die gefüllten Kannen nicht pünktlich auf der Rampe stehen. So war es auch auf dem Grandlhof in Krainberg oberstes Gebot, rechtzeitig aufzustehen und unverzüglich den Pflichten nachzugehen. Der Grandl-Bauer war, wie jeder im Dorf wußte, eine Seele von Mensch. Wenn ihn aber etwas in Rage brachte, dann waren es Unpünktlichkeit und Nachlässigkeit bei der Arbeit. Auf dem Grandlhof lebten längst nicht mehr so viele Menschen wie früher, als Knechte und Mägde im Stall, in Feld und Wald schafften. Auf einem modernen Bauernhof hatten die Maschinen die fleißigen Hände überflüssig gemacht, so daß außer dem Bauern Pankraz Grandl, seine Frau Sofie und Sohn Martin nur noch der Azubi Wolfi zur Hausgemeinschaft gehörte. Als Aushilfe kamen im Sommer die Sennerin Alberta und der Rentner Simon hinzu. Wolfi hatte sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten gut eingelebt und war nun, nachdem zwei Jahre seiner Lehrzeit herum waren, bereits eine vollwertige Hilfe. Er nahm es auch sehr ernst mit seinen Pflichten und war besonders frühmorgens der erste im Stall. Wenn er fröhlich pfeifend die Stalltür öffnete, wandten ihm alle Tiere die Köpfe zu und ließen auch ab und zu ein sanftes Muuuh ertönen. Besonders gut gelaunt war der Wolfi nach der langen dunklen Winterzeit, wenn sich der Frühling allmählich gegenüber den Schneeresten auf den Hängen von Krainberg durchsetzte. Auch an dem Dienstag vor Pfingsten, dessen klarer Morgenhimmel einen schönen Tag

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
5,0 (1 Bewertung)
1
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Heimatkinder – 47 –Der kleine Ausreißer

Hildegard Lenz

Der Tag fängt früh an auf einem Bauernhof. Ganz gleich, ob wochentags, sonntags oder feiertags – das Vieh will stets pünktlich versorgt werden. Auch der Milchwagen wartet nicht, wenn die gefüllten Kannen nicht pünktlich auf der Rampe stehen. So war es auch auf dem Grandlhof in Krainberg oberstes Gebot, rechtzeitig aufzustehen und unverzüglich den Pflichten nachzugehen. Der Grandl-Bauer war, wie jeder im Dorf wußte, eine Seele von Mensch. Wenn ihn aber etwas in Rage brachte, dann waren es Unpünktlichkeit und Nachlässigkeit bei der Arbeit.

Auf dem Grandlhof lebten längst nicht mehr so viele Menschen wie früher, als Knechte und Mägde im Stall, in Feld und Wald schafften. Auf einem modernen Bauernhof hatten die Maschinen die fleißigen Hände überflüssig gemacht, so daß außer dem Bauern Pankraz Grandl, seine Frau Sofie und Sohn Martin nur noch der Azubi Wolfi zur Hausgemeinschaft gehörte. Als Aushilfe kamen im Sommer die Sennerin Alberta und der Rentner Simon hinzu. Wolfi hatte sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten gut eingelebt und war nun, nachdem zwei Jahre seiner Lehrzeit herum waren, bereits eine vollwertige Hilfe.

Er nahm es auch sehr ernst mit seinen Pflichten und war besonders frühmorgens der erste im Stall. Wenn er fröhlich pfeifend die Stalltür öffnete, wandten ihm alle Tiere die Köpfe zu und ließen auch ab und zu ein sanftes Muuuh ertönen. Besonders gut gelaunt war der Wolfi nach der langen dunklen Winterzeit, wenn sich der Frühling allmählich gegenüber den Schneeresten auf den Hängen von Krainberg durchsetzte.

Auch an dem Dienstag vor Pfingsten, dessen klarer Morgenhimmel einen schönen Tag versprach, stiefelte Wolfi frohgemut über den Hof, um sich um seine Viecher im Stall zu kümmern. Zunächst mußte er aber frisches Heu aus dem Stall holen. Auf dem Weg dorthin begegnete ihm die Katze Minka. Sie rannte mit hängendem Schwanz eilig an ihm vorbei, ohne sich wie sonst streicheln zu lassen.

»Was hast du denn heute, Minka?« rief ihr der Wolfi erstaunt nach.

Kopfschüttelnd schob er die Stadltür auf, die zu seiner Verwunderung nur angelehnt gewesen war. Drinnen war aber alles unverändert. Weiß der Kuckuck wovor sich das Katzerl erschreckt hatte. Wolfi zog die Schubkarre aus ihrer Ecke, griff zur Heugabel und begann die Karre mit Heubündeln zu füllen. Er hatte schon einen großen Stapel aufgeladen, da fiel das oberste Packerl wieder herab und Wolfi mußte sich wohl oder übel nach ihm bücken, denn es war in den engen Spalt zwischen Karre und Stadlwand gefallen.

Und da fiel Wolfis Blick auf ein zusammengekrümmt daliegendes Etwas, das er im ersten Moment nicht genau erkennen konnte. War es ein Tier? Ein Futtersack? Oder… war es ein Mensch? Wolfi öffnete die Stadltür noch weiter, so daß ein Schein des hellen Morgenlichtes in die Ecke fiel. Jetzt sah er, was dort lag und in einen tiefen Schlaf versunken war: Ein kleiner Bub war es, aber er war nicht allein. Er hielt einen ebenfalls kleinen braunen Hund fest an sich gepreßt. Der Hund war wach und starrte Wolfi mit großen Augen an. Ein kaum vernehmbares Knurren sollte den fremden Menschen wohl warnen, seinem Herrchen zu nahe zu kommen.

Wolfi dachte gar nicht daran, den schlafenden Buben zu wecken. Er ließ zum ersten Mal seit langem die Arbeit im Stich und rannte in die Küche des Bauernhauses, in dem die Bäuerin bereits emsig tätig war.

»Bäuerin, Bäuerin«, rief der Wolfi aufgeregt, »kommen Sie ganz schnell mit. Im Stadl liegt ein fremder Bub.«

Sofie Grandl stellte die Dose mit dem Kaffeemehl beiseite. Sie hatte gerade den Filter in der Maschine damit gefüllt, denn ihr Mann brauchte am Morgen einen starken Muntermacher.

»Einen Buben hast du gefunden? Ja mei, wo kommt der denn her?«

»Ich weiß es doch net, Bäuerin. Er schläft tief und fest, ein Hunderl hat er auch dabei.«

»Ich schau mal nach, Wolfi. Geh du derweil zu deinen Viechern, es ist Zeit für die Stallarbeit. Wenn du dem Martin begegnest, sag ihm, er soll mal in den Stadl kommen. Er ist gerade in den Hühnerstall gegangen, weil er gemeint hat, der Fuchs sei ums Gehöft geschlichen.«

Wolfi ging diesmal widerwilliger an seine Arbeit, denn die Neugier plagte ihn allzu sehr. Er traf den Bauernsohn vor der Stalltür, so daß er ihm gleich die Neuigkeit berichten konnte.

Martin war nicht weniger erstaunt als seine Mutter.

»Ein fremder Bub? Wie mag der ausgerechnet auf unseren Hof gefunden haben? Kennst du ihn etwa von daheim?«

»Net die Bohne«, verneinte Wolfi energisch. »Hab’ ihn nie gesehen. Die Bäuerin ist selber hin, vielleicht hat sie ihn inzwischen erkannt.«

Martin Grandls Sorgen um das Federvieh waren unbegründet gewesen. Vielleicht war der angebliche Fuchs gar nur ein Nachbarshund gewesen. Oder… sollte er etwa den Hund des fremden Buben gesehen und für einen Fuchs gehalten haben?

Eilig lief Martin zum Stadl. Dort bot sich ihm eine erstaunliche und rührende Szene dar.

Seine Mutter saß auf dem harten Zementboden und hielt ein weinendes Büberl im Arm, das noch immer den kleinen Hund umklammert hielt. Die Bäuerin sprach ganz leise und tröstend auf das weinende Kind ein. Was sie sagte, konnte Martin nicht verstehen. Er sah nur, daß seiner Mutter ebenfalls Tränen in den Augen standen. Sie mußte großes Mitleid mit dem Büberl haben. Jetzt spürte sie, daß sie beobachtet wurde. Ohne den Kopf zu wenden, fragte sie:

»Bist du es, Martin? Geh, komm ein bisserl näher. Schau, wen der Wolfi gefunden hat. Ein heimatloses Bürscherl, das net mehr weiß, wohin es gehört. Wir wollen ihm helfen, gell, Martin? Vor allem muß er war zu essen kriegen, er und das Hunderl auch. Kannst du aufstehen, Büberl? Oder soll dich der Martin ins Haus tragen?«

Der Bub schüttelte heftig den Kopf. Mit energischen Bewegungen fuhr er sich über die Augen, wobei er eine unübersehbare Schmutzspur auf der Haut hinterließ.

»Ich kann laufen«, krächzte der Kleine. »Nur die Füße tun mir ein bisserl weh. Aber das ist nicht so schlimm.«

»Wie schaut’s mit deinem Hunderl aus?«

Da jammerte der Bub: »Mein Putzi hat auch ganz wunde Pfoten. Er kann schon lange nicht mehr laufen, ich habe ihn die ganze Zeit getragen. Gell, Putzi? Wir zwei bleiben trotzdem zusammen. Für immer und ewig.«

Es war ein ans Herz gehender Anblick, wie der kleine Bub, das Hunderl fest an sich drückend, mühsam über den Hof schlurfte. Er konnte kaum die Füße heben, biß aber tapfer die Zähne zusammen. Sofie Grandl beobachtete jeden seiner Schritte, um notfalls sofort zupacken zu können, wenn er vor Schwäche stolpern sollte. Ihre Sorge war unbegründet. Kind und Hund kamen wohlbehalten im Bauernhaus an, wo sie erst einmal in die Küche hineingeschoben wurden.

»So, Bub, jetzt kriegst du ein großes Glas Milch mit Honig zu trinken. Das gibt Kraft und macht munter. Nachher frühstücken wir zusammen. Deinem Hunderl stellen wir einen großen Napf Wasser hin. Zu fressen haben wir auch für ihn, wir haben ja selber einen Hund, den Jako, der ist aber schon sehr alt und tut deinem Kleinen nix zuleide. So, wenn du noch stehen kannst, dann wasch dir ganz schnell mal die Hände im Spülbecken. Nachher kommst du in die Badewanne und ins Bett, und dann schläfst du bis zum Mittagessen. Einverstanden?«

Der fremde Bub nickte stumm mit dem Kopf. Es war ihm anzusehen, wie schwer ihm die Augenlider schon wieder wurden. Sofie Grandl merkte, daß er ihr gar nicht richtig zugehört hatte. Das Planschen in der Badewanne würde man wohl auf später verschieben müssen.

So war es dann auch. Der Bub trank gehorsam das große Glas Milch mit Honig aus, sein Hund schlappte fast den ganzen Wassernapf leer, danach waren aber beide schon wieder beinahe eingeschlafen. Sofie trug den Buben kurzerhand in eine kleine Kammer neben der Küche, in der eine bequeme Liege mit Kissen und Decken stand. Das Hunderl nahm sie vorsichtig aus seinem Arm.

Sofort jammerte der Bub: »Putzi, wo ist mein Putzi?«

»Der ist hier. Ich will ihn nur mal nach draußen bringen, damit er sein Geschäftl verrichtet, bevor er mit dir schlafen geht. Ist das recht so?«

»Ich muß auch mal…«, quengelte der Bub.

Nachdem sich Herrchen und Hunderl erleichtert hatten, legten sie sich beruhigt zum Schlafen nieder. Sofie Grandl schloß erleichtert die Kammertür und drehte vorsichtshalber den Schlüssel im Schloß herum.

Zu ihrem Sohn, der gerade in die Küche trat, sagte sie: »Ich sperre lieber ab, damit er net wieder fortläuft, wie er es schon gemacht hat. Ausgerissen ist er von daheim! Stell’ dir vor, Martin, er wohnt in München und ist bis zu uns nach Krainberg gekommen. Wie er das geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Aber ich denke, er wird uns bald mehr erzählen, wenn er merkt, daß wir es gut mit ihm meinen.«

»Du willst ihn doch net etwa hier behalten?« rief Martin wenig begeistert aus.

»Natürlich! Jedenfalls solange, bis wir seine Eltern benachrichtigt haben und wir wissen, daß er bei denen in guten Händen ist. Sonst…, ja, sonst…«

Die Bäuerin wußte selbst noch nicht, was sie sonst zu tun gedachte. Für immer konnte der Bub nicht auf dem Grandlhof bleiben. Denn eines Tages, so hoffte die Bäuerin, würde Martin ja wohl heiraten, und da war ein fremdes Kind überflüssig.

Kommt Zeit, kommt Rat, dachte die hilfsbereite Frau. Der Vater im Himmel wird’s schon richten.

*

Der kleine Bub war so erschöpft, daß er den ganzen Tag und die folgende Nacht verschlief. Erst am Dienstag wachte er von den ungewohnten Geräuschen vor der Tür und vor dem Fenster auf. Voller Angst sprang er von der Liege, denn er wußte im ersten Moment nicht mehr, wo er war. Erst als sein geliebter Putzi kläglich an der verschlossenen Tür jaulte, kam die Erinnerung wieder.

»Warte, Putzi, ich mach die Tür auf, du mußt sicher raus, und ich auch.«

Aber die Tür war zu. Verzweifelt hämmerte der Bub mit beiden Fäusten dagegen.

»Aufmachen! Sofort aufmachen!«

»Ja, ja, ich komme ja schon«, rief es von der anderen Seite besänftigend.

Der aufgeregte Bub versuchte, sich an der Bäuerin vorbeizudrängen. Wahrscheinlich wollte er hinter seinem Hund herlaufen, der schon irgendwo auf den Hofplatz verschwunden war.

»Putzi, Putzi!« schrie der Kleine gellend.

Schon flitzte ein braunes Wollknäuel um die Ecke und sprang freudig an seinem Herrchen hoch.

Sofie Grandl packte den Buben schnell an der Hand.

»Da siehst du ja, wie gern dein Putzi bei uns bleiben will. Ihr bleibt beide bei uns, bis wir deine Eltern verständigt haben.«

»Ich will nicht zurück!« schrie das Kind sofort aufgeregt. »Laß mich los! Ich will weg! Weit fort, wo mich keiner findet.«

»Jetzt reg dich net auf, Büberl. Wir werden alles in Ruhe besprechen. Ganz gewiß laß ich dich nimmer wegrennen, was dir übel bekommen könnte. Meinst, man gibt dir und deinem Putzi überall was zu essen und ein Bett zum Schlafen? Ich rate dir, bleib bei uns. Es wird dir bald gut gefallen. Und wenn du net willst, daß wir deine Eltern benachrichtigen, dann tun wir das auch net.«

»Ich habe keine Eltern«, erklärte der Bub. »Nur eine Mama.«

»Ach, und du meinst, die macht sich keine Sorgen um dich?«

»Doch. Aber sie nimmt mir ja auch den Putzi weg. Aber den geb ich nicht her. Der ist mir das Liebste auf der Welt.«

Armer kleiner Bub, dachte die Bäuerin. Wenn du weiter nix zum Liebhaben hast als einen armseligen kleinen Mischlingshund… Aber wir werden schon noch herausfinden, was es mit dem kleinen Ausreißer auf sich hat.

»Hast du schon großen Hunger? Ich schlage vor, du kletterst erst mal in die Badewanne. Hast dich bestimmt tagelang net gewaschen. Nachher schmeckt das gute Frühstück um so besser. Haben wir dich eigentlich schon gefragt, wie du heißt?«

Der Bub schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es nicht mehr. Weil ich so müde war. Ich heiße Stefan. Ihr könnt mich aber auch Steffel nennen.«

»Also gut, Stefferl…«

»Nicht Stefferrrl, bloß Steffel.«

»Ich werd’s mir merken«, lächelte die Bäuerin. »Also dann, Steffel, komm mit ins Badezimmer. Den kleinen Putzi darfst du nachher selber baden, wahrscheinlich hat er unterwegs jede Menge Flöhe aufgelesen, meinst net auch?«

Steffel nickte ernsthaft.

»Kann sein. Er hat sich immerzu gejuckt.«

Zunächst stellte die Bäuerin keine weiteren Fragen mehr. Sie wollte abwarten, ob der Bub nicht von selber zu erzählen begann. Jedenfalls war er schon viel aufgeschlossener als am Tag zuvor. Er plantschte vergnügt in der Wanne, spielte mit dem Badethermometer Schiffchen und protestierte auch nicht, als ihm Sofie Grandl auch noch den Kopf tüchtig einschäumte.

»Ja mei!« rief sie aus und hätte am liebsten die Hände zusammengeschlagen. »Wo hast du bloß die Nächte verbracht, Bub! Da kommt ja allerhand aus deinen Locken heraus! Gras, Heu, Stroh, Sand, sogar ein Marienkäferl hat sich in deinem Haar verfilzt! Aber es lebt noch, schau, ich setzte es aufs Fensterbrettl. Wenn’s trocken ist, fliegt’s wieder davon. Das Käferl hat dir wohl Glück gebracht, gell? Sonst wärst du net pfeilgrad auf unseren Hof gekommen. Oder hast du gar gewußt, wo du hingeraten bist?«

Steffel konnte nicht antworten, denn der Seifenschaum lief ihm übers Gesicht. Erst als alles abgespült war, sagte er: »Erst bin ich mit einem Auto gefahren. Weil Putzi und ich nicht erwischt werden wollten, sind wir runtergeklettert, als das Auto anhielt.«

»Es war also ein Lieferwagen? Oder gar ein Lastwagen?«

»Ein Lieferwagen«, gab Steffel nach einigem Zögern zu. Hatte er etwa schon zuviel verraten?

»Und dann seid ihr losgewandert, gell?« wollte ihn die Bäuerin zum Weitererzählen anregen.

Aber Steffel schwieg.

»Mehr sag ich nicht. Und wenn ihr die Polizei anruft, hau ich gleich ab. Ich will nicht zur Mama zurück! Und der Putzi auch nicht!«

Da gab es Sofie Grandl auf. Es hatte keinen Zweck, den Buben mit ständigem Gefrage zu verunsichern. Wer weiß, vielleicht bekam er doch bald Heimweh nach der Mutter. Dann würde er bestimmt mehr erzählen.

Gar zu lange mußten sich das Ehepaar Grandl und ihr Sohn Martin nicht gedulden. Denn schon am dritten Tag warf Steffel ab und zu eine Bemerkung ein, die mehr über seine Flucht von daheim erkennen ließ.

»Wir wohnen nicht so schön wie ihr«, sagte er, indem er die Augen über den großen Bauernhof und die angrenzenden Wälder und alles überragenden Berge wandern ließ. »Wir wohnen in der Stadt.«

»Ja, das hast du schon mal gesagt. In München.«

»Net in der Mitte, mehr am Rande. Aber dort sind auch nur hohe Häuser mit kleinen Höfen, in denen Kinder nicht spielen dürfen.«

»Gehst du schon in die Schule?«

Steffel nickte.

»In die erste Klasse. Jetzt sind Ferien. Sonst hätte ich nicht weglaufen können.«

»Und deine Mama? Wieso hat die das net gemerkt?«

»Sie geht frühzeitig in die Arbeit. Da bin ich den ganzen Tag allein mit dem Putzi.«

»Das ist bestimmt sehr langweilig. Hast du keinen Freund?«

»Ja, aber der wohnt weiter weg. Allein darf ich nicht hingehen, weil schon mal ein böser Mann einen Buben verschleppt hat.«

»Oh, das ist wirklich schlimm. Da mußt du immer warten, bis die Mama Zeit zum Spazierengehen hat, gell?«