Der Lebenszyklus des Gemeinen Oktopus - Emma Knight - E-Book

Der Lebenszyklus des Gemeinen Oktopus E-Book

Emma Knight

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Beschreibung

Sally Rooney-Fans, aufgepasst! Emma Knights witziges, sehnsüchtiges Debüt wird euch die ganze Nacht lang wach halten ...

Seit ihrer Kindheit sind Pen und Alice beste Freundinnen. Beide beginnen ein Studium in Edinburgh, und das Campusleben in der Universitätsstadt bringt neue, schillernde Freundschaften und einen epischen Sommer mit sich. Aber Pen kam auch hierher, um einem Geheimnis ihrer Mutter nachzuspüren. Was hat das alles mit Lord Lennox zu tun, dem berühmten Schriftsteller, mit dem ihr Vater befreundet war? Sein Anwesen in den Highlands wird der Ort, an dem sie nicht nur Antworten findet, sondern auch ihre erste große Liebe.

Unwiderstehlich witzig, warmherzig und voll funkelnder Dialoge. Das Bestsellerdebüt – ein Buch wie eine gute Freundin.  

»Eine schöne und ergreifende Coming-of-Age-Geschichte.« Kirkus Reviews.

»Süchtig machend, nostalgisch und tröstlich.« Claire Daverley.

»Eine Daydream Romance.« Today Show, Read with Jenna.

»Ein erstaunlich gelungenes Debüt.« Oprah, Daily.

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Seitenzahl: 539

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Pen und Alice sind zusammen in Toronto aufgewachsen und beste Freundinnen. Aus unterschiedlichen Gründen führt es sie beide nach Edinburgh, wo sie sich kopfüber in das aufregende Campusleben stürzen. Während Alice alles tut, um ihre Traumkarriere als Schauspielerin am West End voranzutreiben, begibt Pen sich auf Spurensuche, die sie bis in die rauen schottischen Highlands nach Talmòrach führt. Inmitten der verwunschenen Kulisse des herrschaftlichen Anwesens des berühmten Lord Lennox geht sie dem düsteren Geheimnis nach, das die Ehe ihrer Eltern überschattet hat, und findet mehr, als sie sich hatte vorstellen können.

Emma Knights »erstaunlich gelungenes Debüt« (Oprah Daily) erzählt auf traumwandlerische Art von Freundschaft, Liebe und der Notwendigkeit zurückzuschauen, um vorwärtszukommen. Ein bewegender Coming-of-Age-Roman voller eigenwilliger Ideen und großartiger Charaktere!

Über Emma Knight

Emma Knight ist Autorin, Journalistin und Unternehmerin. Ihre Artikel sind unter anderem in Literary Hub, Vogue und der New York Times erschienen. Sie ist die Mitbegründerin des mehrfach ausgezeichneten Bio-Getränkeunternehmens »Greenhouse« und hat zwei Bestseller-Kochbücher veröffentlicht. »Der Lebenszyklus des Gemeinen Oktopus« ist ihr Romandebüt und stand auf der Shortlist für den Giller Prize. Sie lebt mit ihrer Familie in Toronto. 

Wibke Kuhn, geboren 1972, übersetzt seit 2004 englische, skandinavische, italienische und niederländische Romane und Sachbücher, u. a. von Stieg Larsson, Jonas Jonasson, Hendrik Groen und Nell Leyshon. Sie lebt in München.

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Emma Knight

Der Lebenszyklus des Gemeinen Oktopus

Roman

Aus dem Amerikanischen von Wibke Kuhn

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

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Widmung

Motto

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August

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Danksagungen

Impressum

Für meine Großmutter Shirley Margaret Daynard, verwitwete Flood, geborene Gardiner

Wenn man das Ganze aus der Perspektive der Ungeheuer betrachtete, war alles, was sie taten, völlig einleuchtend. Der Trick bestand darin, dass man lernte, wie ein Ungeheuer zu denken.

SY MONTGOMERY, Rendezvous mit einem Oktopus

Jetzt

Ich weiß, dass es Ausnahmen gibt – schwangere männliche Seepferdchen mit ihren Brutbeuteln und so was alles –, aber meistens sind es doch die Weibchen, die die Zukunft in sich tragen. Das kann eine tödliche Aufgabe sein. In manchen abseitigen Winkeln der Natur zieht die Nachkommenschaft ihre Kraft daraus, dass sie ihre Mutter bei lebendigem Leibe auffrisst. Unter Menschen ist derartige Theatralik nicht so gern gesehen. Mütter, die die Goldfisch-Cracker vergessen und dafür in ihrem Minivan von ihren eigenen Kindern gefressen werden, sind eher selten. Häufiger sind die, die sich selbst verschlingen.

Als ich deinen weichen Bauch betrachte, stört es mich irgendwie, dass du zu einer Frau heranwachsen wirst. Ich lege dich auf die weiße Tagesdecke, um dich nach dem Baden abzutrocknen. Ich schiebe meinen Finger in die Falte zwischen deinem Kinn und deiner Brust, um dir ein Lächeln zu entlocken. Du folgst mir mit deinen vertrauensvollen Augen, die dunkel sind wie die Nordsee und mir schon im Voraus die vielen Arten verzeihen – zumindest sieht es so aus –, auf die ich an dir als Mutter versagen werde.

Du bist weich und rosa, und ich rede mir ein, dass wir immer noch eins sind. Doch noch während ich das denke, ist mir bewusst, dass das nicht stimmt. Ich bin wieder allein in meinem Körper, und du bist allein in deinem.

Ich lege dich in dein Bettchen. Du murmelst leise, drehst dich auf die Seite und greifst nach dem Kuscheloktopus, den sie uns geschenkt hat, und dann verschwindest du an einen Ort, an den ich dir nicht folgen kann. Ich betrachte dich, wie du daliegst, schwer von Milch und Schläfrigkeit, und ich denke mir: Wir tragen auch die Vergangenheit in uns.

Ich bin einunddreißig Jahre alt. Von hier aus kann ich meine eigene Mutter sehen, viel deutlicher als früher. Meine Großmütter kann ich nicht sehen, aber dafür fühlen. Die Möglichkeiten, die sie nie hatten. Ihre warmen, verstümmelten Herzen. Ihre tüchtigen Hände, die jetzt endlich ruhen dürfen.

In jeder von uns gibt es einen tintenschwarzen Abgrund, in dem hineingefallene Leichen und abgestreifte Häute zum Nährboden für neues Leben werden. Ungebetene Blitze erheben sich aus der Tiefe. Was jetzt nach oben steigt, während ich deinen Schlaf bewache, ist das Alter des Aufbruchs. Das Alter der Reife, zumindest dachten wir das damals. Doch in Wirklichkeit sind wir dünnhäutig und empfindlich und brauchen jeden Trick, den uns Instinkte und Evolution zur Verfügung stellen können.

Während Nächte in immer gleiche Tage verschwimmen, kehre ich zu jenem Jahr zurück. Ich erinnere mich daran, wer wir waren und was wir zu wissen meinten. Ich wälze die Ereignisse immer wieder in meinem Geist herum und versuche zu entscheiden, was ich getrost versinken lassen kann und was ich behalten will. Für eine Zukunft, die ich mir kaum ausmalen kann, weil es deine ist.

* * *

Pollock Halls of Residence

The University of Edinburgh

13. September 2006

Sehr geehrter Lord Lennox,

mein Wunsch, Sie anzuschreiben, hat letztlich über meine kanadische Erziehung gesiegt, und ich schreibe Ihnen über Ihren Literaturagenten, obwohl mir beide Empfangsdamen Ihres Verlags entschieden davon abgeraten haben. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass dies kein Brief eines wahnsinnigen Fans ist.

Ich glaube, dass Sie mit meinem Vater Edward (Ted) Winters zur Schule gegangen sind. Er redet nicht besonders viel, wie Sie sich vielleicht erinnern, aber ich habe im Laufe der Jahre so einige Hinweise zusammengefügt, und sie führen alle zu Ihnen.

Ich bin kürzlich nach Edinburgh gezogen, um ein Studium aufzunehmen, und ich wollte Sie fragen, ob es wohl möglich wäre, Sie zu treffen. Ich kann überallhin kommen, diese Angelegenheit ist für meine Ausbildung von entscheidender Wichtigkeit.

Ich entschuldige mich für meine Aufdringlichkeit und bedanke mich vielmals,

Penelope Elliot Winters

PS: Ich bin zwar nicht wahnsinnig, aber doch ein Fan – und immer wieder beeindruckt von Paquins Fähigkeit, einen Mordfall auch nach drei Drinks noch zu lösen.

Talmòrach

23. Sept.

Liebe Penelope,

war hocherfreut, Ihren Brief zu erhalten – bin froh, dass Sie es an den Wachen vorbei geschafft haben. Denke immer wieder gern an Ihren Vater. Hoffe, es geht ihm gut? Kommen Sie gerne zu mir. Muss Ihnen die Ausblicke und Ruinen von Mearns zeigen, wenn vielleicht auch nicht alle auf einmal. Nächsten Samstag? Der Zug geht nur bis Stonehaven. Wenn Sie mir Ihre Ankunftszeit mitteilen, schicken wir einen guten Mann mit einem guten Schnurrbart namens Hector (so lautet der Name des Mannes, versteht sich).

Ganz der Ihre,

Elliot Lennox

PS: Die ersten beiden Drinks zählen nie.

Herbst

* * *

1

Wenn man eine Handvoll Studierende befragen würde, die mit statisch aufgeladenen Haaren und blinzelnd aus ihren Zimmern in Pollock Halls kommen, einige dabei unerklärlicherweise nach Pferden riechend und andere, was sich schon eher erklären lässt, nach angebranntem Käse, würde einem klar werden, dass das Frühstück im John McIntyre Centre (das die Studenten nur »JMC« nannten) nicht unbedingt von vielen als bemerkenswerte Mahlzeit eingestuft wurde. Doch Pen, die morgens immer einen Mordshunger hatte, freute sich darauf.

Es war ein Dienstag, der dritte im Semester. Pen kam um fünf vor acht bei dem grünbraunen Gebäude in der Mitte des Wohnheimkomplexes an. Kalte, nasse Luft kroch ihr unter den Kragen ihres Regenmantels. Sie machte kurz halt bei dem kleinen Supermarkt, um sich eine Zeitung zu kaufen. In letzter Sekunde bat sie unter dem missbilligenden Pochen ihres Herzens außerdem um eine Stange Zigaretten und eine Schachtel Streichhölzer. Der Mann hinter dem Verkaufstresen schaute sie nicht mal an. Dann stand sie auch schon wieder im Säulengang und faltete die Zeitung gegen den Wind auf, um die Schlagzeilen zu überfliegen, während sie an den Brief dachte, den sie gerade gelesen hatte, als Jo mit Alice im Schlepptau auftauchte.

Ihre Freundinnen fielen auf. Jo Scarlett Moore, weil sie so unglaublich gesund aussah, mit ihren hellblonden, über die Stirn gelegten Flechtzöpfen. Es schien geradezu unmöglich, dass sie in dieses Jahrhundert mit seinen Internetpornos und den vermüllten Meeren gehörte. Alice Diamond hingegen fiel überall auf.

»Morgen, Stinky«, sagte Jo und streifte mit ihren Lippen über Pens Wangen.

Alice, die ihre heimatlichen Reflexe noch nicht abgeschüttelt hatte, beugte sich zu Pen hinunter, um sie zu umarmen. Wie sie es sich zur Angewohnheit gemacht hatten, seitdem Jo Alice auf der Tanzfläche der Opal Lounge »entdeckt« hatte (oder war es andersrum gewesen?), gingen die drei gemeinsam zum Frühstück, während der fünftägigen Mutprobenspiele für die Studienanfänger, bei denen man sich prima irgendwelche üblen Keime einfangen konnte – diese Tage waren auch als »Freshers’ Week« bekannt.

* * *

Als sie nach Edinburgh kamen, waren Pen und Alice schon seit über zehn Jahren eine feste Größe im Leben der anderen gewesen. Während ihrer Highschool-Zeit hatten sie jeden Nachmittag gemeinsam auf Pens weißer Decke gelegen und ihre Füße hoch oben auf der Wand abgestützt, weil Alice hartnäckig behauptete, dass diese Position tiefe Gedanken fördere. Und während ihre nackten Füße die Polaroids und die Konzerttickets auf Pens Pinnwand streiften, warteten sie darauf, dass endlich das richtige Leben begann.

Obwohl sie vieles gemeinsam hatten – beide waren in idyllischen, von Bäumen gesäumten Straßen in Toronto von liebevollen, wohlhabenden Eltern großgezogen worden, die perfekt verbargen, wie unglücklich sie waren –, gab es immer noch genug Unterschiede, die sie an der anderen faszinierten. Alice war schon früh zu einer großen, umwerfenden jungen Frau mit dem Aussehen und dem Überlebensinstinkt einer Löwin herangewachsen, während Pen, eine Spätzünderin, immer die Kleinste und Schnellste in der Klasse gewesen war, mit im Dunkeln glühenden Augen und dem scheuen Zurückzucken einer schwarzen Hauskatze.

Jede hatte viel von dem, worüber ihre Eltern sich lieber ausschwiegen, aus Büchern gelernt, aber während Alice alles verschlang, was entweder von einem ehrgeizigen Helden handelte, der hartnäckig sein Schicksal verfolgte, oder einfach nur aus technischen Beschreibungen von Sex bestand – die sie sich für eventuelles späteres Nachschlagen unterstrich –, verschrieb Pen sich um ihren vierzehnten Geburtstag herum dem Bücherschrank ihrer Mutter, welcher eine ganze Sammlung von Romanen aus dem 19. Jahrhundert enthielt, die auf hauchdünnem Papier mit winzigen Buchstaben gedruckt waren. In ihrem Alter erreichten die Wahrheiten dieser Romane sie nur auf die Art, wie man den leichten Hauch vom Grill des Nachbarn über den Zaun wahrnimmt. Sie lag alleine in ihrem Zimmer, ließ die Augen über die Oberfläche der Sätze streifen und versuchte, sich einzureden, dass die immerwährende und lebensverändernde Liebe, die so oft darin beschrieben war, bestimmt irgendwo auch in der wirklichen Welt zu finden sein müsste.

Später erfuhr Pen, dass viele ihrer Lieblingsromane von Frauen geschrieben worden waren, für die die ehelichen Freuden aus dem einen oder anderen Grund für immer unerreichbar waren. Mit der Erleichterung, die oftmals den Tod der Hoffnung begleitet, kam sie zu dem Schluss, dass diese Geschichten reine Fantasie und im realen Leben nur eheliche Streitereien eine Tatsache waren.

Tatsachen hatten in Pens Augen eine große Bedeutung. Sie hatte schon früh gelernt, sowohl dem nüchtern-rationalen Protestantismus ihres väterlichen Familienzweigs zu misstrauen als auch dem Überrest von Katholizismus, der ihre Mutter umschwebte wie Weihrauchduft. Sie fand Tatsachen beruhigend, da sie ohne jede Religion aufgewachsen war.

Alice war der einzige Mensch, dem Pen ungehemmt ihre vielen Theorien und Entdeckungen erzählte, ohne Angst haben zu müssen, entweder ausgelacht oder nicht ganz für voll genommen zu werden. Nach elf Jahren Freundschaft waren sie beide geübt darin, die Gedanken der anderen vorauszuahnen. Dieser Umstand, ebenso wie ihre gemeinsame (wenn auch unabhängig voneinander getroffene) Entscheidung, in Schottland zu studieren, fanden sie zugleich wundervoll und gefährlich. Die tröstliche Aussicht, auf einem neuen Kontinent zusammen zu sein, wurde überschattet von dem Bewusstsein, dass sie sich durch diesen Trost am Ende gegenseitig davon abhalten würden, den Zustand von Unabhängigkeit zu erreichen, den sie sich beide so sehnlich wünschten. Deshalb hatten sie sich das vage, aber dennoch feierliche Versprechen gegeben, sich in Edinburgh in den ersten Monaten an der Uni nicht in die Quere zu kommen.

* * *

Auf dem von Neonröhren beleuchteten Buffet standen Rühreier, die zu fluffig waren, um echt zu sein, Baked Beans mit einem leisen Nachgeschmack von Asche, dreieckige Scheiben biegsames Kartoffelbrot und etwas dunkel an Wurst Erinnerndes. Während sie das Gedränge aus regenfeuchten Ellbogen mied, löffelte sich Pen heißen Porridge in eine Schüssel und füllte eine andere bis zum Rand mit gezuckertem Müsli. Ihr Tablett wurde von den Damen abgenickt, die überwachten, dass sich niemand zu viel nahm, dann goss sie sich eine Tasse Kaffee ein, während sie auf Alice und Jo wartete.

Um diese Uhrzeit war es leicht, einen Tisch in der Mitte des Geschehens zu finden. Jos Zwillingsbruder war der Erste, der sich ihnen anschloss. Fergus Scarlett Moore war groß und hatte eine derart königliche Haltung, dass er fast schon komisch wirkte, mit seinen sorgfältig gekämmten blonden Haaren und einer Miene einstudierter Melancholie, die Pen immer an Fotos von F. Scott Fitzgerald erinnerte. Wenn er sich unbeobachtet glaubte, meinte sie, eine tiefe Menschlichkeit in seinen grauen Augen mit den seitlich herabhängenden Lidern zu sehen, die viele seiner Äußerungen Lügen strafte. Dafür und für seinen seltsamen Humor mochte sie Fergus lieber, als ihr manchmal recht war.

»Wie geht es uns denn heute Morgen?«, fragte er und setzte sich auf den Stuhl neben Pen. Sie konnte den nassen Film erkennen, den der Regen auf seinem marineblauen Pullover hinterlassen hatte. Fergus gehörte zu der Sorte englischer Jungen, die nie eine Jacke zu tragen schienen. »Was haben die Sozis wohl heute wieder auf Lager?«, sagte er, griff nach ihrer Zeitung, schlug sie auf und schüttelte sie, bis sie ganz ausgebreitet war.

Hugo Holloway traf als Nächster ein. Er hatte einen Extrateller mit Würstchen unter seinem Tablett versteckt. Bevor sie Hugo kennengelernt hatte, hatte Pen eine heimliche Zärtlichkeit für ihn empfunden. Nicht wegen irgendwelcher äußeren Attribute – Hugo war bullig, hatte rote Wangen und ein seltsam hohes Lachen –, sondern weil er aussah, als wäre er vierzig. Sie hatte sich eine Geschichte über ihn zusammengesponnen, wie er sich mutterseelenallein abstrampelte und unter großen Schwierigkeiten um einen Neuanfang bemühte, bis Jo ihn ihr als Fergus’ Mitbewohner aus dem Internat vorstellte – tatsächliches Alter: neunzehn – der dritte Sohn einer Familie begeisterter Segler mit Häusern in diversen Steuerparadiesen und einem hinreichend soliden Charakter, wenn man seine Erwartungen nicht zu hoch hängte.

»Wisst ihr, was mir grade klar geworden ist?«, fragte Fergus, als er die Zeitung auf den Tisch legte.

»Was?«, fragte Pen, als sich niemand anders erbarmte. Sie hatte sämtliche mit Zucker überzogenen Rosinen diskret aus ihrem Müsli herausgeangelt und sie auf eine Serviette an der Ecke ihres Tabletts gelegt. Fergus blickte auf das Häufchen und schaute ihr in die Augen.

»Ich muss mich mit einem Mediziner anfreunden«, verkündete er.

»Tatsächlich?«, fragte Charlie, der sich gerade zu ihnen setzte. »Wieso das?«

Charlie Watson lebte ein Stockwerk über Alice im Baird House und hatte sich ihr auf einer Kneipentour für Studienanfänger angeschlossen. Alice hatte eine schnelle, energiegeladene Anziehung gespürt, und erst später war ihr aufgefallen, dass alle, die mit Charlie sprachen, danach davontaumelten, als wäre ihnen schwindlig und heiß allein von seiner Aufmerksamkeit. Am nächsten Morgen hatte er sich zu ihnen an den Tisch gesetzt, als wären Alice und er alte Freunde, und drei Wochen später waren sie das auch mehr oder weniger.

Charlie hatte ein ebenmäßiges Gesicht, das Wärme ausstrahlte, wenn er jemandem zuhörte, und Augen, die unter dichten Wimpern lächelten. Er zog sich ordentlicher an als normale Studenten, abgesehen von seinem Paar dreckiger, farbbespritzter Leinenturnschuhe. Es war schwer, persönliche Auskünfte aus ihm herauszubekommen, doch Alice wusste inzwischen, dass er aus Dumfries stammte, dass er jeden Türsteher von jedem Club mit Namen kannte, und dass er Kunstgeschichte studierte, mit dem Ziel, eines Tages seine eigene Galerie aufzumachen.

»Das müssen wir alle«, sagte Fergus etwas eindringlicher. »Und zwar schleunigst. Rubens und Epistemologie kommen zwar gut auf Dinnerpartys, aber man weiß nie, wann man sich mal ein Bein bricht.«

»Hast du denn ein gebrochenes Bein?«, fragte Jo.

»Nein. Aber nett, dass du dir Sorgen um mich machst«, erwiderte Fergus. »Ich finde nur, dass man immer vorbereitet sein sollte.«

»Vielleicht solltest du auf Medizin umsatteln. Auf die Art kannst du dir deinen Gips selbst machen, wenn es so weit ist«, schlug Alice vor, die gerade ein Tütchen Süßstoff in ihre Tasse leerte.

»Gutes Argument, Snow Yank«, sagte Fergus. »Aber ich bin eher zurückhaltend, was Innereien angeht.«

Er pickte sich eine Rosine von dem Häufchen auf Pens Tablett, musterte sie eingehend und warf sie dann auf ein rothaariges Mädchen am Nebentisch. Sie hinterließ eine leichte, weiße Zuckerspur auf dem dunklen Pulli, genau unter ihrem Pferdeschwanz. Fergus sah zufrieden aus und warf gleich die nächste hinterher. Die junge Frau drehte sich gar nicht um.

Hugos Kopf tauchte wieder auf, nachdem er seinen ersten Teller sauber gekratzt hatte. »Ich studiere Biologie, falls du das vergessen haben solltest«, sagte er in seiner Für-jeden-Blödsinn-zu-haben-Stimme. »Vielleicht studiere ich danach ja Medizin. Ich würde das Operieren zu gerne an dir üben, Fergus.«

Hugos gebräunte Unterarme, die aus seinen hochgekrempelten Hemdsärmeln hervorschauten, waren dicht behaart, und seine Finger hatten fleischige Kuppen – Pen konnte sich deswegen nur schwer vorstellen, wie er mit Chirurgenbesteck hantierte.

»Ich werde dir deine Freundlichkeit nicht vergessen«, gab Fergus zurück.

»Was habt ihr Mädels denn vor nach der Uni?«, fragte Hugo fröhlich und spießte dabei ein Würstchen auf. »Nach London ziehen und euch schwängern lassen?«

»Ja«, sagte Alice. »Das ist der grobe Plan. Vorausgesetzt, wir können jemanden auftreiben, der uns alle schwängern kann.« Sie musterte Hugo von oben bis unten, während er kaute. »Vielleicht einen netten, fruchtbaren Arzt.«

»Fick dich, Hugo«, sagte Jo, die eher direkt war. Den starken Akzent hatte sie mit ihrem Bruder gemeinsam, aber während er seinen betonte, versuchte sie ihren zu kaschieren. Ihre Stimme war angenehm rau, und sie fluchte viel und genüsslich. »Alice wird das West End im Sturm erobern. Sie wird schrecklich berühmt werden und sich mit Tänzern umgeben, die sie mit in Ketchup getunkten Käsetoasts füttern, während Stinky pfeilgerade in die Chefetage einer Zeitung aufsteigt, bei der journalistisches Ethos großgeschrieben wird, und dann stellt sie solche Idioten wie dich und Ferg zum Kaffeeholen ein, damit sie euch am Arbeitsplatz sexuell belästigen kann. Und ich werde eine liederliche öffentliche Intellektuelle sein, die ihre Studentinnen vor Begierde in den Wahnsinn treibt, so wie Abaelard, bloß dass ich schwerer zu kastrieren bin.«

Hugo gluckste. Er mochte vielleicht nicht wissen, wer Abaelard war, doch der Gedanke, wie Jo Studentinnen in den Wahnsinn trieb, schien ihn ein bisschen schwindelig zu machen.

Fergus wandte sich Pen zu und nickte nachdenklich. Er klaubte die nächste Rosine von ihrem Tablett und zielte. Diesmal traf er den Hinterkopf des Mädchens. Sie fuhr so jäh herum, dass ihr Pferdeschwanz zur Seite peitschte.

»Fergus«, sagte sie in wehleidigem Ton und hielt sich den Kopf, »warum bewirfst du uns mit Sultaninen?«

»Rosinen«, korrigierte er, in einem Ton, als würde das alles erklären.

»Was?«

»Sultaninen sind die gelben. Es ist eine Kunstinstallation, Floss. ›Staubwischen für die Herzogin. Müsli auf …« Er streckte die Hand aus und strich kurz über ihren Pulli, um das Material bestimmen zu können. »… Mohair‹.«

Flossie funkelte ihn an, wobei sie ganz auf die Wirkung ihrer hübschen hellblauen Augen und ihres herzförmigen Gesichts setzte, bevor sie sich wieder ihrem Frühstück zuwandte.

»Gut, ich geh dann mal.« Charlie stand auf. »Soll ich irgendjemanden mitnehmen?«

Charlie und Hugo gehörten zu den wenigen Studenten, die ein Auto hatten, und beide kutschierten großzügig Kommilitonen mit sich herum.

»Danke, Charlie, wir gehen lieber zu Fuß«, meinte Jo. »Die Kanadierinnen und ich beginnen unseren Tag gern mit belebender Bewegung. Aber nimm meinen Bruder mit, ja? Er hat so eine zarte Gesundheit.«

Auf dem Weg nach draußen sah Pen, wie Fergus hinter Flossie stehen blieb. Er warf eine letzte Rosine aus nächster Nähe auf ihren Rücken, sah zu, wie sie auf den Boden kullerte, und dann wischte er ihr mit dem Ärmel sorgfältig den Staub vom Pulli.

2

George Square war das akademische Zentrum der Universität, mit den Gärten in der Mitte, deren nasse Wiesen den Großteil des Schuljahres verlassen blieben, außer in den Wochen vor den Frühjahrsexamen, wenn man sich gut und gerne einen Sonnenbrand holen konnte in der Zeit, die man brauchte, um sich eine Zigarette zu drehen. Man konnte ihn in zwanzig Minuten zu Fuß von Pollock Halls aus erreichen, er befand sich zwischen Old Town im Norden und den Meadows im Süden. Die Hälfte der im georgianischen Stil gebauten schmalen Häuser, die den Platz säumten, beherbergten heute unberechenbar beheizbare Fakultätsbüros und Tutorenräume für die unlukrativsten Fachbereiche der Universität. Der Rest war in den Sechzigerjahren plattgemacht worden, um größeren, klotzigen Gebäuden wie der Zentralbibliothek und dem David Hume Tower Platz zu machen.

Ihr Ziel war das George Square Theatre, und als sie eintrafen, war sein größter Hörsaal beinahe voll. Pen entdeckte drei Plätze in der hintersten Reihe, und sie stießen gegen jeansbehoste Knie, als sie sich ihren Weg bahnten. Sie schlüpfte aus ihrem Mantel und schlug ihren Collegeblock auf, dann ließ sie den Blick über ihre Kommilitonen wandern. Pen versuchte, sich ihren Vater und Lennox unter ihnen vorzustellen. Neunzehn und vor Hormonen strotzend. Das Bild erfüllte sie mit einer ganz besonderen Art von Grauen. Die Art, die sie dazu drängte, ihre Augen nicht abzuwenden, wenn sie ein regloses Häufchen am Straßenrand liegen sah, und das blutgetränkte Fell oder Federkleid mit eigenen Augen zu sehen, sich zu bestätigen, dass da früher mal ein Leben gewesen war. »Der schläft nur«, hatte ihr Vater zu ihr gesagt, als sie ihn zu einem eingefallenen Waschbärenkörper gezogen hatte, der auf ihrer Straße lag. Da hatte sie zum ersten Mal mit Sicherheit gewusst, dass er sie anlog.

Dass ihr Vater ein Geheimnis in sich trug, das in ihm gärte, erfuhr Pen, als sie in die vierte Klasse ging. Mr. Quinn, ein unberechenbarer Riese, der sein Mittagessen immer in einem ausgespülten Eisbehälter mitbrachte, hatte ihnen an jenem Morgen laut vorgelesen, während sie Schreibschrift übten. Pen hörte ihm zu, während sie die Bögen ihres Namens genoss, die aussahen wie die Kurven einer Achterbahn.

Alice hatte sich tief über den Tisch gebeugt vor lauter Konzentration. Sie hatte die Schreibschriftaufgabe beiseitegelegt und kritzelte stattdessen herum. Ein Mädchen mit strähnigen Haaren, zu weiter Jeans und flacher Brust stand mit verzogenem Gesicht unter dem Wort VORHER, neben ihr ein selbstgefällig vollbusiges NACHHER in einem Smokingblazer, dazu passenden Shorts und kniehohen Stiefeln.

Pen spürte etwas Feuchtes an ihrem Hals und zuckte zurück. Conor Minnow spähte auf die Reihe ihrer identischen Unterschriften.

»Du heißt mit zweitem Vornamen Elliot?«, zischte er. Sein Atem roch nach Dunkaroo-Keksen.

Conor Minnow hatte Pen vor Kurzem einen Heiratsantrag gemacht und sich dazu in der Turnhalle in der Drinnenpause auf eine Bank gestellt. Sie hatte geantwortet, sie müsse es sich noch überlegen.

Pen drehte sich um. »Ja, und?«

»Ist das der Nachname von deiner Mutter oder so?«, wollte er wissen.

»Nein.«

»Aber das ist doch ein Jungenname. Für Mädchen ist der richtig hässlich.«

Alice fuhr auf ihrem Stuhl herum und funkelte Conor an, als würde sie ihm gleich ins Gesicht schlagen. Was nicht das erste Mal gewesen wäre.

»Halt dein blödes Maul, Minnow«, sagte sie.

Da ragte Mr. Quinn über ihnen auf, der seine buschigen Augenbrauen zusammengeschoben hatte wie Raupen.

»Aufstehen. Hinsetzen«, bellte er.

Conor und Alice, die diese Art der Bestrafung gewöhnt waren, sprangen auf und setzten sich dann wieder auf ihre Stühle. Pen, die noch nie einem Lehrer Grund gegeben hatte, auch nur seine Stimme zu erheben, war kurzfristig unfähig, ihre Beine zum Gehorsam zu zwingen.

»Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Stell dich da hinten hin!« Mr. Quinns Stimme dröhnte so nah vor Pens Gesicht, dass ihr Trommelfell vibrierte.

Pen stellte sich mit dem Rücken zur Wand, kerzengerade wie ein Zinnsoldat. Sie grub ihre Fingernägel ins weiche Fleisch ihrer Handflächen. Alice drehte sich zu ihr um und riss die Augen in mitfühlender Empörung auf und formte mit den Lippen das Wort »Trottel«.

Es war ja auch ein seltsamer Name, dachte Pen. Elliot war kein Familienname. Ihr Großvater väterlicherseits hatte Edward geheißen, wie ihr Vater. Der Pflegevater ihrer Mutter, der vor Pens Geburt gestorben war, Gregory. Soweit sie das wusste, gab es da keine Elliots. Als die Glocke läutete, wartete sie, bis alle Kinder draußen waren, bevor sie das Zimmer auch verließ. Alice blieb ebenfalls zurück. Sie hakte sich bei Pen unter, zwang sie, ihre geballten Fäuste zu öffnen, und so gingen die zwei hinaus auf den Pausenhof.

Nach dem Abendessen, als Pens Vater mit einem Glas Wein in seinem Stuhl am Küchentisch saß, kletterte sie auf seinen Schoß. Er war zwar schmal, aber kräftig gebaut, und erinnerte Pen mit seinen schütter werdenden roten Haaren an einen wettergegerbten Kapitän.

»Warum hab ich einen Jungennamen?«, fragte sie. Sie rieb ihre Wange an seiner und atmete seinen Geruch ein, als wäre er ein Stapel warmes Papier im Drucker.

»Penelope ist kein Jungenname«, sagte er mit der verspielten Stimme, mit der er damals immer mit ihr sprach. »Penelope war die Tochter von Ikarios, dem König von Sparta. Er wollte nicht, dass sie heiratet, weil er sie nicht verlieren wollte. Doch dann hat Odysseus, der Held von Homers Epos, ihren alten Vater bei einem Wettkampf geschlagen, und er musste sie gehen lassen.«

»Mein zweiter Vorname«, beharrte sie.

»Penelope Elliot klingt so schön melodisch«, sagte er und strich ihr geistesabwesend übers Haar.

»Wer war Elliot, Daddy?« Sein Hemd war bis oben hin zugeknöpft. Sie starrte auf die eingesperrte Beule seines Adamsapfels.

»Also, es gibt einen T. S. Eliot. Und George Eliot, obwohl die mit richtigem Namen Mary Ann hieß.«

»Dad.«

Er schaute eine gefühlte Ewigkeit in sein Glas Rotwein. »Elliot war ein enger Freund von mir«, sagte er schließlich. »Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Er ist heute Schriftsteller. Er lebt in Schottland.« Die Worte kamen ihm so leise über die Lippen, als würde er mit sich selbst sprechen. Dann hob er Pen von seinem Schoß, stellte sie mit ihren bestrumpften Füßen auf den Boden und nahm das Glas mit hinauf in sein Arbeitszimmer.

Pen spürte in seinen Worten die Antwort zu einer fundamentalen Frage, von der sie noch gar nicht wusste, wie sie sie stellen sollte. Sie sagte sie sich später immer wieder beim Einschlafen vor, bis sie eine Art Beschwörungsformel wurden. Wahrscheinlich hatte er gedacht, dass sie zu jung war, um sich daran zu erinnern. Aber Kinder erinnern sich an alles. Vergessen tun nur die Erwachsenen.

Es war stickig im Hörsaal. Links von Alice saß Pen, in einem ihrer tranceartigen Zustände, in dem sie wie eine Gerichtsstenografin jedes Wort mitschrieb. Rechts von ihr schaute Jo mit halb geschlossenen Augen hinunter zum Pult. Alice überkreuzte die Arme vor dem Oberkörper, und es gelang ihr, sich den Pulli auszuziehen, ohne eine ihrer Freundinnen mit dem Ellbogen im Gesicht zu treffen. Ihr T-Shirt rutschte dabei allerdings ein Stückchen mit nach oben und entblößte für einen kurzen Moment ihren türkisen BH vor ungefähr hundert versammelten Studenten, doch Alice kümmerte das nicht. Sie war Schauspielerin, sie war es gewohnt, von anderen angeschaut zu werden.

Sie zog die Baumwolle von dem statisch aufgeladenen Pulloverstoff weg und strich sie an ihrem Körper wieder glatt. Dann fuhr sie sich mit gespreizten Fingern durch ihre Haarmähne, drehte sie zu einem Knoten zusammen und atmete aus.

»Besser?«, fragte Pen. Sie fror ständig und machte sich gerne lustig über Alices Neigung, sich sofort auszuziehen, sobald sie irgendwo ankam.

»Viel besser.« Alice schlug ihren lädierten Spiralblock auf einer unbeschriebenen Seite auf und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Mann zu, der vorne redete.

Es war nicht derselbe Professor wie in der Woche zuvor, Peter Irgendwer. Der heute war jünger, um die vierzig, mit gewellten, dunklen Haaren, einer römischen Nase und ernsten Augen, die tief in seinem blassen Gesicht lagen. Er trug einen gut sitzenden Anzug, hielt sich mit beiden Händen am Pult fest, als wollte er sich abstützen, und sprach über den deutschen Philosophen Immanuel Kant. Er sprach ihn »Kahnt« aus, wobei er seinen Mund in die Breite zog. Kant, so erklärte er, versuchte, Moral von der Religion zu entkoppeln (das war der Ausdruck, den er benutzte: »entkoppeln«). Er wollte nämlich beweisen, dass Moral eine Konstante war, indem er sie auf der Logik fußen ließ, denn die Logik sei unanfechtbar. Kant wollte die Moral ebenfalls unanfechtbar machen.

»Nach Kant«, dozierte er, »ist ›das Gute‹ synonym mit dem Willen, Gutes zu tun.«

Alice warf einen Seitenblick auf Pen, um ihre Reaktion zu beobachten. Pen hatte sich schon als Kind unablässig Gedanken gemacht über den Willen, Gutes zu tun. Sie suchte immer nach etwas, wofür sie sich schuldig fühlen konnte. Doch Pens kinnlanges, dunkelbraunes Haar war hinter ihrem Ohr hervorgeglitten und verbarg ihr Gesicht. Alice stupste sie leicht in die Seite.

»Was?« Pen blickte von ihrer Mitschrift auf und starrte sie mit ihren intensiven grünen Augen an.

Alice zog die Brauen hoch und deutete zum Podium. »Wer ist das?«

»Julian Sachs«, antwortete Pen mit gedämpfter Stimme. »Unser Tutor.«

Pen blätterte zum Ende ihres Notizblocks und nahm einen Stundenplan heraus. Alice, die das Tutorium in der letzten Woche geschwänzt hatte, nickte.

»Worüber redet ihr denn?«, fragte Jo und beugte sich zu Alice hinüber.

»Alice hat ein verborgenes Interesse am Deutschen Idealismus entdeckt«, sagte Pen.

»Aha«, sagte Jo. »Und wir haben uns schon gefragt, wie lang es dauern wird, bis du dich endlich für dein Fach erwärmst.«

Am Ende der Stunde sah Alice zu, wie Julian Sachs seine Vortragsnotizen in der Mitte zusammenfaltete und in seine Aktentasche steckte. Pen und Jo standen im Gang und warteten auf sie. Vor den Drehtüren des Hörsaals blieb Alice stehen, um ihre Kleidungsschichten wieder anzuziehen, und zwang damit den Strom hinausgehender Studenten, um sie herumzufließen, bevor sie sich über den George Square verteilten.

Von der Südseite des Platzes kam Fergus auf sie zugeschritten. »Die Feder ist mächtiger denn das Schwert!«, rief er mit altertümelnder Shakespeare’scher Aussprache in den Wind.

»Mächtiger als deins bestimmt«, gab Pen mit sorgloser, ebenso klarer Stimme zurück.

Ein vorbeigehender Student stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Alice lächelte. Pens übliche Schamhaftigkeit machte ihre kühne Seite gleich viel wirkungsvoller, wenn sie sie mal zeigte.

Fergus verbeugte sich förmlich, um seine Niederlage einzuräumen. Alice löste sich von der Gruppe und stieg die Treppe zur Bibliothek hinauf. Sie erwog eine dritte Tasse Kaffee, obwohl sie wusste, dass sie davon Herzrasen bekommen würde.

»Hallo?«, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie musste gar nicht hinsehen, um zu wissen, wem sie gehörte. Sie merkte, wie sich ihr Brustkorb zusammenschnürte.

»Hi«, sagte sie.

»Hi«, gab er zurück. Beide blieben neben dem Eingang stehen. »Ich hab mich schon gefragt, ob ich die schwer fassbare Alice Diamond treffen würde.«

Alice strich sich eine Haarsträhne, die an ihrer Lippe klebte, aus dem Gesicht. »Woher wissen Sie, wie ich heiße?«

»Ich habe Sie mit Ihren Freunden kommen sehen. Die haben Sie letzte Woche für Ihr Schwänzen entschuldigt. Sie haben gesagt, Sie müssten für ein Stück vorsprechen.«

»Das hab ich auch«, sagte sie.

»Haben Sie die Rolle bekommen?«

»Ja.«

»Dann werd ich Sie also heute Nachmittag sehen?«

Sie nickte. Er lächelte erneut, wobei sich kleine Fältchen um seine Augen bildeten.

»Was ist es denn für ein Stück, wenn ich fragen darf?«

»Arkadien. Ich bin Thomasina.«

»Et in Arcadia ego«, sagte Julian. Er hielt ihr die Tür auf. »Auch ich bin in Arkadien«, fügte er leiser hinzu, als sie unter seinem Arm durchging.

Alice vergaß, dass sie einen Kaffee hatte holen wollen. Sie wühlte in ihrer Tasche, bis sie ihren Studierendenausweis gefunden hatte, und rannte geradezu in die Bibliothek. McAvoy. So hieß der Professor von letzter Woche. Wo war Peter McAvoy, wenn sie ihn mal brauchte?

3

»Du hättest Alice hören sollen«, erzählte Jo den anderen abends im Crags. Sie quetschten sich um die Mitte eines langen Biertischs im Außenbereich des Pubs zusammen. »Man hätte meinen können, Bernard Williams höchstpersönlich spricht aus ihr.«

Pen fühlte sich angenehm versteckt, wie sie so zwischen Charlie und Fergus eingeklemmt war. Sie hatte noch keinen Moment allein mit Alice gehabt, um ihr von dem Brief von Elliot Lennox zu erzählen, und es fiel ihr schwer, an irgendetwas anderes zu denken.

»Mach dich nicht über mich lustig«, sagte Alice. »Wir können eben nicht alle so hochintellektuell sein wie Pen und du.«

»Ich hab’s ernst gemeint«, beteuerte Jo. »Deine dramatische Wiedergabe des Gedankenexperiments mit dem glücklosen Touristen Jim saß perfekt.«

Alice wusste, dass ihre Leistung im nachmittäglichen Tutorium ordentlich gewesen war. Sie hatte es genossen, Julian als Publikum zu haben.

»Gut«, sagte Alice.

»Aber so richtig gut«, sagte Jo.

»So, jetzt haben wir aber genug über die Uni geredet«, sagte Fergus, der mit den Fingern auf der klebrigen Tischplatte trommelte. »Wer kommt eigentlich dieses Wochenende mit nach Buttons? Mummy hat gesagt, wir sollen zu sechst kommen, und sie hat extra darum gebeten, dass Josephine ihre Kanadierinnen mitbringt. Vielleicht erinnert ihr sie an unsere rühmliche, imperiale Vergangenheit – ich kann mir nicht vorstellen, warum sie euch sonst so ins Herz geschlossen haben sollte.«

Buttons hieß das Anwesen von Jos und Fergus’ Familie in den Borders, auf dem sie alle das letzte Wochenende damit verbracht hatten, durch Gras zu streifen, das so grün war, als wäre es mit Farbe besprüht worden, sich einen Vortrag von Fergus über die ökologische Notwendigkeit der Wildfütterung anzuhören und zum Schluss mit Tassen voll heißem Portwein am Feuer aufzuwärmen. Es war Pens und Alices erster Aufenthalt auf dem schottischen Land gewesen, und sie hatten es absolut bezaubernd gefunden.

»Wie schmeichelhaft«, sagte Alice. »Ich bin dabei.«

»Ich auch«, sagte Hugo.

»Großartig, ein Fahrer«, sagte Fergus.

»Zwei«, sagte Charlie. »Zumindest auf dem Hinweg. Ich fahr am Sonntag wieder zurück.«

Fergus wandte sich mit hochgezogenen Augenbrauen an Pen.

»Danke, Fergus, ich würde furchtbar gerne kommen, aber ich kann dieses Wochenende nicht«, sagte sie.

»Was?« Er zog einen Schmollmund. »Du bist doch noch nicht mal einen Monat hier. Wer zum Henker schleift dich nach Hause?«

Pen warf einen Seitenblick zu Alice, die sowohl überrascht über Pens Antwort als auch amüsiert über Fergus’ Gekränktheit war.

»Verdammte Kolonistin! Jetzt spiel mir nicht die Schüchterne. Wer ist es?«, verlangte Fergus zu wissen.

Pens Wangen verfärbten sich rosarot. »Elliot Lennox«, sagte sie.

»Lord Lennox, der Schriftsteller?«, fragte Charlie. Er klang beeindruckt.

»Verdammte Scheiße«, sagte Hugo.

»Wie – der Bruder von Margot Lennox?«, fragte Jo, die zwischen Alice und Pen hin- und herschaute.

Der Nachname Lennox, der schon alt und geschichtenumwoben war, bekam seinen momentanen Glanz nicht nur von Lord Elliot Lennox – dem Autor einer Bestseller-Krimiserie, deren heruntergekommener Held, Inspektor Robert Paquin, überall auf der Welt geliebt wurde –, sondern auch von seiner jüngeren Schwester Margot. Sie war eine Modedesignerin, die nach Alices Aussage den entscheidenden Wandel in der Damenmode eingeleitet hatte – hatten sich Frauen früher für den »männlichen Blick« gekleidet, zogen sie sich jetzt primär für sich selbst und andere Frauen an. Margot hatte ihr gleichnamiges Modelabel im Alter von dreiundzwanzig Jahren gegründet, hatte ihre Mode erst in London gezeigt und dann in Paris, wo sie ihr Atelier im 20. Arrondissement hatte und dafür berühmt war, jedem ihrer Mitarbeiter einen Lohn zu bieten, von dem er leben konnte, dazu Anteile an der Firma und kostenlose Kinderbetreuung am Arbeitsplatz. Ihre Kleidung war extrem geschmackvoll, extrem teuer und wurde von mehreren von Alices Lieblingsschauspielerinnen getragen, von denen sich viele von Margot persönlich einkleiden ließen. Alice, die schon in der vierten Klasse Modezeitschriften gelesen hatte, vergötterte sie.

»Warum?«, protestierte Fergus, der immer noch verstimmt war. »Was haben die Lennox’ mit dir zu tun?«

»Er ist ein alter Freund meines Vaters«, erklärte Pen. »Aber sie sprechen nicht mehr miteinander«, fügte sie hastig hinzu.

Fergus trank sein Pintglas aus und stellte es auf den Tisch. »Dann frag ich eben Flossie. Es sei denn, sie ist mit Sir Arthur Conan Doyle verabredet.« Er stand auf. »Noch eine Runde?«

»Ich glaube, mein Bruder steht auf Penelope«, verkündete Jo am Tisch, sobald er gegangen war.

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte Hugo mit gespielt ernstem Ton.

»Tja, Herr Doktor, seine Beherrschung hat etwas …«

»Seid still, alle beide«, sagte Pen. Sie genierte sich immer noch für die Art, wie sie Lennox’ Namen ins Spiel gebracht hatte.

»Er hört nicht gerne ein Nein.« Jo tätschelte Pen die Hand. »Ist ihm noch nicht so oft passiert.«

»Ich helf Ferg mal mit den Drinks«, sagte Charlie und stand auf.

Zwischen Charlie und Fergus hatte sich in den ersten Wochen ein erstaunliches Band entwickelt. Zumindest staunten die kanadischen Gullivers, die eine gewisse Frostigkeit bemerkt hatten zwischen Studenten wie Charlie, der das R generell aussprach und es manchmal sogar rollte, und solchen wie Fergus, die existierende Rs ignorierten, welche erfanden, die es gar nicht gab, und ihre Vokale in die Länge zogen, als würden sie gähnen. Charlie schien jedoch jeden individuell nach seinen Verdiensten zu beurteilen. Und Fergus war gar nicht so ein Snob, wie er immer tat, hatte Jo versucht, Pen und Alice zu erklären. »Obwohl, das war gelogen, er ist ein furchtbarer Snob«, korrigierte sie sich. »Aber nicht bei den Dingen, von denen er behauptet, dass sie ihm wichtig sind. Meistens hat er ein ziemlich sicheres Urteil, was Menschen angeht. Er findet sich selbst zum Beispiel völlig abscheulich.«

»Bring Chips mit!«, rief Alice Charlies Rücken nach.

Charlie drehte sich um. »Thai-Chili Chicken oder Krabbencocktail?«

»Eklig. Beides«, konstatierte Alice. »Fergus kann sich ja über Kanada lustig machen, so viel er will, aber zumindest haben unsere Chips zivilisierte Geschmacksrichtungen. Wie Ketchup.«

»Ich weiß, meine Liebe«, sagte Jo.

Schweigen legte sich über den Tisch. Dann wandte sich Alice erwartungsvoll an Pen.

»Er hat mir geantwortet«, erzählte sie Alice, ohne ihre Aufregung zu verbergen. »Ich hab ihn nie persönlich getroffen«, fügte sie erklärend für Jo und Hugo hinzu, denen sie ja noch überhaupt nichts erzählt hatte. »Mein Vater und er haben hier in den Siebzigern zusammen studiert.«

»Wo wohnt er?«, fragte Jo.

»In der Nähe von Stonehaven. Ein Mann namens Hector wird mich vom Zug abholen«, erklärte Pen. »Warum schaut ihr mich eigentlich alle so an? Ich hab’s doch auch von Toronto bis hierher geschafft, oder? Mit einer Zugfahrt komm ich grad noch klar.«

»Ohne Alice?«, fragte Hugo. »Ich wusste nicht, dass ihr zwei getrennt überleben könnt.«

»Wir werden uns schreiben«, sagte Pen mit einem Blick auf Alice.

Alice antwortete nicht sofort. Die Unterstellung, dass Pen und sie voneinander abhängig waren, ging ihr sichtlich gegen den Strich.

Um ihre Eltern zu überzeugen, ihre Einwilligung zu einem Studium im fernen Schottland zu geben, wo die internationalen Studiengebühren exorbitant hoch waren, hatte Alice ihre ganzen Ersparnisse geplündert und damit das Schulgeld gezahlt. Glücklicherweise hatte sie eine beträchtliche Summe angespart in den fünf Jahren, in denen sie Fotoshootings gehabt und Fernsehwerbespots gedreht hatte. Dabei wurde sie jedes Mal von einer Truppe von Fremden angefasst und herumgestoßen, während sie über sie sprachen, als könnte sie sie nicht hören, so wie es die Leute manchmal mit sehr alten Menschen oder Nicht-Muttersprachlern machten.

Es war die Sache wert gewesen. Ihre Eltern, die beide die Einstellung hatten, sie solle sich »eine richtige Arbeit« suchen, hatten ihr den Besuch einer Schauspielschule verwehrt. Dafür hatte Alice einen Plan geschmiedet, der, wenn sie es richtig anstellte, zu einem ähnlichen Ergebnis führen würde. Sie würde sich vom Bedlam Theatre der University of Edinburgh zum städtischen Fringe-Festival vorarbeiten, das im August stattfand und zweifellos das weltweit wichtigste Sprungbrett für Bühnentalente war, und von dort wäre es dann nur noch ein kleiner Schritt ins Londoner West End, das berühmte Theaterviertel.

Die Alternative wäre gewesen, den Rat ihres früheren Agenten Richard zu befolgen, der versucht hatte, sie zu überreden, sich dem Rest von Kanadas unbescholtenen Jugendlichen mit Kameraerfahrung anzuschließen, die heimlich und ohne Aufenthaltsgenehmigung nach LA fuhren, nur mit einem Koffer voller Porträtfotos und einem Stoßgebet. Sie hatte es tatsächlich in Erwägung gezogen. Das Problem war nur, dass Alice gerne nach ihrem Talent beurteilt werden wollte, nicht danach, ob eine Gruppe von fremden Männern ihr Gesicht und ihre Figur für hinreichend begehrenswert befand.

Pen hingegen hatte eigentlich schon Kurs auf eine von den renommierten amerikanischen Universitäten mit ihren eigenen Hoodies samt Logo genommen, dann aber eine 180-Grad-Wende gemacht und sich für Edinburgh entschieden. Der Studienberater der Schule war untröstlich gewesen, und Pen musste sich eine überzeugende Ausrede einfallen lassen. Zum einen war da natürlich die Geschichte ihrer Familie: Pens Vater war als Teenager auf ein englisches Internat geschickt worden und danach zum Studium nach Edinburgh gegangen. Und für jeden, dem diese Ausrede nicht reichte, hatte Pen eine ganze Palette von Fakten parat. Ob sie wüssten, dass die University of Edinburgh eine wichtige Rolle in der schottischen Aufklärung gespielt hatte? Dass Adam Smith dort gelehrt und Charles Darwin und Robert Louis Stevenson an dieser Universität studiert hatten?

Nur Alice wusste, was Pen wirklich dort wollte. Seitdem sie entdeckt hatte, dass ihr Vater und Lennox einmal gute Freunde gewesen waren, hatte Pen die Theorie entwickelt, dass es eine Verbindung gab zwischen dieser zerbrochenen Freundschaft und der zeitlupenartigen Implosion der Ehe ihrer Eltern während der achten Klasse. Es war fast so, als würde Pen hoffen, einen Beweis dafür zu finden, dass Scheidung eine Seltenheit war, die einen speziellen Grund erforderte. Als wollte sie nicht akzeptieren, dass die Anziehungskraft zwischen zwei Menschen irgendwann verblasste und langsam, aber sicher zu Verachtung wurde, wie ein schöner Slip, der irgendwann grau wird und ausleiert.

Alice war froh, in Pens Nähe zu sein, und froh, dass ihre Freundin, die eine Gabe hatte, den Schmerz anderer Leute zu absorbieren, einen Ozean zwischen sich und Teds und Annas gereizte Traurigkeit gebracht hatte, die sie nur mühsam unterdrücken konnten. Doch sie war sich nicht sicher, wie gesund sie es finden sollte, dass Pen jetzt doch versuchte, die Wege ihres Vaters nachzulaufen und Ausschau zu halten nach irgendetwas, das er möglicherweise fallen gelassen oder vergraben hatte. Insgeheim fand sie es ein bisschen verrückt.

Alice trank das geschmolzene Eis in ihrem Glas und hielt sich vor Augen, dass Pen und sie eben verschieden waren. Wenn die Neugier für Alice wie ein Stein im Schuh war, fühlte sich für Pen die fehlende Information an wie eine Axt in ihrem großen Zeh. Denn obwohl sie sich grundsätzlich an die Regeln hielt, wäre sie eher durch Wände gegangen, als lockerzulassen, wenn sie etwas wissen wollte oder keine Antwort auf eine Frage fand. Deswegen bekam sie auch immer so unglaublich gute Noten.

Und außerdem – bei dem Gedanken wurde Alice ein bisschen schlecht – wenn man sich vor Augen hielt, was Pen mit ihrer Mutter durchgemacht hatte, leuchtete es ja durchaus ein, dass sie immer noch darauf fixiert war, zu verstehen, wodurch das Ganze aus dem Ruder gelaufen war.

»Ich find das großartig«, sagte Alice schließlich. »Er wird dich lieben. Ich hoffe nur, dass er dich hinterher auch wieder gehen lässt.«

4

Der Zug, der Pen zu dem früheren Freund ihres Vaters brachte, roch nach nassen Socken, Duschgel mit »Männerduft« und Dosenbier. Sie war froh über ihren Fensterplatz, von dem aus sie die schiefergraue Meeresbucht Firth of Forth wie eine ausgebreitete Decke neben sich liegen sah, leicht gekräuselt vom Wind. Die Jungs mit den stachlig hochgegelten Haaren auf den Plätzen gegenüber tranken unablässig, obwohl es noch früh war. Sie hatten ihre warmen Sachen – feuchte Pullover, eine Windjacke aus Nylon mit einem orangen Reißverschluss – auf den Sitz neben ihr gehäuft. Eines ihrer Handys dudelte einen Popsong, der sich unter ihre Stimmen mischte und das Lauschen erschwerte.

Der Essenswagen rumpelte den Gang entlang. Pen kaufte sich eine Flasche Wasser und etwas, was sich Flapjack nannte. Es war köstlich, wie ein schwerer, klebriger Keks aus Haferbrei. Während säuberlich gekämmte Felder in dumpfen Goldtönen in Sicht kamen, machten die Jungs die nächste Runde Bier auf, und im Waggon breitete sich Hopfendunst aus. Sie klaubte die Krümel von ihrem Flapjack-Riegel aus den Streifen ihrer Cordhose und legte sie zurück in die Verpackung.

Jetzt, wo sie so kurz vorm Ziel war, wollte sie der Mut verlassen. Die Kluft zwischen der furchtlosen Version ihrer selbst, wie sie in ihren Gedanken existierte – die Pen, die um die halbe Welt gezogen war, um diesen Plan in die Tat umzusetzen – und dem fragilen Körper, der dem östlichen Rand von Schottland entgegenbrauste, hatte sich nie größer angefühlt.

* * *

Vier Jahre nach dem Vorfall von Conor Minnow, an einem der letzten Schultage vor den Weihnachtsferien, hatte Pen auf einem Barhocker am Küchentresen gesessen und den Kunstteil gelesen, während sie eine Schüssel süße Cornflakes auslöffelte. Da hatte sie zum ersten Mal den Namen Elliot Lennox gelesen. Pen war damals dreizehn, aber während Alice und ihre Freundinnen sich in BH-tragende Tamponkäuferinnen verwandelten, die sich in Hochglanzmagazine vertieften, blieb Pen jungenhaft und übte sich lieber darin, die Zeitung jeden Morgen von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.

In dem Artikel stand, dass der neunte Band der »kriminell süchtig machenden« Inspektor-Paquin-Reihe des schottischen Autors Elliot Lennox »wieder mal ein mitreißendes, grauenvolles Vergnügen« sei, und dass Lennox, der mittlerweile den Spitznamen »der unvergleichliche Adlige« bekommen hatte und in seinem Heim an der schottischen Ostküste einen Roman nach dem anderen schrieb, Kenner des Genres seit Mitte der Achtzigerjahre begeisterte.

Pen, die bei all ihrem Wissensdurst nicht gerade die geborene Detektivin war, zog nicht sofort die richtigen Schlüsse. Sie hatte den Artikel nur ausgeschnitten und mit ihrem Ärmel einen Tropfen Milch von der Seite abgetupft, denn sie dachte sich, dass das erste Buch der Reihe ein gutes Geschenk für ihren Vater abgeben könnte. Inspektor Robert Paquin von der Lothian and Borders Police klang nach der perfekten Ablenkung von dem, was ein düsteres Weihnachten zu werden versprach.

Die Stimmung bei ihnen zu Hause hatte sich in jenem Herbst und Winter verändert, wobei sich die Stimmung überall verändert hatte. Man schrieb das Jahr 2001.

»Die willst du gar nicht lesen.« Sie fuhr zusammen, als Ted plötzlich hinter ihrer linken Schulter auftauchte. Sie hatte gedacht, er wäre bereits zur Arbeit gefahren, denn es war fast schon hell. Dieser Tage war er normalerweise längst weg, bevor sie ihren zehnminütigen Fußweg zur Schule antrat.

»Nicht?«, fragte sie. »Ich dachte schon.«

»Nö«, sagte er in einem Ton, der Gespräche beendete. Er nahm ihr den Teil der Zeitung weg. »Sie würden dir nicht gefallen.«

Mit dreizehn wusste Pen bereits, dass ihr Vater nicht unbedingt frei von Widersprüchen war. Doch diese Aussage, die er auch noch mit dermaßen aufgesetzter Lässigkeit vorgebracht hatte, sah ihm so unähnlich, dass sie sich auf ihrem Hocker umdrehte und ihn musterte. Pens Eltern hatten immer Wert darauf gelegt, dass sie lesen durfte, was sie wollte. Doch jetzt mied Ted ihren Blick, und sein Kiefer sah angespannt aus, als er sich gegen die Kücheninsel lehnte und im Eiltempo die Tagesnachrichten überflog.

In ihrem Elternhaus war es nie besonders ausgelassen zugegangen. Sie waren ja nur zu dritt. Doch an die Stelle der früheren stillen Ungezwungenheit, die ihren Umgang miteinander immer reibungslos gemacht hatte, war etwas Dichtes, Schweres getreten. Der körperliche Trost, den Pen bei ihren Eltern noch vor ein, zwei Jahren empfunden hatte, stellte sich inzwischen nicht mehr so natürlich ein. Ihr wurde bewusst, dass ihre Eltern sich nicht sehr oft berührten. Und sie begann, sich für ihre eigenen Zuneigungsbekundungen zu genieren.

Abendessen im Familienkreis waren ein zuverlässiger Bestandteil ihrer Kindheit gewesen, doch Pens Mutter Anna aß jetzt nur noch selten mit ihnen. Sie kam von ihren Vorlesungen und Seminaren nach Hause und ging geradewegs ins Bett. Morgens tauchte sie auf, wobei sie in ihrem Bademantel ganz winzig aussah, nur noch ein Schatten ihrer selbst, um sich zu vergewissern, dass Pen warm genug angezogen war, und ihr einen schönen Tag zu wünschen.

Ihr Vater hatte begonnen, früher ins Büro zu fahren und später nach Hause zu kommen, oft gerade rechtzeitig, um Pen beim Anbrennen einer Tiefkühllasagne anzutreffen. Zweimal in der Woche holte Pens Großmutter väterlicherseits sie mit einem breiten Auto mit Lederpolstern ab und nahm sie mit in das finstere Elternhaus ihres Vaters zu einem Abendessen, zu dem mehrere Arten von Gabeln und verkochte Erbsen gehörten. Das Haus ihrer Großmutter war zuvor immer ein Ort gewesen, an dem Pen ihre erwachsenere Version üben konnte, aber in letzter Zeit begannen Tildas Anstandslektionen Pen wütend zu machen – ständig korrigierte sie Pens Haltung, gab Kommentare zu ihrer Rocklänge ab und erinnerte sie daran, dass sie keine unguten Geschichten von zu Hause weitererzählen durfte, nicht mal Alice. In der Welt herrschte Chaos, Ted und Anna benahmen sich wie Aliens, die so taten, als wären sie menschliche Wesen, und Pen wollte einfach alle nur wachrütteln.

Ihr war nur zu bewusst, dass etwas zwischen ihren Eltern dauerhaft zerbrochen war. Und während sie nun das Gesicht ihres Vaters beobachtete, wusste sie, dass der Grund dafür jetzt an die Oberfläche gekommen war. Sie schaute auf den Artikel hinunter, den sie ausgeschnitten hatte, und diesmal fiel ihr der Name ins Auge. Elliot. Ein Schriftsteller. Der in Schottland lebte.

»Dann hast du sie also gelesen?«, fragte sie ihren Vater. Ted versuchte so zu tun, als hätte er sie gar nicht gehört. »Die Bücher von Elliot Lennox?«, hakte Pen nach.

Der Name schien ihm die Ohren zu versengen. Sie hatte definitiv einen wunden Punkt getroffen. Aber warum? Ihr Gehirn brannte vor lauter Fragen, aber es wäre sinnlos gewesen, sie zu stellen. Ihr Vater war ein echter Experte darin, ihr zu antworten, ohne zu antworten.

»Ich hab vieles gelesen, Penny.« Er drehte sich zu ihr um. Einen Moment lang – und es war ein Moment, in dem sich die Realität zu verschieben schien – konnte sie sehen, wie sehr er sich bemühte, seine Angst zu verbergen. Um die Welt sicher erscheinen zu lassen, obwohl sie es ganz offensichtlich nicht war. Sie war überwältigt von Dankbarkeit und Sorge. Wie konnte er es aushalten, die ganze Zeit solche Selbstbeherrschung walten zu lassen? Wie konnte das überhaupt jemand aushalten?

Ted atmete tief ein, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und ließ seinen warnenden Tonfall in einen scherzenden übergehen. »Was steht denn dieses Jahr auf deinem Weihnachtswunschzettel? Und sag jetzt bitte nicht wieder eine Fuchsstute. Ich bin ja absolut dafür, wie du weißt, wir haben nur das klitzekleine Problem, dass wir keinen Schlafplatz für sie hätten.«

»Pferde können im Stehen schlafen«, gab Pen zurück, die erleichtert war, wieder einen oberflächlicheren Ton anschlagen zu können. Den Rest würde sie einfach auf eigene Faust rausfinden. »Deswegen würde sie gar nicht so viel Platz wegnehmen. Die Treppen sind allerdings ein Problem. Vielleicht einfach im Esszimmer?«

Sobald ihr Vater an diesem Abend ins Bett ging, durchsuchte Pen sein Arbeitszimmer. Sie stellte sich auf die Sofalehne, griff hinter eine Doppelreihe von militärgeschichtlichen Büchern und fand, wonach sie gesucht hatte. Die gesamte Inspektor-Paquin-Serie, alle als Hardcoverausgaben. Sie schlug den ersten Band auf und blätterte zur Titelei. Aber da stand keine handgeschriebene Widmung für ihren Vater, nichts, was bewies, dass sie einander gekannt hatten. Nur eine gedruckte Widmung: für Christina.

Sie drehte das Buch um. Elliot Lennox schaute sie durch eine randlose Brille an. Seine Haare fielen ihm locker über die Stirn. In seinen Augen lag Licht und Humor, als würde er nur so tun, als wäre er ernst. Die Kurzvita unter dem Foto erwähnte mit keiner Silbe, dass er ein unvergleichlicher Adliger war, was auch immer das bedeuten mochte. »Elliot Lennox hat Englische und Schottische Literatur an der University of Edinburgh studiert. Er lebt mit seiner Familie in Schottland«, mehr stand da nicht. Sie legte das Buch beiseite und rückte die Militärgeschichte wieder zusammen, sodass sie die Lücke verdeckte.

Pen brannte immer noch vor Neugierde und suchte verzweifelt nach einem unwiderlegbaren Beweis, dass dieser Mann die Inspiration für ihren Namen gewesen war. Sie begann beim Schreibtisch ihres Vaters. In einer Schublade, die voller Tintenpatronen und einzelner Büroklammern war, fand sie einen Schnappschuss in Schwarz-Weiß. Sie begriff nicht gleich, dass einer der beiden darauf abgelichteten jungen Männer ihr Vater war. Er sah ganz anders aus, als sie ihn kannte: Seine Haare waren länger, und er war generell schlanker, aber es lag nicht nur daran. Vielmehr erkannte man ihn so schlecht, weil sein Lächeln von reiner, rückhaltloser Freude sprach. Pen hatte ihn noch nie jemanden so anschauen sehen wie denjenigen, der in diesem Moment die Kamera gehalten hatte. Auf dem Bild stand er auf einem Hügel neben Elliot Lennox.

Die einzige andere Überraschung, die sie zutage förderte, war eine halb leere Schachtel Zigaretten. Sie schnupperte an einer Zigarette und schob sie in ihre Tasche.

* * *

Es war schon fast Mittag, als Pen in Stonehaven aus dem Zug stieg. Die Luft war klar und fühlte sich an wie frisch gewaschen. Pen folgte einem Fußweg, der neben einem niedrigen weißen Zaun verlief, und ging auf ein Schild mit der Aufschrift AUSGANG zu. Gerade als sie überlegte, ob sie Hector wohl erkennen und ob er überhaupt kommen würde, erschien auch schon ein gedrungener Mann mit Schiebermütze, grünem Mantel und einem grau melierten Schnurrbart, der am unteren Rand schnurgerade gestutzt war.

»Penelope, richtig?«, sagte er und hielt ihr eine raue Hand hin. Er hatte freundlich wirkende, tiefe Falten um die Augen. »Hector Matthews.«

Hector nahm ihr die Tasche von der Schulter und führte Pen eine Treppe unter die Gleise hinab und durch den Bahnhof zum Parkplatz, wo er ihr beim Einsteigen in ein etwas zu hohes Auto half.

»Alles in Ordnung?«, fragte Hector.

Pen nickte und machte es sich auf der geräumigen Vorderbank gemütlich, auf der eine sechsköpfige Familie Platz gehabt hätte. Zufrieden ließ er sich auf dem Fahrersitz nieder und bewegte den Schalthebel – der eher an einen Fahnenmast erinnerte – in den Rückwärtsgang.

Pen beobachtete, wie die Steinhäuser am Rande der Küstenstadt, mit ihren in lebhaften Farben lackierten Türen und den Vorgärten, in denen immer noch puderrosa Rosen, Stundenblumen und Hortensien blühten, langsam, aber sicher braunen und grünen Feldern wichen. Kurz sorgte sie sich wegen des Käses in ihrer Tasche. Inspektor Paquin, der Held aus Lennox’ Krimis, hatte einen Lieblingskäse, den Lanark Blue aus einem bestimmten Geschäft in der Frederick Street, das auch Haferplätzchen und Whisky verkaufte. Sie hatte ihn als eine Art Gastgeschenk vorgesehen, was ihr in dem Moment wie eine tolle Idee vorgekommen war, aber jetzt verlieh er der Luft im Auto einen modrigen Mief, der sich nicht gut mit dem Zustand ihrer Nerven vertrug. Sie warf einen Seitenblick auf Hector und hoffte, dass er es nicht roch. Was für ein Mensch lädt sich selbst ins Haus eines Fremden ein und taucht dann mit einer Tasche voll stinkendem Käse auf?, dachte sie und musste ein Grinsen unterdrücken. Sie tastete nach der Fensterkurbel und drehte ihr Fenster herunter, um einen Zentimeterbreit Frischluft reinzulassen. Hector schaute zwar in ihre Richtung, aber unternahm keinen Versuch, Small Talk zu betreiben, was Pen erleichterte.

Wie oft hatte ihr Vater diese Fahrt wohl als Student unternommen, überlegte sie, und mit welchen Mitbringseln? Als Erwachsener war Ted richtig gut im Geschenkemachen. Außer, wenn er es mal nicht war. Pen konnte sich noch an dieses eine unglückselige Weihnachten erinnern, als ihre Mutter das samtgefütterte Kästchen aufgemacht hatte, in dem ein Paar baumelnde, tränenförmige mit Diamanten besetzte Ohrringe lagen. Anna, die ihr Leben lang dieselben kleinen Silberkreolen getragen hatte, hatte verwirrt dreingeschaut, als hätte sie das Geschenk eines anderen geöffnet. Pen hatte die Situation mit einem Witz zu retten versucht – »Die sind ja ganz schön, aber sie passen nicht zu Mums Tiara« –, und gleich nach Weihnachten waren sie zu dritt losgezogen, um sie umzutauschen. Pen konnte sich noch an ihre vorsichtige Begeisterung über einen Familienausflug erinnern, die drückende Stille im Juwelierladen, und an die Verkäuferin, die ihrer Mutter einen Gutschein auf einem polierten Tablett überreichte. Wie Pen erst viel später klar wurde, bestand das Problem nicht in den Ohrringen selbst, sondern in ihrem Preis. Anna hatte dieses Geschenk in einer Phase, in der Ted und sie fast keine Zeit mehr miteinander verbrachten, so verstanden, dass Ted nicht mehr mit ihr zusammen sein wollte. Das war vermutlich niemals Teds Absicht gewesen – er hatte einfach nur eine Pflicht auf seine gewohnt großzügige Art erfüllt, und wahrscheinlich mit der Hilfe seiner Assistentin. Doch Pens Mutter hatte diese kostspieligen Ohrringe so interpretiert, dass sie für den Mann, den sie geheiratet hatte, nicht mehr sie selbst war, Anna, sondern Seine Ehefrau. Und Ehefrauen konnte man kaufen. Diese Sicht auf sich selbst, und auf ihn, musste sie angewidert haben. Anna hatte im Geschäft nichts gesagt, auch hinterher in der Tiefgarage nicht. Später im Auto hatte sie nur zwei Worte für Ted übrig: »Halt an.« Und dann war sie auf der mittleren Spur in den fließenden Verkehr ausgestiegen und wäre um ein Haar von einem Lieferwagen der Canada Post überfahren worden.

Eine Stunde später kam sie zurück nach Hause mit Händen, die weiß waren vor Kälte, und einer beängstigenden Ausdruckslosigkeit in den Augen. Pen, die auf der Couch gesessen und so getan hatte, als würde sie lesen, hatte die Finger ihrer Mutter zwischen ihren Handflächen gerieben, damit sie wieder Farbe annahmen. Als ihr Vater in Geschäftskleidung heruntergekommen war, als wäre es absolut normal, am Abend nach Weihnachten ins Büro zu fahren, war Pen in ihr Zimmer hochgegangen, mit ihrem Buch unter die Decke gekrochen und hatte sich die Kopfhörer aufgesetzt. Kurz nach elf hatte Pen durch den Türspalt beobachtet, wie ihr Vater sich ein Bett auf dem Sofa in seinem Arbeitszimmer zurechtmachte. Das Schlafzimmer ihrer Eltern war früher der sicherste Ort gewesen, den sie kannte. Er würde nie wieder dort schlafen.

* * *

»Da wären wir«, verkündete Hector. Sie waren von der Hauptstraße auf eine schmalere Straße abgebogen, die auf beiden Seiten von großen Bäumen gesäumt war. Ein paar Blätter hatten sich schon golden verfärbt, doch im Vergleich zu dem exhibitionistischen Herbst in Ontario war die Farbpalette gedämpft. Sie fuhren langsam weiter über einen Weg, den sie jetzt als Auffahrt erkannte, die sich durch ein bewaldetes Grundstück schlängelte.

Auf einer Lichtung vor ihnen tat sich eine elegante Steinmauer auf, in die ein Bogengang eingelassen war. Kleine Fenster im oberen Geschoss, die von Fensterläden eingerahmt waren, verrieten ihr, dass es keine Mauer war, sondern ein Gebäude. Die breiten Durchgänge im Erdgeschoss und ein vertrauter Geruch ließen Pen dahinter Stallungen vermuten.

»Bryce«, sagte Hector mit schroffem Stolz. Pen nickte wissend, obwohl sie keine Ahnung hatte, was er meinte.

Auf der anderen Seite des Bogenganges, jenseits einer weiteren Auffahrt, stand ein Steingebäude mit Türmchen, das Pen nur als Schloss beschreiben konnte (obwohl dieses Wort es ein bisschen herunterspielte). Es war riesig – sie musste den Kopf drehen, um es in Gänze zu sehen – und schien aus mehreren unterschiedlichen Teilstücken zusammengesetzt zu sein, als hätte ein Kind es aus Bauklötzen gebaut. Der Efeu, der sich an dem achteckigen Turm hochrankte, der am ältesten aussah, war von einem roten Schimmer durchzogen.

Auf Pens Fantasie hatte dieser Bau eine so unmittelbare und chaotische Wirkung, dass sie vorübergehend vergaß, wer und wann sie war.

»Roberts. Sieht man selten in dieser Gegend«, sagte Hector, während er langsam über den hellbraunen Kies fuhr, der das Haus umgab. Wieder setzte er ein architektonisches Grundwissen voraus, das sie nicht besaß.

»Wann ist das gebaut worden?« Pen musste sich bemühen, sich ihre Ehrfurcht und Unwissenheit nicht anmerken zu lassen.

»Der Originalturm im fünfzehnten Jahrhundert. Der Rest wurde im neunzehnten Jahrhundert fertiggestellt, die Renovierungsmaßnahmen …« – er klang skeptisch – »im zwanzigsten. Aber natürlich nur das Haus. Die Geschichte des Anwesens lässt sich bis in die Bronzezeit zurückverfolgen.« Er riss den Schalthebel in Parkposition und nahm ihre Tasche vom Rücksitz. »Kommen Sie ab hier allein zurecht? Klopfen ist nicht nötig. Gehen Sie einfach die Treppe hoch. Sie finden Lady Lennox in ihrer Küche.«

»Perfekt«, sagte sie, nahm seine ausgestreckte Hand und dann ihre Tasche. »Vielen Dank.«

Hector fuhr das Auto zurück zu den Ställen, und Pen ging über den knirschenden Kies zur Eingangstür. Sie griff nach dem schweren, gusseisernen Türklopfer und hob ihn schon an, bevor ihr wieder einfiel, was Hector gesagt hatte. Sie musste sich fast mit ihrem ganzen Körpergewicht dagegenstemmen, um die Tür aufzudrücken, doch dann gab sie mit einem Klicken nach. Sie schlüpfte hinein und zog sie hinter sich ins Schloss.

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