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Louis, ein Grafiker, der diese Arbeit nur zum Gelderwerb ausübt, denn eigentlich empfindet er sich als Schriftsteller, hat sich in einem ehemaligen Metzgerladen ein Atelier eingerichtet, das die lispelnde Vegetarierin Julia als Mörderbude bezeichnet. Julia, eine Schülerin, begegnet ihm an ihrem achtzehnten Geburtstag im Schwimmbad und beschließt spontan ihn zu "belieben", zieht am gleichen Tag bei ihm ein. "s,Seit dem Tag, als ich Louis kennen lernte, wohnte ich bei ihm, obwohl er mir s,stundenlang erklärte, dass er s,seit der Trennung von s,seiner Frau, nicht länger als zwei Tage mit einer Frau in einer Wohnung s,sein könne." Julia ist sich des Altersunterschieds nicht bewusst. "Gut, er ist zweiundfünfzig, dafür mess' ich einsneunzig, s,schlage Louis gemütlich um zwanzig Zentimeter." Der Zweiundfünfzig-Jährige dokumentiert sein Leben in einer Art Tagebuch, das Julia alsbald liest, um dann auch darin zu schreiben. Sie beobachten sich analysierend. Die beiden leben eine aufopfernde Liebe. Louis geht seinem Job nach, Julia ihrer Selbstfindung. Louis motiviert sie, ihr Abitur zu machen, sie unterstützt ihn in seiner Arbeit mit ihren Computerkenntnissen. Sie werden ein eingespieltes Team, im Leben wie in der Liebe. Julia ist begeistert von der erstmal erlebten Sexualität, er von ihrer gerissenen Naivität. Julia umwirbt ihn mit Gedichten. "Kleine Jahre – von mir gelebt – nicht gezählt – ausgewählt – von mir entschieden... " Mit Songs, die sie von Baugerüsten schmettert, als Louis als Farbberater arbeitet, die sie ihm bei der kürzesten Trennung ins Handy schluchzt. Die beiden erleben emotionale Höhen und Tiefen, aber es gibt ein Happy End, "das sich gewaschen hat" - wie Louis es formulieren würde. Der gesamte Text besteht aus unzähligen "Liebeswürdigkeiten", wie nur Menschen sich geben und annehmen können, wenn sie sich von Herzen zugetan sind.
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Seitenzahl: 389
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Hans Landthaler
Der Laden
Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Impressum neobooks
Bestimmte Töne von Musik hält Julia auf keinen Fall aus. Zum Beispiel wenn James Carter auf dem Tenorsaxes in einer bestimmten Höhenlage spielt. Sie zuckt zusammen, flüchtet auf meinen Schoß, damit ich ihr die Ohren zu halte; dabei bekommt das Mädchen einen Schmetterlingskuss in den Nacken. Wird die Musik wieder erträglich für sie, drückt sie ihren Hintern in langsamen, kreisenden Bewegungen gegen mich, presst ihren Rücken an meine Brust und lispelt: „S,s,Smusezeit“.
Es ist gut kühl in meinem Laden, öfter verbringe ich die Sommernächte hier, wenn in meiner Stadtwohnung die Hitze eingezogen ist. Außerdem ist es nicht so laut in der Vorstadt und ich kann gut arbeiten in dem ehemaligen Metzgerladen.
Der frühere Kundenraum ist meine Arbeitsfläche, fast ausgefüllt von dem großen, schweren Bauerntisch, den ich zum Zeichnen benutze, eine Hälfte davon, die andere ist besetzt von Farben, Stiften, Linealen, Tuschen und Tinten. Und inmitten dem Gewirre, im schwarzen Lackrahmen, eine Zeichnung im japanischen Stil – Julia, die ein säuselndes Lächeln darbietet.
Die original Fleisch- und Wursttheke steht noch vor dem Hackstock, die Waage so wie der große elektrische Fleischwolf, durch den ich alles drehe, was ich klein haben will. Dieser längliche Raum hinter der Theke ist die Küche, mit der imposanten Nirostaspüle, dem Gasherd und der Thekenplatte, eine riesige Arbeitsfläche. In der gekühlten Glasvitrine – vor der die Kunden standen – liegen meine Weißweine und alles, was sonst noch kalt bleiben soll.
Mit allem Inventar habe ich diese drei Räume erstanden, zählt man den Kühlraum dazu. Das ehemalige Büro, der einzige Raum, der nicht gefliest ist, wurde mein Schlafzimmer, in dem das aus- und einladende Ehebett steht. Das Einzige, was mir aus meiner geschiedenen Ehe blieb. Von dort aus führt eine Türe hinaus ins Freie, auf einen Grünstreifen zwischen den Häusern – mein Garten mit Sonnenschirm, Bistrotisch und Stühlchen, Liegen. Natürlich habe ich hier und dort etwas angepflanzt. Julia Rosen, die für mich unverständlich prächtigen, obwohl sie nichts für sie tut. Sie beschneidet sie nicht einmal. Sie sagt in blümeranter Naivität: „In der Natur wird auch nichts beschnitten!“.
Der von oben bis unten geflieste Verkaufsraum – mein Studio – hat eine knallharte Akustik, somit geradezu geeignet für Sax’musik. Dazu passt ausgezeichnet dieser trockene Riesling Stich den Buben aus Umweg in Baden, der Dauergast in meiner Kühltheke.
Mir macht es so einen Spaß, wenn Julia Metzgereifachverkäuferin spielt.
Das zu sehen, ist wahrlich köstlich: Wie sie die Hände reibt vor scheinbarer Kälte, gelangweilten Blickes mich ignorierend stehen lässt, bevor sie herablassend nach meinen Wünschen fragt. „Was darf es s,sein der Herr, s,schöne Brüstchen hätten wir heute“ – lüpft ihre Bluse und zwei rosa Äuglein blicken treuherzig hervor. „Oder wie wär’s mit einem s,Schinken, s,saftig, frisch?“ und lässt mich ihr Popöchen sehen. Und diese Szene ist so absurd, denn Julia ist mager wie Karl Valentin es war. Doch dann wird es ernst und sie muss fragen: „Oder soll es gar von dem großen Presssack s,sein?“ und zwitschert die S in den Presssack und ich kann lachen, weil es so lieb klingt und Julia ist dann spielbeleidigt, muss sie in den Arm nehmen, damit sie mir nun ihre eiskalten Hände unters Hemd schieben kann, jubelt, wenn ich erschreckend tue. „Mein Baby!“
***
Zu s,seinen s,Studios s,sagt er „Laden“. Er geht in den „Laden“. „Ich bin im Laden, wenn jemand fragt, komm in den Laden“! Ich bin aber lieber in s,seiner Wohnung, gerne auch alleine und höre mir Saxes an oder Trompet von Jet Baker, der singt auch so sanft. „The Touch of your lips“. „Baby Musik“ s,sagt Louis dann, „Baby Musik“, obwohl er es s,so mag, tanzt er doch danach. In Louis Wohnung tue ich, was ich will und wenn er nicht da ist, s,sowieso und Louis würde mir nie etwas untersagen, s,selbst wenn ich in den Flur kack…. Hey, diese CD von Baker heißt „Baby Breeze“. Louis s,sagt auch manchmal „Baby“ zu mir. Zu allem s,sagt er „Baby“, was klein ist. Allerdings mess' ich einen Meter neunzig, s,schlage Louis gemütlich um zwanzig Zentimeter. Er ziert s,sich, wenn ich neben ihm auf der s,Straße gehe und ist original beleidigt, lege ich ihm die Hand auf s,seinen Kopf. Ich tue es aus diesem Grund, um die feinen kleinen Haare zu s,spüren, die er noch auf dem Kopf hat, und es fliest was aus s,seinem Kopf in mich über.
Er zwingt mich nicht, keine hohen s,Schuhe zu tragen, aber er s,sagt, ein Paar müsse auch äußerlich zusammenpassen!
Louis ist gut und liebenswürdig, und wenn es das Wort menschlich nicht gäbe, würde es louisig heißen… Ah, das würde ihm gefallen und er würde s,sagen: „Das hast du s,sehr s,schön gesagt, Baby.“
Gerade, weil Louis nicht aussieht wie jeder Mann, habe ich ihn für mich gesehen. Er aber s,scheint damit unzufrieden. Er ist eitel wie ein Ziegenbock. Er s,sagt, er macht s,sich nichts aus Äußerlichkeiten, versteckt aber s,sein Bierbäuchlein, wo es nur geht, trinkt aber kein Tröpfchen weniger.
Louis mag meine Hand auf s,seinem Kopf, wenn wir im Bett liegen. Er träumt dann nix.
s,Seit dem Tag, als ich Louis kennen lernte, wohne ich bei ihm in s,seiner Wohnung, obwohl er mir an diesem Tag s,stundenlang erzählt hat, dass er s,seit s,seiner Trennung von s,seiner Frau mit niemand mehr länger als zwei Tage in der Wohnung s,sein kann. Ich weiß aber, dass er es liebend gerne hat, dass ich bei ihm bin.
Einmal habe ich mich in den Wandschrank gesetzt und war s,so für ihn nicht da. Als er nach Hause kam, lief er die Räume ab, dann rief er nach mir, dann fluchte er, wo das Luder bloß s,steckt, und s,solche s,Sachen, und endlich s,stand er vor der Flurgarderobe, vor dem s,Schrank – mir blieb das Herz s,stehen, als er s,seine Jacke hinein hing – und s,sagte laut und deutlich: „Glaube kaum, dass ich noch allein sein könnte“.
Lange habe ich mich nicht aus dem s,Schrank getraut, musste dann doch und dabei erwischt werden und Louis war s,sauer, aber nur ganz kurz… Und s,seitdem s,schimpft er, dass ich ihm diese Marotte angezüchtet habe, dass er jedes Mal in den s,Schrank s,sehen muss, wenn er glaubt, dass ich nicht da bin.
Gleich wusste ich, dass ich bei ihm bleiben werde, bei ihm und s,seiner Fertigkeit. Die Wohnung, der Laden, das Auto, seine äußere Erwachsenheit. Nicht das gemachte Nest s,suchte ich, ich s,suchte jemand, wo das Elementare vorhanden ist. Das weiß ich jetzt. Damals fühlte ich mich nur s,sofort bei ihm aufgehoben, s,sicher wie noch bei keinem anderen Menschen zuvor. Louis hat mich vom ersten Augenblick s,so s,selbstverständlich ernst genommen und gesagt: „Mach, was du willst, aber dann sei bloß zufrieden.“
Meine Eltern waren außer Rand und Band. Meine Mutter verfiel in hysterische Krämpfe, erzählte mir mein Vater, als ich an diesem Tag abends anrief um mitzuteilen, dass ich ab heute bei und mit Louis leben werde. Louis lachte, als er meinen Entschluss hörte, s,sagte dann sehr bestimmt: „Du nimmst das ernst, oder?“ s,Seitdem war dies kein Thema mehr bei uns zwei.
Am nächsten Tag holte ich meine s,Sachen von meinen Eltern. Louis traute s,sich nicht mit, gab mir aber sein Auto.
Oh Gott, ich habe ihm immer noch nicht gebeichtet, dass ich keinen Führerschein habe.
Mit Gewalt musste ich meine s,Sachen packen – Mutter hing s,sich an jedes s,Stück, s,schrie und weinte.
Ich war danach s,sowas von fertig, kaputt, musste mehrere s,Stunden im Auto s,sitzen bleiben, vor Louis’ Haus, bis er mich s,sah, s,sein ewiges „Mein Gott“ murmelte, mich küsste – das erste Mal – mir meine s,Sachen nachtrug, während ich mich heulend nach oben in die Wohnung s,schleppte. Das war genau an meinem achtzehnten Geburtstag, vor über einem Jahr. Das habe ich Louis aber nicht gesagt, nicht an diesem Tag.
So einen August habe ich noch nicht erlebt, dass ich den Laden einheizen muss, damit wir nachher hier essen können. Hühnerflügel habe ich in der Pfanne, scharfe Tomatensoße zum dippen, Rose’ Baguette. Julia liebt das Abnagen der kleinen Knusprigkeiten, und wenn es nur nach ihr ginge, gäbe es dies jeden Tag. s’Baby.
So gern kommt sie nicht in den „Metzger-Laden", ist sie doch Fast-Vegetarierin. Fisch und Huhn, kein Fleisch. Mir macht das nichts, ich koche danach, und wenn ich meinen Schweine- oder Sauerbraten brauche, bekommt s Kind etwas extra.
Julia kocht nicht. Nie! Sie weigert sich zu kochen, wie sie sich überhaupt weigert, im Haushalt zu helfen. Und sie will nicht mit jemand darüber reden, der das gerne tut. Aus!
Nur für das Schlafzimmer fühlt sie sich verantwortlich und das von Anfang an. Vielleicht, weil sie die meiste Zeit darin verbringt. Vielleicht, weil sie sich nicht ganz ausschließen will von der Hausarbeit. Vielleicht mir zu liebe. Es stellt für mich kein Problem dar, es ist mir sogar recht. Ich bin so eingespielt in meine Hausarbeit, dass ich froh bin, wenn alles so läuft, wie ich es gerne habe. Das Auto putzt Julia leidenschaftlich gerne, das ist wahr. Sie fährt ausgezeichnet Auto. Ich bin keinen Meter mehr gefahren, seit sie bei mir ist. Seit sie bei mir ist!?
Sie denkt tatsächlich, ich wüsste nicht, dass sie keinen Führerschein besitzt. Ihr Vater hat mir das gesteckt, aber ich sagte ihm, das müsse sie selbst wissen in ihrer Volljährigkeit. Er sagte: „Ja, neunzehn!“ „Sollte ich ihr erst mit dreißig erlauben, ohne Führerschein zu fahren?“ Er winkte ab, ließ mich stehen.
Natürlich ist es für ihn unbegreiflich, Julia mit einem Mann zu wissen, der elf Jahre älter ist als er selbst. Für mich ist es doch auch nicht zu verstehen. Von einer Sekunde auf die andere hatte ich ein Kind, eine Geliebte und Frau. Ein Mädchen, das mich um zwei Köpfe überragt und diese blödsinnige Angewohnheit hat, mir in der Öffentlichkeit die Hand auf den Kopf zu legen, da könnte ich…
Dafür hasst sie es leidenschaftlich, wenn ich „Kind“ zu ihr sage.
Normalerweise koche ich nicht im Laden, außer bei größeren Gerichten (weil der große Gasgrill vorhanden ist) und bei mehreren Gästen. Im Sommer koche ich meist am frühen Vormittag ein kleines Gericht vor, das sich Julia wärmen kann, wenn sie Appetit hat. Sie isst es aber meist kalt oder sie gibt es in die Mikrowelle, die ich ins Schlafzimmer gestellt habe. Und den Rest – es bleibt immer eine gute Portion über – bereite ich mir zu nach Belieben.
Im Herbst und Winter und je nachdem bereite ich unser Mahl am Abend. Das Kochen ist für mich nicht nur die Fertigung von Speisen, es ist Kreativität, Liebe zu den Materialien und Erholung in der besinnlichen Art. Aber seit einer Woche koche ich im Laden, denn ich muss früh aus dem Hause und komme sehr spät zurück, habe ich doch einen Auftrag, der termingerecht fertig werden muss. Muss! Ich habe nicht gerne diesen Druck, aber ich brauche dieses Honorar sehr, habe ich doch noch eine weitere Person zu versorgen: Julia!
Sie ziert sich, ja, aber letztendlich kauft sie sich doch gerne ein Irgendwas, das um ihren hageren Körper weht. So wie die Dicken sich, so versteckt sie ihre Magerkeit unter diesen weiten Sachen. Natürlich denken die Verkäuferinnen des Übergrößengeschäfts „Für kurze und für lange“, dass Julia meine Tochter ist und Julia spielt dies auch perfekt. Und ich denke, dass ich diese Geduld mit meiner realen Tochter nicht hätte.
Für die Stadtverwaltung illustriere ich eine Umweltbroschüre, die den Schrebergärtnern die natürliche Gartenhaltung beibringen soll. Den Großteil meiner Aufträge beziehe ich von der Stadt und das ist gut so, zahlen sie doch gut und pünktlich und ist man erst einmal bei ihnen bekannt, dann bekommt man auch hie und da einen Auftrag.
Julia nimmt so ziemlich alles bedenkenlos und selbstverständlich an, aber dafür gibt sie mir auch bedingungslos alles, was sie zu geben hat: Ihre aufrichtige, ach so liebe Person. Mir kommen manchmal die Tränen der Rührung, wenn sie kommt und sie trägt dieses Schürzenkleid, ärmellos, bei dem kalten Wetter. Habe ich da nicht noch einen Pullover gehabt?
Ich stelle das Geschirr in den Spüler, sperre den Laden zu und gehe zu Fuß nach Hause. Julia ist mit dem Auto vorausgefahren und ich werde bei „Juan Carlos“ noch einen Espresso mit einem Grappa trinken, ja!
Wenn ich nach Hause komme, wird Julia irgendwo herumliegen, auf zehntausend Kissen, um ihre Knöcherigkeit zu betten. Dies Auf-dem-Boden-liegen begreife ich nicht so gut. Entweder hört sie Musik und liest dabei, oder sie liest und hört Musik dazu. Sie liest viel, aber am liebsten meine Sachen. Sie liest mein Tagebuch und meinen neuen Roman, den es gilt zu beenden, aber ich kann mich noch nicht dazu entschließen.
Die Grafikerei ist nur mein Gelderwerb. Mein Beruf ist Schriftsteller. Ich schreibe seit ich schreiben kann und es sind genügend Gedichte entstanden, Kurzgeschichten und auch vier Romane.
Nein, nicht veröffentlicht, die Romane, aber alle Bekannte und Verwandte und deren Verwandte und Bekannte lesen meine Bücher, die getippt, kopiert und gebunden begehrt sind. Denn ein jeder hofft, dass er darin vorkommt oder dass er jemanden kennt, der beschrieben wird.
Diesen Gefallen tue ich ihnen mit meinem letzten, noch nicht beendeten Buch mit dem Titel „Fliegen haben keine Mimik“ oder „Das Wahrheitsbuch“. Es ist im Stil eines Tagebuches geschrieben und enthält ehrlich keine einzige Lüge. Viele haben schon Auszüge davon gelesen, oder ich las vor, und warten somit auf die Beendigung.
Julia reißt mir mein Schreibbuch aus der Hand, wenn sie bemerkt, dass meine Konzentration nachlässt, flieht in eine Ecke, kichert, zieht die Augenbrauen hoch, grimassiert und macht so lange herum, bis ich nicht umhin kann zu fragen: „Was ist, gefällt es dir?“ Natürlich weiß ich, dass es ihr gefällt. Julia ist begeistert von dem, was ich schreibe. Julia gefällt ohnehin alles, was ich tue und, ohne hochzustapeln, ich gefalle ihr auch.
Julia gefällt mir auch ausnehmend gut, obwohl ich erschrak, als ich sie das erste Mal nackt sah. Ihre Größe trägt natürlich dazu bei, die Magerkeit zu unterstreichen, s Baby.
Sie trägt zwei Himbeeren als Brüste, ihre Taille kann ich mit den Händen leicht umspannen, ihre Schulterblätter gleichen kleinen Flügelchen. Natürlich kann ich die Wirbel ihres Rückgrates zählen. Ihr winziger schrumpeliger Nabel sitzt auf ihrem harten, flachen Bauch, der sich ganz leicht unter ihren Rippenbögen abzeichnet. Die hervortretenden Beckenknochen halten ihre Hosen wie Bügel, wenn sie welche trägt. Ihre langen harten Schenkel, die zu großen eckigen Kniegelenke, die so sanften Waden, die kaum-zu-glauben-schmalen Fesseln ergeben die langen Beine eines Tieres. Vielleicht eine Gazelle oder so was! Julia steht auf großen, aber schmalen Füßen, mit fingerhaften Zehen.
Ganz oben in ihrer Länge, auf dem beeindruckend sensiblen Hälschen, sitzt ein wohlgeformter runder Kopf mit Schneckenöhrchen, Kinderhundeaugen, einer gut geschwungenen schmalen Nase mit geschlitzten Nasenlöchern, deren Flügel durchsichtig scheinen. Ein spöttischer, lustiger Mund, mit aufgeworfenen Lippen, lenkt ab von dem zu spitz geratenen Kinn, das bekanntermaßen am Ende ihres ovalen Gesichtes sitzt.
Ach ja, Julia trägt eine Pagenfrisur a la Jungfrau von Orleans, mit feinem Seidenhaar, das beim leisesten Luftzug in Panik gerät.
Ihre Haut ist elfenbeinweiß und am gesamten Körper von Flaumhärchen bedeckt, s Baby. Ihre Scham nicht wahrnehmbar, bedeckte sie doch ein dunkles Mäusepelzchen.
Das ist Julia. Manchmal nachts, wenn wir im Bett liegen, sie ihre kalten Zehen unter meine Waden steckt, muss ich ihr das eben Beschriebene immer mal wieder vorsagen: Zwei Himbeeren als Brüste… und sie schmunzelt und knufft mich mit ihren Ellenbogen in die Seite, küsst mich fest und hart auf den Mund, bis es mir weh tut und ich mich ihr entwinde.
„Warum magst du s,so meinen dünnen Körper?“, die Nase an meine Wange gedrückt. Und ich antworte stets: „Weil der meine dick ist!“
Und nun zählt sie die Sehenswürdigkeiten meines vom Trinken aufgeschwollenen Körpers auf und ich schlafe spätestens dann ein, wenn sie anfängt, um meinen Bauch herum zu reden.
***
Louis hat mir Reissalat vorbereitet für den Tag, das heißt, er kommt erst in der Nacht nach Hause. Das zweite Wochenende, an dem er arbeitet. Einerseits s,schimpft er darüber, andererseits weiß ich ihn froh wegen dem Geld.
Louis kann immer genau beschreiben, wie es ihm geht. Verschieden. Aber bei mir s,selbst kann ich das nicht s,sagen. Ich empfinde es nicht, ich fühle mich nicht. Nicht wohl oder unwohl. Ich lebe vor mich hin, kann mich aber dabei nicht s,sehen. (Das ist gut! Ich s,schreib's für Louis auf, er verwendet s,solche s,Sachen in s,seinem Buch).
Louis hat s,sich zum Kochen Don Braden – Tenorsaxes – aufgelegt und zwar das s,Stück „Moonglow“ - „Mondglut“, die Wiederholungstaste gedrückt, s,so dass es nun vielleicht zum fünfzigsten Mal läuft. Es ist halb zwölf. Ich habe mir meine s,Schüssel Reissalat in der Mikrowelle warm gemacht. Wenn Louis heimkommt, lässt er die übliche Floskel los: „Und, was hast du getan?“ Ich kann ihm darauf nichts antworten, und dass ich mir den Reissalat warm gemacht habe s,sowieso nicht.
Ich s,säe nicht und ernte nicht, aber ich lebe dennoch (s,schreibe ich auch für Louis auf). Am liebsten trage ich etwas von Louis, ein Hemd oder T-Shirt oder heute s,seinen Hausanzug. s,Schwarz, aus irgendetwas Leichtem und natürlich viel zu kurz….. Oh, jetzt kann ich das s,Stück nicht mehr hören. Ich werde Louis im Laden anrufen…. Louis s,sagt immer, dass es ein dimensionaler Zufall war, dass der Laden früher eine Metzgerei war. Aber ich glaube, er hat ganz bewusst danach gesucht, war doch s,sein verstorbener Vater Metzger.
Er nimmt nicht ab. Entweder er trinkt was bei „Juan Carlos“ oder er s,sitzt im Kühlraum. Wenn ihm nichts einfällt, s,setzt Louis s,sich in den Kühlraum. s,Schließt man die dicke Türe, s,so s,sitzt man s,schalldicht in dem Raum und kann s,sein eigenes Herz klopfen hören.
Oh, ich koche mir einen Tee, oder hat Louis schon einen gekocht für mich? Tatsächlich, in der Thermoskanne ist grüner Tee, ich mag ihn unglaublich – den Louis meine ich. Und lese noch ein bisschen in seinem Tagebuch – neunzehnhundertfünfundachtzig - nein, ich nehme es mit hinunter ins Auto, s,samt Tee.
Louis hatte fünfundachtzig s,sechs Frauen…. mit dreien hat er geschlafen. Also, vorstellen kann ich mir das nicht, Louis mit einer anderen Frau im Bett.
Louis war mein erster Mann, wie man s,so s,sagt. 's war echt komisch. Ich musste ihn fasst zwingen, in mich zu kommen. Er s,sagte andauernd, dass wir wirklich warten könnten. Es war ihm peinlich, aber es klappte gut und er fragte nicht: Wie war’s! Wir s,schliefen diese Nacht überhaupt keine s,Sekunde. Am nächsten Tag holte ich ja meine s,Sachen von den Eltern.
Louis ist s,sexuell s,sehr zurückhaltend. Er tut nicht den ersten s,Schritt. Außerdem meint er, s,seine große Zeit s,sei vorbei. Mit vierzig ließ s,seine Kraft nach, behauptet er. Ich kann dass nicht beurteilen – Louis’s s,Schnuffi war das erste Glied, das ich je s,sah. Ich meine, wenn es groß ist…. Louis hat des Nachts und am Morgen eine Erektion und er wird mit zweiundfünfzig noch verlegen, wenn ich ihn da anfasse. Es ist ein Wunder, wie aus dieser s,schrumpeligen s,Schnecke ein…. ein… Liebesphallus….. Es wird mir aufgeregt, wenn ich s,sowas denke.
Es ist s,sehr s,schön, auf der Rückbank des Autos zu s,sitzen, mit Tee, Louis Tagebüchern, Radiomusik, zugedeckt mit der Tigerfelldecke!
Louis s,sagt, er hat noch keinen August erlebt, der s,so kalt war.
Es ist ein guter Beobachtungsplatz, s,so ein Auto. Rundumsicht.
Wenn ich an die s,Schule denke, wird mir s,schlecht. Louis ist mit meinen Eltern der gleichen Meinung. „Das Abitur machst du auf alle Fälle“. Bloß: Ich habe nicht den Wunsch, einen Beruf zu arbeiten.
Louis s,sagt, wegen ihm brauche ich nicht zu arbeiten, s,solange er lebt ist für mich genug da. Louis s,sagt immer, alles gut für mich, auch wenn er vieles nicht versteht. Er s,sagt, „Wer versteht schon die Menschen?“
Ich empfinde es nicht als merkwürdig, dass ich mit und durch Louis Tagebücher lebe, mehr oder weniger.
„Jeden Tag eine Wichtigkeit, und s,sei es nur der Himmel, der s,seit Millionen Jahren in keiner s,Sekunde das gleiche Bild bot“. Auf s,so was muss man kommen, auf s,sowas kommt Louis und: „Nur, wenn man das Leben ernst nimmt wie s,sich s,selbst, wird es ein s,Spaß“. Wenn er wüsste, wie wichtig er für mich ist. Natürlich auch, dass ich s,so leben kann, wie ich es s,seit über einem Jahr liebe.
Da kommt Louis, bepackt mit tausend Tüten für das Wochenende. Ob er mich bemerkt?
Oh ja, er hat mich gesehen, s,schüttelt den Kopf, tut überrascht und gleich wird er in das Auto einsteigen und s,sagen: „Ja sag’ einmal, was machst du denn da? Ist die Wohnung ausgebrannt?“
Ob er mir frische Feigen mitgebracht hat?
Der Lorenz vom Gartenbauamt kann nicht so raus aus sich, wie er will, aber das Lob war unmissverständlich. Die Illustrationen haben ihm gut gefallen. Mir das Geld! Die Leute heute beziehen sich wieder auf unkonventionelle Sachen. Hand made. Ich habe alle Bilder mit einem sehr weichen Bleistift gezeichnet, mit dem Finger die Schatten gewischt, alles sehr weich. Selbst nachher im Druck. Viele, viele Details, die man nur mit großer Aufmerksamkeit sehen kann. Wenn aber erst mal entdeckt, beginnt die Suche danach. Eine Hummel mit Mieder, eine Schnecke mit Balkon am Haus, eine Hecke in Gestalt „liegender Akt“ geschnitten, ein Vogel mit Handy und vieles mehr. Ich sage ja, der Lorenz war begeistert, und sie wollen ein Preisrätsel veranstalten. Wer diese kleinen Unmöglichkeiten allesamt entdeckt, kann einen Rundflug gewinnen. Die Blödheit ist nur: Ich weiß nicht, wie viele ich hineingezeichnet habe! Wird ein Spaß sein für Julia und mich das herauszufinden, und diese Wettbewerbsidee bekomme ich zusätzlich bezahlt. Und das wird das Abiturgeschenk für Julia.
Lauter Sündhaftigkeiten habe ich für dieses freie Wochenende eingekauft und es wurde Zeit, dass ich wieder aufmerksamer zu Julia sein kann. Sie hat sich so allein gefühlt, dass ihr die Wohnung zu groß geworden ist und sie mehr im Auto gelebt hat: Nest – Höhle – Geborgenheit!
Es war und ist nicht das letzte Mal, dass ich so viel und lange arbeiten muss und Julia weiß genau, wir brauchen das Geld und sie liebt Komfort und ich mag es gerne ihn ihr zu geben. Sie ist wahrlich meine Motivation geworden. Ich arbeite wieder gerne für Geld.
Es ist nur logisch, dass ich nicht mehr viele Freunde habe. Seit Julia bei mir wohnt, sind wir uns doch so genug. Ein einzelner Besucher fühlt sich nach wenigen Minuten vereinsamt ob unserer Zweisamkeit. Ein Paar sehnt sich nach dieser zärtlichen Verständigung, wird peinlich berührt, erinnert sich seiner Stumpfheit und unverständliche Blicke verraten verständliche Sehnsüchte.
Ich verstehe auch oft den Unmut von Freunden, wenn Julia sich wie ein Rucksack an meinen Rücken hängt, sich tragen lässt, aus dieser Stellung mit Leuten redet, als wäre es normal huckepack Konversation zu treiben.
Ich weiß es ganz sicher, sie will damit keine Schau abziehen, sie will getragen werden von mir, dem Menschen, den sie sich ausgesucht hat zu lieben. Was habe ich für ein Glück gehabt! Julia könnte so eine sein, die Musik von Wolfgang Petry oder Hansi Hinterseer oder die gesamte volkstümliche Musikscheiße hören wollte. Aber nein, sie mag Blues und Jazz, sie mag Saxes. Was für ein Glück! Julia weiß nicht gut über Kunst Bescheid, besitzt aber einen siebten Sinn für Qualität. Und nun der alte Witz: Wenn sie keinen guten Geschmack hätte, würde sie mich nicht ausgesucht haben! Darüber könnte Julia lachen. Sie lacht so gerne - und was für ein Glück: Über mich kann sie allemal lachen!
Sie versteckt ihren Mund in der aufgestützten Hand, die langen Beine ineinander verschlungen, sieht in das Bücherregal im Schlafzimmer, stellt in Gedanken Dinge um. Siebenhundert Bücher ordnete ich aus, und die wenigen, die übrig blieben dekorierte sie mit allerlei Krimskram in das große weiße Regal.
Ich wollte diese Bücher nicht mehr besitzen.
Julia hat festen Karton Schicht um Schicht zusammengeklebt zu Klötzen, manche groß, bis zu DIN A4, andere klein, wie Streichholzschachteln! Auf diese klebt sie beidseitig Fotos – selbst geknipst – und stellt sie ins Regal. Gute Idee, finde ich.
Julia hat ein hellblaues, rotäugiges kleines, handgroßes Häschen im Müll gefunden, eine Schnur um den Hals geknotet. Dies sitzt im Regal. Wir holen es zu uns ins Bett, manchmal, denn Julia schwört darauf, dass wir dann ruhig schlafen. Stimmt! Julia hat ein daumengroßes Skateboard ins Regal gestellt, einen Kieselstein hinein gelegt, in dem ein Herz eingekalkt ist. Ein schwules Teddybär-Pärchen sitzt, sich umarmend, ganz unten im Regal. Ein Motorradkrad mit Beiwagen und aufmontiertem Maschinengewehr – zum aufziehen und mittels Flintstein sprüht das MG funken – steht neben dem dicken Buch „Krieg und Frieden“. Julia ist so kreativ in solchen kleinen Dingen! Wie ich. Oh ja, wir haben viel gemeinsam.
Irgendwann wird sie mit mir meine Bücher schreiben und kein Mensch wird einen Unterschied bemerken.
Ich bin erleichtert, dass ich die Arbeit für die Stadt beendet habe, denn auch mein Buch geht dem Ende zu und das Ende braucht alle Kraft. Sieben Jahre habe ich an diesem Buch geschrieben, begann es, als mein Vater starb. Es beinhaltet meine Familiengeschichte. Am Anfang tat ich mich sehr schwer. Als ich aber bemerkte, wie ähnlich ich meinem Vater bin, lief es mir ziemlich aus der Feder, wenn ich Zeit hatte.
Sie ist eingeschlafen, s Baby.
Ihre dünnen Arme hängen über den Bettrand, die schmalen Hände geöffnet zu kleinen Körbchen, ruhen auf den Fingerknöcheln im Teppichboden. Auf dem Bauch liegt sie, den Kopf zur Seite gelegt, die kräftige Nase, die großen geschlossenen Lider, die ein wenig blau schimmern und unter denen ihre neugierigen Augen Schutz suchen. Ich kann fast nicht umhin sie zu beküssen. Ihre hageren Schultern zeichnen sich zu deutlich unter ihrem Kleid ab, aus dem diese Kleinmädchenbeine ragen. Die viel zu mächtigen, runden Knie, die gerade harte Linie der Schienbeine, die auf ihrer Rückseite ein wenig Wadenfleisch besitzen. Ab und zu zuckt einer ihrer Fingerzehen. Ich sitze vor ihr, versunken wie ein Vater vor seinem schlafenden Kinde. Insgeheim wünschte ich mir immer, mit so einer Idealfrau zu leben und zwar bis zu meinem Tode. Bisher sollte es eine rothaarige, bayrisch sprechende Bildhauerin sein, nun hat Julia diese Rolle übernommen… Sie hat ein Auge geöffnet, ein skeptisches Lächeln aufgelegt, dreht sich auf den Rücken, zieht das Kleid über diese Brüstchen, sieht mich ziemlich schmachtend an mit ihren honigfarbenen Augen und ich weiß, es ist s,s,s,s,Smusezeit!
***
Ich hasse, hasse diese blöde s,Schule wie die Pest und noch tausendmal mehr. s,Sie zerstört meinen Tag. Die in der Klasse s,sind überhaupt nicht meine Leute. Verachte und beachte die Lehrer gleichzeitig. Oh Louis, warum verlangst du von mir dieses Abitur? Er s,sagt, wenn ich mich von ihm trenne – er s,sagt „trenne“ und das klingt mir nach abschneiden, irgendwie – dann habe ich wenigstens Abitur, weil man das heutzutage fast für alles braucht. Er s,sorgt s,sich! Dieses Abitur werde ich bravös bestehen („bravös“ s,schreibe ich auf für Louis, um Louis zu zeigen, dass ich wohl imstande bin, mich anzustrengen, für ihn!).
Bin Bernhardt begegnet, gestern, und er tat s,so, als wäre nichts gewesen. Es war nichts gewesen. „Was machst du, wie geht es dir, du lebst doch jetzt mit diesem…. und sonst?!“ Was für ein gutes Gefühl, dass ich nun s,so ruhig und gefasst bin! Ach, nicht einmal Petting kann man das nennen, was ich und Bernhardt …. Ich habe mich s,so geekelt vor s,seinem Dings und s,seinen dicken Beinen! Ich mache mein Abitur – beinahe hätte ich gesagt: unser – und wir gingen tatsächlich zwei Kaffee trinken. Bernhardt ist nett, nett wie alle in meinem Alter, wenn s,sie nicht gerade s,Skins, Fußballer, Rechte oder Neonazis s,sind.
Bernhardts Hosenboden hängt in den Knien. Er trägt mächtige Baseballschuhe, dass man denkt, er hat ungeheure Klumpfüsse, T-Shirt fünf Nummern zu groß, auf denen der Name dessen s,steht, der ihnen diese Pfennigware für teures Geld angedreht hat. Bernhardt geht zu einem Frisör, der s,so dumm ist wie die s,Schnitte, die er verkauft. Bernhardt trägt Handy und wenn es nicht anders geht, telefoniert er s,sogar mit s,seiner Mutter. Bernhardt hat eine Freundin, die genauso aussieht wie er, nur hat s,sie nicht s,so dicke Beine. Ach, Bernhardt ist nicht mal nett, er ist ein Arsch-Idiot.
s,So wie Bernhardt oder ähnlich s,sind alle auf der s,Schule. s,Sie reden von New York, Kuba, Zillertal und fliegen in der Welt umher und nehmen dafür die ätzenden Jobs an, s,sogar bei CDU-CSU-Firmen.
Wenn ich mit Louis über meine Generation rede, ist er voller Geduld und ich brauche nicht lange zu warten, dann s,spricht er von s,seiner Jugend…. Von den Anfängen der Beatles. „Als ich das erste Mal ‚Twist and shout’ gehört habe, hat sich mein Leben verändert!“
Nein, ich hasse die s,Schule nicht, aber s,seitdem ich mit Louis lebe, lerne ich viel mehr. Erstens lerne ich zu s,sein (das ist gut, das s,schreibe ich für Louis auf), zweitens lerne ich, wie man mit einem anderen Menschen leben kann. Nein, Louis ist nicht mein Lehrer, aber mit ihm zu leben, ist wie eine Ausbildung, eine Lehre.
Wenn mich jemand fragen würde: „Was ist denn Ihr Beruf?“, dann würde ich s,sagen: „Ich lebe mit Louis!“ Wenn er wüsste, was ich denke, er würde mich über den Haufen küssen – ein s,Spruch von ihm – oder mich verrückt heißen.
Ich betreibe keine Heiligenverehrung, wie meine Mutter das s,sagt. Es ist auch nicht nur die Person Louis. Es ist das drum und dran! Ich finde, s,sein Leben s,stimmt; s,seine Wohnung s,stimmt, s,seine Arbeit s,stimmt, s,sein Auto s,stimmt und was er s,schreibt, s,stimmt und das Beste: Dies alles s,stimmt für mich. Ich kann das nehmen für mich, das, ist wie Lernen im s,Sekundentakt. Genau!
Louis würde das s,sehr mögen, was ich denke und das ist es! Das Angenommensein, bedingungslos, ich weiß s,selber, wie dünn ich bin! Louis s,sagt: „Du bist doch nicht dünn, solange du Fleisch um die Knochen hast.“
Eigentlich bin ich nicht s,so gerne in s,seinem Laden, aber ich mag s,sehr gerne s,sein kleines s,Schlafzimmer. Das alte Ehebett von Louis und Lisbeth s,steht darin, mit dieser Cord-Tagesdecke. Wenn ich s,so auf diesem Bett liege, aus dem kleinen Oberlicht direkt in den Fliederbaum s,sehe, dann fühle ich, dass etwas von Louis Bett ausgeht. s,Sowas Kräftiges, s,so was s,Sicheres, s,so ein Inselgefühl. Ich mag s,sehr gerne hier liegen, den Louis hören vorne im Laden und vor mich hin denken.
***
Obwohl Julia wirklich nicht gerade das Vollfleischweib ist, macht sie eine interessante Figur. Sie steht mit Harald Weber (er baut Öko-Häuser - ich habe ein Firmenlogo für ihn entworfen) in der Tür zur Küche, das heißt, sie hat sich in den Türrahmen eingebeugt, wegen ihrer Größe, und redet sehr konzentriert mit ihm.
Harald hat mir Lisbeth abgenommen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Als es am schlechtesten stand zwischen der Beth und mir, kam eines Tages Harald. Ich kannte ihn schon lange – wir machten eine Stadtzeitung mit anderen zusammen - und beichtete mir seine Liebe zu Lisbeth. Ich glaube, ich war noch nie so erleichtert in meinem ganzen Leben, denn so löste sich dies Problem von allein und sehr einfach und Lisbeth war glücklich. Und ich erst! Nur, konnte ich nach dieser Trennung meine Tochter nicht sehen, weil diese Irren sich jahrelang in ganz Europa herum trieben. Natürlich sind Lisbeth und Harald nicht mehr zusammen, aber jetzt wieder hier.
Julia trägt einen schieferfarbenen Hosenanzug. Ich habe ihn von meiner Schwester bekommen. Sie arbeitet als Kundenberaterin in einem Modegeschäft für Übergrößen. Ich wollte ihn mir zurechtschneidern lassen. Da bekam ihn Julia in die Finger und sie sieht darin aus…. Also der Stoff ist so leicht, dass die Haut ihn an sich zieht und so sieht es aus, als würde er an ihr kleben. Ihre Brustspitzchen, ihre Schultern, ihre Rippenbögen, die Nähte ihres Slips, die Kniegelenke… alles zeichnet sich ab. Es wirkt, als hätte man eine seidene Stoffbahn an sie geblasen.
Ich weiß, Harald versucht Julia auszuhorchen, und sie wird ihm so treuherzig antworten, dass er noch weniger begreift als vorher.
Lisbeth ist völlig begeistert von Julia. „Das hätte ich einmal machen sollen“ ist jeder fünfte Satz, und Julia mag Lisbeth wie eine Mutter. Julia hat völlig freiwillig eine Quarkspeise gefertigt, die für mich gipsig, den Leuten hier anscheinend schmeckt. Sie wird nach dem Rezept gefragt – es ist Quark mit Birnen aus der Dose – und es rührt mich, wie eifrig sie das Rezept verrät.
Julia war sehr lange gegen jeden Besuch. Sie reagierte fast hysterisch, kam jemand unangemeldet, einfach spontan so vorbei. Zu groß, zu dünn, das war ihr Problem und das galt es zu verteidigen. Mit mir eher kleinem und molligen und soviel älteren schloss sie Solidarität. „Der kleine Dicke mit der großen Dünnen, in Love, sind unschlagbar“, sagt Julia und so tritt sie auf.
Mit Lisbeth sitze ich auf dem Zweisitzer, der auch noch aus unserer vergangenen Ehe stammt, und wir sehen Harald und Julia zu und kommen solidarisch zu dem Entschluss: Die beiden passen auf keinen Fall zusammen. Sie unterhalten sich aber verdammt gut, und bevor ich mich aufraffen kann, um das zu hören, kommt Julia auf mich zu, um mich augenblicklich auf diese Weise zu umarmen, dass auch der Dümmste zu sagen weiß: Die, die liebt den mit Haut und Haaren und er sie sowieso. Julia umarmt auch Lisbeth mit Herzlichkeit und Lisbeth deutet mir mit diesem Augenaufschlag: „Tja, da kann man nichts machen, man muss sie mögen.“
Das erste Mal, dass Julia tanzt, wenn wir eine Gesellschaft geben, ist allerdings auch die erste Gesellschaft, die wir geben. Nach dem relativ guten Jahr, das ich bisher hatte, dem guten Abschluss mit der Stadt, konnte ich Julia zu einem kleinen Fest überreden und anschließend fahren wir vier Tage in die Berge, zu mir nach Hause, nach Berchtesgaden. Nach dem Tode meiner Eltern blieben uns Kindern die beiden Wohnungen in dem Haus, das mein Vater erbaute. Der Rest ist verkauft und meine beiden Schwestern und ich bemühen uns, es zurückzukaufen. Eine Wohnung und ein Ladengeschäft im Parterre.
Ich habe meine Schwestern gebeten, uns einige Zeit allein zu lassen, aber ich weiß, sie sind zum Sterben neugierig auf Julia. Sie sind einiges gewöhnt von mir, was Frauen betrifft, aber Julia ist so etwas wie die Krönung für sie. So reden sie zumindest am Telefon.
Harald würde mich so gerne fragen, wie ich das wieder angestellt habe mit Julia. Schließlich habe ich damals auch seine heilige Schwester rumgekriegt, obwohl er Stein und Bein geschworen hat, dass sie nie…. Sie hat und es war eine sehr gelungene Liebesfreundschaft.
Julia ist wirklich aufgekratzt wie ein verliebtes Huhn. Sie hat kleine rote Flecken am Hals vor Aufregung! Sie tanzt und trinkt, präsentiert und serviert das Dessert: „Apfelküchlein mit Vanilleeis und einem Zimt-Cognac-Sößchen flambiert.“ Sie genießt es wirklich sehr und immer wieder stürzt sie auf mich zu, umarmt und küsst mich und nennt mich vor allen Leuten „mein Glück, du bist mein Glück!“
Meine Bekannten sind gerührt.
Julia hat nur ihren Vater eingeladen, um den sie sich besonders kümmert. Er ist noch ein bisschen größer als Julia, ihr aber äußerst ähnlich, oder Julia ihm. Anfangs war er sehr schüchtern, aber wie er sieht, dass Julia glücklich ist und er sie so noch nie erlebt hat, ist er auch langsam aus sich heraus gekommen, hat sogar einmal getanzt mit seiner Tochter. Lisbeth habe ich zugeredet, auch mit Volker zu tanzen, und nun, kurz vor Mitternacht, ist er gelöst, lacht sogar von Herzen.
Ehrlich gesagt, bin ich im Moment ganz schön nervös, hat Julia doch gleich ihren Auftritt. In ihrer Autohöhle hat sie einige Texte geschrieben und sich Melodien ausgedacht, die sie auf den Kassettenrecorder aufgenommen hat. Und eben so ein Lied hat sie sich für heute Abend erwählt. Tage brauchte ich, um ihr dieses Festchen schmackhaft zu machen, und als ich anfing, laut darüber nachzudenken, wen ich alles einlade und einen Speiseplan aufstellte, kam Julia plötzlich damit heraus, dass sie eines ihrer Lieder singt. Sie sagte das so, als wenn sie des Öfteren Lieder vortragen würde. Natürlich dachte ich erst, sie macht Spaß, aber dann sang sie es mir vor und ich wäre beinahe umgefallen wegen ihrer Stimme, des Textes, der Melodie. Ihre Singstimme ist die eines Jungen kurz vor dem Stimmbruch, der in einem Jugendchor singen gelernt hat.
Der Text lautet folgendermaßen:
Kleine Jahre
Kleine Jahre von mit gelebt
nicht gezählt – ausgewählt
von mir entschieden
Luft so rein für mich
von keinem geatmet
als Geschenk von dir
ich nehme sie
Refrain:
Kleine Jahre von mir gelebt…
Meine Wolken können fliegen
ohne deinen Himmel
angetrieben durch meine Sonne
kann die Seele selbst betrügen
Refrain:
Will nur diesen einen Garten
genug der Größe für uns zwei
will niemals auf dich warten
aber bei dir sein
Refrain
Nie möchte ich den Weg vermissen
den ich ging allein
bin so froh den Weg gefunden
den wir gehen
Refrain
Was für ein Text für eine Neunzehnjährige! Die Melodie ist soulig-gospelig. Sie singt es extrem langsam, dehnt die Worte, melodisiert jazzig zwischen den Zeilen. Ich meine, sie ahmt Instrumente nach, um dem Text swing zu geben. Sie….
Oh Mann, sie kommt, sie kommt aus der Küche und trägt ein Hemdblusenkleid, vorne durchgeknöpft, mit kleinen, aufgedruckten Stiefmütterchenblüten, hunderte Gesichtchen auf weißem, weichem Stoff. Sie bleibt vor der Wohnzimmertüre stehen und ich klopfe mit einem Löffel an mein Weinglas und muss nun sagen: „Meine Damen und Herren, sie sind die Glücklichen, die heute Nacht….“ Und sie fängt schon an, jazzt erst die Melodie „Da, ra, dara, da ra ra…“ und beginnt mit dem Textteil, der später zum Refrain wird. Sie wiegt sich ein bisschen… psst!
Aus!! Die Leute sind so überrascht, dass sie so was gesehen und gehört haben, aber vor allem von Julia… Und nun beginnt ein Geklatsche, Gepfeife, Gejohle und Julia hopst auf der Stelle, juchzt zähnebreit, klatscht selbst in die Hände und auf einmal, erschrocken über ihre zur Schau gestellten Freude, flieht sie in die Küche.
Es ist ganz schön lange ziemlich still und dann murmelt’s los von einer Seite zur anderen und eingeschenkt wird und der Vergleich zu Joni Mitchell wird diskutiert und Volker sagt zu mir: „Was hast du gemacht, dass sie all dies tut?!“ – „Ich lasse sie einfach in Ruhe“, sage ich und stürzte in die Küche und sehe sie nicht und sehe mich zweimal um…. Und es kichert hinter dem Kühlschrank hervor, und als ich auf sie zugehe, stürzt sie mit aufgeknöpftem Oberteil auf mich, schließt mich darin ein, indem sie mich fest an sich drückt und schluchzt: „Oh Gott, dass ich bei dir sein kann.“
Nun kann ich mich auch nicht mehr halten, bekomme einen regelrechten Weinkrampf, mein Gesicht liegt auf ihrem Brustschild und ich spüre ihre Tränen, die ihren Hals herabkullern, auf meiner Stirn.
„Ich liebe dich, mein Herz“, muss ich sagen und „Du bist eine Attraktion“. Und Julia sagt: „Und du bist mein Ich!“ und nun geht das Geflenne von vorne los.
Endlich können wir nun ins Wohnzimmer zurück, verheult wie die Maulwürfe und die Leute tun nicht so, als würden sie unsere Rührung nicht bemerken und belieben uns sehr rührend. Julia beteuert eins ums andere Mal, dass sie das im Auto geschrieben hat, im Auto…
Der Abend mit der Nacht war so zugeglückt, dass die Leute nun freiwillig gehen und Julia wünscht sich: „Hey, s,schlaf’ ma im Laden!“
Louis s,schläft noch!
Es ist eine s,Seltenheit, ihn s,schlafend zu s,sehen, ist er doch alleweil lange vor mir wach. Er ist bestimmt ganz s,sehr zufrieden über meinen Erfolg, ich meine, dass die Menschen gesehen haben, dass ich auch was kann. Die Quarkspeise war mehr als in Ordnung und das Lied war echt gut, weil ich es spürte. Louis ist s,so s,stolz auf mich. Während ich s,sang, habe ich ihn genau beobachtet, wie er die Leute angesehen hat, wie s,sie reagieren, und er hat mit den Tränen gekämpft. Und Papa – Papa ist aus allen Wolken gefallen; he, he, s,so hat er mich nie erlebt, wie er das der Mama erzählt!
Ich habe ruhige, s,sanfte Gitarrenmusik aufgelegt, Ottman Liebert – „Luna negra“. Louis s,schmachtet wie ein s,Schmetterlingskind (das s,schreibe ich ihm auf, das ist gut) und s,sehe ihn an in s,seiner kleinen Molligkeit, die dünnen Beine ineinander verschränkt, die hübschen Zehen, hi, hi!
Louis s,sagt, wenn ich noch lange s,seine Tagebücher lese, werde ich s,so reden wie er s,schreibt. Das s,stimmt. Mir gefällt s,seine Wortwahl und mir gefällt, dass bei ihm nichts zusammen passt. s,Seine große, bestimmende Nase passt nicht zu s,seinen s,sinnlichen Lippen, aber die harmonieren s,so gut mit s,seinen dunklen, guten Augen. Louis hat den Hals einer Frau, Louis hat die s,sensible Haut einer Frau, Louis hat die Beine einer Frau und Louis hat einen s,schönen s,Schnuffi. Louis ist weich, hat aber s,starke Hände mit großen Handrücken, die in s,schmale, s,schlanke Arme übergehen.
Ich erzähle wie Louis, echt! Louis ist unschlagbar menschlich (das s,schreibe ich ihm auf, das gefällt…). Louis hat einen kleinen, aber größeren wie ich, weichen Busen, von s,seiner ewigen Biertrinkerei.
Das war wirklich mein s,schönster Abend gestern. Ich hätte nicht gedacht, dass es s,so s,sein kann. Ich meine, dass mir die Leute gar nichts ausmachen. Bisschen beschwipst war ich s,schon, als ich s,sang. Gotti, ich hatte s,solchen Mut. Der Louis hat, glaube ich, gar nichts getrunken, fällt mir gerade ein, auf alle Fälle kein Bier, nein! Vielleicht hat er ein Glas Wein getrunken? s,Stimmt, ich habe ihn nichts trinken s,sehen, muss ihn danach fragen. Aber Papa hat getrunken und er ist auch diesmal nicht s,schlau geworden aus Louis, aber er ist einmal etwas aus s,sich herausgegangen. Louis hat Lisbeth auf ihn gehetzt. Das war das Beste.
Ich glaube ganz wirklich, dass die Leute mal gesehen haben, wie gut wir zusammen passen. Natürlich denken s,sie s,sich, weiß Gotti, was und lange wird das nicht dauern, aber es wird dauern. Es wird s,solange dauern, bis... Das denke ich nicht!
Ha, Louis hat s,so gestaunt, dass ich den Quark gemacht habe. Ich kannte das Rezept vom Kindergartenkochen. Da hat er wirklich gestaunt.
Ob Louis mir s,so ein kleines elektrisches Klavier kaufen kann?
Wieso s,schläft er s,solange, wenn er nichts getrunken hat? Verliert bisschen s,Spucke auf’s Kissen, s’ Baby.
Ich weiß, heute machen wir uns einen total faulen Tag. Wir frühstücken bestimmt beim „Juan Carlos“, dann gehen wir auf den Markt und Louis fragt dreimillionenmal: „Was magst du?“ und dann kauft er doch ein s,Suppenhuhn, und wir machen den Ausflug in die Berge und ich fahre das Auto.
***
Julia freut sich sehr auf unsere kleine Reise, denn bisher waren wir nur an Wochenenden unterwegs. Sie hat sich für diese Zeit mit Mädchenkrankheit in der Schule entschuldigt. Um sechs Uhr früh war sie heute, glaube ich, schon auf, denn als ich kurz nach sieben in die Küche kam, war Julia schon beim Bäcker und Metzger gewesen, obwohl sie nicht gerne in die Mörderbude geht. Sie hat eingekauft, als gälte es einen Schulbus voller Kinder zu versorgen.
Baguette, Brötchen, Brezel, Salzstangen und Bauernbrot. Bestimmt ein Pfund Wurstaufschnitt und ebensoviel Käse.
Rote Backen hat sie vor Hektik.
Sie schneidet Brot und Brötchen auf, bestreicht sie mit Butter, belegt sie mit Wurst oder Käs. Nebenbei kocht sie noch ein Dutzend Eier. Die Kaffeemaschine sprudelt und in der großen Kanne zieht ihr grüner Tee.
„Julia“, sage ich, „wir sind nur ein paar Stunden unterwegs, können jederzeit irgendwo einkehren!“
„Nichts da“, antwortet sie wild, „s,so gehört s,sich das zu einer Reise. Das hast du mir s,selbst erzählt!“
„Vor vierzig Jahren haben wir das so gemacht, wenn ich mit meiner Mutter im Postbus zu ihren Eltern gefahren bin“, erkläre ich ihr.
Julia sieht mich nur ungeduldig an, verpackt jedes belegte Brötchen einzeln in Alufolie. Schade um die Knusprigkeit, so werden sie nach ein paar Minuten lätschig. Aber ich werde mich hüten, etwas zu sagen. Nicht zu glauben, wie sie sich engagiert. Julia wirft alles in den großen Korb, obenauf die Tomaten, Äpfel, Bananen, Joghurtbecher und die Flasche Rotwein für mich.
Nein, ich sage nichts, auch jetzt nicht, da sie die Zwischenräume mit Besteck auffüllt, Gläser in Servietten knüllt und in die Seiten stopft.
„Bist du fertig, bist du fertig?“ ruft Julia tausendmal - und endlich sitzen wir in einem riesigen Durcheinander im Auto. „Wir hätten das in den Kofferraum tun können, Julia“. „Nein, wenn wir was brauchen, haben wir es hier!“
Als ich sie um einen Morgenkuss bitte, zischt sie: „Mann, Männer!“ und fällt mir um den Hals.
Wir sind noch nicht aus der Stadt, da verlangt sie schon einen Becher Tee und ein Käsebrötchen. Eine Sisyphusarbeit, aus den gleich aussehenden Aluknäuel ein Käsebrötchen zu finden.
Also frühstücken wir während der Fahrt. An den Ampelstopps werden wir belächelt. „Ich habe den Foto vergessen, Louis!“
„Nein, ich habe ihn in meiner Tasche.“
„…..und die Filme?“
„Die Filme auch“
„Du hast wahrscheinlich wieder alles für mich mitgenommen!“
„Alles, mein Baby“
„Gut gemacht, Alter“
Ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass in dieser alten Kiste noch soviel Kraft steckt. Julia fährt so gut, sie ist gelassen, doch konzentriert, nicht aggressiv, aber spritzig und sie fährt übersichtlich (vorausschauend?), frech und vor allem mit Spaß.
Julia genießt es, zu fahren. Sie trägt die rotrandige, große, alte Skisonnenbrille von mir an diesem strahlenden Sonnen-Herbst-Tag, spielt zum x-ten Mal „My funny Valentine“ von Chet Baker auf dem Autorekorder und nebenbei erfülle ich ihre Wünsche…. „Leg’ die Hand auf meinen s,Schenkel“, „leg’ noch mal ‚Bei mir bist du scheen’ von den Andrews Sisters auf“, „leg’ den Arm um mich, Louis“, „leg’ deinen Kopf in meinen s,Schoß“… Und als ich zu ihr sage: „Leg’ doch ein Ei, Baby“, lacht sie los.
Ich leg’ die Rücklehne zurück, schmuse mich in das Polster, nippe den Rotwein, spüre Glücklichsein im Blut, rieche Julia ganz arg.
Ulm – Augsburg, wir umfahren die Stadt München, und Julia sieht im Profil aus wie die junge Callas. Genau!
***
Raststätte Irschenberg, ich musste Pipi, Louis mehr. Wir s,sitzen, weg von der Autobahn, im Restaurant an einer langen Fensterfront und Louis ist begeistert von s,seinem Bayern. Immer und immer wieder weist er mich auf die Landschaft hin. „Wie gemalen, hm!“ Es gefällt mir, wenn er mir erklärt, wie s,schön dies alles ist. Wir s,sitzen inmitten des Chiemgaus mit bisschen Berge im Hintergrund und Louis s,sagt: „Da hinten ist Miesbach, da ist meine Mutter geboren!“
