Schwestern - Lidia Ravera - E-Book

Schwestern E-Book

Lidia Ravera

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Beschreibung

Beziehungen zwischen Schwestern sind meistens besonders positiv oder negativ. Die drei Erzählungen mit den Lebensgeschichten von sechs sehr verschiedenen Frauen beschreiben schwungvoll und überdenkenswert das Familienchaos, das durch derart dynamische Schwesternliebe geprägt ist.

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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Lidia Ravera

Schwestern

Drei Erzählungen

Über Lidia Ravera

Über dieses Buch

Inhaltsübersicht

für Mara ...Schwesterchen1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. KapitelStiefschwesternSchwestern

für Mara

Schwesterchen

1

Carlotta. Lottie. Lottina. Dies ist der erste Brief nach der Katastrophe, und es wird auch der letzte sein. Es ist mein fester Vorsatz, mir das Leben zu nehmen. Gestern nacht habe ich dreitausend Sekunden lang den Atem angehalten, ich kann das aber noch verbessern. Elsa sagt, wenn man sich durch Ersticken umbringen will, muß man den Kopf in einen Plastikbeutel für Lebensmittel stecken (Du hattest recht, sie ist kleinlich. Ist doch egal, ob er für Lebensmittel ist. Ich meine, wenn es soweit ist und so weiter), den man um den Hals fest zubindet. Du atmest den Sauerstoff weg, deine Kräfte lassen nach, und willst du den Knoten wieder lösen, schaffst du es nicht mehr. Die Hände fuchteln ziellos herum, du beherrschst sie nicht mehr, denn dein Gehirn sendet mittlerweile viel zu schwache Signale aus. Der Plastikbeutel bleibt verschlossen, und du scheidest dahin. Elsa sagt, daß sich der Selbsterhaltungstrieb nicht leicht verarschen läßt. Was mich angeht, überzeugt mich die Sache mit dem Plastikbeutel nicht. Ich habe vor allem nicht vor, mich eine Ewigkeit mit dem Sterben abzumühen. Also werde ich mich vielleicht aus dem Fenster werfen oder von einer Brücke springen. Was meinst Du, ob der Instinkt zu schwimmen möglicherweise genauso stark ausgeprägt ist wie der Instinkt zu atmen? Und wenn ja, warum haben unsere Alten dann all das Geld investiert, um uns beide schon in zartester Jugend zum Schwimmunterricht zu schicken? Ich sage Dir: Fenster, Fenster! Deine Schwester aufs Pflaster geklatscht, die aus dem Kiefer gesprungenen Zähne rollen wie Flußperlen durch die dunkelrote Blutlache. Ich nehme an, daß Leber, Milz und ähnliches Zeug nicht aus dem Körper hervorkommen, die Haut wird doch wohl halten, wenn keiner dir einen Messerstich versetzt hat? Ich will damit sagen: Die inneren Organe, porös und ekelig, wie wir sie in diesem Museum in Wien gesehen haben, bleiben in ihrer Körperhülle, und keiner der Passanten wird auf mein Schicksal kotzen müssen. Nur Blut und vielleicht einige andere annehmbare Körpersäfte, die Tragödie adelt schließlich selbst die Stoffwechselfunktionen. Ein schneller Tod würde mir gefallen, und möglichst stilvoll. Falls Du technische Ratschläge für mich hast, halt nicht damit zurück, laß sie mich wissen. Vermeide hingegen die üblichen Mahnpredigten. Mama reicht da völlig. Sie läßt keine Gelegenheit aus, mich daran zu erinnern, daß ich das ganze Leben noch vor mir habe und sie nicht. Natürlich ahnt sie nicht im geringsten, was für eine EXTREME DROHUNG sie damit ausspricht (beachte die Großschreibung, please). Jedesmal, wenn ich an die tiefe Bedeutung von Dauer denke (mit Betonung auf Dauer), sehe ich die Tage aufgereiht vor mir: wie Rekruten auf dem Kasernenhof in einem dieser Filme, in denen die Männer als faule, feige Nichtsnutze beginnen, voller Vaterkomplexe, um dann als Helden im Pazifik oder sonstwo zu enden. Tage noch ohne Uniform, Tage, die noch nicht strammstehen können, die herumzappeln, nur ihre Augen haben alle denselben Ausdruck, voller Heimweh nach der Vergangenheit und Angst vor der Zukunft. Das ganze Leben vor sich. Eine schöne Scheiße! Ich lebe von einem Monat auf den anderen. Und auch so halte ich mich aus Urteilen und endgültigen Bewertungen heraus.

In diesem abgehackten Zweig der Familie sind wir auf den Hund gekommen, wenn Du es genau wissen willst. Jeden zweiten Abend heult Mama, den anderen geht sie aus. An ihrem Heulabend bestellt sie keinen Babysitter, was sie aber tun sollte, denn Alex bekommt jedesmal einen Anfall, er wird nervös, und dann bin ich diejenige, die ihm mitten in der Nacht den ganzen ersten Teil von Little Orphan Annie vorsingen muß, denn Mama hat längst ihr Lexotan genommen und liegt selig im Koma. An ihrem Ausgehabend kommt die alte Mery (immer gleich, immer der gleiche Geruch nach Achselschweiß und Knoblauch), denn ich bin ZU VERSTÖRT. Was sagst Du dazu? Findest Du mich VERSTÖRT? In Wirklichkeit geht es mir ziemlich gut, davon mal abgesehen, daß ich mich umbringen möchte. Mein einziger Kummer bist Du (und ich sage das nicht, weil man in Briefen immer ein wenig freundlicher ist, als es die Welt verdient). Du, meine Carlotta mit den dicken Oberschenkeln, meine einzige Ratgeberin, meine Feldherrin. Wenn Du nicht diese blöde, hirnrissige, schlechte Idee gehabt hättest, zum UNGEHEUER zu ziehen und mich allein bei der HEULSUSE zurückzulassen, würde mich deren armselige Scheidung einen Dreck scheren. Nach meiner Einschätzung waren die beiden schon geschieden, als sie geheiratet haben. Sie sind nicht die Sorte Leute, die das Leben zusammen verbringen. Normalerweise hatten sie doch schon nach zwanzig Minuten genug vom Händchenhalten zur Feier einer Versöhnung: «Kommt, Kinder, wir gehen alle aus essen», und wir alle hinterher mit dem Buggy voller Pullover und Alex auf seinen Schultern, ach, die Süßen, mit diesem Ausdruck der Erleichterung nach dem Sturm, da sind wir noch einmal glücklich davongekommen und so weiter. Nun ja, dieses Mal sind wir nicht davongekommen.

Neuer Absatz. Ich schaffe es nicht, Dich durch Alex zu ersetzen, so ist es nun einmal.

Er hat keine Lebenserfahrung, und außerdem ist er ein Mann. Er hört mir mit großer Aufmerksamkeit zu, das muß man schon sagen, doch er antwortet falsch.

Alex, ich gehe mich umbringen. Dalf ich mit?

Er will überallhin mit, und nichts kann ihn dazu bringen, das R auszusprechen. Er klebt wie Kaugummi an mir. Vielleicht ist auch er verstört. Natürlich ist er verstört. Der einzige, der in diesem Haus sonst noch einen Pimmel besaß, ist verschwunden, und nun macht er wieder ins Bett. Finde bitte mal heraus, ob auch Papa das tut, Mama ist ganz wild auf solche kleinen Indiskretionen. Vorgestern, als ich ihr erzählte, daß Du mich angerufen hättest, hat sie mich bezüglich Deiner «neuen Mutter» einem regelrechten Verhör unterzogen. Als ob eine Frau Deines Alters ihre Mutter auswechseln könnte. Ja, spinnen wir denn? Seit siebzehn Jahren kannst Du sie nicht ausstehen, und da soll man von heute auf morgen …? Ich habe ihr gesagt, daß Du nicht gern über Valerie reden würdest. Und sie: Behandeln sie sie denn gut? Wen, sage ich, Valerie? Nein, deine Schwester. Ah, Papa und Valerie. Aber sicher doch, sie lassen sie an all ihren Orgien teilnehmen, verstehst du, damit sie sich nicht ausgeschlossen fühlt. Sie hat die Lippen bewegt, um etwas zu sagen, hat dann aber nichts gesagt. Stocksteif ist sie aus dem Zimmer gegangen. Seit einiger Zeit trägt sie immer diese schrecklichen Kilts (wird das so geschrieben?), die über zwei Drittel der Wade reichen, mit Sicherheitsnadel und Lederschnallen. Dazu ausschließlich flache Schuhe, meistens eine Kreuzung aus Mokassins und Kletterschuhen. Sie geht nie ohne einen viermal um den Hals geschlungenen Schal aus dem Haus und ohne Deinen alten Burberry, den, den Du hiergelassen hast, weil sein Futter an drei Stellen gerissen ist. Kurz gesagt: Sie sieht nicht besonders gut aus, und wenn das Licht sie von der Seite erwischt, fallen dir gewisse Flecken auf ihrem Gesicht auf, nicht gerade Sommersprossen und auch keine Leberflecken, sondern kleine hellbraune Stellen mit verschwommenen Konturen. Sie schminkt sich nur, wenn sie mit Cesare ausgeht. Doch sie geht sehr selten mit Cesare aus. Eheliches Paradox: Als sie, um mit Cesare auszugehen, ein ganzes Lügennetz spinnen mußte, ging sie ständig mit ihm aus, jetzt sieht sie ihn selten. Sie geht vor allem mit den F.F. aus. Den üblichen, falls Du es Papa ausplaudern willst. Der Kreis der Wilden Furien. Sie organisieren Kinoabende, an denen sie sich einen Film mit einer weiblichen Hauptfigur ansehen, die ein knackiges Stück Fleisch und Sklavin der Männerbegierde ist, sowie einen Film mit einer wahren Frauengestalt, unabhängig und intelligent (in der Regel eine Heilige oder eine Ärztin für Leprakranke). Dann führen sie hitzige Diskussionen, trinken irgendein Gebräu und bringen sich anschließend bis gegen zwei Uhr nachts gegenseitig nach Hause. Wenn sie mit den F.F. ausgeht, schminkt und frisiert sie sich nicht. Und am darauffolgenden Tag behandelt sie mich anständig, fast gut. Wenigstens fünfzehn Stunden lang genieße ich ihr Vertrauen als eine Art nachwirkender Reflex dank meiner Zugehörigkeit zur weiblichen Gattung. Bis sie wieder anfängt, mich zu quälen. Meine Sünden sind zahlreich und bestehen vor allem aus dem, was ich nicht bin. Eine feine Art, ein menschliches Wesen ans Kreuz zu nageln. Findest Du nicht auch, daß niemand zugleich alle möglichen anderen Personen sein kann? Klar, wenn ich mich erst einmal umgebracht habe, wird sie überall herumerzählen, wie sehr sie mich geliebt habe. Wie damals, als Du Diphtherie hattest und sie Dir sofort Deinen Buddhismus verziehen hat, erinnerst Du Dich? Sie erzählte bei jeder Gelegenheit, wie schrecklich vergeistigt Du seist, und schloß dabei fast ihre Augen vor lauter Ergriffenheit über Deine erhabene Seele. Wahrscheinlich sind es die gesunden Töchter, die grundsätzlich enttäuschend für gesunde Mütter sind. Ich stelle mir vor, daß die Familie eigens dafür geschaffen worden ist, im Dienste der Mühsal zu stehen. Das Feuer in der Höhle in Gang halten, um die Dinosaurier zu verschrecken. Würmer in die Schnäbel der nackten Vögelchen im Nest stopfen. Die Gerippe der Alten begraben. Die Familie ist für das Unglück da. Natürlich auch eine verstümmelte Familie. Ach, Lottie mit den schlaffen Armen, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Deinen indischen Litaneien nachtrauere! Weißt Du, daß Dein Zimmer nun ihr ARBEITSZIMMER geworden ist? Frag mich nicht, was sie dort arbeitet. In diesem Augenblick sitze ich hier und schreibe Dir diesen Brief. Ihre blöden Übersetzungen aus dem Hebräischen hortet sie sowieso immer in ihrem Schlafzimmer. Ich hatte in Dein Zimmer umziehen wollen, weil es größer ist und nicht diese Tapete mit den gelben und rosafarbenen Schmetterlingen hat, wo ich mir vorkomme, als säße ich eingesperrt in einer Hutschachtel. Doch sie hat mich daran gehindert. Deine arme Schwester hat also keinerlei zusätzlichen Vorteil durch Dein Fortgehen gehabt. Nur Leid und Einsamkeit. Jeden Abend beiße ich auf dem Kissenzipfel herum und warte auf Tränen. Nichts. Mein Leid steckt wie ein Betonklotz tief unten im Hals. Ich denke an Dich mit stillstehendem Atem. Du bist meine spastische Luftröhrenentzündung, mein Kropf, mein mentales Asthma. Jetzt rufe ich Elsa an und sage ihr, daß Du mir fehlst, und sie wird eifersüchtig werden. Sie wird irgend etwas Unangenehmes über Dich sagen, und ich werde das kaum genießen, denn die Abwesenheit bedeckt alle Mängel, so wie ein Seidenumhang zu ausladende Hüften. Ich denke an Dich in Deiner stillen Vollkommenheit, doch solltest Du mir auf diese Flut maschinegeschriebener Wörter nur mit einer Postkarte oder einem wortkargen Telefonanruf antworten, werde ich Dich von der Ehrengästeliste zu meinem Begräbnis streichen. Du wirst nicht unter den Sargträgerinnen sein, nicht Du wirst es sein, die mir die Kinnbinde umlegt, und auch Dein Blumengesteck werde ich Dir zurückschicken. Adieu, ma belle. Grüß Paris von mir und Papas Schickse, aber nicht ihn. Ihn nicht. Ihn darfst Du nicht grüßen.

Deine betrauerte Schwester, Angelica Blixen-Brontë

 

 

 

Ich habe den ersten Brief von meiner Schwester erhalten. Sein Inhalt widerspricht dem Ton des Telefongesprächs, der Ton des Telefongesprächs war trauriger als der normale Alltagston, der des Briefes heiterer. Er enthielt all diese Widersinnigkeiten, hinter denen sie ihre Angst verbirgt, damit sie sich nie wirklich fürchten muß. Ich sollte ihr antworten. Ich weiß das seit heute morgen. In der Tat schaffe ich es nicht, in diesen Tag einzusteigen. Eine Last liegt auf ihm: antworten, antworten, antworten.

Meine Pflichten den anderen Menschen gegenüber. Es ist die übliche Geschichte. Es wäre alles viel einfacher, auch körperlich einer anderen Dimension anzugehören. «B-Menschen»: die, die zuhören, aber nicht sprechen müssen. Die, die zuschauen, aber nicht gesehen werden.

Heute morgen habe ich ziemlich erfolglos zu meditieren versucht. Vielleicht liegt es an der neuen Umgebung. Vielleicht an der Antwort, auf die der Brief meiner Schwester wartet. Soll ich vom Leben hier schreiben? Außerdem: Kenne ich es überhaupt? Ich könnte schreiben: Paris ist graublau. Die Kälte ist groß, aber unbeständig. Wenn für kurze Momente eine blasse Sonne herauskommt, schöpft der Himmel Atem, bis er sich wieder zuzieht. Ich könnte schreiben: Dieses Haus ist voller Treppen. Ich wohne im obersten Stock. Ein Stockwerk tiefer leben die Tochter, die Valerie aus ihrer zweiten Ehe hat, und, wenn er Lust hat, der Sohn, den Valerie aus erster Ehe hat. Ein weiteres Stockwerk tiefer leben Valerie und Papa, mit einem Arbeitszimmer und dem besten Bad (Wanne auf Füßchen, Bidet – bei den Franzosen eine Seltenheit –, eine amerikanische Dusche, die angeht, wenn du ihr nahe kommst). Im Erdgeschoß gibt es einen großen düsteren Salon mit strengen Möbeln und orientalischen Ecken und weiteren Nischen in was weiß ich für Stilen sowie einer großen bemalten Wand mit der Ansicht des Hafens von Bahia, wie er vor hundert Jahren ausgesehen hat.

Ich könnte das Haus beschreiben. Aber vielleicht ist das Haus gar nicht so, wie es mir erscheint. Auch glaube ich nicht, daß das für sie wichtig ist. Ich glaube, sie interessiert sich mehr für Menschen als für Dinge. Sie hätte es gern, wenn ich mich über Menschen auslassen würde. Das war schon so, als wir noch ganz klein waren: Ihr fällt es leicht, Menschen abzuurteilen oder gut zu finden. Mir nicht. Ich kann nicht alle meine Mitmenschen auf die Zahl derer reduzieren, die mir wirklich ähnlich sind. Die Mitmenschen sind nicht «die Wahlverwandten». Vielleicht weigere ich mich, mein Ich als Maß zu nehmen, um zu trennen, zu klassifizieren, auszuwählen: in Freunde und Feinde, der ja und jener nein. Auf diese Weise sind die anderen (die Leute, die Personen) immer zu viele, alle von gleichem Gewicht und alle einzigartig. Nehmen wir zum Beispiel Papa. Ich weiß, daß es einer Menge Leute gefallen würde, wenn ich ihn hassen und ihm hinterherspionieren würde. Oder daß ich ihn lieben und ihn von hier schreibend verteidigen würde.

Das kann ich nicht. Ich bin zu ihm gezogen aufgrund einer Empfindung vom Typ B: Etwas, das du weißt, aber nicht mitteilen kannst. Etwas, das mit den ungeschriebenen Gesetzen des Ausgleichs zu tun hat. Vielleicht sollte ich versuchen, das meiner Schwester zu erklären. Besser gesagt: es noch einmal versuchen. Denn schon am Tag, als ich fortging, habe ich versucht, ihr das zu erklären. «Quatsch», hat sie mir erwidert. «Du bist ein riesengroßes Arschloch.» Den Blick, mit dem mich meine Mutter bedachte, hat sie mir allerdings erspart. Angelica ist die nimmermüde Unschuld, impulsiv und direkt, nichts behält sie für sich, immer hat sie ein reines, sauberes Gewissen, klar wie das Morgenlicht und in allen Ecken blank geputzt. Auch wenn sie lügt, ist sie ehrlich und weise, auch wenn sie nichts begreift. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich wie sie sein möchte. Natürlich habe ich darauf keine Antwort gefunden. Ich schaffe es nicht, ja oder nein zu sagen.

Manchmal habe ich sie zum Meditationsthema gemacht. Ich glaube, es ist nicht falsch, zu einem Thema mit dem Titel «Meine Schwester Angelica» zu meditieren.

Würde ich das wiederholen, gelänge es mir vielleicht, diesen verdammten Brief zu schreiben. Warum erwartet jeder von jedem irgend etwas? Ein einziges Nein: Und schon heißt es, du schreibst nicht, du liebst nicht, du sprichst nicht, du gehorchst nicht. Ein einziges Ja: Und das Netz zieht sich eng um deinen Tag, trennt die Stunden heraus, zerhackt sie in hastige Momente, in kommunikationslose Zeiträume. Hat man das Recht auf ein einziges Nein?

Muß man ein einziges Ja akzeptieren?

 

Bemerkungen:

Meditation ist Abstand gewinnen, eine Abstandsübung. Darf ich dann aber meine Schwester zum Meditationsthema machen? Oder darf ich mir nur Gedanken über sie machen?

 

Ich habe es getan. Ich habe auf dem Dachboden, wo sich mein Zimmer und eine Abstellkammer befinden, meditiert. Hinter einem alten Kohleofen, der mich vor den Blicken derer geschützt hat, die vom Flur aus hereinlinsen könnten (dieses Haus ist voller verstohlener Blicke). Ich habe sechs Paar Ski in verschiedenen Längen und Farben gezählt, alle ordentlich aufgereiht, dazu Skistöcke und Skistiefel, vier alte Koffer und zwei Überseekisten (eine aus Holz), Stapel von Zeitschriftenjahrgängen (zwei: L’Evénement du Jeudi und Les Cahiers du Cinéma), einen Vogelkäfig (groß, weiß, mit verkrusteten Hirseresten in einem traurigen kleinen Futternapf), drei alte Fahrräder, einen blauen Mantel aus künstlichem Pelz, zwei aufgerollte Schlafsäcke, ein Zelt der Marke Plein Air in orangefarbener Schutzhülle, ein altes Jugendlexikon und eine sehr große Schachtel mit Fotos. Ich habe die Schachtel geöffnet, um herauszufinden, daß sie Fotos enthielt. Ich habe sie öffnen müssen, aus Gründen der Inventur. Denn nur wenn ich alle Gegenstände aufliste, die sich zwischen mich und das Nichts stellen, kann ich in einem viel zu großen Haus mit viel zu vielen Möbeln meditieren. Die Fotos habe ich mir nicht anschauen müssen, das war nicht notwendig.

 

Liebe Angie,

in meiner Vorstellung ist das hier ein Brief. Ich fürchte, daß das nicht gerade die Art Brief ist, die Du gern bekommen würdest, doch glaube ich, wenn jemand einen Brief erhalten möchte, der den eigenen Briefen sehr ähnelt, muß er ihn sich selbst schreiben. Du gehörst in einem gewissen Sinn zu jener Kategorie von Leuten, die tatsächlich an sich selbst schreiben könnten. Und wenn Papas Prognose für Deine Zukunft nicht übertrieben ist, wirst Du das auch tun, sobald Du das Alter erreicht hast, in dem der, der an sich selbst schreibt, Schriftsteller genannt wird. Hier und jetzt akzeptiere bitte meine Kürze. Ich verkörpere Knappheit so wie Du Fülle. Natürlich glaube ich nicht, daß Deine Absicht zu sterben ernst gemeint und real ist, daher werde ich darüber kein weiteres Wort verlieren. Oder verletzt Dich das? Was ich sagen will: Die Botschaft habe ich erhalten. Und ich würde Dir gern einen Rat geben. Erinnerst Du Dich an die Übungen zur Leichtigkeit? Als Du klein warst, konntest Du sie. Du solltest mindestens zehn Übungen machen, jeden Morgen vor der Schule, gleich nach dem Aufstehen. Es ist nicht schwer: Mit geschlossenen Augen oder den Blick auf irgend etwas gerichtet, stellst Du Dir die Größe des Kosmos vor, Element für Element, all den Sand im Kosmos, die Wassermassen der Ozeane und Meere, die Felsen längs der Küsten, die unermeßliche Ausdehnung des Himmels, die faßbare Großartigkeit der Berge, das Erdreich unter den Ebenen, das gesamte Gras aller Wiesen und Weiden, die Sterne, die Gestirne und selbst die weiten Eisdecken, die aufbrechen und sich wieder zusammenfügen, schwimmende und sich ineinanderschiebende Eisschollen. Dann die Bäume sämtlicher Wälder und die Vegetation des Dschungels. Und der ganze Rest, alles, was Dir vor Augen und in den Sinn kommt. Stell Dir die Ausmaße vor und dann Dich, winzig, irgendwo am Rande. Zehnmal. Vergiß das nicht. Du mußt die Dinge heraufbeschwören, vor Dir entstehen lassen, dann brichst Du sie ab und beschwörst sie erneut herauf. Nur in der Wiederholung stellt sich das Gefühl von Leichtigkeit ein. Und automatisch gerät man in einen Zustand der Glückseligkeit.

Ich umarme Dich, ich umarme Dich fest.

Carlotta

Liebe Carlotta,

ich habe zehnmal meditiert, bevor ich geschrieben habe, was jetzt folgt. Ich habe heraufbeschworen, abgebrochen, heraufbeschworen. Und jetzt fühle ich mich leicht wie Buddhas Schleier. Hell wie der Sonnenaufgang Babylons und frisch wie der Furz eines Engels. Jetzt kann ich weitermachen. Habe ich Deinen Segen? Ja? Danke.

Nun also meine Botschaft: Du bist ein riesengroßes Arschloch. Ich bin hier, zweitausend Kilometer von dem Verräter entfernt, der frühzeitig die Wechseljahre meiner Mutter ausgelöst hat, und meine Schwester (MEINE SCHWESTER!), anstatt mir Informationen, Klatsch und Tratsch für eine genaue Analyse der Katastrophe zuzuspielen, speist mich mit einer halben Seite Zen-Nachhilfeunterricht ab. Weißt Du, wo Du Dir den Kosmos hinstecken kannst, auch wenn Du Dir die dafür geeignete Öffnung UNERMESSLICH überdehnen mußt? In den Arsch, meine Liebe, meine Heilige, meine unerschütterliche Egoistin, in den Aaaaaarsch!

Liebe Lottie,

ich habe ein wenig abgewartet. Oh, verzeih, ich wollte sagen: Ich habe den langsamen Fluß der menschlich zumutbaren Zeit viermal vorbeistreichen lassen. Ich bin zur Schule gegangen. (Puh!) Ich bin zu Fuß nach Hause zurückgelaufen, habe Schritt für Schritt meditiert bis zur vollendeten Glückseligkeit von zweihundert Gramm weißer Pizza, direkt von Gott geölt und knusprig bis zur Klangharmonie. Dieses säuische Ritual hat es mir ermöglicht, Mamas «Hallo, wie geht’s?» zu verkraften, ebenso ihr mittägliches Fasten (einen Becher Trinkjoghurt, ein paar Beruhigungstabletten), eine einfallsreiche Magersuchtszene unseres gemeinsamen Bruders Alex, das breite Katzengesicht der Philippinin (Mama hat ihre Arbeitszeit gekürzt, sie kocht nur für Alex, wäscht nur den Teller mit dem Dinosaurier ab, macht nur das Gitterbettchen), mein stets ungedecktes Plätzchen an einer Küchentischecke, sowie den Brief in Angriff zu nehmen, den ich ernsthaft vorhabe, Dir zu schreiben. Nicht einen Brief, DEN Brief.

Liebe Carlotta, meine Carlotta mit dem göttlichen Anspruch: Könntest Du bitte aus buddhistischer Barmherzigkeit auf einige konkrete Fragen antworten?

1) Wie geht es Papa? Ist er sich seiner Verbrechen bewußt? Er hat unser trautes Heim in ein Flüchtlingslager verwandelt. Ist ihm das klar oder nicht?

2) Valerie: Ist sie wirklich besser als Mama, oder handelt es sich nur um den verführerischen Reiz des Neuen, kaum länger als ein Furz? Also, ist die Dame ein Strohfeuer oder etwas Dauerhaftes?

3) Diese schauderhafte Pauline: Abgesehen davon, daß sie in allem die Beste ist wie alle Töchter von karrierebesessenen Müttern, kann man sie als ein menschliches Wesen bezeichnen? Ich hoffe nicht. Ich bin eifersüchtig. Es stimmt zwar, daß sie nur zwölf Jahre alt ist und ich fast vierzehn, doch wehe, Du verschwesterst Dich mit ihr!

4) Wie ist der Stiefbruder? «Geil»? Die Franzosen sind das normalerweise, mit ihren ziemlich schmalen Gesichtern, die spitz zulaufen und elegante Wangenknochen haben. Vor allem die aus guter Familie. Ist er von der Sorte sexy-asketisch? Versuch ihn mir zu beschreiben. Schaffst Du das? Und nicht erst nach der Meditation, vorher. Wenn Du nach dem Meditieren schreibst, hast Du keine Vorstellung mehr davon, wie eine Nase – um nicht in die unteren Gefilde zu gehen – aussieht. (Nun sag schon: Ist er gut bestückt oder nicht? Wirf einen Blick auf den Pyjama, please!)

5) Du: Hast Du das Gefühl, eine Verräterin zu sein? Mama kann Deinen Namen nicht aussprechen, ohne dabei die Augen zu schließen, so als kämen ihr wieder die Wehen. Haben sie Dich an einer Schule für Ausländer angemeldet? Wird Dein Französisch besser? Hast Du Leute kennengelernt, oder hast Du es endgültig geschafft, Dich im wahrsten Sinne des Wortes in Dein geliebtes Schweigen zu hüllen?

Achtung: Solltest Du zu ausweichend oder zu knapp antworten, wird Dich meine Rache in Form von zwei Briefen pro Tag verfolgen. Und keine neutralen, lieben Briefchen mit lauter tiefen Gedanken und Beschreibungen vom Flug der Schwalben, sondern unverdauliche Berichte von allen Übeln der Welt, voll mit negativen Urteilen, gotteslästerlichen Predigten und schmutzigen Träumen!

Deine rachsüchtige Angelica Compton-Burnett

 

 

 

Liebe Angie,

PUNKT EINS: Auf seine Weise geht es Papa gut. Er spricht viel über den Holocaust. Über die Diaspora, über Bergen-Belsen und über Israel als einen sehr fortgeschrittenen, kultivierten Ort. Valerie hört ihm zu. Auch andere Leute, die zum Abendessen eingeladen werden, hören ihm zu. Die Abendessen zeichnen sich durch edles Geschirr aus, wie man es bei uns zu Hause nie zu Gesicht bekommen hat. Valerie bestellt verschiedenfarbige Gerichte bei Fauchon, die sie erwärmt oder kalt stellt und dann auf dem Tisch drapiert. Nie würdest Du vermuten, daß sie Diätärztin von Beruf ist.

PUNKT ZWEI: Valerie trägt Samtgewänder, über das Gewand zieht sie eine lange Weste, über die lange Weste eine kurze, um den Hals einen kleinen Spitzenkragen ohne Bluse sowie zwei oder drei Ethnoketten aus Elefantenzähnen und Korkstückchen. Sie hat lange Füße, die sie nackt trägt, und lange Haare, die sie offen trägt. So empfängt sie ihre Freunde. Tagsüber läuft sie normaler herum. Papa sagt, sie sähe aus wie eine Zwanzigjährige von vor zwanzig Jahren. Da Stiefbruder Didier fast drei Jahre älter ist als ich, kommt das hin. Sie ist mindestens dreiundvierzig Jahre alt. Verlang nicht von mir, sie mit Mama zu vergleichen. Du weißt, daß ich das nicht kann.

PUNKT DREI: Pauline ist ein sehr freundliches Mädchen. Jedesmal, wenn ich ihr auf einem der Flure begegne, lächelt sie so intensiv, daß ich befürchte, ihr unbeabsichtigt sehr weh getan zu haben.

PUNKT VIER: Didier ist ziemlich attraktiv, wenn es das ist, was Du mit «geil» meinst. Wenn wir uns auf einem der Flure begegnen, lächelt er mich an, als entdeckte er mich zum erstenmal auf einem Fest, auf dem man vergessen hat, uns einander vorzustellen. Ich habe keine Gelegenheit gehabt, einen Blick auf seinen Pyjama zu werfen. Ich habe den begründeten Verdacht, daß er in Unterhose und T-Shirt schläft. Kein Zwanzigjähriger schläft im Pyjama.

PUNKT FÜNF: Für mich ist mein Französisch perfekt, doch glaube ich, daß Du es unzureichend finden würdest: Ich kann die anderen sehr gut verstehen, habe aber selbst gewisse Schwierigkeiten, mich auszudrücken. So kann ich schweigen und zuhören, was meinen Bedürfnissen voll und ganz entgegenkommt.

Ich hoffe, daß ich Deine unersättliche Wißbegierde gestillt habe.

Carlotta

 

PS: Viele Freunde Valeries sind der Meinung, daß Papa ein Jude ist. Ich denke, daß Du das Mama sagen solltest. In einem gewissen Sinn drückt sich darin die tiefe Verehrung ihrer Rasse aus, nicht wahr?

PPS: Auf Deine Frage, ob ich mich als Verräterin fühle, kann ich nicht antworten. Ich habe keinen Treueschwur abgelegt. Ich habe keine Abmachungen verletzt.

Valerie ist in mein Zimmer gekommen. Ich lag schon im Bett, erschöpft vom zweiten Brief an meine Schwester. Sie hat sich auf den Rand der Bettliege gesetzt, mit einem Lächeln, das schüchtern und zugleich autoritär war. Sie hat angefangen, in diesem unverständlichen Mischmasch zu reden: ein bißchen auf Capri aufgeschnapptes Urlaubsneapolitanisch und ein paar Brocken Portugiesisch aus ihrer (zweiten) Ehe mit einem Brasilianer. Sie glaubt, es reicht, einen Akzent nachzuahmen, damit es wie Italienisch klingt. Sie glaubt, ich verstünde kein Französisch.

Ich würde ihr gerne sagen, daß ich sie verstehe, daß ich ihre Sprache und auch andere Dinge von ihr verstehe, doch habe ich Angst, ihr zu nahe zu kommen.

Meine Gegenwart in ihrem Haus macht sie sehr unglücklich. Sie ist in meinen Vater verliebt, doch ist das in ihrem Alter keine einfache Sache.

Mit vierzig Jahren lebt man eine Art versengten August. Es ist noch heiß, doch der Sommer neigt sich dem Ende zu, und hinter dir liegen viele sonnige Tage und von den Gezeiten angespültes Strandgut. Ich bin ein solches Strandgut, der Überrest aus einem anderen Leben, ich trübe ihre schöne Aussicht. Sie hat mich gefragt, ob ich mich im Haus so allein nicht langweile, sie hat gesagt, ich solle rausgehen und mir Paris anschauen, die Schule beginnen, Leute meines Alters kennenlernen, Freundschaften schließen. Sie hat gesagt, daß ich vielleicht Heimweh nach Italien habe und nach meinen Freunden und Leuten meines Alters, mit denen ich in Italien zu tun hatte. Sie hat gesagt, ich dürfe nicht befürchten, meinen lieben Vater zu verlieren, wenn ich zu meiner lieben Mama zurückkehren würde, der liebe Papa würde mich oft besuchen kommen, und auch sie, wenn ich das wünschte, denn sie sei ganz verrückt nach der Stadt Rom mit all den fabelhaften Kunstwerken. Sie würde mit Pauline kommen, und ich könnte für sie den Fremdenführer durch die ewige Stadt spielen. So redete sie, und dann hat sie einen Moment lang innegehalten, wie in der Schwebe auf meinem Bett sitzend, und mich angeschaut: «Intiende mie palabre?»

Ich weiß, ich hätte ihr antworten müssen. Ihr kleines weißes, nach Puder duftendes Gesicht schaukelte wie ein zum Greifen naher Mond in der Dämmerung des Zimmers. Valerie ist sehr schmal, auffallend mager. Sie hat tiefliegende schwarze Augen und um den Mund eine nervöse Lebendigkeit, die ihre Worte leidenschaftlich wirken läßt, auch wenn sie sich tödlich langweilt. Ich wußte, daß ich etwas Beschwichtigendes sagen mußte. Liebe Valerie, mach dir keine Sorgen, ich werde fortgehen. Oder: Ich werde nicht fortgehen, aber dafür normal werden. Ich werde einen Freund haben und Freundinnen mit all den dazugehörigen Riten kichernder Albernheiten. Ich werde jung sein, wie es euch gefällt, eitel und arrogant. Eine Art Zwerg, den man nur in der Gruppe wahrnimmt. Ein Mädchen, das woanders lebt, dort, wo man tanzt und Hoffnungen hat, wo man sich seinen Kummer erzählt und wo es unordentlich zugeht.

Jetzt aber, in diesem Augenblick, bekomme ich natürlich kein Wort heraus.

Nicht einmal ein Lächeln, glaube ich. Unbeweglich und stumm sitze ich da, und mir ist klar, daß man mich für eine Idiotin oder für überheblich halten muß.

Valerie ist hinausgegangen, nachdem sie mir kurz mit den Fingerspitzen über das Haar gestrichen hat.

Ich denke, sie fühlt sich wie erschlagen.

Wahrscheinlich ist sie die zwei Stockwerke hinuntergegangen ins Schlafzimmer, hat sich vorsichtig neben meinen Vater gelegt und mit dumpfem, erschöpftem Ausdruck die Zimmerdecke, die mit Trompete blasenden Engelchen bemalt ist, fixiert. (Es gibt in diesem Haus keine Leere. Wo keine Gegenstände, Skulpturen, Bücher, Pflanzen und Bilder stehen oder hängen, sind die Wände bemalt.)

Wahrscheinlich hat mein Vater sie gefragt, ob sie aus irgendeinem Grund traurig sei. Wahrscheinlich hat sie ihm geantwortet, daß ich ihrer Meinung nach hier unglücklich sei und daß er mich zurück nach Hause schicken sollte.

Wahrscheinlich wird mein Vater morgen mit mir sprechen wollen.

 

Ich darf mir, meinem Ich, diesem Eindringling von einer altklugen Göre, nicht erlauben, Entscheidungen zu treffen, Antworten zu geben, Erklärungen zu wagen. Ich muß mich im Rhythmus des Lebens meines Vaters bewegen, einen Gleichschritt mit ihm finden. Ich bin nicht aus eigenen Stücken hier. Ich bin hier infolge einer Eingebung. Er ist mir dankbar gewesen, als ich ihn um Asyl bei Valerie bat. Ein Ausgleich im Match gegen Mama. Schade, daß Dankbarkeit ein Gefühl von nur kurzer Dauer ist.

Jetzt ist mein Vater verlegen, er schämt sich vor dem Zeugen seiner alten Sünden. Vom Instinkt her würde er mich fortschicken, seine Vernunft gebietet ihm, mich zu beschützen. Sicherlich leidet er darunter, doch habe ich keinerlei Mittel, ihm zu helfen.

 

Shang Kwang sagte:

«Ich habe keinen Seelenfrieden. Darf ich dich bitten, Herr, meiner Seele Frieden zu schenken?»

«Zeig mir deine Seele, hier, vor mir», erwiderte Bodhidharma, «und ich werde ihr Frieden schenken.»

«Aber ich kann dir meine Seele nicht zeigen.»

«Dann habe ich ihr also Frieden geschenkt.»

 

Es ist heute morgen geschehen. Er ist hereingekommen, während ich mich anzog. Er hat an die offene Tür geklopft. «Bist du schon wach? Ist es noch zu früh?»

Durch seine Größe wirkte er unbeholfen und verlegen, er griff sich an den Brillenbügel und kratzte sich am Ellbogen unter dem dicken Pullover. Er hielt sich den Hemdkragen zusammen, als wäre ihm kalt, und fuhr sich durch die noch vollen Haare. Insgesamt führte er eine Menge unbedachter, sinnloser Gesten aus. Er hat sich im Zimmer umgesehen. Meine Kleider sind in einer großen Korbtruhe verstaut, und ich schlafe auf einer Liege. Mir mißfällt das nicht, was er aber nicht weiß. Er sackte auf einem Stuhl mit durchgesessener Polsterung zusammen, und in seinen Augen lag ein Ausdruck schuldbewußter Zerknirschtheit.

«Du bist hier nicht sehr gut untergebracht», hat er gesagt.

Und dann: «Es tut mir leid, es war nicht vorgesehen, daß Didier wieder bei seiner Mutter leben würde. Du hättest sein Zimmer haben können. Es ist größer und recht ordentlich eingerichtet. Das hier ist das chambre de bonne. Du hast nicht einmal einen Schrank …»

Ich habe versucht, ihn zu beruhigen, doch bin ich nicht sehr gut in solchen Dingen. Er glaubte, ich würde ihn mit meiner hinterhältigen Freundlichkeit angreifen.

«Ich weiß, daß du karge Räume magst, doch …»

Ich habe gedacht, ihm zu helfen, indem ich vorwegnahm, was er sagen wollte. «Morgen», habe ich ihm gesagt, «werde ich mit der Schule beginnen. Ich werde Freunde finden. Ich werde normal sein. Und du wirst nicht mehr fürchten müssen, daß Valerie denkt, ich sei schwach oder seltsam. Eine, der sie den Schutz einer normalen Familie weggenommen hat.»

Ich glaube, ich habe ohne Punkt und Komma geredet.

Das erste, was nicht mehr klappt, wenn ich aufgeregt bin, ist die Zeichensetzung.

Ihm ging es nicht besser nach meinen Worten.

Er hatte … diesen Ausdruck ergebener Widerspenstigkeit, den Männer annehmen, wenn Frauen zu offen über Gefühle reden.

Ich wollte ihn berühren, denn meine Worte hatten verrückterweise das Gespräch erstickt.

Ich habe seine Hand genommen.

Er kauerte auf diesem gräßlichen Stuhl, ich stand neben ihm mit eingeknicktem Hals, wegen des abfallenden Mansardendachs und weil ich genauso übertrieben groß bin wie er. Wir verharrten unbeweglich, stumm … eine Pietà von weicher, pflanzlicher Beschaffenheit, der zusammengesunkene Mann und das gebeugte Mädchen. Seine Hand wurde sofort unruhig, steif.

Er möchte keine Hilfe.

Er möchte kein Verständnis und kein Mitgefühl.

Väter können noch weniger als Mütter mit vertauschten Rollen spielen.

Er hat sich geräuspert, ein unangenehmes Theatergeräusch.

Dann hat er gesagt:

«Ich glaube, du mußt nach Hause zurückkehren. Zu Mama.»

2

Liebe Lottie,