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Dieses Buch ist eine Hommage an das Mensch-Sein im ursprünglichen Sinne, mit seinen Licht- und Schatten-Seiten. So ist es in einer Zeit, in der das Selbstbewusstsein des Menschen verlorengegangen scheint, ein wichtiges Dokument des Kultur-Menschen für eine beseelte Welt. "Und wenn du auf der Suche bist, so hast du dich längst auf den Weg gemacht, und wenn du auf dem Wege bist, so brauchst du nur innezuhalten und zu spüren, dass Du selbst es bist, wonach du immer gesucht hast." (LP) Hier geht der Leser, die Leserin auf eine lange, spannende Reise in das eigene Ich. Dabei erlebt er/sie gemeinsam mit den Protagonisten/Innen von 13 neuverfassten Ur-Märchen viele Abenteuer, die von der Autorin mit Seelenweisheit erzählt werden. So ermöglicht dieses Buch eine intensive Lebensreise in die Tiefen der menschlichen Seele und. beschreibt u. a. die Gender-Problematik und ihre Überwindung als möglicher Kugelmensch. Die Märchen sind eingebettet in Literatur- und Filmbeschreibungen und in philosophische Gedanken. So ist das Lesen dieses Buches besonders auch hilfreich in Krisenzeiten. Der Mensch ist in diesem Buch als ursprünglich Heimatsuchender unterwegs und erfährt so seine ur-menschlichen Sehn-Süchte nach Liebe, Anerkennung, Glück und einem erfüllten Leben -dies- und jenseits der Geschlechter-Rollen.-.als sein eigenes Entwicklungspotenzial.
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Seitenzahl: 520
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Luise Phillis
Der Kugelmensch
oder von der Suche der Sucht und dem Finden
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Einleitung
1. Kapitel Verlust der ursprünglichen Heimat
2. Kapitel Verausgaben des eigenen Potenzials oder vorläufig aufgehoben beim fahrenden Volk
3. Kapitel Die verhängnisvolle Entscheidung zwischen Sinnlichkeit und dem geistigen Ursprung oder: Die Angst vor dem Ausleben von Lust als Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, nach dem Universellen
4. Kapitel Die Schwierigkeit, die eigenen Talente zu leben und eine Familie zu gründen
5. Kapitel Von der Schwierigkeit und dem Glück, die Liebe wiederzuentdecken
6. Kapitel Die Schwierigkeit, sich aus der Lebensvielfalt heraus für die eigene Lebensqualität zu entscheiden
7. Kapitel Über die Schwierigkeit und die Kunst, die eigenen Kräfte auf unerschöpfliche Weise zu nutzen
8. Kapitel Zum Eremitendasein verurteilt oder die heilsame Reaktion auf Kindheitsverletzungen
9. Kapitel Die Schmerzvermeidungsstrategien, über die Schwierigkeit die eigene Lebenslüge aufzudecken oder der tückische Wunsch am Schicksalsrad zu drehen
10. Kapitel Die Angst vor der Wahrheit oder die Möglichkeit sich seiner eigenen Geschichte zu stellen, um frei und gerecht zu sein
Impressum
Impressum neobooks
Wir alle sind auf der Suche nach etwas, was wir zu kennen
scheinen, aber kaum erfassen können.
Es ist die große Sehnsucht nach dem Anderen,
nach der vollkommenen Kraft, nach dem intensiven Hochgefühl,
nach dem Ich im Du, nach dem Beseelten, nach Harmonie,
nach der Grenzüberschreitung zu bloßem Sein,
nach dem Vollkommenen, nach der „Urheimat“.
Während wir sehnsüchtig auf der Suche sind,
werden wir in der Lage sein zu erkennen,
dass nicht nur das Suchen, sondern auch das Finden zum Leben gehört
und wir durch Achtsamkeit und Gewahrsein jene Urheimat in uns selbst wiederentdecken können…
Luise Phillis
„Man wird nicht erleuchtet, indem man sich Lichtfiguren vorstellt, sondern indem man sich die Dunkelheit bewusst macht ...“Carl Gustav Jung
Eines Nachts, als es besonders dunkel war und ich mich in einer von jenen Nächten befand, die nicht enden wollen und in denen das Leben eine Wende nimmt, ging mir ein Licht auf. Mir wurde bewusst, dass der Lebensantrieb des Menschen, das, was ihn hier überleben und leben lässt eine unbewusste Sehnsucht und Suche nach etwas ist, was er in einer tiefen Seins-Schicht kennt. Es ist das, was der Mensch allerdings im Wachbewusstsein schwer oder überhaupt nicht benennen kann.
Bleibt dieses Suchen auf einer unbewussten Ebene, so kann es zu einer Sucht werden, die das Suchen zum Selbstzweck macht und das Finden nach einer scheinbar unbekannten Urheimat verhindert.
Deshalb stellte sich mir die Frage, was es mit dieser Sehnsucht auf sich hat und was Sucht im Ursprünglichen überhaupt sei, wo sie herkommt und wie wir mit ihr auf vernünftige Weise umgehen können. Um die menschliche Suche und die Möglichkeit des Findens als Seelenreise erfassen zu können, so wurde mir klar, ist es notwendig, den Menschen, wenn schon nicht vollständig erklären zu können, ihn jedoch als Ganzes verstehen zu wollen. Dazu ist es nötig auch das Mythische, z. B. auch Entstehungsmythen in die Betrachtung mit einzubeziehen, wie z. B. einen von Platon und einen aus dem Alten Testament, aber ebenso „moderne“ Märchen.
Diese ermöglichen genau wie Träume und ihre Deutung eine Innenschau, die anschließend gedeutet und erklärt werden können und neue Erkenntnisse über das Spannungsverhältnis von Individuum und das In –d er Welt-Sein, der Gesellschaft ermöglichen.
Jeder Mensch kennt in seinem tiefsten Inneren Archetypen, d. h. Urbilder, wie sie in den Märchen dieses Buches vorkommen, wie z. B., den Narren, den Magier, die Seherin, den Eremiten, die Mäßigkeit, die Gerechtigkeit, die Liebe, den Teufel usw., wenn er sich die Zeit nimmt und darüber nachsinnt.
Alle in den Märchen vorkommenden Gestalten und Bilder stellen Aspekte des eigenen Selbst dar, wie wir es auch u. a. in der Traumdeutung von C.G. Jung kennen.
Die Idee, Märchen zu schreiben war schon immer ein Wunsch von mir gewesen. Ich liebte es schon als Kind besonders, Märchen zu lesen. Diese Begeisterung rührt daher, denke ich, dass besonders der Ort im Märchen keine Rolle spielt. Auch die Zeit ist völlig unbestimmt, vielmehr ist es das Miteinander der Märchengestalten, das von Belang ist und das mich berührt und beschäftigt. So begann ich diese Märchen in jenen dunklen Nächten zu schreiben.
Mit diesen einzelnen Märchen in diesem Buch geht der Leser, die Leserin gemeinsam mit den Märchenfiguren auf eine Reise in das eigene Ich. Doch um dort anzukommen, wird er sich genau wie die Märchengestalten mit seiner Ursucht, nämlich der Sehnsucht nach Liebe und Zuwendung konfrontieren.
Die Protagonisten im Märchen sind angetrieben von dieser Sehnsucht und so machen sie sich süchtig suchend auf den Weg, auf den eigenen Lebensweg.
Diese Reise durch die Märchen zeigt, dass wir Menschen auf der Suche nach Vollständigkeit, nach Vervollkommnung sind, auch wenn uns dies im alltäglichen Leben oft nicht bewusst ist. Mit diesem „Unterwegssein“ erfüllt sich der Mensch den Wunsch nach Zuwendung und Liebe, den Alltag gut bewältigen zu können und gleichzeitig über das Alltagsbewusstsein hinauszugehen.
Bleibt dieses Suchen nach Anerkennung, Liebe, Vervollkommnung jedoch auf einer unbewussten Ebene, sind Drogen- , Alkohol- , Tablettensucht und andere Suchtformen wie Bulimie, Sex-, Arbeits- und Spielsucht als Kompensation für die wahrhafte Suche nach dem eigenen Selbst vorprogrammiert.
Die Lebensreise durch die Märchen ins eigene Selbst wird durch jeweils
anschließende Kommentare zu den Märchen ergänzt und es werden anschauliche Beispiele aus der Weltliteratur, aus Verfilmungen und aus alten Mythen und der Philosophie gegeben. Diese ermöglichen die Einbettung des Themas der Suche nach Liebe in einen allgemeinen und ebenso konkreten Lebenszusammenhang wie Familie und Gesellschaft. Sobald der Mensch sich seiner Sehnsucht bzw. Süchte als Suche nach irgendetwas, was seinem Leben Sinn gibt, nach dem Ursprünglichen, bewusst wird, kann er sich befreien und sein Suchen in ein Finden verwandeln.
Hierzu dienen auch Fall- Beispiele aus meiner Praxis als philosophisch-psychologische Lebensberaterin und von prominenten Persönlichkeiten.
Die Urheimat wieder finden
Der unfreiwillige Wanderer
„… Und wenn du auf der Suche bist, hast du dich längst auf den Weg gemacht,
und wenn du auf dem Wege bist, so brauchst du nur innezuhalten und zu spüren,
dass du selbst es bist, wonach du immer gesucht hast.“ Luise Phillis
Es gab irgendwann einmal einen Mann und eine Frau, die erzählten beide die folgende Geschichte, es war die ihrige, die des Kugelmenschen und zugleich war es der Beginn des Mensch-Seins und -Werdens:
Am Anfang war die Ur-Geschichte, diese Urgeschichte und das Ur-wort waren im Universum und das Ur- Wort war das Wort für die Urheimat, nämlich „Esuahuzridni“, in der drei Kugelmenschen lebten. Diese hatten je vier Arme, vier Beine, zwei Köpfe und zwei Geschlechtsorgane und deshalb wirkten sie wie Kugeln. Sie konnten sich sehr schnell fortbewegen, sie konnten Radschlagen und vieles mehr. Einer der drei Kugelmenschen hatte nur weibliche Geschlechtsorgane, der zweite hatte nur männliche und der dritte Kugelmensch hatte ein männliches und ein weibliches Geschlechtsorgan. Sie fühlten sich sehr wohl in ihrer Urheimat „Esuahuzridni“, so dass sie sich vor Wohlbehagen immer schneller fortbewegten und übermütig wurden und dem, der sie erschaffen hat, seinen Platz streitig machen wollten. Das ließ das Universum, die göttliche Allmacht, sich nicht gefallen und sie wurde zornig und nahm ein Schwert, mit dem sie diese drei Kugelmenschen in zwei Hälften teilte. So gab es drei Frauen und drei Männer mit je zwei Beinen, zwei Armen, einem Kopf und jeweils einem entsprechenden Geschlechtsorgan. Die Teilung mit dem Schwert können wir heute noch an unserem Bauchnabel erkennen. Die göttliche Allmacht hatte die Haut über dem Bauch zusammengezogen. Und da die geteilten Kugelmenschen dann auch noch von dem Baum der Erkenntnis einen Apfel aßen, was ihnen von der göttlichen Allmacht ausdrücklich verboten war, die Schlange ihnen jedoch geraten hatte, mussten sie auf Geheiß der Gottheit ihre Ur-Heimat „Esuahuzridni“ verlassen. Seit dem Leben die Menschen auf der Erde in Raum und Zeit und seit dem sind sie voller Sehnsucht. Sie suchen ihre zweite Hälfte und brauchen diese, um sich ganz zu fühlen und/oder sich fortzupflanzen. So sind sie auf der Suche nach ihrer Heimat „Esuahuzridni“. Da sie nun den Apfel von dem Baum der Erkenntnis gegessen hatten, wissen sie, was gut und böse ist, und das macht ihre Leben nicht unbedingt leicht hier auf dieser Erde. Jedoch können sie sich zurückerinnern, und so suchen sie die Einheit, die Ganzheit, herbei und manchmal nähert sich ihr sehnsüchtiges Suchen ihrer Ur-heimat „Esuahuzridi“ und manchmal kehren sie sogar dorthin zurück…
„Aristophanes-Mythos“ im „Symposion“ sehr frei nach Platon, (aus: Platon, Jubiläumsausgabe sämtlicher Werke, von Rudolf Rufener, 8 Bände, Artemis, Zürich/München 1974) und der „Paradies-Mythos“ sehr frei nach dem Alten Testament (aus: Die Jubiläumsbibel, Württembergische Bibelanstalt, Stuttgart 1964)
Wie es diesen geteilten Kugelmenschen nun auf dieser Erde ergeht und wie sie ihr süchtiges Suchen als Weg zu ihrer Ur-Heimat erkennen können, in die sie jederzeit gelangen können, zeigen nun die folgenden Märchen, die die ur-eigenen Geschichten eines jeden „ehemaligen“ Kugelmenschen sind…
Eines Tages, eines Nachts, war mir klar, dass diese Mythen auch meine eigene Geschichte beschreiben.
Meine Eltern waren „Flüchtlinge“, ich selbst bin also ein Flüchtlingskind, nach dem zweiten Weltkrieg hier oder dort geboren, irgendwo im Norden von Deutschland. So hatte ich bereits früh erkannt, dass das Wort „Heimat“ mehr sein musste als ein Ort, denn mein Vater sagte immer, wenn er eine Geschichte erzählte. „Bei uns zu Hause“… und dann begann er immer eine spannende Erzählung von einem schönen, großen Bauernhof, von Tieren, die artgerecht gehalten wurden, von Menschen, die trotz zweier unterschiedlicher Nationen in einem Land, in Polen, als Polen und Deutsche, friedlich miteinander lebten, jedenfalls vor dem ersten und vor dem zweiten Weltkrieg… Für mich bedeutete dies, wenn das „Zuhause“ meines Vaters irgend woanders war, irgendwo, wohin wir damals in meiner Kindheit nicht einmal reisen konnten, dass es für mich keines gab, jedenfalls nicht eins, das an einen Ort gebunden war, keines das ein Bauernhaus, Land und Tiere bedeutete. Denn wir wohnten in meiner frühen Kindheit in einem kleinen Häuschen, das wir irgendwann verließen, weil meine Eltern sich immer wieder auf eine Art Flucht, auf eine Suche nach irgendetwas begaben. Wir zogen häufig um und ich kann, wenn ich an meine Kindheit denke, die Orte, in denen wir wohnten zwar erinnern, aber sie hatten irgendwie einen geringen Stellenwert für mich. Viel wichtiger waren mir hingegen die Menschen, zu denen ich losgelöst von irgendwelchen Orten, eine Verbindung hatte. Ich wollte gern dazu gehören zu den Menschen, die keine Flüchtlinge waren. Da wir in der Nachkriegszeit sehr bescheiden wohnten, war der Wunsch nach Zugehörigkeit besonders wichtig für mich, aber es war nicht ganz einfach. Meine Eltern rollten in der deutschen Sprache das typisch östliche “R“. Meine Großmutter hatte einen ostpreußischen Dialekt und wir aßen selbst eingemachte Salzgurken in Steintöpfen. Die anderen Kinder aßen Gewürzgurken von „Kühne“. Wir sagten zu Karotten „Mohrrüben“ statt Wurzeln wie die anderen Kinder und meine Schwester und ich fielen auf, obwohl wir nicht als die „armen Flüchtlingskinder“ aus dem Rahmen fallen sollten, indem wir mit aufwendig genähten Kleidern von meiner Mutter fein herausgeputzt waren. Eigentlich wollten und sollten wir gar nicht auffallen, wir wollten nur dazugehören, um so etwas wie „Heimat“ empfinden zu können. Doch wir fielen auf und waren eben anders. Deshalb war ich immer auf der Suche nach Zughörigkeit und unbewusst auf der Suche nach der Heimat, von der ich nicht wusste, wie sie für mich aussehen sollte. So konzentrierte sich meine Suche auf Begebenheiten, auf Menschen und dennoch wechselte ich häufig die Wohnungen z. B. während meines Studiums, wechselte die Orte, so als würde es doch einen Ort geben, den ich eines Tages finden und als meine „Heimat“ bezeichnen könnte. Doch all dies war mir nicht bewusst. Es waren die Menschen, die mich interessierten, doch auch bei ihnen hatte ich nie wirklich das Gefühl angekommen zu sein. Also suchte ich, ohne zu finden, bis ich in einer von jenen Nächten wusste, wonach ich immer gesucht hatte, von da an hatte ich suchend süchtig gefunden…, denn nun war mir klar, dass dies alle Menschen suchen, auch wenn es vielen nicht bewusst ist.
Von dieser Suche, der Sehn-Sucht und dem Finden handeln die Märchen dieses Buches, die durch Kommentare, Literatur-, Film- und Fallbeispiele ergänzt werden.
- Sich Aufmachen: Familienverlust- oder die Chance, sich auf den Weg zu machen -
Zu einer Zeit gab es einen jungen Mann, der war ohne Eltern aufgewachsen. Aufgezogen hatte ihn eine wilde Frau, die ihm viel Liebe und Geborgenheit gegeben hatte. Als der junge Mann achtzehn Jahre alt war, ging er seines Weges und begegnete vielen Menschen. Viele fragten ihn, wer seine Mutter und sein Vater gewesen seien. Er konnte jedoch nur als Antwort geben, dass er es nicht wisse und dass eine Geschichtenerzählerin ihn erzogen habe. Er hatte nichts vermisst bei Lucia, die ihm alle Liebe dieser Welt gegeben hatte. Als er jedoch immer öfter nach seinen Eltern gefragt wurde, er selbst jedoch keine rechte Antwort wusste und die Menschen teils mit Entsetzen, teils mit mitleidiger Anteilnahme reagierten, verfiel der junge Mann eines Tages in eine tiefe Traurigkeit, die er bis dahin nie gekannt hatte.
Er wurde so traurig, dass er keinen Menschen mehr sehen wollte.
Also suchte er Unterschlupf in einer Hütte, die leer stand, am Rande
eines Dorfes. Bald störte ihn selbst das Tageslicht, und er verhängte Türen und Fenster und verließ die Hütte nicht mehr. Und bald wollte er den Raum nicht mehr verlassen, um in einen anderen zu gehen, also legte er sich nieder in seine Bettstatt, weil er sich dort sicher glaubte.
Doch auch hier musste er weinen und wollte schließlich nicht mehr leben.
Er sah keinen Sinn mehr für sein Dasein, so sehr wütete die Traurigkeit in
seiner innersten Höhle. Also wollte er seinem Leben ein Ende bereiten.
Als er darüber nachsann, wie das geschehen sollte, klopfte es an seine
Tür, und plötzlich stand die alte Lucia vor ihm. Ihr war zu Ohren
gekommen, wo ihr Zögling sich befand. Sie hatte gefühlt, dass es schlecht um ihn stand.
Sie setzte sich an sein Bett, und es zerriss ihr das Herz, als sie ihren Zögling weinen sah. Doch blieb sie ganz ruhig, als er sie verzweifelt fragte: „Warum hast du mir nie gesagt, wer meine Eltern waren?“ –
Lucia antwortete: „Habe ich dir nicht alles gegeben, was ein Junge braucht?
Habe ich dich nicht gefüttert, als du klein warst, dich geschaukelt, habe
mit dir gespielt, dir Geschichten erzählt, dir die Gräser, den Wald gezeigt,
dir von Tieren, Menschen und Gott erzählt, dich gehegt und gepflegt?“ –
Der junge Mann nickte, das stimmte alles, nur er könne es nicht
mehr fühlen, sagte er zu Lucia und deshalb wolle er sterben. Als Lucia ihn von diesem Wunsch nicht abbringen konnte, sagte sie gelassen zu ihrem Pflegesohn: „Also, wenn du es denn um jeden Preis willst, so gib mir das Versprechen, es mit diesem Messer zu tun, das ich dir jetzt reiche! – Aber bitte tu´ es nicht hier, sondern
nimm meinen Wanderstab und dieses Blümlein hier und gehe durch den
dunklen Wald. Dann gelangst du zu einer Wiese, gehe über diese Wiese, bis
du schließlich einen tiefen Abgrund siehst. Dort setze das Messer an deine Kehle und stelle dich so, dass du gleichzeitig hinunterstürzen kannst, dann wird dir ein glücklicher Tod sicher sein!“ Dies sagte Lucia voller Gelassenheit.
Ihr Pflegesohn versprach ihr, so zu handeln, wie sie es ihm aufgetragen hatte. Er stand auf, zog seine Kleider an, nahm ihren Wanderstab und das Blümchen und ging aus dem Haus.
Als er noch nicht weit von der Hütte entfernt war, blieb er stehen und winkte Lucia inniglich zu, den es sollte das letzte Mal sein.-
Er kam schließlich in den dunklen Wald. Er konnte den Duft der Bäume riechen, also blieb er stehen und sog den Duft des Waldes ein, es sollte schließlich das letzte Mal sein. Dann ging er weiter und hörte die Vögel singen, und er blieb stehen und pfiff ihre Lieder, als wären es seine, es sollte ja das letzte Mal sein. Er schlenderte weiter und verließ den Wald und gelangte an eine Wiese, spazierte durch die Gräser und sang dabei ein Liedchen. Schließlich lief er leichten Fußes, bis er an den tiefen Abgrund kam, die Lucia ihm beschrieben hatte. Hier angekommen, hatte er vergessen, warum er eigentlich hier war, auch das Messer hatte er unterwegs verloren, und so spazierte er voller Leichtigkeit am Abgrund entlang. Ein kleiner Hund gesellte sich zu ihm, und nichts konnte den jungen Mann davon abhalten, in den Himmel zu blicken, sich von der Sonne bescheinen zu lassen, mit der Gewissheit, zwar in den Abgrund zu schauen, aber niemals abstürzen zu können.
Grenzsituationen ermöglichen, den eigenen Weg zu suchen
In diesem Märchen sind wir mit dem Lebensthema, das im Grunde jeden Menschen betrifft, konfrontiert. Es geht um die Frage nach dem Ursprung im Zusammenhang mit dem eigenen Lebenssinn, auch wenn nach dem letzteren nicht ausdrücklich gefragt wird. Dabei handelt es sich um die menschliche Tragik schlechthin, nämlich darum, dass er nicht weiß, woher er kommt. Die eigentliche Herkunft ist ungewiss, selbst wenn wir unsere leiblichen Eltern kennen. Dieser junge Mann hat keine leiblichen Eltern mehr. Allerdings hat er sich damit arrangiert, und zwar bis zu dem Moment, als er ins Leben hinausgeht, als er von anderen Menschen danach gefragt wird. Er hatte es gut gehabt bei seiner Ersatzmutter, einer Geschichtenerzählerin. Jedoch wird er verunsichert durch die Fragen, die von außen an ihn herangetragen werden. Es sind die nach seinem Ursprung, von dem er nichts weiß. Das erschüttert ihn zutiefst, so dass er nicht mehr weiter leben will. --- Um sich aber wirklich auf die Wanderschaft zu begeben, muss der Mensch alles aufgeben, vielleicht auch ein Stück sich selbst, um dann neu anfangen zu können. Er muss mit etwas abgeschlossen haben, nämlich mit seiner Kindheit. Und diese muss dann sterben. Und so möchte der junge Mann am liebsten mit ihr zusammen sterben, denn so groß ist sein Schmerz, der sowohl Abschieds- als auch Trennungsschmerz bedeutet. Dabei handelt es sich um die Trennung von seinem kindlichen Sein, von seiner Ersatzmutter. Deshalb hat der junge Mann Angst weiterzugehen. Als er sich vom äußeren Leben zurückzieht und sich seiner Trauer über seine Nicht-Zugehörigkeit und seinem Abschiedsschmerz hingibt, da kommt die Ersatzmutter zu ihm, die ihn liebevoll groß gezogen hat. Sie verkörpert die typisch weise Alte, die weiß, was zu tun ist, selbst in dieser extremen Grenzsituation. Sie verkörpert den weiblichen Aspekt, die weise, uralte Stimme in uns, die uns sagen kann, wie es weitergeht. Wir müssen sie nur hereinlassen, wenn sie sich ankündigt, wenn sie an die Tür klopft.
Existenzielle Grenzsituationen, wie tiefe Trauer und Abschiedsschmerz ermöglichen dem Menschen allerdings die Lebens-Angst, die Angst davor, nicht weiter leben zu können, in ein Loslassen zu verwandeln. In diesen Situationen ist der Mensch offen für diese innere Stimme der weisen Alten und er beherzigt diese sogar, so wie der Protagonist in diesem Märchen dem Rat der Alten folgt.
So vermag die weise Alte, ihn von seinen Selbstmordgedanken, von seinem Selbsthass abzubringen.
Es ist tatsächlich eine Art Selbsthass, wenn der Mensch sich weigert weiterleben zu wollen. Jedoch kann die weise Alte ihn von seinem Vorhaben ablenken, denn sie nimmt ihn gleichzeitig Ernst, so dass sie ihm sogar praktisch vorschlägt, wie er seinem Leben ein Ende bereiten kann…. Sie schickt ihn durch einen dunklen Wald und auf eine grüne Wiese, bis er an einen Abgrund kommt, in den er sich stürzen kann, wenn er das Messer, das sie ihm mitgibt, dort an seine Kehle setzt und diese durchtrennt. Die Weisheit der Alten besteht darin, dass sie einerseits auf den Wunsch des jungen Mannes sterben zu wollen, eingeht, und ihn andererseits mit dem Leben konfrontiert, indem sie ihn durch den Wald gehen lässt, so dass er die Natur entdecken kann, die Pflanzen und die Tiere. Deshalb gibt sie ihm auch ein Blümchen mit, das ein Zeichen für die Schönheit des Lebens ist. Das wirkt auf der unbewussten Ebene. Der dunkle Wald, durch den der junge Mann durchgehen muss, konfrontiert ihn nicht nur mit der äußeren Natur, sondern gleichzeitig mit seiner inneren Lebensstruktur. Es ist ein Naturgesetz, auch durch die Dunkelheit gehen zu müssen, um an eine Lichtung zu kommen, um die bunten Seiten des Lebens kennen zu lernen. Und das geht nur, wenn der Mensch, den Weg, den er einschlägt, auch anfängt bewusst zu gehen. Dann wird sein Gang leicht und beschwingt und er nimmt die Natur wahr und fängt an das Leben zu genießen. Er schlendert, er spaziert durch sein Leben. Und als er an den Abgrund kommt, hat er vergessen, warum er eigentlich dorthin gekommen ist.
Der Hund, der sich zu dem „unfreiwilligen Wanderer“ gesellt, symbolisiert seinen Instinkt, der ihn von nun an in seinem Leben begleitet, der ihn, wenn er aufpasst, nicht verlässt.
Sich abnabeln heißt Ballast verlieren und den menschlichen Urzustand wiedergewinnen.
Der junge Mann in diesem Märchen hat etwas von der Weisheit und Leichigkeit eines Narren.
Er kann vor dem Abgrund spazieren, ohne herunterzufallen. Dieser ist sein eigener Abgrund, in den er hineinschauen kann ohne abzustürzen, ohne seine Leichtigkeit zu verlieren. Es gehört Naivität dazu, sich so zu verhalten, jedoch gehört diese zur jugendlichen Neugier und zum Forschungsdrang dazu. Dies ist es, was aus dem jungen „unfreiwilligen Wanderer“ einen freiwilligen macht, der sich durch seine Intuition und durch seinen Instinkt zum Abenteuer „Leben“ antreiben lässt.
Dieser junge Wanderer stellt einen wichtigen Teil unserer Seele dar.
Unabhängig vom Alter eines Menschen sind diese jugendliche Neugierde und diese Leichtigkeit wichtig für ein erfülltes Leben, für eine spannende Lebensreise. Gewissermaßen ist der junge Wanderer als Narr wie alle Menschen, die sich inkarniert haben, unschuldig schuldig, im Sinne von verantwortlich.
Da er seine Eltern, seinen Ursprung nicht kennt, ist er gezwungen, auf der Suche zu sein, auf der Suche nach seiner Herkunft, also auf der Suche nach sich selbst.
Also muss er sich zwangsläufig auf den Weg begeben, die Quelle allen Seins zu suchen.
Für diejenigen, die ihre leiblichen Eltern nie kennen gelernt haben, ist die Suche zwingender, da der Wunsch eines jeden Menschen, seine Wurzeln kennen zu wollen, natürlich ist.
Der elternlose Zustand des jungen Mannes symbolisiert den Urzustand des Menschen. Eigentlich sind wir alle elternlos: Unsere Eltern haben uns nur auf der physischen Ebene auf die Welt gebracht, haben uns jedoch nicht erschaffen.
Sie gilt es – um in einen ausgeglichenen Seelenzustand zu gelangen – diese seelisch zu überwinden, d. h. wir müssen uns als junge Erwachsene von ihnen lösen.
Dieses Lösen ist allerdings ein innerer Prozess und wird zu einer inneren Befreiung von allem, was wir karmisch in diesem Leben zu bearbeiten haben.
Es ist mit das Schwierigste, was wir im Sinne von Entwicklung in unserem Leben zu leisten haben. Die Abnabelung von unserer Familie oder Ersatzfamilie ist die Voraussetzung für ein verantwortungsvolles Leben.
Allerdings bedeutet dies im eigentlichen Sinne nicht Trennung, sondern ein sich auf den Weg - Machen in Freiheit.
Als junge Erwachsene streben wir danach, unseren eigenen Weg zu gehen, unsere Eltern loszulassen, für die Zuwendungen, die sie oder Ersatzeltern uns gegeben haben, dankbar zu sein, dies aber ohne schuldig zu sein, selbst wenn die Art und Weise der Zuwendung nicht perfekt war.
Diese Zuwendung, die wir als Kinder erfahren haben, kann allerdings auch niemals perfekt sein; sie ist immer unzulänglich, da unsere Eltern/ bzw. unsere Ersatzeltern nicht allmächtig sind...
So ist dieses innere Sich – Lösen von unseren Erziehungsberechtigten und das Lösen von unserem Kindsein in dem Falle besonders problematisch, wenn wir unsere Eltern als absolut empfinden und an diesem „absolutistischen Weltbild“ festhalten.
Erkennen wir allerdings die Unzulänglichkeit unserer Eltern/ Ersatzeltern als zum Leben gehörig an, ersparen wir uns viel überflüssiges Leid.
Ohne Vorwürfe und Selbstvorwürfe können wir uns dann in Freiheit auf den Weg machen, auf unseren ureigensten Weg, wie auch immer dieser aussehen mag.
Um das zu erreichen, müssen wir durch das Leid hindurchgehen, das wir als junge Menschen erfahren, wenn wir beispielsweise in der Pubertät die Unzulänglichkeit unserer Eltern entdecken und sie nicht ertragen können.
Die Suche nach Identität als Notwendigkeit für ein eigenverantwortliches Leben
Ein Beispiel für die schmerzliche Suche nach Identität, nach Lebensorientierung wird in dem weltweit bekannten Roman „Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger dargestellt. Der Protagonist Holden Caulfield, 16 Jahre alt, der sich als Suchender insofern auf den Weg macht, indem er die zivilisierte Welt der Erwachsenen (vierziger Jahre des 20.Jahrhunderts= repräsentativ für die weltweite Zivilisation mit einer gewissen Zeitlosigkeit) ablehnt, wünscht sich ein freies Leben in der Natur, eine Welt, in der es gerecht zugeht und alle Menschen glücklich sind, fern von der verlogenen Welt der Erwachsenen, in der es nur um Geld, Ansehen und Macht geht. Obwohl Holden Caulfield wohlhabende Eltern hat, er intelligent und gut aussehend ist, ist er in seinem tiefsten Inneren unglücklich und zum vierten Mal der Schule verwiesen, traut sich nicht mehr nach Hause und treibt sich in New York herum und sucht in unterschiedlichsten Situationen nach etwas, was er selbst nicht wirklich weiß, geschweige denn benennen kann, irgendeine Art von Erfüllung, die er aber nirgends findet, wie z. B. bei einer Prostituierten oder bei einem alten Lehrer, den er aus seiner Schulzeit kennt und den er - verglichen mit anderen Erwachsenen - geschätzt hat. Alle Menschen, die Holden trifft und alle Situationen, in die er sich begibt, enttäuschen ihn, und so fühlt er sich einsam, verlassen und unverstanden.Die Trennung und Abgrenzung von der Welt der Erwachsenen ist zunächst immer eine innere, in der Zeit der Pubertät und des Erwachsenwerdens aber immer von dem Wunsch begleitet auch auszubrechen aus dieser Welt, sich auch konkret auf den Weg zu machen, auch wenn man/frau diesen nicht kennt.
„ Als ich mit allem fertig war, blieb ich mit meinen Koffern noch eine Weile
an der Treppe stehen und warf einen letzten Blick auf den verdammten
Gang. Dabei heulte ich sozusagen. Ich weiß nicht warum. Ich setzte meine
rote Jagdmütze auf mit dem Schild nach hinten, so wie ich es am liebsten
hatte und schrie, so laut ich konnte: ´Schlaft gut, ihr Idioten! ´ Sicher
wachten im Stock alle auf. Dann machte ich mich davon“.
(J. D. Salinger „Der Fänger im Roggen, J. D. Salinger, Der Fänger im Roggen, Übersetzung bearbeitet von Heinrich Böll, Reclam, Leipzig 1988, S. 188.)
Der Rebell, Holden, weiß weder wohin er will und was er will, aber er weiß genau, was er nicht will, nämlich zurück in die verlogene Welt der Erwachsenen. Vielmehr ist sein einziger und sehnlichster Wunsch, den er zu äußern vermag, der, an einer Klippe zu stehen und kleine Kinder, die in einem Roggenfeld spielen aufzufangen und festzuhalten, damit diese nicht herunterfallen.
„ (...) jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe – kein Erwachsener, meine ich – außer mir. Und ich würde am Rand einer verrückten Klippe stehen. Ich müßte alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollen – ich meine, wenn sie nicht Acht geben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre ( ...) der Fänger im Roggen. Ich weiß schon, dass das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ichwirklich gern wäre.“ (ebd.)
Holden Caulfields Wunsch, die Kinder vor dem Absturz in den Abgrund zu
bewahren, ist unbewusst einerseits der Wunsch, selbst eines der Kinder zu sein und beschützt zu werden, die Gewissheit zu haben, ihm könne nichts passieren in dieser „chaotischen Welt“, er kann nicht abstürzen, da er gehalten wird von jemandem, der sich für ihn zuständig fühlt...
Andererseits ist es auch sein Wunsch selbst dieser Jemand zu sein, der stark und kräftig genug ist, die Kinder zu halten, sie vor der Orientierungslosigkeit, die dazu führen kann, in den Abgrund zu stürzen, zu bewahren...
Diese beiden Wünsche, einmal selbst das zu beschützende Kind und zum anderen der Beschützer selbst sein wollen, machen den schmerzhaften Konflikt des Heranwachsenden, den leidvollen Übergang vom Kindsein zum Erwachsensein deutlich.
So stellt die Romanfigur Holden Caulfield den Heranwachsenden auf der Suche nach dem Sinn des Lebens dar, ohne ihn wirklich gefunden zu haben. Seine Suche geht weiter, da er als Jugendlicher, der noch zur Schule geht, sein ganzes Leben noch vor sich hat.
Wie leidvoll die Zeit des Abnabelns von der Kindheit und vom Elternhaus ist, wird in diesem Roman besonders auch dadurch deutlich, dass Holden der Hilfe von außen bedarf, denn er braucht eine Psychotherapie.
Wahrscheinlich ist für den „unfreiwilligen Wanderer“, der sich auf den Weg macht und durch Wald und Wiese geht, keine Therapie nötig, um zu seiner Leichtigkeit zu gelangen, die ihm den Sturz in den Abgrund erspart. Jedoch hat er als Figur des Narren im Gegensatz zu Holden Caulfield seine Abnabelung von Kindheit und Erziehungsberechtigten vollzogen, nachdem er sich auf den Weg gemacht hat, durch den dunklen Wald zugelangen, auch wenn das zunächst nicht ganz freiwillig war, da die weise Alte eine kleine „List“ angewendet hat, um ihn zum Leben (zurück) zu führen. Danach erfährt er eine Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die er vorher nicht gekannt hat.
Er hat seinen Lebensweg noch vor sich und wird seine Erfahrungen machen, indem er seine Lebensabenteuer bestehen wird und immer ein Stück Leichtigkeit behalten wird, da er den tiefsten Punkt in seiner Gefühlsskala überschritten hat und wirklich alles losgelassen hat, nämlich sein Leben.
Wir können uns nur auf die Abenteuerreise Leben begeben, wenn wir unsere Kindheit hinter uns lassen. „Der unfreiwillige Wanderer“ ist noch am Anfang seiner Reise, bzw. diese hat noch gar nicht richtig angefangen, aber er ist gewappnet durch die Trauererfahrung des Loslassens und seine Reise nach dem Etwas, nach dem Kick, nach dem Anderen… , kann beginnen. Dabei wird ihm Vieles begegnen, z. B. die Liebe. das Teuflische, die Verführungskunst, die Wahrheit zu verschleiern, usw.
All das gehört zu jedem Leben dazu… Seine Leichtigkeit, sein Instinkt und seine Intuition (die weise Geschichtenerzählerin), werden ihm auf seinem Weg, bei seiner Suche helfen.
Ebenso wie der „Freiwillige Wanderer“ und wie Holden Caulfield sucht auch „Siddharta“, die Hauptfigur in Hermann Hesses gleichnamigem Roman, den Sinn, das „Eigentliche“ im Leben, und verlässt deshalb sein Elternhaus, weil er es dort, bei den Brahmanen, den religiösen Oberhäuptern, die zur höchsten Kaste in Indien gehören, nicht zu finden glaubt. Er findet es nicht im Außen, weder bei den Bettelmönchen, weder bei Buddha selbst, noch durch ein weltliches ausschweifendes Leben bei den „Kindermenschen“, wie Hesse die Menschen nennt, deren einzige Werte Ruhm, Macht und äußere Attraktionen sind.
Am Fluss bei einem Fährmann kommt Siddharta zur Ruhe, wobei der Fluss als Symbol für das Fließen der Zeit und für das Beständige steht, das die Sichtweise des Menschen bedeutet, nämlich nicht ein Suchender sein zu müssen, sondern einer, der findet. Siddhartas Angekommen-Sein besteht in seiner Erkenntnis der Welt darin, allen Wesen mit Liebe, Achtung und Ehrfurcht zu begegnen und zu wissen, dass Weisheit nicht übertragbar, sondern nur für jeden Einzelnen erfahrbar ist.
So hat jeder Mensch, seinen ureigenen Weg in Liebe zu gehen, ohne dass er irgendeine Erkenntnis auf einen anderen Menschen direkt übertragen kann.
So äußert Siddharta seine Erfahrungen als Hoffnung: „Die Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können.“ (Hermann Hesse „Siddharta -, eine indische Dichtung“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1974.)
Dem „unfreiwilligen Wanderer“, dem Narren ist dies nicht bewusst, aber unbewusst liebt er sich und die Welt, er muss jedoch noch in die Welt hinaus und seine schmerzlichen Erfahrungen machen, um wieder dort anzukommen, wo er jetzt ist, allerdings mit dem Unterschied, dass er nach seiner Reise mit Bewusstheit sich selbst und die Welt liebt...
Da unsere Eltern nicht absolut und nicht unfehlbar sind, drängt sich die Sehnsucht nach etwas Absolutem auf, die Suche nach dem Universum, nach Gott … und die macht die Reise in die Welt zwingend.
Diese Suche nach dem Absoluten ist die Suche nach dem Leben, die Suche nach dem Ursprünglichen, d. h. nach uns selbst, nach dem ureigensten Selbst mit seinen unterschiedlichen schillernden Facetten.
Das Sich – Auf – den - Weg – Machen ist das Leben selbst, ... das Angekommen – Sein.
Wenn wir dies beherzigen, unsere geschichtlich – gewordene Kindheit loszulassen, was zunächst immer schmerzlich sein muss, dann wird uns die Fröhlichkeit und Leichtigkeit des „Unfreiwilligen Wanderers“, des Narren zuteil, die menschlichen Abgründe zu überwinden.
Wir haben den Mut und die Leichtigkeit die Reise in das Menschliche Sein anzutreten... Wichtig ist hierbei, dass die Reise wirklich konkret angetreten werden muss. In der heutigen Zeit ist es üblich, dass die Kinder teilweise bis zu ihrem 30. Lebensjahr zu Hause wohnen, dass sie ewige „Nesthocker“ bleiben und die Sehnsucht sich auf eine Reise, auf die ureigene Suche zu begeben, auf der Strecke bleibt. Auch wenn der typischen Generationenkonflikt heutzutage ein anderer ist als noch vor hundert oder fünfzig Jahren, und das Zusammenleben zwischen Eltern und erwachsenen Kindern erträglich erscheint, so trägt dieses Phänomen teilweise auch dazu bei, den Kick, die Suche nach dem Etwas, durch Drogenkonsum zu kompensieren. Statt die Suche als ein Sich-Aufmachen zu erleben, wird sie als Sucht erfahren. Auch wenn die Kleinfamilie zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den Industrienationen eine Aufwertung erfahren soll, da die Selbstverwirklichung des Einzelnen angeblich dem Wirtschaftsfaktor in unserer Gesellschaft schade, ist die Überwindung der Ursprungsfamilie, der Eltern, der Kindheit eine Grundvoraussetzung für ein erfülltes und selbstverantwortlich geführtes Leben. Diejenigen, die elternlos aufgewachsen sind, haben es manchmal leichter sich auf den ureigensten Weg zu machen und Verantwortung für sich zu übernehmen.
Es ist, denke ich, auch wichtig, Beispiele anzuführen, die für die Lebenstragik und für das Lebensunglück stehen, was dann entsteht, wenn keine Abnabelung vom Elternhaus vollzogen wird. Dann wird der eigene Lebenszug verpasst.
Wer sich nicht auf den Weg macht, scheitert im Leben, wie das Beispiel der Autobiographie von Fritz Zorn zeigt
Ein wirklich erschütterndes Beispiel für jemanden, der sich nicht aufgemacht hat auf seine Reise, der sich nicht wirklich auf seine Suche begab, ist der autobiografische Roman von Fritz Zorn, „Mars“. Er schreibt unter dem Pseudonym Zorn, weil er sehr zornig ist auf das Leben, als er das Buch schreibt. So beginnt er seinen Roman:
„Ich bin jung, reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein.“
(Fritz Zorn „Mars“, Taschenbuch, Frankfurt am Main 1979).
Hier wird gezeigt, dass das Schreckliche an seiner Kindheit war, dass sie gar nicht schrecklich war. Fritz Zorn, der eigentlich Fritz Angst hieß, ist in einer Schweizer Großbürgerfamilie als einziges Kind aufgewachsen. Er wohnte mit seinen Eltern in einem großen Haus, mit Komfort und Luxus. Er hatte alles, was ein Kinderherz begehrt. Er war wohlerzogen. Seine Familie legte großen Wert auf Konventionen, und so erfüllte er diese. Es gab nie Streit in der Familie, keine Gefühlsausbrüche, alles war mittelmäßig großbürgerlich und wohl beherrscht. Es wurde wohl gesittet ausschließlich klassische Musik gehört und alles schien in Ordnung. Fritz Zorn studierte und wohnte während dieser Zeit trotzdem Zuhause. Er entbehrte scheinbar nichts, war ein Musterschüler, ein Musterstudent, promovierte und wurde ein Musterlehrer. Doch bereits mit seinem 18. Lebensjahr schlich sich eine starke Depression ein, die ihm das Leben schwer machte. Es war dieses Gefühl der Sinnlosigkeit, dieses Gefühl, das eigentlich nicht zu beschreiben ist, es ist ein dumpfes lebensfeindliches Moment, das für Außenstehende nicht sichtbar ist. Seine Eltern hatten ihn nicht geschlagen, ihn nicht drangsaliert, er genoss alle Vorzüge des Bildungsbürgertums, während seiner Kindheit und in seinen Studentenjahren. Es war alles perfekt, zu perfekt und deshalb am Leben vorbei. Sexualität wurde verschwiegen und durch die Bildungsbürgerkultur kompensiert. So hatte Fritz Zorn während seines 32-jährigen Lebens weder eine freundschaftliche noch eine sexuelle Bindung, bzw. eine Liebesbeziehung. Er war nicht unbeliebt, hatte Klassenkameraden an der Schule gehabt, an der Uni Kommilitonen und an der Schule Kollegen, aber nichts, was darüber hinaus ging, nichts was sein Leben aufregend oder lebendig machte. Er kannte auch keine Traurigkeit, keinen Liebeskummer, keine Enttäuschung oder Wut über einen Freund oder eine Freundin, da er keine zwischenmenschlichen Beziehungen hatte, die ihm irgendwie unter die Haut gingen. Nicht er, sondern es lebte sich so vor sich hin und er hatte keinen wirklichen Bezug zu sich selbst. Deshalb stellten sich die Depressionen ein, als Zeichen eines verdeckten Schmerzes, eines verdeckten Verlustes, des Verlusts von Leben. Statt seine Familie zu verlassen, sich abzunabeln und sich auf und davon zu machen, um sein eigenes Leben zu führen, war er stark an sein Elternhaus gebunden, an die Konventionen. Jedoch auch diese Bindung war zur Emotionslosigkeit verkommen, da offene Gefühle in seiner Familie nicht gezeigt wurden. 10 Jahre lang litt er unter dieser Depression, bis er dann die Diagnose „Kehlkopfkrebs“ bestätigt bekam und wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Zu diesem Zeitpunkt erkannte er mit Hilfe einer Psychotherapie, dass im Tumor seines Kehlkopfes „die nicht geweinten Tränen“ saßen. Seine Depression löste sich auf in eine echte, tiefe Traurigkeit darüber, dass er sein Leben nicht gelebt hatte, dass er keine Sexualität erlebt hatte und nicht einmal wusste, zu welchem Geschlecht er sich hingezogen fühlte.
„Es stellte sich heraus, dass es mir nicht nur miserabel ging, sondern dass es mir schon immer miserabel gegangen war, und dass ich alle Voraussetzungen dafür erfüllte, dass es mir auch in Zukunft miserabel gehen würde.“ (ebd.)
Er war das erste Mal in seinem Leben wirklich zornig und somit ursprünglich authentisch. Mit diesem Gefühl des Zorns schrieb er dieses Buch, und lernte im Angesicht des Todes ebenfalls das erste Mal in seinem Leben für sich selbst einzustehen, er begann das erste Mal für sich zu kämpfen. Er wütete gegen den Tod, nannte seine Krankheit „Mars“ und verstand sie als Krieg und so endet sein Roman mit dem Satz: „Ich erkläre mich als im Zustand des totalen Krieges.“ (ebd.)
Er rechnete mit seinen Eltern ab, die für ihn bei dieser Abrechnung nicht als Individuen schuldig und relevant waren, dafür aber stellvertretend für die bürgerliche Gesellschaft schuldig gesprochen wurden, da sie für ihn die konservativen Erziehungsmethoden und -strukturen der damaligen Gesellschaft (40er – und 50er Jahre des 20. Jahrhunderts) repräsentierten: Er verlor diesen Kampf, denn er starb mit 32 Jahren. Er hatte aber dieses Buch als Manuskript fertiggestellt und erfuhr einen Tag vor seinem Tod, dass es einen Verleger dafür gäbe.
Das Erschütternde und Berührende ist die Tatsache, dass es sich hier nicht um eine Romanfigur handelt, sondern um eine Autobiografie.
Mit diesem Buch hat Fritz Zorn, der ja eigentlich Angst hieß, seiner Nachwelt ein wichtiges Dokument geschaffen, das die ungeheuren Konsequenzen aufzeigt, die ein Leben mit unbewältigter Angst mit sich bringt, nämlich den zu frühen und abrupten Tod. Fritz Zorn hatte sich nicht wie der „Unfreiwillige Wanderer“ auf den Weg machen können, denn bei ihm waren die Intuition, die innere weise Stimme der Alten und der Instinkt, den der Wanderer als Narr schließlich entdeckt, verschüttet, durch eine zu starre, konventionelle Erziehung. Er hatte nicht die Möglichkeit, sich von den Eltern innerlich wirklich zu lösen. Er lebte nicht nach seinem eigenen Lebensentwurf, sondern unbewusst ausschließlich nach den Normen der elterlichen Erziehung Also funktionierte er nur nach außen und verspürte nicht einmal die Sehnsucht nach seiner Urheimat. Er lebte also unbewusst in dem folgenden Sinne:
Wer sich nicht auf die ureigene Suche macht, hinterlässt keine Spuren.
Deshalb fühlte er sich so depressiv und allein, aber auch wieder nicht allein genug, denn dann hätte er ja wiederum die wirkliche Nähe der Menschen gesucht. Er fand so natürlich auch nicht die Nähe zu sich selbst. Erst bei seiner Krankheit, die ihn mit dem Tod konfrontierte, empfand er so etwas wie Authentizität, für die es sich dann wieder gelohnt hätte weiter zu leben, was Fritz Zorn aber nicht mehr gelungen ist. Dafür hat er allerdings dieses Dokument geschaffen, das seiner Nachwelt der Mahnung dient, es anders zu machen, sich aufzumachen zur Urheimat.
Das Lebensfeindliche seiner Biografie ist die Angst (in diesem Falle nicht nur ein Spruch: sondern „nomen est omen“), sich auf sich selbst einzulassen, offen gegen die Eltern zu rebellieren, zu riskieren, dass er in eine echte tiefe Traurigkeit fällt wie der „Unfreiwillige Wanderer“, dass er sich traut er selbst zu sein.
Es gibt Elternhäuser, in denen es den Kindern schwer gemacht wird, sich zu lösen, um das Leben selbst in die Hand nehmen zu können. Es sind oft die Elternhäuser, die eine äußerliche Bequemlichkeit bieten, die eine Angstvermeidungsmöglichkeit provoziert. Die Existenzphilosophie von Karl Jaspers (1883-1969, vgl.: „Vernunft und Existenz. Fünf Vorlesungen“. Bremen 2. Aufl. 1947) und Martin Heidegger (1889-1976, vgl. „Sein und Zeit“, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2002) sowie der Existentialist Jean-Paul Sartre (1905-1980, vgl. „Das Sein und das Nichts“, Akademie Verlag, 2003) haben ihren Werken die Angst als zum eigentlichen Dasein des Menschen zugehörig beschrieben. Es gilt sie wahrzunehmen, sie anzunehmen, um sie dann wieder loslassen zu können. Es bedeutet, die Lebenssituationen, die uns vereinzeln, die uns auffordern uns von den Anderen, vom „Man“ (so Heidegger) abzuheben, um unseren individuellen ureigenen Weg zu gehen. Das bedeutet zunächst Angst vor der Einsamkeit, und sogar die Angst vor dem „Nichts“, wir lassen uns auf das ein, was wir nicht kennen, so wie der Narr, der junge Wanderer vor dem Abgrund. Doch er kann sein Leben „anpacken“, nachdem er allein durch den dunklen Wald gegangen ist und in seinen eigenen Abgrund geblickt hat. So kann er mit Leichtigkeit seinem Lebensabenteuer begegnen, denn die erste große Hürde hat er genommen, er ist durch die Todesangst durchgegangen und auf diese Weise auf seinen eigenen Lebensweg gelangt.
Es ist also wichtig, den „tiefsten Punkt“, die schattigste Seite in seinem Leben anzunehmen, um sich auf geistiger Ebene weiter entwickeln zu können.
Hierzu möchte ich ein Beispiel aus meiner philosophischen Lebenspraxis zeigen, das die Notwendigkeit sich im Leben auf die eigene Suche zu begeben beweist
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Ein Beispiel für eine gelungene Abnabelung vom Elternhaus aus der philosophischen Lebensbearatungspraxis
Martin S., Jahrgang 1950, hatte eine komplizierte Kindheit. Seine Eltern hatten keine Zeit für ihn und seinen 3 Jahre ältern Bruder. Allerdings hatte er eine Kinderfrau, die liebevoll mit ihm umging und zu der er auch eine emotionale Bindung hatte. Jedoch war die Mutter eifersüchtig auf diese positiven Gefühle Martins gegenüber der Kinderfrau, so dass sie ihm verbot, abends, wenn sie zu Hause war, mit der Kinderfrau zu sprechen und diese auch nur irgendwie sprachlich zu erwähnen. Das quälte ihn natürlich sehr als Kind, und er fühlte sich innerlich zerrissen, was seine aufrichtigen Gefühle betraf, zum einen die für seine Mutter und zum anderen die für seine Kinderfrau. Der Vater war nur am Wochenende da und wollte dann auch nur immer eine harmonische Stimmung. Martin fühlte sich nie wirklich wohl in seinem Elternhaus. Er genoss allerdings eine hervorragende Bildung an einer Privatschule. Er ging sehr früh aus dem Haus, er machte sich auf seinen eigenen Lebensweg und entschied sich dafür, sich ins Leben zu stürzen. Bereits damals, er war 16 Jahre alt, hatte er sich zu einem Teil von seinem Elternhaus abgenabelt. Nur so entging er einer Depression und einer Neurose. Er übernahm früh Verantwortung für sich und schaffte es eines Tages dank einer philosophisch-psychologischen Lebensberatung seinen Eltern wahrhaft zu verzeihen und in aller Ganzheit zu verstehen, dass sie so gehandelt haben, wie sie es damals konnten, besser wussten sie es nicht. Martin ist heute ein erfolgreicher Künstler und hat viele Abenteuer auf seiner Suche erlebt und durchlitten und ist immer gestärkt und ein weinig weiser aus ihnen hervorgegangen.
Unsere gemeinsame Suche nach unserer Urheimat geht im folgenden Kapitel weiter mit einem weiteren Märchen.
Der Magier beim fahrenden Volk
Wer sich auf die Suche macht, hinterlässt Spuren
Verausgaben des eigenen Potentials oder vorläufig aufgehoben beim fahrenden Volk. Das Fehlen der weiblichen Intuition oder die Notwendigkeit sich auf die männlichen Seelenkräfte zu besinnen
Wir haben im vorhergehenden Kapitel gesehen, wie wichtig es ist, sich auf die Suche zu machen. Wenn wir das Versäumen, dann haben wir tatsächlich unser Leben verwirkt und wir können sehr depressiv und krank werden.
Sind wir aber aktiv auf unserer Suche, so sind wir auf unserem Weg, der uns die Richtung zeigt, wenn wir es wollen. Die Begegnung mit dem Leben, mit unterschiedlichen Menschen, Situationen und Lebensbereichen bringt die menschliche Seele in Kontakt mit den unterschiedlichen Aspekten der tieferen Seinsschichten. Dabei ist es wichtig, dass wir zunächst die männliche Energie, das Yang in uns entdecken. Wir benötigen beide Aspekte, das Yin, das weibliche, das Annehmende, das Verbindende, den Mond, die Nacht, das Intuitive genauso wie das männliche Lebensprinzip, das Gebende, das Punktuelle, die Sonne, den Tag, das analysierend Verstandesmäßige. Sind beide Aspekte im Einklang und gleich berücksichtigt, so ist das Leben leicht und erscheint fast vollständig. Leider werden diese beiden Lebensprinzipien oft ungleich ausgelebt und befinden sich deshalb im Widerstreit. Dies wird auf der seelisch-geistigen Ebene als unharmonisch, Unausgeglichenheit, Unzufriedenheit und Unvollständigkeit und deshalb auch als Sehnsucht erlebt. Wenn wir diese beiden Lebenskräfte, das Weibliche und das Männliche als die zwei Urprinzipien des Lebens erkennen und diese tief in unsere Seele integrieren, dann wird uns auch eine Lebendigkeit zu Teil, die das Leben lebenswert macht, mit allen Höhen und Tiefen. Wir erfahren das Leben mit der Lebensmagie, dem Zauber, der Freude, aber auch mit Traurigkeit, Freude und Leiden. Diese beiden Lebensprinzipien bedürfen der Entdeckung und Beachtung in der eigenen Seele und entsprechen und spiegeln uns unsere eigenen Seelenkräfte die Menschen wider, denen wir im Außen begegnen. Wichtig ist allerdings zu beachten, dass wir auf unserer aktiven Suche nach unserer Urheimat zunächst die männliche Energie erkennen und gegebenenfalls erwecken und stärken müssen. Denn sie ist es, die das handelnde Moment in uns ermöglicht. Sie lässt uns agieren und uns auf das Leben zugehen. Dabei müssen wir lernen mit dieser Kraft sorgsam umzugehen, sie nicht zu vergeuden. Die weibliche Seelenkraft wird sich während der Lebensreise in ihrer Stärke entwickeln, ist im folgenden Märchen allerdings erst ansatzweise ausgeprägt. Wir sind ja auch erst ganz am Anfang unserer Reise.
Der junge Mann in dem folgenden Märchen hat sich aufgemacht. Er ist unterwegs, nicht nur allein, sondern in einem Kollektiv und scheint deshalb irgendwie angekommen zu sein, ist aber erst am Anfang seiner Suche, seiner Reise, denn der weibliche Seelenaspekt ist zwar vorhanden und wird auch erfahren, allerdings auf unterentwickelte Weise. Dennoch hinterlässt der Protagonist im folgenden Märchen bereits Spuren, die ihn einzigartig sein lassen.
Es gab zu einer Zeit einen jungen Mann, der sehr viel Kraft hatte. Er hieß Alijoscha. Er konnte nicht nur große Gewichte stemmen, sondern auch Menschen in seinen Bann ziehen, jung und alt, Mann und Frau. Er war in einem kleinen Wanderzirkus aufgewachsen. Wenn dieser Zirkus auf Winterquartier war, bekamen die Affen im Käfig warmen Tee zu trinken, damit sie sich nicht erkälteten. Die unverheirateten Männer tranken abends Schnaps und sangen ihre Lieblingslieder in ihre Blechtassen hinein, so dass es weit in die Mondnächte hinausschallte. Alijoscha wuchs bei den Großeltern auf und wurde stark und hatte sehr viel Energie. Er war nie in die Schule gegangen, dennoch konnte er lesen und schreiben, denn das hatte ihm sein Großvater beigebracht. Er konnte Gitarrespielen, obwohl er keine Noten lesen konnte und nie Musikunterricht gehabt hatte. Auch singen konnte er wunderschön und viele andere Talente schlummerten in ihm. Da er schon als Kind einen großen Zauber ausstrahlte, wuchs seine magische Anziehungskraft auf Mädchen und Frauen mit zunehmendem Alter. Als Alijoscha nun ein junger Mann geworden war, verliebten sich alle Mädchen vom Zirkus in ihn, uns selbst die glücklich verheirateten Frauen fühlten sich von ihm magisch angezogen.Da Alijoscha nun ohne Mutter aufgewachsen war, brauchte er besonders viel weibliche Nähe, und so zog er alles Weibliche in seinen Bann. In jedem Ort, in dem der Zirkus gastierte, hatte er Frauen zu seinen Geliebten gemacht. Zu einer Zeit waren viele Frauen sogar bereit, für ihn „anzuschaffen“, so sehr fühlten sie sich von seiner magischen Ausstrahlung angezogen. Beim Zirkus war er Feuerschlucker und er löschte das Feuer mit dem Wein aus großen Kelchen. Er jonglierte mit Stäben und konnte Münzen wegzaubern und mit Schwertern tanzen. Als er sich eine Tages beim Feuerschlucken den Mund verbrannte, zuviel Wein aus den Kelchen trank, um das Feuer zu löschen, als er das Gleichgewicht beim Jonglieren mit den vielen Stäben verlor und als er zu viele Münzen verschwinden ließ und mit zu vielen Schwertern tanzte, brach er nach seiner Vorstellung zusammen. Irgendwann, als er aus seiner Ohnmacht erwachte, saß eine Frau an seinem Bett, die er noch nie gesehen hatte. Sie hatte kalte Tücher auf seine Stirn gelegt und hielt seine Hand. Er verspürte ein tiefes Verlangen, diese Frau zu küssen. Ihm war so, als hätte er noch nie geküsst, noch nie geliebt. Langsam spürte er seine Kraft wieder in seinen Gliedern. Als er wieder richtig bei Kräften war, nahm er seine Gitarre und sang dazu, - so inbrünstig, wie er noch nie zuvor gespielt und gesungen hatte… Die Frau, nach der er sich so sehnte, war jedoch verschwunden… Doch er spielte und sang nur noch für sie. Er ließ von nun an ab von allen anderen Frauen, arbeitete nicht mehr als Feuerschlucker und löschte das Feuer nicht mehr mit dem Wein aus großen Kelchen. Auch jonglierte er nicht mehr mit Stäben, zauberte keine Münzen mehr herbei oder weg und tanzte nicht mehr mit Schwertern…Doch immer wenn er einen Stab in seine rechte Hand nahm und ihn nach oben hielt und mit seiner linken Hand auf die Erde zeigte, erschien eine große, helle liegende Acht über seinem Kopf, das Unendlichkeitszeichen, so dass sich alles um ihn herum in Blumen verwandelte.
Der Magier, das „fahrende Volk“ und die männliche Kraft
Da jeder Mensch weibliche und männliche Energie in sich trägt, ist es deshalb seine Aufgabe die Balance zwischen beiden Polen herzustellen, dies ist der Ursprung seines lebenslangen Tun und Schaffens.
Nur durch einen hohen Bewusstseinsgrad und nach intensiv erlebten Erfahrungen im Laufe eines Lebens sind der Einklang und die Harmonie zwischen weiblicher und männlicher Energie andauernd und stabil.
Der innere und äußere Kampf der beiden Pole macht jedoch das Leben bunt.
Der junge Mann Alijoscha steht noch am Anfang seines vor ihm liegenden Lebens. Er verkörpert die männliche Energie und Kraft, die in jedem Menschen vorhanden ist. Bei dem einen ist sie ausgeprägter und offensichtlicher, bei anderen verhalten und verdeckter, unabhängig davon, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt.
Alijoscha symbolisiert dabei den „Urmann“, der mit seinem osteuropäischen Namen auf die „Urvölker“ Osteuropas verweist, die sich durch große Stärke ausgezeichnet haben, wie z. B. Dschingis Khan.
Alijoscha gehört zu einem Wanderzirkus, also zum „fahrenden Volk“, das seinen Ursprung in Osteuropa hat, besonders aber in Indien.
Das Leben im Wanderzirkus verbildlicht Freiheit, d. h. Unabhängigkeit von Raum und insofern auch von Zeit, da das Zusammenleben der Zirkusleute nicht direkt von den kulturellen und gesellschaftlichen Strömungen beeinflusst ist.
Das Zusammenleben mit wilden Tieren, die zwar domestiziert sind, aber gleichzeitig die ursprüngliche natürliche Kraft symbolisieren, ermöglicht den Zirkusleuten, ihre eigene ursprüngliche Kraft durch eine indirekte Art von Nachahmung der Tierwelt, die im Zirkus ihr Können unter Beweis stellen müssen, eine gewisse Magie auszustrahlen.
Alijoscha ist verglichen mit allen anderen der kräftigste Mann und derjenige mit der größten Ausstrahlung.
Seine Stärke ist nicht zuletzt auch deshalb so magisch anziehend und überwältigend, weil er ohne Eltern aufgewachsen ist und er früh gelernt hat, sich selbst zu behaupten
– Das Sich – Alleingelassen – Fühlen durch die elternlose Erziehung, das tiefe Verlassenheitsgefühl wird durch die Geborgenheit, die die Großeltern ihm bieten und ebenso auch durch die gesamte „Zirkuswelt“, aufgefangen.
Die Zwiespältigkeit Alijoschas zwischen Elternlosigkeit und dennoch familiärer und sozialer Geborgenheit innerhalb eines sozialen Gefüges, wie es der Zirkus ermöglichte,t aufgewachsen zu sein, erfüllt Alijoscha einerseits mit Sehnsucht, und zwar mit Sehnsucht nach der geheimnisvollen, ihm durch die Mutterlosigkeit verborgen gebliebenen weiblichen Energie und andererseits mit einer großen magischen Kraft und Anziehung-
Um an der weiblichen Energie Anteil zu haben, muss er seine männlichen Fähigkeiten besonders ausprägen. Das zeigt er, indem er die vier Elemente, Feuer, Wasser, Erde, Luft beherrscht, indem er als Feuerschlucker auftritt, den Wein aus Kelchen gebraucht, um das Feuer zu löschen. Der Tanz mit den Schwertern symbolisiert ebenso das Element Feuer, die Kelche symbolisieren das Wasser, das Fließende. Das Jonglieren mit den Stäben steht für das Element Luft und das Zaubern mit den Münzen steht für die Erde, für das Materielle als Lebensgrundlage.
Da Alijoscha in seiner Sehnsucht zum anderen Geschlecht seine Kräfte und Künste zu einseitig gebraucht und sich nicht für eine Frau entscheiden kann, verliert er völlig sein äußeres und inneres Gleichgewicht, das er ohnehin nicht in einem hohen Maße besessen hatte, und bricht zusammen.
Dieser Zusammenbruch ist wie jeder Zusammenbruch die Chance für einen Neuanfang. Alijoscha trifft auf eine Frau, die alle Frauen in sich zu vereinigen scheint. Sie erweckt in ihm seine wahren Talente, die er auf Grund seiner Kraftvergeudung vernachlässigt hatte, wiederzuentdecken und sie einzusetzen.
Die weibliche Energie in Alijoscha wird hier durch die Frau an seinem Bett symbolisiert. Sie erweckt seine Begabungen zu neuem Leben, in dem Sinne, dass die Natur nicht verschwenderisch ist, sondern jeden Menschen mit seinen speziellen Begabungen ausstattet, die er im Laufe seines Lebens auch zu nutzen hat. Alijoscha nutzt diese musischen Begabungen und die Frau aller Frauen verschwindet aus seinem Leben, aber nur physisch. Geistig – seelisch ist sie immer noch vorhanden, da er seine musischen Begabungen auslebt.
Seine männliche Kraft hat er nicht verloren. Und wenn er sich mit dem Himmel und der Erde gleichzeitig verbunden fühlt, dann ist seine Kraft so magisch und unendlich groß, dass er so etwas wie Eins-S ein erahnt.-
Dies sind aber für Alijoscha nur Momente; zu einseitig ist er noch mit seiner männlichen Magie beschäftigt, so dass das Urweibliche immer unerreichbar scheint und immer noch ein großes Sehnen danach zurücklässt.
Wie wichtig in den heutigen westlichen Industriegesellschaften eine ausgeprägte männliche Seelenkraft ist, zeigen die vielen Beispiele für die verkrüppelte Seelenstruktur vieler Menschen, besonders auch die der Männer.
Da die technischen Errungenschaften des 19. und besonders die des 20. Jahrhunderts an die Stelle von Gott oder sonst irgendeiner absoluten geistigen Macht getreten sind, tritt der Mensch hinter diese zurück und erlangt hinsichtlich seiner Ursprünglichkeit und Individualität eine große Bedeutungslosigkeit.
Da die Technik dem naturwissenschaftlichen Weltbild entspricht, dass alles funktioniert und alles analysiert und erklärt werden kann, nicht aber verstanden werden muss, ist der Mensch Handlanger der Technik geworden und gleichzeitig der Beherrscher der Natur. Dabei hat er größtenteils vergessen, dass er selbst Teil der Natur ist und dass er die Aufgabe hat, diese zu verstehen, um sich selbst verstehen zu können. Er ist auf diese Weise von sich selbst getrennt, was bedeutet, dass sich seine beiden Seelenkräfte Yin und Yang, das Männliche und das Weibliche (Animus und Anima, wie Carl Gustav Jung (1875-1961, „Archetypen“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001) der berühmte Tiefenpsychologe, diese Seelenkräfte im Menschen nennt) nicht in Harmonie befinden, sondern vielmehr im Streit. Das führt zu einseitig geprägtem Handeln und zu einem einseitigen Wissenschafts- und Naturverständnis, so dass die männliche Kraft als Magie, die uns durch den jungen Mann beim fahrenden Volk begegnet, weitgehend verloren gegangen ist. Diese einseitig ausgeprägten Seelenkräfte schaffen also einseitig geprägte Weltbilder.
Besonders auch die männliche Seelenkraft sollte in ihrem Ursprung gesehen werden. Ihr liegt das „Sich-Annähern“ als Übersetzung aus dem Lateinischen „aggredere“ zu Grunde, es ist nicht wertend gemeint, sondern ein Teil menschlichen Seins. Wenn wir uns nicht an das Annähern, was wichtig für unser Leben ist, und uns trauen uns selbst zu verteidigen, dann werden wir aggressiv in einer unerlösten Form, d. h. wir werden in unangemessener Weise die Anderen auf verbaler oder sogar auf körperlicher Ebene verletzen. Gebrauchen wir hingegen die Aggression als handlungstreibendes Energiepotential, so ist sie als männliche Seelenenergie sehr hilfreich bzw. sogar notwendig, um zu handeln, um leben zu können. Besonders deutlich wird dies anhand von Beispielen, die uns mit der Natur, oder dem, was wir davon noch vorfinden, konfrontieren. Halten wir uns z. B. in einer Gegend auf, in denen es noch Raubtiere gibt, dann müssen wir möglichst instinktiv handeln, entweder weglaufen oder aber uns der Bedrohung „Annähern“, um selbst zu drohen, uns zu verteidigen. Dieses Verhalten ist zum Überleben notwendig. Ebenso verhält es sich auf der gesellschaftlich sozialen Ebene. Soll jemand von seinem Arbeitsplatz weggemobbt werden, dann ist es notwendig, dass sich der Betreffende zur Wehr setzt, dass er z. B. zum Aufsichtsrat geht, eine Supervision fordert oder dass er selbst sich sogar direkt wehrt, in dem er sein eigenes Machtpotential mobilisiert, statt in Ohn-Macht zu fallen, er setzt seine eigene männliche Seelenkraft ein und sagt auf relativ angstfreie Weise, was er von den Anderen und deren Art mit ihm umzugehen hält… Einer dieser beiden Vorschläge hilft in der Regel tatsächlich, sich seinen eigenen Platz (wieder)zu erkämpfen. Die erlöste Form Aggression als Notwendigkeit und Möglichkeit zu sehen überleben und somit auch authentischer leben zu können, ist besonders wichtig, um die Konsequenzen der unerlösten Form von Aggression, die in Gewalt gegen andere und gegen sich selbst münden, zu verhindern.
Den „Urzigeuner“ im Menschen finden
Der Protagonist in diesem Märchen lebt sein männliches Seelenpotential aus. Es ist für ihn auch nicht allzu schwierig, da er sich in einem relativ geschützten Raum befindet, er hat seinen Platz beim „fahrenden Volk“. Das ist ein wichtiges Element, was das Zigeunerleben immer attraktiv machte, oder so erscheinen ließ. (Ich wähle hier den Begriff Zigeuner, der zwar einerseits assoziativ belastet ist durch die verklärte Romantik des 18. Jahrhunderts, durch die Diskriminierung im Sinne eines Rassismus, der besonders im 19. Jahrhundert geprägt wurde und die Verfolgung im Nationalsozialismus des 20. Jahrhunderts mit sich brachte); jedoch andererseits bedeutet „Zigeuner“ auch eine gewisse Verklärung des Gauklerlebens, das verbunden wird mit nicht gelebter eigener bürgerlicher Freiheit, Unabhängigkeit, Sinnlichkeit und dem Ausleben musischer Begabungen. Beides ist problematisch, um den Sinti und Roma gerecht zu werden. Dennoch wähle ich neben „Sinti“ und „Roma“ auch das Wort „Zigeuner“, da es für mich authentisch und wertfrei ist. Von Zigeunern ist häufig in altem Liedgut und in der Literatur die Rede, und so meine ich damit gleichzeitig auch den „Urzigeuner“ in uns selbst, den wir alle tradiert assoziieren. Da wir kollektiv das „Umherziehen“, das „Umherwandern“ als ursprüngliche Lebensform der Menschheit kennen -der Mensch war vor seiner Sesshaftigkeit ein Jäger, ein Beduine-, ist uns „das Zigeunerhafte“ in seiner ursprünglichen Bedeutung ohne die Prägung gesellschaftspolitsicher Vorurteile vertraut, ohne das damit verbundene Leben zu diskriminieren oder zu verklären.
Alijoscha, der also einen festen Platz in der Großfamilie, in der Sippe der Zigeuner hat, obwohl er elternlos aufgewachsen ist, erfährt so die Möglichkeit sich in seinem männlichen Potential auszuleben.
Das ist die Faszination, die Zigeuner und das Zigeunerleben auch heute im 21. Jahrhundert ausstrahlen. Das ist die Möglichkeit, einen eigenen Weg gehen zu können, besonders was die eigenen Talente betrifft. Hier muss der Mensch nicht bloß funktionieren, hier kann er seine Talente entfalten. Er ist Feuerschlucker, Tänzer und Magier und so verkörpert er das facettenreiche Potential des Künstlers, der seinen eigenen Weg gehen kann, denn er darf seine Talente ausleben und ist unabhängig.
Die Faszination des Zigeunerlebens ist in der Literatur und in der Oper und Liedern beschrieben und ich habe sie persönlich erlebt. Bereits als Kind fand ich das, was ich über Sinti und Roma wusste, faszinierend. Sie hatten keine Heimat, sie waren an keinen Ort gebunden und hatten ihre Familie immer dabei. Niemand musste den anderen verlassen, sie blieben immer zusammen, als Großfamilie, ja sogar als Sippe und sie konnten immer weggehen, von den Plätzen, auf denen sie nur zeitweise gastierten. Sie hatten so etwas wie Heimat, die nicht an den Ort gebunden war, dafür hatte Heimat etwas mit den Menschen, mit der Familie, mit den domestizierten Raubtieren zu tun.
