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1813/14. In großen Teilen Europas werden die Kosaken als Befreier vom napoleonischen Joch bejubelt. Nur die Bewohner Schleswig-Holsteins warten mit großer Furcht auf die Ankunft der ersten Reiterpulks. Für sie endet im bitterkalten Dezember 1813 eine nahezu hundertjährige Friedens- und Blütezeit. Gemeinsam mit den martialisch anmutenden Reitersoldaten aus dem Osten überschwemmt eine große Armee unter dem schwedischen Kronprinzen Karl Johann - besser bekannt als ehemaliger französischer Marschall Bernadotte - die südlichsten Provinzen des dänischen Gesamtstaates. Für die Landesbewohner beginnt eine harte Bewährungszeit, die später unter dem Begriff „Kosakenwinter“ bekannt werden soll. Die bunt zusammengewürfelten russisch-preußisch-schwedischen Truppen sollen für ihren ehrgeizigen Anführer „Norwegen in Schleswig-Holstein erobern“. Und es gelingt ihnen. Am 14. Januar 1814 verliert der dänische König Norwegen an Schweden. Als alle Welt nach Frankreich schaut, um den Untergang des korsischen Eroberers zu verfolgen, vollzieht sich mit dem Kieler Frieden in Nordeuropa eine neue Grenzziehung. Soweit die bekannten Tatsachen. Doch welche Erfahrungen macht die Bevölkerung der Herzogtümer mit den Besatzern? Wie leiden die Menschen unter dem Feldzug, dessen Wortgeschichte sie weder zu verantworten haben, noch beeinflussen konnten? Und wie sieht der Kriegsalltag 1813/14 aus? Mit diesen Fragen befasst sich „Der Kosakenwinter“ - ein wissenschaftlich fundiertes Sachbuch mit zahlreichen spannenden Fakten.
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Seitenzahl: 542
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Vorwort
I. Einleitung
1. Thema und Theorie
2. Fragestellungen und Thesen
3. Quellen und Literatur
4. Der Weg in den Kosakenwinter - Vorgehensweise
II. Schleswig-Holstein am Vorabend des Einmarsches der Nordarmee
1. Dänische Außenpolitik und europäische Bündnispolitik
1.1. Der dänische Gesamtstaat im Krieg
1.2. Europäische Bündnispolitik - die Ziele Schwedens
1.3. Bündnistreue auf dem Prüfstand
2. Wirtschaftlicher Niedergang in den Herzogtümern
2.1. Kontinentalsperre und Schmuggel
2.2. Wirtschaftliche Entwicklung und Staatsbankrott
3. Erste militärische Auseinandersetzungen an den Grenzen des dänischen Gesamtstaates
3.1. Militärische Vorbereitungen im Gesamtstaat
3.2. Kosaken in Hamburg
3.3. Feldzug in Mecklenburg und Stellungskrieg an der Grenze
III. Der Krieg im Norden
1. Die Nordarmee und andere Besatzungstruppen
1.1. Entstehung, Stärke und Zusammensetzung der Nordarmee
1.2. Die Korps Stedingk, Woronzow, Stroganow und Wallmoden – Unterschiede und Gemeinsamkeiten
1.3. „Irreguläre“ Truppen: Lützower, Russisch-Deutsche Legion, Hanseatische Legion und Hamburger Bürgergarde
1.4. Die Kosaken
1.5. Die russisch-polnischen Truppen unter Bennigsen
2. Einmarsch und Gefechte
2.1. „Beobachtung“ Hamburgs und Befreiung Lübecks
2.2. Das Gefecht bei Bornhöved
2.3. Das Gefecht bei Sehestedt
2.4. Der Waffenstillstand und die Belagerung Rendsburgs
3. Festungen unter Feuer
3.1. Die Belagerung von Friedrichsort
3.2. Alliierte Truppen vor Glückstadt
4. Wachsender militärischer Druck
4.1. Soldaten in Dörfern und Städten
4.2. Das Scheitern der diplomatischen Bemühungen
4.3. Alliierte Truppen auf dem Weg nach Norden
5. Das Ende der Kampfhandlungen - der Friede zu Kiel
5.1. Ein knapper diplomatischer Sieg
5.2. Erster Truppenabmarsch aus Schleswig und Holstein
6. Die Belagerung Hamburgs
6.1. In der „Festung Hamburg“: die französischen Besatzer
6.2. Diplomatie statt Kampf: Abzug der Franzosen
6.3. Die Sonderstellung Altonas
IV. Besetzte Herzogtümer - militärische und politische Verwaltung
1. Hauptquartiere
1.1. Bernadotte in Kiel
1.2. Stabsquartiere
1.3. Bennigsen in Pinneberg
2. Zivile Verwaltung während der Besatzungszeit
2.1. Die provisorische Verwaltungskommission
2.2. Die lokalen Versorgungskommissionen
3. Die Kommission zur Wiederbesitznahme der Herzogtümer
3.1. Einsetzung und Zusammensetzung der Kommission
3.2. Aufgaben der Kommission
4. Das Gesundheitswesen
4.1. Gesundheitskommissionen
4.2. Lazarette und Hospitäler
5. Sicherheit und öffentliche Ordnung
5.1. Einrichtungen zum Schutz der Bürger
5.2. Sauvegardes oder nur „Saufgarden“?
6. Das Fuhrwesen
6.1. Die Errichtung von Fuhrparks
6.2. Versorgungstransporte für die Belagerungsarmee
V. Einquartierungen - die ungebetenen „Gäste“
1. Formen der Einquartierung
1.1. Zahlreiche Soldaten auf engem Raum
1.2. Lager für eine Nacht - schnelle Quartierwechsel zu Beginn des Feldzuges
1.3. Dauer-Besatzer - Einquartierungen während des Waffenstillstandes
1.4. Vorstöße in den Norden - kurzfristige Einquartierungen
1.5. Die „Gottesmauer“
1.6. Soldaten auf den adligen Gütern
2. Besonders betroffene Gebiete
2.1. Regionale Unterschiede
2.2. Die Region um Glückstadt
2.3. Knotenpunkt Itzehoe
2.4. Hamburger Randregionen
3. „Befreundete Besatzungstruppen“ in Holstein während der Belagerung Hamburgs
3.1. Truppenabzug und neue Einquartierungen
3.2. Die Demarkationslinie
3.3. Ausdehnung des Einquartierungsgebietes bis zum Abzug
VI. Requisitionen - wie sich die Truppen versorgten
1. Ernährung „aus dem Felde“
1.1. Vorbilder: die französischen Revolutionsheere
1.2. Requisition oder Raub - eine unscharfe Abgrenzung
1.3. Eine typische Requisitionsliste
2. Ungeordnete Requisitionen
2.1. Die Beschlagnahmung der königlichen Kassen
2.2. Material für den Krieg
2.3. Requisitionen der Kosaken
2.4. Requisitionen der Mecklenburger
2.5. Requisitionen der Hanseaten, Legionäre und Freikorps
3. Geordnete Requisitionen und Ausschreibungen
3.1. Ausschreibungen der provisorischen Verwaltungskommission
3.2. Die Kontributionen des Kronprinzen
3.3. Magazine für die Besatzer
4. Requisitionen für die Belagerungsarmee
4.1. Ausschreibungen der Kommission zur Wiederbesitznahme der Herzogtümer
4.2. Das Magazinwesen für die Armee Bennigsens
4.3. Versorgungsprobleme
5. Begehrte Objekte
5.1. Branntwein, Rum, Wein und Bier
5.2. Feuerung
5.3. Pferde und Wagen
VII. Mord, Folter, Raub - wo das Recht versagte
1. Anschläge auf Leib und Leben
1.1. Mord und Totschlag
1.2. Prügel und Auspeitschungen
1.3. Gewalt gegen Frauen
1.4. Mißhandlung und Bedrohung von Amtspersonen
2. Räubereien, Diebstähle und Zerstörungswut
2.1. Raubzüge und Plünderungen
2.2. Diebstähle
2.3. Zerstörungswut
3. Gründe des Verhaltens - eine Analyse
3.1. Das Problem der „Manneszucht“
3.2. Politische Gründe
3.3. Individuelle Gründe
VIII. Bevölkerung und Soldaten - mehr Angst als Vaterlandsliebe
1. Die Nordarmee aus Sicht der Schleswig-Holsteiner
1.1. Probleme der Bewertung
1.2. Deutsche Truppen und Engländer
1.3. Schweden
1.4. Kosaken und russische Linientruppen
2. Die „Nöte“ der Schleswig-Holsteiner
2.1. Schikanen und Verschwendung
2.2. Wenn Soldaten feiern …
2.3. Ungeliebte Liebschaften
3. Zum Verhalten der Schleswig-Holsteiner
3.1. Aktiver Widerstand
3.2. Passiver Widerstand
3.3. Vorauseilender Gehorsam
3.4. Heimische Gauner in Kosakenuniform
IX. Die Folgen des Krieges
1. Außenpolitik und territoriale Neuordnung
1.1. Neue Grenzen - neue Bündnisse
1.2. Dänisch-schleswig-holsteinische Soldaten gegen Frankreich
1.3. Das Verhältnis zu den Nachbarländern
1.4. Das Ende der Festungen
2. Der Niedergang der Wirtschaft
2.1. Handel ohne Absatzmarkt
2.2. Die Agrarkrise
3. Staatliche Entschädigungsleistungen
3.1. Verluste der Ämter und Kommunen
3.2. Erschöpfte Staatskassen
3.3. Die Kommission zur Untersuchung der Kriegsschäden
3.4. Entschädigung durch Bons
4. Soziale Not und politische Verbitterung
4.1. Die Not der Bevölkerung
4.2. Verbrechen und Sühne - Deserteure und Kriegsgefangene
4.3. Die Schleswig-Holsteiner und ihr Herrscher
X. Zusammenfassung und Schluß
XI. Anmerkungen
XII. Quellen-, Literatur- und Abkürzungsverzeichnis
1. Quellen
1.1. Archivalien
1.2. Gedruckte Quellen
2. Bibliographien, Nachschlagewerke, Wörterbücher
3. Aufsätze, Monographien, Handbücher
4. Abkürzungen: Zeitschriften-, Zeitungs- und Buchreihentitel
5. Allgemeine Abkürzungen
6. Online-Recherche
Bildnachweise
Ortsregister
zur Erstauflage 2000
Als ich die Dorfchronik für die kleine schleswig-holsteinische Gemeinde Tensbüttel-Röst schrieb, stieß ich auf den mir bis dahin unbekannten Begriff „Kosakenwinter“. Zwar handelt es sich dabei keineswegs um einen Zeitraum, der ausschließlich von den Kosa- ken geprägt ist, allerdings hinterließen diese martialischen russischen Krieger einen tie- fen Eindruck bei den Schleswig-Holsteinern des frühen 19. Jahrhunderts, so daß sie im- merhin einen ganzen Feldzug danach benannten. Je mehr ich mich mit dem Thema be- faßte, desto klarer wurde mir, daß es zwar viele Hinweise auf den Winter 1813/14 gibt, der Mangel an modernen wissenschaftlichen Arbeiten über die Geschehnisse und Zu- sammenhänge jedoch offen zutage tritt. Und so faßte ich schließlich - ermutigt durch zahlreiche interessierte Laien und Historiker - den Entschluß, diese Forschungslücke selbst zu schließen.
Mehr als ein Jahrzehnt nach Ende des Studiums eine Dissertation in Angriff zu neh- men, ist jedoch keine leichte Aufgabe, zumal gerade bei einem Journalisten die alltägli- che Arbeit eine wissenschaftliche Sichtweise zu trüben droht. So wäre denn auch dieses Werk nie entstanden, wenn es nicht Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung ge- geben hätte, die mir Mut zusprachen, wenn ich Zweifel hatte, und mich moralisch un- terstützten, wenn es an Zeit und Geduld mangelte.
Neben meiner Frau Gudrun und meinem Sohn Jens Sebastian, die über Monate hin- weg sehr viel Geduld mit mir bewiesen, habe ich vor allem Herrn Professor Dr. Norbert Angermann zu danken, der sich glücklicherweise auch viele Jahre nach der Studentenzeit noch an mich erinnerte und sich schließlich darauf einließ, eine Arbeit zu betreuen, die zum einen den Anspruch an Wissenschaftlichkeit erfüllen und zum anderen gut lesbar sein sollte. Mein Dank gilt auch dem Nebengutacher dieser Arbeit, Herrn Professor Frank Golczewski. Beide Professoren lehren und forschen an der Universität Hamburg. Zu danken habe ich auch meinem Verleger, Herrn Diplomkaufmann Uwe Boyens, der mir in einem neu geschaffenen Arbeitsbereich des Verlages für mehr als ein Jahr die Gelegenheit zur Halbtagsarbeit gab. Nur durch die somit gewonnene Freizeit war es mir überhaupt möglich, die Arbeit in einem überschaubaren Zeitraum fertigzustellen. Außerdem unterstützte Herr Boyens das Erscheinen dieses Buches innerhalb des Verlagsprogrammes, das von Herrn Bernd Rachuth betreut wird.
Ein weiterer Dank geht an Frau Dr. Esther Muysers und Frau Sabine Krumlinde-Benz für ihre Anmerkungen und Korrekturvorschläge. Außerdem habe ich Frau Renate Jeske zu verdanken, daß ich die Chronik des Johann Johannsen lesen und verarbeiten durfte.
Ebenso zu erwähnen sind die zahlreichen Hilfestellungen der Mitarbeiter der Archive, vor allem in Schleswig und Kopenhagen, sowie der Stadtbibliotheken Meldorf und Heide, denen ich den Blick auf manche wichtige Quelle und zahlreiche Bücher zu ver- danken habe.
zur Auflage 2013
Wer bei der Internetsuchmaschine Google den Begriff „Kosakenwinter“ eingibt, erhält etwa 2500 Einträge. Die meisten Hinweise beziehen sich auf die erste Auflage dieses Buches, die im Jahr 2000 im Verlag Boyens & Co. erschienen ist. Aber auch bei Wikipedia und in anderen lexikalischen Beiträgen ist der Kosakenwinter als historischer Abschnitt mittlerweile zu finden.
Das war nicht immer so: Als ich 1995 mit den ersten Recherchen für meine Dissertation begann, waren sich selbst Fachleute oft nicht so sicher, von welcher Zeit ich eigentlich spreche. Und um ehrlich zu sein: Auch ich wusste nicht, wohin mich meine (Zeit-)Reise führen würde. Es gab zwar einige Aufsätze und Buchabschnitte zum Thema, aber die waren nicht selten fünfzig oder hundert Jahre alt – oder stammten sogar aus einer Zeit, als es noch Zeitzeugen gab. Ich machte mich also auf in die Archive und fand Dokumente eines wenig beachteten Abschnitts der Geschichte – faszinierend, lebendig und erschreckend zugleich.
Die erste Auflage des Buches ist bereits seit einigen Jahren vergriffen. Doch hin und wieder gibt es Anfragen, die nur noch über die modernen Antiquariate befriedigt werden können. Der Verein für Dithmarscher Landeskunde hat sich daher dankenswerter Weise entschieden, den unveränderten, in „alter Rechtschreibung“ verfassten Text samt Illustrationen in einer Neuauflage herauszubringen.
Der Zeitpunkt dafür ist gut gewählt, denn der Kosakenwinter jährt sich 2013 zum 200. Mal. Und auch wenn die Geschichtswissenschaft in den vergangenen Jahren weitere Erkenntnisse gewonnen hat, so dürfte das vorliegende Buch weiterhin den aktuellen Stand der Forschung repräsentieren.
Dr. Dieter Kienitz, im Januar 2013
Anfang Dezember des Jahres 1813 endete für die Bewohner der Herzogtümer Schleswig und Holstein eine nahezu hundertjährige Friedens- und Blütezeit. Eine Armee feindlicher Soldaten unter dem Oberbefehl des schwedischen Kronprinzen Karl Johann, besser bekannt als ehemaliger französischer Marschall Bernadotte, drang in die südlichsten Provinzen des dänischen Gesamtstaates ein und nahm sie in „Geiselhaft“, um vom dänischen König Friedrich VI. die Abtretung Norwegens an Schweden zu erzwingen.
In weniger als zwei Monaten, in denen die Nordarmee, so der offizielle Name der Truppen1, weiter in Richtung Norden vorgestoßen war und auch das dänische Kernland bedroht hatte, war Bernadottes vordringliches Kriegsziel erreicht: Der Kieler Frieden vom 14. Januar 1814 besiegelte das Ende der seit dem 14. Jahrhundert bestehenden Union zwischen Dänemark und Norwegen; geschaffen wurde statt dessen ein schwedisch-norwegischer Staat, der noch bis 1905 von den Königen in Stockholm regiert werden sollte.
Schleswig-Holstein war als Teil des dänischen Gesamtstaates zu einem Spielball der Mächte geworden; seine Bewohner hatten während des Feldzuges und der Besatzungszeit unter einer politischen Entwicklung zu leiden, die sie weder zu verantworten hatten noch beeinflussen konnten. Einquartierungen und Requisitionen, aber auch körperliche Mißhandlungen, Erpressungen und Raub waren die Begleiterscheinungen des Krieges, der nicht nur politische, sondern auch weitreichende wirtschaftliche und soziale Folgen für die Region haben sollte. Durch mündliche und schriftliche Überlieferungen blieben der Schrecken des Feldzuges, aber auch die Faszination, die von den fremden Truppen ausging, den Bewohnern des Landes lange als „Kosakenwinter“ in Erinnerung.2
Vor dem Einmarsch der Nordarmee war das Kosakenbild in Schleswig-Holstein wie in allen deutschen Ländern von überwiegend diffusen Vorstellungen geprägt, wenn es um die Herkunft, die Sitten und Eigenarten der Reitersoldaten ging. Vor allem Berichte über das Verhalten der Kosaken im Siebenjährigen Krieg hatten in der Öffentlichkeit den Eindruck entstehen lassen, sie seien nichts anderes als plündernde und mordende Barbaren aus dem Osten. Während der Befreiungskriege veränderte sich jedoch dieses Bild; die Armeen des Zaren - und damit letztendlich auch die Kosaken - wurden nun als Befreier von der napoleonischen Herrschaft begrüßt und gefeiert. Die Schleswig-Holsteiner hatten die Kosakenregimenter dagegen als Feinde zu erwarten; folglich sahen sie dem Einmarsch der Truppen mit großer Furcht entgegen. Im Verlauf des Feldzuges machte sich die Bevölkerung jedoch ein eigenes und - wie wir sehen werden - durchaus differenziertes Bild von den Kosaken, das sich zumindest teilweise von den früheren Vorstellungen unterschied.3
Noch hundert Jahre nach den Ereignissen wurde in den westholsteinischen Gemeinden Tellingstedt und Wrohm der Abzug der fremden Truppen alljährlich Mitte Januar mit dem „Kosakenball“ gefeiert. Offenbar hatten die Erlebnisse der Bewohner und die zumeist volkstümlichen Überlieferungen an ihre Nachkommeneinen tiefen Eindruck hinterlassen. Erst mit Beginn des Ersten Weltkriegs verlor auch in der Region der Kosakenwinter an historischer Relevanz. Der Begriff „Schrecken“ hatte durch das bis dahin nicht gekannte Ausmaß an gewalttätigen Auseinandersetzungen im neuen Jahrhundert eine andere Bedeutung gewonnen.4
Strenggenommen dürften unter dem Kosakenwinter lediglich die Monate Dezember 1813 und Januar 1814 verstanden werden, also der Zeitraum vom Einmarsch der Armee in Holstein bis zum Kieler Frieden beziehungsweise dem ersten Truppenabzug Ende Januar. Da aber die intensive Belagerung Hamburgs, in dem sich ein starkes französisches Korps verschanzt hatte, durch eine alliierte Armee unter General Bennigsen auch und vor allem von holsteinischem Boden aus durchgeführt wurde, waren zahlreiche Distrikte weiterhin mit fremden Soldaten belegt - wenngleich es sich jetzt nominell um „befreundete“ Truppen handelte.
Aus Sicht der Bewohner war die Situation nach dem Friedensschluß zwar kaum noch lebensbedrohlich, der wirtschaftliche Schaden vergrößerte sich jedoch weiter, bis auch die letzten Soldaten abzogen. Um diese Entwicklung nicht ausschließen zu müssen, umfassen die vorliegenden Studien im Kern nicht nur den Winter 1813/14, sondern den gesamten zeitlichen Rahmen vom Dezember 1813 bis zum Januar 1815.
Obwohl sich 1813/14 in Schleswig-Holstein, also fernab von den Zentren der Macht, das Schicksal Nordeuropas entschied und mit einer neuen Grenzziehung in Skandinavien verbunden war, fanden der Feldzug und die anschließende Belagerung Hamburgs weder in der europäischen Öffentlichkeit noch später bei den Historikern große Beachtung. Der kurze, regional begrenzte Krieg blieb ein Nebenschauplatz, als alle Welt auf Frankreich schaute, um den Untergang Napoleons und damit auch des napoleonischen Staatensystems zu verfolgen. Noch heute wird in zusammenfassenden Geschichtsbüchern der Kieler Frieden und damit auch dervorhergehende Krieg nur in einem Nebensatz, gelegentlich als Fußnote, zuweilen auch gar nicht erwähnt.
Wenn also bereits die für den weiteren Verlauf der nordeuropäischen Geschichte relevanten Fakten in der überregionalen Geschichtsschreibung nur wenig beachtet wurden und allenfalls in älteren militärhistorischen Werken Eingang fanden, so ist es kaum erstaunlich, daß die Situation der schleswig-holsteinischen Bevölkerung während der Besatzungszeit, vor allem die Ängste und Verluste der Menschen, weithin noch nicht wissenschaftlich untersucht wurden.
Die raumzeitlichen Grenzen des Themas dürfen dabei als Voraussetzung angesehen werden, um die Ereignisse im Zusammenhang mit der betroffenen Bevölkerung zu analysieren. Somit lassen sich bei der Untersuchung des Kosakenwinters Regionalgeschichte und Alltagsgeschichte zusammenführen, wobei die Region in diesem Fall das gesamte Gebiet der ehemaligen Herzogtümer in den Grenzen des frühen 19. Jahrhunderts umfaßt.5
In geschichtstheoretischer Hinsicht ist die Erforschung unterer Bevölkerungsschichten ein konstitutiver Bestandteil der Alltagsgeschichte und - mit ihr eng verbunden - der „Geschichte von unten“, da sie sich nach Burkardt als Geschichte der „Opfer und ihrer Leiden“ begreift, die der „Geschichte der Sieger“, wie sie im vorliegenden Fall vor allem in militärhistorischen Betrachtungen manifestiert ist, gegenübergestellt werden kann.6 Der Begriff „Alltag“ steht dabei nur in einem scheinbaren Widerspruch zu den nicht-alltäglichen kriegerischen Ereignissen, denn die permanente Ausnahmesituation während der Besetzung Schleswig-Holsteins konstituierte auch einen Alltag, den Kriegs- oder Besetzungsalltag nämlich, der in dieser Arbeit untersucht wird.7
Ein ähnlicher Ansatz ist in der Mikrogeschichte zu finden, in der Schlumbohm eine Schwester der Alltagsgeschichte, aber keine Schule mit etablierter Orthodoxie sieht. Wie die Alltagsgeschichte versteht sich Mikrogeschichte als Gegenbewegung gegen eine reine Erforschung des „großen Gangs der Dinge“ und damit gegen eine Historiographie, die sich stets auf die Seite der Sieger stellt. Dabei sollen wesentliche Phänomene der Vergangenheit sichtbar gemacht werden, die vorher weitgehend unbeachtet blieben. Im Zentrum der Mikrogeschichte stehen allerdings nicht isolierte Individuen, sondern vielmehr die sozialen Beziehungen, mit denen diese ihre Strategien verfolgen. Dieses soziale Geflecht ist der Untersuchungsgegenstand des Ansatzes, der seine Vertreter zuweilen in mikroskopisch kleine Details wie etwa Verwandtschaftsbeziehungen vordringen läßt.8
Das Hauptinteresse der Alltagsgeschichte beziehungsweise der „Geschichte von unten“ liegt dagegen - und hier ist der Unterschied zur Mikrohistorie und deren Verallgemeinerungstendenzen, aber auch zur Historischen Sozialwissenschaft - im Handeln konkreter Menschen in einer konkreten Umwelt.9 Dabei muß sich der Historiker allerdings einem Problem stellen: Je stärker er sich mit konkreten Personen in gesellschaftlich niedrigen Ebenen beschäftigt, desto größer ist auch die Gefahr, sich in Details zu verlieren, die zwar als Anekdoten einen wunderbaren Erzählstoff abgeben, für eine Analyse der historischen Zusammenhänge aber nur bedingt tauglich sind. Auch im Zusammenhang mit dem Kosakenwinter gibt es zahlreiche Geschichten in der Geschichte; sie sollen jedoch nur dann herangezogen werden, wenn sie für den Kontext relevant sind oder als beispielhaft für die Verhältnisse gelten können.
Die Beschreibung einzelner Ereignisse gewinnt aber durchaus auch deswegen an Bedeutung, weil sie - ganz an den Forderungen der Alltagsgeschichte orientiert und im Gegensatz beispielsweise zur herkömmlichen Militärgeschichtsschreibung - die Bevölkerung nicht bloß als dumpfe Masse darstellt, sondern als eine Gruppe von denkenden, fühlenden und handelnden Individuen.
Ein weiteres Problem haben Alltagsgeschichte und Mikrogeschichte gemeinsam: In beiden Fällen sind Quellenstudien sehr viel schwieriger als in der traditionellen Geschichtsschreibung, die sich oft mit offiziellen Texten, gedruckten Tagebüchern berühmter Menschen sowie allgemein zugänglichen Gesetzes- und Ver-tragstexten zufrieden geben kann. Die Taten, Gedanken und Gefühle einfacher Menschen sind heute jedoch nur noch schwer zu eruieren, da sie selten schriftlich niedergelegt worden sind.
Im Rahmen von Untersuchungen dieses Jahrhunderts können im Gegensatz zu Studien, die sich mit früheren Zeiträumen befassen, noch zahlreiche Sachverhalte mittels der „Oral History“ erschlossen und ausgewertet werden. Daher sind die Erforschung des Nationalsozialismus und der jüngsten DDR-Geschichte auch zu Arbeitsfeldern der Alltagsgeschichte beziehungsweise der „Geschichte von unten“ geworden.10
In neueren alltagsgeschichtlichen Studien bemühen sich einige Historiker zudem darum, nicht nur die Geschichte „von unten“ zu beschreiben, sondern sie sozusagen von unten aufzubauen, indem sie die Rahmenbedingungen nicht als Voraussetzung, sondern vielmehr als das Ergebnis der vielfältigen Verhalten und Erlebnisse betrachten.11 Allerdings verstärken sich dadurch Probleme im Zusammen-hang mit dem Übergang von der Mikro- zur Makroebene12, da ein bedeutendes historisches Faktum mehr enthalten kann als die Summe aller dazu passenden kleineren Fakten.13 Ungeklärt bleibt außerdem die Frage, wieviel Determinanten schließlich geklärt werden müssen, bevor aus dem „Chaos“ zahlreicher Details wieder Ordnung und damit ein Bild der Geschichte entsteht.14
Auch in der vorliegenden Untersuchung macht ein Aufbau „von unten“ wenig Sinn: Die einfache Bevölkerung in den Herzogtümern hatte zumindest während des Krieges beziehungsweise während der Besatzungszeit, als sich Gewalt und Gewaltandrohung als das entscheidende Mittel zur Durchsetzung von Interessen manifestierte, zu wenig Möglichkeiten, selbst zu agieren; das Handeln der Menschen war vielmehr ein Reagieren auf Situationen, die ihnen vorgegeben wurden - und kann damit ohne den entsprechenden Kontext kaum als Konstitutivum für einen größeren historischen Zusammenhang erklärt werden.
In dieser Arbeit wird daher zwar dem Leiden der Bevölkerung eine große Bedeutung zugemessen, womit eine grundsätzliche Forderung der Alltagsgeschichte beziehungsweise der „Geschichte von unten“ erfüllt wäre, allerdings dürfen dabei die makrogeschichtlichen Zusammenhänge nicht aus den Augen verloren werden. Andernfalls würde der Ansatz in einer Geschichtsenklave ohne Relevanz für den historischen Rahmen enden.
Ein Bindeglied zwischen Mikro- und Makroebene - zumindest im Rahmen der vorliegenden Studien - soll unter anderem in der Vielschichtigkeit der schleswig-holsteinischen Bevölkerung gesehen werden: Wenn das Leiden einzelner beziehungsweise einer Gruppe untersucht wird, so kann es sich dabei schließlich umeinen Tagelöhner, um einen einfachen Beamten, etwa einen Kirchspielschreiber, um einen bedeutenden Beamten wie einen Amtmann oder auch um einen Vertreter der Ritterschaft handeln. Im zuletzt genannten Fall dürfte dieser, wie etwa Graf Fritz Reventlow, auch auf der makrogeschichtlichen Ebene bedeutsam sein; wenn aber das Gut des Adligen von feindlichen Truppen heimgesucht wird und diese Heimsuchung ihn ruinieren könnte, so befindet er sich auf der Ebene „unten“ oder besser: auf der Ebene des Leidenden. Die Grenze zwischen einfacher Bevölkerung und Elite ist insofern - abhängig von der jeweiligen individuellen Situation - fließend.15
Ohne makrohistorischen Überbau lassen sich zudem die Macht- und Verwaltungsstrukturen in den besetzten Herzogtümern Schleswig und Holstein nicht erklären, und diesem Gefüge kommt eine besondere Bedeutung für den Alltag der Menschen zu. Die Rundschreiben und Verfügungen der von den Befehlshabern eingesetzten Behörden sowie schriftliche und mündliche Befehle der Armeespitze hatten erheblichen Anteil an der Ausgestaltung des Lebens in dieser Zeit. Aber: Wie sich diese Anordnungen vor Ort, also bei konkreten Menschen in konkreten Situationen, auswirkten beziehungsweise wie mit ihnen auf unteren Ebenen umgegangen wurde, läßt sich gut in den alltagsgeschichtlich orientierten Rahmen einpassen.16
Speziell eine „Geschichte von unten“, die für die vorliegenden Studien als wichtiger Teilbereich der Alltagsgeschichte im weitesten Sinne begriffen werden soll, analysiert nach Lüdtke die Lebensverhältnisse und Lebensweisen der „Abhängigen und Ausgebeuteten“. Nach Lindqvist rückt dabei die Arbeit und der eigene Arbeitsplatz in den Mittelpunkt des Interesses.17
Diese Ansätze müssen insofern modifiziert werden, als daß die Bevölkerung der von feindlichen Truppen besetzten Herzogtümer nicht nur wirtschaftlich abhängigwar und im ökonomischen Sinne ausgebeutet wurde, sondern vielmehr unter weiteren Komponenten des Krieges wie etwa Gewalttätigkeiten oder Androhung von Gewalt - von Eley in einem etwas anderen Zusammenhang aber durchaus vergleichbar als „Kultur des Terrors“18 bezeichnet - zu leiden hatte. Auch soll sich die vorliegende Arbeit nicht allein auf die Aussagen der untersten Gesellschaftsschicht wie etwa Tagelöhner, Mägde oder Hilfsarbeiter stützen, soweit solche überhaupt vorliegen, sondern vielmehr auf die erhaltenen Zeugnisse aller betroffenen Gesellschaftsschichten in den Herzogtümern.
Jede Besetzung eines Landes im Gefolge kriegerischer Auseinandersetzungen ist in der Regel mit extremen Härten für die Bevölkerung verbunden - ganz abgesehen davon, daß die Furcht vor Krieg zu den großen Ängsten der Menschen gehören und somit ohnehin grundsätzlich als „Prüfung“ im negativen Sinne angesehen wird.19 Dabei können die Härten in Form körperlicher Gewalt, als Androhung von Gewalt oder auch als wirtschaftliche Sanktionen wie etwa Requisitionen auftreten.
Obwohl Menschen im Kosakenwinter getötet oder geschlagen wurden, zeigt eine Durchsicht aller für den relevanten raumzeitlichen Abschnitt zur Verfügung stehenden Quellen, daß wirtschaftliche Einbußen insgesamt als mindestens ebenso schlimme Übel empfunden wurden wie gewalttätige Übergriffe. Wenige Monate nach dem Feldzug, als der erste Schock überwunden war, galten die Verluste an Geld und Material bereits als das Hauptproblem des Kosakenwinters. Folgende Thesen lassen sich dabei als Begründung für die An- und Einsichten der Bevölkerung sowie das Hervorheben des wirtschaftlichen Aspekts aufstellen:
Wirtschaftliche Verluste hatten in der Regel langfristigere Auswirkungen als das brutale Verhalten der Soldaten.
Wirtschaftliche Verluste waren an der Tagesordnung, Übergriffe kamen dagegen nicht so häufig vor.
Wirtschaftliche Verluste entstanden nicht nur mit Billigung, sondern sogar auf Befehl der Armeespitze, während andere Vergehen zuweilen von vorgesetzten Offizieren bestraft wurden.
Im Falle von gewalttätigen Einquartierungen und mehr noch von Requisitionen waren die Grenzen zwischen wirtschaftlichen Einbußen und brutalem Verhalten verwischt, beides wurde zeitgleich registriert.
Von wirtschaftlichen Verlusten waren alle Menschen in den Herzogtümern betroffen, unter gewalttätigem Verhalten hatten nur wenige direkt zu leiden.
Durch die verfehlte Geldpolitik des Gesamtstaates hatte die Wirtschaft insgesamt bereits vor dem Einmarsch der Nordarmee stark gelitten, weitere Verluste wurden dementsprechend als doppelte Härte empfunden.
Hinzu kommt, daß der Krieg die Bewohner der Herzogtümer empfindlich gegenüber weiteren Belastungen gemacht hatte. Vermeintlich „kleinere“ Vergehen der einquartierten Soldaten, wie etwa mit rauchender Pfeife einzuschlafen und dabei einen potentiellen Brandherd zu bilden, wurden als zusätzliche Härten übermäßig stark empfunden.
Interessant ist jedoch nicht nur, wie und in welchem Ausmaß die Bevölkerung unter Krieg und Besatzung zu leiden hatte, vielmehr stellt sich zudem die Frage, von welchen Faktoren das Ausmaß des Leidens abhing. Individuelle Gründe lassen sich dabei aus der persönlichen Betroffenheit der Opfer ableiten. Wenn etwa ein Fuhrknecht von einem Kosaken ausgepeitscht wird, ist das Maß an Betroffenheit beim Fuhrknecht per se extrem hoch. Erfährt dagegen zum Beispiel ein Norburger Gutsbesitzer, der selbst während des Feldzuges keinen Soldaten zu Gesicht bekommen hat, davon aus der Zeitung, ist er nur allgemein, aber nicht persönlich betroffen.
Darüber hinaus stellen sich folgende Fragen im Hinblick auf die Stärke des Leidens:
Inwiefern spielten regionale Faktoren, zum Beispiel im Zusammenhang mit den militärischen Zielen und Einquartierungen, eine Rolle?
Waren innerhalb einer Region alle Bewohner gleichermaßen von körperlichen Sanktionen beziehungsweise wirtschaftlichen Einbußen bedroht? Oder gab es beispielsweise Berufsgruppen, die besser/schlechter behandelt wurden?
Wie wirkte sich Widerstand, aktiv oder passiv, auf die Aktionen der Soldaten aus?
Welchen Einfluß hatten Einheimische auf das Ausmaß von Gewalt oder wirtschaftlichem Verlust?
Wann immer die Bevölkerung beziehungsweise bestimmte Gruppen innerhalb der Bevölkerung als Nicht-Leidende im Zusammenhang mit dem Unterdrückungsmechanismus der Kriegs- und Besatzungsmacht betrachtet werden, taucht sofort das Problem auf, inwiefern diese Menschen mit den Feinden kollaborierten beziehungsweise wie sie sich einer geforderten Kollaboration entziehen konnten. Die Untersuchung wird zeigen, daß schon militärische Präsenz, stets verbunden mit einer latenten Androhung von Gewalt, die lokalen und regionalen Verwaltungen gefügig machte, während einzelne Personen ganz real mit gezücktem Säbel oder mit der Peitsche zur Mitarbeit gezwungen wurden. Darüber hinaus gab es Verwaltungen wie den Husumer Magistrat und Einzelpersonen wie den Gutsbesitzer von Schleiden, die aus Furcht oder aber aus Eitelkeit über das geforderte Maß hinaus den Interessen der Nordarmee dienlich waren.
Mit Hilfe furchtsamer lokaler Institutionen und neu gebildeter regionaler Ersatzbehörden verstand es die Armeespitze, innerhalb weniger Wochen ein Ausbeutungssystem aufzubauen, das zum einen die Versorgung der Armee garantierte und zum anderen die Herzogtümer wirtschaftlich aussaugte. In diesem Zusammenhang ist es ein Ziel dieser Untersuchung, das Versorgungssystem zu analysieren und dabei die neuen, allerdings nur kurzfristig haltbaren Macht- und Verwaltungsstrukturen aufzuzeichnen, die einen erheblichen Einfluß auf das Leben und Leiden der Landesbewohner hatten.
Einige Teile der aus vielen verschiedenen Truppen bunt zusammengewürfelten Nordarmee gaben sich jedoch nicht mit den von der Generalität veranlaßten Versorgungsstrukturen zufrieden. Je nachdem, um welche Truppen es sich handelte, wandten die Soldaten in den von ihnen besetzten – oder besser: heimgesuchten – Dörfern, Flecken und Städten ihre eigenen Methoden an, um sich zu versorgen. Dabei unterschieden sich die Einheiten unter anderem durch das Maß an Brutalität, mit dem sie vorgingen. Vor allem von Kosaken und anderen Truppen des russischen Reiches wurden eher Übergriffe erwartet als beispielsweise von den deutschen Einheiten. Inwiefern die Erwartungen der Bevölkerung erfüllt wurden, soll im Rahmen der vorliegenden Untersuchung überprüft werden, ergänzt durch eine Analyse der Gründe für das Fehlverhalten mancher Soldaten. Dabei soll es jedoch nicht darum gehen, die Soldaten unisono in ein schlechtes Licht zu rücken und sie - sozusagen aus heutiger Sicht - moralisch abzuqualifizieren. Im Mittelpunkt steht vielmehr die differenzierte Beurteilung der einzelnen Truppenteile aus Sicht der betroffenen Bevölkerung, soweit sie sich in den Quellen niederschlägt.
Die Verhältnisse während des Kosakenwinters aus Sicht der schleswig-holsteinischen Bevölkerung lassen sich anhand einer Vielzahl von ungedruckten und gedruckten Quellen erschließen. Das Hauptproblem bei der Materialbeschaffung für das zu bearbeitende Thema ist insofern keineswegs der Mangel an Informationen, sondern vielmehr die Sichtung der großen, offenbar seit vielen Jahren nicht mehr bewegten Aktenberge sowie das Filtern der wesentlichen Aussagen. Soweit es die relevanten Akten der Zeit betreffen, lagern die Hauptbestände im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv in Schleswig sowie im dänischen Reichsarchiv in Kopenhagen.
In Schleswig bieten die Akten der Statthalterschaft, der Deutschen (Schleswig-Holsteinischen) Kanzlei, der Rentenkammer und der Ritterschaft, vor allem aber die regionalen Aktensammlungen eine große Menge brauchbares Material. Zahlreiche Berichte und Briefe an vorgesetzte Behörden, zudem mit langen Requisitionslisten versehen, ermöglichen ein Bild von den wirtschaftlichen Verlusten, die die Menschen während des Feldzuges erlitten.20
Weitere Akten der Deutschen Kanzlei, darunter diejenigen, die das Militärwesen von 1770 bis 1849 dokumentieren, lagern in Kopenhagen.21 Darüber hinaus sind die Originalunterlagen aller im Zusammenhang mit dem Feldzug und der Besetzung Schleswig-Holsteins errichteten Kommissionen im Reichsarchiv zu finden, darunter die Akten der provisorischen Verwaltungskommission und der Kommission zur Untersuchung der Kriegsschäden in den Herzogtümern.22
In den kleineren schleswig-holsteinischen Regionalarchiven, zum Beispiel in Kiel, Husum, Itzehoe und Glückstadt, sind weitere relevante Quellen zu finden, bei denen es sich zum Teil um Abschriften von Berichten an die Kommissionen handelt, aber auch um die Antwortschreiben der vorgesetzten Behörden. Zudem enthalten einige der dort gelagerten Akten - wie im übrigen auch zahlreiche Regionalakten im Landesarchiv - die Briefe und Verlustanzeigen betroffener Bürger.23
Unter der großen Anzahl von Verwaltungsvorgängen ragen beim Archivmaterial besonders die Berichte hervor, die die Städte, Landschaften und Distrikte nacheiner Verfügung vom 3./4. Februar 1814 an die vorgesetzten Behörden beziehungsweise an den König abzusenden hatten.24
Originale oder Abschriften dieser zumeist aussagekräftigen Berichte befinden sich im Reichsarchiv, im Landesarchiv, aber auch in Regionalarchiven.25 Ein Teil ist zudem als Anhang des Aufsatzes „Ereignisse und Verhältnisse in den Herzogtümern Schleswig und Holstein während der Invasion 1813/14“ von K. C. Rockstroh wörtlich abgedruckt und insofern für diese Arbeit herangezogen worden.26
Einschränkungen müssen jedoch bei der Bewertung der Aussagen in diesen Texten gemacht werden. Die Verfasser der Briefe, also vor allem höhere lokale Verwaltungsbeamte vom Polizeimeister bis zum Bürgermeister beziehungsweise Amtmann, hatten eindeutige Interessen: Zum einen bemühten sie sich, ihr eigenes Verhalten in einem guten Licht dastehen zu lassen, um nicht als Kollaborateure zu gelten, zum anderen versuchten sie, die Verluste besonders hoch zu beziffern, da sie mit einer eventuellen Entschädigung auf der Grundlage ihrer Berichte rechnen durften.
Vom Gehalt her als ehrlicher und daher auch als realistischer sind Tagebücher beziehungsweise erhaltene Tagebuchauszüge anzusehen, wenn es um die Ansichten, Gefühle und Erlebnisse der Bevölkerung geht. Sie unterlagen keinerlei Zensur, und sie mußten nicht wie die offiziellen Texte im Hinblick auf Entschädigung oder gar Strafverfolgung auf den eigenen Vorteil bedacht sein, es sei denn, der Verfasser hatte von vornherein die Absicht, sein Tagebuch zu veröffentlichen, oder aber er redigierte den Inhalt vor einer Veröffentlichung. Beispiele für tagebuchartige Aufzeichnungen, in denen der Kosakenwinter einen hervorragenden Platz einnimmt, sind die bislang unveröffentlichte und in Privatbesitz befindliche Chronik des Friedrichsgabekooger Bauern Johann Johannsen, das Tagebuch des Arztes Dr. Johannes Nicolaus Rohde über die Belagerung Glückstadts sowie Johann Schwarcks „Geschichte der für die Stadt Wilster so denkwürdigen Zeit von Juni 1813 bis den 31. Juli 1815“.27
Auszüge aus Tagebüchern sind zudem in Zeitschriften abgedruckt und wie im Fall des Emkendorfer Gutsverwalters Bendixen in einen kommentierenden Artikel eingegliedert worden, ohne daß der Originaltext zerstückelt worden wäre.28
Eine andere Sichtweise, nämlich die eines in dänischen Diensten stehenden Soldaten, stellt sich in den knapp hundert Jahre später erstmals veröffentlichten Aufzeichnungen von Hans Peter Feddersen („Das merkwürdigste Jahr meines Lebens“) dar.29 Deutlich als Rechtfertigung seines eigenen Handelns, aber auch das seines Königs muß dagegen das vom dänischen Major Graf Dannskiold Löwendal autobiographisch abgefaßte Buch mit dem Titel „Der Feldzug an der Niederelbe in den Jahren 1813 und 1814“ angesehen werden.30 Im Gegensatz dazu bemühte sich Johann Georg Rist, ein holsteinischer Diplomat in dänischen Diensten, in seinen „Lebenserinnerungen“ stärker um eine neutrale Sichtweise. Als Mitglied der Kommission zur Wiederbesitznahme der Herzogtümer besaß er zudem Informationen aus erster Hand und konnte daher die Gesamtsituation gut einschätzen.31
Problematisch wird jedoch grundsätzlich die Nutzung dieser Quellen, wenn der jeweilige Autor eigenes Erleben und Hörensagen vermischt. Dies führt gelegentlich zu Unrichtigkeiten, die durch kritische Gegenrecherche oder Plausibilitätsprüfungen, soweit dies möglich ist, herausgefiltert werden müssen. Dennoch geben auch diese Werke anschaulich wieder, wie die Autoren den relevanten, für sie so bewegenden Zeitraum erlebten, und kommen vom Ansatz her am ehesten einer „Geschichte von unten“ entgegen.32
Auch die „andere Seite“ in diesem Konflikt, also die Sichtweise der für die Schleswig-Holsteiner feindlichen Soldaten, ist anhand einer Vielzahl von Quellen gut nachzuvollziehen. Zahlreiche Texte, die von Angehörigen oder Begleitern der Nordarmee niedergeschrieben wurden, stützen sich vorwiegend auf eigene Erlebnisse. Philipp Boyes „Feldzug der Hanseaten in den Jahren 1813 und 14“, Agnes und Wilhelm Perthes’ Erinnerungen im Buch mit dem irreführenden Titel „Aus der Franzosenzeit in Hamburg“ sowie Selunskis übersetzte „Aufzeichnungen von unserem Feldzug“ sind interessante Beispiele für diese Quellenform.33
Darüber hinaus gibt es eine Reihe von militärhistorischen Werken von Kriegsteilnehmern, die insofern teilweise lediglich als Sekundärquellen gewertet werden dürfen, als die Verfasser ihre Erkenntnisse teils aus eigenem Erleben, teils aber aufgrund von Hörensagen gewonnen haben. Zu dieser Kategorie von einseitigen und oft rechtfertigenden Texten zählt die „Geschichte der Kriege an der Niederelbe im Jahre 1813“, verfaßt von Christian Ludwig Enoch Zander. Der Autor gehörte als Oberjäger dem preußischen Freikorps v. Lützow an und nahm an den Kampfhandlungen in Holstein teil. Sein Bericht fällt dementsprechend freikorps-freundlich aus. In die gleiche Kategorie gehört auch Varnhagen von Enses „Geschichte der Kriegszüge des Generals Tettenborn während der Jahre 1813 und 1814“, ein Buch, das bezeichnenderweise dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. gewidmet ist.34
Die militärhistorischen Darstellungen, die den Feldzug der Nordarmee in Holstein und Schleswig erwähnen und überwiegend älteren Datums sind, halten sich nicht lange beim einfachen Soldaten und schon gar nicht bei der Bevölkerung auf. Gefechte, Nachschubfragen, Truppenbewegungen und die Befehle der Generäle und Stabsoffiziere bestimmen das Bild, das sich hierbei vom Kosakenwinter ergibt. Zwei Beispiele für diese Kategorie sind die militärgeschichtlichen Bücher von Friedrich Carl Rode, „Kriegsgeschichte Schleswig-Holsteins“ (1935) und „Kriegsgeschichte der Festung Glückstadt“ (1940). Die Bände, die mit einer Füllevon Detailinformationen aufwarten, sind außerdem geprägt von einem preußischen, geradezu säbelrasselnden Militarismus, wobei sich zudem russenfeindliche Tendenzen offenbaren.35
Die Bewegungen der Nordarmee, ihre Zusammensetzung und Taktik sind bereits im vergangenen Jahrhundert aus militärischer Sicht analysiert und detailliert niedergeschrieben worden. An erster Stelle ist dort das dreibändige Werk des Offiziers Barthold von Quistorp zu nennen, der die Geschichte der Nordarmee im Auftrag des preußischen Generalstabes verfaßte und 1894 veröffentlichte, sich aber bei der politisch-militärischen Bewertung der Geschehnisse einseitig gegen Bernadette ausspricht. Zahlreiche Informationen im Hinblick auf den Aufenthalt einzelner Truppen in der Region sind jedoch gut verwertbar, ebenso die im Anhang abgedruckten Auflistungen der Truppenteile.36 Aus Sicht des dänischen Militärs ist der Feldzug im vom Generalstab herausgegebenen Werk „Meddelelser fra Krigsarkiverne“ wiedergegeben, das neben dänischsprachigen Analysen auch zahlreiche deutschsprachige Berichte von Zeitgenossen enthält. Allerdings: Auch diese Bände stammen aus dem 19. Jahrhundert. 37
Zum Thema Kosakenwinter aus Sicht der Bevölkerung Schleswig-Holsteins gibt es bis heute keine Monographie. Lediglich für das Kirchspiel Katharinenheerd liegt ein 1931 erschienenes volkstümliches Bändchen von Otto Hintze vor, das das Thema allerdings auf ein kleines Territorium beschränkt und zudem nicht als beispielhaft für die Herzogtümer gelten kann.38 In Gesamtdarstellungen wie in der zehnbändigen „Geschichte Schleswig-Holsteins“39 oder, um ein weiteres Beispiel zu nennen, in Otto Brandts Standardwerk mit dem gleichen Titel40 werden der Kosakenwinter erwähnt und die Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung zumindest angerissen. Darüber hinaus taucht der Begriff in einer Reihe von lokalhistorischen oder heimatkundlichen Aufsätzen auf, wobei sich die Autoren in den meisten Fällen auf einen Distrikt, eine Stadt oder einen relativ kleinen Personenkreis beschränken.41
Auch in einigen Dorf- und Stadtchroniken wird dem Kosakenwinter eine gewisse Bedeutung zugemessen. Allerdings gehen die Autoren wie in den erwähnten Aufsätzen lediglich auf lokal begrenzte Aspekte des Zeitraums ein. Zudem gibt es große Unterschiede in der Qualität der Chroniken, die nicht an ein Expertenpublikum gerichtet sind, sondern ein Stück Heimatgeschichte für die Bewohner eben dieser Heimat wiedergeben. Die Arbeit der Heimatforscher soll jedoch nicht geschmälert werden. Viele Archive wurden von ihnen durchforstet, die Ergebnisse zu Papier gebracht, ohne daß diese strengen wissenschaftlichen Kriterien standhalten müßten. Es gibt jedoch auch wissenschaftlich einwandfreie Arbeiten, wie etwa die von Irmisch über Itzehoe oder Hoop über Rendsburg, in denen die regionalen Besonderheiten auch für den relevanten Zeitraum sauber herausgearbeitet wurden.42
Viele weitere Werke, die sich in zumeist knapper Form mit dem Kosakenwinter auseinandersetzen, sind mit wenigen Ausnahmen bereits älteren Datums und müssen daher selbst bereits als Zeugnisse ihrer Zeit angesehen werden. Einige Gesamtdarstellungen, Monographien und Aufsätze zeichnen sich zum Beispiel durch eine mehr oder minder deutliche Russenfeindlichkeit aus.43 Im Falle von Koopmanns 1939 erschienenem Buch „Deutsch und Dänisch um die Wende des 18. Jahrhunderts“ ist sogar eine deutlich nationalsozialistisch geprägte, antisemitische Geschichtsschreibung zu erkennen.44
In Einzelfällen, vor allem wenn es um den Kosakenwinter geht, stellen Bücher dieser Couleur insofern den „jüngsten“ Stand der Forschung dar, als später zum Thema kaum noch etwas erschienen ist. Angesichts der ideologisch entgleisten und in den Dienst der jeweiligen Machthaber gestellten Meinungsdarstellungen in diesen Werken erscheint eine Neubewertung der Ereignisse unabdingbar.
Da die Entwicklung, die schließlich im Feldzug 1813/14 mündete, ihren Anfangspunkt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der dänischen Außenpolitik hatte, liegt es nahe, sich dem Kosakenwinter „von oben,“ also orientiert an makrohistorischen Zusammenhängen, zu nähern. Ohne diese Voraussetzungen, die den Einmarsch der Armee unter Karl Johann zur Folge hatten, ließen sich kaum die Umstände des Feldzuges und der Besatzungszeit erklären.
Zunächst soll daher geklärt werden, welche Faktoren den dänischen Gesamtstaat auf die Seite Napoleons trieben, während der gebürtige Franzose Bernadotte als ehrgeiziger schwedischer Kronprinz zu den Alliierten hielt und sich zudem den Erwerb Norwegens als Lohn für seine Bündnistreue erhoffte. Über diese außenpolitischen Aspekte hinaus wird im gleichen Kapitel der wirtschaftliche Niedergang in den Herzogtümern Schleswig und Holstein kurz untersucht, um aufzuzeigen, daß die Soldaten beim Einmarsch keineswegs ökonomisch intakte Provinzen vorfanden, sondern eine Region mit einer durch die vorhergehenden Ereignisse angeschlagenen Wirtschaft. Darüber hinaus müssen die ersten kriegerischen Auseinandersetzungen mit dänischschleswig-holsteinischer Beteiligung erläutert werden, da sich in den ersten Kämpfen Animositäten entwickelten, die während des Kosakenwinters und auch später nicht ohne Folgen bleiben sollten.
Wenngleich sich die oben erwähnten militärhistorischen Werke bereits ausführlich dem Feldzug sowie der anschließenden Belagerung Hamburgs von holsteinischem Boden aus gewidmet haben, ist es doch notwendig, die kriegerischen Ereignisse aus einem kritisch-distanzierteren Blickwinkel zusammenzufassen. Zudem gehören die Berichte über diesen Nebenkriegsschauplatz keineswegs zu den besonders leicht zugänglichen Informationen. Die Beschreibung der militärischen Vorstöße hat jedoch nicht nur die Funktion, die Geschehnisse in ihrer zeitlichen Abfolge und in ihrer Kausalität darzustellen, vielmehr wird außerdem deutlich gemacht, welche Truppen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Distrikt aufhielten und in welcher Stimmung sie aufgrund möglicher vorangegangener Strapazen waren - Fakten, die für die jeweils betroffene Bevölkerung eine herausragende Bedeutung hatten. Bestandteil des Kriegskapitels ist eine Beschreibung der Armee des Kronprinzen, wobei als Schwerpunkte die sogenannten „irregulären“ Einheiten - Freikorps, Hanseaten, Russisch-Deutsche Legion und Kosaken - gewählt wurden, da sich das Augenmerk der Schleswig-Holsteiner besonders auf diese Truppen richtete.
Die Beschreibung und Bewertung der Macht- und Verwaltungsstrukturen, die sich kurzfristig während der Besatzungszeit herausbildeten, und die außerordentliche Verwaltung in der Übergangszeit nach dem Kieler Frieden führen schließlich von den stärker gesamtgeschichtlich geprägten Abschnitten aus militärhistorischer Sicht zu den Bereichen, in der die Betroffenheit der Bevölkerung stärker zum Ausdruck kommt. Dabei werden unter anderem die Auswirkungen von Befehlen der Armeespitze und Verfügungen der vom Militär eingesetzten Verwaltungen, im Sinne Eleys durchaus auch „Medien möglichen Widerspruchs“45, anhand konkreter Beispiele beschrieben.
Trotz aller Versuche der eingesetzten Verwaltungen, die Unterbringung und Versorgung der feindlichen Armee zu regeln, waren es besonders Einquartierungen und Requisitionen, die den Bewohnern der Herzogtümer das Leben schwer machten. Welche Formen der Einquartierung es gab, welche Gebiete besonders betroffen waren und wie sich Einquartierungen im weiteren Verlauf des Jahres 1814 darstellten, sind zentrale Fragen im Zusammenhang mit der konkreten Lage der Schleswig-Holsteiner, die ausführlich in einem eigenen Kapitel beantwortet werden sollen.
Von gleicher Bedeutung sind die Requisitionen, die die Truppen zuweilen mit Waffengewalt durchsetzten, um sich - auch ohne Nachschublinien - aus dem besetzten Land heraus mit Nahrungsmitteln, Uniformen und Transportmitteln, aber auch mit Geld zu versorgen. Je nach militärischer Zugehörigkeit und Region wurden die Formen der Requisition unterschiedlich gehandhabt, die Grenzen zwischen militärisch notwendiger Versorgung und einfachem Raub verwischten sich. Wie sich in diesem Abschnitt zeigen wird, war es diese Art der „Selbstbedienung“, die den Landesbewohnern die größten Verluste bescheren sollte und somit besonders stark in ihr Leben eingriff.
Die Bedrohungen von Leib und Leben bildeten schließlich die unrühmlichen Höhepunkte bei der Besetzung des Landes. Selbst wenn es zu keinen kriegerischen Auseinandersetzungen kam, waren Gewalttätigkeiten und Raub allgegenwärtig; beides wurde von der Bevölkerung und zuweilen auch von den Offizieren der Besatzungsmacht als Verstoß gegen geltendes, allerdings nicht klar definiertes Recht verstanden.
Im Zusammenhang mit den Übergriffen soll eine Analyse die Gründe für das Verhalten der Soldaten aufzeigen, die als eine Voraussetzung für eine Betrachtung des Verhältnisses zwischen Bewohnern und Besatzern dient. Dabei werden nicht nur die Bewertungen der einzelnen Truppen aus Sicht der Schleswig-Holsteiner und ihre Ansichten über vermeintlich unverständliche oder verfehlte Handlungen der Soldaten erörtert, auch das Verhalten der Landesbewohner selbst bedarf einer kritischen Betrachtung, wobei Fragen des Widerstandes oder der Kollaboration im Mittelpunkt stehen.
Bei der Betrachtung der Folgen des Krieges spiegelt sich das System der gesamten Untersuchung noch einmal im kleinen wider. Einer Beschreibung der außenpolitischen und wirtschaftlichen Folgen im makrohistorischen Bereich schließen sich Betrachtungen über unzureichende Regulierungsversuche durch den Staat und deren konkrete Auswirkungen auf die vom wirtschaftlichen Ruin bedrohten Schleswig-Holsteiner sowie ein Blick auf die soziale Not, politische Verbitterung und - wenn es zum Beispiel um Verbrechen ging - sehr persönlichen Folgen des Kosakenwinters an.
Zum Abschluß dieser Arbeit sollen die eingangs aufgestellten Thesen überprüft und die Ergebnisse der Studien zusammengefaßt werden.
Als die Herzogtümer Schleswig und Holstein 1813/14 zum Schauplatz eines kurzen Krieges und einer langen - oder zumindest als lang empfundenen - Besatzungszeit wurden, lagen diese Ereignisse keineswegs am Anfang, sondern vielmehr am Ende einer langen Kette von außenpolitischen Verwicklungen, die zum einen durch das Machtstreben der großen Kontrahenten der napoleonischen Ära verursacht, zum anderen durch die dänische Außenpolitik in eine unglückliche Richtung gelenkt worden war. Der Ursprung der für Schleswig-Holstein so verhängnisvollen Entwicklung lag mehr als ein Jahrzehnt zurück, als sich der französisch-englische Konflikt zu manifestieren begann und Dänemark aufgrund seiner Lage und seiner großen Flotte von beiden Parteien gleichermaßen umworben wie gefürchtet wurde.
Die Außenpolitik Kopenhagens war zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dem Bemühen gekennzeichnet, die Neutralität, die dem Gesamtstaat jahrzehntelang Frieden und Wohlstand gesichert hatte, zu wahren und kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden. Doch beides sollte dem regierenden Kronprinzen Friedrich und seinem Außenminister Graf Christian Bernstorff nicht gelingen.1
Als Schachzug mit fatalen Folgen erwies sich zunächst das Neutralitätsbündnis mit Schweden, Preußen und Rußland, das am 16. Dezember 1800 geschlossen wurde. Die Regierung hegte die Hoffnung, der Pakt würde die dänischen Schiffe vor Übergriffen durch die Engländer schützen; denn in den Monaten zuvor hatte die britische Marine in den europäischen Gewässern alle Schiffe auf Konterbande hin kontrolliert, um zu verhindern, daß das verfeindete Frankreich mit Waffen oder Lebensmitteln versorgt würde.
Doch der Vertrag erwies sich als das falsche Mittel, um gegen England vorzugehen. Als Reaktion ließ London alle in britischen Häfen liegenden Schiffe der Bündnisstaaten beschlagnahmen, besetzte vorübergehend die dänisch-westindischen Inseln und blockierte zudem zeitweise die Elbmündung.2 Die entscheidende „Antwort“ Englands auf das Bündnis war jedoch der erste Angriff auf Kopenhagen. Anfang April 1801 tauchte im Sund ein britisches Geschwader unter den Admiralen Hyde Parker und Horatio Nelson auf, um Dänemark zum Austritt aus dem Neutralitätspakt zu zwingen. Vor der Reede von Kopenhagen kam es zu einer blutigen Seeschlacht, in der die Dänen chancenlos waren. Schätzungen zufolge verzeichneten sie 1000 Tote und Verwundete; 2000 Männer wanderten in Gefangenschaft. Auf der anderen Seite beklagten jedoch auch die Engländer trotz ihrer militärischen Überlegenheit zahlreiche Tote und Verwundete.3
Die bittere Niederlage hatte noch Jahre danach Einfluß auf das Denken und die Gefühle der Verlierer. Christian Degn vertritt die Ansicht, der Angriff habe nicht nur das dänische Nationalgefühl, sondern auch bei vielen deutschen Untertanen den zuvor nur rudimentär vorhandenen Gesamtstaatspatriotismus geweckt.4 In Holstein drückte sich der Einstellungswandel unter anderem in Form freiwilliger Beiträge für den Wiederaufbau der Flotte aus, wie sie etwa von der Stadt Wilster und ihren Bürgern geleistet wurden.5
Trotz weiterer Neutralitätsbemühungen wurde der Gesamtstaat in den folgenden Jahren von zwei Seiten bedroht: Die Franzosen, die Hannover und Lauenburg, später auch Hamburg besetzt hatten, standen mit ihren Truppen an der Südgrenze Holsteins, während die britische Marine die Seeherrschaft über weite Bereiche der Nord- und Ostsee ausübte. 1807 erhöhte Napoleon den Druck auf die dänische Regierung, indem er offen mit einem Einmarsch des Armeekorps unter Marschall Bernadotte drohte. Auf der anderen Seite stellte England Dänemark ein unannehmbares Ultimatum: Kopenhagen sollte seine Flotte in britisches Gewahrsam übergeben und die Stationierung von Soldaten auf Seeland genehmigen.6
Als der dänische Kronprinz zögerte, brach der englische Unterhändler Sir Francis Jackson die diplomatischen Beziehungen ab. Kurz darauf erschien erneut ein britischer Flottenverband vor Kopenhagen, der noch während der Verhandlungen in Richtung Sund ausgelaufen war. Die darauf folgenden Kampfhandlungen waren ebenso kurz wie blutig. Teile Kopenhagens wurden zunächst durch ein Bombardement von Seeseite in Schutt und Asche gelegt und schließlich von einer englisch-hannoverschen Landstreitmacht unter Sir Arthur Wellesley, dem späteren Herzog von Wellington, besetzt. Neben sämtlichen noch brauchbaren Schiffen schafften die Sieger auch wertvolles Material aus den Magazinen fort und verbrannten die für den Schiffbau erforderlichen Materialien.7
Kurz darauf erlitt der Gesamtstaat weitere Rückschläge: Britische Soldaten besetzten sowohl Helgoland als auch die westindischen Kolonien - und beraubten so Dänemark zweier Quellen seines Wohlstandes.8
Zwei Kriegsziele hatte England mit dem brutalen Angriff auf die Hauptstadt erreicht: Dänemark war nun nicht mehr in der Lage, den Briten zur See ernsthaft gefährlich zu werden; außerdem errang das Empire die alleinige Herrschaft auf der Ostsee. Auf ihre Seite hatten sie Dänen und Schleswig-Holsteiner jedoch nicht ziehen können.
Im Gegenteil: Entsetzen und Abscheu trieben den Gesamtstaat und seine Regierung - und zwar mit Billigung seiner Bürger - nun erst recht in die offenen Arme Napoleons. Am 31. Oktober 1807 schlössen Vertreter Dänemarks und Frankreichs in Fontainebleau einen Vertrag über gegenseitige militärische Hilfe, nachdem Kronprinz Friedrich Napoleon in einem persönlichen Brief um „Rache“ gebeten hatte.9
Degn zählt diesen zweiten britischen Überfall auf Kopenhagen zu den „umstrittensten historischpolitischen Problemen“ der europäischen Geschichte des frühen 19. Jahrhunderts und wirft die Frage auf, ob die dänische Außenpolitik zu wenig geschmeidig oder das Vorgehen Jacksons zu brutal war. Der Autor vermutet, daß Kopenhagen für Konstantinopel büßen mußte: Beim Versuch, die Stadt am Bosporus zu besetzen, hatten die Engländer zu lange mit den Türken verhandelt und dadurch einen Mißerfolg erlitten; das sollte sich an den „Ostsee-Dardanellen“ nicht wiederholen. In der Tat ist die Frage berechtigt, ob Großbritannien seine Zielsetzung nicht auch auf politischem Gebiet erreicht hätte, zumal besonders die Brüder Bernstorff, die auf die dänische Politik großen Einfluß hatten, tendenziell als anglophil galten.10
Nicht nur die Regierung in Kopenhagen, auch die Bevölkerung in den Herzogtümern reagierte auf den britischen Angriff sowie den Flottenraub nach Zeitzeugenberichten mit Abscheu und Racheakten gegen Engländer und hannoversche Beamte, die sich zu dieser Zeit gerade im Land aufhielten.11
Ebenso ungern sahen die Schleswig-Holsteiner und Dänen jedoch die nunmehr befreundeten fremden Truppen - Franzosen, Spanier und Niederländer -, die kurz darauf ins Land kamen. Obwohl die Franzosen auf der gleichen Seite kämpften und Napoleons militärische Siege durchaus bejubelt wurden, empfanden die Schleswig-Holsteiner die Einquartierungen als Last, zeitweise sogar als „Besetzung“. Der aus Holstein stammende Diplomat Johann Georg Rist bemerkt dazu:
„Wir waren in Dänemark sehr neu, oder sehr unbesonnen, um solche Nachbarn hereinzurufen, aber es war geschehen; mit grenzenloser Freigebigkeit, freilich unter Zusicherung der Erstattung, waren Beköstigung, Sold und Tafelgelder von Dänemark übernommen worden; es ward z. B. ein Mark täglich für den Mann vergütet, die Offiziere und Generale nach gleichem Verhältnis; ein Heer blutsaugender oder speziesverschlingender Zivilbeamter, commisaires de guerre, des vivres, payeurs, inspecteurs aux revues, denen allen zum Vorteil ihrer Tasche erhöhte Grade beigelegt waren, begleiteten das Heer, das sich wohlgemut wie in dem Lande Gosen befand.“12
Auf unfreiwillige Weise bekamen die Bewohner der Herzogtümer also bereits in den Jahren 1808 und 1809 einen Vorgeschmack darauf, was es bedeutet, fremde Soldaten beherbergen, auszurüsten und beköstigen zu müssen - selbst wenn es sich dabei um nominell „befreundete“ Truppen handelt.
Während sich Dänemark auf die Seite Frankreichs treiben ließ, dort verharrte und somit letztendlich in den Sog der Niederlagen Napoleons geriet, begannen andere Staaten, ihre Bündnispolitik neu auszurichten. Im Hinblick auf die spätere Besetzung Schleswig-Holsteins spielte dabei die sich bereits seit 1810 anbahnende Allianz Schwedens mit Rußland die größte Rolle.
Kronprinz Karl Johann bemühte sich um einen Ausgleich für das im russisch-schwedischen Krieg 1808/09 verlorene Finnland. Im Idealfall sollte das zum Gesamtstaat gehörende Norwegen als territoriale Entschädigung dienen, zumal Dänemark als Verbündeter Frankreichs im Kriegsfall ohnehin einen potentiellen Feind darstellen würde. Gleichzeitig suchte Zar Alexander I. nach Verbündeten gegen Napoleon und versuchte zudem, die schwedische Regierung von einem Wiedererwerb des verlorenen Landes abzulenken. Am 5. April 1812 kam es zu einem ersten russischschwedischen Geheimvertrag, dem am 3. Mai auch die Briten beitraten. In Artikel VI heißt es darin:
„Da also Schweden Norwegen erhalten soll, bevor es sich an der verabredeten Diversion betheiligt, so wird der Kaiser das russische Armeekorps Schweden im Verein mit dem schwedischen Heer für die dem Zweck entsprechenden Unternehmungen zur Verfügung stellen.“13
England, dem die Rolle einer militärischen Unterstützungsmacht zugedacht war, blieb im Hinblick auf die Norwegen-Frage zunächst skeptisch, zumal sich London mit hohen Subsidienforderungen des Kronprinzen konfrontiert sah.14 Unterdessen wurde das russisch-schwedische Bündnis beim Treffen des Zaren mit Bernadotte in Åbo Ende August 1812 noch erweitert. Dem Vertrag zufolge verpflichtete sich Rußland, 35.000 Mann Hilfstruppen und ein 1,5-Millionen-Rubel-Darlehen für die Eroberung Norwegens zur Verfügung zu stellen. Im Gegenzug erklärte sich Schweden unter anderem bereit, russische Feldzüge gegen Napoleon in Norddeutschland zu unterstützen.15
Während des französischen Rußlandfeldzuges verhielt sich Schweden zurückhaltend; erst am 23. März 1813 erklärte es Frankreich den Krieg - ein Zeitpunkt, an dem sich die Reste der napoleonischen Truppen auf dem Rückzug in Richtung Frankreich befanden und andere europäische Staaten bereits die Seite gewechselt hatten. Zudem hatte sich England in einem Subsidienvertrag bereit erklärt, einen Teil der schwedischen Kosten bei der Teilnahme an einem Feldzug zu tragen und Schweden bei seinen Unternehmungen zum Erwerb Norwegens zu unterstützen. Mit einiger Verzögerung entschloß sich auch Preußen, Bernadotte bei seinen Unternehmungen zu helfen; im Gegenzug sollte Schweden Preußen bei der Abrundung seines Territoriums militärische Hilfestellung gewähren. In dem bis Ende Juli ausgehandelten Vertrag verpflichtete sich der König, ein Korps von 27.000 Mann unter den Oberbefehl des schwedischen Kronprinzen zu stellen. Österreich lehnte dagegen die Pläne, die Dänemark schaden sollten, ab.16
Insgesamt hatte Bernadotte jedoch sein erstes Ziel erreicht: Für die Teilnahme am Krieg gegen Napoleon erhielt er weitreichende Zusagen wichtiger Alliierter bei der Verwirklichung seiner Pläne. Der Grundstein für eine Eroberung Norwegens in Schleswig-Holstein war gelegt.
Trotz der Versprechungen gegenüber Bernadotte bemühte sich die antinapoleonische Allianz um eine Verständigung mit Dänemark. In mehreren Verhandlungsrunden, an denen vor allem Rußland und England beteiligt waren, wurden Kopenhagen als Ausgleich für das von den Alliierten bereits als verloren angesehene Norwegen zunächst Mecklenburg und Pommern, schließlich die norddeutschen Hansestädte und weitere Gebiete im Nordwesten Deutschlands angeboten. Friedrich VI., 1808 zum König gekrönt, lehnte jedoch jeden Vorschlag ab.
Den Schleswig-Holsteinern wurde spätestens im Frühjahr 1813 deutlich, in welche Lage sie zu kommen drohten. So schrieb Geheimrat Carl Wendt am 13. April an Graf Christian Detlev Friedrich Reventlow geradezu prophetisch:
„Unsere Lage ist beinahe verzweifelt. England wird es uns nicht vergeben, dass wir es versucht haben, mit ihnen, obgleich es noch sehr von weitem, in Schiffarth und Handel zu wetteifern, und noch weniger, dass wir uns unterstanden, uns ihnen zu widersetzen. Sie wollen uns nun so klein machen, dass keiner von diesen Gedanken je wieder bey uns aufsteigen kan.“17
Ungeachtet solcher warnenden Stimmen schloß der dänische König im Juli 1813 erneut eein Bündnis mit Napoleon (Vertrag von Dresden).18 Die bewegliche Armeedivision, ein etwa 10.000 Mann starkes Auxiliarkorps, sollte unter dem Oberbefehl von Marschall Davout19 gegen die Alliierten vorgehen.
Im Oktober 1813 gipfelte die Bündnistreue schließlich darin, daß Dänemark Rußland und Preußen den Krieg erklärte. In einer Bekanntmachung vom 5. Oktober 1813, die in allen Kirchen des Gesamtstaates verlesen werden mußte, rechtfertigte König Friedrich VI. seine Politik und bereitete die Bevölkerung auf einen „Verteidigungskrieg“ vor. In der Proklamation warf er Schweden vor, den Frieden gebrochen zu haben, um sich Norwegen anzueignen.20
Die dänische Treue zum napoleonischen Frankreich sowie die fortdauernde französische Besetzung Hamburgs gab Bernadotte die Argumente in die Hand, um nach der Leipziger Völkerschlacht mit seiner Armee in Richtung Norden zu marschieren. Der frühere Marschall, der sich ohnehin schwertat, direkt gegen Franzosen zu kämpfen, argumentierte gegenüber den Alliierten damit, daß auch ein Feldzug gegen die Besatzungstruppen in der Hansestadt sowie die Befreiung des königlich-englischen Erblandes Hannover zum Sturz Napoleons beitragen würden.
Nach einem Briefwechsel erklärte sich Alexander I. schließlich mit dem Vormarsch der Nordarmee einverstanden und gab dem schwedischen Kronprinzen, der zudem Großbritannien auf seiner Seite wußte, nahezu freie Hand, seine Pläne zu verwirklichen. Noch im November, also kurz vor dem Einmarsch in Holstein, entsandte Bernadotte eine Delegation nach Kopenhagen, um seine Ziele auf dem Verhandlungswege durchzusetzen. Die Mission scheiterte jedoch, und der Kronprinz setzte fortan auf eine militärische Lösung.21
Den militärischen Mißerfolgen der Jahre 1813 und 1814 ging ein wirtschaftlicher Niedergang des Gesamtstaates seit 1807 voraus, der auch die reichen Herzogtümer Schleswig und Holstein erfaßte.
Ausgangspunkt dieser Entwicklung war das Berliner Dekret vom 21. November 1806, in dem Napoleon die Kontinentalsperre verhängt hatte. Großbritannien hatte die wirtschaftspolitische Kampfansage mit den „British Orders of Council“ beantwortet, wodurch alle nicht-englischen Schiffe, also auch die der neutralen Staaten, zu „Freiwild“ für britische Kaperkapitäne wurden. Durch den Flottenraub, Seegefechte und britische Kaperei büßte der Gesamtstaat bis 1814 etwa 3500 Schiffe ein; Schleswig und Holstein verloren fast die Hälfte ihrer Tonnage. Die für die Herzogtümer so wichtige Küstenschiffahrt und der damit verbundene Handel wurden in den folgenden Jahren stark beeinträchtigt, wenngleich es zunächst nicht zu einem völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch kam.22
In den folgenden Jahren mangelte es an englischen Gütern, die nicht durch heimische Produkte ersetzt werden konnten, sowie an Importen aus Übersee, also zum Beispiel Kaffee, Tabak, Reis, Zucker, Baumwolle, Gewürze, Farbhölzer und Elfenbein. Da die Luxuswaren auch im Gesamtstaat schmerzlich vermißt wurden, blühte der Schmuggel. Über das von den Briten besetzte Helgoland, das zu einer Schmuggler-Hochburg wurde, gelangten die begehrten Waren in die Hansestädte und in die Herzogtümer.23
In diesen Monaten erlebte das kleine Tönning als „Loch in der Kontinentalsperre“ seine Blütezeit. Die englischen Schmuggelwaren aus Helgoland oder die Waren amerikanischer Segler wurden in dem Nordseehafen angelandet und mit Wagen zu Lande oder kleinen Küstenschiffen über das Wattenmeer und die Elbe nach Altona geschafft. Von dort ging es weiter nach Hamburg, dessen eigener (legaler) Handel fast vollständig zusammengebrochen war und das als wichtigster Umschlagplatz für englische Waren auf dem Kontinent am schwersten unter der Handelssperre litt. Holsteinische Bauern verdienten als „Fuhrunternehmer“ an diesen Geschäften mehr als in der Landwirtschaft; außerdem hatten die Schankwirtschaften an der Strecke Tönning-Altona regen Zulauf. Auf der anderen Seite gelangte privaten Berichten zufolge immer noch Korn von der schleswig-holsteinischen Westküste nach Helgoland und weiter nach England.24
Allerdings sorgten Schmuggel, Schwarz- und Schleichhandel durch ihre hohen Gewinne lediglich für eine Art Scheinblüte, die bei den Blockadegewinnlern ein trügerisches Gefühl der Sorglosigkeit auslöste.25 Das Aus für diese Art der Geschäfte kam schließlich, als die Bestimmungen erheblich verschärft und Verstöße härter bestraft wurden. Ab 1810 durften keine Waren mehr über die Linie Neustadt-Segeberg-Oldesloe-Barmstedt-Glückstadt-Brunsbüttel-Büsum in Richtung Süden transportiert werden, soweit sie nicht kontinentalen Ursprungs waren. Der Handel mit britischen Gütern wurde strengstens verboten, nicht deklarierte Waren beschlagnahmt. Angesichts dieser Entwicklung wuchs in den Herzogtümern die Verbitterung gegenüber den Franzosen und der dänischen Regierung. Sogar dem dänischen Außenminister Christian Bernstorff gingen die Verordnungen erheblich zu weit - er bat um seine Entlassung.
Doch für die Schleswig-Holsteiner kam es noch härter: 1811 wurden die Magistrate von Tönning und Husum abgesetzt und Schmuggler zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Damit waren die Herzogtümer handelsmäßig abgeschnitten und hatten auch keine Möglichkeit mehr, ihre Agrarprodukte auf anderen Märkten abzusetzen.26
Flensburg, zweitgrößte Stadt in den Herzogtümern und als Hafenstadt vom Seehandel abhängig, war besonders von Kontinentalsperre und englischer Seeblockade betroffen. Nahezu der gesamte Fernhandel kam ab 1811 zum Erliegen, und der bedeutende Norwegenhandel war unter diesen Bedingungen kaum noch möglich. Die Auswirkungen waren auch in dem auf Getreideimporte besonders angewiesenen skandinavischen Land zu spüren: Mangel und Hungersnöte konnten allenfalls durch einen verstärkten Schmuggel gelindert werden.27
Die Auswirkungen der Verordnungen auf Handel und Verkehr zeigt sich darüber hinaus besonders deutlich am Beispiel des Schiffsverkehrs auf dem 1784 eröffneten Schleswig-Holsteinischen Kanal (ab 1853 Eiderkanal), der mit einer Tiefe von 3,5 Metern und 34 Kilometern Länge die schiffbare, in die Nordsee mündende Eider bei Rendsburg mit der Ostsee bei Kiel/Holtenau verband. Die Bedeutung des Kanals nahm bis zum Krieg stetig zu; erst die Kontinentalsperre und der spätere Einmarsch in die Herzogtümer ließen die Zahl der Schiffe, die jährlich an der Meldestelle Rendsburg registriert wurden, zurückgehen. Nach Kriegsende 1814 - das verdeutlicht die nachfolgende Grafik - stieg die Zahl wieder an:28
Schiffe auf dem Schleswig-Holstein Kanal
Doch nicht nur der Handel wurde durch die Blockade in Mitleidenschaft gezogen, auch der Arbeitsmarkt war direkt betroffen. Beispielsweise war es den nordfriesischen Seeleuten nicht mehr möglich, von Altona und Glückstadt oder einem der kleineren Häfen aus auf Grönlandfahrt zu gehen. Da britische Schiffe Nordsee und Nordatlantik beherrschten, liefen immer weniger Schiffe auf Walfang oder zum Robbenschlagen aus. Die nunmehr beschäftigungslosen Seeleute mußten sich nach einer anderen Arbeit umsehen, um die Existenz ihrer Familien zu sichern.29
Kontinentalsperre und stark steigende Kriegslasten führten die weithin noch agrarisch strukturierten Herzogtümer in eine schwere Depression und machten damit jahrzehntelange Anstrengungen zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung schon vor dem Einmarsch fremder Truppen innerhalb weniger Jahre zunichte.30 Zwar waren beispielsweise die Kornpreise in den ersten Jahren der napoleonischen Ära angestiegen und hatten sowohl Bauern als auch Händlern gute Gewinne gebracht, jedoch fielen sie nach 1807 wieder und stürzten so die Landwirtschaft in eine tiefe Krise.31
Mit den Preisen ging auch das Arbeitsvolumen drastisch zurück, da fortan nur die absolut notwendigen Arbeiten erledigt wurden. Folglich sanken die Löhne ebenfalls - und das bei einem gleichzeitig steigenden Überhang an Arbeitskräften. Die Armut nahm ein erschreckendes Ausmaß an, wobei sich die Regierung nur durch Härte und eine neue Armenordnung zu helfen wußte.32
Den vorläufigen Höhepunkt der Wirtschaftskrise erreichten der Gesamtstaat und damit auch die Herzogtümer nur wenige Monate vor der Besetzung des Landes, als das Geld bereits dramatisch an Wert verloren hatte und der Staat, der auch durch permanente Steuererhöhungen und die Herausgabe von ungedecktem Papiergeld das kostenintensive Heer nicht mehr finanzieren konnte, sich nur durch eine höchst umstrittene Währungsreform zu helfen wußte. Per Verordnung vom 5. Januar 1813 erklärte Kopenhagen schließlich den Staatsbankrott. Das Dekret ging einher mit Maßnahmen, die einen starken Eingriff in die innere Verwaltung der Herzogtümer bedeutete:
Alle bestehenden Bank- und Leihinstitute wurden aufgehoben.
Die im Umlauf befindlichen Geldsorten verloren teilweise an Gültigkeit.
Kopenhagen führte Zahlungsmittel und Münzfuß neu ein, die gleichermaßen in den Königreichen sowie in den Herzogtümern galten; das Geldwesen der Herzogtümer und des Gesamtstaates wurden auf diese Weise miteinander verschmolzen.
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Zu den schärfsten Kritikern der Maßnahmen von Finanzminister Schimmelmann zählte dessen ehemaliger Mitarbeiter Niebuhr. In einem Brief an seine Schwägerin Dore Hensler schrieb er am 28. Januar 1813:
„Kein Verständiger kann dieses Gesetz ohne Verachtung und Wehmut für die Schlachtopfer der Regierung lesen. (…) Es kann nichts als Schlimmes daraus entstehen, und wie weit das Übel sich erstrecken wird kann niemand sagen. (…) Seine [Schimmelmanns] ganze Finanzadministration ist eine Reihe von Fehlern, die Gründung der Altonaer Bank allein ausgenommen, und dieses einzige Ehrendenkmal zerstört er selbst!“34
Als besonders bitter wurde in Schleswig-Holstein die Gründung einer Reichsbank mit Sitz in Kopenhagen angesehen, da damit auch die Altonaer Speciesbank sowie die einst harte, angesehene schleswig-holsteinische Währung betroffen waren. Finanziert wurde die neue Staatsbank durch eine staatlich verordnete Schuld von sechs Prozent auf allen Immobilien, die wiederum mit sechseinhalb Prozent verzinst werden mußte. Folglich floß das meiste Silbergeld in die Staatskasse. In einem Patent vom 26. Februar 1813 wurde der Kurs der neuen Währung („Bankzettel“) festgelegt und später von einem vom König eingesetzten „Komité“ jeweils aktuell festgesetzt.35 Dennoch sank der „Zettel“-Kurs beständig, und die Bevölkerung fürchtete um ihr Erspartes. Schließlich wurde bereits am 30. Juli 1813 das Silber wieder zum gesetzlichen Zahlungsmittel bestimmt.
Die Zwangsanleihe für das neue Geld, die von Kopenhagen mit rücksichtsloser Härte eingetrieben wurde, hatte zudem eine verheerende Wirkung auf die Zahlungsfähigkeit vieler Schleswig-Holsteiner; zahlreiche Bürger verloren ihre Existenzgrundlage, die Konkurse häuften sich. Auch Bauern, die so einen Teil ihres Vermögens verloren, wurden in den Bankrott getrieben und mußten ihr Land verlassen. Bei den Zwangsversteigerungen wurde oft nicht einmal die Hälfte des Schätzwertes erzielt.
Die neuen Schulden und ihre Auswirkungen sind in zahlreichen Quellen und Darstellungen - aufgeschlüsselt nach Regionen - zu finden. Die Bankhaft der Bewohner Sylts, um nur ein Beispiel zu nennen, betrug insgesamt 20.461 Taler 21 Schilling.36
