Der kleine Schweizermacher (E-Book) - Daniel Hurter - E-Book

Der kleine Schweizermacher (E-Book) E-Book

Daniel Hurter

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Beschreibung

Dieses E-Book enthält komplexe Grafiken und Tabellen, welche nur auf E-Readern gut lesbar sind, auf denen sich Bilder vergrössern lassen. Was müssen Einbürgerungswillige wissen, um die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erwerben? Und weiss ich das alles selber? Dieses Buch behandelt sachlich fundiert und leicht verständlich das relevante Wissen und sorgt dafür, dass nicht nur Ausländerinnen und Ausländer den Einbürgerungstest bestehen. Im umfangreichen Glossar können Sie alle relevanten Begriffe nachschlagen. Überprüfen Sie Ihr Wissen anhand von Originalfragen aus Einbürgerungstests am Ende eines jeden Kapitels. Tauchen Sie ein, in die virtuelle Welt der Schweizer Geografie, Politik und Wirtschaft. Spannende Filmbeiträge, Dokumentationen und Statistiken warten darauf, von Ihnen entdeckt zu werden.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Daniel Hurter, Urs Kernen, Daniel V. Moser-Léchot

Der kleine Schweizermacher

Alles Wichtige über unser Land

ISBN Print inkl. digitaler Ausgabe: 978-3-0355-2551-9

ISBN Digitale Ausgabe: 978-3-0355-2552-6

ISBN E-Book: 978-3-0355-2693-6

Gestaltung und Layout: Atelier Bläuer, Bern

5. Auflage 2024

Alle Rechte vorbehalten

© 2024 hep Verlag AG, Bern

hep-verlag.ch

Vorwort

Schweizer sein, das ist nicht schwer, Schweizer werden dagegen sehr.

Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz müssen beträchtliche Kenntnisse der helvetischen Politik, Kultur und Gesellschaft aufweisen, um den Einbürgerungstest zu bestehen und damit die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Für das gesellschaftliche und politische Zusammenleben im Land wäre es allerdings wünschenswert, wenn alle Menschen in der Schweiz diesen Wissensstand aufwiesen, nicht nur die Einbürgerungswilligen und die frisch Eingebürgerten.

Aus diesem Grund haben wir beschlossen, unser Lehrmittel Die Schweiz verstehen, das der Vorbereitung auf den Einbürgerungstest dient, auch als Sachbuch für ein breites Publikum (mit und ohne Schweizer Pass) herauszugeben. Das vorliegende Buch umfasst das ganze Wissen in Staats- und Landeskunde, das es braucht, um die Anforderungen der Einbürgerung zu bestehen, und rund 180 Originalfragen aus Einbürgerungstests. So können Sie überprüfen, ob Sie den Test bestehen würden.

Die Autoren und der Verlag danken allen, welche die Herausgabe von Die Schweiz verstehen unterstützten, insbesondere dem Kanton Bern, dem Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik in Aarau, dem Bildungszentrum Interlaken sowie dem Rechtsanwalt Adrian S. Müller.

Das Thema Einbürgerung führt in Politik und Medien immer wieder zu Diskussionen. In diesen emotional geführten Debatten geht oft vergessen, wie wichtig Kenntnisse in politischer Bildung für alle Einwohnerinnen und Einwohner sind – egal welcher Nationalität. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Einbürgerung Ihres Wissens.

Daniel Hurter, Urs Kernen, Daniel V. Moser-Léchot

Die kursiv gesetzten Begriffe werden im Glossar erklärt und können mit der App Der kleine Schweizermacher (kostenlos erhältlich bei Google Play und im App Store) nachgeschlagen und trainiert werden.

Die Testfragen am Ende jedes Kapitels sind Originalfragen aus Einbürgerungstests der Kantone Aargau (verfasst vom Zentrum für Demokratie Aarau und der Fachhochschule Nordwestschweiz) und Bern. Die Lösungen dazu finden sich am Schluss des Buches. Im Kanton Bern müssen 60 % der Fragen richtig beantwortet werden, um den Einbürgerungstest zu bestehen. Im Kanton Aargau gibt es keine fixe Quote, das Testergebnis dient vielmehr als Grundlage für das Einbürgerungsgespräch.

Das in diesem Buch behandelte Wissen ist eine von mehreren Voraussetzungen, um die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erlangen. Laut neuem Schweizer Bürgerrechtsgesetz, das Anfang 2018 in Kraft trat, können nur Personen eingebürgert werden, die über eine Niederlassungsbewilligung verfügen und in der Schweiz integriert sind. Das heisst, sie müssen:

• Sprachkenntnisse in einer Landessprache ausweisen (mündlich B1, schriftlich A2)

• die öffentliche Sicherheit und Ordnung sowie die Werte der Bundesverfassung beachten,

• am Wirtschaftsleben teilnehmen oder eine Ausbildung machen und

• sich um die Integration ihrer Familie kümmern.

Einbürgerungswillige Personen müssen mit den hiesigen Lebensverhältnissen vertraut sein und dürfen die innere und äussere Sicherheit der Schweiz nicht gefährden. Zudem müssen sie mindestens zehn Jahre (vor 2018: zwölf Jahre) in der Schweiz gelebt haben, wobei für Ehegatten und eingetragene Partner verkürzte Fristen gelten und die Zeit zwischen dem 8. und 18. Lebensjahr doppelt gezählt wird.

Das Lehrmittel und die App verfügen über eine Augmented-Reality-Funktion. Aktivieren Sie die App und halten Sie Ihr Smartphone oder Tablet über die markierten Stellen. Nach dem Bildscan erscheinen auf Ihrem Bildschirm spannende Dokumentationen, Videobeiträge, Statistiken und Webseiten zum jeweiligen Thema.

Testen Sie Ihr Wissen nach jedem Kapitel. Indem Sie die Helvetia-Statue einscannen, gelangen Sie zu den verschiedenen Einbürgerungstests. Viel Erfolg.

Inhalt

1 Geografie | Geschichte | Sprachen

Die Schweiz verstehen: Schwyzerdütsch

Geografie

Geschichte

Sprachen

Zusammenfassung

Test 1

2 Religionen | Brauchtum | Kultur

Die Schweiz verstehen: Kirchenglocken

Religionen

Brauchtum

Kultur

Zusammenfassung

Test 2

3 Föderalismus | Demokratie | Politik

Die Schweiz verstehen: Landsgemeinde

Föderalismus

Demokratie

Politik

Zusammenfassung

Test 3

4 Gesetze | Rechte | Pflichten

Die Schweiz verstehen: Milizarmee

Gesetze

Rechte

Pflichten

Zusammenfassung

Test 4

5 Wirtschaft | Arbeit | Bildung

Die Schweiz verstehen: Berufsbildung

Wirtschaft

Arbeit

Bildung

Zusammenfassung

Test 5

6 Versicherungen | Soziale Sicherheit | Gesundheit

Die Schweiz verstehen: Gut versichert

Versicherungen

Soziale Sicherheit

Gesundheit

Zusammenfassung

Test 6

Glossar

Lösungen

GEOGRAFIEGESCHICHTESPRACHEN

 

Die Schweiz verstehen:

Schwyzerdütsch

Schweizerdeutsch oder eben Schwyzerdütsch ist die mündliche Sprache der Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer. Dabei gibt es bedeutende regionale Unterschiede. Normalerweise erkennt man sofort, ob jemand aus St. Gallen, Zürich oder Bern stammt. Zudem gibt es oft auch innerhalb einer Region zahlreiche Sprachvarianten. Manchmal kann man sogar hören, aus welchem Dorf oder Stadtteil jemand kommt. Trotz dieser grossen Unterschiede verstehen sich praktisch alle, die Schweizerdeutsch sprechen. Da das Schwyzerdütsch untrennbar mit der Schweizer Kultur und Mentalität verbunden ist, möchten auch viele Zugewanderte Mundart lernen, die bereits gut Hochdeutsch sprechen. Kurse, in denen der lokale Dialekt unterrichtet wird, sind aktuell sehr beliebt.

 

Geografie

Geografischer Steckbrief

Fläche

41 285 km2

Bundesstadt

Bern

Nachbarländer

Frankreich, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Österreich und Deutschland

Grenzlänge

1935 km

Nord-Süd-Ausdehnung

max. 220 km (von Bargen SH bis Chiasso TI)

West-Ost-Ausdehnung

max. 348 km (von Chancy GE nach Val Müstair GR)

Höchster Punkt

Dufourspitze (Kanton Wallis), 4636 m ü. M.

Tiefster Punkt

Lago Maggiore (Kanton Tessin) 193 m ü. M.

Drei Naturräume

Die Schweiz liegt in Mitteleuropa und ist ein Binnenland, hat also keinen Zugang zu einem Meer. Die Schweiz hat drei grosse geografische Naturräume, die praktisch das ganze Land umfassen: den Jura, das Mittelland und die Alpen.

Der Jura liegt im Westen und Nordwesten der Schweiz und nimmt rund 10 % ihrer Gesamtfläche ein. Das Kalksteingebirge weist eine mittlere Höhe von 700 Metern über Meer auf und liegt teilweise auch in Deutschland und Frankreich. Auf Schweizer Gebiet erstreckt sich der Jura über die Kantone Genf, Waadt, Neuenburg, Bern, Jura, Solothurn, Basel-Landschaft und Aargau. Knapp die Hälfte des Juras ist bewaldet, weitere 43 % sind Landwirtschaftsgebiet.

Das Mittelland nimmt ca. 30 % der Gesamtfläche der Schweiz ein. Es reicht vom Genfersee im Südwesten bis zum Bodensee im Nordosten des Landes und ist eine hügelige Fläche mit fruchtbaren Ebenen, eingebettet zwischen dem Jura im Norden und den Alpen im Süden. Im Mittelland sind die meisten grossen Städte und rund zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung angesiedelt. Etwa die Hälfte des Mittellands ist Landwirtschaftsgebiet, ein Viertel Wald. Wohngebiete und Infrastruktur umfassen 16 % des Mittellandes, etwa doppelt so viel wie im Jura.

Der Jura

Das Mittelland

Die Alpen

Die Schweizer Alpen sind Teil des europäischen Alpengebirges, das sich von Nizza über 1200 Kilometer bis nach Wien zieht. In der Schweiz liegen die Alpen im Süden des Landes und erstrecken sich vom Genfersee im Westen bis an die Grenze zu Österreich im Osten. Die Alpen umfassen etwa 60 % der Gesamtfläche der Schweiz. Doch nur gerade 11 % der Gesamtbevölkerung leben in den Alpen, denn ein grosser Teil davon liegt in hoher Lage und ist mit Geröll, Fels, Schneeflächen und Gletschern bedeckt. Die Schweizer Alpenpässe wie der Gotthard, der Splügen, der Simplon und der Grosse St. Bernhard sind seit Jahrhunderten wichtige Übergänge zwischen Nord- und Südeuropa.

Wasserschloss

Die Schweiz gilt als das Wasserschloss Europas. Rund 6 % der Trinkwasserreserven des Kontinents befinden sich in der Schweiz, und 4 % der Gesamtfläche des Landes entfallen auf Seen und Flüsse. Mit dem Rheinfall verfügt die Schweiz über den grössten Wasserfall Europas, und die Mauer des Grande-Dixence-Stausees im Wallis zählt mit 285 Metern zu den höchsten Staumauern der Welt. Die vier Flüsse Rhone, Rhein, Inn und Tessin haben ihre Quelle in den Schweizer Alpen und fliessen in unterschiedliche Meere: die Rhone ins Mittelmeer, der Rhein in die Nordsee, der Inn via Donau ins Schwarze Meer und der Tessin via Po in die Adria.

Es gibt in der Schweiz über 1500 Seen. Viele davon gehen auf Vertiefungen durch Gletscher zurück, die sich während der letzten Eiszeit gebildet haben. Der Genfersee im französisch-schweizerischen Grenzgebiet ist der grösste See Mitteleuropas. Der grösste See, der ganz auf Schweizer Boden liegt, ist der Neuenburgersee. Wegen der Klimaerwärmung schmelzen die Gletscher, und das Klima im Alpenland Schweiz verändert sich stark. Die Wasserreserven sind dadurch in Zukunft gefährdet.

Klima

Die Nähe zum Atlantik bestimmt weitgehend das Klima in der Schweiz. Die feucht-milden Winde aus westlichen Richtungen bewirken sowohl im Winter- als auch im Sommerhalbjahr eine Mässigung des Klimas. Im Sommer kühlen diese Westwinde, im Winter wärmen sie. Ausserdem führen sie das ganze Jahr über zu Niederschlägen. Auch die Alpen beeinflussen das Klima der Schweiz stark. Sie wirken als Klimaschranke zwischen der Nord- und der Südschweiz. Oft staut sich der Niederschlag am Alpennordhang. Gleichzeitig schützen die Alpen die Südschweiz vor den kalten Winden von Norden. So ist der Winter im Süden deutlich milder als im Norden.

Neben dem Westwind weht in der Nordschweiz der Föhn, ein trockener warmer Südwind, der nördlich der Alpen schönes Wetter bringt. Der Nordwind, die sogenannte Bise, bringt hingegen im Norden kaltes und trockenes Wetter.

Bei der Niederschlagsmenge gibt es sehr grosse regionale Unterschiede. In den Hochalpen, in der Innerschweiz und im Tessin fällt am meisten Regen. Die inneralpinen Täler wie das Wallis und das Engadin weisen hingegen sehr wenig Niederschlag auf.

Bevölkerung

Die Schweiz hat 2023 rund 8,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Knapp ein Viertel davon, etwa 2,2 Millionen, sind Ausländerinnen und Ausländer. Damit gehört die Schweiz zu den europäischen Ländern mit den höchsten Ausländeranteilen. Rund zwei Drittel der ausländischen Bevölkerung stammen aus einem EU-Land. Das häufigste Herkunftsland ist Italien, gefolgt von Deutschland und Portugal. Lediglich 17,5 % der ausländischen Bevölkerung stammen von ausserhalb Europas.

Etwa 800 000 Schweizerinnen und Schweizer leben im Ausland. Das entspricht ungefähr der Bevölkerungszahl des Kantons Waadt, des drittgrössten Kantons der Schweiz. Fast zwei Drittel dieser Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer leben in Europa, die meisten davon in Frankreich, Deutschland oder Italien.

Noch vor 150 Jahren war die Schweiz stark ländlich geprägt und mit einer Einwohnerzahl von 2,5 Millionen schwach besiedelt. Heute lebt ein Viertel der Schweizer Bevölkerung auf dem Land. Drei Viertel der Einwohnerinnen und Einwohner wohnen in Städten und Agglomerationen. Die Stadt Zürich ist die grösste Stadt der Schweiz mit rund 440 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Auf Platz 2 rangiert Genf mit 203 000 Menschen. Mehr als 100 000 Menschen leben in den Grossstädten Basel, Bern, Lausanne und Winterthur.

Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz nach Herkunftsland

Quelle: Bundesamt für Statistik, 2022

Verkehrsnetz

Die Schweiz weist ein dichtes Strassennetz und einen sehr gut ausgebauten öffentlichen Verkehr auf. Fast jedes Dorf im Land ist mehrmals am Tag mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar. Eine besondere Bedeutung hat dabei die Eisenbahn. Die Schweiz weist das dichteste Bahnnetz der Welt auf, und die Schweizerinnen und Schweizer sind hinter Japan Vizeweltmeister im Bahnfahren (gemessen an der Anzahl Kilometer pro Jahr). Zudem verfügt das Land mit dem 2016 eröffneten Gotthard-Basistunnel nun über den längsten Eisenbahntunnel der Welt (57 Kilometer).

Für den Personen- und Güterverkehr sind die Verbindungen zwischen Lausanne und Genf sowie zwischen den Städten Basel, Zürich und Bern besonders wichtig. Die Hauptverkehrsachsen von Westen nach Osten und von Norden nach Süden sind auch bedeutende Teilstücke europäischer Verkehrsachsen. So durchquert ein Grossteil des internationalen Güterverkehrs zwischen Nord- und Südeuropa die Schweizer Alpen. Der grösste Flughafen der Schweiz befindet sich in Zürich-Kloten; zudem verfügt die Schweiz mit Genf und Basel-Mulhouse über zwei weitere grössere Flughäfen.

Ein Zug fährt in den Gotthard-Basistunnel ein

 

Geschichte

Das Besondere an der Schweiz ist, dass sie weder ethnisch noch religiös eine Einheit darstellt. Das Schweizer Nationalgefühl beruht nicht auf einer bestimmten Ethnie (Volksgruppe), Sprache oder Kultur, sondern auf der gemeinsamen Geschichte und den gemeinsamen politischen Werten. Deshalb bezeichnet man die Schweiz oft als eine Willensnation. Wie diese entstanden ist, zeigt die folgende Übersicht.

Alte Eidgenossenschaft

Im 13. und 14. Jahrhundert gelingt es einigen Talschaften und Städten im Gebiet der heutigen Schweiz, mehr Eigenständigkeit zu erreichen. Sie werden neu direkt dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unterstellt und nicht mehr lokalen Grafen. In diesem Zusammenhang schliessen Uri, Schwyz und Nidwalden Anfang August 1291 einen Bund zur Sicherung des Friedens. Dieser Bundesbrief gilt als Beginn der Schweizerischen Eidgenossenschaft.

Aus diesem Bündnis entwickelt sich zwischen 1332 und 1481 ein Bündnissystem zwischen acht Orten. Neben Uri, Schwyz und Unterwalden gehören Zug und Glarus sowie die Städte Luzern, Zürich und Bern dazu. Dieses Bündnisgeflecht heisst ab 1350 Eidgenossenschaft. Ihr Zweck ist es, fremde Übergriffe abzuwehren und die Macht der einheimischen Führungsschichten zu sichern.

Zwischen 1481 und 1513 treten die Städte Freiburg, Solothurn, Basel, Schaffhausen und der Landort Appenzell der Eidgenossenschaft bei. Neu enthält der Staatenbund 13 Orte. Hinzu kommen die Zugewandten Orte, wie etwa Graubünden und das Wallis, die ebenfalls Bündnisse mit der Eidgenossenschaft abgeschlossen haben, aber nicht Vollmitglied sind. Zudem erobert die Eidgenossenschaft neue Gebiete und schafft so die Gemeinen Herrschaften, Untertanengebiete, die von eidgenössischen Orten gemeinsam verwaltet werden.

1523 beginnt in Zürich unter Huldrych Zwingli die Reformation, eine Erneuerungsbewegung mit dem Ziel, die römisch-katholische Kirche umzugestalten. Während sich in Teilen der Eidgenossenschaft die Reformation durchsetzt, bleiben andere Orte dem katholischen Glauben treu. Diese Spaltung der Eidgenossenschaft in katholische und protestantische Orte führt bis ins 19. Jahrhundert hinein zu Konflikten und bewaffneten Auseinandersetzungen. Genf (das mit Freiburg und Bern verbündet war) entwickelt sich ab 1536 unter Jean Calvin zu einem reformierten Zentrum mit internationaler Ausstrahlung.

Nach dem Dreissigjährigen Krieg erhält die Eidgenossenschaft im Westfälischen Frieden von 1648 die Souveränität. Sie versteht sich nun als unabhängiger Staat und nicht mehr als Teil des Heiligen Römischen Reiches. Die Eidgenossenschaft vertritt zunehmend eine Politik der Neutralität. Dies bedeutet, dass sie sich nicht an bewaffneten Konflikten zwischen anderen Staaten beteiligt. Mit vielen europäischen Staaten schliesst sie dennoch Verträge über Söldnerlieferungen ab.

Bundesbrief von 1291

Reformation in Zürich 1523

Helvetik und Mediation

1798 kommt es in Basel und in der Westschweiz zu revolutionären Bewegungen. Darauf besetzen Napoleons Truppen die Schweiz. Nach französischem Vorbild entsteht die Helvetische Republik, die zentralistisch organisiert ist. Zum ersten Mal werden allen Männern Freiheitsrechte und politische Rechte zugestanden. Die Untertanengebiete werden aufgehoben.

1803 gibt Napoleon der Schweiz eine neue Verfassung. Die Kantone erhalten ihre staatliche Selbstständigkeit zurück, und aus den ehemaligen Untertanengebieten und den Gemeinen Herrschaften entstehen sechs neue Kantone: St. Gallen, Graubünden, Aargau, Thurgau, Tessin und Waadt. Damit umfasst die Schweiz neu 19 Kantone. Diese Phase der Mediation dauert bis 1814.

Restauration und Regeneration

Nach der Niederlage Napoleons beginnt 1815 die Epoche der Restauration. In den meisten Kantonen gelangen die Konservativen an die Macht und stellen weitgehend die alte Ordnung vor 1798 wieder her. Die Kantone schliessen einen neuen Bundesvertrag ab, der ihnen mehr Selbstverwaltung erlaubt. Die Männer erhielten zudem politische Rechte, wobei die Armen ausgeschlossen blieben. Genf, Neuenburg und Wallis treten der Eidgenossenschaft bei. Am Wiener Kongress 1815 anerkennen die europäischen Grossmächte die bis heute gültigen Schweizer Landesgrenzen sowie die Neutralität der Schweiz.

Helvetische Revolution in Basel 1798

Gründung des Bundesstaates 1848

1830 beginnt die Zeit der Regeneration. In vielen Kantonen kommen die Liberalen an die Macht und führen dort die Gewaltenteilung und die Presse- und Wirtschaftsfreiheit ein. Doch die Forderung der Liberalen, anstelle des losen Staatenbundes einen Bundesstaat zu gründen, scheitert am Widerstand der katholisch-konservativen Kantone. 1847 kommt es zwischen den beiden Lagern zu einem kurzen Bürgerkrieg, dem Sonderbundskrieg, in dem sich die liberalen gegen die katholisch-konservativen Kantone durchsetzen.

Schweizer Bundesstaat

Mit dem Sieg der liberalen Kräfte ist der Weg frei für die Gründung des Bundesstaates. Nachdem das Volk die neue Bundesverfassung angenommen hat, wird im September 1848 der schweizerische Bundesstaat geschaffen. Alle Schweizer Männer erhalten politische Rechte, und die Glaubens- und Pressefreiheit wird eingeführt. Die Schweiz wird zu einem einheitlichen Wirtschaftsraum. Die Kantone behalten aber eine grosse Selbstständigkeit.

Im jungen Bundesstaat entsteht ein dichtes Eisenbahnnetz, das die Mobilität und die Industrialisierung fördert. Die Schweiz erlebt eine Phase des Wirtschaftsbooms und entwickelt sich vom Agrar- zum Industriestaat. 1874 wird die Bundesverfassung total revidiert: Der Bund wird gegenüber den Kantonen gestärkt, und die direktdemokratischen Volksrechte werden erweitert. 1891 überlassen die Freisinnigen (heute FDP) den Katholisch-Konservativen (heute Die Mitte) einen Sitz im Bundesrat.

Die Schweiz bleibt im Ersten Weltkrieg (1914–1918) neutral und wird von Kriegshandlungen verschont. Doch das Land ist wirtschaftlich schlecht auf den langen Krieg vorbereitet. Die Ernährungslage ist kritisch. Die Nahrungsmittelpreise steigen, die Kaufkraft der Löhne sinkt. 1918 kommt es zu einem Landesstreik der Arbeiterschaft.

1919 wird der Nationalrat erstmals nicht mehr nach dem Mehrheitsprinzip (Majorz), sondern im Verhältnis der Wähleranteile (Proporz) gewählt. Dadurch verliert die Freisinnig-Demokratische Partei (FDP) ihre absolute Mehrheit; die Sozialdemokratische Partei (SP) und die Bauern-, Gewerbe- und Bürgergruppe (heute SVP) gewinnen an Einfluss. Infolge der Weltwirtschaftskrise erleben die faschistischen Gruppen, Fronten genannt, und die Kommunisten Zulauf; aber die Demokratie behauptet sich. Aufgrund der Bedrohung aus dem Ausland rücken die Arbeiterschaft und die Arbeitgeber näher zusammen.

Auch im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) bleibt die Schweiz neutral, ist aber wirtschaftlich eng mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbunden. Die Schweiz wird nicht angegriffen und bleibt von Kampfhandlungen verschont. Bis 1944 werden Flüchtlinge nur beschränkt aufgenommen. Die Rationierung von Lebensmitteln verhindert Hunger.

Wie ganz Westeuropa erlebt die Schweiz nach dem Krieg eine lange Phase mit starkem Wirtschaftswachstum. Der Lebensstandard steigt, die soziale Sicherheit wird verbessert. Ab 1959 teilen sich die vier stärksten Parteien (inklusive der Sozialdemokraten) die sieben Bundesratssitze nach einem festen Schlüssel, der sogenannten Zauberformel, auf: Die drei grössten Parteien erhalten je zwei Sitze, die viertgrösste Partei einen. Erst 1971 erhalten die Schweizer Frauen auf Bundesebene das Stimm- und Wahlrecht.

Infolge der Erdölkrise von 1973 gerät die Schweizer Wirtschaft in eine Krise. In den folgenden Jahren entwickelt sich das Land immer mehr zu einer Dienstleistungsgesellschaft. 1979 entsteht der 26. Kanton der Schweiz: der Kanton Jura. 1999 wird die Bundesverfassung total revidiert. Die neue Verfassung betont die Zusammenarbeit zwischen Bund und Kantonen und bezieht die Gemeinden stärker mit ein.

Anfang des neuen Jahrtausends erfolgt eine sanfte aussenpolitische Öffnung. 2002 tritt die Schweiz der UNO bei. 2000 und 2005 nimmt das Stimmvolk die bilateralen Verträge mit der EU an. Weitere Integrationsschritte in Richtung Europäische Union lehnt das Schweizer Stimmvolk hingegen ab.

Ein- und Auswanderung

Seit jeher verlassen Menschen ihre angestammten Lebensräume, um bessere Lebensbedingungen zu finden und vor Kriegen oder Naturkatastrophen zu flüchten. So gelangen im 17. Jahrhundert Zehntausende protestantische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich in die Westschweiz. Im 19. Jahrhundert kommen viele politische Flüchtlinge aus Deutschland in die liberale Eidgenossenschaft.

Damals ist die Schweiz aber vor allem ein Auswanderungsland. Zwischen 1850 und 1914 wandern rund 300 000 Schweizerinnen und Schweizer aus. Sie fliehen vor der Armut in ihrer Heimat und suchen ihr Glück vor allem in Nord- und Südamerika.

Nach 1880 setzt eine verstärkte Einwanderung in die Schweiz ein. Vor allem aus den Nachbarländern Italien, Deutschland und Frankreich kommen Zehntausende Menschen, von denen viele auf dem Bau und in Fabriken arbeiten. Bis zum Ersten Weltkrieg bleibt die Migrationspolitik der Schweiz sehr liberal. Der Anteil der Ausländerinnen und Ausländer steigt von 3 % (1850) auf fast 15 % (1910).

Italienische Gastarbeiter verreisen über Weihnachten 1964 ab Zürich in ihre Heimat

Danach kommt es erst wieder in der Hochkonjunktur der 1950er- und 1960er-Jahre zu einer starken Einwanderung. In dieser Zeit herrscht in der Schweiz ein Mangel an Arbeitskräften, und viele Migranten aus Italien und später auch aus anderen südeuropäischen Nationen kommen ins Land. Sie gelten als Gastarbeiter und erhalten nur eine zeitlich befristete Aufenthaltsbewilligung. Während der Wirtschaftskrise in den 1970er-Jahren müssen denn auch über 300 000 Ausländerinnen und Ausländer in ihre Heimatstaaten zurückkehren. Doch die Einwanderung kommt auch in dieser Zeit nicht vollständig zum Erliegen und verstärkt sich ab den 1980er-Jahren wieder. 2002 wird für Angehörige von EU- und EFTA-Staaten der freie Personenverkehr eingeführt. Aus den übrigen Staaten wird dagegen nur noch die Einwanderung hoch qualifizierter Spezialistinnen und Spezialisten zugelassen.

Beziehungen zu Europa

Die Entwicklungen in der Schweiz und in Europa sind seit langer Zeit eng miteinander verbunden. In der Antike gehört das Gebiet der Schweiz rund vier Jahrhunderte lang zum Römischen Reich. Im Mittelalter ist die Eidgenossenschaft Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die tatsächliche Unabhängigkeit erlangt die Eidgenossenschaft erst 1648. Aber auch danach beeinflussen europäische Ereignisse immer wieder die Entwicklungen in der Schweiz, so etwa die Französische Revolution von 1789, die europäischen Revolutionen von 1830 und 1848, die Industrialisierung oder im 20. Jahrhundert die beiden Weltkriege und der Fall der Berliner Mauer 1989.