Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Kinder verändern das Leben von Grund auf. Sie bringen uns zum Lachen und zum Weinen. Und Kinder lernen tagtäglich dazu, indem sie unverblümte Fragen stellen und die Welt mit anderen Augen sehen. Das faszinierte auch Van Bo Le-Mentzel an seinem Sohn. Er nahm das Studium beim kleinen Professor auf. In 34 Episoden erzählt er von den großen und kleinen Lektionen, die er gelernt hat und die uns alle dazu inspirieren können, die Welt jeden Tag ein bisschen anders wahrzunehmen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Van Bo Le-Mentzel
DER KLEINE PROFESSOR
34 Dinge, die mich mein Sohn über das Leben, die Liebe und die Welt gelehrt hat
Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autoren bzw. Herausgeber und des Verlages ist ausgeschlossen.
© 2016 Ecowin Verlag bei Benevento Publishing, eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotorafie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Gesetzt aus der Minion Pro, Helvetica, Adobe Garamond
Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Red Bull Media House GmbH
Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15
5071 Wals bei Salzburg, Österreich
Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT
E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
ISBN 978-3-7110-5171-4
Allen Müttern dieser Erde gewidmet. Im Besonderen Luise.
Vorwort
1. Liebe beginnt mit Fürsorge
2. Wissen ist kein Verwandter von Liebe
3. Der Mensch ist ein tanzendes Wandelwesen
4. Wir sind Wohnanalphabeten
5. Die großen Zusammenhänge bleiben unsichtbar
6. Das Leben braucht einen Pakt
7. Sind wir geborene Geflüchtete?
8. Wir haben verlernt, zu sehen
9. Musik ist Frieden
10. Mehr Yin und Yang wagen
11. Die Gesellschaft ist ein Labyrinth aus Spiegeln
12. Kreativität und Sinn mögen sich nicht
13. Die Anziehungskraft des Himmels
14. Die Welt erschließt sich im Mund
15. Im Anfang war nicht das Wort
16. Nehmer, Tauscher und Geber
17. Die Macht der Angst
18. Perfektion lockt Stillstand an.
19. Warum wir weniger sitzen sollten
20. Wie man den Kampf gegen die Normierung gewinnt
21. Das Gedächtnis unserer Herzen
22. Warum Kinder (und andere Minderheiten) in die Öffentlichkeit gehören
23. Glasscherben sind nicht gefährlich
24. Es gibt nur ein Geschlecht, und es mag rote Damenschuhe
25. Das soziale Alphabet
26. Wofür Widerstand gut ist
27. Worte brauchen Urlaub
28. Wir waren mal Meister im Vergeben
29. Wer tief gräbt, sollte auch hoch springen können
30. Wer nichts besitzt, kann auch nichts teilen
31. Liebe ist stärker als Kapitalismus
32. Wie man Geister (nicht) bekämpft
33. Die Wahrheit über die Wahrheit
34. Das Geheimnis des Universums
Danksagung
Vorwort
Vor fast drei Jahren kam unser erstes Kind auf die Welt. Bevor unser Sohn in unser Leben trat, hatte ich sehr viel Groll in mir angesammelt. Ich war sehr zornig und habe mich mit der ganzen Welt angelegt, so kam es mir vor. Außer mit meiner Frau natürlich. Die hätte aus mir sofort eine Tasche gemacht. Eher mit der restlichen Welt. Ich habe überall Ungerechtigkeit gesehen. Sobald ich die Zeitung aufschlug, wurde ich abwechselnd wütend und traurig.
Das hat etwas mit meiner Geschichte zu tun. Ich bin einer von diesen Flüchtlingen. Glücklicherweise kann ich mich an die Ereignisse damals nicht mehr erinnern. Ich war zum Zeitpunkt meiner Flucht noch im Bauch meiner Mutter. Das war im Jahre 1977. Die Welt war damals noch übersichtlich aufgeteilt in Gut und Böse. Sie wurde im Osten beherrscht von den Kommunisten (den Bösen mit dem Hammer und der Sichel) und im Westen von den Kapitalisten (den Guten mit Coca-Cola und den Kaugummis). Als die Kommunisten Vietnam in einem blutigen Krieg eroberten, haben im Nachbarland Laos sehr viele Menschen in Angst gelebt. In Laos haben sich eines Tages auch die Kommunisten breitgemacht, und amerikanische Soldaten haben vorsorglich zwei Millionen Tonnen Landminen verstreut, um den kommunistischen Kämpfern das Leben schwer zu machen. Bedroht haben sie damit aber das Leben der laotischen Bevölkerung. Unzählige Kinder sind beim Spielen versehentlich auf diese Minen getreten und haben ihre Hände und Beine verloren.
Meine Mutter war eine Vietnamesin. Eine Schneiderin, die in Laos wohnte, in Pakse. Das war keine bedeutende laotische Großstadt, aber sie war eine strategisch wichtige Stadt, weil sie direkt an das nichtkommunistische Thailand grenzte. Die beiden politischen Systeme wurden nur von einem 30 Meter breiten Fluss namens Mekong getrennt. Mein Vater war ein Elektriker aus China, lebte aber auch in Pakse. Mein Kreißsaal war irgendwo zwischen Gut und Böse, im thailändischen Nong Khai in der Nähe eines Flüchtlingslagers. Von mir gibt es keine Geburtsurkunde und deshalb habe ich auch keinen echten Namen. In meinem Ausweis steht zwar Van Bo als Vorname. Doch mein wahrer Name ist Jumbo, wie das Flugzeug. Mein Bruder heißt übrigens Boeing. Ja, die waghalsige Fluchterfahrung schützt nicht vor schlechtem Humor. Und Le ist auch nicht mein wahrer Familienname, sondern der Name einer vietnamesischen Familie in Deutschland, die wir im thailändischen Flüchtlingslager kennengelernt haben. Frau Le, die offensichtlich politisch verfolgt wurde, war so nett, meine Mutter als ihre Schwester auszugeben. Wenn man politisch verfolgt wird, dann kann man in Deutschland einreisen, ohne sich erklären zu müssen. Meine Eltern hingegen wurden von niemandem verfolgt. Wir hatten einfach nur wahnsinnig viel Angst vor den Kommunisten und keine Lust auf Landminen.
So kamen wir 1979 in die BRD, nach Westberlin. Und so kam der Name Le in meinen Ausweis. Mit Ehrlichkeit wären wir nicht weitergekommen. Ist es nicht traurig, dass Menschen so viel Mühe auf sich nehmen müssen, um der nachfolgenden Generation ein Leben ohne Angst bieten zu können? Meine Eltern haben ihr Leben riskiert, damit ich niemals in die Nähe einer Mine kommen muss. Der Geburtsort entscheidet so vieles. Die Menschen auf dieser Welt haben ein so unterschiedliches Los, zahlen aber alle mit der gleichen harten Währung.
30 Jahre später habe ich mir als Architekt einen Namen gemacht. Die Häuser, die ich entwerfe, sind sehr klein. Das kleinste Haus, welches ich gebaut habe, ist so klein, dass es in eine U-Bahn passt. Ich habe es für Wohnungslose entworfen, um ihnen ein Obdach zu ermöglichen, ohne dass sie ein Grundstück erwerben müssen. Ich habe es Ein-Quadratmeter-Haus getauft, weil es nur einen Meter breit ist. Wenn man das Haus auf die Seite kippt, kann man die zwei Meter lange Giebelseite nutzen, um darin zu schlafen.
Als ich 36 Jahre wurde, änderte sich alles. Denn da kam der Kleine Professor in mein Leben. So nenne ich meinen Sohn, weil ich so viel von ihm lerne.
Eine andere Meisterin, von der ich viel gelernt habe, war eine Frau namens Weiße Mutter. Sie trat 1992 in ein buddhistisches Kloster ein und verabschiedete sich mit einem Gelübde von der dinglichen Welt und von ihren vollen schwarzen, schulterlangen Haaren. Die Weiße Mutter trug von diesem Jahr an ein orangefarbenes Gewand und meditierte jeden Tag mehrere Stunden. Sie war sehr beliebt. Sie sagte, sie wolle fortan allen Kindern dieser Welt eine Mutter sein. Viele Waisenkinder freuten sich über sie. Mir brach es das Herz. Weil ich eines ihrer leiblichen Kinder war.
Sie verließ unsere Familie, als ich 14 Jahre alt war. Ich weinte bitterlich, als ich sie zum ersten Mal in dieser Uniform sah. Ohne Haare. Ein runder Kopf mit zwei Augen, die ich eigentlich kennen sollte, aber die mir so fremd geworden waren. Ich wollte sie umarmen, weil ich sie so sehr vermisste. Doch sie sagte, ich müsse jetzt stark sein, weil ich nun keine Mutter mehr hätte. Sie habe nun viele Kinder. Sie hatte mich über Nacht zu einem Bruder aller Kinder dieser Welt gemacht. Natürlich habe ich diesen Satz in dem Moment nicht verstanden. Mir schossen die Tränen direkt aus dem Herzen in die Augen. Ich begriff, dass es irgendwie eine Strategie sein musste. Meine Mutter hatte einige Jahre vor ihrem Eintritt in den Orden ihren Vater verloren. Er und sein Erstgeborener waren die einzigen in der Familie, die damals 1977 nicht über den Mekong geschwommen waren. Meine Mutter hatte ihrem Vater versprochen, ihn nach Deutschland zu holen, wenn sie das Geld hätte. Als Schneiderin schuftete sie in einer Fabrik in Nachtschichten am Fließband und zog in Berlin-Wedding zwei Kinder groß, die Boeing und Jumbo hießen.
Es vergingen mehr als zehn Jahre, und die Zeit war immer noch nicht reif, der Zeitpunkt noch immer nicht perfekt, um ihrem Vater einen Besuch in Deutschland zu ermöglichen, damit er seine vier Töchter, die es 1977 alle in die Flucht verschlagen hatte, wiedersehen konnte. Am Geld für das Flugticket kann es nicht gelegen haben. Vielleicht wollte meine Mutter einen noch besseren Moment abwarten, um ihrem Vater zu beweisen, dass all der Trennungsschmerz und die Opfer gerechtfertigt waren. Die Dreizimmerwohnung mit der Holzfototapete, der rote Mazda 323 und der Akkordjob am Fließband waren ihr womöglich nicht Erfolgsgeschichte genug.
Die bröckelnde Ehe meiner Eltern sorgte zudem für einen schiefen Haussegen. Es brauchte keine 15 Jahre, um dieses Kartenhaus namens Wohlstand zu Fall zu bringen. 1989, im Jahr, in dem die Berliner Mauer fiel und Deutschland die Wiedervereinigung feierte, verlor meine Mutter jegliche Hoffnungen auf Wiedervereinigung. Der Tod ihres Vaters machte ihr einen Strich durch die Rechnung und muss einen schmerzhaften Pflock in ihr Gewissen gerammt haben, der nach außen hin wie Trauer aussah, aber innen drin ihr Dasein, ihre Berechtigung auf ein besseres Leben aufgefressen haben muss. Es war eine schwierige Zeit. Sie trennte sich von meinem Vater.
Ich war zwölf, elternlos und sah in unserer Küche, wie sich das dreckige Geschirr in den beiden Spülbecken türmte. Fliegen, die allen egal waren. Auf dem PVC-Boden der Küche wuchs eine Fettschicht, weil die Fritteuse die einzige Maschine war, die ich bedienen konnte, und Tiefkühlpommes mit Ketchup das einzige »Rezept«, das ich kannte. Ich war eines dieser verwahrlosten Kids aus dem Wedding, die eher zum Trash-TV des Mittagsprogramms passten als zu der heroischen Erfolgsgeschichte von den mutigen Aussiedlern, die es bis nach Deutschland geschafft hatten. Ein Treppenwitz über eine Familie, die noch nicht mal ihren Namen rüberretten konnte. Meine Mutter und ihr Fluchtversuch. Gescheitert. Sie war zwar in Deutschland angekommen und es gab keine Landminen weit und breit. Aber wo war sie wirklich angekommen? In einem unberechenbaren Minenfeld aus Gewissensgräben. Diesmal gab es keine Amis, die man hätte beschuldigen können. Keinen Klassenfeind, den man für die eigene Misere verantwortlich hätte machen können. Der einzige Feind war sie selbst und ihre Illusion vom naiven Abenteuerglück, das mit qualvoller Sehnsucht erkauft war. Und jeder weitere Tag trieb ihr noch mehr Splitter durch den grünen Pass in ihr vietnamesisches Herz.
Ich verstand, dass ihr Herz ausbluten würde, wenn sie nichts unternahm, und so akzeptierte ich ihren Weg zur Religion als Medizin, der zwar in meinem Herzen neue Wunden aufriss, aber ihre Wunden zu heilen vermochte. Sie ging tatsächlich auf im Kloster. Sie lernte mit 34 noch eine völlig neue Sprache, Kantonesisch, und leitete fortan buddhistische Zeremonien in ganz Europa, in Indien und in New York. Meine Mutter fing an zu leben. Das ist die eine von zwei Lektionen, die ich von der Weißen Mutter lernte: Achte auf deine persönliche Gesundung und traue dich, glücklich zu sein! Du wirst dabei vielleicht anderen Menschen wehtun, die du sehr liebst, aber du bist es dir selbst schuldig, auf dein Seelenheil zu achten. Sie gab mir den vietnamesischen Namen Tien Tien, was soviel bedeutet wie »Engel«. Dem Kleinen Professor ist sie nie begegnet.
Die Weiße Mutter starb im Alter von 41 Jahren während einer Bildungsreise in Rom an einem Hirnschlag. Völlig unerwartet. Da war ich 19 Jahre alt. Das war die zweite Lektion: Warte nicht, lebe! Umgib dich mit Menschen, die du liebst! Jeden Tag. Denn jeder Tag könnte der letzte sein.
Das ist auch der Grund, warum ich dieses Buch schreiben muss. Als meine Mutter starb, war sie so alt wie ich heute und hinterließ viele Fragen. Durch das Studium beim Kleinen Professor habe ich Antworten gefunden. Diese will ich mit der Welt teilen. Es sind Antworten auf die Frage, wie ich mit meinem Groll auf die Welt umgehen kann. Der Kleine Professor öffnete mir den Blick auf die Welt aus einer völlig anderen Perspektive und versöhnte mich mit ihr. Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich im sechsten Semester angekommen. Das Buch ist mein Weg, Danke zu sagen. Für die wertvolle und lehrreiche Zeit, die ich mit dem Kleinen Professor bislang verbringen durfte und mit seiner wundervollen Mutter auf dieser wundervollen Welt.
Mit galaktischen Grüßen,
Van Bo Le-Mentzel
Berlin, im Herbst 2016
1 Liebe beginnt mit Fürsorge (Neun Monate vor der Geburt)
Hoch lebe die Liebe.
Was für ein großes Wort. So groß, dass viele Erwachsene die Liebe nur noch in Notfällen in Erwägung ziehen. Als Jugendlicher war ich ständig verliebt. Liebe hat überhaupt nichts mit Lebenserfahrung zu tun. Ich habe mich zum ersten Mal unsterblich verliebt in ein Mädchen namens Samira. Da war ich sechs Jahre alt. Es war mir sehr unangenehm, mit ihr zu spielen, weil ich ja eigentlich schon mit einem kleinen Blondschopf namens Mariam zusammen war. Mariam hatte immer so eine unappetitliche Rotznase. Zu meinem (und Samiras) Glück konnte ich in Erfahrung bringen, dass Mariam nie mitbekommen hatte, dass sie und ich zusammen waren. Das kann daran liegen, dass ich einfach vergessen hatte, es ihr mitzuteilen.
Wenn ich ehrlich bin, wusste ich selbst eigentlich nie so genau, warum die Liebe so ein großes Wort ist und so viele Menschen davor Angst haben. Einige Erwachsene sagen, dass es nur dann Liebe ist, wenn es wehtut.
An einem kalten, aber sonnigen Dienstagvormittag im Februar 2013 sollte ich herausfinden, was Liebe ist. Exakt eine Woche und einen Tag nach meinem 36. Geburtstag sollte das Geheimnis gelüftet werden, warum wahre Liebe so groß ist. Ich kannte meine Frau seit sechs Jahren und wir hatten vor einem Jahr geheiratet. Als sie an jenem Vormittag in der Toreinfahrt zu unserem Bürogelände stand, dachte ich mir nicht viel dabei. Sie war sehr selten in meiner Bürogegend und ich hätte eigentlich Verdacht schöpfen müssen. Doch leider bin ich wohl doch nicht so intelligent, wie ich mich selbst gern sehe. Meine Frau hopste aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. Ihr Dutt, den sie aus Bequemlichkeitsgründen standardmäßig auf ihrem Kopf bündelt, hopste mit ihr um die Wette. Und ihre blauen Augen strahlten. Und ohne eine Begrüßung, ohne einleitende Worte sprach sie es aus: »Ich bin schwanger!« Sie ist eine Meisterin der Dramaturgie.
In dieser Sekunde hat sie mich zum Vater gemacht. Ohne Anfang und Ende. Ich war Vater. Als ob man das nicht erst werden müsste, sondern schon immer war. Und ich erinnere mich, dass die Uhr stehenblieb und dann allmählich wieder anlief, nur langsamer, als ob der Sekundenzeiger gegen Wasser ankämpfen müsste. Aus meinen Augen quollen die ersten Freudentränen. Sie erzählte, dass sie schon seit Wochen Schwangerschaftstests mache, und dass der vor drei Wochen negativ gewesen sei. Aber am Abend zuvor, als ich schlief, war der Test wider Erwarten positiv und sie musste vor lauter Aufregung erst mal heimlich ihre beste Freundin anrufen, um sich zu beraten. Sie kamen zu dem Schluss, dass es das Beste wäre, gleich am nächsten Morgen zum Frauenarzt zu gehen und mich erst einmal nicht zu wecken. Die Frauenärztin bestätigte die Schwangerschaft und dass unser Baby am 4. November auf die Welt kommen würde. Und dass es jetzt schon eine messbare Körpergröße hatte: 3,4 Millimeter. Ein Krümel aus Erregung. Was für eine lustige Vorstellung. Ich war gedanklich schon bei Weihnachten. Zum ersten Mal zu dritt!
Doch dann änderten sich die Gefühle. Dann eroberten andere Bilder meinen Kopf. Ich, der Rapper, der Graffitischmierer, der Sprühdosenklauer, der Verantwortungsflüchtling und das ewige Kind sollte nun selbst ein Vater sein? Windeln wechselnd? Einen Zweijährigen im Kinderwagen bugsierend? Erhaben die bohrenden Warum-Fragen eines Dreijährigen beantworten? War ich das?
Und man ist ja nicht nur Vater, wenn das Kind fünf ist. Man ist ja noch Vater, wenn das Kind acht ist und die Schule schwänzt oder mit 13 den ersten Joint probieren will. Und man ist auch Vater, wenn das Kind mit 21 betrunken Auto fährt und ein lebensbedrohliches Schädeltrauma erleidet. Und man ist auch Vater, wenn das Kind mit 34 in eine Midlife-Crisis fällt und mit 55 womöglich an einer unheilbaren Krankheit leidet. Man ist nicht nur Vater, wenn das Kind in die Welt kommt, sondern auch dann, wenn es die Welt verlässt. Konnte ich das? Konnte ich diesem Kind der Vater sein, den es braucht? Zu jeder Zeit, ohne Anfang und Ende?
Ich traute mich nicht so recht, meiner Frau zu beichten, dass ich in diesem Moment auch den Zweifeln und den Sorgen Raum gegeben hatte. Doch ich merkte, dass nicht nur ich besorgt war. Auch sie war es. Ihre Miene verzog sich und ihre Augen benetzten sich mit Kummer. Sie hatte nicht gewusst, dass sie schwanger war, als sie vor lauter Schmerzen nach einer Zahn-OP Antibiotika genommen hatte. Und sie war zudem auch noch geröntgt worden. Dabei steht doch überall, dass man während der Schwangerschaft die gefährlichen Röntgenstrahlen meiden sollte. Vor allem in der Frühschwangerschaft. Was, wenn das die Gesundheit unseres Kindes gefährdet hatte? Wenn hieraus eine Missbildung entstünde? Wie würden wir mit einem behinderten Kind umgehen? Abtreiben? Zu unserer Hochparterrewohnung sind es fünf Stufen. Wie sollte man da mit einem Rollstuhl hoch? Mussten wir in jedem Fall umziehen? Wir waren doch so glücklich in unserer Zweiraumwohnung mit den schönen, ochsenblutroten Dielenböden. Oder es käme womöglich noch schlimmer. Was, wenn unser Kind diese Antibiotika nicht überlebte? Wenn es sterben würde? Wir machten uns Sorgen. Und mir fiel nichts ein, wie ich meine Frau beruhigen konnte.
