Sprich mit mir - Lidia Ravera - E-Book

Sprich mit mir E-Book

Lidia Ravera

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Beschreibung

Das mitreißende Porträt einer Frau, die aus ihrer Einsamkeit gerissen und mit ihrem früheren Leben als politische Aktivistin konfrontiert wird. Ein Buch, das heute spielt, eine fremde und doch so nahe Vergangenheit heraufbeschwört und zeigt, dass Flucht nicht immer der Ausweg ist. Eine Frau über sechzig. Sie lebt zurückgezogen in einem Haus am Tiber, am Stadtrand von Rom. Eines Tages bekommt sie neue Nachbarn. Eine Familie mit zwei Kindern zieht in die Wohnung gegenüber: Die Eltern gehören zur Generation Prekariat, der Vater ist Musiker, die Mutter jobbt. Sie haben eine dreijährige Tochter und einen jugendlichen Sohn, Anhänger von Fridays for Future. Sie brauchen eine Nanny und wenden sich an die Nachbarin. Und auch wenn die ältere Dame anfangs reserviert wirkt und wenig von sich preisgibt, wird das Verhältnis nach und nach enger. Bis sie den Großvater der Kinder kennenlernt, Pietro, einen attraktiven Mann. Er erinnert sich an sie. An die blutigen Jahre des Aufruhrs, damals in den  Siebzigerjahren, als ihr Foto in allen Zeitungen war. In ihrer Jugend war die italienische Feministin Lidia Ravera die Stimme der Frauen ihrer Generation, sie schrieb in den 70er Jahren das fiktive Tagebuch «Schweine mit Flügeln», das sich weltweit über 3 Millionen mal verkaufte. Heute ist sie es wieder. 

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EPUB
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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Lidia Ravera

Sprich mit mir

Roman

 

 

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki

 

Über dieses Buch

Eine Frau über sechzig lebt in sich selbst zurückgezogen in einem Haus am Tiber, am Stadtrand von Rom. Eines Tages bekommt sie neue Nachbarn. Eine Familie mit zwei Kindern zieht in die Wohnung gegenüber: Die Eltern gehören zur Generation Prekariat, der Vater ist Musiker, die Mutter jobbt. Sie haben eine vierjährige Tochter und einen jugendlichen Sohn, Anhänger von Fridays for Future, sie brauchen eine Nanny und wenden sich an die Nachbarin. Unerwartete Freundschaften entstehen, auch wenn die ältere Dame verschlossen bleibt und nichts von sich preisgibt. Bis sie den Großvater der Kinder kennenlernt, Pietro, einen attraktiven Mann ihrer Generation. Er erinnert sich an sie. An die blutigen politischen Siebzigerjahre, als ihr Foto in allen Zeitungen war.

 

Eine mitreißende Geschichte, einprägsame Charaktere aus drei Generationen. Ein Buch, das heute spielt, eine fremde und doch so nahe Vergangenheit heraufbeschwört und zeigt, dass Flucht nicht immer der Ausweg ist.

Vita

Lidia Ravera, geboren 1951 in Turin, ist in Italien eine bekannte Schriftstellerin und geschätzte Journalistin, die für große Zeitschriften politische und kulturelle Beiträge schreibt. In Deutschland sind von ihr u. a. erschienen: «Der Lack ist ab», «Schwestern» und «Schweine mit Flügeln» (Pseud.).

 

Annette Kopetzki, 1954 in Hamburg geboren, lehrte an den Universitäten Rom und Pescara. Sie übersetzt seit vielen Jahren Belletristik und Lyrik aus dem Italienischen, darunter Werke von Pier Paolo Pasolini, Erri De Luca, Andrea Camilleri, Roberto Saviano, Edmondo De Amicis und Alessandro Baricco. 2019 wurde sie vom Deutschen Literaturfonds mit dem Paul-Celan-Preis für herausragende Literaturübersetzungen ausgezeichnet.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel «Avanti, parla» bei Giunti Editore S.p.A./Bompiani.

 

Das vorliegende Werk wurde mit Unterstützung des Centro per il libro e la letteratura des italienischen Kulturministeriums übersetzt.

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Juni 2023

Copyright © 2023 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

«Avanti, parla» Copyright © 2021 by Giunti Editore S.p.A./Bompiani

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München,

nach dem Original von Giunti Editore

Coverabbildung Andreas Kuehn/Getty Images

ISBN 978-3-644-01309-4

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Für Eva, Nicola, Matilde und Alice

What is our innocence,

what is our guilt? All are

naked, none is safe. And whence

is courage: the unanswered question,

the resolute doubt – dumbly calling,

deafly listening – that

in misfortune, even death,

encourages others

and in its defeat, stirs

the soul to be strong?

Marianne Moore, What Are Years?

1.

BERICHT VOM VERGANGENEN JAHR

2019, Ende August

Ich schreibe nicht gern. Ich mag es nicht, nach Worten zu suchen, Worte auszuwählen. Das kommt mir willkürlich vor, abgeschmackt. Oder anmaßend. Darum habe ich nie geschrieben, abgesehen von den zwischen 1983 und 1996 verfassten achtundneunzig Briefen, die allerdings nicht mehr in meinem Besitz sind. Ich hoffe, Furio hat sie vernichtet. Wahrscheinlich hat er das getan, er hinterlässt nicht gern Spuren, und vielleicht hat er recht. Seine Antwortbriefe habe ich allerdings behalten, es sind nicht achtundneunzig, sondern sechsunddreißig, denn oft hatte er keine Lust.

Diese wenigen Zeilen habe ich am Sonntagabend geschrieben: Ich schweife ab, ich kann die Pinne nicht gerade halten und den Gedankengang nicht dorthin lenken, wohin er gehen soll.

Ich müsste aufgeben, tatsächlich habe ich schon daran gedacht.

Gestern habe ich den ganzen Tag daran gedacht, das war Montag.

(Eben: Ist es nicht egal, ob gestern Montag war? Die Tage, aus denen sich mein Leben zusammensetzt, sind völlig austauschbar. Früher, als ich noch zur Arbeit ging, gab es die Sonntage. Der Sonntag war der einzige Tag ohne Struktur.)

 

Ich habe mich gefragt: Warum musst du diesen Bericht schreiben, diese Erzählung, um die dich niemand gebeten hat, dieses rückläufige Tagebuch?

Um es zu teilen? Mit wem?

Warum nistest du dich nicht weiterhin in dein Schweigen ein, wie du es immer getan hast, seit du aus deiner geräuschvollen Jugend geschlüpft bist?

Meine Stille.

Genau darum geht es.

Ich kann sie nicht wiederfinden. Seit «sie» in meinen Zufluchtsort eingedrungen sind wie eine stürmische Böe durch ein vergessenes offen gelassenes Fenster.

Meine Stille ist dahin.

Diese bestimmte Stille.

Und diese Stille ist nicht so leicht zu erreichen. Sie ist ein weißes Gemälde, sie erfordert Ordnung und jene Haltung der Mäßigkeit, die einen darin schult, mit den eigenen Kräften hauszuhalten.

Die Stille ist nicht nur Schweigen wie bei der Ordensregel der Klausur. Die Stille, meine Stille, ist ein Gespräch, das keine Erwiderungen, Reaktionen, Antworten will. Keine Kommentare.

Meine Stille setzt die Abwesenheit von Gesprächspartnern voraus.

Ich kann Guten Tag sagen, wenn ich jemandem im Treppenhaus oder im Hausflur begegne. Und als Rückprall ein Guten Tag erhalten.

Den Einkauf mache ich im Supermarkt.

Ich wähle aus, fülle den Einkaufswagen, lege die Ware auf das Laufband vor der Kassiererin, überreiche ihr die Geldkarte, tippe den PIN-Code ein.

Danke und Auf Wiedersehen, sage ich, aber nicht immer.

Schon wieder bin ich vom Weg abgekommen, ich muss die wichtigen Dinge aufschreiben, die Ereignisse, die Vorfälle oder, wenn möglich, die Hintergründe.

Wer ich bin, wie ich bin, wie mein Vater und meine Mutter waren, alles muss ich auf diesem Tisch, auf dieser Seite aufreihen, damit ich es wegwischen kann.

Beim Erzählen gibt es eine Hierarchie, und darum, genau darum erzähle ich nicht gern.

Aber ich muss es tun.

Und ich muss es gut machen, denn ich muss den Riss nähen. Um dahin zurückkehren zu können, wo ich war, wo ich zwanzig Jahre lang war.

Allein und ausgefüllt. Zufriedengestellt durch Ablehnung, wie ein misstrauischer Hund. Zusammengekauert in der Abwesenheit, in meinem Nest aus Erde und Stroh. Im Haus am Fluss.

Ich bin sechsundsechzig Jahre alt, seit ich vierzig wurde, schneide ich meine Haare nicht, sie sind weiß und sehr dicht. Ich binde sie zusammen mit dem, was mir unterkommt. Schnürsenkel, Gummibänder. Vor zwanzig Jahren hatte ich auch schon lange, weiße Haare. Aber ich trug sie geflochten. Zur Arbeit ging ich mit geflochtenem Haar. Ich musste ordentlich aussehen, um die Situation nicht zu verschlechtern. Schon mein schweigsames Wesen war ein Problem, es wurde erschwert durch die erzwungene Beziehung zu den anderen, acht Frauen, alle im selben Raum, wo sie die gleichen Gesten ausführten, Schachteln zusammenbauten, mit flinken Fingern, mehr Handwerkerinnen als Arbeiterinnen.

Da war diese Geschichte, dass ich nicht plaudern wollte.

Wenn du nicht plauderst, während du mit den Händen arbeitest, und um dich herum immer dieselben Personen arbeiten, jeden Tag, außer samstags und sonntags, bist du wie eine Abstinenzlerin bei einem Hochzeitsbankett.

Es gibt ein unausgesprochenes Nein danke, das verletzt, das das Verhalten der anderen in seinen Grundfesten erschüttert.

Einander Signale senden, sich wiedererkennen.

Sich eine Existenz verleihen.

Gegenseitig.

Tag für Tag, Jahr für Jahr.

Da war also diese Geschichte, dass ich nicht plauderte. Und wenn ich es tat, merkte man, dass es nicht freiwillig geschah. Doch vor allem war da die unpassende Adresse in diesem malerischen, angesehenen Teil der Stadt, da war diese Wohnung weit weg von den Vierteln, wo die anderen wohnten. Prenestino, Tiburtino.

Weit weg, anders.

Ein großbürgerliches Haus, in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts gebaut, mit Ausblick auf die Bäume, die den Tiber abschirmen.

Ich habe nie jemanden eingeladen, nie eine Einladung angenommen.

«Wo wohnst du?»

«Draußen.»

Die Älteren hörten auf, mich einzuladen, die Jüngeren haben es nie getan, darum brauchte ich nicht mehr zu lächeln und mich zu entschuldigen. Herzlichen Dank. Nett von dir. Aber nein. Nein danke.

Als die Direktion mir mitteilte, dass sie mich nicht mehr brauchte, konnte ich meine Abwesenheit vervollkommnen. Ich hatte nichts mehr zu verbergen. Ich verletzte niemanden mehr.

Ich konnte für immer schweigen.

Man muss schweigen lernen, um nicht lügen zu müssen.

(Noch so ein Satz, und ich entziehe mir die Erlaubnis zum Schreiben, diese provisorische Freiheit, die notwendig wurde, weil ich das dringende Bedürfnis hatte, in der Zeit zurückzugehen. Nicht um Jahrzehnte, wie die Frauen meines Alters, die wieder jung sein möchten. Ich möchte nur um ein Jahr zurückgehen, dieses eine, das gerade zurückliegende Jahr.)

 

Gut, fangen wir noch einmal an: Jeden Morgen ging ich spazieren.

Ich habe keinen Hund, aber ich mag die Hunde der anderen.

Ich ging am Flussufer entlang, ohne zu laufen, ich ging zwischen den Leuten, die laufen. Oder den Hund zum Laufen ausführen.

Während ihr Hund läuft oder an den Exkrementen anderer Hunde schnüffelt, reden die Leute am Telefon.

Manchmal reden sie auch mit ihrem Hund. Oder mit den anderen Hundehaltern.

Na, bitte: Ich habe eben erst angefangen und bin schon wieder gescheitert. Ich kann nicht erzählen. Ich gebe abschweifenden Gedanken Raum und verliere sofort den Faden.

Mein Kopf ist in Unordnung. Das sagte meine Mutter, bevor sie mir ankündigte, sie würde zum Friseur gehen. Einen unordentlichen Kopf zu haben, hinderte einen an einem anständigen gesellschaftlichen Leben.

Der Kopf meiner Mutter ließ sich leicht wieder in Ordnung bringen. Von der Friseurin. Meiner nicht. Mein Kopf ist voller unfertiger Gedanken. Legen und Frisieren ist nicht machbar.

Die Gedanken überschlagen sich, zappeln, stoßen gegeneinander. Schließlich zersplittern sie. Ein klebriger Staub, der in jede Öffnung dringt.

Und dadurch fühle ich mich schmutzig. Zermürbt. Verwirrt.

Unausgeglichen, dieses Wort beschreibt, wie ich mich fühle.

Die Unausgeglichenheit hindert mich daran, zur Stille zurückzukehren.

Und Schreiben hilft mir nicht.

Es gefällt mir nicht. Ich kann das nicht mehr.

Früher konnte ich es.

Und es gefiel mir, was man kann, gefällt einem immer.

Jetzt bin ich es nicht mehr gewohnt, zu lange schon habe ich keine Lust mehr zum Schreiben.

Ich stoße Worte aus, sie fallen in Schwärmen über mich her, ich muss sie auf dem Papier befreien, und nie sind es die, die ich brauche.

Nie sind es die richtigen.

Immer wieder sage ich mir, dass ich benennen muss, erzählen, erklären, wo man erklären kann, und dann ad acta legen, aber ich finde das Vorher und Nachher nicht, die Ursache und die Wirkung, die Herausforderung und das Scheitern.

Ich habe tausenddreihundertzwölf Romane gelesen, ich lese Romane, weil sie mein Atem sind, weil es perfekt zu meinem Wesen passt, mich mit den Leben anderer zu zerstreuen.

Ich lese Romane, denn Romane sind wie Musik, es gibt eine Vollkommenheit der Proportionen, einen verborgenen Entwurf, eine Genauigkeit, die mir Frieden verschafft.

Trotzdem habe ich von den Romanen, die ich gelesen habe, nichts gelernt.

In einem Roman hätte ich schon jetzt von Michele und Maria gesprochen. Stattdessen habe ich «sie» geschrieben. Ich habe geschrieben: Seit «sie» in meinen Zufluchtsort eingedrungen sind wie eine stürmische Böe durch ein vergessenes, offen gelassenes Fenster.

Ich habe sie in Anführungszeichen gesetzt.

Es gibt nichts Dümmeres, als einen Mann und eine Frau in einen Käfig aus Anführungszeichen zu sperren.

Also: Alles hat vor einem Jahr angefangen, am 25. August. Es war um acht Uhr morgens, und schon drückte eine tropische Hitze gegen die Fenster. Der Himmel war weiß und hing tief, er trug schwer an einem heißen Dampf, der nicht zu Regen werden konnte.

Ich war eine Stunde spazieren gegangen, wie immer, und wollte nun die von den Ferien geleerte Stadt genießen, weshalb ich die Straße am Tiberufer überquerte, als wäre sie ein Fußweg auf dem Land, ohne auf die grüne Ampel zu warten, ohne nach rechts und nach links zu blicken.

Der kleine Lastwagen tauchte ganz plötzlich auf, während ich in träge Gedanken versunken war, wie sie auf körperliche Betätigung folgen, ich war also weniger mit meinen unwichtigen geistigen Dingen beschäftigt als damit, in den Schatten zu kommen, Vorfreude auf die Dusche und den Kaffee zu empfinden.

Ich höre eine Art Jagdhorn tuten und erstarre, wie sicherlich auch die Hirsche, wenn sie die Gegenwart ihres Mörders spüren.

(Ist es richtig, hier zum Präsens überzugehen? Das ist mir einfach so eingefallen, es soll so etwas wie eine Filmsequenz sein.)

 

Ich bleibe mitten auf der Straße stehen.

Der Lastwagen weicht mir aus.

Ich sehe ihn mir genauer an: Es ist ein Pick-up. Auf der Ladefläche sind gebrauchte Möbel übereinander gehäuft. Ich erkenne zwei Nachttischchen, das hölzerne Kopfende eines Bettes, einen Kleiderständer, einen kleinen Tisch, dessen Beine in die Luft ragen, und eine Ehebettmatratze.

Am Steuer sitzt ein junger Mann im weißen Hemd.

Er hält genau vor dem Haus Nummer 3, wo ich wohne.

Er parkt großzügig, die leere Stadt macht es möglich.

Im ersten Moment denke ich, er hat wegen mir angehalten, will mich beschimpfen, weil ich so unaufmerksam über die Straße gegangen bin, dass ich ihn zum Bremsen gezwungen habe.

Dann merke ich, dass er nicht die Absicht hat, mir irgendetwas zu sagen.

Er hat mich nur so kurz wahrgenommen wie nötig, um mich nicht anzufahren, und damit war die Sache erledigt.

Er springt aus dem Fahrerhaus.

Ich sehe, wie er auf die Ladefläche klettert und die elastischen Gurte löst, die die Ladung festhalten. Seine Gesten sind unbeholfen, umständlich, wie die eines Menschen, der im Leben keine Gelegenheit hatte, seine Hände für komplexere Operationen zu benutzen, als sich das Gesicht zu waschen.

Ich betrachte ihn. Und möchte ihm helfen.

Ich habe geschickte Finger und Kraft in den Armen.

Natürlich wage ich es nicht.

Ich müsste näher kommen, ich müsste sprechen.

Ich kann nicht auf die Ladefläche springen und dieses Sammelsurium an Hausrat befreien, ohne den Präliminarien zuzustimmen.

Darum bleibe ich stehen und beobachte ihn weiter.

Er ist ein schlanker, junger Mann, und sein Profil scheint wie aus Holz geschnitzt, eine einzige Linie zeichnet Stirn und Nase, der Mund ist groß, die Wangen dunkel vom Bart, die Haare schwarz.

Er könnte fünfundzwanzig sein, aber auch fünfundvierzig.

Ich werde später erfahren, dass er siebenunddreißig ist, ein Alter, das mich zusammenzucken ließ, mich zwang, ein Glas Wein in einem Zug zu leeren, um ein plötzliches Erröten zu rechtfertigen, aber davon später.

Bei dieser ersten Begegnung habe ich nur gedacht, dass heute alle auf die gleiche Art jung sind, bis sie alt werden.

Zwanzig oder neunundfünfzig. Da ist kein Unterschied.

Und das liegt nicht an der Kleidung.

Es betrifft eher die Erwartung. Die Erwartung liegt in den Augen, im Gang, in der unachtsamen Selbstverständlichkeit, mit der man den falschen Weg einschlägt, ohne sich um die verlorene Zeit zu sorgen. Es ist dieses «Diesseits», wo du dich als Mann von Welt aufgestellt hast, die Hände in die Seiten gestemmt, in aller Ruhe Pläne schmiedest und Lust hast, dir anzuschauen, was das Leben für dich bereithält.

Ich sehe, dass er ziegelrote Hosen trägt, vielleicht aus Leinen, am Saum zerschlissen und stonewashed. An den Füßen trägt er Bootsschuhe, Timberland. Blau.

Er hat die ganze Ladung losgebunden und mehr Zeit als Kraft dafür gebraucht. Er holt die erste Kiste vom Pick-up. Sie ist schwerer als gedacht. Eine Grimasse verzerrt seine Züge. Er lässt sie vor der geschlossenen Haustür fallen, einen Millimeter vor meinen Schuhspitzen, weiße Superga.

Als er zu mir aufblickt, sagt er:

«Bücher. Die wiegen.»

Er hat blaue Augen und schwarze Wimpern. Die Brauen sind dunkel und breit.

Er lächelt nicht, aber er schließt mich mit diesen drei Worten in seine Welterfahrung ein. Mit der Natürlichkeit eines Lieblings der Götter.

Die trifft man heutzutage nur noch selten.

Und sie zu erkennen, verwirrt mich. Ich möchte weggehen, stattdessen stecke ich den Schlüssel in die Tür und halte sie für ihn auf, während er die Kiste mit Tritten in den Hausflur befördert.

«Bücher, die wiegen», sage ich, auf seinen Satz gestützt, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Ich beschließe, dass ich ihn mit seiner Ladung allein lassen und zu Fuß die Treppen hinaufgehen werde, da kommt eine junge Frau mit elfenbeinfarbenem Gesicht und kurzen, tizianroten Haaren aus dem Aufzug.

Ich werde noch Gelegenheit haben, sie genauer zu betrachten und mich in der zarten Makellosigkeit ihrer Gesichtszüge zu verlieren, auf den ersten Blick erscheint sie mir vor allem leicht, sie trägt einen duftigen Fummel mit Blumenmuster, den meine Mutter als «Strandkleid» bezeichnet hätte, er unterstreicht eine Nacktheit aus bloßen Füßen, auf die Schulter gerutschtem Träger, kleinen Brüsten und Schlüsselbeinknochen, dünn wie gespannte Bänder unter der Haut.

Leicht, hell, fest.

Betört stehe ich da und verflüchtige mich, wie immer angesichts jeder Art von Perfektion.

Meine Beine gehorchen dem Zentralkommando nicht.

Darum bleibe ich stehen, während Maria auf Michele zuläuft, ihm in die Arme springt, ihre dünnen Oberschenkel um seine Hüften schlingt und ihn, so über dem Boden schwebend, küsst.

Ein langer, sinnlicher Kuss, der bei dieser Kleinmädchenhaltung einen perversen Kurzschluss auslöst.

Normalerweise wende ich den Blick ab, wenn jemand seine erotischen Antriebe in der Öffentlichkeit auslebt, an diesem Tag nicht. An diesem Tag, dem 25. August im letzten Jahr, bin ich stehen geblieben, um zuzuschauen. Und zuzuhören.

Ihren ersten Dialog weiß ich noch auswendig.

Ich werde noch viele weitere hören und lernen, sie wiederzugeben, sie werden nicht mehr dieselbe staunende Bewunderung bei mir hervorrufen.

Michele: «Wo kommst du denn herausgesprungen, Äffchen?»

Maria: «Ich wollte dich überraschen.»

Michele: «Wir hatten doch verabredet, dass du am Meer bleibst und ich alles allein erledige, wie die Steinzeitmänner.»

Maria springt aus der Umarmung und landet auf dem Marmorboden.

«Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, mit dem Auto losgefahren, allein, und tausendmal vor Müdigkeit, Angst und Pipimüssen gestorben. Ich glaube, ich lebe nur noch durch Selbstsuggestion. Und ich hab mir überlegt: Wenn ich am Umzugstag sterbe, bleibt er dann da wohnen, oder nimmt er eine andere Wohnung?»

«Dummchen. Und der alte Freak?»

«Kriegt sich vor Freude nicht ein. Jetzt kann er mit mi vida mi amor auf die Insel zurück, muss nicht mehr im Liegestuhl liegen und einen auf alten Mann machen.»

Ich verpasse ein paar Sätze, aber an das Ende erinnere ich mich:

«Und Malvina?»

«Die hab ich in den Abfalleimer geschmissen.»

 

Sie gehen zusammen durch die Haustür nach draußen, seine Hand liegt auf ihrem Nacken. Fast sofort höre ich Männerstimmen, dazwischen kurze Lacher und Codewörter. Meister! Fürst! Bruder! Ich werde sie alle kennenlernen, einen nach dem anderen. An diesem ersten Tag sind sie nur eine undeutliche Explosion pennälerhafter Fröhlichkeit, heftig wie ein Wutausbruch und dennoch feierlich solidarisch, voll ebenso ostentativer wie verweigerter Zuneigung.

Luca, Francesco, Matteo, Marcello.

Luca und Francesco sind kahl, haben elegante Schädel und kümmerliche Schmuckbärtchen. Marcello hat eine weiße Strähne im Haar.

Matteo trägt mit Stil einen Rettungsring aus Hüftspeck.

Das werde ich später entdecken. Alles werde ich später entdecken.

Dass Matteo neunundvierzig ist. Und Francesco fünfzig.

Am 25. August im letzten Jahr sind sie mir wie junge Männer erschienen, Punkt.

Vier Jungen, die einem Freund beim Umzug helfen.

Ich gehe ein paar Schritte auf die Haustür zu, schaue auf die Straße und beobachte, wie sie ein Tischchen aus Nussbaum und einen Sekretär, antiquarisch, 19. Jahrhundert, ausladen, ich sehe Maria, die sieben kleine Schubladen auf dem Kopf trägt, barfuß über den heißen Bürgersteig geht, mit tänzerischen, würdevollen Bewegungen, wie die Frauen in Indien, wenn sie den Wasserkrug tragen, der Hals angespannt, der Rücken gerade.

Eine Weile verfolge ich dieses spielerische Hin und Her, die kurzen Kniehosen, tief auf den Hüften, die verschossenen T-Shirts, Schweißränder. Jemand sagt: Die Liebe ist umsonst, die Freundschaft ist eine Plackerei. Einer von ihnen. Ich kann sie nicht unterscheiden, ich werde sie auch dann nicht unterscheiden können, wenn ich sie besser kennenlerne.

Ich sehe, wie sie die Möbel in den Aufzug laden.

Und entdecke, dass der Aufzug im dritten Stock hält.

Im dritten Stock liegt meine Wohnung.

Ich hätte es mir denken können.

Die Wohnung neben meiner steht seit einigen Jahren leer, nach dem Tod von Signora Solaris, fünfundneunzig, Griechisch- und Lateinlehrerin, Mutter von vier raffgierigen, streitsüchtigen Kindern.

Die Immobilienagentur hat mir fast sofort eine Kopie der Schlüssel gegeben, falls jemand die Wohnung besichtigen wollte, denn die Eigentümer hatten nur einen Bund dagelassen, aber es gibt viele Immobilienmakler, und so eine alteingesessene, betagte Nachbarin ist ein Glücksfall in Häusern ohne Hausmeister, sie kann die Blumen gießen, wenn man im Urlaub ist, und am Wochenende die Katze füttern.

Ich fahre nicht in Urlaub, und das Wochenende ist mir nicht heilig. Das würde schon genügen, um mich von den Segnungen der Normalität auszuschließen.

Ich bin die schweigsame Soziopathin aus dem dritten Stock.

Und am 25. August im letzten Jahr bekam ich meinen Anteil Nachbarn.

Einen Moment lang habe ich befürchtet, dass sie alle dort einziehen in die Wohnung, die genauso aussieht wie meine, die neben meiner liegt. Alle zusammen. Wie man es früher machte, auch ich, als ich jung war, ich musste, ich will mich nicht daran erinnern, aber ich erinnere mich ganz genau, denn das Gedächtnis ist keine respektvolle, gefügige Dienstmagd, die deinen Befehlen gehorcht und nur ein Zimmer fegt, alle anderen aber geschlossen lässt.

Das Gedächtnis ist ein bissiger Hund, in meinem Alter muss man ihn an die Kette legen.

Tja, nach diesem Satz habe ich aufgehört zu schreiben. Es ging mir nicht gut genug, um weiterzumachen. Ich musste mich ins Bett legen. Und dort bleiben, mit einer moderaten Dosis Benzodiazepin, weil ich nicht weiß, ob ich wieder damit anfangen soll oder nicht.

Die Tabletten waren aus meinem alten Leben übrig geblieben, dem vor Maria und Michele, Malvina und Malcolm.

Ich ließ sie mir von Corrado verschreiben (dem einzigen, am Rand stehenden Zeugen meiner verfluchten Jahre, ein Sympathisant, Psychiater) und nahm sie nicht. Jeden Monat ließ ich sie mir verschreiben.

Und legte sie beiseite, wie eine Hausfrau mit selbstdestruktiven Neigungen, aber vorausschauend.

Immerhin habe ich mir nur eine einzige genehmigt.

Werde versuchen, nicht noch mehr davon zu schlucken.

Ich bin nicht in der Verfassung, eine Begegnung mit Corrado durchzustehen.

Nicht einmal, um mein Reservat aus künstlichem Frieden zu schützen.

Ich lebe wieder in einem Zustand der Verwahrlosung.

Nach der Vertreibung aus dem Paradies.

Ja, das ist davon geblieben.

Die Verwahrlosung ist das Gegenteil des Dramas, sie ist der Schiffbruch des Nichtschwimmers, der stillos in zwei Fingerbreit Wasser ertrinkt.

Ich kehre zu jenem Morgen zurück, versuche weiterzumachen. Langsam gehe ich die Treppe hinauf, denke, dass ich sie nicht begrüßen will.

Ich will niemanden begrüßen.

Bücher. Die wiegen.

Bücher wiegen.

Das ist mehr Konversation, als ich in zwei Jahrzehnten mit allen anderen Hausbewohnern geführt habe.

Bücher wiegen, sage ich und krieche schnell weg wie ein Gregor Samsa. Die Szene im Hausflur steht mir wieder vor Augen: Ich beobachte sie, bebend, und sie sehen mich nicht. Es ist ein Wunder, dass sie mich nicht unter ihren Füßen zerquetscht haben. Mit geistesabwesender Brutalität, wie man es mit Insekten macht.

Ich gehe in meine Wohnung und schließe die Tür hinter mir.

An die Erleichterung danach erinnere ich mich noch.

 

Meine Wohnung besteht aus einem Vorzimmer, zwei Schlafzimmern, einem kleinen Wohnzimmer und einer Küche. Wären mein Vater und meine Mutter bis an ihr Ende gekommen, wären sie an Altersschwäche oder durch Krankheit gestorben, hätte ich nichts gehabt. Sie hätten ein wohlüberlegtes Testament verfasst, das sie des Risikos enthoben hätte, mir beim Überleben helfen zu müssen. Sie hätten mich enterbt, wie Eltern in den Romanen des 19. Jahrhunderts.

Zeremoniell, mit einem Brief als Ankündigung.

Mein Vater und meine Mutter sind bei einem Autounfall gestorben.

In Turin, 1999. Sie kamen gerade aus der Sporthalle, wo sie einen Yogakurs machten, zu dem sie ihn gezwungen hatte. Es war acht Uhr abends, in der Luft hing eine Nebeldecke, der Panda meiner Mutter stand mitten auf einer Kreuzung, wartete darauf, links abzubiegen, vielleicht auch darauf, etwas zu erkennen in dieser Mauer aus weichem Weiß, die die Straße umgab. Das Auto eines privaten Sicherheitsdienstes erfasste sie mit voller Wucht. Die Bürger als Ordnungshüter. Ein blauer Alpha Giulia. Sie fuhren sehr schnell, die Sirene war nicht eingeschaltet. Hätten mein Vater und meine Mutter den alten Mercedes meines Vaters statt des Panda meiner Mutter genommen, um zum Yoga zu fahren, wären sie wahrscheinlich nicht gestorben. Aber sie starben. Sie auf der Stelle, er wenige Tage später. Er kam nicht wieder zu Bewusstsein, erfuhr also nichts von meinen Liebkosungen.

Denn ich schaffte es, rechtzeitig im Krankenhaus Molinette anzukommen, um zu weinen, zu streicheln, zu verzeihen.

Und zu unterstellen, dass mir verziehen war.

 

Ich organisierte kein offizielles Begräbnis. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, den wenigen Verwandten und den Freunden zu begegnen, mit denen meine Eltern samstagabends Bridge spielten, alles Leute, die ich aus den Augen verloren hatte.

Ich konnte mir nicht vorstellen, mich von dem kleinen Kreis aus Ehepaaren beobachten zu lassen, der für meine Mutter «die Gesellschaft» darstellte und für meinen Vater den Tribut, den er zahlen musste, damit sie friedlich blieb.

Die Nachricht vom Unfall stand in der Zeitung, im Lokalteil.

Ich wurde mit einer einzigen unangenehmen Zeile erwähnt.

Mein schlechter Ruf war wieder aufgetaucht wie ein viertklassiger Adelstitel in den Medien, obwohl viele Jahre vergangen waren (schon seinerzeit war es viel, heute müsste ich mir die Vergessenheit verdient haben).

Darum brach ich sofort auf. Ich flüchtete mich nach Cinisello Balsamo, wo ich ab 1993 auf sechsunddreißig Quadratmetern mit Hochbett gewohnt habe.

Zur Einäscherung kam ich zurück.

Ich kam zurück, um das Erbe zu verkaufen, das ich fatalerweise erhalten hatte.

Ich wollte nicht in der Wohnung schlafen, in der ich gelebt hatte, seit ich drei Jahre alt war, und aus der ich mit neunzehn geflohen war, die Wohnung, die der ganze Stolz meiner Mutter war: sechs Zimmer mit Blick auf den Valentino-Park und den Fluss in der Ferne.

(Der Po, der Tiber. Am Ende konnte auch ich mir einen Fluss erobern, dank des Unfalls.)

 

Ich nahm ein Hotelzimmer für die Nacht, obwohl ich arm war.

Am nächsten Morgen besichtigte ich die Wohnung zusammen mit einem Immobilienmakler und versuchte, nicht bei den Zeichen stehen zu bleiben, die die Wohnungen von plötzlich Gestorbenen schauerlich machen wie ein Museum abgebrochenen Lebens, eine Ausstellung kurzlebiger Alltäglichkeit, die vom Tod verewigt wurde.

Ein Glas auf dem Tisch, ein über den Stuhl geworfener Pullover, Plastikbeutel im Kühlschrank, um die Reste vom Vortag bis zur nächsten Mahlzeit frisch zu halten, die nie stattfinden wird.

Der Immobilienmakler war der Einzige, der mich weinen sah.

Dankbar nahm ich seine Beileidsbekundungen entgegen.

Im Übrigen war es eine rasche Transaktion, was naheliegt, wenn man eine Ware unter ihrem Wert verkauft. Ich hatte es eilig.

Ich musste die Erbschaftssteuer bezahlen.

Ich musste das Beerdigungsinstitut bezahlen, die Einäscherung, die Urnen.

Ich musste diese letzte Verbindung mit einer Familie kappen, die ich so gründlich abgelehnt hatte, dass es mir gelungen war, selbst gründlich abgelehnt zu werden.

 

Für den Kauf meiner ersten Wohnung suchte ich mir Rom aus.

Die erste Immobilie nach einem ganzen Leben als Besitzlose, Eigentümerin von nichts, hochmütig arm.

Ich suchte mir Rom aus, weil ich bei meinem jugendlichen Umherstreifen von seiner Ausdehnung und Schlaffheit, seiner städtischen Unordnung und äußersten Gleichgültigkeit gekostet hatte. In Rom hatte ich mich versteckt, wenn ich mich verstecken musste, allerdings in einem gesichtsloseren Viertel als diesem, ohne Blick auf den Fluss und andere Privilegien.

Doch vor allem erinnerte ich mich, dass ich dort diese Patina aus Staub eingeatmet hatte, die sich unterschiedslos auf Schönes und Hässliches legt.

Ich erinnere mich, dass ich die Stadt wegen ihrer Trägheit einladend fand.

Rom war eine große Stadt, monumental und ewig dahinsiechend.

Ideal, um darin zu verschwinden.

Und das Verschwinden war mein einziges Projekt, nachdem ich – wie man so sagt – meine Schuld bei Gericht bezahlt hatte.

Alles, was ich brauchte, war, nicht da zu sein, außer für mich selbst. Alles, was ich mir wünschte, war ein gutes Fenster: geschützt von den eigenen vier Wänden aus dem Fenster sehen können, einen Fluss, der fließt, Bäume, deren Blätter sich mit den Jahreszeiten verändern, die wechselnden Lichter des Tages.

Ich hatte den Artikel eines Soziologen gelesen, der den Zustand der Stadt mit diesem Satz kritisierte: «In einem römischen Viertel kann man jahrzehntelang in einem Haus leben, ohne den Namen seiner Nachbarn oder der Familie ein Stockwerk höher zu kennen.»

Ich hatte mich beglückwünscht, weil meine Entscheidung offenkundig ein Treffer gewesen war, und hatte die notarielle Urkunde unterschrieben.

Das war im Januar des Jahres zweitausend.

 

In den folgenden achtzehn Jahren erwies sich die Prophezeiung als richtig.

Sie übertraf sogar meine Erwartungen. Mit der Wohnung neben meiner bin ich nie irgendeine Beziehung eingegangen. Erst wohnte dort die alte Lehrerin mit ihrer rumänischen Pflegekraft, dann stand sie leer. Bis zur Ankunft von Michele und Maria und Malcolm und Malvina.

2.

NEID

Was ist der Unterschied zwischen Bewunderung und Neid? Wann verkehrt sich das angenehme Gefühl, das Geist, Schönheit, Talent oder die Jugend anderer Menschen auslösen, in die Armseligkeit des Vergleichens?

Vom ersten Moment an fühlte ich, wie diese Frage in mir immer drängender wurde.

Der Lärm der neuen Nachbarn dröhnte durch das Haus, das in den Ferien verstummte wie ein verlassener Bienenstock, und es war unmöglich, sich davon zurückzuziehen.

Der Aufzug fuhr auf und ab, ein ständiges Brummen, dem das Türenschlagen im dritten Stock einen besessenen Takt vorgab.

Ich hörte alles.

Ich hörte den Fahrer von Deliveroo mit Pizzen in Pappschachteln ankommen, ich hörte, wie sie die Rechnung untereinander aufteilten, ich hörte Michele lauter werden:

«Ihr habt euch den Arsch für mich aufgerissen, darum zahle ich jetzt, und ihr nervt nicht!»

Nach ein paar Stunden wurde mir klar, dass ich sie nicht hörte, ich hörte ihnen zu.

Ich suchte bei mir nach dem Ärger über dieses Eindringen in meinen fast perfekten Frieden.

Ich musste zugeben, dass die Neugier stärker war als der Ärger.

Ich überlegte, dass ich mich wehren könnte.

Ignorieren, ausschließen, ablehnen, wie ich es immer getan hatte.

Ich löste mich von der Wand, stellte das Radio an.

 

Ich lebe ein künstliches Leben, das weiß ich. Ich sehe nicht fern (allein das würde schon genügen), ich schaue mir Filme auf DVD an, ich habe eine alte, aber sehr starke Stereoanlage. Zusammen mit zwei Sesseln, einem senfgelben Sofa und fünf Kisten mit Langspielplatten (fast alles seltene Aufnahmen) ist das alles, was ich aus der Wohnung in Turin geholt habe, bevor ich sie verkaufte.

Musik höre ich zu bestimmten Stunden am Tag. Ich gönne sie mir nicht immer, sie würde ihr Pathos verlieren. Es sind meine Verabredungen mit dem Vergnügen, abends um sieben, morgens nach meinem Spaziergang.

Zum abendlichen Termin erscheine ich gewaschen und gekämmt, elegant gekleidet.

Natürlich nur, wenn es mir gut geht.

Wenn es mir nicht gut geht, rühre ich mich nicht und lasse den Tag zerbröckeln, Musik würde mir dann wehtun, denn die Musik ist ein großer Vervielfältiger von Gefühlen, und wenn es mir schlecht geht, ertrage ich Gefühle nicht.

Darum höre ich keine Musik.

Wenn es mir schlecht geht, versetze ich mich in einen Zustand der Trägheit und warte.

Es ist nicht leicht, allein zu spielen. Das gelingt nicht immer.

 

An jenem Abend überlegte ich also, dass ich mich wehren müsste, denn an den Gedanken war ich gewöhnt. Die Wahrheit ist, dass ich angefangen hatte, den Geräuschen hinter der Wand zuzuhören. Mit einer Neugier, die von Stunde zu Stunde gieriger wurde. Und darüber empfand ich eine Art verzeihlicher Scham.

Die Freunde waren gegangen, das Paar war geblieben.

Das junge Paar.

Das Paar junger Menschen.

Diese Kampfeinheit, die darauf abgerichtet ist, Alte, Einsame, Ausgestoßene und andere abweichende Wesen zu vertreiben.

Das junge Paar verstellte die wenigen, vom Pick-up geladenen Einrichtungsgegenstände und erzeugte das Geräusch von Dingen, die über den Fußboden geschoben werden. Von Zeit zu Zeit hörte ich sie lachen.

 

Ich verlegte den Konzerttermin vom Spätnachmittag vor und zog ein Hemdkleid aus heller, bestickter Baumwolle an, das nach Lavendel duftete.

Dann legte ich Orpheus und Eurydike von Gluck auf, Zweiter Akt, Ballet des ombres heureuses.

Ich drehte die Lautstärke höher.

Ich goss mir ein Glas Wein ein.

Und suchte den Trost dieser Hülle aus Klängen, die mich schon oft buchstäblich zusammengehalten hatte, in mir selbst geborgen und geschützt vor den schlimmsten Gedanken.

Gerade als ich mich entspannen konnte, klingelte es.

Es klingelt fast nie, mich besucht niemand, und mitten im August konnte ich weder mit den Zeugen Jehovas noch mit dem Ablesen des Stromzählers oder mit der Auslieferung eines Postpaketes rechnen.

Der in langen Jahren der Isolierung anerzogene Instinkt hätte mich eigentlich dazu gebracht, nicht aufzustehen, die Tür nicht zu öffnen. Aber ich stand auf und öffnete die Tür.

Es war das junge Paar.

Sie lächelten mit dem dümmlichen Ausdruck gewollter Freundlichkeit.

Sie sprach, er lächelte nicht mehr und blickte hinter mir ins Leere.

«Guten Abend, wir sind Ihre neuen Nachbarn und belästigen Sie sofort mit einer kleinen Bitte, dürfen wir?»

Ich antwortete nicht sofort, wahrscheinlich machte ich dieses abwesende und beleidigte Gesicht, das ich so schwer loswerden kann.

Sie verstanden das als Ablehnung, glaube ich, und wechselten einen Blick verschwörerischer Verlegenheit.

Ich fasste mich wieder, bedauerte und verfiel in übertriebenes Wohlwollen.

«Bitte», sagte ich, «kommen Sie doch herein.»

Wir fanden uns alle drei auf dem gelben Sofa wieder.

Sie baten nur um eine Kerze oder zwei, wenn ich welche hätte, denn sie wollten die Nacht in der neuen Wohnung verbringen und hatten noch keinen Strom.

«Um die Wahrheit zu sagen, haben wir noch gar nichts, außer neun Bücherkisten», sagte Michele und bot mir, während er mit dem Kinn auf das Regal wies, das die ganze Wand gegenüber dem gelben Sofa ausfüllte, einen verständnisinnigen Blick. Es war gefüllt mit Hunderten Büchern in alphabetischer Ordnung, manche zweireihig aufgestellt.

«Bücher. Die wiegen», zitierte ich ihn und stand auf, um aus der Schublade im Küchenschrank ein Paket schlichter weißer Kerzen zu holen.

Auf dem Rückweg betrachtete ich mein Spiegelbild in der gläsernen Balkontür. Zwei Vertreter der Kategorie «die Anderen» waren in mein Nest eingedrungen, und mein Aussehen würde beurteilt werden, zumindest schien es mir so.

Ich ertappte mich dabei, dass ich mich freute, das helle Hemdkleid angezogen zu haben und nicht in dem verschossenen Kittel überrascht worden zu sein, mit dem ich normalerweise zu Hause herumlaufe.

Ich fürchtete den Blick des jungen Paares, dabei hatte ich sie selbst hereingebeten.

Aus dem Schlafzimmer holte ich einen dreiarmigen Messingleuchter, steckte drei Kerzen hinein, nahm eine Schachtel Sturmstreichhölzer und brachte alles ins Wohnzimmer.

Michele war aufgestanden und studierte die Bibliothek, Maria tippte, auf dem Sofa sitzend, rasend schnell mit beiden Daumen auf ihrem Handy.

Der Leuchter wurde begeistert empfangen wie ein Geschenk.

Eigentlich war er eine Leihgabe, aber es schien mir nicht angebracht, das klarzustellen. Maria streckte mir die Hand entgegen, und ich schüttelte sie fest.

«Ich heiße Maria und er Michele», sagte sie, als würden Eigennamen einen Menschen auch an einem Ort, der etwas weitläufiger war als der Schulhof einer Grundschule, vollständig identifizieren.

Auch er reichte mir die Hand, ich musste sie schütteln und meinerseits meinen Namen nennen, den ich nicht mag, einfallslos zu Ehren einer Großmutter gewählt, die ich nie kennengelernt habe: Giovanna.

Es war wie Duzen, dieses Austauschen von Namen ohne Nachnamen.

Verwirrt brachte ich sie zur Tür.

«Wir werden versuchen, Sie nicht allzu sehr zu stören», sagte Maria, die Gesprächigere von beiden.

«Das kriegen wir hin, solange wir zu zweit sind, doch wenn Malvina und Malcolm kommen, garantiere ich für nichts», sagte Michele.

Zum ersten Mal hörte ich sie von den beiden sprechen.

«Malvina und Malcolm sind unsere Kinder», sagte Maria, schenkte Michele ein zufriedenes Lächeln und mir eine Erklärung, die mir an diesem ersten Abend befremdlich vorkam:

«Um genau zu sein, Malvina haben wir beide gezeugt, und Malcolm hat er mit einer anderen Frau gemacht. Eine aus Boston. Darum ist er auch halb Amerikaner, aber abgesehen davon ist er fast perfekt und fast gut erzogen, ich meine, für einen Heranwachsenden. Er wird nicht zu viel Ärger machen. Malvina dagegen ist eine professionelle Lärmproduzentin, sie hat eine silberhelle Stimme, die Trommelfelle durchdringt, und wenn sie aus irgendeinem höchstpersönlichen Grund weint …»

Michele legte ihr eine Hand auf den Mund.

Er schob sie sanft zu ihrer Wohnungstür und suchte mit einem verlogen verzweifelten Blick mein Einverständnis.

«Bitte verzeihen Sie ihr, Giovanna. Sie ist maßlos. Danke für die Kerzen.»

Ich lächelte, etwas gezwungen, aber ich glaube, ich konnte lächeln.

Er hatte seine Hand von ihrem Mund genommen und hielt sie jetzt am Ellenbogen fest.

Väterliche Gesten, denen sie sich so selbstverständlich anpasste wie eine Schauspielerin bei der x-ten Wiederholung.

Sie trug noch immer das Strandkleid, war aber nicht mehr barfuß, an den Füßen hatte sie rote Ballerinas, die der Nagel ihres großen Zehs an der Spitze durchbohrt hatte.

Sie war untergewichtig, hatte zu lange Beine für ihren Körper und stark abstehende Ohren. Doch das Ganze, die Summe der Details, die das Aussehen eines Menschen bestimmen, war ungewöhnlich harmonisch. Mir erschien sie schön, sie hatte eine noch unreife und doch schon kurzlebige Schönheit, etwas, was erst noch erblühen muss und welken wird, sobald es blüht.

Ich dachte weiter an sie, an beide, während ich eine Zucchini, eine Karotte und ein Ei kochte und mich vor mein frugales Abendessen setzte. Abends esse ich immer wenig. Vor allem, um meine Gesundheit zu schützen (wer einsam lebt, muss für sich selbst sorgen, da es kein anderer tut), außerdem, weil ich immer wenig meines wenigen Geldes in Essen investiert habe, lieber kaufe ich mir eine gute Flasche Wein.

An diesem ersten Abend trank ich viel. Eine ganze Flasche Chablis, genau richtig gekühlt.

Bevor ich schlafen gehe, lese ich meistens zusammengekauert auf dem Sessel im Wohnzimmer, und es ist, als würde ich ausgehen, ins Theater, ins Kino. Ich stelle mich darauf ein, mich selbst durch die Identifikation mit einem fiktiven menschlichen Wesen zu vergessen. Das ist eine Reise in entgegengesetzter Richtung, verglichen mit der, die ich beim Musikhören mache. Die Musik bringt mich in mein Inneres, die Literatur nach draußen.

Ich lese abends, nach dem Essen, viele Stunden lang, gehe völlig narkotisiert ins Bett.

Weit weg von jedem persönlichen Gedanken.

Nicht so an jenem Abend.

Ich konnte nicht Schritt halten mit dem unaufhörlichen Gewimmel von Menschen, deren Schicksale sich in der unbarmherzigen Hitze von Mississippi kreuzten. Ich las Absalom, Absalom!. Ich liebe Faulkner mit seinen vom Neid, vom Alkohol, von der Einsamkeit, von der Reue zerstörten Menschen. Jeder Abend ist eine Verabredung mit einem gnadenlosen Vergnügen. Doch an jenem Abend, dem Abend des 25. Augusts im vergangenen Jahr, war ich ständig abgelenkt.

Das Bild des jungen Paars, das auf meinem Wohnzimmersofa sitzt, kehrte unablässig wieder.

Ich gab das Lesen auf. Streckte mich auf dem Bett aus, löschte das Licht, schloss die Augen.

Es ging mir nicht schlecht, aber ich hatte Mühe, das Gleichgewicht wiederzufinden, das aus minutiösen Gewohnheiten, kleinen einsamen Vergnügungen und langen Unterhaltungen mit mir selbst besteht, die fast immer grausam und gerade darum tröstlich sind.

Nach ein paar Minuten merkte ich es – das Zimmer, das das junge Paar sich als Schlafzimmer ausgesucht hatte, grenzte an mein Schlafzimmer. Uns trennte nur eine Wand.

Dorthin hatten sie die Ehebettmatratze geschleift.

Ich hörte sie sprechen.

«Du hast nicht daran gedacht, auch ein paar Laken mitzunehmen.»

«Wir haben eine Decke.»

«Hier … riech mal, wie die stinkt.»

«Nein, sie stinkt nicht, sie riecht bloß ein bisschen muffig.»

«Das Schlimmste ist, dass wir nichts unter der Matratze haben, so was wie ein Bettgestell.»

«Wir tun so, als wäre das ein Futon und wir beide Japaner.»

«Und was tun diese ekligen, unbehaarten japanischen Ehemänner mit ihren langen gelben Fingern in der Hochzeitsnacht?»

Ich hörte Maria lachen, als müsste sie eine Kitzelattacke abwehren.

Sie würden miteinander schlafen, dachte ich, ich würde hören, wie sie stöhnten und keuchten und dann schrien und sich dann diese intimen Dinge sagten, die alle ausschließen und das winzige Wir des Paares bekräftigen. Sie würden sich küssen, dachte ich, und Küsse machen keinen Lärm.

Ich sprang auf, um das Radio aus dem Badezimmer zu holen, riss aufgeregt den Stecker aus der Dose und lief zurück ins Schlafzimmer. Nachdem ich mit einer Hektik, die nicht zu mir passte, vier Bücher auf den Boden geworfen hatte, platzierte ich das Radio auf dem Nachttisch, stellte es wahllos auf irgendeinen Musiksender ein und drehte die Lautstärke ganz auf.

Eine Rockgruppe, die ich nicht kannte, explodierte im Schlafzimmer und warf elektrische Blitze. Ich ertrug diesen rhythmischen Lärm bis zum Schluss. Heroisch. Als das Stück endete, begann ein reger Austausch Blödeleien zwischen einer Mädchenstimme mit weichem R und einem Jungen mit starkem römischem Akzent. Sie lachten zusammen und schienen einer mit dem anderen völlig zufrieden.

Ich machte das Radio aus.

Spitzte die Ohren und dachte, dass man sich dem stellen muss, wovor man Angst hat.

Sollten sie doch keuchen, sollten sie doch ficken, das billige Halleluja der befriedigten Sinneslust schreien, ich würde nichts tun, um den Vergleich mit meinem einsamen Leben zu vermeiden.

Mit der Trägheit meines Körpers, den seit zu langer Zeit niemand berührt.

Ich dachte an das letzte Mal, als ich mit Furio geschlafen hatte, bevor er mich wegen einer leichtsinnigeren Frau verließ und nachdem er mir gestanden hatte, dass eine leichtsinnigere Frau das Objekt seiner Bedürfnisse war.

Weniger seines Begehrens.

 

Es war eine wütende und langweilige Liebe. Matt wie eine Gewohnheit und erschütternd wie ein Abschied.

Wir hatten fast sofort geheiratet, kaum waren wir wieder in Freiheit, wenn man von Freiheit sprechen kann, aber er hatte sich in eine Richtung verändert, ich in eine andere, und alles, was wir zusammen erlebt hatten, machte uns ebenso zu Verschworenen wie zu Feinden.

Ich war für ihn nicht leichtsinnig und er nicht für mich.

Aber ich war immer ohne Leichtsinn ausgekommen.

Mir wurde bewusst, dass ich mich weder an den Geruch noch an die Beschaffenheit seiner Haut erinnerte. An die Hände erinnerte ich mich, die Arbeiterhände, auf die er stolz war, an die ja, die kleinen Schwielen, die seine Zärtlichkeiten grob machten wie Kratzer, und an die Kraft, mit der er meine Brüste drückte. Vor allem erinnere ich mich an den leidenden Ausdruck in seinen Augen vor dem Orgasmus, an die brachiale Intensität, mit der er mich anstarrte, als verübelte er mir die plötzliche, leichte und nicht wiedergutzumachende Lust, die ich ihm bereitete.

Nach Furio gab es keinen mehr.

Denn das wollte ich so.

Wir haben uns nur ein einziges Mal wiedergesehen, nach meiner Flucht aus den achtunddreißig Quadratmetern von Cinisello Balsamo. Seit wenigen Monaten lebte ich in Rom. Ich erinnere mich, dass Furio, während er durch die Wohnung ging, die Größe der Zimmer abschätzte und kommentierte, die Helligkeit, die Aussicht, den Boden aus dunklem Holz, den Marmor im herrschaftlichen Bad und die Existenz eines winzigen zusätzlichen Bades, wo eine Waschmaschine brummte.

Finster, sarkastisch, offenbar beleidigt von meinem glücklichen Schicksal.

Zuletzt bat er mich, ihm Geld zu leihen.

«Wo du doch jetzt zum wohlhabenden Bürgertum gehörst.»

(Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich den Seufzer der Erleichterung gespürt, wie wenn man sich von einem Übermaß an Essen oder Alkohol befreit und sich einen Augenblick lang vor der Übelkeit geschützt fühlt. Sie noch einmal zu lesen, hat mir wehgetan. Warum habe ich ihn geliebt, oder warum ist die Liebe mit ihm für immer aus meinen Hoffnungen verschwunden? Ich weiß es nicht, und es ist egal. Ich bin alt genug, die Einsamkeit gehört zum gemeinsamen Schicksal eines großen Teils meiner Generation, sie ist keine unaussprechliche Krankheit, mit der ich andere anstecken könnte, die mich deswegen fürchten und meiden.)

 

Ich kehre zu jener ersten Nacht zurück.

Maria und Michele hatten keinen Sex, wie ich erwartet hatte.

Ich hörte sie bis spät in die Nacht sprechen. Es war ein unverständliches Murmeln, aus dem sich von Zeit zu Zeit ein Lachen, ein Ausruf abhoben wie ein Solo.

«Sag bloß!» «Wirklich?» «Ich glaub dir nicht, altes Schandmaul.»

«Aber ich weiß, dass er es gesagt hat.»

Ich hatte mich darauf eingestellt, die Tonspur der Liebe zu ertragen, indem ich meiner Verlegenheit die Kälte einer Insektenforscherin entgegensetzte: Wie vögelt man heute, wo Sex eine Tätigkeit neben vielen anderen geworden ist? Ich war nicht darauf vorbereitet, ein bitteres Gefühl eindämmen zu müssen, Neid auf diese geflüsterte Konversation von einer so intimen Fröhlichkeit, dass sie auf eine der exklusivsten Formen des Glücks verwies: sich gegenseitig völlige Befriedigung zu verschaffen, kein Publikum zu brauchen. Nichts anderes zu wünschen, als den geliebten Menschen zu umarmen.

Ich stand aus dem Bett auf und legte mich auf das Sofa.

Gleich darauf kehrte ich in mein Schlafzimmer zurück.

Ein Murmeln hinter der Wand durfte mein Leben nicht verändern.

Ich zwang mich, an etwas anderes zu denken.

Durch das angestrengte Bemühen, mir die beiden nicht vorzustellen, sah ich sie schließlich klar und deutlich, als wären sie ein Film, den jemand auf die Wand vor meinem Bett projizierte.

Sie umarmten sich.

Ihr Kopf lag auf seiner Schulter, er streichelte sie hastig, als müsste er einen Tintenfleck auf ihrer Haut entfernen.

Ich versuchte, diese Streichelbewegungen zu zählen und dann zu verlangsamen.

Ich versuchte, sie vom Bereich der Zärtlichkeit, von der Stirn, den Armen weg und hin zu den Leisten, zum Geschlecht zu bringen. Ich versuchte, einen stillen Geschlechtsakt entstehen zu lassen (sie keuchten nicht, sie stöhnten nicht, aber sie hatten aufgehört zu sprechen), das tue ich manchmal, dabei denke ich an eine Romanfigur, die ich geliebt habe, und erlaube meiner Hand, mir die einzige Lust zu verschaffen, die mir möglich ist, seit Jahrzehnten.

Meistens gewähren diese intensiven, einsamen Orgasmen mir den Schlaf. Die Beine spannen sich an, entspannen sich, die Muskeln werden träge, und ich spüre meine Lider schwer werden.

An diesem Abend lief es nicht so.

Je mehr ich die Ohren zur Wand hin spitzte, desto weiter entfernte sich der Schlaf, boshaft.

Bis die Stille jäh durch das Klingeln eines Telefons durchbohrt wurde, auf das erregte Fragen folgten.

Wo ist mein Telefon, es klingelt, aber ich sehe es nicht, jemand nimmt das iPad, das ist Malcolm, bestimmt, um diese Zeit kann es nur Malcolm sein.

Endlich war die Verbindung hergestellt.

Und sie begannen, laut zu sprechen, als müssten sie eine große Entfernung durch Lautstärke überbrücken.

«Du weißt, wie viel Uhr es in Italien ist, Kleiner?»

«Ja, wir sind schon in der neuen Wohnung.»

«Wann kommst du denn?»

«Waaas? Du bist verrückt …»

 

Das Gespräch über Skype dauerte lange, ich hörte, wie Micheles Stimme laut wurde, dachte, er könnte sogar wütend sein, obwohl kurze Anfälle von Heiterkeit nicht fehlten.

(Später werde ich herausfinden, dass es sich um ein versöhnendes Ritual handelt, das die um sich greifende Happykratie erzwingt: Was auch immer passiert, tu so, als wärst du glücklich, der Feind beobachtet dich.)