Die Ws - Hans Landthaler - E-Book

Die Ws E-Book

Hans Landthaler

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Beschreibung

Rosmarie verarbeitet das Trauma des verlorenen Vaters auf ungewöhnliche Art und Weise. Sie verändert die äußere Erscheinung ihre Partner, bis sie dem Vater gleichen. Was Rosmarie dabei nicht bedenkt, ist, dass ihre Partner sich zufällig begegnen könnten. Das passiert gleich zu Beginn des Romans während der Uraufführung eines Stückes im kleinsten Theater der Stadt. Rosmarie, ihr derzeitiger Mann Viktor und ihr verflossener Mann Valentin, beide mit weichem "W", doch für sie mit einem harten "F" gesprochen, treffen sich in der Pause. Daraus entspinnt sich eine amüsante Geschichte mit vielen Wendungen: erst Erstaunen, dann Ratlosigkeit, dann Annehmen der Situation bis hin zum Zwillingwerden der beiden Protagonisten. Fast zur Katastrophe kommt es, als Rosmarie sich den Dritten wählt, Vinzenz, auch er mit harten "F" gesprochen. Dass es noch die Mutter Sophia und die pubertierende Tochter Susy gibt, macht das Beziehungsgeflecht nicht einfacher. Der ganze Roman ist eine Kette überraschender Begebenheiten.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Hans Landthaler

Die Ws

Eine gezwillingte Männerfreundschaft

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Erstes Kapitel - Valentin Viktor zum Ersten

Zweites Kapitel - Telefon tête à tête

Drittes Kapitel - Bierchen für Suzy

Viertes Kapitel - Nichts als die Wahrheit

Fünftes Kapitel - Apothekentheater

Sechstes Kapitel - Vaterei und Lucas

Siebtes Kapitel - Die rote Wand

Achtes Kapitel - Detektiverei

Neuntes Kapitel - Der Drilling

Zehntes Kapitel - Obamisierung

Elftes Kapitel - Die Katze und bloß kein Weihnachten

Zwölftes Kapitel - Silvesterdebakel

Dreizehntes Kapitel - Coming-out Sophia

Vierzehntes Kapitel - Betty Baby

Fünfzehntes Kapitel - Mutter Tochter

Sechzehntes Kapitel - Vincent-Freni und der Stimmenengel

Siebzehntes Kapitel - Susy, Sahra für Sophia

Achtzehntes Kapitel - Luca – Bettys Trip

Neunzehntes Kapitel - Karodame

Impressum neobooks

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Nachdem Rosmarie ihren Liebsten verloren hatte, fand sie nach aufmerksamer Sucherei einen Mann, bei dem es sich lohnte, ihn so zu gestalten, zu manipulieren, zu zwillingen, dass er ihrem Verlust nahe genug kam, um ihn als Liebgeber zu akzeptieren. Doch als der Verflossene zu ihr zurückkehrt, verließ sie augenblicklich sein Double. Nach fünfzehn Jahren begegnen sich die beiden Männer und aus der Verblüffung der Ähnlichkeit wurde Liebesfreundschaft, die mich beim Schreiben tränig, schmunzlig, lachend, zärtlich stimmte. Die Erkenntnis daraus: „Das Schwierige an den Männern ist, dass sie so verdammt einfach sind!”

Hans Landthaler

Erstes Kapitel - Valentin Viktor zum Ersten

Drei Frauen, mittleren Alters, schlagen mit drei Kissen auf einen Mann ein, der stoisch telefoniert, mit lässigen, fahrigen Handbewegungen die Frauen abwehrt, als vertreibe er lästige Fliegen.

Was für ein aufgesetzter Blödsinn, denkt Walé, seine Knie schmerzen, strahlen hinab bis in die Füße. Was für ein Blödsinn, und der Hautausschlag auf Brust und Rücken juckt gerade noch erträglich.

Eine Verpflichtung gegenüber seinem alten Freund Ludewig – 85 – sonst hätte ihn heute niemand und nichts aus dem Haus gebracht.

Alle paar Minuten greift Walé in seine Anzugtasche, kramt eine Tablette hervor, zerkaut sie gegen sein Sodbrennen. So ein Blödsinn, und er sehnt sich nach einem Glas, dieses fruchtigen, trockenen, Pfirsich aromatischen Weißwein, der ihm dieses Sodbrennen verschafft und sein Ohrinneres kribbeln lässt.

Ludewig, schon mehr tot als lebendig, hat sich endlich den Traum erfüllt, ein selbstverfasstes Theaterstück aufführen zu lassen. Im kleinsten, muffigsten Theater der Stadt, mit einer Akustik, als spräche man aus einer Holzkiste. Der Geizhals, denkt Walé, und was für ein Blödsinn, nun jagt der endlich austelefonierte Mann, die drei Frauen mit einem Kissen über die Bühne, und Walé muss sehr aufrecht sitzen, Bandscheibend entspannend.

Was hätte er alles tun können in diesem Abend?

Später wird er Ludewig gratulieren und diese Blödheit von sich geben, warum der nicht schon längst Theaterstücke… und Geheuchel und Blödsinn. Wenigstens wird es Weißwein geben in der Pause, falls er bis dahin durchhält.

Walé überlegt, dass er sich die kompletten lyrischen Klavierstücke von Grieg hätte anhören können, sich dabei Brust und Rücken sanft kratzend. Endlich Beauvoirs Buch über das Altern weiterlesen auf dem Balkon. Er hätte seine neusten Fotovergrößerungen in Passepartouts schneiden können oder einfach mit einem Bier in der Hand in der Wohnung herumgehen und sie schön finden. Stattdessen, sitzt er eingezwängt von Bekannten und bekannten Gesichtern in diesem Elendsschuppen mit schmerzenden Knochen und es tränen ihm die Augen, so stark muss er einen Hustenanfall unterdrücken. Er ist sich nicht ganz sicher, neigt seinen Oberkörper soweit zur Seite, wie es sein Sitznachbar zulässt, erkennt klar, deutlich Rosmarie im Profil. Rosmarie.

Walé beschließt, sich dem Stück zu entziehen, sich zurückzudenken, an die Zeit mit Rosmarie.

15 Jahre hat er schnell errechnet, 15 Jahre liegt die Zertrennung zurück. Von einer Minute zur andern, aus, sich nicht mehr besehen. Doch, in 15 Jahren zweimal und zufällig. Mit einem Kind an der Hand begegnete sie ihm. Kurze Worte, Wundernis, scheue Blicke, das Kind allerdings musterte ihn mit offenem Munde. Das zweite Mal, Rosmarie und nun Tochtermädchen, beide auf Fahrräder, vier oder fünf Jahre später. Ein schmales Gespräch und wiederum staunendes Betrachten des Mädchens an Walé.

Damals, nach langer selbstgewählter Liebesabstinenz, genoss Walé nach ihren ersten Rendezvous die Liebenswürdigkeiten Rosmaries, deren er sich nicht erwehren konnte. Mit Rosmarie kam sein Selbstvertrauen zurück. So sehr versetzt sich Walé in die Vergangenheit, dass er die Augen schließt, seine Arme über der Brust kreuzt, die Schultergelenke in die Arme nimmt, streichelt, massiert, in diesem Wohlbefinden eintaucht in die Vergangenheit.

Gesehen, gefühlt hat er sogleich ihre Besonderheit. Ernst, spaßig, labil, konkret, laut und leise. Frau und Mädchenspiel, Kunst, Kitsch, Vernunft, Leichtsinn und kompromisslose Leidenschaft. So sehr sich Walé auch anstrengte, war und blieb er für Rosmarie das Enfant Terrible, das an der Hand genommen werden musste, umarmt, umgarnt, sexuell neu eingestellt, motiviert für ihre Bedürfnisse einer Partnerschaft. Erst einmal empfand Walé Rosmarie zu kräftig in ihrer gesamten Erscheinung. Kräftig, schön und kräftig. Kräftig im Geiste, athletisch der Körper. Doch ihre Gliedmaßen im Einzelnen besehen, waren anmutig. Kindlich ihre Beine und Füße, babyhäutig, milchfarben, unfertige, wächserne Fingernägel auf sehr erwachsenen Fingern der Hände. „Amazonenelfe“ so Walé. Burschikos, kerlig im Auftreten, doch wenn sie wollte, divate sie im Seidenkleide, das lange, ebenholzschwarze Haar zu einem Lackzopf geflochten, der wie ein Pendel ihren kräftigen Gang im Gleichgewicht hielt.

Er hatte körperlich keine Chance gegen Rosmarie. Des Öfteren rang sie ihn spaßeshalber nieder, setzte sich auf ihn, nagelte quasi seine Hände mit ihren Knien am Boden fest. Beküsste Walé, leckte sein Gesicht, mochte er auch noch so zappeln, lies ihn erst frei, wenn er in Liebe schwor, dabei in ihre Augen sehen musste. Walé war gerade dabei, das Hymen vom Schlaf zum Wachen zu überwinden, als die Pausenklingel ihn aus dem Abendtraum schrillt. Alles applaudiert, auch Rosmarie. Ihr nun kurzes Haar wippt im Nacken. Walé bekommt die Hände nicht von den Schultern, also geht er, die Arme vor sich verschränkt in die Pause, trifft genau im Türrahmen zum Foyer auf Rosmarie, die ihm die Hände von den Schultern nimmt, um ihn mit einer davon zu begrüßen. Sie sieht genauso aus, wie er sie in Erinnerung hat, die Pagenfrisur formt ihr Gesicht aber runder. Dicht hinter ihr überragt ein hagerer Mädchenkopf den ihren. Rosmarie und Walé beküssen sich ein wenig linkisch, und er nennt sie, in seiner Verdutztheit, Rosmarin, wie er sie hieß, als sie in Liebe waren, worüber das Mädchen kichert. Das dünne Mädchen tritt neben die Mutter, stellt sich vor, „Susy“ singt eine kleine Stimme und eine schmale Hand streckt sich ihm entgegen. „Susanne“ verbessert Rosmarie. „Walé“ erwidert er, „Falentin“ berichtigt Rosmarie. Susy flüstert ihrer Mutter etwas ins Ohr, die nickt kaum merklich. Susy danach Walé starr und großäugig betrachtet. Walé denkt, ob Susy nun weiß, dass er der Ex-Geliebte der Mutter ist.

Susy staunt, dass dies der Ex von ihrer Mutter ist. Rosmarie findet, dass Walé korpulent geworden und es eine blöde Situation ist, schickt Susanne los, um Wein für Walé zu holen, und der nimmt prophylaktisch eine Sodbrennen-Tablette, worauf Rosmarie bemerkt: „Ach gibt es die auch noch!“ Walé, gerade im Begriff zu sagen, dass es doch nicht nötig gewesen, Susy um Wein zu schicken, obwohl er danach lechzt, wird von Rosmarie jackenärmelig beiseite gezogen und sie beschwört ihn, nicht auszuflippen, egal was nun auch geschieht.

Walé wünscht sich nachhause. Rosmarie ellenbogent ihn in die Seite, um seine Aufmerksamkeit zu stärken. Walé sieht die lange Susy, die sich noch verlängert, indem sie einen Arm in die Höhe streckt, in der Hand das Glas Weißwein. Sie rollt mit den Augen, deutet mit Kopfbewegungen vor und unter sich, auf einen älteren Herren, der ziemlich ungeschickt drei Gläser in zwei Händen trägt, sekttropfend direkt auf sie zu steuert. Walé vermutet, dass er Rosmaries Mann ist, und als die das nun sagt, weiß er es genau. Ein bisschen kreuzunter, kreuzüber bis die Gläser verteilt.

„Walé“ sagt Walé. „Falentin“ berichtigt Rosmarie und verbessert auch gleich ihren Mann, der sich mit „Wiktor“ vorstellt, mit einem harten „V“, es klingt wie „Fiktor“, was Susy bekichert.

Die beiden Männlichkeiten lassen sich nicht aus den Augen, selbst nicht während des Trinkens. Wiktor und Walé stehen sich tief berührt gegenüber, bringen dennoch ein amüsiertes Lippenlächeln zustande und als Susy nicht mehr an sich halten kann und hervor sprudelt „Mama die sehen völlig gleich aus“ haben Walé und Wiktor das schon längst begriffen. Es ist allerdings erstaunlich, fast unglaublich, wie die beiden sich gleichen. Von vorne, im Profil, von hinten, selbst von oben.

Sie haben das graue Haar millimetrig geschoren, Geheimratsecken bis in die Kopfmitte, eher einen, „Sieben-Tage-Bart, schwarzgrau meliert. Die Pupillen, haselnussbraunig, die Augen eng zusammen, tief im Kopf, Schlupflider, die sie träge blicken lassen. Reichlich Nase, leicht gebogen, rund, fleischig, wie die Lippen. Ein Ich-weiß-was-ich-will-Mund. Ein trotziges, kindliches Kinn, kräftiger Hals, leicht abstehende Teddyohren. Aufrecht, gerade in der Haltung, die Schultern etwas arrogant nach rückwärts gezogen, so dass die Brust sich weitet. Ein Bäuchlein, das im Sitzen wahrscheinlich zum Bauch wird. Starke, dennoch schmale Hände, mit kräftigen Aderflüssen auf den Handrücken, schwarz behaart. Lange Beine, leicht o-ig, auffallend kleine Füße, direkt unnormal. Geschätzte Höhe 175 cm, ein jeder so um die 80 Kilo im Gewicht. Zwei sympathisch, ältere Herren, die im Einzelnen unauffällig, im Doppel allerdings Blicke auf sich ziehend.

59 Walé, 63 Wiktor, der aber jünger, unverbrauchter, während Walé ein wenig abgenützt wirkt. Rosmarie im verlegenen Amüsement hält sich die Hand vor den Mund, gluckst dahinter Gelächter in sich, beküsst abwechselnd die Gleichlinge und Susy hi, hit fortwährend vor sich hin, in wechselnder Lautstärke. Ihr gefällt die Situation außerordentlich prima, die Kichernis brodelt in ihrem Bauch und da sie dies Gefühl so noch nie erlebt, kostet sie es aus, bis zur Ziegenmeckerei, was wiederum die anderen außerordentlich belustigt, die in Befreiung ablachen. Lachquartett.

Unschlüssig stehen die Vier, als die Pausenglocke schrillt, im Strom der Zuschauer. Susy ist es wiederum, die die Situation klärt, auffordert, auf keinen Fall in die Langweile des Stückes zurückzukehren, was erleichtert angenommen wird. Sie haben so eilig das Theater verlassen, dass sie noch die Gläser in den Händen halten, der Inhalt reicht sogar noch, um abermals an zu stoßen. „Prost“, „Prost“, „Prost“, „hi, hi…“

Immer und nochmals besehen sich die beiden Männer, so unauffällig wie möglich, rauf und runter scannen sie den anderen. Rosmarie fröstelt es, weil sie daran denkt, dass man Aufklärung von ihr fordern wird. In Wiktor breitet sich ein mit Eifersucht angehauchtes Unverständnis aus. Aus Walé ist die plötzliche Überraschung noch nicht gewichen, er bläst sie hörbar aus den Nasenlöchern, schüttelt ungeniert den Kopf dazu. In die entstandene Pause, um zu überlegen, was zu tun, schlägt Susy vor: „Gehen wir einfach ins Harlem“. Natürlich kennt auch Walé s`Harlem, allerdings war er seit der Trennung von Rosmarie nur einige Male dort, aus Unwohlsein ihr zu begegnen. Rosmarie und Familie sind Stammgäste, in dem gemütlichen Gartenlokal. S‘Harlem seit 1967 ein uriges Lokal, in einer ehemaligen Flüchtlingsbaracke, die wieder und wieder renoviert der Zeit trotzt. Von Studenten gegründet als autonomes Begegnungszentrum, inmitten einer Kleingarten Anlage, umzingelt von gemütlichem Spießertum, am Rande der Südstadt. Kleinkunst, tägliche Livemusik, das attraktivste allerdings sind die rund um die Uhr warmen Speisen.

Beschlossen. Der Gang zum Auto der Rosmariens wird von Schweigen begleitet. Wiktor lässt sich von Susy behängen, Rosmarie und Walé nehmen so weit voneinander Abstand, wie das Trottoirs es zulässt. Die Männer rätseln insgeheim, wie es möglich ist, dass ein Ebenbild existiert. Susy freut sich auf das heiße Fladenbrot und dass sie möglicherweise einen zweiten Vater. Rosmarie wäre gerne mit Walé allein, um klärend mit ihm sprechen zu können. Walé fragt sich, warum er kein Sodbrennen kriegt, schwört, dass Rosmarie das Auto fährt.

Rosmarie lenkt den Van, die Familienkutsche. Wiktor neben seiner Frau, Susy, Walé dahinter. Als Rosmarie das Anschnallen einfordern will, hat es Susy schon geträllert, hilft Walé mit dem Gurt und ihre Gesichter kommen sich zum Nasenberühren nah. Beide denken an einen Nasenstüber, belassen es aber bei einem Nasenrümpfen.

Frei sprechen Frau und Mann im Fond des Autos über das Alterswerk von Ludewig, sind sich einig, dass es gut für ihn ist und anderen nicht schadet. Wiktor fasst Rosmarie in den Nacken, massiert ihn hinauf bis zum Haaransatz. Eine Geste, so empfindet Walé, die große Zuneigung, Vertrauen in Sicherheit birgt. Rosmarie schenkt Walé keinen Blick durch den Rückspiegel. Walé wundert sich, weil nicht über die frappante Ähnlichkeit gesprochen wird. Susy hat sich die Brille über die Stirn in die Haare geschoben, besieht sich ihr Vis-à-vis unbekümmert, mit verkniffenen Augen. Wiktor dreht sich ein wenig steif nach hinten, weil gegurtet, fragt Walé, ob sie eventuell verwandt. Der zuckt die Schultern, deutet auf Rosmarie, die zeigt den beiden einen Vogel. Susy feixt, ob Walé vielleicht ihr Onkel sei, und Wiktor will wissen, wo und wann er geboren wurde, und gerade als Walé antworten will, singt Susy: „Wir sind da, ha.“

Als klobiger Schatten erkennbar, in völliger Dunkelheit, s`Harlem. Vier Stimmen stöhnen im Gleichklang „Ruhetag“ und Susy schiebt ein „Scheiße“ hinterher.

„Ja, das war’s dann wohl“, stellt Rosmarie mit Erleichterung in der Stimme fest. Wiktor beschließt souverän, dass sein Zwilling nachhause gebracht wird. Walé ist froh, bei dem Gedanken an sein Heim, dass er im Überschwang vorschlägt, doch noch auf einen Kaffee mit hinaufzukommen. Susy ist in Jubelei, denn sie könnten doch noch Pizzi bestellen und… Rosmarie wiegelt ab, weil morgen Montag ist. Walé und Wiktor beschmunzeln sich, bevor sie sich beküssend verabschieden.

22 Uhr 17. Susy ist sofort in ihrem Zimmer verschwunden, Rosmarie blieb im Erdgeschoss, um noch zu büroen für Morgen, Montag. Wiktor hat im Esszimmer für ein spätes Abendessen gedeckt, antipastit den Tisch voll und als nach mehrmaligen Auffordern niemand erscheint, zieht auch er sich zurück, in sein Zimmer, lässt sich in den Sessel sinken, trinkt das Glas Weißwein leer, das er am Nachmittag stehen ließ, verspuckt die Fruchtfliegen, schenkt nach, wird steifkörperig, pelzig im Kopf, hat Walé vor Augen. Walé. Er denkt, wie es möglich sein kann, dass Rosmarie mit einem Mann befreundet ist, der ihm äußerlich so ähnlich. Natürlich ein Zufall. Da ist er sich sicher. Aber warum hat sie ihm nie von Walé erzählt? Wiktor ist klar, dass Walé von ihm wusste, weshalb die Überraschung der Begegnung nicht so groß war wie für ihn. Aber, ob er von der Ähnlichkeit gewusst hat? Warum sind sie sich nicht vorher schon begegnet? Weshalb hat Rosmarie ihn geheim gehalten? Wieso spricht sie nicht einfach mit ihm darüber, anstatt im Büro zu schmollen?

Knarzt die Tür, Susys Kopf erscheint im Zimmerdämmerlicht, sie besieht sich ihren Vater skeptisch, schlägt in kleinteuflischer Lächelei vor: „Rufen wir ihn einfach an!“. Sie streckt durch den Türspalt einen weißhellen Zettel.

„Und - wo hast du die Nummer her?“

„Er hat sie mir gegeben.“

Sie tritt ein, mit langen, dünnen Beinen, die aus einem vergilbten Basketballshirt staken, reicht Wiktor das Papier, will ihm das Weinglas abnehmen, was er sich verwehrt, und so trinkt sie aus der Flasche. Und weil er keine Lust hat, sie zu maßregeln, lässt er sie, streckt sein Glas hinzu, bekommt nachgeschenkt.

Ob ihre Mutter denn nie etwas erzählt, ob sie nie Fotos gesehen habe, fragt er und Susy antwortet; „Gaaar nix!“ Ob sie vergessen habe, dass sie Walé zweimal kurz begegnet sei.

„Soll ich, ihn anrufen?“ fragt sie.

„Bist du völlig verrückt?“ empört sich Wiktor.

„Das mit euch beiden, glaubt kein Schwein“, sagt Susy in den Raum, indem sie herumtänzelt.

„Es widerstrebt mir, ihn an zu rufen“.

„Weil du mehr Schiss hast als Neugierde“.

„Gut gesagt, mein Kind, und es stimmt“.

„Ruf ihn an! Ruf ihn jetzt an!“

„Nicht wenn du dabei bist.“

In hämischer Schalkhaftigkeit windet sie sich durch die Tür, stößt in ihre Mutter, die wissen will, was die beiden treiben, deutet auf die Weinflasche in Susys Hand.

Rosmarie geht auf Wiktor zu, fragend, skeptisch im Blick, nimmt ihm das Weinglas aus der Hand, leert es in einem Zug, umrundet ihren Mann, drückt ihm den Zeigefinger auf die Brust, fragt hämisch, ob er eine Erklärung verlange. Er verlange keine, würde sich aber über eine freuen. Wiktor denkt, dass er die Situation auskosten würde, wenn er an ihrer Stelle. Rosmarie tut dies. Sie baut sich in ihrer ganzen Sportlichkeit vor ihm auf, verschränkt die Arme vor dem Busen, legt eine lange Kunstpause ein, in der sie Wiktor fixiert, um endlich zu fragen, ob er wissen möchte, was es mit Valentin auf sich habe. Natürlich ist er begehrlich, es zu erfahren, dennoch sagt er, dass es ihm eigentlich egal sei, aber wenn es für sie wichtig wäre, so solle sie ruhig erzählen. Wow, das hat gesessen, das hat sie nicht erwartet, aber er ist sich nicht sicher, ob seine gespielte Wurstigkeit klug war. Sie wendet sich langsam von Wiktor ab, sagt mehr zu sich selbst, wenn es ihm egal sei, dann sei es ja gut, dann könne man zu Nacht essen. Auf dem Weg ins Esszimmer fragt sie sich, wieso Wiktor so unberührt bleibe, als wäre nichts geschehen und ob er mehr wisse, und wenn, woher und wie lange schon und wie sie reagieren solle. Einfach gute Miene zum blöden Spiel beschließt sie, beginnt zu speisen.

Susy ist schon mitten drin, legt sich eine Olive nach der anderen auf den Daumennagel, pfetzt sie über den Zeigefinger in die Luft, fängt sie mündlich, spuckt die Kerne in die hohle Faust, trinkt provozierend aus der Rotweinflasche, sieht ihre Mutter erwartungsvoll an. Wiktor belegt einen Dessertteller mit eingelegtem Gemüse, züpfelt eine Rosenblüte aus Parmaschinken dazu, offeriert ihn Rosmarie, die ihn ablehnt, sofort von Susy angenommen wird, sie aber nicht gleich in den Genuss kommt, denn Wiktor schickt sie um Wein in die Küche. Rosmarie wusste, dass einmal die Begegnung der beiden Männer fällig war, aber es hat sich solange hingezogen, dass sie überhaupt nicht mehr daran gedacht hatte. Und dann genau ist es geschehen. Sie würde zu gerne wissen, was Wiktor darüber denkt und erst Susy, die angefüllt mit Pubertät. Susy die den Wein geöffnet, süffelt wiederum aus der Flasche, weil sie es geil findet, dass man sie heute nicht dafür rügt, hofft, dass es ein feuriger Abend wird, mit ausgezeichneter Schreierei, Tränen und all sowas.

Rosmarie hat sich inzwischen überlegt, will sich in diesem Abend keinem Gespräch aussetzen, noch dazu mit Susy, verkündet, dass sie zu ihrer Mutter geht, um dort zu übernachten. Susy, die nicht erstaunt ist über die Flucht ihrer Mutter, bestimmt, die Hände in die mageren Seiten gestützt, Schlafzimmerblick: „Wir besaufen uns jetzt Fiktor“, der lacht, weil er weiß, was nun folgt. Susy nimmt einen Schluck Wein, presst ihre Lippen auf Wiktors, spritzt einen feinen Strahl in seine Mundhöhle. Desgleichen umgekehrt und Gekicher, Gepruste, Rotweinschweinerei über den Tisch. Immer, wenn Rosmarie, die Familie geflohen, folgte dies Ritual, das die-verlassenen-Vogelkinder-füttern-sich-selbst heißt, natürlich normalerweise nicht mit Rotwein.

„Bist du nicht gerade verrückt neugierig, was es mit Walé auf sich hat?“

„Aufgeregt bin ich und neugierig natürlich.“

„Eifersüchtig?“

„Nein. Dazu ist er mir zu sympathisch. Wenn er mir unsympathisch wäre, irgendein Vollidiot, dann würde es mir vielleicht etwas… Ach, ich weiß nicht.“

„Und die Ähnlichkeit?“

„Ja, das ist doch das Frappante.“

„Weißt du, dass er sie Rosmarin nennt?“

„Gute Idee! Wie er wohl darauf gekommen ist?“

„Rufst du ihn an?“

„Heute bestimmt nicht mehr, für heute ist es genug.“

„Was denkst du, was er denkt?“

„Er war auch überrascht, gleichzeitig erfreut, schien mir, so wie er sich im Auto benahm.“

„Empfindest du, dass du gezwillingt bist?“

„Wie?“

„Ich meine, sieht er für dich genau so aus, wie du dich siehst?“

„Ihm gegenüber sehe ich mich wie in einem Spiegel.“

„Wiktor, warum sage ich zu dir nicht Papa?“

„Du hast immer Wiktor zu mir gesagt. Du hast Wiktor erfunden, deine Stimme war viel zu weich um ‚Fiktor‘ zu rufen wie deine Mutter.“

„Willst du noch eine Vogelfütterung Papa?“

„Sehr gerne meine Tochter!“

Jetzt umarmen sie sich und Susy flüstert ihm ins Ohr, dass sie doch bei ihm schlafen kann, wenn Rosmarie nicht da. „Gute Idee!“, erwidert er, und fragt sich im Stillen, warum er in all den Jahren nicht auf Rosmarin gekommen war.

Zweites Kapitel - Telefon tête à tête

Als Walé Rosmarie kennen lernte, mietete er diese kleine Wohnung, um der von Rosmaries nahe zu sein. Der Schlafraum ist der Größte, damit Träume Platz haben. In einem engen Zimmer nisten sich Alpträume ein, so ist Walés Idee.

Drei Fenster, ein Sessel, ein länglicher Tisch vor der spartanischen Liege, gegenüber die Musikanlage. Zwei Fenster besitzt das Wohnzimmer.

Wenn Walé den runden Tisch ovaliert, indem er die Platte auszieht, können daran bequem sechs Gäste sitzen, ohne dass sie den Koch stören. Über die ganze Breitseite ein durchgehendes Fenster, mit der Glastüre auf den Balkon hinaus, der überfüllt mit Pflanzen und Kräutern ist. Ein grünes Nest. Bistrostühlchen mit Tisch.

Ein Fenster hat das kleinste Zimmer, eher eine Kammer, und der Blick geht hinaus auf die Ziegelbrandwand des Nachbarhauses, die Walé betrachtet als riesiges Monumentalrelief. Moose, Minifarne, Gräser, Löwenzähne, winzige Bäumchen wachsen aus den maroden Mörtelritzen. Käferchen, Eidechschen, Vögelchen steigen respektvoll über Ameisenstraßen. Schatten und Lichtspiele bewundert Walé allweil aufs Neue. Vor dem Fenster, ein Tischen mit Segeltuch Klappstuhl, auf der Rückwand ein Krimskrams und Bücherregal, das ist alles in dem sogenannten Arbeits- und Denkzimmer. Denkzimmer müssen klein sein, damit die Gedanken sich sammeln können, nicht entfleuchen.

Es ist August. Heiß. Walé läuft in Shorts und freiem Oberkörper durch die Wohnung und jedes Mal, wenn er an dem mannshohen Spiegel im Flur vorbeigeht, zieht er automatisch den Bauch ein. Eben ist er davor stehen geblieben, besieht sich, denkt an Wiktor und dass, wenn der neben ihm stünde, sie zu viert wären. „Außergewöhnlich ungewöhnlich“, brummt er, sieht sich konzentriert in die Augen und murmelt: „Selbst die Augenfarbe stimmt“. Erst an Wiktor ist ihm aufgefallen, wie vermolligt er selbst geworden.

Er knipst die nackte Glühbirne an, die an einer Art Galgen, der außen, am Fensterrahmen befestigt, in den Hinterhof hängt. Der leiseste Luftzug lässt die an einem Kabel hängend Glühbirne, swingen, pendeln, wirft grandiose Lichtspiele gegen die terrakottafarbene Ziegelwand.

Das Fenster ist geöffnet, ein leichtes Windchen haucht herein, draußen tanzt ein kleiner, runder Lichtmond über die Mauer.

Er kann, obwohl er die ganze Zeit daran denkt, Wiktor nicht antelefonieren. Er kennt die Telefonnummer nicht und wenn, würde er nicht anrufen, um mit Wiktor zu sprechen, wäre es ihm doch unangenehm, wenn Rosmarie am Apparat wäre. Er findet es einfach verrückt, eigenartig, überraschend, unangenehm, völlig witzig, äußerst befremdlich, liebenswürdig, sehr besonderig die Begegnung doch gerade noch rechtzeitig in seinem Leben, indem nicht mehr allzuviel passiert, geschieht.

„Außer, dass er mir äußerlich gleicht, weiß ich nichts von ihm. Womöglich ist er ein ausgezeichneter Blödmann… und wenn er doch so ist wie ich? Und wie bitte bin ich? Ich bin, äh – puh- hm- also, konsequent inkonsequent, äh- sozial- listig, puh- liebens- und lebenswert – genau - ach ja, tolerant, feministisch, ungläubig, abergläubig, künstlerisch, kitschig, kitzlich, unmoralisch moralisch, mimosig, zickig, Freidenker, nachtragend, verzeihend, alkoholisch, mäusezärtlich und zu viel alleinig. So wie ich Wiktor auf die Schnelle kenne, könnt er diese Eigenschaften auch haben, oder wünsche ich mir das? Nur allein, ist er nicht, er hat Rosmarie und Susy.“

***

Rosmarie schließt in diesem Moment die Wohnungstür ihrer Mutter auf und die ruft „Ros bist du`s?“

„Ja, Mam!“ Mam krümmt sich irgendwie in das Sofa, denn sie ist nicht rustikal, rundlich wie ihre Tochter, sie ist dünn und lang wie ihre Enkelin. Sie hört wie Rosmarie ihre Schuhe von sich schleudert und als sie wehleidigen Blickes, schmollmündig eintritt, weiß sie, das Kind hat wieder mal Trouble mit ihrem Ehemann, was sie nicht verstehen kann, ist Wiktor doch das liebenswerte Wollschaf, das man sich als Partner nur wünschen kann. Rosmarie fragt ihre erschlaffte Mutter, um abzulenken, ob sie es wieder mit dem Kreislauf habe.

„Ja, ich glaube es ist die Hitze.“

„Sollen wir einen Sekt dagegen trinken?“

„Die Idee hatte ich auch schon, wollte aber für mich allein keine Flasche öffnen“.

Rosmarie hantiert in der Küche, Mam ruft hinüber, ob Wiktor endlich eine andere habe.

„Quatsch, er hat einen, anderen“.

„Was?“

„Einen Mann!“

„Einen Mann?“

Rosmarie tablettiert Sekt samt Gläser heran, stellt alles auf dem Sofatisch ab, schenkt ein. Während dessen hat sich Sophia eine lange, dünne Menthol Zigarette angezündet.

„Wieso unbequemst du dich herum des Nachts?“

„Am Tag wäre es auch nicht bequemer.“

Sie nippen zuerst in ihren Gläsern, nehmen dann einen kräftigen Schluck, ohne sich zuzuprosten.

„Was ist mit Wik, ist er schwul geworden?“

„Falentin ist aufgetaucht, wir sind ihm im Theater begegnet“.

„Ach du lieber Gott. Wie sieht er denn aus?

„Er sieht Fiktor noch ähnlicher“.

„Noch ähnlicher?“

„Ja!“

„Und wie waren sie?“

„Von den Socken, aber sehr angetan voneinander“.

„Wie hat Su reagiert?“

„Susanne war fasziniert“.

„Natürlich, hat sie doch ab jetzt zwei Väter“.

„Hör bloß auf, das fehlte mir noch“.

„Wieso hast du auch damals Val nicht aufgeklärt?“

„Ich dachte, ich könnte ihm das nicht antun. Die ganze Zeit über als ich mit ihm zusammen lebte, liebte und wartete ich auf einen anderen Mann, der auch noch fast so aussah wie er“.

„Das war doch mehr oder weniger Zufall, Ros.“

„Sicher, aber ich nahm ihn nur wegen der Ähnlichkeit, so konnte ich die Trennung von Fiktor einigermaßen überstehen“.

Rosmarie lernte Wiktor in einem Entwicklungsprojekt in Afrika kennen. Ein einjähriges Projekt, das ein Krankenhaus aufbauen und einarbeiten sollte. Sie hatte gerade ihr Hebammen-Diplom abgeschlossen und Wiktor, der Apotheker, legte eine Ehe-Pause ein, um sich sozial zu läutern, danach die Apotheke seines Vaters zu übernehmen und die bröckelnde Ehe wieder zu kitten. Fast ein Jahr widerstand Wiktor der verliebten Rosmarie, bis er sich ebenfalls verliebte. Er verheimlichte aber nicht seine Frau und die abgenützte Partnerschaft nach Rückkehr aus Afrika auffrischen, neu beginnen zu wollen. Als Rosmarie Wiktor zum ersten Mal sah und den Schock der Ähnlichkeit zu Walé einigermaßen verdaut war, beschloss sie ihn als Wiktor-Ersatz anzunehmen, solange bis der sich endgültig für sie entschieden haben würde und dessen war sie sich gewiss.

Kein halbes Jahr verging und Wiktor trennte sich von seiner Frau und Rosmarie wurde Frau Apothekerin.

Die Ablöse war sehr simpel. Als Wiktor das Jawort gab, verneinte Rosmarie Walé von einer Sekunde auf die andere, verließ ihn. Während Wiktor mit Rosmarie aufs Land zog, blieb Walé städtisch und hörte und sah nichts mehr von ihr, bis auf die beiden unbedeutenden Begegnungen.

Walé war so verblüfft über die abrupte Trennung, dass er keinerlei Traurigkeit empfinden konnte, nur Unverständnis und das ist relativ einfach zu ertragen. Nichts blieb von ihr, kein Foto, kein Brief, keine zärtliche Kitschigkeit, nichts. So betrank Walé sich eine Woche und vergaß sie einfach. Und wenn er sich doch ab und zu erinnerte, schmunzelte er sie einfach weg.

Sophia hat sich erhoben, langbeint durch das Zimmer, prüft da und dort die Staubverhältnisse auf den Möbeln. Rosmarie verfolgt sie mit wachen Augen, kennt die Rituale ihrer Mutter, die plötzlich stehen bleibt, die Lippen zusammen presst, die Augen gegen die Zimmerdecke verdreht, die Backen aufbläst, die Luft kräftig ausstößt und unerbittlich fragt: „Wer ist der Vater?“

„Was?“

„Wer von beiden ist der Vater von Su? Ich Idiotin, das, ist doch deine unaussprechliche Problematik! Oder?“

Rosmarie windet sich, wartet auf Erklärungskräfte, trinkt solange, schnieft nun ein näselndes, Falentin. „Vaaaaaaal“, schmettert Sophia durch das Zimmer, das die As wie Gummibälle durch den Raum springen lässt. Nun hat Rosmarie sich in das kleine Sofa gekuschelt, in das sie rund hinein passt.

„Bist du sicher?“

„Ich weiß es ganz genau, Mam.“

„Oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gotti”.

„Gott sei Dank, hatte das Harlem zu! Sonst säßen wir nun dort in peinlichen Erklärungen“.

„Ach, ihr wolltet ins Harlem?“

Rosmarie erzählt, wie die Begegnung abgelaufen war.

„Andererseits, wenn das Harlem geöffnet gehabt hätte, hättest du die Sache jetzt hinter dir“, behauptet Sophia. Sie fordert die Tochter auf, aus sicherer Distanz Walé an zu rufen, um zu beichten.

„Ich kann nur alle Heiligen anrufen, dass sie mir helfen“ fleht Rosmarie. „Ach Mam, was kann ich nur tun?“

„Wir betrinken uns und morgen schenkst du Wiktor reinen Wein ein“. Und nun kommt die typische Mutterfrage;“ Hast du schon was gegessen?“

„Oh Mam, ich will doch jetzt nichts essen, ich bin vor dem Essen geflohen!“

„Na ich mach uns eine Kleinigkeit“.

„Nein Mam bitte“.

„Was Klitzekleines“.

„Neiiiiiiiiiiiiin!“

Sophia weiß keinen Rat, außer dem einen, dass Rosmarie mit der Wahrheit raus muss, was die vehement ablehnt, aus Angst, dass Wiktor sie verlässt. Es ist spät genug, um sich bettfein zu machen, und während Rosmarie im Bad ist, überzieht und richtet sie die andere Hälfte des Ehebettes, denn natürlich hat die Tochter darauf bestanden, bei der Mutter zu schlafen, im Fall, dass es noch etwas zu quatschen gibt.

***

Neben Wiktor liegt Susy und sie Quatschen.

Eine Kerze züngelt auf dem Fensterbrett, schummert Dämmerlicht. Beide tragen weiße, weite T-Shirts als Nachtkleider, weil das Kind es so wollte, damit sie gleich aussehen. Wiktor hat eine Bierflasche in der Hand, sie auf dem Bauch abgesetzt. Susy ein Fläschchen Bionade. Ab und an prosten sie sich mit Skol zu. Aus dem Wohnzimmer romantisiert Julio Eglesias zu ihnen herüber. Ein leichter Windhauch lüftelt durch das Zimmer, dennoch ist es Schweißperlen schwül und die zwei wünschen sich ein Gewitter, mit Blitz und Donner, der sich anhört als rattere ein Güterzug über eine Eisenbrücke und es prasselt schwerer Regen auf die Terrasse und dicke Tropfen springen in die Höhe, wie gläserne Fröschlein.

„Sag mal Wiktor, was hast …“

„Sag Papa, Tochter!“

„Sag mal Papa, was hast du in dem Augenblick gedacht, als du Walé gesehen?“

„Mit dem, dachte ich, hat mich deine Mutter betrogen!“

„Warum?“

„Reines Feeling“

„Echt“.

„Ja“.

Er erzählt, wie sie damals von Afrika zurückkehrten, er zu seiner damaligen Frau. Was hätte er tun sollen, hatte er ihr doch einen Neuanfang versprochen. Aber er war all die Zeit mit dem Herzen bei Rosmarie und deshalb haben ihn die Schuldgefühle gegenüber seiner Frau fast umbracht. Susy ist sehr interessiert an der Geschichte, weil sie möglicherweise unmoralisch.

„Weißt du was Sus?“.

„Nö Wik“.

„Ich glaube, Ros hat mich damals mit Walé ausgetauscht“.

„Wie meinst du das?“

„Sie konnte die Trennung nicht ertragen, da lief ihr Walé über den Weg, der mir ähnelte und sie tröstete sich mit ihm“.

„Auch mit Sex?“

„Na klar“.

„Könnte dann Walé auch mein Vater sein?“

„Oh, oh, auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen“.

„Ich mein ja nur, Papa“.

Schon dass er nie auf den Kosenamen „Rosmarin“ gekommen war, geschweige denn auf die Idee, dass Susy von einem anderen Mann sein könnte, ärgert Wiktor. Susy sieht ihm an, wie es in ihm arbeitet und beide sind froh, als sie die ersten Regentropfen auf das Fensterbrett trommeln hören, sie zur Terrassentüre eilen, um die Glasfröschlein hüpfen zu sehen. Ein sehr nahes Blitzgezacke erhellt die Nacht und der darauf folgende Donnerschlag lässt die Fensterscheiben vibrieren. Wohlig erschreckt klammert sich Susy an Wiktor, der sie noch fester an sich drückt, küsst sie ins Haar.

***

Derselbe Donnerschlag hat Walé aus seiner Lethargie gerissen. Er löscht die Galgenlampe und wie von einem außerirdischen Gelicht getroffen, erglüht die Ziegelwand von einem neuerlichen Blitz und ein trockener Donnerhall wälzt sich durch die Straßenschluchten. Er kann das Naturschauspiel, das er sonst so bewundert, nicht richtig auskosten, sind seine Gedanken doch bei Wiktor und er verspürt den dringenden Wunsch mit ihm zu telefonieren. Doch was, wenn Rosmarie am Telefon ist?

Natürlich ist er sich nun sicher, dass sie ihn mit Wiktor austauschte, aber er möchte nicht so ins Blaue recherchieren. Warum nicht mit Rosmarie sprechen, weiß sie doch alles am besten. Aber, sie war so in peinlicher Ablehnung die ganze Abendzeit. Er denkt an Susy, die ihm offensichtlich zu getan, ihn keinen Moment aus den Augen ließ. Mit dem sich bildenden Gedanken, dass sie eventuell seine Tochter sein könnte, beginnt ein ungeheurerer Regenguss. Er knipst die Galgenlampe an und aus der sich entwickelnden Wasserfallmauer schwemmt es die Farne, sogar die Moose werden herausgesogen. Nur ein paar Bäumchen können sich halten. Walé macht sich Sorgen, was aus den Tierchen geworden ist.

***

Sophia ist nicht aus der Nachtruhe gebracht, doch Rosmarie hat der Bombendonner aus dem leichten Schlaf gerissen, aus dem beginnenden Traum, in dem Walé sie zur Rede stellt. Dem will sie sich nun aussetzen, telefonieren, um sich ihr Gewissen rein zu sprechen.

Sehr vorsichtig lüpft sie sich aus dem Bett, zehenschleicht sie ins Wohnzimmer, sucht die Nummer aus dem Telefonbuch, wählt, doch es ist besetzt.

***

Wiktor ist sicher, dass Susy nach der längeren Kuschelei eingeschlafen ist. Auch er schleicht sich aus dem Bett, in die Küche, findet den Zettel mit Walés Nummer, muss sehr geduldig warten, bis der sich endlich schlaftrunken aus dem Bett geschält, das Telefon gefunden hat. Er wusste schon vorher, dass es Wiktor ist, und spricht ihn mit Namen an.

„Wiktor“.

„Woher weißt du …?“

„Ich habe die ganze Nacht gehofft, dass du anrufst“.

„Warum hast du mich nicht angerufen Walé?“

Ich dachte, es wäre nicht so gut, wegen Rosmarie.“

„Sie ist zu ihrer Mutter“.

„Ach, macht sie das immer noch, dass sie Aussprachen flieht?“

„Genau.“

Walé schlendert, das Telefon am Ohr, durch die Wohnung, die vom Stadtgelichte nie so richtig dunkel wird.

Wiktor steht barfuß auf der nassen Terrasse. Der Regen endet so abrupt, wie er begonnen. Der Garten dampft in feuchter Schwüle.

„Ist es bei dir auch so verdammt schwül?“

„Logisch, ich bin gerade auf dem Weg zum Balkon.“

„Ich stehe auf der Terrasse.“

„Vielleicht kommt ein Windchen auf.“

„Ja, das wäre ideal.“

„Walé?

„Ja!“

„Was denkst du über unsere Begegnung?“

„Ich weiß nicht richtig, aber ich glaube, ich finde sie witzig.“

„Witzig?“

„Ja!“

Wiktor setzt sich auf einen Korbsessel unter das Terrassendach, während Walé auf einem Balkonstuhl Platz genommen hat, auf die Straße hinunter blickt, mitternachtsgeschäftig, voller Menschen.

„Rosmarie fand es wohl nicht so witzig.“

„Sie war völlig überrascht.“

„Komischerweise reagierte Susy ganz cool.“

„Ja, sie ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen.“

„Schläft sie?“

„Ja“, denkt Wiktor, doch Susy hängt über dem Terrassendach soweit aus dem Fenster, dass sie gut versteht, was darunter gesprochen wird. Als Wiktor nun in das Haus tritt, schleicht sie sich die Treppe hinunter, verharrt in der Dunkelheit. Währenddessen erklärt Walé, dass er bei Wiktors Anblick sofort wusste, dass er der Ehemann von Rosmarie sei.

„Ich vermutete gar nichts, bemerkte nicht einmal unsere Ähnlichkeiten, erst als Susy sie lauthals kundtat, wurde sie mir bewusst“.

Wiktor schenkt sich Wein ein, was Walé anscheinend gehört hat, denn er fragt Wiktor, was er trinkt.

„Rotwein“.

„Gute Idee“ findet Walé, macht sich auch auf in die Küche, will wissen, welche Weine Wiktor bevorzugt.

„Italienische“.

„Die Weißen auch?“.

„Weißwein trinke ich nur zu Fisch. Ich mag gerne das Bier“.

Walé hat einige Mühe die Flasche zu öffnen, hat er doch den Telefonhörer unters Kinn geklemmt.

„O.k., Wiktor, sollen wir auf einander anstoßen?“

„Ja klar, Cheerio Walé! Ich freue mich so, dass wir uns begegnet sind.“

„Salute! Und ich freue mich ebenso.“

Sie prosten sich zu, als stünden sie sich gegenüber. Walé drückt ganz nebenbei den CD Player, der auf dem Kühlschrank steht, und dezent erklingt Bach‘sche Klavier Musik, die Wiktor sofort erkennt.

„Goldstein Variationen, bist du Bachler?“

„Sagen wir Klassiker!“

„Speziell?“

„Sagen wir Cello!“

„Cello“, echot erfreut Wiktor, und nun beginnt eine leidenschaftliche Unterhaltung über das Cello, über Cellisten, Komponisten. Boccherini, Brahms, Britten, Coupertin, Fritzenhagen, Grieg, Hayden, Fanny Hensel, Vivaldi, Tartini, Fuchs fällt Walé noch ein, Zelinsky Wiktor. Alles Cello Liebhaber und die Interpreten werden herunter gesagt. Cassales, Founier, Jacqueline de Pre, Rostopovich, Moser von den Jüngeren, Ma yo yo, Maintz, Lipkind, Berger… Glas in der Hand, die Flasche in der Armbeuge, Telefon am Ohr, schreiten beide wieder ins Freie, sind sich einig, Bach und Beethoven sind die Größten, vielleicht noch Schubert, Fanny Hensel und ihr Mendelssohn und sie lachen miteinander weil sie sich so Musik identisch sind, und sie lachen um das Lachens willens, prosten sich allweil wieder zu. Ihre Gesichter sind offen, die Augen glänzen, Gutmütigkeit um ihre Münder, sehen in den Sternenhimmel, sind entspannt, weich in ihren Bewegungen, in ihrem Habitus eine Art von Seligkeit.

Susy ist in Staunerei, so hat sie Wiktor noch nicht erlebt. Er spricht mit seinem Zwilling, als wäre er verliebt, er säuselt stimmlich. Kicherig hat sie sich hinter die Terrassentür geschlichen, sitzt auf dem Boden, eine Bierflasche in Händen, aus der sie jeweils trinkt, wenn die Männer auf einander anstoßen. Sie fragt sich, was ihre Mutter wohl dazu sagen würde, wenn sie diese beiden Turteltauben sehen, hören könnte.

***

Rosmarie schläft, schläft neben ihrer Mutter, beide einander zugewandt. Sophia lässt nur ihr hageres Gesicht sehen, ihr Körper ist im Plumeau versteckt, trotz der Hitze. Rosmarie hat das Leintuch mit dem sie sich bedeckt, zu den Füßen gestrampelt, sie hat unruhige Beine im Schlaf, vor allem, wenn sie träumt. Ihr Mund steht offen, sie atmet tief im Gleichklang ihres Herzens und dieser Rhythmus wird ab und an unterbrochen von einem Erleichterung suchenden Seufzer aus ihrer Brust.