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Thommy Meiser muss sein Leben umstellen, denn nun leben seine Söhne Tim und Basti fest bei ihm. Ihre Mutter ist mit ihrem neuen Partner für eine längere Zeit nach Schanghai gezogen, die Jungs sollen bei ihrem Vater in Leverkusen und damit in ihrem gewohnten Umfeld bleiben. Das geht jetzt schon seit ein paar Wochen ganz gut, aber die Jungs haben noch längst nicht alles ausgepackt, was ihren Vater herausfordern wird. Ob er nun Tim zu einem Konzert begleiten muss und dabei fast einen Hörschaden erleidet; mit den Jungs und seiner Freundin Ilka nach Mallorca fliegt und dort die Zimmerverwüstungsversuche seiner Sprösslinge im Hotel aushält oder ob er nächtliche Anrufe seiner Thronfolger aus Schanghai, als die beiden Jungs bei ihrer Mutter zu Besuch sind, verwünscht, oder ob er versucht, eine sehr merkwürdige Lehrerin beim Elternsprechtag auch nur halbwegs zu verstehen: Thommy Meiser lernt seine Söhne (und sich) neu kennen. Als ob Tim und Basti ihren Vater nicht schon genug fordern würden, kommt auch seine Freundin Ilka auf manch sonderliche Idee. Findet zumindest Thommy. So stand Tango Argentino nicht wirklich auf seiner Wunschliste. Aber auf Ilkas. Und was tut man als Mann nicht alles, um die Holde für sich zu begeistern. Sogar tanzen. In diesem ersten Jahr des Männerhaushalts - Ilka lebt (noch) nicht mit Thommy zusammen, dafür sind die beiden noch nicht allzu lange ein Paar - geht´s oft drunter und drüber; Thommy tappt häufiger in Fettnäpfe, versteht die pubertäre Welt seiner Söhne längst nicht immer. Ihre Sprache auch nicht. Aber er lernt. Täglich.
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Seitenzahl: 451
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Michael Zeihen
Käsemauken
Buch
Die „Männer-WG“ ist gestartet. Thomas „Thommy“ Meiser und seine beiden pubertierenden Söhne Tim und Bastian leben nun zusammen, da ihre Mutter - seine von ihm geschiedene Ex-Frau Sabine – sich mit ihrem neuen Lebenspartner nach Asien verabschiedet hat. Der bisherige Alleinlebende Thommy muss sich gewaltig umstellen, um das Miteinander mit seinen Söhnen halbwegs über die Bühne zu bekommen. Es ist eben schon ein Unterschied, ob die Jungs alle zwei Wochenenden oder zwischendurch mal da sind oder, wie jetzt, jeden Tag zu Hause sind. Elternsprechtage, Liebeskummer, sportlichen Pleiten, Party-Nächte, Entwicklungssprünge, Konzertbesuche, Besuch bei der Mutter in Schanghai – darum muss sich Thommy nun allein kümmern. Meistens klappt das gut. Meistens …
Und dann ist da ja noch seine Freundin Ilka, die ihn für merkwürdige Ideen einspannt: Tangostunden ...
Autor
Michael Zeihen, 1965 in Leverkusen geboren. Industriekaufmann, Sozialpädagoge, Speeddating-Organisator a.D., Sportjournalist, Vater von zwei mehr oder weniger pubertierenden Söhnen.
„Käsemauken“ ist nach „Wir müssen reden – Sofort!“, „Am Aschermittwoch ist (nicht) alles vorbei“ und „Der Korrektor“ sein vierter Roman.
Michael Zeihen
Käsemauken
Roman
Als ich vierzehn war, war mein Vater so unwissend. Ich konnte den alten Mann kaum in meiner Nähe ertragen. Aber mit einundzwanzig war ich verblüfft, wie viel er in sieben Jahren dazugelernt hatte.
(Mark Twain)
Impressum
Texte: © Copyright by Michael ZeihenUmschlaggestaltung: © Copyright by Marion Stein-Harder
Verlag: M. Zeihen 51379 Leverkusen [email protected]
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Käsemauken
Morgenstund ist ungesund
Tango Opladino
Bass, gib mir Bass!
Dicke Taube
16
Treppen-Ramazotti
Psssst!
Elternsprechtag
Herzschmerz
Urlaubsplanung
Hola Malle
Flipper
Disneyland und Hühnerfüße
Auswärtsspiel
Oh du Fröhliche
Morgenstund ist ungesund
Aus dem Bad ertönen laute, dumpfe Bässe. Ich habe das Gefühl, dass Möbel im Badezimmer im Rhythmus der Musik hin und her wackeln. Denn die Geräusche, die neben der Musik aus dem aktuellen Aufenthaltsort von Tim kommen, klingen tatsächlich wie hin und her gerückte Möbel. Aber: wie gesagt, halbwegs im Gleichklang mit der Musik. Dass wir mal gerade sechs Uhr haben und außer uns wohl der Rest des Hauses noch schläft, trägt nicht gerade zu meiner Entspannung bei.
Ich klopfe fest an die Badezimmertür. Keine Reaktion. Das müsste mein partiell-pubertärtauber 15-jähriger Sohn eigentlich hören. Zumal er auch noch nicht unter der Dusche steht, denn das typische Geräusch der laufenden Brause lässt noch auf sich warten. Dafür verstummt immerhin der Möbelrück-Sound.
„Tiihimmm? Was machst du eigentlich?“
Schweigen. Dann kommt eine Antwort: „Was soll ich im Bad wohl machen?“
„Na, nach der typischen Nutzung eines Badezimmers klingt das, was du da drin gerade treibst, überhaupt nicht. Kein Wasser aus dem Hahn des Waschbeckens, kein Wasser aus der Dusche, selbst das Abziehen des Klos ist nicht zu hören.“
Wieder Schweigen auf der anderen Seite der Tür. Dieses Mal länger. Dann ertönt ein Poltern. Als Nächstes kommt ein lautes „Fuck!!“
Ich klopfe erneut.
„Mach bitte mal auf!“
„Ich kann gerade nicht“, lautet Tims Antwort. Und es rumpelt noch mal.
„Wie, du kannst gerade nicht? Was machst du denn, dass du nicht kannst?“
„Das erkläre ich dir nachher. Du wirst das sowieso nicht verstehen, Papa.“
Aha. 15-jähriger Sohn erklärt 45-jährigen Vater für begriffsstutzig. Oder sich selbst für so verpeilt, dass das, was da gerade im Bad abläuft, den Horizont seines Vaters übersteigt.
Wieder rumpelt es im Bad. Und Tim stöhnt. Meine Güte, was passiert hinter dieser Tür?
Ich versuche, durchs Schlüsselloch zu spionieren. Doch irgendetwas hängt auf der anderen Seite vor dem Loch. Ich sehe nichts.
Und schon wieder stöhnt Tim. Wenn ich nicht wüsste, dass er allein im Bad ist, würde ich sagen, dass er da drin eine Nummer schiebt. Aber mit 15? Und allein? Und das mit Rumpelgeräuschen? Zu abwegig.
Plötzlich dreht sich der Schlüssel im Türschloss, die Tür öffnet sich. Mein Sohn erscheint mit hochrotem Gesicht.
„Kannst du mir mal sagen, was du im Bad getrieben hast? Hast du umgeräumt? Oder neue Möbel aufgebaut?“
Tim grinst und schüttelt den Kopf.
„Total daneben, Papa. Ich habe Krafttraining gemacht.“
Wenn ich jemals total verblüfft geschaut haben muss, dann sicher
jetzt.
„Hä? Krafttraining? Haben wir da einen getarnten Kraftraum, von dem ich nichts weiß?“
Vorsichtshalber inspiziere ich das Bad, sehe aber nichts, was auch nur im Entferntesten auf eine Muckibude schließen lässt.
„Jung, bevor ich hier vor lauter Unwissenheit kollabiere: Erkläre mir doch bitte mal, wie du hier Krafttraining gemacht haben willst!“
Tim zuckt mit den Schultern und meint lapidar: „Okay, dann schau mal zu.“
Er geht zurück ins Bad, umfasst den schmalen, aber hohen Standschrank und stemmt ihn noch. Dann geht er von einem Ende des Raums zum anderen und wieder zurück. Das ganze drei Mal. Dann stellt er den Schrank wieder an alter Stelle ab. Es rumpelt.
Aha, daher also das Geräusch.
„Wie kommt man auf so eine schwachsinnige Idee?“
Tim schaut mich lässig an, zückt sein Smartphone, tippt irgendwas an, starrt ein paar Sekunden auf das Display und reicht mir seine Allzweckwaffe.
„Hier! Macht man gerade. Krafttraining zu Hause mit Möbeln.“
Ich glotze wohl weiterhin wie jemand, der gerade die Landung von Außerirdischen beobachtet hat.
Auf dem Display spielen sich skurrile Szenen ab. Da hebt ein eigentlich schmächtiger junger Kerl einen Sessel durch die Gegend, auf dem ein kleines Mädchen sitzt. Ein sehr kleines Mädchen, das sich ängstlich im Stoff des Sessels festkrallt. Jetzt gerät der Junge ins Stolpern und das Mädchen schmiert ab. Glücklicherweise fällt die Kleine von oben auf die Sitzfläche einer Couch, hüpft von dort aus, wie auf einem Trampolin, wieder nach oben und landet nach einem sicher unbeabsichtigten Salto auf ihrem Hintern. Plumps!
Im Video hört man nun den Lachanfall des Kameramanns, kurz darauf ein lautes Poltern. Ein Schwenk mit der Kamera, beziehungsweise wohl mit dem Handy, und ich sehe den Sessel hochkant im Zimmer liegen. Davor liegt der schmächtige junge Mann und lacht sich ebenfalls einen Ast. Die Sprache, in der sich Kameramann und Möchtegern-Muskelmann unterhalten, ist mir nicht bekannt, klingt aber irgendwie osteuropäisch.
„Und so einen Scheiß nimmst du dir als Vorbild? Das ist doch gemeingefährlich“, äußere ich mein Unverständnis.
Tim bleibt aber gelassen.
„Hey Papa, chill mal. Das war jetzt ein schlechtes Beispiel, aber das läuft am besten im Netz.“
„Warum machst du das nicht mit Liegestützen oder Hanteln? Wenn du Krafttraining machen willst, sag mir Bescheid. Hanteln kann ich dir besorgen oder vielleicht auch ein kleines Multi-Kraft-Gerät. Aber Möbel schleppen? Du verhebst dich doch schnell. Das ist alles nicht abgestimmt auf menschliche Körper, erst recht nicht auf deinen noch jugendlichen Körper. Du machst dir, wenn du Pech hast, mehr kaputt als sonst was“, versuche ich, meinem Sprössling die potenziell negativen Folgen zu erklären.
Der aber schüttelt seinen Kopf.
„Lass mal, Papa. Das machen zurzeit alle bei uns.“
„Tim, ich möchte nicht, dass du so einen Scheiß weitermachst. Ab
sofort ist das hier verboten. Ist das klar?“
Die Miene meines Sohnes verfinstert sich.
„Was soll das denn? Es passiert doch nichts.“
Keine Diskussionen zu diesem Thema.
„Es schadet dir nur. Wenn du kräftiger werden willst, können wir gerne über vernünftige Methoden sprechen. Aber nicht so einen Schwachsinn.“
Sohnemann wendet sich beleidigt ab und verschwindet in seinem Zimmer.
Keine fünf Sekunden später wird die Tür seines Zimmers wieder aufgerissen und Tim stürmt auf mich zu.
„Du hast noch mein Handy!“
Upps, habe ich total vergessen. Klar, ich hab´s ja immer noch in der Hand. Ich gebe ihm sein Heiligtum zurück, sofort beamt er sich in seine Höhle zurück.
„Junger Mann, ich glaube, du musst noch duschen. In 20 Minuten gibt’s Frühstück. Bis dahin bist du fertig!“
Obwohl ich nicht leise bin, habe ich meine Zweifel, dass Tim meine Worte gehört hat. Also dackele ich hinterher. Ich klopfe kurz an seine Zimmertür. Drei Sekunden später, als keine Antwort in Form von „Waaaaas?“ oder „Komm rein!“ ertönt ist, öffne ich die Tür und betrete sein Zimmer. Beziehungsweise: Ich würde es gerne betreten. Geht aber nicht, da Tim gerade scheinbar den Verkauf all seiner Klamotten anstrebt.
Danach sieht´s zumindest aus, denn auf dem ganzen Boden sind Haufen von Kleidungsstücken verteilt. Direkt vor der Tür liegt ein Berg von Hosen. Natürlich nicht gefaltet und aufeinandergestapelt.
Vielmehr ist es ein auf den ersten Blick ineinander verknoteter Klumpen von Jeans. Mitunter auf links gedreht, die Hosenbeine längst nicht immer runter gekrempelt.
Dahinter das gleiche mit Sweatshirts, T-Shirts, Jacken und Sneakern.
„Brauchst du einen Müllsack, Großer? Willst du deine Klamotten spenden?“
„Hä?“
Immerhin hat er mich gehört. Auch wenn das, was ich ihm gesagt habe, inhaltlich irgendwie nicht zu ihm durchgedrungen ist. Während er auf dem Bettrand sitzt, ist sein Blick weiterhin aufs Smartphone gerichtet. Das Gespräch mit mir ist Nebensache.
„Wie wäre es mit Aufräumen?“
Mein nächster Versuch, ihn auf das Bodenchaos hinzuweisen. Wahrscheinlich hat er die Pyramide wirklich noch nicht wahrgenommen.
„Aufräumen? Was denn?“
Sein Blick ruht nun irritiert auf mir. Ich weise mit einer ausholenden Handbewegung auf den Boden.
„Äh, das hier?“
„Aaaah, das meinst du. Sag das doch direkt.“
Jetzt bin ich ein wenig ratlos.
Nun gut. 15 Jahre, da geht, pubertär bedingt, einiges im Hirn verloren. Oder es wird neu strukturiert. Gut, dass Basti noch nicht so weit ist, aber auch bei ihm sind schon die ersten Anzeichen der großen Verwirrung zu erahnen.
„Jetzt mal Butter bei de Fische, Junior. Schnappe dir deine Sachen
und räume sie in den Kleiderschrank. In 10 Minuten bist du durch damit. Dann geht’s ab zum Frühstück. Oder hast du heute wieder später Schule, weil mal wieder was bei euch ausfällt?“
Tim hackt wieder etwas in sein Phone.
„Bevor du wieder fragst, was ich schreibe: Ich checke gerade in unserer WhatsApp-Gruppe, ob irgendeine Stunde entfällt.“
Junior kommt tatsächlich meiner nächsten Frage zuvor. Als sein Gesicht freudig aufleuchtet, weiß ich, dass wohl tatsächlich wieder Stunden bei ihm nicht stattfinden werden.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass zu meiner Schulzeit der Unterrichtsausfall solche Dimensionen hatte. Natürlich gab es auch Lehrer, die mal krank wurden. Die wurden dann aber meistens vertreten. Vor allem, wenn ihre Stunden mitten im Vormittag lagen. Erste oder letzte Stunden wurden eher schon mal nicht vertreten, sodass man erst später zur Schule kam oder früher nach Hause gehen konnte. Das waren aber Ausnahmen. Bei Tim vergeht keine Woche, in der es nicht mindestens einmal zu einem Unterrichtsausfall kommt. Und das scheint sich durch alle Jahrgangsstufen zu ziehen.
Ich frage mich, wie die Schüler da, ohne gewaltig zu Hause nachpauken zu müssen, den Lehrstoff lernen und irgendwann, wenn´s so weit reicht, ihr Abi ablegen sollen.
Aber die Themen Unterrichtsausfall und Lehrermangel sind ja nicht neu und werden regelmäßig durch die Medien gejagt. Ähnlich, wie der marode Zustand etlicher Schulen, die vor vielen Jahren erbaut wurden. Auch da könnte ich mich wieder aufregen. Will ich aber nicht. Oder zumindest nur ein bisschen: Aber mich
nervt es besonders, wenn ich lese, dass mal wieder eine Sporthalle geschlossen werden muss, weil zu große bauliche Mängel aufgetreten sind. Bis diese dann behoben sind, vergehen in der Regel viele Wochen, wenn nicht sogar Monate oder Jahre. Die Folge: Der eh schon geringe Anteil an Bewegung in der Schule wird noch weiter reduziert oder fällt ganz aus. Dass die alles andere als förderlich für eine gesunde Entwicklung der Schüler ist, steht für mich außer Frage.
Gut, dass meine Jungs wenigstens außerhalb der Schule Sport betreiben und nicht nur noch vor ihrem Smartphone abhängen, wie es bei etlichen ihrer Altersgenossen der Fall ist.
Aber ich frage mich jetzt schon häufiger, ob sie das auch beibehalten werden, wenn neben der Einflussnahme der Pubertät auch noch Mädels interessant werden.
Wir werden sehen. Erst mal zurück zu Tim. Sein zufriedenes Grinsen wird jetzt aufgrund der diversen Fragezeichen in meinem Gesicht verbal von ihm unterfüttert: „Wir haben erst zur dritten Stunde heute. Das heißt, ich kann noch lange im Bett bleiben.“
Kaum ist das letzte Wort ausgesprochen, lässt er sich einfach nach hinten fallen, rollt sich einmal kurz zur Seite, packt sein Plumeau und wickelt sich darin ein. Das Alles mit einer Hand, denn in der anderen hält er natürlich sein Phone. Zwischenzeitlich vermute ich immer wieder mal, dass die Teenies heute eine haftende Symbiose mit den Mobilteilen eingehen, da sie förmlich an ihren Händen kleben.
„Junior, so läuft das heute nicht. Bevor du wieder wegdöst, räumst du die Klamottenhaufen weg und kommst dann zum
Frühstück. Das Gleiche gilt auch für Basti, den ich jetzt wecke. Würde mich nicht wundern, wenn bei ihm auch wieder etwas ausfällt.“
Tim starrt mich ausdruckslos an. Hat er mich jetzt gehört oder hat er mich mal wieder nicht gehört? Schlau werde ich aus seiner Miene nicht.
„Boah, Papa, das ist echt mies!“
Aha, er hat meine Worte also vernommen und sie sogar verarbeitet.
„Wieso ist das mies?“
„Hast du schon mal auf die Uhr geschaut? Es ist quasi noch mitten in der Nacht und du zwingst mich zum Aufräumen. Das verstößt bestimmt gegen den Jugendschutz.“
„Du bist echt ein Knaller, Tim. Erst randalierst du im Bad rum, was für dich angesichts der frühen Uhrzeit überhaupt kein Problem war. Dann bitte ich dich darum, deine Bude aufzuräumen, und plötzlich ist es zu früh? Vergiss es! Also: raus aus oder Kiste und die Klamotten rein in den Schrank. In fünf Minuten sehen wir uns beim Frühstück. Und lüfte mal das Zimmer; hier riecht´s ja wie in der Champignon-Zucht in Rheindorf, an der wir immer vorbeifahren, wenn ich dich mal zur Schule bringe.“
„Papa! Das ist diskreminierend!“
„Diskriminierend.“
„Hab ich doch gesagt.“
„Hast du nicht. Und jetzt Ende der Diskussion! Auf mit dir!“
„Und Basti?“
„Der muss jetzt auch raus. Aber er dürfte sowieso schon wach sein durch den Krach, den zuerst du und danach wir hier veranstaltet haben.“
Maulend erhebt sich mein Ältester in Zeitlupe aus dem Bett. In diesem Tempo wird er auch in 60 Jahren aus seinem sicher dann schwebenden Bett aufstehen. Gaaaanz langsam.
Grinsend verlasse ich sein Zimmer und gehe eine Tür weiter. Bevor ich sie öffne, lausche ich erst mal. Aber es ist nichts zu hören. Sollte der „Kleine“ etwa tatsächlich trotz des Lärms noch schlafen?
Ich klopfe leise an. Keine Reaktion. Als ich langsam die Tür öffne und erst mal meinen Kopf ins Zimmer halte, sehe ich auf seinem Bett nichts. Beziehungsweise: Ich sehe einen menschlichen Körper unter dem Plumeau. Dieser Körper liegt quer im Bett. So quer, dass seine Füße mitsamt Unterschenkel aus dem Bett hängen. Immerhin befindet sich sein Kopf noch IM Bett. Basti war als Baby und danach als Kleinstkind schon immer ein rotierender Schläfer. Das hat Sabine – meiner Ex-Frau – und mir, wenn wir alle drei zusammen im Bett geschlafen haben, etliche Tritte eingebracht. Süß war´s aber trotzdem.
Das Rotieren im Schlaf beherrscht er auch heute noch. Mitunter wacht er morgens auf und hat sich um 180 Grad gedreht. Seine Füße liegen, wie damals bei Pippi Langstrumpf auf oder neben dem Kopfkissen, der Kopf dagegen am Fußteil.
Ich betätige den Lichtschalter. Weiter keine Reaktion. Leise gehe ich zum Bett und fange an, das Plumeau von seinen Füßen an, wegzuziehen. Zuerst taucht sein Kopf auf, dann der Oberkörper. Wach wird er trotzdem nicht. Erst als die Bettdecke seine Unterschenkel verlässt, wird Basti unruhig. Instinktiv greift er mit seinen Händen nach unten und will die ihn schützende Decke festhalten. Doch ich bin schneller und ziehe das Plumeau mit einem Ruck ganz weg.
Jetzt macht mein Sprössling erstmals die Augen auf. Blinzelnd schaut er in meine Richtung, hält sich eine Hand über die Augen, um vom Licht der Deckenlampe nicht geblendet zu werden.
„Haben wir schon wieder Morgen?“, flüstert er mehr, als dass er spricht.
„So ist es. Auch wenn´s mir leidtut, aber es ist 6.20 Uhr. Du musst langsam aufstehen und dich zur Schule fertigmachen.“
„Ist Tim schon wach und im Bad?“
„Ja, er ist wach, aber er muss erst zur dritten Stunde in der Schule sein. Wenn er fertig ist mit Aufräumen, kommt er zum Frühstück in die Küche.“
„Jetzt schon Aufräumen? Du bist ganz schön gemein, Papa,“ stellt Basti fest. Und grinst dabei. Wenn sein Bruder aufräumen muss, ist der „Kleine“ immer zufrieden. Ganz anders sieht es natürlich aus, wenn er selbst mal seine Bude in Ordnung bringen muss. Dann wiederum ist Tim in bester Laune. Brüderverhalten …
Als ich mich in Bastis Zimmer umschaue, muss ich feststellen, dass es deutlich aufgeräumter als in Tims Hütte aussieht. Der Kleine war schon immer ordentlicher als sein großer Bruder. Jedoch hat Basti mittlerweile auch immer mehr mit pubertären Anwandlungen zu kämpfen. Eine davon ist die nachlassende Ordnung. Noch sieht es bei ihm nicht so aus wie in der Wühltisch-Area seines großen Bruders. Aber das ist, so befürchte ich, nur eine Frage der Zeit.
„Ich würde an deiner Stelle gar nicht so zufrieden grinsen, mein Lieber. Wenn du hier so weitermachst, bist du spätestens in zwei Tagen auch wieder dran.“
Basti reckt sich im Bett, immer noch liegend.
„Ach Papa, bei mir wird es nie so chaotisch wie bei Tim aussehen. Ich räume morgen ein bisschen auf, dann sieht es hier wieder wie neu aus“, verspricht der Jüngere. Wenn ich das mal glauben kann.
Zehn Minuten später, während ich schon in der Küche das Frühstück zubereite, schlurft Basti ins Bad. Seine Füße müssen aus Blei sein, anders kann ich mir nicht erklären, dass er seine Mauken nicht einen Zentimeter angehoben bekommt.
Dafür kann er aber die Badezimmertür zuknallen. Natürlich ohne die Türklinke zu benutzen. Ich überlege sowieso schon, alle Klinken abzumontieren, da meine beiden Herrschaften sie grundsätzlich nicht brauchen. Könnte nur schwierig werden, eine geschlossene Tür ohne Klinke zu öffnen. Darüber muss ich noch
nachdenken.
Ebenso scheint es bei beiden eine Aversion gegen geschlossene Klodeckel zu geben. Oder die Klodeckel werden, sobald sie einmal hochgeklappt sind, unsichtbar. Auf jeden Fall sind sie IMMER oben, wenn einer der Jungs auf dem Pott war. Ich wette, das wird gleich auch wieder der Fall sein. Um mir nicht selbst den Ruf zu geben, nicht durchgreifen zu können, stelle ich mich vor die Tür des Bades und gebe lautstark eine Anweisung durch das Holz: „Wenn du gleich auf dem Pott sitzt, klapp danach den Klodeckel wieder runter! Ist das klar?“
„Maaan, Papa! Kann ich noch nicht mal in Ruhe auf dem Klo sitzen? Natürlich mache ich den Deckel runter. Das mache ich doch immer.“
Verwirrt starrte ich die Badezimmertür an. Hat das gerade echt mein Sohn gesagt? Falls ja: Glaubt er das wirklich? Und: Ich wette, dass der Deckel gleich trotz meiner Aufforderung wieder oben ist.
20 Minuten später, nachdem Basti die Saunalandschaft verlassen hat und sich der Nebel im Bad verzogen hat, muss ich überprüfen, ob mein Erziehungsversuch gefruchtet hat. Hat er natürlich nicht. Also klappe ich den Deckel runter. Fluchend latsche ich zurück in die Küche.
Bevor Basti in der Küche erscheint, rieche ich ihn schon. Er hat wieder gefühlt eine halbe Deo-Sprühdose verwendet, um später „gut riechend“ in der Schule aufzulaufen. Ich weiß nicht, wie das die Lehrkräfte aushalten, wenn da mindestens 20 überdosierte Deo-Opfer in einer Klasse sitzen. Den Schülern scheint es nichts auszumachen, ich habe bei Basti mal nachgefragt.
„Ich rieche da nie etwas“, hatte er auf meine Frage geantwortet. Vielleicht werden Jungen in der Pubertät nicht nur partiell taub, sondern phasenweise auch geruchsblind.
Beim Frühstück kommt langsam Leben in meinen Sprössling. Erst
mal mokiert er sich über meinen Sender WDR 4, den ich im Küchenradio eingestellt habe.
„Papa, das ist Musik für Zombies“, lautet sein fachmännisches Urteil, nachdem mal wieder Achim Reichel mit seinem merkwürdigen Seemannslied gespielt wird. Da muss ich ihm fast zustimmen.
„Da musst du jetzt durch. Aber keine Sorge, gleich startest du eh Richtung Schule, dann ist die Qual hier für dich vorbei. Ich lege mich dann auch noch mal hin.“
Wie immer beim Frühstück muss ich aufpassen, dass die Jungs sich nicht ein Kilo Schokocreme aufs Brot oder aufs Brötchen hauen. In diesem Fall muss ich ja nur auf Basti achten. Er ist heute mal folgsam und kommt ohne zu Murren meiner Anweisung, nur eine Hälfte des Brots zu beschmieren, nach. Und das mit einer Schicht unter einem Zentimeter. Geht doch!
Dafür gibt’s mehr Protest bei meiner Aufforderung zum Zähneputzen.
„Es ist zu spät. Wenn ich jetzt noch putze, komme ich nicht mehr pünktlich zur ersten Stunde“, mault der Junior.
Er glaubt scheinbar immer noch, dass ich nicht weiß, wann die erste Stunde beginnt. Bis dahin sind es noch 25 Minuten. Und sein Schulweg zu Fuß beträgt gerade mal fünf Minuten.
„Wenn du weiter motzt, kannst du dir gleich fünf Minuten die Zähne putzen. Also hau rein.“
Basti verschwindet im Bad. Natürlich mit seinem Handy, das kurz darauf lautstark Musik von sich gibt.
Heute lässt er sich Zeit. Ich schaue auf die Uhr, lasse ihn aber gewähren. Schließlich kommt er zu spät, wenn er trödelt, nicht ich.
Da ich heute frei habe, kann ich, ähnlich wie Tim, noch gammeln. Nachher kommt Ilka vorbei, die ich vor ein paar Monaten kennengelernt habe und die rekordverdächtig schnell meine Partnerin wurde. Und es heute immer noch ist. Gestern Abend haben wir telefoniert. Sie meinte dabei, dass sie heute eine Überraschung für mich hätte. Meine Fantasie ging direkt mit mir durch und ich hatte sofort recht freizügige Bilder in meinem Kopf. Ilka ist sehr offen, sehr direkt und findet mich, für mich erstaunlich, attraktiv. Verstehe ich zwar nicht wirklich, aber es stört mich auch nicht.
Als Basti aus dem Bad kommt, zieht mit ihm eine neue Wolke aus dem Zimmer. Eine Duftwolke. Keine Ahnung, welches Deo er jetzt benutzt hat, aber der Geruch vermischt sich mit dem, den er vor dem Frühstück verbreitet hatte.
Theatralisch fasse ich mir an die Kehle und simuliere einen Erstickungsanfall. Scheinbar so schlecht, dass mich mein Sprössling komplett ignoriert.
„Hiiilfe, ich kriege keine Luft mehr“, ächze ich.
Zieht auch nicht. Also muss ich noch einen drauf setzen. Ich torkele hinter ihm her, als er in sein Zimmer latscht. Als ich vor seinem Bett zusammenbreche, registriert er mich endlich.
„Alles klar, Papa?“
Von Sorge in seiner Stimme keine Spur. Stattdessen Belustigung. Gut, dass ich nie Schauspieler werden wollte.
Ich rappele mich desillusioniert vom Boden hoch, ziehe Junior zur Strafe kurz an seinen Ohren und flüchte aus dem Zimmer.
„Papa, das tat weh“, klagt er lautstark. Dabei habe ich seine Löffel kaum berührt.
„Ja ja, ist gut. Zieh dich an und dann ab in die Schule. Ich weiß, dass du keinen Bock hast. Erst recht nicht, wenn Tim und ich noch liegenbleiben können. Hilft aber alles nichts. Und vergiss nicht deine Brote und dein Wasser.“
Fünf Minuten später ist Basti aus der Tür. Natürlich ohne Brote und ohne Wasser. Manchmal ist eine Menge Luft in den Köpfen pubertierender Jungen.
Um die Luft in der Wohnung etwas von den Deoschwaden zu befreien, lüfte ich einmal quer. Tims Bude lasse ich unberührt, da herrscht sowieso ein subtropisches Klima. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass man in seinem Teppich Kleinstlebewesen findet, die man sonst nur im brasilianischen Amazonas-Regenwald antrifft.
Als mich Müdigkeit überkommt – es ist ja immerhin quasi mitten in der Nacht -, haue ich mich wieder in mein Bett. Die Fenster in der Küche, im Bad und in Bastis Zimmer lasse ich auf. Frischluft schadet nicht.
Tango Opladino
Eine Stunde später wache ich wieder auf. Nicht freiwillig. Tim steht grinsend vor mir, sein Handy ist selbstverständlich in seiner Hand. Und es ist auf mich gerichtet. Er wird doch wohl nicht?
Sein fieses Grinsen ist Antwort genug. Seine Worte noch viel mehr: „Papa, hat dir eigentlich schon jemand mal gesagt, wie strange du aussiehst, wenn du auf dem Rücken liegend schläfst?“
„Natürlich nicht, Sohn! Dein Vater bietet auch in dieser zugegebenermaßen unglücklichen Position einen erhabenen Anblick.“
„Das meinst du doch nicht ernst.“
„Klar, meine ich das ernst.“
„Dann schau dir mal das Foto an. Habe ich gerade schon Basti geschickt.“
Er hält mir sein Phone vor die Augen. DAS soll ich sein? Nie und nimmer!
Na gut, der Typ hat meine Klamotten an. Und er liegt in meinem Bett. Hmm!
Als ich versuche, mit einer schnellen Bewegung das Handy aus Tims Hand zu reißen, lacht sich mein Filius schlapp und zieht seine Hand lässig zur Seite. Mich befördert der ins Leere laufende Schwung in eine schmerzhafte Stellung. Ich müsste meine Hüfte mal coachen und ihr einen Beweglichkeitsworkshop verpassen.
In Zeitlupe richte ich mich auf. Extrem-Zeitlupe.
„Wehe, du schickst das Foto oder eventuell gefilmte Videos an Freunde raus, das gibt gewaltigen Ärger, Junior. Das verspreche ich dir.“
Ich versuche, möglichst ernst aus der Wäsche zu schauen. Immerhin ist es mir auch ernst mit meinen Worten. Wer hätte schon Bock, virtuell plötzlich der Superdepp zu sein – ich jedenfalls nicht.
Da meine Sprösslinge im Umgang mit Fotos, wie viele andere Jugendliche auch, eher unbedarft sind, ist die Gefahr, dass Tim oder Basti das Foto weiterleiten, durchaus vorhanden.
Tim hebt seine Hand zum Schwur. In der klemmt natürlich sein Smartphone.
„Großer Häuptling, ich schwöre, dass ich heute kein Foto von dir mehr rausschicken werde.“
„Der große Häuptling wird dich fürchterlich foltern und dir für einige Tage dein technisches Spielzeug entziehen, sollte ich auch nur ein Foto von mir irgendwo anders finden als auf meinem, deinem oder Bastis Handy. Haben wir uns verstanden?“
Jetzt merkt Tim langsam, dass es mir wirklich ernst ist. Seine Miene ist längst nicht mehr fröhlich-spöttisch.
„Außerdem reicht mir dein Schwur zeitlich nicht. Es geht nicht nur um heute. Das Verbot gilt für alle Zeiten. Zumindest für die Zeiten, in denen ich noch zurechnungsfähig bin. Klar?“
Tim nickt.
„So, und jetzt mach dich auch vom Acker. Ich weiß ja, dass du heute wieder deine Lieblingslehrerin hast und ihre Stunde am liebsten überspringen würdest. Aber da musst du durch“, versuche ich, meinen Sohnemann zu motivieren. Betrachte ich sein Gesicht, muss ich mir eingestehen, dass mein Versuch kläglich scheitert.
Tim bewegt sich in Zeitlupe aus meinem Schlafzimmer. Ein paar Minuten später schaut er noch mal kurz rein, um sich zu verabschieden.
„Tschüss, Cheffe. Drück mir die Daumen, dass ich in Französisch bei Frau Bremer nicht wieder leiden muss.“
„Mache ich, Junior.“
Kurz darauf höre ich, wie die Wohnungstür zuknallt und mein Sohn die Treppen runter poltert.
Nach ein paar Minuten des Dösens springe ich unter die Dusche, gröle in der Wasserviertelstunde begeistert zwei im Radio laufende und von mir als mitsingenswert eingestufte Songs mit, um dann bestens gelaunt und frisch auf Ilka zu warten.
Da ich nicht weiß, wann sie kommt, mache ich es mir in der Küche bequem und surfe mit meinem Laptop noch ein wenig im Netz umher. Irgendwann, als ich vertieft eine interessante Geschichte lese, klingelt es Sturm. Ich schrecke auf meinen Küchensessel hoch. Das Hochschrecken bringt den Total-Absturz. Nicht des Laptops, sondern von mir.
Seit Wochen will ich die beiden losen Holzbeine des Sessels wieder festziehen. Es blieb aber beim Wollen. Das führt nun zum Bruch eines der beiden Beine, da ein Wackelbein wohl nicht darauf ausgelegt ist, sich plötzlich bewegende 100kg aufzufangen. Immerhin fängt mich der Küchenboden auf. Leider zuerst mit dem Steißbein.
„Aua!“, jammere ich laut. Zeit zum weiteren Leiden habe ich jedoch nicht, da das Klingeln nicht abreißt. Ich rappele mich auf und humpele zur Wohnungstür. Nachdem ich den Türöffner für die Hauseingangstür unten betätigt habe, höre ich, dass jemand die Treppe hoch trampelt.
Ich tippe auf einen der Kumpels von Tim, obwohl das von der Uhrzeit her nicht sein kann. Aber Tims Freunde bewegen sich im Treppenhaus immer so, als ob sie Blei an den Füßen hätten. Dieses Mal ist an den näher kommenden Schrittgeräuschen aber etwas anders: Es sind Absätze zu hören.
Kurz darauf taucht ein brauner Lockenkopf auf: Ilka. Mein Herz macht einen Sprung, der einem Kardiologen sicher Sorgen bereiten würde. Ich strahle wie ein Atomkraftwerk, nur gesünder. Als Ilka mich sieht, muss auch sie grinsen. Oder strahlen. Strahlen hört sich einfach schöner an.
Die letzten Stufen nimmt sie im Sprung und fällt mir in die Arme. Dabei tritt sie mir mit einem Absatz voll auf den linken, nur durch eine Socke geschützten Fuß.
Mein darauffolgender Schmerz-Jodler wäre bei 1Live in den O-Ton-Charts ganz oben gelandet, hier bekommt es glücklicherweise niemand mit. Fast niemand. Nur die Bäumerich-Sisters.
Denn nur maximal zwei Sekunden nach meiner Geräuschorgie – Ilkas entsetztes Gesicht hat sich noch nicht in seine Originalfassung zurückverwandelt –, geht eine Etage tiefer die Tür auf und eine Stimme ertönt: „Herr Meiser! Was ist denn da bei Ihnen schon wieder los?“
Mein Schmerzlevel ist immer noch so hoch, dass ich nicht antworten kann. Mit zusammengepressten Lippen kann selbst ein Bauchredner nicht sprechen. Ich stupse Ilka an. Die zuckt mit den Schultern und schaut mich fragend an. Ich deute mit einer Hand nach unten.
„Hallo Frau Bäumerich. Hier ist Frau Breuer, die Freundin von Herrn Meiser. Es ist alles in Ordnung. Herr Meiser hat sich nur den Fuß gestoßen und dabei laut gerufen.“
„Ja, warum ruft er denn, wenn er sich den Fuß wehtut?“, kommt prompt die Antwort einer der beiden Zwillingsschwestern, die eigentlich sehr nett aber eben auch sehr neugierig sind.
„Das war ein Schmerzruf, Frau Bäumerich!“
„Früher haben die Mannsbilder nicht sofort gejammert, wenn sie sich etwas weh getan haben. Da gab es noch echte Männer“, gibt´s von der alten Nachbarin ein paar nette Worte, gerichtet an mich.
„Und früher hatten die Frauen noch ihren angestammten Platz am Herd“, murmele ich so leise, dass nur Ilka mich hören kann.
Aber auch das reicht aus, um mich noch mal aufheulen zu lassen. Denn dieses Mal landet Ilkas Schuhspitze an meinem Schienbein.
„Von wegen: Platz am Herd. Sag das noch einmal und du wirst gleich ein komplettes Jodelkonzert geben, mein Lieber.“
„Das war doch nicht ernst gemeint. Du kennst mich doch“, stammele ich, während ich mein Schienbein reibe und gleichzeitig auf dem anderen Bein hüpfe.
„Ja eben, weil ich dich kenne. Wenn ich dich nicht bremse, haust du den nächsten Bolzen raus“, erklärt meine Freundin und gibt mir als zusätzliche Mahnung noch einen Klaps auf den Hinterkopf. „Ja, sag mal, spinnst du jetzt vollkommen? Erst trittst du mich, dann schlägst du. Was kommt gleich noch?“
„Das kommt darauf an, was von dir kommt“, antwortet Ilka gelassen. Ein Grinsen kann sie aber kaum noch unterdrücken. „Ach, Thommy. du reitest dich aber auch immer wieder in blöde Situationen rein. Immerhin ist heute nicht die Tür hinter dir zugefallen, und du trägst sogar Kleidung am Körper. Wenn ich mich da an deinen Hausflurausflug von vor ein paar Monaten erinnere, der dich in einen Teppich gewickelt bei deiner reizenden Nachbarin stranden ließ, dann ist das heute doch schon ein Fortschritt. Du bist nicht nackt, die Haustür ist nicht zugefallen, ich bin als Retterin für alle Fälle an deiner Seite, es kann also rein gar nichts passieren.“
„Ich höre hier unten jedes Wort, was Sie beide von sich geben“, erklingt plötzlich wieder die Stimme aus dem Untergeschoss. Verdammt: die Bäumerich. Ilka und ich haben komplett die alte Dame ein Stockwerk tiefer vergessen. Wir schauen uns an und kichern leise.
„Dann gehen wir wohl besser wieder in meine Wohnung, Frau Bäumerich,“ rufe ich nach unten.
„Schade, ich wollte gerade schon meine Schwester rufen, damit sie mithören kann. Durch Sie wird es nicht langweilig im Haus, Herr Meiser. Das gefällt uns. Auch wenn es mitunter ganz schön laut bei Ihnen ist. Vor allem, wenn Sie Frauenbesuch haben. Das sagt zumindest meine Schwester, weil ihr Zimmer unter Ihrem Schlafzimmer liegt. Ich bekomme da leider nicht viel mit“, führt die Nachbarin weiter aus.
„Das ist auch gut so, dass Sie nicht alles hören“, ruft nun Ilka nach unten. Als Antwort scheppert nun die Wohnungstür der Rentnerinnen-Zwillinge zu.
„Dies zum Thema Lautstärke“, kommentiere ich.
„Dann lass uns doch reingehen und etwas zur Unterhaltung der anderen Schwester beitragen“, säuselt Ilka in mein Ohr und fasst mir wenig damenhaft in meinen Schritt.
„Können wir gerne machen, aber erst mal muss ich noch mal kurz ins Bad.“
„So lange kann ich noch warten. Wahrscheinlich. Ansonsten kümmere ich mich schon mal ein wenig um mich selbst, wenn du noch verhindert bist“, erklärt Ilka und streckt mir die Zunge raus.
„Von wegen. Da schließe ich doch eher die Schlafzimmertür ab, bevor du Unanständigkeiten in meiner Schlafhöhle veranstaltest“, necke ich sie.
Als ich aus dem Bad komme, liegt Ilka bereits unter dem Plumeau. Ich kann ihre nackten Schultern sehen, weiß aber nicht, ob sie noch irgendwas anhat. Das werde ich ja gleich erfahren.
„Du warst heute echt schnell im Bad, so kenne ich dich gar nicht“, zieht Ilka mich auf.
„Wenn ich will, geht’s auch zügig. Und wenn deine Anwesenheit im Bett mich nicht beschleunigt; was soll denn sonst überhaupt noch bei mir wirken?“, frage ich rhetorisch, während ich mich auf der anderen Betthälfte niederlasse und langsam an sie heranrobbe. Ilka wendet sich mir zu und zieht ihre Bettdecke weg.
Wow!
Das nenne ich mal heiße Dessous. Ein winziger, schwarzer String und ein mit nicht viel mehr Stoff versehener BH zaubern mir nicht nur einen grenzdebilen Ausdruck ins Gesicht, sondern auch direkt Bewegung in meine Shorts, die ich unter der Jeans trage.
Die Shorts sind zugegeben nicht annähernd so heiß wie Ilkas Unterwäsche. Immerhin trage ich heute wenigstens keine Comic-Figuren aus meiner Kindheit auf meinen Shorts. Hatten wir auch schon und trägt immer wieder, wenn Ilka danach ist, in größerer Runde zu Gelächter bei.
In den nächsten 30 Minuten widme ich mich wirklich jedem Zentimeter des Körpers meiner Freundin. Beziehungsweise: Ihre erogenen Zonen streife ich nur oder streiche auf meiner Entdeckungstour ganz sanft und knapp an ihnen vorbei.
Das gefällt Ilka überhaupt nicht. Kann ich nachvollziehen. Es ist auch schändlich, wenn meine Zunge sich ihren Oberschenkel hinauf bewegt, sich Zentimeter um Zentimeter ihrer Muschi nähert, um dann gaaaaanz kurz vorher doch wieder abzubiegen. Ähnlich verläuft es bei ihren schönen Brüsten. Ihre Nippel sind bereits aufgerichtet, aber ich lasse meine Finger Millimeter über ihnen in der Luft schweben, puste dafür etwas länger mit kühlem Atem auf sie.
„Du bist echt fies, weißt du das? Mich so zu quälen. Ich vergehe hier jedes Mal, wenn deine Finger oder deine Zunge sich meiner Spalte oder meinen Nippeln nähern und dann verweigerst du einfach“, beschwert sie sich schwer atmend.
„Ach. Und ich dachte, das gefällt dir. Wenn du das aber nicht magst, höre ich sofort damit auf. Kein Problem“, erkläre ich grinsend und beende meine Expedition.
Ilka starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an.
„Das ist doch jetzt nicht dein Ernst, oder? Hörst du jetzt wirklich auf?“
„Na das wolltest du doch.“
„Wann habe ich das gesagt?“
„Eben erst.“
„Du hast echt eine Macke. Mach sofort weiter.“
„Zu Befehl.“
Und schon widme ich mich wieder der Haut meiner Freundin. Dieses Mal spare ich nichts aus. Aber ich lasse sie trotzdem zappeln, bevor ich sie erlöse. Mittlerweile kenne ich die Anzeichen, wenn sie sich einem Orgasmus nähert, und kann die Zeit bis zum Höhepunkt meistens steuern. So auch heute. Als die Gegend um ihren Bauchnabel herum anfängt zu flattern, weiß ich, dass es nicht mehr lange dauert. Und so ist es dann auch. Sie presst meine Hand an ihre Muschi, als sie kommt. So bleiben wir ein paar Minuten liegen, ehe sie aufseufzt.
„Hach, das war wieder schön. Und du hast mich dieses Mal gar nicht sooooo sehr gequält. Das rechne ich dir hoch an“, haucht mir Ilka ins Ohr. Ich grinse und ziehe meine Hand von ihrer Muschi weg.
„Och, die hättest du ruhig noch liegenlassen können.“
„Ich weiß. Aber jetzt bist du erst mal dran.“
Ilka schaut mich erstaunt an, als ich mich neben ihr gemütlich ausstrecke und meine Arme hinter meinem Kopf verschränke.
„Wie, ich bin dran? Soll ich dich jetzt bedienen oder wie soll ich das verstehen?“
Mein Grinsen wird breiter. Aber ich schweige erst mal. Nach ein paar Sekunden halte ich es aber nicht mehr aus.
„Ach Schatzi, dein Gesicht hättest du gerade mal sehen sollen. Die volle Empörung schien durch, auch wenn du versucht hast, es nicht offen zu zeigen. Natürlich sollst du dich jetzt nicht um mich kümmern. Zumindest nicht in sexueller Hinsicht.“
Ilkas Miene verfinstert sich und fast zeitgleich trommeln ihre kleinen Fäuste auf meinem Bauch herum.
„Boah, Meiser! Manchmal bist du so bescheuert. Was willst du denn jetzt von mir?“
„Was für eine Überraschung hast du eigentlich für mich?"Ilka schaut mich erstaunt an.„Wie? Welche Überraschung meinst du?"„Das frage ich dich."„Hmm, ich weiß nicht, was du meinst."„Jetzt hör doch auf, mich zu verarschen, meine Liebe."Ilka beginnt zu lachen. Und hört nicht mehr auf. Ich fühle mich jetzt schon etwas hochgenommen. Rache muss sein. Schließlich weiß ich, wo Ilka kitzelig ist.
Als meine Finger just eine dieser Stellen berühren und dort grabbeln, verstummt Ilka sofort. Stattdessen bekommt sie große Augen.„Das wagst du nicht. Nicht nach dem Orgasmus eben", versucht sie, meinen Kitzelanlauf zu bremsen.„Och, ich wäre da an deiner Stelle nicht soooo sicher", betone ich. „Aber du hast ja eine Alternative, Liebes."Probeweise lasse ich meine Finger wandern. Ilka quietscht und windet sich. Zwei Minuten und zwei Lachanfälle später habe ich sie so weit: Sie packt aus.„Ich habe uns zum Tanzen angemeldet."„Du hast was?"Spontan habe ich das Gefühl, ich bin im Saunastudio, so heiß wird mir. Schon in der Jugend war der von den Eltern angeordnete Besuch der Tanzschule trotz allem Spaß, den wir als Meute von Freunden und Freundinnen dort hatten, eher eine mittelschwere Folter. Und das soll ich jetzt mit Mitte 40 noch mal durchziehen? Freiwillig?Ilka drückt mir einen Kuss auf den Mund.„Nun stell dich nicht so an, Thommy. Es ist nur ein Tanz, den wir zusammen lernen werden."Ich ahne Schlimmes: „Disco Fox?"Ilka schüttelt den Kopf: „gaaaanz kalt."Da ich eher der Tanzbanause bin, fällt mir auch nichts anderes ein.„Rück schon raus mit der Sprache!"„Du magst doch lateinamerikanische Musik, oder?"Ich nicke.„Dann denk mal in diese Richtung", fordert mich Ilka auf.„Aaaaah, ich weiß es, ich weiß es", frohlocke ich.„Ich soll Salsa mit dir tanzen."Wieder schüttelt meine Holde den Kopf.„Wärmer, aber immer noch nicht heiß."„Sorry, dann habe ich keine Ahnung mehr.“Ilka holt ihre Handtasche und zieht eine CD aus den unendlichen Tiefen ihrer Tasche hervor. Sie legt sie in meine Mikro-Anlage im Schlafzimmer ein, drückt auf Play und wartet gespannt auf meine Reaktion, als die Musik beginnt.„Ach du meine Güte", denke ich. Akkordeonklänge ertönen. Eine recht traurige Melodie nimmt ihren Anfang. Meine Freundin schaut mich derweil weiter gespannt an.„Naaaa? Dämmert dir jetzt was?"„Ääh, Tango?"„Blitzmerker! Tango Argentino."„Aha!"Schlauer bin ich jetzt immer noch nicht. Nachdem Ilka mir in den nächsten Minuten auf ihrem Smartphone ein paar YouTube-Videos eines Kölner Tanzlehrer-Paares gezeigt hat, ahne ich, dass ich aus dieser Nummer wohl nicht mehr rauskomme.
Auf der anderen Seite gefällt mir aber auch das, was ich auf den bewegten Bildern gesehen habe. Zumindest in Ansätzen werden wir das vielleicht auch hinbekommen. Hoffe ich.„Und das Beste ist: Der Kurs findet bei dir direkt um die Ecke statt", legt Ilka den nächsten Köder aus.„Aber da ist doch keine Tanzschule", erwidere ich.„Nicht wirklich, aber in dem Haus, in dem die Musikschule ist, finden jeden Mittwochabend Stunden in Tango Agentino statt."„Auch für Graupen wie mich?", äußere ich meine Bedenken.Ilka streicht mir über meine kleine Plauze, als sie antwortet: „Selbst für doppelte Linksfüßer wie dich."„Hömma, du hast mich noch nie tanzen gesehen. Früher war ich bekannt als Tommy Travolta", unternahm ich einen zugegebenermaßen kläglichen Versuch, mich in einem besseren Licht darzustellen.Ilka simuliert mit beiden Händen einen Scheibenwischer.„Das werden wir dann nachher sehen."„Nachher?"„Wir starten heute Abend mit der ersten Stunde."Irgendwie komme ich mir überrumpelt vor.„Schön, dass ich das immerhin am selben Tag noch erfahre", klage ich.„Ach, Hase, du wirst es überleben", kommentiert Ilka mein Palaver.Hase! Hase!!Es gibt männliche und weniger männliche Kosenamen. Hase gehört eindeutig in die zweite Kategorie. Ich grummele vor mich hin.„Was murmelst du?"Ilka wühlt in meinen Haaren. Das soll wohl besänftigend wirken. Tut es aber nur bedingt.„Tango Argentino. Hase. Was kommt noch? Ein Yoga-Fortsetzungskurs?"Ich spiele damit auf Ilkas umgesetzten Plan an, mich zum Yoga für Kerle anzumelden. Noch zwei Mal, dann ist dieser Kurs vorbei.Ilka mimt die Nachdenkliche.„Das wäre in der Tat noch eine Möglichkeit", erklärt sie grinsend.Abwehrend hebe ich meine Hände.„Lass mal. Es macht wirklich Spaß bei Thorsten, aber dauerhaft ist das nichts für mich."„Aber es tut dir gut, mein Lieber. Ich finde, du bist schon beweglicher geworden."„Woran willst du DAS denn bemerkt haben?"Ilka grinst, dann küsst sie mich. Zwischendurch flüstert sie mir zu: „Du bist beim Sex schon etwas geschmeidiger geworden und nicht mehr so hüftsteif."Das hört jeder Mann gerne ...„Pffft! Hüftsteif! Frechheit!"„Dann beweise mir doch, dass du nicht hüftsteif bist."Sie fordert mich also heraus.„Und wie soll ich dir das beweisen?"„Ach, mir würde da schon etwas einfallen", sagt Ilka und zieht mich auf sich. Sofort regt sich was bei mir.„Ich glaube, ich habe die gleiche Idee", flüstere ich ihr ins Ohr. Sie rutscht unter mir hervor und nestelt an der Knopfleiste meiner Jeans herum. Ich hatte mich eben nämlich gar nicht erst ausgezogen, sondern mich direkt mit Ilka beschäftigt. Drei Minuten später fummelt Ilka immer noch am ersten Knopf meiner Jeans herum. Mittlerweile fluchend.„Welche Idioten entwerfen solche Jeans? Das kann ja wohl nicht wahr sein. Ehe man das Ding auf hat, sind sämtliche Fingernägel abgebrochen. Diese Hose taugt maximal zur Empfängnisverhütung", motzt Ilka.Ich muss lachen. Auch Ilka kichert. Aus dem Kichern wird ein Lachen.„Wenn diese blöden Knöpfe nicht aufgehen, bleibst du eben angezogen", frotzelt meine Freundin.„Dann ist das eben so", erkläre ich schulterzuckend, „dafür kann ich dich ja noch mal verwöhnen."„Dagegen habe ich nichts," sagt Ilka und schließt ihre Augen. Sie rekelt sich behaglich, gibt dabei merkwürdige Geräusche von sich. „Geht's dir gut? Du atmest so komisch."„Quatsch nicht, mach einfach", stoppt Ilka mein Palaver.„Gerne," so meine Antwort. Ich drehe sie auf den Bauch und betrachte für ein paar Momente bewundernd ihren Körper. Natürlich sieht man, dass sie keine 20 mehr ist. Aber das bin ich ja auch nicht. Ehrlich muss ich anerkennen, dass ihre Figur deutlich besser in Schuss ist, als es bei mir der Fall ist. Ilka dreht sich zurück auf den Rücken, als sie merkt, dass ich sie nicht mehr weiter streichele.„Was ist?"„Ich genieße gerade nur deinen Anblick. Du bist wirklich sehr schön.“Ilka errötet.„Ach hör doch auf, du Schmeichler. Siehst du auch meine ganzen Problemstellen?"„Welche Problemstellen?"„Na hier", deutet meine Bettnachbarin auf ihren kleinen Bauch. „Oder hier", weist sie nun auf ihre Oberschenkel.„Ach Quatsch, Mädel. Da ist nichts, was du bemängeln solltest."Ich lege die Finger einer Hand an ihren Hals und lasse sie ganz langsam ihren Oberkörper hinunter wandern. Sie umkreisen ihre Brüste, ohne Brustwarzen oder Nippel zu berühren. Mehrfach. Dann wandern sie tiefer, über den Bauchnabel hinweg, verharren über Ihrem Venushügel, um dann wieder nach oben zu krabbeln. Ilka seufzt kurz auf. Dem Seufzer folgt ein Stöhnen, als ich wieder an ihre Brüste komme. Dieses Mal stimuliere ich ihre Nippel und lasse kurz darauf auch meine andere Hand zum Einsatz kommen. Die beschäftigt sich mit Ilias Kitzler und seiner näheren Umgebung. Mittlerweile weiß ich recht genau, was sie reizt; was ich wo und mit welcher Intensität machen muss, um ihr Lust zu bescheren. Aber ich merke, dass ich nicht mehr so bei der Sache bin wie eben. Mir fehlt die letzte Aufmerksamkeit. Ich kann nicht sagen, warum. Meine Freundin reagiert auf mein Zögern. Sie öffnet ihre Augen und schaut mich fragend an.
„Stimmt irgendwas nicht?"„Ich kann's nicht sagen. Tut mir leid. Irgendwie bin ich gerade nicht so gedanklich bei dir, wie ich es sein müsste."„Hat es was mit mir zu tun?", fragt sie verunsichert.„Nein, wirklich nicht. Überhaupt nicht. Es ist gerade meins, dass ich nicht so dabei bin. Es tut mir wirklich leid, Liebes," sage ich mit schlechtem Gewissen.„Hmm, das ist komisch. Dann ziehe ich mich wohl besser wieder an", reagiert Ilka und hat dabei immer noch einen kleinen Grad an Verunsicherung im Blick. Bevor sie ihre Klamotten schnappt, nehme ich sie in den Arm und halte sie lange fest. Nach kurzem Zögern erwidert sie meine Umarmung ebenso intensiv.Dann liegen wir einfach so zusammen. Ohne zu reden. Einfach nur die Nähe genießen. Irgendwann beginnt mein Magen zu rumoren. Ilkas Kopf liegt gerade auf meinem Bauch; sie döst. Als mein Magen sein Konzert eröffnet, schreckt sie hoch.„Der kann ja ein Gewitter simulieren", stellt Ilka fest.„Immerhin etwas", murmele ich.„Was hat er denn?"„Hunger."„Dann müssen wir ihn wohl füttern", meint meine Herzdame.„Kochen wir was oder lassen wir uns was kommen, bevor wir nachher starten?", legt sie nach.„Mooooment! Wohin starten wir? Habe ich was verpasst?"Ilka grinst: „La primera leccion."Auch wenn ich sie nicht verstehe, ahne ich, was sie mir gerade getarnt mitgeteilt hat.„Gehen wir wirklich heute schon tanzen?"„Rischtisch, Schätzeken. Habe ich dir doch eben schon gesagt", trällert Ilka fröhlich.„Ach du Scheiße!"„Na! Ein bisschen Contenance der Herr bitte."„Nix Contenance! Du hast mich reingelegt."„So würde ich das nicht sehen. Ich habe vielleicht nicht alles direkt erzählt. Aber gelogen oder dich reingelegt habe ich nicht", erklärt meine Holde im Brustton der Überzeugung.„Hätte ich dich vorher gefragt, wärst du doch nie zum Tanzen mitgekommen. Hab ich recht oder hab ich recht?"Ich grummele vor mich hin: „Möglicherweise. Aber nur möglicherweise. Erst mal habe ich jetzt aber Hunger. Ich glaub, ich bestelle Pizzabrötchen."Gesagt, getan. Ilka will auch etwas vom Pizzabäcker unseres Vertrauens. Wir holen meine Brötchen und Ilkas Pizza eine Viertelstunde später ab und futtern zu Hause.Danach hauen wir uns auf die Couch im Wohnzimmer und dösen zusammen weg. Zwei Stunden später werde ich wach. Ilka liegt mit ihrem Kopf immer noch auf meiner Brust und gibt leise Schnarchgeräusche von sich. Wie knuffig.
Nach ein paar Minuten wird auch sie wach.
„Du hast mich beobachtet.“
„Ach was.“
„So was merke ich.“
„Du hast geschlafen und nichts mitbekommen.“
„Doch, habe ich. Frauen merken so was immer.“
„Natürlich. Ihr bekommt das intuitiv mit. Oder so.“
„Genau. So ist es.“
Ich verdrehe meine Augen.
„Wie spät ist es jetzt?“
„Wir haben noch etwas Zeit, Frau Tanzlehrerin.“
„Nenn mich nicht so.“
„Aber du bist doch die Animateurin.“
„Nee, bin ich auch nicht.“
„Maaaaan, bist du kompliziert.“
„Nenn mich nicht kompliziert, Hase.“
„Und du nennst mich bitte nicht Hase.“
„Wieso nicht, Hase?“
„Du tust es schon wieder.“
„Was denn?“
„Wenn du mich noch einmal Hase nennst, kannst du gleich allein zum Tango gehen.“
Ilka schmollt. Zumindest tut sie so. Und zwar so reizend, dass ich sofort dahin schmelze. Um abzulenken, mache ich den Fernseher an und zappe mich durch die Sender. Meine Güte, was läuft um diese Zeit für ein gequirlter Mist. Da bekommt man Augenkrebs.
„Suchst du was Bestimmtes?“
„Nöö, ich schaue gerade einfach mal durch. Aber wie du siehst, läuft nirgendwo was Vernünftiges.“
„Ist auch nicht tragisch. In einer halben Stunde müssen wir sowieso los.“
Die Glotze beendet für den Moment ihr oftmals sinnbefreites Dasein und wir quasseln einfach noch weiter. Dann drängt meine Dancing Queen zum Aufbruch.„Welche Schuhe ziehst du an?", fragt sie mich.„Meine Adidas-Sneaker. Die stehen schon vor der Garderobe."„Die kannst du aber nicht zum Tanzen tragen, Schnuffel."„Hä? Wieso nicht? Die sind bequem."„Weil du mit diesen Sohlen auf dem Parkett nicht rutschst."„Wieso soll ich damit rutschen? Reicht tanzen nicht?"Für diesen Kommentar kassiere ich einen Klatscher von Ilkas geöffneter Hand an meine Stirn.Wie vom Blitz getroffen, lasse ich mich auf den Boden fallen und wälze mich herum, während ich mein Gesicht mit den Händen abdeckt und dazu noch schmerzverzerrt vor mich hin stammele.„Machst du wieder den Neymar?"Mist, ich hatte gerade nicht daran gedacht, dass sich Ilka gut im Fußball auskennt. Nicht nur bei ihrem komischen Verein mit der Ziege im Wappen.Durch meine Finger grinse ich zu ihr hoch. Sie schüttelt ihren Kopf und klatscht nun mit ihrer Hand gegen ihre Stirn.„Was habe ich mir da bloß angetan, als ich mich auf dich eingelassen habe?"Mittlerweile sitze ich zumindest wieder aufrecht. Um meine Ahnungslosigkeit auszudrücken, zucke ich mit den Schultern und hebe meine Arme nach oben.„Ich dachte, dir war klar, dass du dir mit mir einen schon etwas wirren Typen geangelt hast."„Das war mir sofort klar, mein Lieber. Aber die Dimensionen habe ich wohl unterschätzt", erklärt mein Herzblatt grinsend.„Jetzt aber hoch mit dir und such dir Schuhe, auf denen du dich gleich auf dem Parkett sicher bewegen kannst. Was auch immer wir heute machen werden."Zu ihren Worten klatscht Ilka in die Hände. Das soll mich wohl motivieren, vermute ich. Funktioniert aber nicht wirklich. Ich quäle mich auf die Beine.„Ich warne dich. Wenn du jetzt behauptest, du hast dir gerade ne Zerrung geholt, werde ich sauer."Ilka schaut mich mahnend an.Verdammt, kann sie Gedanken lesen? Genau DAS hatte ich tatsächlich vor. Die Betonung liegt jetzt aber auf "hatte".„Wie kommst du denn darauf? Du traust mir ja Sachen zu", spiele ich die beleidigte Leberwurst. Aber nur kurz. Aus der Tango-Nummer komme ich wohl nicht mehr raus. Also suche ich in meinem Schuhschrank nach Latschen, die Ilkas Anforderungen entsprechen.„Wie sieht's mit denen aus?", frage ich die Schuhexpertin und zeige auf ein Paar blaue Treter. Ilka nickt.Kurz darauf verlassen wir meine Bude. Da wir zunächst den falschen Eingang nehmen, stehen wir plötzlich mitten in einer Gesangsgruppe. Zumindest denke ich, dass sie singen wollen. Schließlich haben sie Notenblätter in den Händen. Alle starren uns an, wir starren zurück.„Äh, ist hier der Tangokurs?"Bevor irgendeiner aus der Truppe antworten kann, spüre ich Ilkas Ellenbogen in meinen Rippen.„Sehen Sie hier irgendjemanden Tango tanzen?", fragt der scheinbar Verantwortliche zurück.„Nö, aber das kann ja noch werden", antworte ich und bekomme dafür wieder den Ellenbogen meiner Freundin ab.„Entschuldigen Sie bitte die Störung, wir haben uns wohl im Raum vertan. Viel Spaß noch", beschwichtigt Ilka und zieht mich aus dem Raum.Vor der Tür motzt sie mich erst mal an.„Kannst du nicht einmal deine Klappe halten?"„Ich wollte ja gar nichts sagen. Aber ich musste doch fragen", versuche ich mich irgendwie herauszureden.„Is klar. Du bist echt ein Vollhorst", erklärt Ilka, nun schon nicht mehr ganz so ernst schauend.So suchen wir den richtigen Raum und finden ihn auf der anderen Hausseite. Dort ertönt auch schon die passende Musik. Allerdings hinter einer verschlossenen Tür. Als ich mal reinschauen will, klopft mir Ilka auf die Finger.„Lass das. Du wirst noch früh genug dein Tanzbein schwingen können."„Aber ich ..."Ilka unterbricht mich: „Nix musst du! Warte einfach ab, in fünf Minuten geht's sowieso los."Ich grummele vor mich hin, was von meiner Partnerin einfach ignoriert wird. Während ich meine "Tanzschuhe" anziehe, kommen noch vier weitere Paare in den Raum. Allesamt sind mindestens zehn Jahre älter als wir. Mindestens. Aber sie sind höflich, denn alle stellen sich kurz bei uns vor. Untereinander kennen sie sich, das wird schnell deutlich. Die Damen holen aus ihren Taschen hochhackige, offene Schuhe auf dünnen Absätzen hervor. Ich schaue zu Ilka, die gebannt die Absätze und Riemchen fixiert. Als sie merkt, dass ich sie beobachte, schaut sie zu mir rüber.„Oh Gott, darauf werde ich nie tanzen können. Ich kann ja noch nicht mal unfallfrei darauf gehen", flüstert sie mir schockiert zu.Die Latschen der Männer sehen dagegen aus wie meine. Sie sind allerdings sauberer. Verstohlen wische ich kurz mit einem Taschentuch über meine angestaubten Schuhe. Jetzt glänzen sie auch.Die Musik nebenan verstummt, ein paar Sekunden später öffnet sich die Tür und drei sehr entspannt wirkende, scherzende Paare erscheinen. Hinter ihnen betritt ein kleiner, südländisch aussehender Mann in meinem Alter den Raum. Er begrüßt der Reihe nach unsere Mittänzer, dann wendet er sich uns zu.„Buenas noches, Ihr müsst Ilka und Thomas sein", spricht er Ilka an. „Ich bin Gabriel González, der Tanzlehrer. Schön, dass Ihr hier seid."„Na, das weiß ich noch nicht", rutscht es mir raus. Während Señor González mich verdutzt anschaut, ernte ich von meiner Holden schon wieder böse Blicke.„Äh, das war nur ein Scherz", bemühe ich mich um Frieden. Unser Tanzlehrer lacht.
„Aaah, ich kenne das. Meistens wollen die Frauen tanzen und die Männer müssen mitgehen. Ob sie wollen oder nicht", erklärt er und zwinkert mir zu. Ich grinse ihn an. Der Typ ist mir sympathisch. Er klopft mir auf die Schulter.
„Aber du wirst sehen. Es macht dir Spaß. Wir fangen langsam mit euch an. Die anderen sind schon weiter, tanzen aber auch schon lange."„Das kann ja heiter werden", denke ich mir. Um uns herum die Checker, und wir versuchen, das Tango-Seepferdchen zu bekommen.Als wir alle im Tanzsaal sind, lässt Herr González die Musik starten und widmet sich uns, während die anderen Paare sich im Rhythmus des Liedes bewegen. Ilka und ich stehen indes herum.
„Wir werden gleich erst mal etwas gehen, denn das ist beim Tango Argentino ganz wichtig: richtig gehen“, erklärt Gabriel uns. Ratlos schaue ich Ilka an. Ich dachte eigentlich, dass ich gehen kann. Und sogar laufen. Gut, das sieht heute weniger elegant oder sportlich aus, als es vor zehn oder zwanzig Jahren der Fall war. Aber ich kann es noch. Denke ich zumindest. Als unser neuer Tanz-Guru jedoch ein paar Schritte vormacht und dabei auch seine Körperhaltung beschreibt, beschleicht mich die leise Ahnung, dass ich zum zweiten Mal in meinem Leben Gehen lernen werde. Ich stupse Ilka an, die jedoch nur Augen für Gabriel hat.
„So, und jetzt ihr beide. Geht mir einfach mal nach.“
Da der Tanzsaal auf einer Seite komplett verspiegelt ist, kann uns Gabriel Gonzalez beobachten und korrigieren, auch wenn er vor uns geht. Korrigiert werde nur ich, obwohl ich finde, dass ich alles richtig gemacht habe. Findet Gabriel aber nicht.
„Thomas, du darfst nicht mit den Schultern hin- und her wackeln. Versuche, dich gerade zu halten. Außerdem brauchst du nicht zu hüpfen beim Gehen. Einfach die Füße auf dem Boden lassen, wenn du dich bewegst.“
Aha. Ich soll also schlurfen. Kommt mir eigentlich entgegen. Ich habe eben aber gar nicht gemerkt, dass ich gehüpft bin. Aber wenn es der Meister so gesehen hat, wird es wohl richtig sein. Gabriel geht noch mal vor, ich folge folgsam.
„Das ist besser, aber achte wirklich darauf, dass du deinen Oberkörper ruhig hältst. Und schwing deine Hüfte nicht wie beim Salsa“, kommt die nächste Korrektur.
„Ich kann auch kein Salsa.“
„Aber du bewegst deine Hüfte so, als würdest du Salsa tanzen“, stellt Gabriel lachend fest.
