Der Kurator - M. W. Craven - E-Book

Der Kurator E-Book

M W Craven

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Beschreibung

Wer ist gefährlicher als ein Serienkiller? Band 3 der SPIEGEL-Bestsellerserie und englischen Krimi-Reihe mit Kult-Status: clevere Fälle, schwarzer Humor und Spannung, die dich die ganze Nacht an die Seiten fesselt.  Überall in Cumbria hinterlässt ein Serienkiller »Weihnachtsgeschenke« für die Polizei: abgetrennte Finger und dazu die Nachricht »#BSC6«. DS Washington Poe und die Analystin Tilly Bradshaw stehen vor einem Fall, der einfach keinen Sinn ergibt. Ihr einziger Verdächtiger leugnet hartnäckig, was sie zweifelsfrei beweisen können – gibt dafür aber Dinge zu, von denen die Polizei noch gar nichts wusste. Und warum haben die Opfer, die scheinbar nicht das Geringste miteinander zu tun hatten, alle vor drei Jahren dieselben zwei Wochen Urlaub genommen? Als sich eine in Ungnade gefallene FBI-Agentin bei Washington Poe meldet, nimmt der Fall eine düstere Wendung. Denn sie ist überzeugt, dass der Täter keineswegs ein Serienkiller ist. Sondern jemand sehr viel Gefährlicheres … Preisgekrönt und Kult in England, SPIEGEL-Bestsellerautor in Deutschland: die Krimis um Washington Poe endlich auch auf Deutsch Der britische Bestseller-Autor M. W. Craven liefert Hochspannung zum Miträtseln, gewürzt mit intelligentem Wortwitz. Alle Bände der Krimi-Serie lassen sich unabhängig voneinander lesen und folgende Bände sind bereits auf Deutsch erschienen: - Der Zögling (Band 1) - Der Gourmet (Band 2) - Der Kurator (Band 3) - Der Botaniker (Band 5)

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Seitenzahl: 500

Veröffentlichungsjahr: 2025

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M. W. Craven

Der Kurator

Kriminalroman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Überall in Cumbria hinterlässt ein Serienkiller »Weihnachtsgeschenke« für die Polizei: abgetrennte Finger und dazu die Nachricht »#BSC6«. DS Washington Poe und die Analystin Tilly Bradshaw stehen vor einem Fall, der einfach keinen Sinn ergibt. Ihr einziger Verdächtiger leugnet hartnäckig, was sie zweifelsfrei beweisen können – gibt dafür aber Dinge zu, von denen die Polizei noch gar nichts wusste. Und warum haben die Opfer, die scheinbar nicht das Geringste miteinander zu tun hatten, alle vor drei Jahren dieselben zwei Wochen Urlaub genommen? Als sich eine in Ungnade gefallene FBI-Agentin bei Washington Poe meldet, nimmt der Fall eine düstere Wendung. Denn sie ist überzeugt, dass der Täter keineswegs ein Serienkiller ist. Sondern jemand sehr viel Gefährlicheres.

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

Der Spieler, der die [...]

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

68. Kapitel

69. Kapitel

70. Kapitel

71. Kapitel

72. Kapitel

73. Kapitel

74. Kapitel

75. Kapitel

76. Kapitel

77. Kapitel

78. Kapitel

79. Kapitel

80. Kapitel

81. Kapitel

82. Kapitel

83. Kapitel

84. Kapitel

85. Kapitel

86. Kapitel

87. Kapitel

88. Kapitel

89. Kapitel

90. Kapitel

Anmerkungen des Autors

Danksagung

Weitere spannende Kriminalromane von [...]

Für meine verstorbene Mutter Susan Avison Craven.

Du warst nicht mehr bei uns, als ich meinen Traum endlich wahr gemacht habe,

aber nichts von alledem wäre ohne Deine Lesebegeisterung möglich gewesen.

Ein »Schwarzer Schwan« ist beispiellos,

unmöglich vorherzusagen und hat gewaltige Auswirkungen.

Hinterher wird das Ereignis im Rückblick rationalisiert,

als hätte man damit rechnen sollen.

 

Nassim Nicholas Taleb

Der Spieler, der die Rolle des Bauern begreift, der sie wirklich begreift, kann das Schachspiel meistern«, sagte der Mann. »Bauern mögen ja die schwächsten Figuren auf dem Brett sein, doch eins darf man nicht vergessen, sie geben vor, wo und wann der Gegner angreifen kann. Sie schränken die Beweglichkeit der sogenannten größeren Figuren ein, und sie bestimmen, auf welchen Feldern die Schlacht geschlagen wird.«

Die Frau starrte ihn verwirrt an. Sie war gerade erst aufgewacht und noch ganz benommen.

Und sie hatte Schmerzen.

Sie bewegte den Kopf und suchte nach der Ursache. Lange brauchte sie nicht dafür.

»Was haben Sie getan?«, nuschelte sie.

»Schön, nicht wahr? Das ist altmodisches Katgut – Schafsdarm. Deswegen sind die Stiche ein bisschen rustikal, aber das soll so sein. Das Zeug wird nicht mehr verwendet, aber ich brauche den Docht-Effekt; das heißt, dass eine Infektion durch die Stiche in die Wunde eindringt. Das sorgt dafür, dass die Narbe dunkel und krass bleibt. Eine bleibende Erinnerung daran, was passiert ist.«

Er nahm eine Rippenschere zur Hand.

»Aber natürlich nicht für Sie.«

Die Frau wand sich, doch es nützte nichts. Die Fesseln hielten.

Der Mann bewunderte die klaren, exakten Konturen des Instruments. Drehte es so, dass der Chirurgenstahl das Licht einfing. Sah das Spiegelbild seines Gesichts in der breiteren Klinge. Er sah ernst aus. Das hier war nichts, was ihm besonders viel Spaß machte.

»Bitte«, flehte die Frau, jetzt vollkommen wach, »lassen Sie mich gehen. Ich verspreche Ihnen, ich sage nichts.«

Der Mann ging um sie herum und nahm ihre linke Hand, streichelte sie liebevoll.

»Ich musste warten, bis Sie aus der Narkose aufwachen, also wird das wehtun, fürchte ich. Glauben Sie mir, wenn ich sage, ich wünschte, ich bräuchte das nicht zu tun.«

Er legte ihren Ringfinger zwischen die Klingen der Rippenschere und drückte die Griffe zusammen. Es knirschte, als die rasiermesserscharfen Schneiden Knochen und Sehnen durchtrennten, als gäbe es sie gar nicht.

Die Frau schrie auf und verlor das Bewusstsein. Der Mann trat von der immer größer werdenden Blutlache zurück.

»Wo war ich noch gleich?«, sagte er vor sich hin. »Ach ja, wir haben über Bauern gesprochen. Anfänger denken, sie sind wertlos, zum Opfern gedacht – aber nur, weil sie nicht wissen, wie man sie einsetzt.«

Er zog einen zusammengerollten Draht aus der Tasche. An beiden Enden waren Knebel befestigt. Die fasste er mit beiden Händen, legte den Draht jeweils zwischen Zeige- und Mittelfinger. Mit einer geübten Bewegung schlang er den Draht um den Hals der Frau.

»Denn zu wissen, wann man seine Bauern opfert – so gewinnt man das Spiel.«

Er zog die Garrotte zu und ächzte ein wenig, als der Draht grausam in die Haut schnitt, die Luftröhre durchtrennte und die große Halsvene und die Schlagader zerquetschte. Binnen Sekunden war die Frau tot.

Er wartete eine Stunde und holte sich dann den zweiten Finger, den er brauchte.

Sorgfältig legte er ihn in eine kleine Plastikbox, hielt ihn von den anderen getrennt. Dann betrachtete er zufrieden seine makabre Sammlung.

Jetzt konnte es losgehen.

Die anderen Bauern waren in Position.

Sie wussten es nur noch nicht …

1. Kapitel

23. Dezember

Noch ein Tag bis Weihnachten, und nichts war gut.

Angefangen hatte es wie immer. Jemand fragte: »Wichteln wir dieses Jahr eigentlich?«, und jemand anderer antwortete: »Hoffentlich nicht.« Beide schlossen einen Pakt, das Thema dem Büroleiter gegenüber nicht anzusprechen, während beide insgeheim planten, es so schnell wie möglich zur Sprache zu bringen.

Und bevor irgendjemand Einspruch erheben konnte, war die Entscheidung getroffen und die Bürobelegschaft abermals zum Wichteln verdonnert. Das fünfzehnte Jahr in Folge. Dieselben Regeln wie letztes Jahr. Obergrenze fünf Pfund. Anonyme Geschenke. Nichts Unhöfliches oder Gemeines. Geschenke, die niemand wollte. Totale Zeitverschwendung allenthalben.

Das fand zumindest Craig Hodgkiss. Er hasste Wichteln.

Weihnachten hasste er auch. Die alljährliche Erinnerung, dass sein Leben scheiße war. Dass er, während seine Kollegen, die er nach außen hin höhnisch belächelte, nach Hause fuhren, um Weihnachten bei ihren Familien und ihren Lieben zu feiern, die Feiertage allein verbringen würde.

Aber Wichteln fand er echt zum Kotzen.

Vor drei Jahren hatte das zu der größten Demütigung geführt, die er je erlebt hatte. Da er sich das nicht unrealistische Weihnachtsziel gesetzt hatte, Hazel flachzulegen, eine Kollegin aus der Logistikabteilung der Spedition John Bull, hatte er es so gedreht, dass er derjenige war, der ihr ein Wichtelgeschenk kaufen musste. Ein Spitzenhöschen, hatte er gedacht, wäre genau das Richtige, um sie wissen zu lassen, dass er für außerplanmäßige Aktivitäten zu haben wäre, während ihr Mann mit seinem Laster auf dem Festland quer durch Europa tourte.

Sein Plan ging auf.

Beinahe.

Es war wirklich genau die richtige Methode gewesen, sie das wissen zu lassen.

Unglücklicherweise war sie glücklich verheiratet, daher eilte sie nicht etwa in sein Bett, sondern zu ihrem Mann, der gerade zwischen zwei Touren Pause machte und im Depot Tee trank. Der eins fünfundneunzig große Trucker war ins Büro marschiert gekommen und hatte Craig die Nase gebrochen. Wenn er seine Frau je wieder auch nur ansähe, hatte er ihm erklärt, würde er sich gut verschnürt in einem Schiffscontainer wiederfinden, der auf dem Weg nach Russland war. Craig hatte ihm das abgenommen. So sehr, dass er vor dem versammelten Büro die Kontrolle über seine Blase verloren hatte.

Zwei Jahre lang hatten alle ihn »Pampers« genannt. Und er konnte sich nicht mal bei der Personalabteilung beschweren, denn er hatte Todesangst davor, Hazel in Schwierigkeiten zu bringen.

Zwei Jahre lang hatte er bei den Mädels im Büro keinen Stich gemacht.

Doch schließlich hatten Hazel und ihr Schlägertyp die Biege gemacht. Er nahm eine Stelle als Fahrer bei Eddie Stoddart an, und sie ging mit. Craig hatte allen erzählt, Hazels Mann hätte die Spedition verlassen, weil er ihn zu fassen bekommen und ihn vermöbelt hatte, aber niemand hatte ihm geglaubt.

Eine allerdings anscheinend doch.

Nach Craigs Maßstäben war Barbara Willoughby unscheinbar. Ihr Haar sah aus, als wäre es in einem Altersheim gestylt worden, ihre Zähne waren stumpf und standen zu weit auseinander, und ein paar Pfunde zu verlieren, hätte ihr auch nicht geschadet. Auf einer Skala von eins bis zehn war sie nach Craigs Meinung gerade mal eine Sechs, bei der richtigen Beleuchtung vielleicht eine Sieben, und er ging nur mit Achten und drüber ins Bett.

Eins jedoch gefiel ihm an ihr. Sie war nicht dabei gewesen, als er sich in die Hose gepisst hatte.

Also hatte er sie gefragt, ob sie mit ihm ausgehen wolle. Und zu seiner Überraschung stellte er fest, dass sie sich echt gut verstanden. Man konnte Spaß mit ihr haben, und sie war beliebt. Es gefiel ihm, wie er sich bei ihr fühlte, und im Bett war sie ziemlich abenteuerlustig. Außerdem gefiel es ihm, dass sie nur am Wochenende etwas unternehmen wollte. Unter der Woche blieb sie zu Hause und lernte für irgendwelche dämlichen Prüfungen.

Das passte Craig sehr gut.

Denn nachdem er ein paar Wochen lang mit Barbara liiert gewesen war, hatte er allmählich wieder Oberwasser bekommen. Und damit war er auch wieder im Rennen gewesen.

Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass es tatsächlich leichter war, die Sorte Frauen herumzukriegen, auf die er scharf war, wenn er sagte, er hätte eine feste Beziehung. Wahrscheinlich war es die Kombination aus seinem jungenhaft guten Aussehen und dem Gedanken, jemandem eins auszuwischen, den sie nicht kannten. Das brachte Craig auf eine Idee: Wenn solche Frauen auf jemanden standen, der seine Freundin betrog, dann würden sie doch voll auf jemanden abfahren, der Affären hatte …

Also beschloss Craig Hodgkiss im Alter von neunundzwanzig Jahren, dass er Barbara bitten würde, ihn zu heiraten. Sie würde Feuer und Flamme sein. Sie war Anfang dreißig, hatte irgend so eine Nummer mit einer biologischen Uhr am Laufen (wusste aber nicht, dass er sich vor zwei Jahren hatte sterilisieren lassen) und würde höchstwahrscheinlich sitzen bleiben, wenn sie Nein sagte. Und dann würde er seinen Lohn einstreichen. Ein treues Hausmütterchen, das ihm das Bett warm hielt, und reihenweise Frauen, die gern mit einem Mann in die Kiste stiegen, der einen Ehering trug.

Und weil alle im Büro wissen sollten, dass er demnächst offiziell nicht mehr zu haben sein würde, beschloss er, frühere Erfahrungen hinter sich zu lassen und ihr die Ehe beim Bürowichteln anzutragen.

Das zu arrangieren, war nicht leicht gewesen. Barbaras Ringgröße hatte er ermittelt, indem er den Diamantring ihrer toten Großmutter klaute, den sie nur zu besonderen Anlässen trug. Während Barbara auf der Suche nach dem Ring ihre ganze Wohnung auf den Kopf stellte, hatte er einen Juwelier gebeten, den Verlobungsring in derselben Größe anzufertigen und die Diamanten und das Gold dafür zu verwenden. Das Ganze hatte ihn nur zweihundert Pfund gekostet.

Als Nächstes musste er sich überlegen, wie er ihr einen richtig coolen Heiratsantrag machen konnte.

Irgendwas, damit die Mädels im Büro sich darüber ausließen, wie romantisch Craig doch sei. Ein solcher Ruf konnte doch nur hilfreich sein. Er entschied sich für einen Becher. Das perfekte Wichtelgeschenk, denn es verstieß nicht gegen die Fünf-Pfund-Vorschrift des Büroleiters. Und obgleich die Hälfte der Geschenke unter dem billigen Fiberglas-Weihnachtsbaum nach Bechern aussah, stand auf der Hälfte der Geschenke ja nicht »Willst du mich heiraten?«.

Wenn Barbara das las und sah, was in dem Becher war … na ja, er nahm an, dass sie in Tränen ausbrechen, »Ja« schreien und ihn mit aller Kraft umarmen würde.

 

Überall auf dem Fußboden des Büros lag billiges Geschenkpapier verstreut. Rentiere und Schneemänner und bunte Geschenke mit Schleifen darum herum.

Barbara war als Nächste an der Reihe. Sie nahm ihr Geschenk und sah ihn seltsam an.

Wusste sie etwa Bescheid?

Sie konnte nicht Bescheid wissen. Niemand wusste etwas. Nicht einmal die Kollegin, die er überredet hatte, mit ihm zu tauschen, damit er das Geschenk für Barbara kaufen konnte.

Tiffany, Barbaras beste Freundin, fing an, das Ganze aus irgendeinem Grund mit ihrem Mobiltelefon zu filmen. Doch das war okay. Besser als okay. Er konnte das Video auf Facebook und Twitter posten und eine Kopie auf seinem Handy behalten, um es bei jeder Gelegenheit irgendwelchen Mädels zu zeigen. Schau mich an. Schau, wie nett ich bin. Schau, wie sensibel ich bin. Davon kannst du auch was haben … aber nur für eine Nacht.

Craig fing Barbaras Blick auf. Er zwinkerte ihr zu. Sie zwinkerte nicht zurück. Lächelte nicht einmal. Sah ihm einfach nur unverwandt in die Augen, als sie die eingewickelte Schachtel aus einer seiner alten Geschenktüten holte.

Da stimmte doch etwas nicht. Das Geschenkpapier war dick und weiß, mit schwarzen Bildern drauf. Er hatte gedacht, seins wäre billig und grellbunt gewesen.

Barbara riss das Papier herunter, ohne hinzusehen. Der Becher steckte in einer Styroporschachtel; er hatte die beiden Hälften mit Klebeband zusammengeklebt, um es noch spannender zu machen. Barbara fuhr mit einer Schere durch die Ritzen, ehe sie die beiden Hälften voneinander löste.

Dann holte sie den Becher hervor, und Craigs Verwirrung wurde noch größer. Das war ja gar nicht seiner. Den da hatte er noch nie gesehen. Da stand wirklich etwas drauf, aber kein Heiratsantrag. In gut zwei Zentimeter großen schwarzen Buchstaben stand da:

#BSC6

Doch Barbara wusste nicht, dass sie das falsche Geschenk ausgepackt hatte. Ohne in den Becher zu schauen, funkelte sie Craig böse an und kippte ihn dann aus.

»Du untreuer Scheißer«, sagte sie.

Craig beteuerte seine Unschuld nicht. Er konnte nicht. Er war nicht imstande, den Blick von dem abzuwenden, was da auf den Boden gefallen war. Es war kein Verlobungsring.

Er fuhr zurück und japste angewidert nach Luft.

Eine vertraute, unwillkommene Wärme breitete sich allmählich in seinem Schoß aus.

Und dann ging das Geschrei los.

2. Kapitel

25. Dezember

Jemand anderer, der Weihnachten auch nicht ausstehen konnte, war Detective Sergeant Washington Poe.

Als bekennender Partymuffel lehnte er alle Arten von erzwungener Fröhlichkeit ab und hatte es bis heute geschafft, sämtliche Feiern, ob organisiert oder nicht, zu meiden. Für gewöhnlich arbeitete er die weihnachtliche Zwangspause durch, verbrachte die Feiertage allein oder in einem Pub voller gleichgesinnter Misanthropen und trank, bis es vorbei war.

Dieses Jahr jedoch nicht. Dieses Jahr war er gründlich »gebradshawt« worden.

Denn anstatt im Pub zu hocken oder sich in seiner zweihundert Jahre alten Schäferhütte verschanzt zu haben, mit Bier im Kühlschrank und Kartoffeln von gestern im Ofen, saß er in einer Penthousewohnung in einem Dorf am Rand von Cambridge.

Seine Freundin und Kollegin Matilda »Tilly« Bradshaw hatte ihn zu einer Babyparty mitgeschleift.

Zuerst hatte er sich rundheraus geweigert.

Sie hatte ein betroffenes Gesicht gemacht, doch das war okay; sie wäre schon darüber hinweggekommen. Tilly mochte ja seine beste Freundin sein, aber eine Babyparty bei einer schwerreichen Bankerin, das entsprach ziemlich genau Poes Vorstellung von seiner ganz speziellen Hölle.

Sie hatte mit dem Fuß aufgestampft.

Er hatte sie ignoriert.

Doch dann hatte sie ihre tödlichste Waffe gegen ihn gezückt, eine, gegen die er machtlos war: gnadenlose Logik.

Er hatte gesagt, Babypartys wären etwas für Frauen.

Sie hatte ihn vor der gesamten Bürobelegschaft angebrüllt. Alle in der Serious Crime Analysis Section – der Einheit der National Crime Agency, die für Ermittlungen bei scheinbar grundlosen Morden und für potenzielle Serienmörder zuständig war – hatten die Lauscher aufgesperrt.

Und gegluckst.

»Washington Poe, du hast vielleicht einen Penis, aber das bedeutet nicht, dass du dich der sozialen Privilegien des Patriarchats bedienen kannst, um dich vor Sachen zu drücken, die du nicht magst.«

Poe hatte sie gerade fragen wollen, wovon zum Teufel sie eigentlich redete, als er jemanden kichern hörte: »Wie meint sie das – ›vielleicht einen Penis‹?«

Er hatte es mit der Behauptung versucht, dass er seinen Springerspaniel Edgar nicht so lange allein lassen könne.

Sie hatte geantwortet, dass Edgar bei seiner Nachbarin Victoria Hume bleiben könnte. »Du weißt schon, so wie immer.«

Er hatte es mit der Wahrheit versucht – dass er da nicht hinwollte.

»Na, so was aber auch«, hatte sie erwidert. »Seit wann kriegt Washington Poe immer, was er will? Unsere direkte Vorgesetzte DI Stephanie Flynn bekommt ein Baby, und ihre Schwester ist so nett, eine Babyparty für sie zu geben. Wir sind ihre Freunde, wir sind eingeladen, und wir gehen hin, so einfach ist das.«

 

Also war Poe auf einer Babyparty und maulte in einer Ecke vor sich hin. Bis jetzt hatte er jeglichen Blickkontakt vermieden, und er hatte vor, das weiter zu tun, bis er lange genug hier gewesen war, um sich verdrücken zu können. Der Champagner in seinem Glas war vor vierzig Minuten warm geworden, aber so hatten seine Hände etwas zu tun.

Jessica Flynn, die ältere Schwester vom Boss, wohnte im obersten Stock einer renovierten Ziegelfabrik. Die Wohnung war ein Loft, das besser nach Manhattan gepasst hätte als ins ländliche Cambridgeshire. Mindestens fünfzig Frauen waren anwesend. Poe war der einzige Mann, eine Tatsache, an die er jedes Mal erinnert wurde, wenn jemand ihn komisch ansah.

Mit seinem Boss hatte er kaum gesprochen. Flynn hatte Hallo gesagt, als er gekommen war, doch dann war sie von einer Frauenhorde weggezerrt worden. Jetzt saß sie von Geschlechtsgenossinnen umringt auf einem der großen Sofas ihrer Schwester und sah aus, als wäre sie noch mieser drauf als er.

Er sah zu, wie jemand sich vorbeugte und ihren Bauch tätschelte.

»Finger weg!«, fauchte sie und stieß die Hand fort.

Flynn war keine stereotypische Schwangere, wenn es so etwas denn gab. Ihre Miene war finster statt beseelt. Sie trug Leggins und New-York-Dolls-T-Shirts anstelle der Laura-Ashley-Umstandskleider, die ihre Partnerin Zoë ihr gekauft hatte. Und sie weigerte sich, Mutterschutz zu beantragen. Das einzige untrügliche Zeichen war, dass sie einen gewaltigen Bauch hatte. Alles andere an ihr war wie früher: Ihr blondes Haar war noch immer streng zum Pferdeschwanz gebunden, ihr Make-up war dezent und ihr Arbeitshandy nie weit von ihrem Ohr entfernt.

Flynn funkelte die Frau, die sie getätschelt hatte, böse an. »Der Nächste, der mir auf den Bauch fasst, kriegt verdammt noch mal eins in die Fresse!«

Die Frau lächelte nervös; sie war sich nicht sicher, ob Flynn scherzte oder nicht.

Poe wusste, dass sie nicht scherzte.

Denn obwohl Flynn versuchte, so zu tun, als sei alles wie immer, hatte die Schwangerschaft sie in einer geringfügigen Hinsicht doch verändert. Sie litt unter einer seltenen schwangerschaftsbedingten Cortisol-Dysbalance. Cortisol war das Hormon, das die Kampf-oder-Flucht-Reaktion des Körpers auslöst.

Und Flynn ging keinem Kampf aus dem Wege. Jede neue Erfahrung, jede neue Herausforderung musste besiegt und unterworfen werden. Bevor sie schwanger geworden war, war sie eine verständnisvolle, höfliche Vorgesetzte gewesen. Jetzt war sie eine pöbelnde, tobende Irre. Während sie früher selbst dem stursten, nervigsten der Vollidioten gegenüber, mit denen sich die SCAS gelegentlich herumschlagen musste, ruhig geblieben war, riskierte man jetzt schon ihren Zorn, wenn man zu laut tippte.

Poe fand es zum Brüllen komisch, allerdings ließ er sich das ihr gegenüber niemals anmerken.

Vorhin hatte er sich mit Zoë unterhalten, doch sie hatten nicht viel gemeinsam. Zoë stellte in der Londoner City Profile der Weltmarktpreise für Öl zusammen, und er erstellte überall dort, wo er gebraucht wurde, Profile von Serienmördern. Sie verdiente im Jahr eine siebenstellige Summe, er verdiente … erheblich weniger. Sie hatten nichts gegeneinander, doch zwischen ihnen bestand eine unausgesprochene Abmachung, dass sie besser nicht allzu viel Kontakt miteinander hatten.

Poe schaute rasch zu Bradshaw hinüber und lächelte. Sie trug ein Kleid, das sie sich seinerzeit für eine Wohltätigkeitsgala gekauft hatte, als sie das erste Mal zusammen an einem Fall gearbeitet hatten – ein Mosaik aus daumennagelgroßen Comicbuch-Covern. Anlässlich des heutigen Abends hatte sie mit ihrem Haar irgendetwas anders gemacht. Normalerweise war es nach hinten gekämmt und zu zwei Zöpfen geflochten, jetzt war es hoch aufgetürmt wie Zuckerwatte. Unwillkürlich überlegte er, ob sie beim Friseur gewesen war oder die Anweisungen eines Online-Tutorials befolgt hatte. Er hätte auf Letzteres gewettet.

Bradshaw bemerkte seinen Blick und reckte beide Daumen hoch. Sie war noch nie auf einer Babyparty gewesen und hatte sich diesem Unterfangen mit der für sie üblichen Mischung aus Enthusiasmus und Recherche angenähert.

Und sie hatte ein Vermögen für Geschenke ausgegeben. Einige, wie der Spiderman-Strampler, waren niedlich und angemessen. Andere, wie die elektrische Milchpumpe, die beide Brüste gleichzeitig bearbeitete, eher nicht.

»So können Sie am zeitsparendsten und effektivsten Milch abpumpen, DI Stephanie Flynn«, hatte sie vor allen Leuten verkündet.

Poe beneidete Flynn um ihr Geschenk. Sie würde es nicht lange benutzen müssen; er dagegen wusste, dass die hochmoderne Nudelmaschine, die Bradshaw ihm zu Weihnachten gekauft hatte, ihn noch jahrelang verfolgen würde. Er mochte Nudeln nicht. Es war ihm egal, dass sie seinen Cholesterinspiegel senken und »das Tor zu einer ganz neuen Kulinarik« sein würden, oder dass es billiger wäre, Pasta selbst zu machen.

Doch das war Bradshaw, wie sie leibte und lebte.

Obgleich bereits Anfang dreißig, war die Arbeit bei der Serious Crime Analysis Section ihr erster richtiger Job. Schon als Teenager hatte sie studiert und Diplome und Doktortitel erworben und war dann mit Stipendien, mit denen alle möglichen Organisationen sie überhäuft hatten, in der Forschung tätig gewesen. Daher hatte sie weder die Zeit noch die Neigung gehabt, sich irgendwelche soziale Kompetenzen anzueignen.

Die SCAS war ihr erster Schritt in die Welt außerhalb des Elfenbeinturms, und mit jemandem zu kommunizieren, dessen IQ unter 150 lag, erwies sich für sie als Herausforderung. Sie war naiv und im wortwörtlichen Sinne geradezu schmerzhaft ehrlich. Doch obwohl sie Poe anfangs etwas unheimlich gewesen war, hatte er erkannt, dass sie das Potenzial hatte, das Beste zu sein, was die SCAS zu bieten hatte. Ihr Spezialgebiet war die Mathematik, doch sie war so intelligent, dass sie innerhalb von Stunden mehr über ein Thema wusste als jeder andere, wenn sie sich konzentriert damit beschäftigte. Sie konnte Muster in Daten erkennen, wo kein Computer etwas entdecken konnte; sie konnte aus dem Handgelenk maßgeschneiderte Lösungen für unlösbare Probleme liefern, und sie war unfassbar loyal.

Von der Pastamaschine einmal abgesehen, war sie Poes beste Freundin, und er war ihr bester Freund. Bradshaw nahm Poes gröberen Ecken und Kanten ein wenig die Schärfe, und er half ihr, draußen in der Welt ihren Kurs zu finden. Sie waren ein unschlagbares Team, was angesichts der Schwierigkeiten, in denen sie sich oft wiederfanden, wohl nur gut war.

Jessica Flynn war eine reiche Frau mit reichen Freundinnen, die alle in der City arbeiteten. In den Neunzigern wären sie als Yuppies bezeichnet worden. Sie hatten Bradshaw in ihr kollektives Herz geschlossen, und schon bald stand sie im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. Poe wäre eingeschritten, wenn er geglaubt hätte, dass sie sich über sie lustig machten, doch das taten sie eindeutig nicht. Bradshaw war so aufrichtig und frei von jeder Agenda – der krasse Gegensatz zu den Leuten, mit denen sie sonst verkehrten. Leute, für die Hinterhältigkeit, Betrug und dreistes Lügen eine Daseinsform war. Sich mit jemandem zu unterhalten, der die Frage beantwortete, die man gestellt hatte, und nicht die, die ihm einen taktischen Vorteil verschaffte, musste für sie sein wie ein frischer Windhauch.

Poe sah sich in Jessica Flynns Penthouse um. Es erstreckte sich über das ganze oberste Stockwerk, und an allen vier Seiten waren riesige, mindestens drei Meter hohe Fenster. Obwohl es dunkel war, konnte Poe sehen, dass sowohl vor den Fenstern, die auf die offene Landschaft hinausgingen, als auch vor denen auf der Parkplatzseite große Balkone waren. Der Balkon, der einen Blick auf die Umgebung bot, war mit schmiedeeisernen Stühlen und Bänken möbliert. Ein umgedrehter Eiskübel stand auf einem kleinen Tisch.

Innen gab es unverputzte Backsteinwände und teures Mobiliar. Offensichtlich war Jessica Bergsteigerin. Fotos und Andenken schmückten eine ganze Zimmerecke. Ein Bord mit Bergsteigerkuriositäten war das Prunkstück ihrer Sammlung. Den Ehrenplatz nahm ein alter Eispickel ein, der auf einem wunderschönen Teakholzsockel ruhte.

Unten an dem Sockel war ein Messingschild. Er konnte sehen, dass da etwas draufstand, doch er war zu weit weg, um es lesen zu können.

Poe schlenderte hinüber.

Eine Frau trat zu ihm.

»Wie ich sehe, haben Sie meine kleine Obsession entdeckt«, meinte sie und streckte die Hand aus. »Wir sind einander noch nicht vorgestellt worden – ich bin Jessica Flynn, Stephs Schwester.«

Sie waren einander zu Beginn des Abends vorgestellt worden, aber nur ganz schnell und flüchtig.

Jessica war hochgewachsen und hatte etwas Katzenhaftes; ihre Bewegungen waren geschmeidig und anmutig. Sie hatte Flynns goldblondes Haar, doch ihres war viel kürzer geschnitten, möglicherweise wegen der Bergsteigerei. Poe hatte drei Jahre in der Black Watch gedient, er wusste also, dass Hygiene im Felde nicht immer möglich war – alles, womit man es sich leichter machen konnte, sollte man tunlichst nicht ignorieren.

Sie war gut angezogen, aber nicht aufgedonnert wie die anderen. Jeans und ein Kaschmirpullover. Ihr einziger Schmuck bestand aus einer dünnen goldenen Halskette.

Poe betrachtete die Fotos. Auf den meisten war Jessica zu sehen. Ein zusammengerolltes Seil schräg über der Brust, eine Reihe Karabinerhaken am Gurt, ein breites Lächeln auf dem gebräunten Gesicht. Unwillkürlich beugte er sich vor und studierte mit zusammengekniffenen Augen eins der Bilder. Er erkannte den Felsen wieder, den sie darauf erkletterte: die Napes Needle im Lake District. Der Steinturm war dünn und lief nach oben spitz zu; er sah aus wie ein Geschoss.

»Das war vor ein paar Jahren«, sagte sie. »Danach haben wir in einem Pub in Keswick angefangen, die ganz große Nummer zu planen.«

»Scafell Pike?«, fragte Poe. Der Scafell Pike war der höchste Berg in ganz England, doch dafür brauchte man eigentlich keine Expedition zu planen. Bei schönem Wetter konnte man da in Shorts und Turnschuhen hinaufmarschieren.

Sie zeigte auf ein Foto, das den berühmtesten Berg der Welt zeigte.

»Mount Everest?«

Jessica nickte. »Mount Everest.«

Poe stieß einen Pfiff aus. »Beeindruckend. Gefährlich.«

Sie zuckte die Achseln. »Alles ist gefährlich.«

»Wann geht’s denn los?«

»Sie gehen nächsten Mai, wenn auf dem Gipfel kein Jetstream mit bis zu hundertsechzig Kilometern die Stunde bläst.«

»Sie?«

»Ich fürchte, ich werde nicht dabei sein.«

»Oh … was ist denn passiert? Sie scheinen mir nicht der Typ zu sein, der schwierige Ziele einfach aufgibt.«

»Bei mir ist leider die Addison’sche Krankheit diagnostiziert worden«, antwortete sie.

»Die kenne ich nicht.«

»Dann haben Sie Glück. Das ist eine Langzeiterkrankung, eine endokrine Störung. Mit anderen Worten, meine Nebennieren produzieren nicht genug Steroide.«

»Aber man kann das doch behandeln?«

»Ja. Ich muss für den Rest meines Lebens Tabletten nehmen, aber auf meine Lebensdauer wird es sich nicht auswirken.«

Poe begriff allmählich.

»Aber für jemanden, der eine Expedition zum Gipfel des Everest versucht, ist das problematisch?«

»Höhenkrankheit. Meine Krankheit bedeutet, dass ich stärker davon betroffen wäre, und da der Everest achttausendachthundertachtundvierzig Meter hoch ist – die Reiseflughöhe einer Boeing 747 –, hätte die Diagnose die Versicherung der Gruppe außer Kraft gesetzt.«

Er zeigte auf den Eispickel und las die Inschrift auf dem Messingschild laut vor: »Tenzing Norgays Bergaxt. Mount Everest Expedition, Mai 1953.«

Der Pickel hatte einen hölzernen Stiel und war einfacher gearbeitet als jene, die Poe manchmal in den Geschäften für Bergsteigerausrüstung sah, die sich wie Pestbeulen im Lake District ausgebreitet hatten. Das kürzere Ende war breit und flach wie bei einer Spitzhacke, das längere war spitz und gebogen. Am Ende des Stiels war ein Metalldorn.

»Der Pickel, mit dem Sherpa Tenzing den Gipfel erreicht hat, ist ein ganz anständiger Trostpreis«, bemerkte er.

»Der, mit dem er den Gipfel erreicht hat, befindet sich in einem Museum in Nepal. Das hier ist eine Replik der Eisaxt, mit der er Sir Edmund Hilary das Leben gerettet hat, als der weiter unten am Berg in eine Spalte gestürzt war. Deswegen hat Hilary sich ja Norgay als Kletterpartner ausgesucht, als er sich am Gipfel versucht hat.«

»Und Sie haben nie versucht, an den echten Eispickel zu kommen?«

Jessica schnaubte. »Das ist mir ein paar Nummern zu groß, Sergeant Poe. Solche Artefakte kosten Hunderttausende Pfund.«

Er betrachtete seine Umgebung. »Sie scheinen doch ganz gut zurechtzukommen. Die Wohnung ist bestimmt nicht billig.«

Sie lachte laut los.

»Die Wohnung gehört der Bank, Sergeant Poe, ich zahle nur Teilmiete. Man erwartet von mir, dass ich zu Hause Gäste empfange, und beim Investmentbanking geht es immer darum, ein Image zu erzeugen.«

»Und das machen Sie beruflich? Investmentbanking?«

»Ja, und es ist lange nicht so spaßig, wie’s sich anhört«, erwiderte sie grinsend. »Kleiner Spaziergang?«

Jessica öffnete die zweiflügelige Glastür. Ein Schwall kalter Luft drang in den Raum. Sie trat hinaus auf den Balkon. Poe folgte ihr.

Sie drehte sich um und lehnte sich an das Balkongeländer aus Glas und Metall.

»Stephanie sagt, Sie sind ein bisschen angeschlagen?«

»Bisschen erkältet«, brummte er.

»Erkältet« war eine Untertreibung. Seit fast einer Woche lag er jetzt flach. Die Großeltern in Charlie und die Schokoladenfabrik hatten weniger Zeit im Bett verbracht. Angefangen hatte es mit Kopfschmerzen, hatte sich dann jedoch zu einem hartnäckigen, trockenen Husten gemausert, der ihm die Kehle wund gerissen hatte. Er hatte das Gefühl, dass das Schlimmste vorbei war, aber schön war es nicht gewesen. Wintererkältungen waren nie schön.

»Ich habe da einen guten Single Malt, der hilft gegen so was«, meinte Jessica. Sie verschwand nach drinnen und kam gleich darauf mit zwei großen Kristallgläsern voll bernsteinfarbener Flüssigkeit zurück.

Poe schnupperte daran und trank einen kleinen Schluck. Der Whisky war wie Feuer und Eis. Wunderbar, rauchig, anders als jeder harte Drink, den er je probiert hatte.

»Warum sind Sie hier, Sergeant Poe?«

Er war versucht, zu sagen: »Weil Tilly mich gezwungen hat«, doch das erschien ihm flapsig. Also entschied er sich für die Wahrheit.

»Steph ist eine gute Freundin. Wir haben zusammen eine Menge durchgestanden.«

Jessica nickte nachdenklich. »Sie müssen etwas für mich tun.«

Poe antwortete nicht. Dass Jessica ihn angesprochen hatte, war kein Zufall gewesen.

»Sie müssen meiner Schwester diesen lächerlichen Beruf ausreden, den sie sich ausgesucht hat.«

»Und warum sollte ich das tun?«, fragte Poe bedächtig.

»Nächsten Monat oder so bekommt sie ein Baby. Meinen Neffen oder meine Nichte. Sie wird Verantwortung haben, über die sie bisher nicht nachdenken musste. Polizistin zu sein ist gut und schön, wenn man jung und Single ist, aber sie kann nicht mehr andauernd zuerst an sich denken. Jetzt verlassen sich andere Menschen auf sie, und euer Beruf verleitet nicht gerade zu vernünftigen Entscheidungen. Sie muss aufhören, Räuber und Gendarm zu spielen, und in die reale Welt zurückkehren.«

»So ist das doch gar nicht«, wandte Poe ein. »Das meiste, was wir tun, passiert im Büro.«

Sie zog eine Braue hoch. »Wären Sie letztes Jahr nicht beinahe in einem brennenden Haus umgekommen?«

»Ja, aber …«

»Und sind Sie nicht vor Kurzem wegen Mordes verhaftet worden?«

»Ja, aber das war ein Missverständnis. In Wirklichkeit hatte dieser Mann …«

»Aber Sie geben zu, dass es bei dem, was Sie tun … unnötig aufregende Momente gibt?«

Poe wusste nicht, was er sagen sollte. Es stimmte, in letzter Zeit war es manchmal ziemlich brenzlig gewesen. Er gab Bradshaw die Schuld daran – sie fand immer wieder neue, originelle Methoden, noch näher an die Schurken heranzukommen …

»Sollten Sie das nicht lieber mit ihr besprechen?«, fragte er.

»Stephanie hört nicht auf mich, Sergeant Poe. Früher schon. Früher hat sie quasi an den Lippen ihrer großen Schwester gehangen. Jetzt nicht mehr.«

Doch Poe hörte nicht mehr zu. Flynn telefonierte, und sie runzelte dabei die Stirn. Sie fing seinen Blick auf und nickte. Er trank den Whisky aus und verzog das Gesicht, als der Alkohol in seinem wunden Rachen brannte.

»Die Pflicht ruft«, sagte er. »Entschuldigung.«

»Gehen Sie nur.« Jessica seufzte.

Als Poe bei ihr ankam, griff Flynn bereits nach ihrem Mantel.

Zoë kam zu ihnen herüber. »Steph, deine Abwesenheit fällt auf.«

»Tut mir leid, Zoë, ich fürchte, wir müssen gehen.«

»O nein!«, rief Bradshaw.

»O nein«, sagte Poe.

»Gott sei Dank, verdammte Scheiße«, brummte Flynn halblaut.

3. Kapitel

Unsere Analysten kommen heute Nachmittag«, verkündete Flynn der Gruppe, die sich im Konferenzraum A der Carlton Hall, dem Hauptquartier der Cumbria Constabulary in Penrith, versammelt hatte. »Wir waren gestern Abend auf einer privaten Feier, und Tilly musste zurück nach Hampshire, um ihre Computer zu holen. Sergeant Poe und ich konnten uns sofort auf den Weg machen.«

Poe war in den frühen Morgenstunden nach Herdwick Croft zurückgekehrt, seiner abgelegenen Hütte auf dem Shap Fell. Flynn hatte sich im nahe gelegenen North Lakes Hotel and Spa einquartiert. Jetzt war es acht Uhr morgens, und es sah so aus, als wäre Poe nicht der Einzige, der letzte Nacht nicht besonders viel geschlafen hatte. Ungefähr vierzig Personen waren im Raum, eine Mischung aus ranghohen Polizisten in Uniform, ranghohen Detectives und unbedingt notwendigen Mitarbeitern. Es herrschte eine gedrückte Atmosphäre.

Flynn hatte ganz vorn Platz genommen. Poe stand hinten im Raum neben dem frei stehenden Banner mit den Abzeichen der Constabulary und des Police and Crime Commissioners.

Wenn die Besprechung zu Ende war, würden die letzten Stuhlreihen umgedreht und der Raum für Pressekonferenzen bereit gemacht werden. Die erste würde noch im Laufe dieses Tages stattfinden.

»Wir haben hier auch Computer«, bemerkte Detective Superintendent Jo Nightingale.

»Aber keine wie Tillys«, erwiderte Flynn. »Glauben Sie mir, was Tilly Bradshaw zu den Ermittlungen beiträgt, kann man gar nicht hoch genug bewerten.«

Nightingale nickte. Sie war Anfang vierzig; ernste Miene, kurzes schwarzes Haar. Schwarze Hose und weiße Bluse. So grüne Augen, dass jeder Autofahrer bei ihrem Anblick unwillkürlich losgefahren wäre.

 

Poe war Nightingale nur einmal begegnet. Sie hatte den vakanten Posten des Superintendent übernommen, als Ian Gamble sich nach dem erfolgreichen Abschuss des Jared-Keaton-Falls zur Ruhe gesetzt hatte. Poe war eines Nachmittags nach Hause gekommen und hatte sie vor der Tür von Herdwick Croft vorgefunden, wo sie auf ihn gewartet hatte.

Sie hatte sich vorgestellt und erklärt, Gamble habe ihr gesagt, Poe sei ein Gewinn für jede Abteilung, wenn man ihn richtig einsetze. Und sie hatte eine Akte dabei. Ein Mordfall. Nach dem Hochwasser von 2015, als Carlisle zum zweiten Mal innerhalb einer Dekade überflutet worden war, waren viele Häuser quasi nicht mehr zu versichern gewesen. Die Leute standen vor der Alternative, die Reparaturen entweder selbst zu bezahlen oder die Reißleine zu ziehen. Einige entschieden sich für Letzteres, mit dem Resultat, dass es überall in der Stadt leer stehende Häuser gab. In einem davon war eine Leiche gefunden worden.

Das Opfer war ein Wirtschaftsmigrant aus Polen, und Nightingale hatte Poe gefragt, ob die SCAS etwas Wertvolles zu ihren Ermittlungen beitragen könne. Sie hatte gewartet, bis er die Akte gelesen hatte. »Sie brauchen uns nicht«, hatte er danach erklärt. »Mit Ihrer Ermittlungsstrategie kriegen Sie den Täter. Der gehört bestimmt zur polnischen Community hier oben, und wahrscheinlich ist er schon wieder nach Hause gereist. Da drüben wird er bekannt sein, und Ihre forensischen Beweise werden ausreichen, um ihn ausliefern zu lassen und ihn vor Gericht zu stellen.«

Sie nickte.

Es kam ihm vor, als habe er irgendeine Prüfung bestanden. Als hätte sie sich vergewissern müssen, dass Poe nicht irgendein Drama erfand, nur damit er eine Ausrede hatte, um aus Hampshire wegzukommen. Das war sowieso nicht nötig gewesen – Poe war jetzt fest in Cumbria ansässig. Am Ende des Jared-Keaton-Falls hatte Detective Chief Inspector Wardle, ein Cop, mit dem Poe aneinandergeraten war, ihm eins reingewürgt. Als ihm klar geworden war, dass die neu gezogene Grenze des Lake District National Park jetzt auch das Shap Fell mit einschloss – das prähistorische Hochmoor, auf dem Poes Schäferhütte stand –, hatte er »als besorgter Bürger« bei der Behörde angefragt, ob Poe eine Genehmigung dafür gehabt habe, das zweihundert Jahre alte Gemäuer in ein Wohnhaus zu verwandeln. Die hatte Poe nicht gehabt, und ihm war eine rechtlich bindende Anweisung erteilt worden, Herdwick Croft wieder in seinen Urzustand zu versetzen.

Er ging gerade gerichtlich dagegen vor, allerdings hatte das Ganze doch einen Vorteil gehabt. Streng nach dem Gesetz der unbeabsichtigten Konsequenzen hatte Wardle ihm einen Gefallen getan: Poes Anwalt hatte gemeint, es wäre hilfreich, wenn er nachweisen könnte, dass Herdwick Croft sein einziger Wohnsitz sei.

Poe, dem es noch vor wenigen Jahren völlig egal gewesen wäre, ob er in einem Schuh wohnte, hatte gefragt, ob er von zu Hause aus arbeiten könne, wenn sie nicht im Außeneinsatz waren. Director of Intelligence Edward van Zyl hatte sofort zugestimmt.

»Sie sind hier unten sowieso wie ein Tier im Käfig, Poe«, hatte er gesagt. »Von dem Freiraum da oben haben Sie einen klaren Kopf bekommen, und das merkt man Ihrer Arbeit an – das will ich nicht verlieren.«

 

»Ich schicke der SCAS Videos und Fotos von den Tatorten, wenn wir fertig sind, aber es wird hilfreich sein, wenn ich kurz zusammenfasse«, verkündete Nightingale. »Einige meiner Kollegen, die über Weihnachten bei ihren Familien waren, sind noch nicht auf dem neuesten Stand.«

Sie tippte auf die Tastatur ihres Laptops, und auf dem Bildschirm an der Wand erschien das Foto eines Gebäudes.

»Das ist der erste Tatort. Die Büroräume von John Bull, einer Spedition in Carlisle. Am 23. Dezember hat eine Mitarbeiterin namens Barbara Willoughby dort ihr Wichtelgeschenk ausgepackt. Eigentlich hätte sie einen Becher mit einem Verlobungsring darin bekommen sollen. Stattdessen hat sie das hier gekriegt.«

Anstelle der Außenaufnahme von dem tristen Gebäude erschien die Nahaufnahme einer abgetretenen, beigefarbenen Teppichfliese von jener unverwüstlichen Sorte, die landauf, landab in Büros zu finden war.

In der Mitte lagen zwei Finger.

Sie waren dicht oberhalb der Mittelhand abgetrennt worden. Die Schnitte sahen glatt aus. An den blutigen Enden waren trockene Blutgerinnsel voller Fusseln. An einem Finger steckte noch ein Ring. Er war schmal, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Ehering einer Frau.

Wieder ein neues Foto. Diesmal erschien ein Becher auf dem Bildschirm.

#BSC6 stand in großen schwarzen Buchstaben darauf.

»Was bedeutet das?«, wollte Flynn wissen.

»Wir haben keine Ahnung«, antwortete Nightingale. »Wir können online nichts dazu finden.«

»Wenn’s im Internet etwas gibt, findet Tilly es«, bemerkte Poe.

»Außerdem haben wir keine Ahnung, wie der Becher unter deren Weihnachtsbaum gekommen ist«, fuhr Nightingale fort. »Das Geschenk war nicht das, was Barbara eigentlich hätte auspacken sollen. Und das Papier, in das es eingewickelt war, ist auch interessant.«

Sie holte es auf den Bildschirm. Vier Blätter Papier. Von Barbara Willoughby beim Auspacken zerknüllt und zerrissen und dann von einem Mitarbeiter der Spurensicherung glatt gestrichen, damit alles fotografiert werden konnte. Laut dem Maßband daneben Größe DIN A4. Jedes war mit den Silhouetten eines schwarzen Wasservogels bedruckt. Ein Schwan, oder eine Ente mit langem Hals. Sonst nichts. Keine Worte, keine Botschaft.

»Diese DIN-A4-Blätter sind anscheinend extra angefertigt worden. Auf einem ganz normalen Drucker, glauben wir. Abgesehen von dem Vogelsymbol war da nichts von forensischem Wert drauf. Detectives befragen die Mitarbeiter von John Bull, aber wir glauben nicht, dass da jemand von der Firma mit drinsteckt.«

»Woher wollen Sie das wissen?«, fragte Poe.

Nightingale antwortete nicht. Stattdessen tippte sie abermals auf ihrem Laptop. Die Außenaufnahme einer Kirche erschien auf dem Bildschirm. Sie war aus rotem Sandstein erbaut worden und hatte hohe Bogenfenster mit Buntglasscheiben. Ein hoher Turm ragte über einer mit absurd viel Eisen beschlagenen Eichentür auf.

»Nummer zwei: Saint Luke’s am Rand von Barrow-in-Furness.«

Ein neues Foto.

Es war eine Nahaufnahme des Taufbeckens in der Kirche, aus Messing oder Kupfer geschmiedet und reich mit religiösen Symbolen verziert. Zwei abgetrennte Finger lagen in der Mitte.

Poe starrte das Bild an, brannte es sich ins Gedächtnis ein. Das hier war sein erster Eindruck, und er musste das Ganze so sehen, wie der Täter es beabsichtigt hatte. Das Grauen würde warten müssen.

Wieder waren es eindeutig die Finger einer Frau. Einer der Nägel war ganz am Ende mit einem kleinen goldenen Stecker gepierct. Nightingale zeigte eine Nahaufnahme. Der Stecker hatte die Form eines Teddybären. Poe fand, dass die Finger jünger aussahen als die, die zuerst gefunden worden waren.

Das nächste Foto zeigte eine Liedertafel aus hellem Eichenholz. Sie bestand aus fünf Reihen, in die Nummern der Hymnen für den Gottesdienst geschoben werden konnten. In der mittleren Reihe steckte ein zusammengefaltetes DIN-A4-Blatt. #BSC6 stand darauf geschrieben.

»Auch hier wissen wir nicht, wie die dahin gekommen sind. Während der Mitternachtsmesse waren die Finger definitiv noch nicht da. Der Hausmeister hat sie morgens um sechs gefunden, als er in die Kirche gekommen ist, um die Heizung für den Gottesdienst am ersten Weihnachtstag anzumachen. Es gibt keinerlei Einbruchspuren, und nur er und der Vikar haben einen Schlüssel.«

Poe hob die Hand.

»Sergeant Poe?«

»Könnten Sie mal alle Bilder vom Inneren der Kirche zeigen, die Sie haben, Ma’am?«

Nightingale tat es. Es waren mehrere.

Poe betrachtete sie eingehend. Saint Luke’s war genauso wie die meisten anderen Kirchen, in denen er gewesen war. Ein Bibellesepult zur Linken, eine Kanzel zur Rechten, und der Altar in der Mitte. Der Steinboden sah abgetreten und uneben aus. Kunstvoll verzierte Kerzenhalter und Opferstöcke flankierten zwei Reihen Eichenbänke. Schmiedeeiserne Vorhangstangen über der Tür. Ein paar schwere Vorhänge waren zurückgebunden, ohne Zweifel bereit, während des Gottesdienstes Zugluft abzuhalten.

Poe ging nach vorn.

»Am ersten Weihnachtstag in den frühen Morgenstunden draußen rumzuschleichen ist zu riskant. Jedem, der das tut, steht das Wort ›Einbrecher‹ ganz groß auf die Stirn geschrieben«, erklärte er. »Jeder Cop, der was auf sich hält, wird sich den greifen. Und wenn’s nur aus Langeweile ist. Einmal kurz durchsuchen, um nachzusehen, ob der Bursche auch nichts Verdächtiges dabeihat, und statt einer Brechstange oder einem Schraubenzieher findet der Kollege abgeschnittene Finger? Glaube ich eher nicht. So möchte unser Täter nicht spielen.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Die Mitternachtsmesse am 24. Dezember ist der eine Gottesdienst im Jahr, wo die Kirche rammelvoll ist, und zwar mit Leuten, die sonst nicht hingehen. Ich denke, unser Täter war bei der Messe, hat sich beim Abpfiff unauffällig verdrückt, als alle sich gegenseitig frohe Weihnachten gewünscht haben, und hat sich irgendwo versteckt. In solchen Kirchen gibt’s doch überall Nischen und Winkel. Der Hausmeister wollte bestimmt dringend nach Hause, ich bezweifle, dass der noch mal nach Nachzüglern gesucht hat. Hat wahrscheinlich nur gerufen, dass er jetzt abschließt.«

Nightingale nickte. Poe sah, dass auch andere nickten.

»Irgendwelche Gedanken dazu, wie er dann wieder herausgekommen ist?«, erkundigte sich Nightingale.

Poe zeigte auf die Eingangstür und die dicken Zugluftvorhänge, die daneben festgemacht waren.

»Gar nicht. Er brauchte doch nur bis zum Morgen zu warten und sich hinter den Vorhängen zu verstecken, als der Hausmeister gekommen ist, um die Heizung anzuwerfen. Der dürfte ja nur ganz kurz reingekommen sein, also hat er bestimmt die Tür nicht hinter sich abgeschlossen, und um zu sehen, was im Taufbecken lag, war’s zu dunkel. Der Täter brauchte nur zu warten, bis der Hausmeister hinten im Heizraum war, ehe er zur Vordertür rausmarschiert ist.«

Nightingale starrte ihn an.

»So hätte ich es jedenfalls gemacht«, ergänzte Poe.

»Ich möchte, dass die Teilnehmer der Mitternachtsmesse befragt werden«, verkündete Nightingale. »Alle. Wenn möglich noch heute. Ich möchte wissen, ob dort irgendjemand war, den sie nicht kannten. Helen, können Sie das arrangieren?«

»Mach ich, Ma’am«, antwortete eine Frau im Kostüm.

»Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie mehr Leute brauchen. Paul, Ihre Kollegen von der Spurensicherung sind immer noch mit dem Fundort beschäftigt, stimmt’s?«

»Stimmt, Ma’am«, bestätigte ein Mann ziemlich weit vorn im Raum.

»Sie sollen alle Stellen untersuchen, wo sich jemand ein paar Minuten versteckt haben könnte, nachdem die Messe zu Ende war. Es könnte ja sein, dass er nicht aufgepasst hat und es zu forensischem Transfer gekommen ist.«

»Ich ruf sie gleich an, Ma’am.«

Paul von der Spurensicherung ging, um zu telefonieren, und Nightingale tippte von Neuem auf ihrem Laptop.

Ein anderes Bild erschien auf dem Bildschirm.

»Nummer drei: Fiksin’s Food Hall in Whitehaven. Die machen am 25. Dezember immer eine Stunde lang auf, für eine Fleischverlosung.«

Es war die Innenansicht eines Geschäfts, das dieselben Diversifizierungen hatte durchführen müssen wie so viele altmodische Metzgereien. Noch immer hingen große Fleischstücke an Haken, dunkelrote Keulen und talggeränderte Schulterstücke. Steaks und Schinken und gestreifter Speck wurden noch immer auf künstlichem Gras zur Schau gestellt. Doch es standen auch Tische dort, auf denen sich Marmelade, Kekse, Olivenöl und Balsamicoessig drängten, die, wie Poe fand, in seinen Lieblingsläden nichts zu suchen hatten. Sogar eine Salatbar gab es.

Wieder wechselte das Bild; dieses zeigte die Theke mit dem Aufschnitt und den Sandwiches. Sie hatte eine Glasfront und war voller Schinkenscheiben, Nobel-Krautsalaten und Pasteten. Und mittendrin, zwischen den Wurstbrötchen und der vorgeschnittenen Blutwurst, lag ein weiteres Fingerpaar.

Diese waren pummelig, und die Nägel waren bis zum Anschlag abgekaut. Es schien, als wäre die Amputation hier weniger präzise vorgenommen worden als bei den beiden anderen. Die Knochenenden waren gesplittert, und das Gewebe war zerfetzt und ausgefranst.

Poe fand, dass sie nach einem Mann aussahen.

Der Täter hatte ein zusammengefaltetes DIN-A4-Blatt mit der nunmehr vertrauten Aufschrift #BSC6 an einem weißen Preisschildhalter befestigt. Nightingales nächstes Foto – von dem auseinandergefalteten und glatt gestrichenen Blatt neben einem Maßband – hätte man glatt mit dem aus der Kirche verwechseln können. Sie sahen völlig identisch aus.

»Der Mörder ist von einer der Überwachungskameras im Laden gefilmt worden, aber sein Gesicht war verdeckt. Er hat gewartet, bis Mick Fiskin mit der Verlosung beschäftigt war, ist dann einfach hinter die Theke gegangen und hat die Finger zwischen die Ware gelegt. Rotzfrech. Als die Verlosung vorbei war, ist er dann mit allen anderen hinausgegangen. Es hat eine gute Viertelstunde gedauert, bis jemand gemerkt hat, was er getan hatte. Wir lassen die Überwachungsvideos von Whitehaven durchsuchen, aber da gibt’s nicht allzu viele Kameras. Viel Hoffnung haben wir nicht.«

Nightingale schaltete den Bildschirm aus, und alle lehnten sich auf ihren Stühlen zurück.

»Natürlich haben wir Hunderte Fotos, und die Spurensicherung ist an allen drei Fundorten zugange, aber das hier waren die Highlights. Fragen?«

»Die Finger, stammen die von einer Person oder von sechs Personen?«, wollte Flynn wissen.

»Von drei Personen, glauben wir. Das werden wir bald bestätigt bekommen, aber vom Optischen her scheinen die Paare zusammenzugehören. Wir sind uns ziemlich sicher, dass ein Paar von einem Mann ist und zwei von Frauen stammen.«

»Sie haben den Täter als ›Mörder‹ bezeichnet, Ma’am«, meinte Poe. »Ich gehe davon aus, dass Sie das Ganze nicht für einen abartigen Scherz halten?«

Nightingale schüttelte den Kopf.

»Der Pathologe hat festgestellt, dass ein Finger von jedem Paar etwas aufweist, das man ›Vitalreaktion‹ nennt – das ist das, was bei lebendem Gewebe passiert, wenn ein Trauma eintritt. Entzündung, Gerinnung, die Anwesenheit von diversen Chemikalien, die nicht da wären, wenn der Finger nach dem Tod abgenommen worden wäre. Der andere Finger hat keine Vitalreaktion gezeigt, das heißt, er wurde einige Zeit nach Eintreten des Todes amputiert.«

»Vorausgesetzt, die Finger stammen von ein und derselben Person, will uns dieser Täter also wissen lassen, dass es sich hier um Morde handelt«, sagte Poe. »Wenn die Finger alle vor dem Tod abgetrennt worden wären, hätten sie möglicherweise nach einer legitimen chirurgischen Amputation gestohlen worden sein können. Wären sie hinterher abgenommen worden, hätten es Medizinstudenten sein können, oder irgendjemand, der in der Leichenhalle oder in einem Beerdigungsinstitut Blödsinn treibt.«

Nightingale nickte. »So sehen wir das auch.«

»Ich nehme an, Sie haben die Opfer noch nicht gefunden oder identifiziert?«

»Keine Opfer, keine Identifikation«, bestätigte Nightingale. »Sonst noch Fragen?«

Poe hatte mehrere, doch er würde damit warten, bis er die Akte gelesen hatte. Er ließ die Hand unten.

»Okay. Wenn die Kollegen von der SCAS bitte hierbleiben würden, können alle anderen zurück an die Arbeit.«

4. Kapitel

Darf ich einen Vorschlag machen?«, fragte Poe, nachdem sich der Raum geleert hatte. Flynn war ebenfalls geblieben. »Wenn wir eine Leiche finden – es gibt da eine Pathologin oben im Nordosten, die Sie bitten sollten, mal einen Blick darauf zu werfen. Estelle Doyle. Sieht aus, als bräuchten wir das Beste, was wir kriegen können, und glauben Sie mir, sie ist die Beste.«

»Ich habe schon von Professor Doyle gehört«, antwortete Nightingale. »Wird sie denn Zeit haben? Und glauben Sie, sie würde sich die sechs Finger mal ansehen? Der Pathologe, den wir hatten, war als Vertretung eingesprungen.«

»Ich rufe sie an, wenn wir hier fertig sind.« Estelle Doyle war der seltsamste Mensch, den Poe kannte – sogar noch seltsamer als Bradshaw. Es würde ihn überraschen, wenn sie sich mit so etwas Spießbürgerlichem wie Weihnachten abgab. Vielleicht eher eine schwarze Messe.

»Gut«, sagte Nightingale.

»Einen Becher zu beschriften, dafür braucht man spezielles Werkzeug«, stellte Flynn fest. »Wie sieht’s an der Front aus?«

»Wir fragen bei Firmen nach, die Digitaldruck machen, aber besonders optimistisch sind wir nicht. Davon gibt’s allein in Cumbria dreißig, und wenn man Bestellfirmen aus dem ganzen UK miteinbezieht und Leute, die sich so was zum Selbermachen gekauft haben, dann ist man im sechsstelligen Bereich.«

Das hatte Poe sich bereits gedacht.

»Die DIN-A4-Bögen, die er bei den Fingern hinterlegt, die sind eigenartig«, fuhr Nightingale fort. »Als wir die untersucht haben, hat der Labortechniker festgestellt, dass für jeden ein anderer Drucker verwendet worden ist. Anscheinend hat jede Trommeleinheit – das ist die Walze im Drucker, die den Toner aufs Papier überträgt – ganz eigene Unregelmäßigkeiten, so einzigartig wie Fingerabdrücke.«

»Das ist ja merkwürdig«, meinte Flynn.

»Es sei denn, er benutzt Drucker in Bibliotheken und Internetcafés und geht nirgendwo zweimal hin«, wandte Poe ein. »Könnte sich vielleicht lohnen, sich da mal die Überwachungsaufnahmen anzuschauen.«

»Wir sind schon dabei«, erwiderte Nightingale.

Sie diskutierten den Fall noch eine Weile. Es war klar, dass Nightingale die »goldene Stunde« nach besten Kräften genutzt hatte und eine gründliche Untersuchung ohne jegliche Berührungsängste durchführte. Ihre Rolle bestand vor allem darin, Ermittlungsansätze zu entwerfen, nach denen sich ihr Team richten konnte. Das war eine Verantwortung, die Poe nie angestrebt hatte – durch eine falsche Entscheidung konnten Hunderte Arbeitsstunden vergeudet werden –, doch wenn jemand das gut machte, dann merkte er es. Nightingale wusste, was sie tat.

»Was wollen Sie von uns, Ma’am?«, erkundigte sich Flynn.

»Bei großen Ermittlungen gibt die Logistik die Geschwindigkeit vor«, antwortete Nightingale, »und so soll es auch sein; so wird alles erledigt. Aber ich glaube, bei dieser Geschichte hätte ich gern nebenbei noch eine kleinere, unabhängige Parallelermittlung laufen. Dabei kann man dann reaktiv und vielleicht sogar proaktiv vorgehen, so, wie es bei der eigentlichen Untersuchung nicht geht.«

Sie wandte sich an Poe.

»Hätte ich recht, wenn ich behaupte, dass ein Venn-Diagramm der Personen, die Sie kennen, und der Personen, die Sie vor den Kopf gestoßen haben, weitgehend deckungsgleich wäre?«

Flynn schnaubte. »Ein Venn-Diagramm der Personen, die Poe kennt, und der Personen, die er vor den Kopf gestoßen hat, wäre ein gottverdammter Kreis.«

»Ha, ha«, knurrte Poe.

Nightingale lächelte. »Keine Sorge, Sergeant … Hören Sie, darf ich Sie Poe nennen? Das tun ja anscheinend alle.«

»Von mir aus gern.«

»Jemand wie Sie, der keine engen Verbindungen zu der Ermittlung hat, der sich eigentlich keine Sorgen darüber zu machen braucht, ob er die politische Hierarchie ins Wanken bringt, könnte von unschätzbarem Wert sein. Wenn es Ihnen recht ist, DI Flynn, hätte ich es gern, wenn die SCAS eigenständig arbeitet. Ihre Berichte gehen direkt an mich, und wenn Sie Unterstützung brauchen, arrangiere ich das.«

»Soll mir recht sein«, antwortete Flynn. »Und ich weiß, dass es Poe recht ist. Die politische Hierarchie ins Wanken zu bringen, das ist seine ganz spezielle Kernkompetenz.«

5. Kapitel

Poe, Darling«, schnurrte Estelle Doyle. »Sagen Sie bloß nicht, Sie haben einen Online-Mistelzweig gefunden.«

»Äh … nein«, antwortete Poe. »Hier gibt’s keine Misteln … nur mieses Wetter.«

In der düsteren Welt der forensischen Pathologie war Estelle Doyle das, was Bradshaw als Ausreißer bezeichnet hätte. Sogar in der Leichenhalle war sie angezogen, als wäre sie auf dem Weg in einen S&M-Klub. Schwarzes Haar und noch schwärzere Schminke, Netzstrümpfe und Stilettos. Mehr Tattoos als David Beckham, das Lipgloss röter als arterielles Blut. Poe fand sie wahnsinnig schön und unfassbar furchterregend. Doch auf ihrem Fachgebiet war sie unübertroffen, und das reichte für ihn aus, um immer wieder ihre Höhle aufzusuchen.

Pathologie war nur ein Teil ihres Fachgebiets. Sie war ein Naturtalent in allen forensischen Disziplinen und teilte ihre Zeit in Forensik, forensische Pathologie und Lehrtätigkeit auf.

Und aus irgendeinem Grund hatte sie eine Schwäche für ihn. Poe wusste nicht, warum. Mit ihrer Verachtung für Polizisten hielt sie niemals hinter dem Berg, bei ihm jedoch nahm sie sich stets Zeit, um sich zu vergewissern, dass er alles verstand. Im Sommer dieses Jahres hatte sie gesagt, das käme daher, dass er der ständige Außenseiter sei und dass er capraeske Qualitäten habe. Poe hatte zu viel Schiss gehabt, um zu fragen, was sie damit meinte.

Doyle verstummte, und Poe vergaß, das Schweigen irgendwie auszufüllen.

»Heute ist der 26. Dezember, Poe. Bestimmt kann doch selbst jemand, der so vom Leben gestählt ist wie Sie, jemanden finden, mit dem er die Feiertage verbringt?«

»Vom Leben … was?«

»Ist schon gut, Poe«, erwiderte sie. »Was genau ist denn Ihr Begehr?«

Poe war sich sicher, dass sie nur so mit ihm redete, damit er rot wurde. Selbst am Telefon.

»Ich habe einen Finger für Sie«, verkündete er.

»Tatsächlich?«, fragte sie gedehnt.

»Eine ganze Menge Finger.« Er wusste, dass er es nur noch schlimmer machte, aber aus irgendeinem Grund faselte er immer nur Scheiße, wenn er mit ihr redete.

»Also, Sie überraschen mich doch wirklich immer wieder, Poe.«

»Wir haben drei separate Fundorte.« Poe raffte ein wenig Restwürde zusammen. »An jedem wurde ein Fingerpaar gefunden.«

»Vom selben Opfer?« Jetzt war sie vollkommen sachlich.

»Nein.«

»Ich besuche gerade Freunde in Haltwistle, ich könnte also in einer halben Stunde im Cumberland Infirmary sein. Wie schnell können Sie mir alles bringen?«

Poe sah kurz auf die Uhr. Vorausgesetzt, Nightingale war einverstanden, könnte er die Finger wohl in weniger als einer Stunde dorthin schaffen. Das sagte er ihr.

»Dann bis bald«, antwortete sie. »Sie machen mir wirklich immer die fantastischsten Geschenke, Poe.«

Die Leitung war tot, und Poe machte sich auf die Suche nach Nightingale.

6. Kapitel

Poe hatte Estelle Doyle seit sechs Monaten nicht mehr gesehen. Bei dem Jared-Keaton-Fall war sie eine enorme Hilfe gewesen. Sie hatte ihnen früh einen entscheidenden Hinweis gegeben und dann die Sicherstellung von Beweisen an einem der komplexesten Tatorte beaufsichtigt, mit dem alle bei der Polizei es jemals zu tun gehabt hatten.

Poe vertraute ihr. So einfach war das. Sie ließ sich von hochrangigen Ermittlungsleitern nichts sagen und interpretierte die Beweise so, wie sie sie sah – sie hatte keinerlei Interesse daran, sich an das Narrativ zu halten, das der leitende Ermittler präsentieren wollte. Manchen Detectives waren geschmeidigere Pathologen lieber, doch zu denen zählte Poe nicht.

»Ich hasse diese effekthascherischen Killer«, sagte er halblaut zu Flynn, als sie die Treppe zur Leichenhalle im Cumberland Infirmary hinuntergingen, der größten Klinik von Carlisle.

Flynn hatte darauf bestanden, mitzukommen. Noch watschelte sie nicht richtig, aber viel fehlte nicht mehr. Reichlich naiv hatte er gefragt, ob sie im Auto warten wolle.

»Scheiße, Poe, ich bin hier nicht diejenige, die krank ist«, hatte sie ihn angefahren. Dann hatte sie den Fahrstuhl links liegen lassen und die Treppe genommen, um zu beweisen, dass sie recht hatte. Manchmal konnte sie genauso stur sein wie er. Als er sie einholte, keuchte er dermaßen, dass es sich anhörte, als hätte er eine Hundepfeife verschluckt.

Flynn lächelte zufrieden. Beweis erbracht.

Die Finger waren schon hergeschickt worden, und Nightingale hatte die Bestellung verfolgt und die Anlieferung bestätigt.

Es war der 26. Dezember, und in diesem Teil des Krankenhauses war es ruhig. Ihre Schritte hallten in dem sterilen Korridor wider.

An dessen Ende befand sich die Leichenhalle.

Poe klopfte an und trat ein.

Doyle stand über einen Tisch gebeugt da. Auf den ersten Blick schien der Tisch leer zu sein. War er aber nicht. Zwei Finger lagen auf einem kleinen Tablett. Doyle untersuchte sie.

Als sie die beiden sah, richtete sie sich auf.

Sie trug einen weißen Kittel, ein Haarnetz und eine Schutzbrille. Der übliche Aufzug, wenn Metall und Fleisch sich begegneten. Ihre Augen waren mit schwarzem Eyeliner betont, ihr Lippenstift tiefrot. Poe wusste nicht, ob sie immer so aussah, ob das etwas mit der Arbeit zu tun hatte und sie sich in ihrer Freizeit kleidete wie Mary Poppins, oder ob sie ihn nur leiden sehen wollte.

»Fröhliche Weihnachten, Poe«, sagte sie heiser. Sie hatte eine Raucherstimme, dabei wusste Poe, dass sie niemals Zigaretten anrührte. »Meine Güte, Sie sehen ja furchtbar aus.«

»Estelle«, krächzte er. »Bisschen erkältet.«

»Wie Sie wollen«, erwiderte sie. »Schön, Sie wiederzusehen, DI Flynn. In was hat denn Cumbrias Antwort auf C. Auguste Dupin Sie diesmal reingerissen?«

»Wir hatten gehofft, Sie könnten uns das sagen, Estelle«, antwortete Flynn.

»Diese Leichenhalle ist im Vergleich zu meiner ein bisschen schlicht ausgestattet, und viel haben Sie mir ja auch nicht zum Bearbeiten gegeben.« Poe und Flynn warteten.

»Okay, Folgendes kann ich Ihnen mit Sicherheit sagen: Das hier sind keine medizinischen Proben; sie sind nämlich nicht gespült worden. Die Blutgruppen beweisen, dass sie von drei verschiedenen Opfern stammen, und Ihre anfängliche Bewertung ist korrekt: Von jedem Paar wurde ein Finger ante mortem abgetrennt, der andere post mortem.«

Bisher hatte Nightingales Vertretungspathologe keinen Mist verzapft.

»Also haben wir es mit drei Morden zu tun«, stellte Flynn fest.

»Die Fakten lassen sich nicht leugnen«, entgegnete Doyle. »Interpretieren müssen Sie sie. Wenn meine LC-MS-Resultate da sind, weiß ich mehr.«

Auch bei ihrem letzten Fall hatte Doyle eine Flüssigchromatografie mit Massenspektrometrie-Koppelung durchführen lassen. Wie genau das funktionierte, verstand Poe nicht, doch er wusste, dass dieses Verfahren biochemische, organische und nichtorganische Komponenten voneinander trennte und als der Rolls-Royce der chemischen Analyse galt. Wenn an den Fingern irgendetwas war, das dort nicht sein sollte, dann würde die LC-MS es finden.

»Außerdem bin ich gewillt, zu behaupten, dass meiner fachlichen Meinung nach bei allen drei Opfern verschiedene Amputationsmethoden angewendet worden sind. Ein Fingerpaar wurde schnell und sauber entfernt. Die Klingen waren unterschiedlich groß und sind nicht aufeinandergetroffen; es wurde also eine Schere verwendet. Vielleicht eine Knochenzange, vielleicht eine Rippenschere.«

Poe fragte nicht, woher sie das alles wusste. Wenn sie sagte, so wäre es gewesen, dann war es so gewesen.

»Das zweite Paar wurde weniger glatt entfernt. In den Wunden stecken winzige blaue Farbpartikel. Die werde ich analysieren lassen, aber ich nehme an, sie stammen von einer Metallsäge. Wahrscheinlich eine Bügelsäge; er musste ja jeden Finger mit einer Hand festhalten und ihn mit der anderen absägen. Unterm Mikroskop sieht man ganz deutlich Kerben in den proximalen Phalangen. Das sind die Knochen zwischen dem ersten und dem zweiten Fingergelenk. Die stammen von den Zähnen der Säge.«

Poe runzelte die Stirn. Das war merkwürdig. Warum eine Säge benutzen, wenn man eine Rippenschere hatte?

»Aber das dritte Paar ist das interessanteste«, fuhr Doyle fort. »Das sind die von dem männlichen Opfer, und der Täter hat dabei eine ziemliche Schweinerei angerichtet. Ich bin mir fast sicher, dass er sie zuerst gebrochen und dann mit einer Schere Haut und Sehnen durchgeschnitten hat. Den Schnitten nach mit einer ziemlich stumpfen.«

»Und bei der ersten Amputation war das Opfer noch am Leben?«, hakte Poe noch einmal nach.

»Möglicherweise nicht bei Bewusstsein, aber definitiv am Leben.«

»Kein Todeszeitpunkt?«

Sie drohte ihm mahnend mit dem Finger. »Machen Sie so weiter, und ich muss Ihnen den Hintern versohlen, Poe.«

Doyle nannte nie einen Todeszeitpunkt. Jeder Pathologe, der das tat, würde einfach nur raten, sagte sie. Bei der Lebertemperatur oder den Leichenflecken gab es zu viele Variablen; selbst Insektenaktivität war nur Blendwerk. Ja, Fliegen zeigen wirklich ein ganz bestimmtes Verhalten, aber was die forensischen Entomologen niemals ansprechen, ist, dass überhaupt erst mal Fliegen da sein müssen.

»Sonst noch etwas?«, fragte er, bevor Flynn noch darauf einging, was es mit dem Hinternversohlen auf sich hatte.

Doyle ging zu einem aufgeklappten Laptop hinüber. Sie folgten ihr.

Sie rief ein Bild von einem Finger auf und zeigte mit dem Cursor auf eine Narbe.

»Die war unter dem Ehering«, sagte sie. »Zuerst dachte ich, es wäre eine langfristige Reaktion der Epidermis auf Gold, aber dazu war sie zu ungleichmäßig. Also habe ich ein paar Schichten abgetragen und das hier gefunden.«

Sie rief ein neues Bild auf.

Poe beugte sich vor und furchte die Stirn. »Was ist das?«

»Sie hat sich ein Tattoo entfernen lassen«, erklärte Doyle.