Der Lack ist ab - Lidia Ravera - E-Book

Der Lack ist ab E-Book

Lidia Ravera

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Beschreibung

Lidia Ravera, Mitautorin des bekannten erotischen Romans «Schweine mit Flügeln», beschreibt in ihren Erzählungen mit viel Witz und Selbstironie die schwankenden Stimmungen von verunsicherten Menschen. Sie sind nicht mehr so jung, nicht mehr so schön und nicht mehr so engagiert wie früher. Sie sind um die vierzig – aber nicht die vergangene Zeit versetzt sie in wehmütige Panik, sondern Schlimmeres: Illusionen und Ideale blieben auf der Strecke, das in eifrigen Diskussionen früherer Jahre gefestigte Weltbild gerät plötzlich ins Wanken.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Lidia Ravera

Der Lack ist ab

Über Lidia Ravera

Über dieses Buch

Lidia Ravera, Mitautorin des bekannten erotischen Romans «Schweine mit Flügeln», beschreibt in ihren Erzählungen mit viel Witz und Selbstironie die schwankenden Stimmungen von verunsicherten Menschen.

Inhaltsübersicht

ICH KANN, ICH ...Zweimal zwanzig JahreLangsam kommt der HerbstEin langer blumenreicher Winter1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel

ICH KANN, ICH KÖNNTE, ICH MUSS

 

Wenn ihr mir sagt, warum der Sumpf

unüberwindbar scheint,

sage ich euch, warum ich glaube,

ihn überqueren zu können, wenn ich es versuche.

 

Marianne Moore

Zweimal zwanzig Jahre

«Oft haben Eheleute diese Ausstrahlung / kühl und verschlossen, auf und ab / verwirrt, wie im Fieberwahn / ein guter und ein schlechter Tag.»

Sie trat in mein Zimmer und sagte auswendig ein reimloses Gedicht auf. Das macht sie ziemlich oft. Immer wenn sie sich langweilt, obwohl sie niemals zugibt, daß sie sich langweilt. Oder wenn sie mir etwas überaus Wichtiges zu erzählen hat, wie zum Beispiel eine ihrer stillen Tragödien. Das Buch hielt sie in den Händen wie ein Priester sein Breviarium, zugeklappt, einen Finger als Lesezeichen zwischen den Seiten.

Sie legte es genau dort ab, wo ich meine Seidentücher ausgebreitet hatte. Eins toller als das andere. Alle gerade gebügelt (von mir; sie hat nie in ihrem Leben ein Bügeleisen angerührt; sie weiß nicht einmal, was das ist). Sie sagte: «Willst du auf dem Markt einen Lumpenstand aufmachen?» Dann legte sie das Buch auf die Tücher. Sie setzte sich auf den Rock aus Atlasseide, den langen mit dem Schlitz, der knittert, wenn man ihn nur ansieht.

«Wenn du bitte aufstehen würdest», sagte ich.

Sie rührte sich nicht. So drehte ich mich also wieder zum Spiegel, ich wollte weder unhöflich noch sonst irgendwas in der Richtung sein. Außerdem hatte ich einfach keine Zeit zu verschwenden, um es mal ganz klar und in aller Brutalität zu sagen. Es war vier Uhr an einem Freitagnachmittag, Samstag war ich zu der Party eingeladen, und ich hatte noch nicht entschieden, ob ich den langen Rock mit dem Schlitz und die hautenge Corsage anziehen sollte oder schwarze, enge Jeans und das Organzahemd. Aus der Corsage würden meine Brüste herausquellen wie zwei halbe Brioches; durch das Hemd konnte man alles sehen, wenn auch nur verschleiert. In der Corsage sah ich aus wie eine Soubrette, im durchsichtigen Hemd wie eine Odaliske. Am Ende entschied ich mich für die Odaliske, aber zu dem Zeitpunkt wußte ich es noch nicht. Ich hatte gerade das Hemd übergezogen, die oberen drei Knöpfe waren offen, der Stoff rutschte von der einen Schulter herab, auf die ich ganz langsam meine Wange legte. Wortlos und unbeweglich sah sie mich an. Und das, heute ist es mir klar, hätte mich alarmieren müssen.

Aber ich dachte einfach nicht weiter darüber nach. Ich hatte mir gerade die Lederjacke mit den Nieten über die Odaliskenorganzabluse gezogen. Ein schöner Kontrast.

Entschlossen und verletzlich. Kraftvoll und sexy, weiblich und verwegen. Es gefiel mir, ich drehte mich zu ihr um, zog die Brauen zusammen, schaute mit sanftem Blick, mit dem obligatorischen Schmollen, das die schnöde Konsumwelt davon abhalten sollte, sich meine große Schönheit sofort einzuverleiben.

Sie sagte: «Zieh das Ding aus. Schon vor zwanzig Jahren war so was völlig aus der Mode.»

«Aber es steht mir fabelhaft.»

Sie sah mich traurig und dabei nicht einmal hochmütig an und sagte: «Dir steht doch alles gut, es ist völlig egal, was du anziehst.»

Sie sprach nicht in ihrem üblichen Ton. Sie würde mir keine Vorträge halten. Sie würde nicht meine Jugend ihrem Alter gegenüberstellen. Auch das war ein Zeichen. Ich hätte kapieren müssen. Aber ich achtete einfach nicht darauf. Soll eine Tochter ihr Leben damit verbringen, ihre Mutter zu entschlüsseln? Nein. Und erst recht nicht, wenn sie noch nicht entschieden hat, was sie am Samstag abend anziehen soll.

«Danke», sagte ich, und sie nahm wieder ihr Buch in die Hand. Sie fand ihr blödes Gedicht, das von vorher oder ein anderes, und vertiefte sich, auf meinem Bett sitzend, in ihre Lektüre, geradezu gierig, wie eine Wahnsinnige, als würde jeder, der kein Gedicht liest, vom Blitz erschlagen werden. Stumm kletterte sie von Strophe zu Strophe, schlug dabei Eisen in den Fels. Angesichts des Gipfels verzichtete sie zwar darauf, mich mitzuschleppen, aber sie unterließ es nicht, mir ihre Gefühle zu beschreiben. Sie sagte allerdings nicht, wie sonst: «Hör mal, wie schön.» Ihre Augen glänzten, sie lächelte innerlich, man sah es am Winkel, in dem sie ihren Oberkörper aufrecht hielt, und daran, daß er ab und zu leicht schwankte.

Ihre Anwesenheit war mir lästig, warum soll ich es nicht zugeben? Vor allem wußte ich zu dem Zeitpunkt ja nicht, daß es so enden würde.

Ich sagte: «Was meinst du: Sind die engen Jeans besser, die Keilhose oder der gesteppte Minirock, den du mir geschenkt hast?» Der Minirock gefällt mir überhaupt nicht, aber ich weiß, daß sie sich freut, wenn ich auch ihre Geschenke in Erwägung ziehe; nur deshalb erhob ich dieses unmögliche Kleidungsstück in die Höhen der Alternativen.

«Nein, der Minirock vielleicht besser nicht», sagte ich, da sie nicht reagierte, «der paßt überhaupt nicht zu der Jacke, zwei völlig verschiedene Stilrichtungen übereinander, da sehe ich ja aus wie Frankenstein.»

Nichts. Sie las weiter, wobei sie am ganzen Körper bebte.

«Stimmt’s oder stimmt’s nicht?»

Immer noch nichts.

«Verstehe. Du bist nicht hier, um Konversation zu machen. Was ist passiert? Ist dein Arbeitszimmer ausgebrannt?»

Langsam senkte sie das Buch (manchmal wirft sie sich ein bißchen in Pose), wie ein Pokerspieler, wenn er nacheinander seine Karten aufdeckt, um sich eine letzte Sekunde lang einzureden, er hätte ein gutes Blatt gehabt.

Ich erwartete, daß sie eine Bemerkung darüber machen würde, daß ich in meinem ganzen Leben noch nie ein Gedicht gelesen hatte.

Ich hätte entgegnet: Immerhin die, die wir in der Schule durchgenommen haben.

Sie hätte gesagt: Mein armer hirnloser Schmetterling. Wir hätten uns über Bildung gestritten. Wie immer, das war ganz normal. Mit meinem Vater streitet sie sich über Politik. Sie vertritt grundsätzlich eine Position, die linker ist als jede real existierende Linke. Sie bewegt sich in einer Traumlinken, in der nur für sie selbst Platz ist. Aber ansonsten will ich nicht meckern. Was sie getan hat, als sie jung war, hat ihr Spaß gemacht und offenbar einen guten Nachgeschmack hinterlassen. Seit zwanzig Jahren schnalzt sie mit der Zunge über den Gaumen, auf der Suche nach bestimmten Geschmäckern. Nach Leckerbissen, die ich nie gekostet habe und die ich nicht einmal zu schätzen wüßte. Gedichte zum Beispiel, egal welche. Von Petrarca bis Bob Dylan. Ich dachte, wir würden uns dem Ritual gemäß streiten und dann wieder vertragen. Es ist so einfach: ein böser Witz über Orsettas Mutter zum Beispiel. Oder: Schön, diese Verse, wie haben die das bloß gemacht? Sie freut sich. Sagt exaltiert das ganze Gedicht auf. Und dann kann ich über Witold sprechen. Ich rede unheimlich gern mit ihr über Witold, selbst wenn sie mir nicht zuhört.

Ich war ganz wild darauf, ihr die komplette Beichte meiner lyrischen Ignoranz anzubieten, im Tausch gegen ein paar Sätze über Witold.

Ich nahm das Buch in die Hand, das sie wieder auf die Seidentücher gelegt hatte, und sagte: «Wer ist diese Marianne Moore, wieder eine von deinen Lieblingsdepressiven?»

Sie antwortete nicht.

Sie starrte auf etwas hinter meinem Rücken. Ich drehte mich ebenfalls um, aber da war nur die dämliche Tapete mit den gelben Blümchen, die sie gekauft hat, als ich noch klein war, und die ich nur aus Nettigkeit noch nicht mit den Fingernägeln abgekratzt hatte.

Und erst in dem Moment fiel mir ihr Gesicht richtig auf. Der Ausdruck und so weiter. Sie war leichenblaß. Ihre ehrlichen, unruhigen Augen lagen in zwei dunklen Gräben, und es war eine Art Demut in ihrem Blick, als wollte sie mich um Entschuldigung bitten.

«Mama», sagte ich, den Rücken zum Spiegel gewandt, um ihr eine Freude zu machen, «stimmt was nicht? Klappt’s nicht mit dem Film? Haben sie dir eine Schauspielerin aufgedrückt, die dir nicht paßt? Beschränken sie dir das Material? Haben sie dir die Gelder gekürzt?»

Sie schlug die Beine übereinander und zündete sich eine Zigarette an, blies mir den Rauch ins Gesicht, denn sie kann nicht rauchen. Wenn sie raucht, sieht sie aus wie fünfzehn. Das Anzünden einer Zigarette ist für sie eine öffentliche Geste, eine Aufführung. Sie raucht, wenn sie nachdenklich wirken will. Wenn sie in einem Gespräch eine Pause braucht. Normalerweise redet sie wie ein Wasserfall, so schnell, als sei sie in ein Wortgefecht verwickelt, oder sie strickt eineinhalb Seiten lange Sätze, die jeder andere ablesen müßte, während sie bei ihr einfach so entstehen, spontan. Sie hat einen Gehirnlappen, der allein für Konversation verantwortlich ist, und wenn sie ihn einsetzt, entsteht immer eine große Stille, alle schauen sie entnervt an, oder bewundernd, und manch einer würde sie gerne besitzen. Jedenfalls spricht sie nie, um einfach etwas zu vermitteln. Sie spricht so, wie ich gehe: mit dem Ziel zu verführen.

Sie sagte: «Ich bin hier, um mich von dir zu verabschieden.»

Sie blies ein paar dichte Rauchwölkchen in die Luft. Sie hustete. Ihre Aufführung war schlechter als sonst. Ich klopfte ihr zweimal leicht auf den Rücken. Sie hustete akkurat weiter, ohne dabei zu sehr aus der Rolle zu fallen.

«Ich gehe weg», sagte sie. «Es wird dir ja wohl nicht das Herz brechen.»

Sie stand auf, streckte die Arme nach oben, umfaßte das linke Handgelenk mit der rechten Hand, zog fest und genoß mit halbgeschlossenen Augen, wie ein paar Knochen dumpf knackten; sie drehte den Kopf hin und her, wobei sie die Schultern mit dem Kinn berührte, bog ihren Rücken zum Hohlkreuz und berührte dann mit ihren Händen die Fußspitzen, die Beine gestreckt. Als sie wieder aufrecht stand, strahlte sie, und zwei Tränen glänzten auf ihren Wangen.

Es stimmt nicht, daß mich Tragödien, die nicht meine Garderobe oder meine Pumps betreffen, grundsätzlich unberührt lassen. Ich wollte sagen: Hör endlich mit deinen Spielchen auf und rede. Ich schwöre, ich machte mir Sorgen.

Und dann wechselte sie ihre Strategie. Hätte sie weiterhin Krisensignale ausgesendet, hätte ich ernsthaft nachgefragt. Ganz zweifellos, bestimmt. Alle sind sich doch darüber einig, daß ich nicht bösartig bin.

Aber sie interessierte sich plötzlich ganz ungemein für mein Fest. Bei wem? Bei niemandem? Warum immer diese Diskotheken? Ausgerechnet in einem gemieteten Lokal. So eine Scheiße! (Manchmal sagt sie das, nicht so oft wie als ich noch klein war, aber sie sagt es noch.) Also schon wieder die Mutter von Orsetta. Die wird eine Party organisiert haben, als ihre Tochter das erste Mal aufs Klo ging. Und wird dazu wahrscheinlich die Toilette vom Excelsior gemietet haben.

Wir haben sogar gelacht. Ich schwöre, es war nicht die Atmosphäre wie am Vorabend einer wahnwitzigen Tat. Im Gegenteil: da sie mit ihrer ganzen ideologischen Energie (und davon hat sie nicht wenig, sie könnte Berge damit versetzen) die Tatsache ablehnt, daß ich eine Freundin habe, die einen Doppelnamen hat, eben Orsetta, war ihr wiederauflebender Sarkasmus geradezu ein Zeichen der Normalität. Als wollte sie sagen: Es ist alles in Ordnung, Liebling, es war nur ein Moment. Jetzt bin ich wieder die alte und kann dir wieder Vorhaltungen machen. Amüsiert erwartete ich den gewohnten Vorwurf: du und diese Horde von Schlaffis. Leute, die ihren einzigen Lebenssinn darin sehen, sich für den Abend etwas vorzunehmen. Geistig verweichlicht. Asexuell. Leere Hülsen. Und so weiter.

Ich hatte mich wieder zum Spiegel umgedreht. Ich saugte meine Wangen nach innen, um zu sehen, ob ich durch jene niedlichen ovalen Höhlungen – die aussahen wie aus dem 18. Jahrhundert – hübscher wurde. Sollte sie doch reden, mir standen andere Antworten bevor. Ich hielt mir die Haare hoch. Offen sehen sie gut aus, aber der Nacken ist ein Pol sexueller Anziehung. Sollte ich ihn zeigen?

Ich dachte nach. Sie schwieg. Aber ich konnte in dem Moment einfach nicht darauf eingehen. Ich sah sie im Spiegel. Hinter mir, in meinem Rücken.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, fixierte sie mich mit einer verträumten Aufmerksamkeit, die sich von der verbohrten Kritik, mit der sie mich sonst bedenkt, deutlich unterschied. Sie schaute mich an, wie sie sonst eigentlich nur Gemälde betrachtet.

Sie ist eine Bildernärrin. Vor einem Bild von Carpaccio, auf dem der heilige Georg über einer Schicht von Sand und Schädeln mit dem Drachen kämpft, hätte sie am liebsten einen ganzen Nachmittag verbracht. Wäre ein Grund, sie ins Krankenhaus einzuliefern. Auf die Kunstbesessenenstation. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, würde ich ihr gerne etwas Liebevolles sagen: Wo steigerst du dich da hinein? Man wird doch nicht von einer Sekunde zur nächsten alt. Und dann: Alt sein ist wie verrückt sein, wenn man es tatsächlich wird, merkt man es gar nicht! Ich behaupte nicht, daß es mir gelungen wäre, sie zurückzuhalten, aber ich hätte es zumindest versucht.

Statt dessen bat ich sie um diesen idiotischen Rat: Würdest du diesen goldenen Gürtel ummachen? Etwas überladen, der hintere Teil, aber Orsetta wird sich wieder im Valentino-Stil aufgemacht haben. Mit den üblichen Schleifen. Ich bin ein anderer Typ, seh ich ein, aber ich will es auch nicht übertreiben mit dem Sexy-Freak-Look. Wo ich schon so eine Mutter habe, die mich blamiert …

«Nein, kein Gürtel», sagte sie. Ernst. Sie hielt mir einen der Seidenschals um, die sie wie Lumpen behandelt hatte. Den kobaltblauen. Atemberaubend schön. Sie band ihn mir zweimal um die Taille. Es war perfekt. Elegant, ein bißchen orientalisch. Poetisch.

«Du bist ein Genie», sagte ich.

Sie sagte: «Und dann einen Hauch Rouge auf die Wangen. Die Lippen mit ein bißchen Puder aufhellen. Die Augen nicht schminken, sie sind auch so schön. Nur ein bißchen Wimperntusche. Flache Schuhe, würde ich sagen. Du kannst meine goldenen Ballerinas nehmen. Holt Witold dich ab?»

«Ja … das heißt, ich bin nicht sicher! Du weißt ja, wie er ist. Bis zur letzten Sekunde sagt er, daß er nicht kommt, daß er Parties haßt und so weiter … Und um zwei Uhr nachts wird er dann doch auftauchen, sturzbesoffen, die Schlaftabletten in der Tasche und mit der ganzen Palette von Requisiten, die zeigen sollen, daß er ein vom Schicksal gebeutelter Typ ist. Ich werde mit ganzen Heeren von Vollidioten flirten müssen, um endlich seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wir werden uns streiten. Wir streiten uns immer auf Festen.»

«Warum gehst du dann hin?»

«Ich kann mich doch nicht ein Leben lang mit ihm in einen Bunker einschließen. Ich meine, dazu ist doch noch genug Zeit.»

«Holt dich jemand anders ab?»

«Nein, ich fahr mit dem Motorroller. Warum fragst du?»

«Paß auf, daß du dich nicht umbringst.»

 

Das war ihr Abgang. Paß auf, daß du dich nicht umbringst. Gerade genug Zeit, um okay zu sagen, da hatte sie schon die Tür zugemacht.

Ich war im Prinzip fertig mit der Wahl meiner Garderobe, aber ich war unkonzentriert. Ich konnte mich nicht zwischen zwei Hemden entscheiden (sie paßten beide perfekt zu dem kobaltblauen Tuch). Also mußte ich sie beide bügeln.

Damit konnte ich ein bißchen Zeit totschlagen. Als ich aus meinen Gedanken wieder auftauchte, gab es Abendessen. Das Haus war von verdächtiger Stille erfüllt. Brennende Lampen, leere Zimmer.

Wir leben in einem Haus, das arm und reich zugleich ist, charakterisiert durch eine Flut von gedrucktem Zeug: alte Zeitungen, uralte Zeitungen, Zeitungen von letzter Woche, Zeitungen von heute, mindestens sechs, jeden Tag, ausländische Zeitungen. Mein Vater kann nicht ohne Zeitungen leben. Meine Mutter kann nicht ohne Bücher leben. Ich bin im Grunde die einzige, die sich dem Leben mit leeren Händen stellt. Und mein Zimmer ist wirklich der einzige aufgeräumte Ort. Ich verlasse es immer schweren Herzens. Es ermüdet mich, die Sachen meiner Eltern aufzuheben, die Lichter auszuschalten, die Türen zu schließen. Aber es stört mich, wenn sie offen sind, der Flur (der sehr lang ist) sieht dann aus wie ein zahnloser Mund. Ich laufe ihn ganz entlang und mache eine Tür nach der anderen zu …

Die Tür zur Küche ist die letzte ganz am Ende. Ich trete ein. Das Licht brennt, die Tür ist offen, das Fenster ebenfalls. Und es ist still. Nichts auf dem Herd. Meine Mutter schert sich nicht um Essenszeiten, aber oft überkommen sie Hungeranfälle. Auf dem Tisch Hühnerreste, Tomatenflecken und Brotkrümel. Mechanisch wische ich den Tisch ab.

Die Tatsache, daß sie sich ein Brötchen gemacht hat, bevor sie das Haus verließ, muß mich beruhigt haben. In den schwerwiegenden Momenten des Lebens macht sich kein Mensch ein Brötchen mit Huhn.

Vielleicht ist sie in ihrem Zimmer, dachte ich, und öffnete eine der Türen wieder; ab und zu passiert es mir, daß ich eine Tür schließe, obwohl sich mein Vater oder meine Mutter in dem Zimmer aufhalten. Vielleicht schreibt sie gerade einen langen, vorwurfsvollen Brief an jemanden, der ihr ästhetisches Empfinden verletzt hat. Dazu ist sie durchaus in der Lage. Sie sieht einen schlechten Film, verläßt das Kino und verfaßt ein Telegramm an den Regisseur oder den Drehbuchautor.

«Ihr Werk beleidigt mein ästhetisches Empfinden und so weiter und so weiter.»

Zum Glück sieht sie dann davon ab, die Telegramme abzuschicken. Es genügt ihr, sie zu schreiben. Das Schreiben beruhigt sie; wenn sie Telegramme oder ähnliches schreibt, liegt sie meist auf dem Bett.

Diesmal lag sie nicht auf dem Bett, da war nur ein Naj-Oleari-Strumpf, ein Lippenstift, Münzen aus verschiedenen Ländern, Tabak, Blättchen, ein Paar Reiterhosen, die ich nicht einmal tragen würde, wenn man mich mit Waffengewalt dazu zwingen wollte, der Gedichtband von Marianne Moore und ein Zen-Handbuch über das Bogenschießen. Auf dem Boden lagen verknüllte Strumpfhosen, die ich aufhob; dann ging ich in ihr Bad. Manchmal schläft sie in der Badewanne ein. Sie war nicht da. Ich machte die Zahnpastatube zu. Sie macht grundsätzlich keine Tuben zu. Und auch nicht die Gesichtscreme, die Handcreme, den Nagellack, das Shampoo. Nichts, sie macht überhaupt gar nichts zu. Im Grunde glaube ich, daß sie nicht gerne Handlungen zu Ende führt, die sie für unwichtig befindet. So wäscht sie sich zum Beispiel dauernd, trocknet sich dann aber nicht ab. Sie läuft, nackt oder in Unterhosen, tropfend im Haus herum. Manchmal entfernt sie eine Woche lang ihren Nagellack nicht, sondern kratzt ihn splitterweise ab. Sie läuft in Unterhosen und mit rotgefleckten Nägeln herum und hinterläßt eine Spur von deckellosen Gefäßen.

Um peinliche Aufeinandertreffen zu vermeiden, bringe ich Orsetta nicht mehr mit nach Hause. Sie ist von meiner Mutter fasziniert; ihre eigene Mutter ist nie nackt, hinterläßt keine Wassertropfen auf dem Boden und macht alles zu. Auch die Türen. Meine Mutter macht nur die Tür von ihrem Arbeitszimmer zu, und auch das nur, wenn sie schreibt. Dann muß man klopfen. Ich habe gelernt zu klopfen, bevor ich lernte, Mama zu sagen.

Ich konnte gerade einen Tag laufen, da erklärte man mir schon, man dürfe ihre Inspiration nicht stören. Ihr Arbeitszimmer war ein Tempel. Es war schon ein Tempel, als ich zwei Jahre alt war. Es ist noch immer ein Tempel. Wenn die Portale des Tempels geschlossen sind, muß man klopfen und das priesterliche «Jaaa?» abwarten, und dann muß man nochmals warten: darauf, daß sie aufschaut, einen fokussiert, darauf, daß es ihr gelingt zu hören, was man sagt. Ich klopfte. Ich wartete ab. Niemand sagte «Jaaa?». Also drückte ich die Klinke hinunter, trat ein und sah meinen Vater.

Er kniete vor dem Schreibtisch wie ein Gläubiger vor dem Altar. Er blätterte in ihren Tagebüchern. Er war völlig versunken. Er war umringt von schwarzen Heften. Ich sagte: «Hey!»

Er rechtfertigte sich nicht, er lächelte nicht. Er fragte: «Gehst du aus?»

Und währenddessen ordnete er, ein wenig schwerfällig, die Hefte wieder nebeneinander in das Regal ein. Ein ganzes Fach, das sie «Abteilung für den Triumph des Ego» nennt. Ich habe sie nie gezählt, aber es sind bestimmt hundert Stück. Das erste ist aus dem Jahr meiner Geburt, und ich bin zwanzig Jahre alt. Bei einem Durchschnitt von sechs Heften im Jahr … hundertzwanzig? Sie sehen alle gleich aus, alle schwarz. Sie spielt verrückt, wenn ihr die schwarzen Hefte ausgegangen sind und sie kein Papiergeschäft findet, wo es schwarze Hefte gibt. In der ganzen Welt hat sie schon nach schwarzen Heften gesucht. Sie zeigt einem ein Plastikheft und hält eine Rede gegen den Fortschritt. Hefte müssen in glänzender Pappe gebunden sein, sie müssen Linien haben, die Seiten müssen einen Rand haben, der durch einen senkrechten violetten Streifen abgegrenzt ist. Hefte, die anders aussehen, können nicht ihre Hefte werden. Sie führt einem vor, daß es unmöglich ist, in irgendein x-beliebiges Heft zu schreiben. Auch darüber hält sie Vorträge. Es gibt kein Pardon. Ihre Ticks sind Gesetze. Sie ist überzeugt von ihrem Anrecht darauf, so zu sein, wie sie ist, und wer anders ist als sie, mit dem hat sie Mitleid, als lebe er in einem Notstandsgebiet.

Ich war zwölf, als sie mir zum erstenmal sagte: «Ich verstehe nicht, warum du deine Gedanken nicht in ein Heft schreibst.» Sie war beunruhigt. Für sie ist jeder, der nicht irgendwo etwas aufschreibt, in gewisser Weise geistig zurückgeblieben. Ein äußerlich gesunder Träger eines schweren Handicaps. So sieht sie meinen Vater und mich. Wenn sie gute Laune hat, kann sie sich ein bißchen nervöse Proselytenmacherei nicht verkneifen: «Wie könnt ihr euch überhaupt lebendig fühlen?» Sie schreibt, um sich lebendig zu fühlen.

Mein Vater ist da anders. Mein Vater hat ein Gehirn aus Stein, das dazu taugt, die Arbeitslosen in der Sapientia-Universität, jenem Elefantenfriedhof, zu indoktrinieren. Mein Vater ist Dozent für Geschichte. Er ist so anders als meine Mutter, daß, sollte das Gleichnis mit den zwei Hälften stimmen, die aus den beiden zusammengesetzte Kugel ein abstraktes Gemälde ergeben würde.

Meine Mutter sagt, daß er von einem Heiligenschein aus Schimmel umgeben ist, und nennt die Stätte, wo er arbeitet, «dieser Elefantenfriedhof». Ich weiß nicht, was Elefanten mit der Universität zu tun haben, ich nehme an, sie findet, diese Formulierung klingt schön, und wenn meiner Mutter der Klang einer Formulierung gefällt, ist ihr die Bedeutung nicht so wichtig. Auf den Klang von Formulierungen achtet sie nur, wenn sie gute Laune hat. Wenn sie schlechte Laune hat, stößt sie einen grob von sich. Für Überzeugungsarbeit hat sie keine Geduld, wenn sie schlechte Laune hat.

Mein Vater wird in die Schublade seines Geschlechtes gepfeffert: Männer. Ich in die Schublade meiner Generation: die Jugend. Wir sind nicht zu retten. Wir verbrennen in den Flammen unseres eigenen Desinteresses. Wir «lassen das Leben geschehen», was gleichzusetzen ist mit dem Gegenteil von lebendig sein.

Sie fühlt sich lebendig.

Ich nehme an, sie fühlt sich auch jetzt, in diesem Moment, lebendig. Auch wenn ich nicht genau weiß, wo.

 

Das Abendessen war ein nettes Desaster. Ich habe gekocht und fühlte mich dabei zu groß, um so klein zu sein, daß ich mich groß fühlte. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich mache. Vielleicht nicht, aber dafür gebe ich mir nicht gleich die Kugel. Die Spaghetti waren ausgezeichnet, mit einer Soße aus passierten und gequirlten Resten. Zucchini, Würstchen, Thunfisch und Knoblauch gehörten auf jeden Fall zu den Bestandteilen. Aber vermutlich war auch etwas anderes drin, woran ich mich jetzt nicht erinnere. Ach ja, ein Rest Bratenfond. Der Inhalt unseres Vorratsschrankes hat nicht mal mit einem Ansatz von Logik zu tun.

Mein Vater öffnete eine Flasche Wein, wobei der Korken zerbröselte. Das passiert ihm sonst nie. Er drückte die Korkstückchen in den Wein und sagte: «Verdammt noch mal!» Auch das tut er nie. Er flucht nicht und ruiniert keinen vorzüglichen Chianti. Er ist ein extrem zurückhaltender, stiller und liebenswürdiger Mann. Diese drei Eigenschaften haben es ihm in seiner Jugend schwergemacht.

Er hat sich nicht einmal halb soviel amüsiert wie meine Mutter. Sie verbrannte in den Gängen des Gymnasiums ihr Kunstgeschichtsbuch, nur weil die Lehrerin Monarchistin war.

Er interessierte sich nicht im geringsten für die politische Haltung seiner Lehrer, er kritisierte nur, wie sie ihren Beruf ausübten. Er wußte grundsätzlich ein paar Fakten mehr als sie. Er lernte, als sei er vom Dämon des Wissens besessen. Er war ziemlich häßlich. Und er war langweilig. Wenn meine Mutter an ihm vorbeiging, wandte sie sich ostentativ einem ihrer vielen ideologischen Handlanger zu. Sie gingen auf dieselbe Schule. Sie waren gleich alt. Er hatte zwei Klassen übersprungen, weil er ein Genie war. Sie war reizend, aufmüpfig und unwiderstehlich. Sie hatte ihren Spaß. Er nicht. Er war in sie verliebt und litt. Sie war verliebt in einen anderen. Und litt nicht. Sie litt nie, sie hatte zuviel zu tun. Sie organisierte politische Lausbubenstreiche. Sie machte auf sich aufmerksam. Er nicht. Er machte nie auf sich aufmerksam. Bei Demonstrationen (sie gingen auf viele Demonstrationen, es war eine Art nachmittägliche Mega-Disko, wo man lief anstatt zu tanzen) ging er immer in der letzten Reihe, die Hände hinter dem Rücken und über seiner Strickjacke verschränkt. Er rief niemals die Parolen, nicht einmal, wenn sie mit dem Megaphon direkt neben ihm herlief und extra für ihn einen Spruch skandierte. Sie begann ihn zu lieben, vielleicht, denn sie strengte sich wirklich an, um sein Schweigen zu brechen und ihn mit dem Lärm der anderen in Einklang zu bringen.

Die Familiengeschichte besagt, daß sie ihn nie geliebt hat. Die Familiengeschichte besagt, daß sie begann, sich von ihm lieben zu lassen, als er sie regelmäßig im Krankenhaus besuchte.

Sie hatte sich ein Bein gebrochen, als sie im Tränengasnebel flüchten wollte. Sie hatte sich auf einen grünen Motorroller gesetzt, obwohl sie nicht fahren konnte, und mit geschlossenen Augen ein parkendes Auto gerammt. Sie war mutig, impulsiv, unverantwortlich. Sie war ein phantastischer militärischer Bote, der sein Leben aufs Spiel setzte, um Nachrichten von einem nicht angemeldeten Demonstrationszug zum anderen zu bringen. Sie war ein Bote, der nicht fahren konnte und sich ein Bein brach. So sagt es die Familiengeschichte. Nicht nötig, hinzuzufügen, daß meine Mutter die offizielle Chronistin dieser Geschichte ist.

Mein Vater ist kein Held. Er war es nicht, als er in seiner Strickjacke in der letzten Reihe des Heeres ging, das meine Mutter singend durchkreuzte, er ist es auch heute nicht.

Aber heute denke ich, das ist kein Makel mehr. Die Gaben, die seine Jugend erschwerten, lassen seine Reife weniger vage erscheinen als die meiner Mutter. Und außerdem sieht er inzwischen besser aus, die Magerkeit, die ihn schüchtern machte, ist elegant geworden, sein schmales Gesicht ist nicht mehr auf anachronistische Weise melancholisch. Es ist auf angemessene Weise ernst. Und seine schönen Augen strahlen wie meine (ist es möglich, daß meine Mutter sie nicht sah?), blau und schmal. Die Gewohnheit, immer eine Strickjacke zu tragen, ist sein Stil geworden. Er ist wie die anderen, die anderen in seinem Alter, will ich sagen, aber er ist dabei er selbst. Und folglich ist er ruhig.

Oder zumindest war er das.

Beim Abendessen redeten wir nicht über meine Mutter. Es war nicht das erste Mal, daß sie wegging. Aber die Male zuvor hatten wir nicht so penibel vermieden, sie zu erwähnen. Wir erlaubten uns keine Schweigepausen; kaum daß sich eine ankündigte, füllten wir sie mit Geplapper. Besonders ich. Aber er stellte mir Fragen.

Er ist außergewöhnlich, wenn er Fragen stellt, er ist akribisch und hat eine Vorliebe für Details. Er will genau wissen, worum es ging, wenn Witold und ich wieder einmal einen Streit hatten. Ich antworte, daß Witold gerne behauptet, ich sei im Unrecht, und er fragt, in welcher Sache Witold mir unrecht gegeben hat; welcher Tag es war und ob es am Telefon war und ob er von zu Hause angerufen hatte und wo er war. Also, mein Vater schafft es, ein Gespräch in ein Verhör zu verwandeln, aber dabei hört er mit einer solchen Aufmerksamkeit zu, daß man ihn küssen möchte. Er könnte sofort alles aufschreiben. Man ist sein psychiatrischer Fall, und er ist der Psychiater.