6,99 €
Engelbert Melchau hat´s nicht leicht im Leben. Sein Umfeld allerdings auch nicht. Fragen werden grundsätzlich mit Gegenfragen angegangen; Rechtschreibfehler - egal, wo er sie erspäht - müssen korrigiert werden. Wenn beides in Kombination passiert, kann es durchaus passieren, dass die Nerven seiner Mitmenschen an ihre Belastungsgrenzen kommen. Oder darüber hinaus. Mit seinen skurrilen Eigenarten gerät der junge Leverkusener immer wieder in Situationen, die derart unwahrscheinlich sind, dass es schon fast schmerzt. So wird er als Korrektor von arbeitsunwilligen Lehrern eingesetzt. Engelbert bewährt sich aber auch in der Ausbildung von Polizisten. Diese Tätigkeiten würzen sein Leben, da er als Erbe eines großen Vermögens, das ihm nach dem plötzlichen Tod seiner Eltern zugesprochen wurde, keinen Sinn mehr in der Fortsetzung seines Studiums sieht. In richtiger Arbeit erst recht nicht. Dafür will er aber eine WG gründen. Am liebsten mit Menschen, die auch speziell sind. Hermann, sein väterlicher Freund, versucht, das Chaos, das Engelbert anrichtet, irgendwie in Grenzen zu halten. Das gelingt aber nicht immer ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Buch
Engelbert Melchau ist anders als andere junge Männer: Sobald er irgendwo einen Rechtschreibfehler entdeckt, MUSS dieser korrigiert werden. Da macht Engelbert vor niemandem halt. Dass dies seine Umgebung alles andere prickelnd findet, ist klar. Außerdem beantwortet er fast jede Frage mit einer Gegenfrage. Beides in Kombination bringt ihn immer wieder in wahnwitzige Situationen, die er jedoch ungewollt lässig meistert. Nur die Liebe findet sich so nicht so schnell. Aber auch da hat er seine eigenen Methoden. Dass er zwischendurch Korrektor für Klassenarbeiten wird und außerdem die Polizei bei der Ausbildung von angehenden Polizisten unterstützt ist nur seinen Macken geschuldet.
Autor
Michael Zeihen, 1965 in Leverkusen geboren. Industriekaufmann, Sozialpädagoge, Speeddating-Organisator a.D., Sportjournalist, Vater von zwei Söhnen.
Weitere Romane von ihm:
Wir müssen reden – Sofort!
Am Aschermittwoch ist (nicht) alles vorbei
Käsemauken
Max sucht
Michael Zeihen
Der Korrektor
Roman
Für alle Sonderlinge
Impressum
Texte: © Copyright by Michael ZeihenUmschlaggestaltung: © Copyright by Marion Stein-Harder
Verlag: M. Zeihen51379 Leverkusen [email protected]
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Wie alles begann
Engelbert Melchau war für seine Umgebung ein Sonderling. Auch wenn diese Umgebung, wenn man sie denn gefragt hätte, gar nicht hätte sagen können, was ein Sonderling war oder was ein Mensch denn für sonderbare Dinge hätte tun müssen, um als Sonderling zu gelten.Aber die Menschen, die in dieser Umgebung lebten, hätten gesagt, dass er anders als sie war. Natürlich aß und trank er, schlief er und wurde wach, er ging spazieren und fuhr Fahrrad, er grüßte oder grüßte zurück, er kaufte ein, er brachte den Müll zur Mülltonne, er las Zeitungen - Halt! Da war vielleicht ein Sonderling-Ansatz! Denn Engelbert Melchau erhielt jeden Tag fünf verschiedene Tageszeitungen.
Um Geld musste er sich nicht kümmern. Das war einfach da, seitdem seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz in Namibia ums Leben gekommen waren.
Sie hatten ihm nicht nur das große Haus in der Waldsiedlung, in dem er aufgewachsen war, vermacht. Wie sich bei der Testamentseröffnung herausstellte, hatten sich seine Eltern im Laufe ihres Lebens noch ein paar Häuser mehr zugelegt. Eines in Kitzbühel, wo sie ihren jährlichen Ski-Urlaub verbrachten. Eines auf Mallorca, wo sie ihren jährlichen April-Urlaub verbrachten. Eines an der italienischen Amalfi-Küste, wo sie ihren jährlichen Sommer-Urlaub verbrachten und eines im amerikanischen San Diego, wo sie ihren jährlichen Herbst-Urlaub verbrachten.
Dazu kamen noch 13 weitere Immobilien in Form von Mehrfamilienhäusern in Köln, Frankfurt, München, Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Bonn und Leverkusen.Engelberts Eltern waren das, was man landläufig als vermögend bezeichnet. Sie waren bereits durch ihre Eltern finanziell gut ausgestattet gewesen, hatten beide eine sehr qualifizierte Ausbildung in Form von Studienabschlüssen absolviert und waren im Lauf ihres Berufslebens zu anspruchsvollen und entsprechend honorierten Arbeitsstellen gekommen.
Beide hatten zudem nach dem Tod ihrer Eltern als jeweilige Einzelkinder deren komplettes Vermögen geerbt, das sie klug in Aktien und Immobilien angelegt hatten.
Als sie aus Namibia nicht mehr lebend nach Hause gekommen waren, was Engelbert erst gar nicht registrierte, da er zu diesem Zeitpunkt, obwohl sie noch im selben Haus zusammenlebten, nur wenig Kontakt zu ihnen hatte, bekam er irgendwann Post von einem Notar, der ihn zu einer Testamentseröffnung einlud.Erst mit diesem Schreiben erfuhr Engelbert Melchau, dass seine Eltern tot waren.
Das löste in ihm keinerlei Gefühlsregung aus. Keine Trauer. Kein Bedauern. Aber auch keine Genugtuung und auch keine Freude. Genugtuung? Freude? Im Zusammenhang mit dem Tod der eigenen Eltern?Engelbert hatte das, was man auf eine gewisse Art als eine "unglückliche Kindheit" - was alles und nichts bedeuten kann - benennt.Im Speziellen hieß das für ihn: Eltern, die nie Zeit für ihn hatten. Es sei denn, es ging um Noten in der Schule. Die mussten gut sein. Waren sie es nicht, nahmen sie sich plötzlich Zeit für ihn. Aber nur kurz, um ihn zu ermahnen, um zu schimpfen, um zu drohen. Danach lösten sie - die Eltern, nicht die Noten - sich wieder in Luft auf.Engelbert kann sich bis heute nur an zwei gemeinsame Urlaube mit seinen Eltern erinnern. Und auch die waren seltsam, denn die Zeit damals verbrachte er mit seinem Kindermädchen, da seine Eltern immer unterwegs waren.Es gab keine Herzlichkeit, keine Nähe, keine Wärme, kein Interesse, keine gemeinsamen Aktivitäten. Kurzum: keine Liebe.Dann gab es da noch das Kindermädchen, das zwar Zeit für ihn hatte, aber auch kein großes Interesse an ihm zeigte. Es gab einen großen Garten, in den er aber keine Freunde mitbringen durfte; ein großes Zimmer, das aber - siehe Garten - ebenfalls nur von ihm belebt wurde.In der Grundschule hatte er keine Freunde, da er weder Fußball noch Tischtennis spielen konnte (seine Eltern hielten nichts von diesen sportlichen Betätigungen).
Zu Geburtstagen wurde er nicht eingeladen, seinen eigenen Geburtstag feierte er nur einmal. Beziehungsweise: Er wollte ihn feiern. Seine Eltern hatten in dem Jahr - er war 10 geworden - erstaunlicherweise von sich aus vorgeschlagen, dass er seinen Geburtstag mit seinen Freunden doch im Garten feiern könne.
So hatte er selbst geschriebene Einladungen an alle Jungen und Mädchen in seiner Klasse verteilt. An 25 Kinder. Es kamen Sabine und Martina. Sie waren ähnliche Außenseiter wie Engelbert. Danach hatte sich das Thema "Geburtstag feiern" für ihn erledigt.Auf dem Gymnasium - seine Noten waren gut genug gewesen - fand er dann endlich Freunde. Es waren Jungen. Jungen, wie er. Jungen, die ebenfalls etwas anders als die meisten anderen waren.Klaus, Volker, Hans-Peter - sie gehörten nicht zu den sportlichen Exemplaren, legten keinen großen Wert auf ihr Äußeres und zeigten mit zunehmendem Alter kein zunehmendes Interesse an Mädchen. Das alles verband sie. Und damit das Gefühl, bei vielen Dingen außen vor zu bleiben. Sie wurden nicht zu Partys eingeladen. Sie wurden nicht gefragt, ob sie mit ins Schwimmbad kommen wollten, wenn sich der Rest der Klasse dort traf und viel Spaß hatte – so wie es am nächsten Tag in der Schule immer erzählt wurde.Neben Klaus, Volker und Hans-Peter hatte Engelbert aber noch andere Freunde. Die waren aus Papier: Bücher.Seine Eltern hatten ihm früh Lesematerial gegeben. Es war zwar keine kindgerechte Literatur, aber sie zeigte ihm, dass es außer den geschriebenen und gesprochenen Worten in der Schule noch unzählige andere Wörter gab. Wörter, deren zum Teil emotionale Bedeutung er nicht erfasste, deren Sinn er jedoch verstand.
Im zweiten Schuljahr erteilten seine Eltern ihm die Erlaubnis, sich einen Mitgliedsausweis für die Stadtbücherei ausstellen zu lassen. Fortan marschierte Engelbert einmal in der Woche mit einem vollgepackten Jute-Beutel mit ausgelesenen Büchern von daheim aus zur Bücherei, anschließend mit neu ausgeliehenen Büchern wieder zurück. Er ging beim Ausleihen systematisch vor. Beginnend mit A, arbeitete sich Engelbert durch das ganze Alphabet der Autorennamen. Und damit ist gemeint: wirklich alle Bücher.Von Raketentechnik über Indianerhäuptlinge, die Französische Revolution, Stricken, Schwangerschaften, Roulette-Regeln, Autoreparaturen, Hundezucht, den 2. Weltkrieg bis hin zu Reisebüchern. Engelbert verschlang sie alle.Um die Inhalte der Bücher ging es ihm nicht, er war auf der Suche nach neuen Wörtern. Die konnte er in seinem Gedächtnis abspeichern. Alle. Und dort blieben sie auch. Für immer. Dass dies eine wahrscheinlich einzigartige Fähigkeit war, hatte damals niemand wahrgenommen. Obwohl: Niemand, das wäre gelogen. Seinen Deutschlehrerinnen in der Grundschule war die fehlerlose Rechtschreibung Engelberts schon aufgefallen. Doch sie machten sich keine weiteren Gedanken darüber.
Später, auf dem Ophovener Gymasium, konnte er mit seiner Fehlerlosigkeit auch in Geschichte glänzen, danach in Literatur, Erziehungswissenschaften, Erdkunde und Philosophie. Überall, wo schriftliche Arbeiten in deutscher Sprache verlangt waren.
Nach dem Abitur, das er ohne große Ambitionen absolvierte, wusste er nicht, was er machen sollte.
Seine Eltern sahen in ihrem Sohn keine lohnenswerte Investition. Früh hatte sich herauskristallisiert, dass er ihren materiellen Bestrebungen nicht viel abgewinnen konnte. Und so konnten sie ihrem Sohn ebenso wenig viel abgewinnen. Sollte er doch machen, was er wollte. Hauptsache, er würde ihnen nicht zur Last fallen.
Zur Bundeswehr musste Engelbert damals nicht. Bei der Musterung hatte er die ihn prüfenden Soldaten sowie die Ärztin zur Verzweiflung getrieben, als er in einem fort die - zugegebenermaßen erschreckend - vielen Fehler im Musterungsbescheid penetrant benannte und korrigierte.
Man schätzte ihn seinerzeit als potenzielle Gefahr für die Aufrechterhaltung der Moral in der Truppe ein. Also bekam er den Stempel T5. Dies bedeutete: Er war untauglich.
Als die Bundeswehr nach der Musterung des für sie befremdlichen Abiturienten offiziell mit Bedauern auf die Dienste von Engelbert verzichtete – im Schreiben des zuständigen Kreiswehrersatzamtes fand Engelbert sechs!!! Rechtschreibfehler, was er dem im Brief angegebenen Verfasser sofort per Einschreiben mit Rückschein mitteilte –, ließ sich der damals 19-jährige junge Mann als Zivildienstleistender im Seniorenheim St. Hildegard anstellen. Auch dort war er schnell als „Spezialist“ verschrien.
In der Küche gerieten die Angestellten schon in helle Aufregung, wenn sie Engelbert Melchau nur von weitem sahen, seitdem er direkt an seinem zweiten Arbeitstag den damals aktuellen Speiseplan, die in der Küche aushängende Hygieneschutzverordnung sowie die in einem Ordner gebündelte Rezeptsammlung akribisch unter die orthografische Lupe genommen hatte.
Seine daraufhin in der Folgewoche verfasste und an die Geschäftsführung gerichtete schriftliche Stellungnahme zu den seiner Ansicht nach unhaltbaren Zuständen in der Küche führte zu einem spontan einberufenen Meeting der Geschäftsführung und der Bereichsleiter.
Von denen hatte noch niemand den neuen Zivi gesehen, geschweige denn kennengelernt. Seine Einstellung war über die Personalleiterin erfolgt, die eine alte Freundin seiner Mutter war. Aber sein Name geisterte bereits durch die gesamte Führungsetage.
Daher beschlossen die Mitglieder der Geschäftsführung, erneut spontan, einen Blick auf den Neuling zu werfen. So marschierte die Leitungsrunde durch das Haus und suchte das Phantom Engelbert Melchau.
Der war nichts ahnend im Zimmer von Erna Schmitz, 93 Jahre alt, damit beschäftigt, der alten Dame aus den Feldpostbriefen ihres im 2. Weltkrieg gefallenen Ehemanns Werner Schmitz vorzulesen. Die Briefe waren in Sütterlin geschrieben. Für Engelbert eine große Herausforderung, der er sich aber gerne stellte.
Während er mit dem Zeigefinger der linken Hand die Zeilen des Briefes entlangfuhr, um nicht durcheinander zu kommen, hielt er in der rechten Hand einen Kugelschreiber mit roter Mine.
Damit markierte er alle Rechtschreibfehler des 1944 in Russland für Führer, Volk und Vaterland gefallenen Soldaten. Gut, manche Buchstaben waren durch dunkle, rötliche Flecken auf dem mittlerweile muffig riechenden und porös wirkenden Briefpapier nicht richtig zu erkennen, doch strich er auch diese Buchstaben als potenzielle Fehler an. Sicher war sicher.
Während Erna Schmitz beim Vorlesen der Zeilen, die ihr Ehemann während seiner schweren Verletzung - ihm musste der für ihn wichtigere rechte Arm und ein Bein nach einem Granattreffer amputiert werden - nach den Operationen unter größten Schmerzen verfasst hatte, bitterlich weinte, notierte Engelbert eifrig die Anzahl der Fehler.
Als er das Lesen beendet hatte und Frau Schmitz die acht voll geweinten Taschentücher abnahm, präsentierte er ihr stolz das Ergebnis seiner Arbeit.
„Frau Schmitz, der Herr Werner Schmitz hatte anscheinend große Probleme mit der Rechtschreibung sowie auch mit seiner Handschrift. Ich habe 24 Fehler gefunden. Einige Male habe ich aber beide Augen zugedrückt, da ganze Wörter fehlten oder diese durch diese merkwürdigen Flecken unleserlich waren. Sonst wäre das Ergebnis noch schlechter ausgefallen.“
Erna Schmitz, die nach der für sie so emotional aufwühlenden Reise in die Vergangenheit nervlich bereits arg gebeutelt war, erlitt in diesem Moment eine Herzattacke. Glücklicherweise erwies sich die gerade im Raum von Frau Schmitz erscheinende Leitungsrunde als Ansammlung erstklassig ausgebildeter Ersthelfer.
Ihr gelang es, die hochbetagte Seniorin wieder ins Reich der Lebenden zu holen, obwohl diese sicherlich nicht unglücklich gewesen wäre, im tiefen Glauben an die göttliche Fügung an die Seite von Werner Schmitz zu gelangen.
Engelbert verfolgte die um Frau Schmitz herum ausgebrochene Hektik mit großen Augen, machte sich dann aber, als es für ihn zu laut wurde, aus dem Staub. Er zog dann doch lieber die Stille der hauseigenen Bibliothek vor. Dort gab es einige Bücher, die er noch nicht gelesen hatte und die seinen Wortschatz noch erweitern würden. Großartig!
Nach zwei weiteren Herzinfarkten anderer Heimbewohner, die merkwürdigerweise kurz vor ihrem Zusammenbruch Besuch vom neuen Zivildienstleistenden Melchau bekommen hatten, beschloss man in der Leitungsrunde einstimmig, Engelbert Melchau wieder in die berufliche Ungebundenheit zu entlassen.
„Machen Sie was aus Ihrem Leben! Reisen Sie, erkunden Sie die Welt! Gründen Sie eine Familie! Oder vielleicht studieren Sie vorher noch … Was auch immer Ihre Pläne sind, Herr Melchau: Wir wünschen Ihnen und den Menschen, mit denen Sie zu tun haben werden, alles Glück dieser Welt“, lautete die Verabschiedung des Geschäftsführers von Engelbert.
Der Chef des Hauses ließ es sich nicht nehmen, seinen nun ehemaligen Zivi persönlich zum Ausgang zu begleiten. Er winkte Engelbert sogar hinterher, als dieser sich nochmals umdrehte und mit Bedauern ins zweite Stockwerk hochschaute, wo die Bibliothek der Einrichtung angesiedelt war.
„Lieber Gott, wenn dieser Zivi eine göttliche Prüfung war, hast du es nicht gut mit uns gemeint. Aber wir haben diese Prüfung gemeistert“, flüsterte der Geschäftsführer mit Blick gen Himmel und bekreuzigte sich.
Engelbert musste nun überlegen, was er denn mit seinem Leben anfangen sollte.
Die Welt erkunden, wie es der Leiter des Seniorenheims vorgeschlagen hatte, war eindeutig nicht sein Ding. Wenn er die Welt erkunden würde, müsste es schon eine deutschsprachige Welt sein. Nichts Englisches, Französisches oder Spanisches. Erst recht nichts Russisches, Chinesisches oder Arabisches. Wie gesagt: Deutsch müsste die Sprache sein. Sie gab ihm Sicherheit in einem ansonsten so unsicheren Leben.
Das Reisen verwarf er schnell, als er sich ins deutsche Bundesland Bayern gewagt hatte, dort aber feststellen musste, dass die Einwohner sich in der Regel in einer Sprache verständigten, die ihm als Dialekt beschrieben wurde. Als Dialekt der deutschen Sprache. Doch für ihn war nur selten ein dem Deutschen entnommenes Wort zu erkennen. Immerhin schrieben sie mitunter in Deutsch. Wenn auch nicht fehlerfrei. Im Gasthaus „Zum bayerischen Löwen“ in Oberammergau warf man Engelbert Melchau noch vor dem Servieren seiner Hauptspeise hochkant aus dem Traditionsrestaurant.
Die nach seiner Meinung grammatikalisch höchst fragwürdige Einführung in die Geschichte der Familie Hochleitner, die in der Speisekarte abgedruckt war, enthielt so viele Fehler, dass sich Ururgroßvater Xaver Hochleitner – der Begründer des Berggasthofs – im Grab nicht nur umdrehen würde. Er würde rotieren vor Entsetzen.
Als Engelbert dies in belehrendem Tonfall Anton Hochleitner, dem derzeitigen Besitzer des Gasthofs, mitteilte, kassierte er eine Watschn, die sich gewaschen hatte. Später schlug er im Duden nach, weil er wissen wollte, wie Watschn geschrieben wurde.
Auf jeden Fall wollte Engelbert Melchau nach diesem Eklat in Bayern das Rheinland nicht mehr verlassen. Am liebsten noch nicht einmal mehr die Stadtgrenze seiner Heimatstadt Leverkusen überqueren.
Aber da die Stadt, die von einem Chemiekonzern geprägt wurde und nach wie vor geprägt wird, keine eigene Universität aufwies, musste sich der mittlerweile 20-Jährige im Umland umschauen. Umland bedeutete für ihn Köln. Dort gab es nichts, was man nicht studieren konnte, stellte er bei der Lektüre der Hochschulmagazine fest.
Überhaupt waren diese fast ganz in seinem Sinne. In ihnen gab es nur eine erstaunlich geringe Anzahl an Fehlern, wie er mit großer Freude feststellen konnte. Also schien ein Studium gar nicht so verkehrt zu sein.
Nur: Was würde er studieren wollen? Etwas Naturwissenschaftliches? Oder lieber eine Geisteswissenschaft? Oder vielleicht doch Jura?
Letztlich entschloss er sich zum Studium der Jurisprudenz. In erster Linie, weil ihn die Wucht und Klarheit der Worte beeindruckte. Gesetze waren in Stein gemeißelte Regeln, an die man sich zu halten hatte. Oder halten sollte. Tat man das nicht, konnte der Staat mithilfe der klaren Worte in den Gesetzen Sanktionen aussprechen.
Dass der juristischen Fachsprache jegliche Emotionalität und Wärme fehlte, fiel Engelbert nicht auf. Die Wörter funktionierten auf eine andere Art und Weise, das reichte ihm vollkommen. Während des Studiums verschärfte sich seine Neigung zur Korrektur nicht korrekt geschriebener Wörter drastisch. Damit machte er sich unter den Kommilitonen keine Freunde. Auch für diese war er sehr zügig ein „schräger“ Typ, mit dem man lieber nichts zu tun haben wollte, mit dem man auch nur ungern gesehen werden wollte.
Aber an der Uni Köln kam Engelbert zum ersten Mal in seinem Leben in wirklich näheren Kontakt zu einem weiblichen Wesen, das nicht seine Mutter oder sein Kindermädchen war.
Susanne hieß die junge Frau, die eines Morgens neben ihm in der Vorlesung über Öffentliches Recht saß. Sie sprach während der ersten halben Stunde kein Wort mit ihm, war hoch konzentriert beim Mitschreiben der Seminar-Inhalte.
Engelbert schielte immer wieder auf das nach seiner Meinung nachlässige Gekritzel seiner Nachbarin und war entzückt: Nicht, dass er alles lesen konnte, dafür war ihre Handschrift zu unleserlich. Aber DAS, was er entziffern konnte, war fehlerfrei. Einwandfrei fehlerfrei!
Vor Aufregung meldete sich sein Schluckauf, der immer dann auftrat, wenn er emotional aufgewühlt war. Also so gut wie nie. Jetzt war es aber so weit: Ein Mensch, der scheinbar über seine Fähigkeiten verfügte. Und dazu noch eine Frau. Fantastisch!
Vor Aufregung begann er nun auch noch zu schwitzen. An ein Ansprechen seiner Kommilitonin war in dieser Verfassung nicht zu denken.
Engelbert ärgerte sich über sich selbst. Als der Ärger immer größer wurde, merkte er, dass die Schweißproduktion abnahm. Plötzlich war auch der Schluckauf weg.
„Willst du mal auf meine Mitschrift schauen? Sie ist genauso fehlerlos wie deine“, versuchte Engelbert einen Kontakt zu seiner Nachbarin herzustellen.
Die sah ihn überrascht an. Normalerweise hätte ihn jede andere Frau nach dieser zugegebenermaßen seltsamen Anmache ausgelacht, doch sie betrachtete ihn jetzt nicht mehr überrascht, sondern vielmehr interessiert.
„Gib mir deinen Block bitte mal rüber. Ich werde ihn kontrollieren“, antwortete sie. Engelberts Herz jubilierte.
Er reichte ihr also am Ende des Seminars seine Mitschrift, und sie begann, diese konzentriert zu lesen. Immer wieder verglich sie dabei ihre eigenen Unterlagen inhaltlich mit dem von Engelbert Verfasstem. Zweimal notierte sie etwas am Rand der jeweiligen Zeile in seinen Unterlagen. In SEINEN Unterlagen! Engelbert wurde unruhig. Sollte ihm etwa ein Fehler unterlaufen sein? Das war unmöglich. Er konnte aber auch nicht erkennen, was sie angemerkt hatte. Unsicherheit machte sich in ihm breit. Er wurde kribbelig. Am liebsten hätte er ihr seinen Schreibblock entrissen und wäre aus dem Hörsaal, in dem sie beide als Einzige noch saßen, geflüchtet. Doch das traute er sich nicht. Also ließ er sie bis zum Ende lesen. Sie notierte zwei weitere Male etwas, was Engelbert mit Entsetzen bemerkte. Vier Mal! Vier Mal hatte sie seine Mitschrift infrage gestellt! Jetzt platzte es aus ihm heraus: „Was habe ich falsch gemacht?"Sie schaute ihn überrascht an und musterte ihn ein paar Sekunden, ehe sie antwortete.„Du hast gar nichts falsch gemacht. Ich habe lediglich Anmerkungen dort angesetzt, wo ich der Meinung bin, dass du dich dort inhaltlich vielleicht auf den Holzweg begeben hast."„Holzweg?"Verblüfft sah Engelbert sie an. Ebenso verblüfft schaute sie zurück. Dabei fiel ihm zum ersten Mal auf, dass sie recht hübsch war. Zumindest nach seinen Kriterien.
Denn im Gegensatz zur Schulzeit hatte Engelbert Melchau mittlerweile schon Interesse an Mädchen, oder passender ausgedrückt, an Frauen gefunden.
Nur wusste er überhaupt nicht, wie er diese für ihn nach wie vor fremde Spezies kennenlernen sollte. Immerhin hatte er sich in einer ruhigen Stunde in seinem Zimmer - es gab zuhause eigentlich nur ruhige Stunden in seinem Zimmer - Gedanken darüber gemacht, wie die ideale Frau für ihn auszusehen hatte. Sie sollte kleiner sein als er, denn vor großen Frauen hatte er irgendwie Angst. Sie sollte eine Brille tragen, denn Frauen mit Brille sahen für ihn immer intelligent aus. Nun gut: nicht immer, wenn er da an ein paar Exemplare aus seiner Schulzeit dachte. Aber zumindest oft.Sie durfte nicht dick sein. Eine dicke Frau, befürchtete er, würde sehr träge sein. Sowohl geistig als auch körperlich. Sie sollte sich nicht schminken. Oder nur so viel, dass es nicht auffiel. Seine Mutter war ihm immer unheimlich gewesen, wie unterschiedlich sie vor und nach einem zweistündigen Aufenthalt im Bad aussah, in das sie sich immer so lange zurückzog, wenn seine Eltern irgendwo eingeladen waren. Und das war oft der Fall gewesen. Auf jeden Fall fand er seine Mutter immer viel zu sehr geschminkt. Sie sah jedes Mal wie eine Puppe aus: unecht. Immerhin wusste Engelbert aber, dass, wenn seine Mutter wieder mal verwandelt aus dem Badezimmer kam, seine Eltern wieder irgendwo eingeladen waren. Natürlich ohne ihn. Aber das störte ihn nicht. Aber zurück zu seiner Wunschfrau: Sie sollte sich unauffällig anziehen. Und nicht - erneut musste seine Mutter als Gegenbeispiel herhalten - wie seine Mutter, die immer sehr körperbetonte und bunte Kleidung trug.Das sah wohl auch sein Vater so, mutmaßte Engelbert, denn eines Abends hatte er gehört, dass sein Vater seiner Mutter sehr lautstark nahelegte, doch ihre Titten direkt nackt durch die Gegend zu tragen. Engelbert kannte das Wort Titten zu diesem Zeitpunkt noch nicht und hatte auch überhaupt keine Ahnung, was es bedeutete. Und ein unbekanntes Wort konnte es für ihn nicht geben.
Also beschloss er, seinen Vater zu fragen. Schließlich hatte der das Wort auch gebraucht. Als er seinen Vater am nächsten Tag darauf ansprach, starrte der ihn angewidert an. „Wer bringt dir denn solche abscheulichen Worte bei?"„Das hast du gestern selbst im Gespräch mit Mama sehr laut gesagt. So laut, dass ich es oben in meinem Zimmer gehört habe."„Du sollst nicht unsere Gespräche belauschen."„Das habe ich nicht. Du warst aber so laut, dass ich dich gehört habe."„Ab auf dein Zimmer. Dein Verhalten ist unmöglich."So war Engelbert, damals 11 Jahre alt, erst mal nicht schlauer geworden, was denn nun Titten waren. Also beschloss er, am nächsten Tag Frau Sternmeier, seine Klassenlehrerin, zu fragen.
Dass dies für ihn nicht gut ausging, muss an dieser Stelle nicht erwähnt werden. Oder doch: es muss.Dem Eintrag ins Klassenbuch wegen ungebührlichen Verhaltens folgte noch eine Einladung der Lehrerin an seine Eltern zu einem dringend erforderlichen Elterngespräch.
Obwohl es ein Elterngespräch war, musste Engelbert mitkommen. Das hatte er nicht verstanden. Aber das war auch nur nebensächlich.
Fasziniert hatte Engelbert damals mitgezählt, wie oft Frau Sternmeier in ihrem Bericht über den aus ihrer Sicht ungeheuerlichen Vorfall das Wort Titten aussprach.
Er hatte es in seiner an sie gerichteten Frage nur einmal genannt; sie dagegen in ihrer seinen Eltern entgegengeschleuderten Anklage ganze 23 mal! Das war eine Leistung!
Und irgendwie hatte er das Gefühl, dass Frau Sternmeier dieses Wort anziehend fand. Warum auch immer.Nun gut. Aber auch nach dem Gespräch war Engelbert nicht schlauer als zuvor. Er wusste aber immerhin, dass das Wort Titten bei Erwachsenen Reaktionen auslöste. Außerdem hörte Engelbert nach diesem Elterngespräch, das mit einer Entschuldigung seines Vaters für das unziemliche Verhalten seines Sohnes endete, noch ein neues Wort: frigide.Sein Vater fragte seine Mutter, die übrigens auch vor diesem Termin zwei Stunden im Bad verbrachte, nämlich beim Verlassen des Schulgebäudes, was diese frigide Alte für ein Problem hätte.Engelbert wollte schon fragen, was dieses Wort bedeutete, beschloss dann aber aus einer Eingebung heraus, darauf zu verzichten.
Auch Frau Sternmeier gegenüber erwähnte er es nicht. Er würde schon noch herausfinden, was Titten und frigide bedeutete. Bei frigide gestaltete sich dies einfach: Es stand im Duden. Und der stand wiederum im Bücherregal seiner Eltern.
Aber Titten fand er dort nicht. Also musste es, seinem Verständnis nach, ein neues Wort sein. Allerdings ein Wort, das immerhin schon seine Eltern und Frau Sternmeier kannten. Die Titten-Auflösung gab es dann knapp ein Jahr später. Bis dahin war das Wort immer noch inhaltsleer in Engelberts Gedächtnis verankert.Volker, ein Junge aus seiner Klasse, sagte damals zu Stefan, der ebenfalls mit ihnen in dieselbe Klasse ging, dass Martina schon richtig schöne Titten hätte. Martina war übrigens auch in ihrer Klasse.
Als Volker dieses Lob - so verstand es Engelbert zumindest - für Martina äußerte, stand Engelbert zufälligerweise direkt neben den beiden. Er schaute zu Martina, die - es war gerade Pause - mit ein paar anderen Mädchen Seilchenspringen spielte. Da Volker sich scheinbar nicht traute, Martina das Lob zu sagen, beschloss Engelbert, dies zu übernehmen. Er übernahm anschließend zuerst Martinas Ohrfeige, dann in der Folgestunde den eilig von Frau Sternmeier verfassten Brief an seine Eltern und zuhause die nächste Ohrfeige von seinem Kindermädchen, dem er arglos den Vorfall schilderte.
Als er ihr sagte, dass er gar nicht wisse, was Titten überhaupt sind, sah sie ihn fassungslos an. Dann begann sie zu lachen. Sie konnte gar nicht mehr aufhören. Engelbert stand geduldig neben ihr. Da sie so sehr lachte, konnte es ja eigentlich nicht so schlimm sein, schlussfolgerte er. So fragte er sie: „Was sind denn nun Titten?"Als sie wieder Luft bekam und sich die Tränen von den Wangen wischte, antwortete sie: „Titten ist ein anderes Wort für den Busen. Aber kein schönes Wort. Was der Busen ist, weißt du aber?"Engelbert nickte und wusste nun natürlich, was da alles schiefgelaufen war.Er dachte nach der Lösung des Rätsels auch sofort an das erste Mal, als er das Wort bei seinem Vater gehört hatte und verstand nun, was sein Vater damals damit gemeint hatte.Denn auch Engelbert war es schon häufiger aufgefallen, dass man den Busen seiner Mutter durch die oft dünnen und engen Blusen oder Pullover gut sehen konnte.
Ihn hatte es nicht gestört, seinen Vater wohl schon.Daher war er der Ansicht, dass seine zukünftige Freundin keine engen und auffälligen Oberteile tragen sollte. Sofern Sie denn einen Busen wie seine Mutter hätte. Engelbert schielte zu seiner Nachbarin rüber und versuchte, einen Blick auf ihre Oberweite zu erhaschen. Dies gelang ihm auch. Er war zufrieden. Man konnte zwei Hügel sehen, aber die waren nicht groß.
„Willst du, dass ich etwas zu deiner Mitschrift sage?“
Seine Nachbarin riss ihn aus seinen Erinnerungen.
„Äh, ja gerne“, rutschten ihm Worte heraus, die er so gar nicht sagen wollte. Er wusste ja nicht, was sie ihm mitteilen und ob es ihn eventuell stören würde. Jetzt aber war es zu spät.
In den folgenden fünf Minuten hielt sie ihm einen kleinen Vortrag über den Ablauf des eben gehörten Seminars, und er musste zugeben, dass sie tatsächlich einige Dinge besser mitbekommen hatte, als es bei ihm der Fall gewesen war. Und es störte ihn gar nicht. Im Gegenteil: Er war regelrecht glücklich, jemanden gefunden zu haben, der ihm wohl ähnlich war.
„Alles klar bei dir?“
Sie hatte bemerkt, dass er in Gedanken schon wieder unterwegs war. Aber sie wusste nicht, dass er bei und mit ihr unterwegs war. Das bekam sie kurz darauf zu hören: „Ähhm, ich habe gerade nur überlegt, ob ich dich fragen soll, ob du einen Kaffee trinken möchtest. Also, ich meine, mit mir. Auch wenn ich keinen Kaffee trinke. Ich würde dafür einen Kakao nehmen. Aber du könntest natürlich auch einen Kakao nehmen. Aber nur wenn du willst. Auf der anderen Seite ...“
Bevor er sich bei ihr mit seiner doch etwas wirren Ansprache weiter um Kopf und Kragen reden konnte, unterbrach sie ihn.
„Warum nicht? Du bist merkwürdig, aber das finde ich interessant. Die meisten anderen hier sind wie glattgebügelt und langweilig. Ich glaube, das bist du nicht. Wie heißt du eigentlich?“
„Ich?“
„Wer sonst? Siehst du sonst jemanden, mit dem ich rede?“
Engelbert schaute sich um.
„Nein, außer uns ist keiner hier.“
„Richtig. Also: Wie heißt du?“
„Engelbert Melchau. Ich bin 21 Jahre alt und komme aus Leverkusen. Dort lebe ich bei meinen Eltern in der Waldsiedlung.“
„Langsam, langsam! So viel wollte ich noch gar nicht wissen.“
„Nicht? Aber ich kann es jetzt nicht mehr zurücknehmen.“
Sie lachte und schaute ihn lange prüfend an. Engelbert merkte, dass ihm unter den Blicken seiner Nachbarin warm wurde. Warum das so war, konnte er nicht sagen. Aber es irritierte ihn.
„Willst du gar nicht wissen, wie ich heiße?“
„Doch!“
„Dann frag mich doch einfach!“
„Was?“
„Gott, Berti! Ich nenne dich jetzt Berti, denn Engelbert ist mir zu lang und irgendwie auch zu altmodisch. Bist du immer so kompliziert? Interessant sein ist eine Sache, kompliziert sein dagegen eine ganz andere. Und die ist anstrengend.“
Darüber musste Engelbert nachdenken. Aber so sehr er auch über die Worte der Kommilitonin nachdachte, er wusste nicht, was sie meinte. Außerdem wusste er immer noch nicht, wie sie hieß.
„Wie heißt du eigentlich?“
„Na endlich!“
„Was?“
Seine Nachbarin beschloss, das erneute „Was“ einfach zu ignorieren.
„Mein Name ist Susanne, ich bin auch 21 Jahre alt und komme aus einem kleinen Dorf in der Eifel, lebe jetzt aber hier in Köln in einer WG.“
So viele Informationen auf einmal von dieser faszinierenden Frau, die mussten erst mal verarbeitet werden. Das ging dieses Mal sehr schnell.
„Das ist schön.“
Susanne machte nach Engelberts Bemerkung ein erstauntes Gesicht.
„Was ist schön?“
„Dass du auch 21 Jahre alt bist.“
„Aha ...“
Susannes noch vor einigen Minuten bekundetes Interesse schien bereits zu erlahmen. Aber noch wollte sie die Flinte nicht ins Korn werfen oder Berti zum Teufel schicken.
„Warum lebst du noch bei deinen Eltern?“
„Weil wir ein sehr großes Haus haben und ich eine Etage für mich nutze.“
Für Engelberts Verhältnisse war dieser Satz schon eine Rede.
„Ein richtig großes Haus?“
„Ja“
„Wie groß?“
„Was meinst du damit?“
Susanne verdrehte die Augen.
„Na, wie viele Zimmer hat das Haus? Und hat es einen Garten?“
„Ich habe drei Zimmer oben. Meine Eltern vier Zimmer darunter. Und ganz unten sind noch mal drei Zimmer.“
„Wow! Und ein Garten ist auch dabei?“
„Ja.“
„Ist der groß?“
„Ja.“
„Sehr groß?“
„Ja.“
„Wie groß?“
„Ja.“
Susanne stutzte. Wieso antwortete Berti auf diese Frage auch mit „Ja“?
„Warum sagst du auf diese Frage auch „Ja“?
Engelbert schaute Susanne erstaunt an. War „Ja“ die falsche Antwort gewesen? Vorher hatte „Ja“ doch immer gepasst. Er versuchte, sich an Susannes letzte Frage zu erinnern. Vergeblich.
„Was hast du am Ende gefragt?“
„Wie groß der Garten ist.“
„Ach so. Dann ist „Ja“ tatsächlich eine falsche Antwort. Das sehe ich ein.“
„Das ist großzügig von dir.“
„Wie bitte?“
„Ach, vergiss es. Lass uns besser verschwinden, gleich fängt nämlich das nächste Seminar an. Ich habe keine Lust, weiter hier zu sitzen.“
Engelbert sah das ganz anders. Er hätte auch die an diesem Tag noch folgenden fünf Vorlesungen in diesem Vorlesungssaal verfolgt, wenn Susanne hiergeblieben wäre. Das sagte er ihr aber nicht. Stattdessen stand er auf, als sie sich von ihrem Sitz erhob und folgte ihr nach draußen.
„Und was machen wir jetzt?“
Engelbert stand recht hilflos im Flur und wusste nicht mehr weiter. Der bisherige Kontakt zu Susanne hatte ihn schlichtweg überfordert. Sein Gehirn war, was die weitere zeitliche Gestaltung mit Susanne anging, leer. Ausgetrocknet. Als sie ihn anschaute, zuckte er mit den Schultern.
„Wenn du jetzt keine Vorlesung hast, können wir zu mir gehen. Unsere WG liegt in einer der Seitenstraßen hier. Der Vater einer Freundin, die auch in der Wohngemeinschaft lebt, hat hier in Köln mehrere Wohnungen. Eine davon hat er ihr zur Verfügung gestellt. Und da wohnen wir jetzt mit fünf Personen. Drei Frauen und zwei Männer.“
Engelbert nahm diese Informationen ungefiltert auf. Susanne hätte ihm jetzt auch einen Vortrag über das Paarungsverhalten ostsibirischer Grottenmolche halten können, er hätte diese Worte genauso geliebt. Obwohl ihm nicht klar war, dass diese Empfindungen, die sich gerade in ihm breitmachten, ein wenig in Richtung verliebt sein gingen. Er merkte nur wieder, dass ihm warm wurde. Daher war es eine gute Idee von Susanne, erst mal raus zu gehen.
„Ja, wir können zu dir gehen.“
Die Antwort kam spät, aber sie kam.
So marschierten die beiden zu Susannes WG. Als sie die Tür zur Wohnung in dem Altbau öffnete, sah Engelbert zuerst einen großen Haufen Schuhe im Flur stehen. So viele Schuhe hatte er noch nie außerhalb eines Schuhgeschäfts gesehen.
„Hier stehen 28 Paar Schuhe. Das ist eine ganze Menge“, stellte er ein paar Sekunden später fest.
Susanne starrte ihn an. Auf die Idee, die Schuhe zu zählen, war in den letzten zwei Jahren, seit sie hier als WG lebten, noch niemand gekommen.
„Tja, äh, das mag sein. Aber wir sind ja auch fünf Bewohner.“
„Welche davon sind dir?“
Susanne zeigte unbestimmt auf ein paar Stellen in dem Haufen. Engelbert war nach dieser ungenauen Ansage nicht schlauer als zuvor. Das ärgerte ihn ein wenig.
„Komm mit, dann zeige ich dir mein Zimmer.“
Susanne ging vor bis ans Ende des Flurs. Da die anderen Zimmer auf dem Weg zu Susannes Raum alle offen standen, konnte Engelbert überall einen Blick hineinwerfen. Das, was er sah, erschreckte ihn. Zwei Zimmer waren unglaublich unordentlich, da lag vieles übereinander auf dem Boden. Die anderen beiden Zimmer waren zwar aufgeräumter, aber es standen auf den Schreibtischen Reste von Getränken und Speisen. So etwas kannte er von zuhause nicht. Da wurde nur im Speisezimmer gegessen. Und es lag auch nichts auf dem Boden herum. Dafür sorgte schon die Haushälterin. Dreckig war es zuhause auch nie, sie hatten schließlich ihre Putzfee Olga – so nannte seine Mutter sie immer. Olga kam jeden zweiten Tag ins Haus und verschwand nach fünf Stunden wieder. Engelbert hatte seinen Vater schon gefragt, ob es nicht sinnvoller wäre, wenn Olga ins Haus ziehen würde. Warum sein Vater ihn daraufhin als Trottel bezeichnete und kopfschüttelnd aus dem Zimmer ging, blieb Engelbert ein Rätsel.
Dabei hätte gerade sein Vater sich über Olgas Anwesenheit im Haus freuen müssen, schließlich verstanden sich die beiden doch so gut, dass sie sich gerne küssten. Das hatte Engelbert schon ein paar Mal gesehen. Interessanterweise geschah dies immer, wenn seine Mutter beim Tennistraining war. Engelbert hatte sich schon vorgenommen, seinen Vater zu fragen, ob er Olga auch mal küssen dürfte. Schließlich fand er sie auch nett. Einmal hatte er Olga sogar ohne Bekleidung gesehen, als sie aus dem Arbeitszimmer seines Vaters kam. Aber sein Vater, der ihr wenig später folgte, trug Kleidung. Nur der Pullover, den er falschherum trug, erschien ihm etwas merkwürdig.
„Habt ihr niemanden, der hier sauber macht?“, fragte Engelbert Susanne. Die hatte gerade die Hand auf der Türklinke ihres Zimmers. Sie drehte sich um.
„Mensch, Berti! Wir leben in einer Wohngemeinschaft, nicht in einem hochherrschaftlichen Haus. Ihr habt sicher eine Putzfrau zuhause, oder?“
„Ja. Soll ich sie euch mal leihen? Sie macht das bestimmt gerne. Mein Vater hätte da bestimmt nichts gegen. Er sagt immer zu Olga, dass sie ein Schatz ist.“
Susanne starrte ihn wieder an. Und wieder wurde ihm warm.
„Äh, und hier ist dein Zimmer?“
Susanne erwachte aus ihrer Starre, öffnete die Tür und winkte Engelbert ins Zimmer. Vorsichtig betrat er den Raum, in dem diese herrliche Frau lebte. Ihm gefielen sofort die vielen Bücher. Zwei hohe, bis zur Decke reichende Regale standen in dem kleinen Zimmer. Die Bücher zogen ihn magisch an.
Er musste sie in die Hand nehmen, sie fühlen. Dieses Gefühl, Papier in der Hand zu halten, war ihm wichtig. Titel und Inhalte interessierten ihn nur bedingt. Aber ein Buch in seiner jeweiligen Form zu berühren, sein Gewicht zu spüren, zu fühlen, ob es starr und gebunden oder leicht biegsam ist, ob der Buchrücken glatt oder faserig-unruhig ist, das hatte und hat für Engelbert neben dem Abspeichern der Wörter Bedeutung. Und natürlich der Geruch! Jedes Buch hatte seinen eigenen Duft, davon war er fest überzeugt. Daher schnupperte Engelbert auch an jedem für ihn neuen Buch. Konnte er ein Buch nicht riechen, dann fand es nicht den Weg in sein Zuhause. Da mochte es noch so interessant in der Aussicht auf eine Vielzahl neuer Wörter sein. Diese Bücher las er auswärts. Und so stand Berti dann auch vor Susannes Bücherregal. Er nahm ein Buch nach dem anderen heraus, ließ es auf seine Hand wirken, drehte es von der Vor- auf die Rückseite. Anschließend hielt er es an seine Nase und nahm seinen Geruch auf.
„Das mag ich“, „Das mag ich nicht“, „Das gefällt mir“, „Das kannst du wegschmeißen“, so lauteten nach der Geruchsprobe seine Ratschläge an Susanne.
Die verfolgte fassungslos das Gebaren ihres Besuchs. Nachdem Engelbert die ersten drei Reihen des ersten Regals untersucht hatte, begann er die Bücher auszuräumen.
„Sag mal, was machst du denn jetzt?“
Susanne ließ sich in einen Sessel fallen und beobachtete Engelbert, der unverdrossen weiter das Regal leerräumte.
„Ich schaffe Ordnung. Das ist mir hier zu unordentlich“, antwortete er und ließ sich nicht weiter stören. Buch für Buch stapelte er fein säuberlich aufeinander. Der Stapel, der auf dem Fußboden seinen Anfang genommen hatte, reichte mittlerweile schon bis zu Engelberts Bauchnabel.
„Ja, geht´s denn noch?“, empörte sich Susanne nun doch.
„Ich mache es doch nur ordentlich für dich.“
„Aber es war doch ordentlich für mich. Genauso habe ich es doch gewollt.“
„Wie hast du es gewollt?“
„Na so, wie es bis eben war.“
„Kannst du mir das genauer beschreiben?“
„Nee, das kann ich nicht.“
„Dachte ich´s mir doch. Hinter deinem System im Regal steckte nämlich kein System.“
„Das ist frech und das muss ich mir auch nicht anhören.“
„Musst du schon, denn du hast es ja schon gehört.“
„Ich denke, du solltest jetzt gehen.“
„Warum?“
„Weil ich das so will.“
Susanne stand von ihrem Sessel auf und schob Engelbert sanft, aber bestimmt Richtung Haustür. Er verstand immer noch nicht, warum er plötzlich gehen musste. Immerhin hatte er verstanden, dass sich zu wehren nun keinen Sinn machen würde. Also spazierte er enttäuscht die Treppe im Treppenhaus hinunter und begab sich auf direktem Weg nach Hause.
Das war also die intensivste Begegnung, die er seither mit einer Frau hatte.
Abgesehen von seiner Zahnärztin, die ihm sogar viel näherkam, als es bei Susanne und ihm passiert war. Aber die Zahnärztin war für Engelbert irgendwie keine Frau. Sie hatte jedoch in ihrem Besprechungszimmer eine Vielzahl faszinierender Bücher. Die hatte Engelbert auch schon genauestens beäugen können, als er einmal eine halbe Stunde auf das Erscheinen der Ärztin warten musste, da diese einen Patienten deutlich länger und auch schmerzhafter – wie es dessen Schreie andeuteten – behandeln musste, als es vorgesehen war. Engelbert Melchau nutzte die Zeit und sortierte die medizinische Fachliteratur neu. Er hatte einiges an Frau Dr. Biberachs Ordnungssystem auszusetzen. Wenn sie ihn als Patienten behalten wollte, sollte das Bücherregal schon sinnvoll sortiert sein. Als Frau Dr. Biberach zwei Tage später einem Patienten ein Schaubild aus einem der Bücher zeigen wollte, bekam sie einen Schreikrampf, weil sie feststellte, dass keines der Werke mehr an seinem angestammten Platz stand.
Daraufhin wurde die usbekische Putzfrau vorsorglich sofort entlassen, da nur diese in den Augen der Zahnmedizinerin dieses Chaos verursacht haben konnte.
Da konnte die Reinigungsfachkraft noch so tränenreich beteuern, dass sie die Bücher nicht angerührt hatte. Sie hatte diese sogar schon seit mindestens fünf Monaten nicht mehr von Staub befreit, wieso hätte sie die Bücher denn dann auf einmal umsortieren wollen?
Als Dr. Biberach das Geständnis der Untätigkeit vernahm, zelebrierte sie den nächsten Schreikrampf. An diesem Tag schloss die Zahnarztpraxis bereits um elf Uhr. Die Bücher blieben anschließend aber weitestgehend in der vom Patienten Melchau gewählten Systematik.
Zumindest konnte er bei seinem nächsten Besuch keine wesentlichen Änderungen feststellen, was ihn beruhigte. Ansonsten hätte er sich einen neuen Zahnarzt suchen müssen, denn unter solch unorganisierten Zuständen hätte er sich nicht wieder auf den Behandlungsstuhl gesetzt. Wer so mit Büchern umgeht, kann definitiv nicht im Mund eines Menschen die für die Behandlung vorgesehenen Zähne ausfindig machen. Der Meinung war zumindest Engelbert Melchau. Er wusste nicht, warum er auf dem Nachhauseweg von seiner Fast-Freundin Susanne an Frau Dr. Biberach denken musste. Vielleicht, weil es tatsächlich die einzigen Frauen waren, die ihm jemals so nahegekommen waren.
Susanne sah er noch ein paar Mal während des Studiums, aber sie saßen kein Mal mehr zusammen. Auch als Engelbert "zufälligerweise" noch zwei Mal an ihrem Haus vorbeikam, obwohl dies überhaupt nicht auf einer seiner üblichen Wegstrecken lag, ergab sich kein weiterer Kontakt.
Da halfen auch die plötzlichen und lange anhaltenden Hungerattacken nicht weiter, die ihn an diesen beiden Tagen für jeweils fast fünf Stunden im Café gegenüber Susannes Haus verweilen ließen.
Dass die junge Bedienung des Cafés - wahrscheinlich eine Studentin, die sich hier ein bisschen Geld verdiente - sich bei seinem ersten Besuch über ihn wunderte, weil er in dieser Zeit stündlich ein Stück Kirschkuchen und eine Cola bestellte, bemerkte er nicht.
Sein Fokus war komplett auf die Eingangstür des Hauses auf der anderen Straßenseite gerichtet. Aber Susanne kam nicht. Zwar öffnete sich die Haustür ein paar Mal, wobei stets hochschreckte, doch immer trat jemand anderes aus ihr hervor. Auch bei den Heimkehrern war sie nicht.
Dank der Kombination aus Cola und Kirschkuchen machte ihn sein Magen ab der dritten Stunde mit zunehmender Intensität darauf aufmerksam, Dampf auf der Toilette abzulassen. Engelbert verweigerte sich dem Druck so lange es ging, doch irgendwann ging es nicht mehr und aus dem Nicht-mehr-Gehen wurde ein Laufen, oder besser gesagt ein Sprint zum Café-WC. Bis er wieder beobachtungsfähig wurde, vergingen fast zehn Minuten. Für Engelbert eine qualvolle Dauer, da er nicht wusste, ob Susanne nicht genau in diesem Zeitfenster nach Hause gekommen war oder das Haus verlassen hatte.
So führte ihn sein erster Weg nach der erleichterten Rückkehr von der Toilette direkt zur Bedienung, die gerade zwei Teller mit Kuchen zu anderen Gästen transportieren wollte.„Hast du gesehen, ob aus Hausnummer 32 eine 1,72 Meter große, schwarzhaarige, schlanke Frau mit Brille gekommen ist oder ob sie hineingegangen ist?"Die Bedienung, mit den Tellern in den Händen, wollte sich an Engelbert vorbeischlängeln. Doch der blockierte den Weg. Nicht bewusst. Er stand einfach da und sah sie erwartungsvoll an.„Nein, habe ich leider nicht. Ich muss hier ja arbeiten. Kann ich jetzt bitte vorbei?"„Bist du sicher?"„Ich habe nicht darauf geachtet, ob dort jemand rein- oder rausgegangen ist."„Also weißt du es nicht."„Nein, ich weiß es nicht. Kann ich jetzt bitte den Kuchen wegbringen?"Engelbert stand frustriert weiterhin als lebende Barriere im Weg. Da war seine ganze Arbeit der lückenlosen Beobachtung entwertet worden, weil niemand seine magenbedingte Abwesenheit ausgeglichen hatte. Er überlegte, wie die Lösung für dieses Problem, das jederzeit würde wieder auftreten können, aussehen könnte. Leider standen diese Überlegungen der Bedienung im Weg. Also drückte sie Engelbert die beiden Teller in die Hände, drehte ihn dann mit ihren beiden, nun freien Händen genau in die Richtung des Tisches, an dem die Kuchenbesteller saßen. Es waren zwei junge Frauen in Engelberts Alter. „Siehst du die beiden Frauen dahinten? Da bringst du jetzt den Kuchen hin. Den Erdbeerkuchen bekommt die Blonde. Klar?"Engelbert nickte automatisch und marschierte los. Er stellte der Blonden den Schokoladenkuchen hin, die Braunhaarige erhielt den Erdbeerkuchen. Dann blieb er einfach am Tisch stehen. Die Frauen tauschten ihre Kuchenstücke und wollten weiter quatschen, doch Engelbert hatte etwas zu sagen. Er wandte sich an die blonde Frau und wiederholte die eben noch an die Bedienung gerichtete Frage. Wort für Wort.Die beiden Frauen starrten ihn an und schüttelten synchron die Köpfe.„Sie hätten sie gar nicht sehen können, weil Sie mit dem Rücken zum Fenster sitzen. Daher galt meine Frage nur Ihnen", schaute Engelbert zuerst Braun und dann wieder Blond an.„Sag mal, was bist du denn für ein komischer Vogel? Privatdetektiv? Obwohl, du siehst eher wie ein Stalker aus. Selbst wenn ich diese Frau gesehen hätte, würde ich es dir nicht sagen."Dann widmete sich die Blonde ihrem Kuchen.
Engelbert stand noch eine Minute herum, dann machte er sich auf den Weg zurück zu seinem Tisch. Kurz darauf verließ er den Laden.
Bei seinem zweiten Besuch im Café hatte sich Engelbert vorgenommen, nicht mehr so viel Cola zu trinken, ebenso sollte die Anzahl der Kuchenstücke reduziert werden. Leicht gesagt ...
Er platzierte sich wieder am selben Tisch, von dem aus er die Haustür von Nummer 32 am besten im Blick hatte. Die Bedienung war ebenfalls dieselbe und begrüßte ihn eher zurückhaltend begeistert. Vorsichtig ausgedrückt.Er bestellte sich einen Kaffee, obwohl er sonst nur Kakao als Heißgetränk zu sich nahm. Aber dieses Mal sollte es Kaffee sein. Dass er Kaffee nicht vertrug, musste er nach der vierten Tasse feststellen. Da waren nicht nur zwei Stunden vergangen, sondern auch drei Stücke Erdbeerkuchen in seinen Magen gewandert. Als Engelbert von der Toilette zurückkam, sah er gerade noch, wie die Haustür von Nummer 32 sich schloss. Für seine Verhältnisse hektisch, lief er zur Bedienung.„Hast du gesehen, wer da reingegangen ist?"„Nein! Natürlich nicht! Ich habe anderes zu tun", antwortete sie unwirsch. Also hockte er sich wieder auf seinen Platz. Nach drei weiteren Stunden ohne weiteren Kuchen oder Kaffee, dafür aber mit einer zunehmend genervten Bedienung, beschloss Engelbert, seinen Beobachtungsposten endgültig aufzugeben.Zwei Wochen später flogen seine Eltern in Urlaub. Nach Namibia. Das hatten sie ihm vorab nicht mitgeteilt. Er wunderte sich auch nicht, dass sie schon wieder wegfuhren. Gefühlt waren sie sowieso das halbe Jahr auf Reisen, und eine Information darüber gab es so gut wie nie. Vermisst hatte er sie auch nicht, denn für sein leibliches Wohl sorgte die Köchin Frau Schnabel, die Hygiene des Hauses hatte Olga weiter im Blick.Eine Mitteilung gab es erst ein paar Wochen später vom Notar seiner Eltern, der ihm kondolierte und gleichzeitig die Eröffnung eines Erbes in Aussicht stellte. Wie ihm der alles andere als sympathische Dr. Krambein mürrisch-süffisant mitteilte, hatte Engelbert Glück im Unglück. Eigentlich wollten ihn seine Eltern mit einer läppischen Summe auszahlen und den Rest des Vermögens anderweitig verwenden, doch durch das unerwartete Ableben von Herrn und Frau Melchau konnten diese Pläne nicht mehr umgesetzt werden. Engelbert war das egal. Erst als ihm Dr. Krambein mitteilte, dass er nun ein Vermögen im Wert von 32 Millionen Mark erben würde und fortan komfortabel allein von den Zinsen würde leben können, ohne auch nur einen Tag arbeiten gehen zu müssen; erst da dämmerte es Engelbert, wie reich er nun war. Am nächsten Tag erklärte er sein Studium für beendet. Wenn er nie arbeiten müsste, machte auch die Fortführung des Studiums für ihn keinen Sinn mehr. Susanne hin oder her.
Herzliches Beileid
Engelbert Melchau, 22 Jahre alt, Jura-Student im 3. Semester, ledig, plötzlich Vollwaise, ebenso plötzlich Multimillionär.Normale Menschen würden über diese radikale Veränderung elementarer Lebensbedingungen extreme psychische Verarbeitungsmechanismen entwickeln – Engelbert lebte dagegen erst mal weiter wie gewohnt. Problematisch gestaltete sich für ihn zu Beginn nur die Welle der Beileidsbekundungen, die über ihn hereinbrach.
Er hatte sich zuvor nie Gedanken darüber gemacht, welchen Freundes- und Bekanntenkreis seine Eltern besaßen. Nun erfuhr er es. Schriftlich, telefonisch, persönlich.
Wie auch immer all diese für ihn vollkommen fremden Menschen vom Tod seiner Eltern Kenntnis bekommen hatten: Sie wussten es und hatten das Bedürfnis, ihm mitzuteilen, wie sehr sie den Verlust dieser großartigen Menschen bedauerten und dass sie mit ihm, Engelbert, mittrauern würden. 213 Briefe, 68 Anrufe und 36 persönliche Besuche. Engelbert hatte mitgezählt. Von diesen insgesamt 317 Kontakten kannte er 15 persönlich. Diese 15 setzten sich aus Onkel Kurt und Tante Ilse, Onkel Heinz und Tante Liesel, dem Inhaber der Bäckerei aus der Querstraße und den Nachbarn Frau Schiller, Herrn und Frau Rosenstock, Herrn und Frau Riemann, Herrn Grübel sowie Herrn und Frau Speitzer zusammen. Telefonisch waren ihm Onkel Josef und Hermann der Kartenspieler bekannt.Von den anderen 304 hatte er noch nie gehört. Am liebsten waren Engelbert die Briefe. Er konnte sie in aller Ruhe beantworten, nachdem er sie zuerst korrigiert hatte. Das Ergebnis bekamen die Absender natürlich mitgeteilt.
Da jeder Brief eine unterschiedliche Anzahl an Fehlern aufwies - 158 waren sogar fehlerfrei, was bei Engelbert ein merkwürdiges Gefühlsdurcheinander zwischen Zufriedenheit und Enttäuschung auslöste -, wurde auch jeder Brief diesbezüglich individuell beantwortet.
Dabei ging er in der Regel so gut wie gar nicht auf die Inhalte der Briefe ein, sondern beschränkte sich auf das für ihn Wesentliche: die Korrektur. Die wurde ausführlich erläutert. Abschließend setzte er noch ein paar Sätze darunter, die sich tatsächlich mit dem Ableben seiner Eltern beschäftigten, die im Regelfall dann bei den Empfängern später beim Lesen für Befremdung sorgten.So lautete der Brief an Hildegard Volksheimer wie folgt:
Sehr geehrte Frau Volksheimer,Sie haben in Ihrem Schreiben insgesamt vier Fehler eingebaut. Ich habe diese Fehler für Sie markiert, so dass Sie diese schnell erkennen.Anstelle von "wann immer sie ihren faulen Arsch …", "hätte es "wann immer Sie Ihren faulen Arsch ..." heißen müssen. Des Weiteren wird "Tagesrhytmus" mit zwei "h" geschrieben: "Tagesrhythmus", "Schmiehrenkomödie" sollte man dagegen ohne "h" schreiben: "Schmierenkomödie".Dass meine Eltern in Namibia geblieben sind, ist bedauerlich. Ich wusste gar nicht, dass sie da waren. Mir geht es ansonsten sehr gut, nur weiß ich noch gar nicht, was ich allein in dem großen Haus machen soll.GrüßeEngelbert MelchauDann gab es da noch zwei Briefe von Menschen, die sagten, sie würden von seinen Eltern Geld bekommen. Viel Geld sogar. Einer der beiden Briefe kam aus Nigeria, wo ein Peter M. Nkansua behauptete, seinem Vater vor zwei Jahren zwei Millionen US-Dollar geliehen zu haben. Nun bat Herr Nkansua höflich um Rückzahlung des Betrags. Netterweise hatte er direkt eine Kontonummer angegeben. Engelbert fiel dabei auf, dass es eine Bank auf den Bahamas war, auf die Herr Nkansua das Geld überwiesen haben wollte.
Auf seinem alten drehbaren Globus, den man sogar beleuchten konnte, suchte Engelbert Nigeria und die Bahamas. Er wunderte sich, dass die Bank von Herrn Nkansua so weit von dessen Heimat entfernt lag, und fragte sich, wie Herr Nkansua denn an das Geld herankäme, wenn er es denn kurzfristig bräuchte. Aber der würde schon wissen, was er tat.Auch meldeten sich per Brief zwei entfernte Verwandte seiner Mutter, die auf ihre finanzielle Not hinwiesen und die beide schworen, dass seine Mutter ihnen hatte helfen wollen. Da es um Beträge von 15.000 Mark und 35.000 Mark ging, musste die Not dieser beiden Frauen schon groß sein, schlussfolgerte Engelbert.Er beschloss, diese Briefe an den Notar zu geben. Der kümmerte sich sowieso um alles, was mit dem Geld seiner Eltern zu tun hatte. Engelbert hatte ihm auch die Bewilligung erteilt, alle Immobilien im Ausland zu verkaufen. Den Ertrag aus diesen Verkäufen sollte Herr Krambein verwalten. Vom Vermögen seiner Eltern sollte Engelbert bis zum Erreichen seines 25. Lebensjahres monatlich 3.000 Mark erhalten. Danach würde ihm das ganze Vermögen überwiesen werden.Von den 3.000 Mark ließ sich vorzüglich leben.Aber zurück zu den Beileidsbekundungen. Unangenehmer als die Briefe waren für Engelbert die Telefonate. Von den 68 eingegangenen Anrufen konnte er nur zwei ihm bekannte Personen zuordnen. Diese beiden waren Onkel Josef aus Bayern und Hermann, ein ehemaliger Kommilitone seines Vaters, den er als sehr nett in Erinnerung hatte. Hermann kam, als Engelbert noch ein Kind war, häufiger vorbei, um mit seinem Vater und einem anderen Freund, dessen Name Engelbert nicht mehr einfiel, Skat zu spielen.
Engelbert hatte von Hermann immer kleine Geschenke erhalten. Meistens kleine Tüftelspiele, in die er sich dann stundenlang vertiefen konnte.Das Telefonat mit Hermann war der angenehmste Kontakt von allen 317 Beileidsbekundungen.„Hallo?"„Hier ist Hermann Wilder."„Jaaaa???"„Mit wem spreche ich?"„Mit Engelbert Melchau."„Gott sei Dank, ich dachte schon, ich hätte mich verwählt. Eure Nummer habe ich ja lange nicht mehr gebraucht."Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Engelbert, wie bei allen anderen Telefonaten zuvor, keine Ahnung, wer da in der Leitung war.„Und warum brauchen Sie unsere Nummer jetzt?"Schweigen auf der anderen Seite.„Ähm, also ich dachte, nachdem ich hörte, dass deine Eltern verunglückt sind, muss ich dich anrufen und dir sagen, wie leid mir das alles tut. Du bist mir damals, als ich immer zum Kartenspielen bei euch war, richtig ans Herz gewachsen, weil du mich an mich selbst erinnert hast. Und ich hatte damals das Gefühl, dass du mich auch mochtest."Ehe Hermann weiterredete, kam Engelbert die Erinnerung zurück. „Hermann, der Kartenspieler, der mir immer kleine Rätselspiele mitbrachte. Die habe ich übrigens immer noch."„Nein, ist nicht wahr, oder?"„Doch, das ist wahr. Wenn du noch mal vorbeikommst, zeige ich sie dir gerne."„Aber du spielst doch heute hoffentlich nicht mehr damit? In deinem Alter hat man doch anderes zu tun. Man arbeitet oder studiert, man ist mit Freunden oder Freundinnen unterwegs; man genießt das Leben."Engelbert schwieg nach diesen Sätzen erst mal, weil er über sie nachdenken musste.
„Ich studiere ja auch."„Aha! Und was? Wenn ich aufgrund meines Wissens über dich aus der Kindheit raten würde, käme ich auf Mathematik, Germanistik oder Jura. Jetzt bin ich gespannt, was es tatsächlich geworden ist."Hermann war Engelbert nun etwas unheimlich geworden. Woher konnte der wissen, was er heute macht? War seine Neigung als Kind schon so ausgeprägt gewesen? Dies war ihm überhaupt nicht mehr bewusst.„Ich studiere Jura."
