Der Leselebenstintensee - Giwi Margwelaschwili - E-Book

Der Leselebenstintensee E-Book

Giwi Margwelaschwili

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Beschreibung

Gibt es einen Leselebenstintensee? Das glaubt eine Gruppe von Buchpersonen, die in die Buchberge aufbricht, um den See zu finden. Kann man dort am Buchwelthimmel vielleicht sogar die Nasen spitze des Verfassers sehen, der vornübergebeugt am Schreibtisch sitzt und diese Geschichte gerade schreibt? Im Roman "Der Leselebenstintensee" will die Gruppe unter Anleitung eines Lesers endlich herausfinden, wie sie alle zu ihrem buchweltlichen Leben, ihrer Bibliobiographie kommen. Dabei helfen ihnen Figuren aus dem "Zauberberg" von Thomas Mann, die sich dank ihres speziellen Romanthemas und ihres Aufenthaltes in den Buchweltbergen bereits in buchweltlichen Seinsfragen aus kennen … In diesem nachgelassenen Roman des im März 2020 verstorbenen großen deutsch-georgischen Autors spielt er noch einmal anhand des Lebens von Buchpersonen die großen Schicksalsfragen durch. In einem Nachwort erläutert Jörg Sundermeier die Hintergründe von Margwelaschwilis Werk.

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Gibt es einen Leselebenstintensee? Das glaubt eine Gruppe von Buchpersonen, die in die Buchberge aufbricht, um den See zu finden. Kann man dort am Buchwelthimmel vielleicht sogar die Nasenspitze des Verfassers sehen, der vornübergebeugt am Schreibtisch sitzt und diese Geschichte gerade schreibt?

Im Roman »Der Leselebenstintensee« will die Gruppe unter Anleitung eines Lesers endlich herausfinden, wie sie alle zu ihrem buchweltlichen Leben, ihrer Bibliobiographie kommen. Dabei helfen ihnen Figuren aus dem »Zauberberg« von Thomas Mann, die sich dank ihres speziellen Romanthemas und ihres Aufenthaltes in den Buchweltbergen bereits in buchweltlichen Seinsfragen auskennen …

In diesem nachgelassenen Roman des im März 2020 verstorbenen großen deutsch-georgischen Autors spielt er noch einmal anhand des Lebens von Buchpersonen die großen Schicksalsfragen durch. In einem Nachwort erläutert Jörg Sundermeier die Hintergründe von Margwelaschwilis Werk.

Giwi Margwelaschwili wurde 1927 als Sohn georgischer Emigranten in Berlin geboren. Seine Mutter starb, als er vier Jahre alt war. Sein Vater wurde 1946 zusammen mit seinem Sohn vom sowjetischen Geheimdienst NKWD entführt. Der Vater wurde ermordet, Margwelaschwili in Sachsenhausen interniert, anschließend nach Georgien verschleppt. Dort lehrte er Deutsch. Erst 1987 konnte er nach Deutschland ausreisen. Er wohnte bis 2011 in Berlin, seitdem wieder in Tiflis. Dort starb er 2020. 1995 erhielt er den Brandenburgischen Literatur-Ehrenpreis, 2006 die Goethe-Medaille, 2008 das Bundesverdienstkreuz. 2013 erhielt er für sein Gesamtwerk den Italo-Svevo-Preis. Seit 2007 erscheint eine Werkschau Giwi Margwelaschwilis im Verbrecher Verlag.

Giwi Margwelaschwili

Der Leselebenstintensee

Roman

Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Jörg Sundermeier

Mit Illustrationen von Katrin Funcke

Erste Auflage

Verbrecher Verlag Berlin 2021

www.verbrecherei.de

© Verbrecher Verlag 2021

Gestaltung: Christian Walter

Satz: Sarah Käsmayr

ISBN 978-3-95732-494-8eISBN 978-3-95732-508-2

Der Verlag dankt Theresa Meschede, Jasper Stephan, Teresa Streiß, Luisa Stühlmeyer.

INHALT

Riskantes Bergsteigen im buchweltlichen Hochgebirge

Die Expedition in das buchweltliche Hochgebirge als leselebensgefährliche Unglücksidee

Ein langes metathematisches Aufklärungsgespräch zwischen zwei Buchpersonen

Über die zwei Höhepunkte des Sujets in den Buchweltbergen

Die ersten Nachtlager und die ersten Begegnungen zwischen Karl und seinem Verfasser

Zufall oder Notwendigkeit? Und andere Themen eines gefährlichen Streitgesprächs

Wenn du noch eine Karte hast, mußt du sie jetzt spielen

Auf Verfasserphantasieflügeln

Warum es für Charlie ein Vorteil war, als bibliobiologisch aufgeklärte Buchpersonen zu figurieren

Von inoffiziellen und offiziellen Lesern und vom ohrenbetäubenden Gebrüll einer Buchperson zu den Worten ihres Verfassers

Wie genasführte Dummköpfe in den Buchweltbergen?

Nachwort

Riskantes Bergsteigen im buchweltlichen Hochgebirge

Da zogen sich einmal mehrere Buchweltpersonen – das sind jene Personen, die in Büchern leben und durch ihre Leser lesend belebt werden – wetterfeste Kleidung an, nahmen Rucksäcke auf und wanderten den Fluß ihres Leselebens immer höher und höher hinauf. Solch eine gewagte Expedition war in der ganzen Buchwelt bis dahin noch nie unternommen worden. Aber diese waren wagemutige Burschen, und zudem brannten sie auch vor Neugier, an die Quelle ihres Daseins zu kommen, ihren Ursprungsort zu erschauen.

Das Steigen ging zuerst, ganz entgegen ihrer Vermutung, immer leichter, je weiter sie gelangten. Die Quelle, von der sie wußten, daß sie auf dem Gipfel des Gebirges gelegen war, in dem sie kletterten, schien alle in der Gruppe magnetisiert zu haben. Von einer bestimmten Höhe ihres Weges an setzten sie ihre Füße nämlich immer unbeschwerter auf das lesestoffliche Gestein und kamen immer schneller voran.

»Vielleicht sollten wir umkehren«, dachte der Bergführer beklommen. Doch das war wohl schon unmöglich. Denn alle anderen, die da mit ihm kletterten, waren von der Idee, an die Quelle ihres Daseins zu kommen, wie besessen. Es gab kein Zurück.

Obwohl es so flott vorwärtsging, war dem Bergführer nicht sehr wohl zumute, er wußte ja schon, daß dieser Quellenbesuch – wenn er zustande käme – für sie alle unheilvoll ausgehen würde. Aber da er mit den anderen nicht – noch nicht – wieder darüber streiten wollte, schwieg er lieber. Wenn man im Dorf auf ihn gehört hätte, wäre diese Expedition unterblieben. Oder er hätte ihr ein anderes Ziel gesetzt. Das reale Gebirge war groß und mit den schönsten Gipfeln geschmückt (er hatte sie alle erklommen und kannte sich in diesen Bergen aus wie kein anderer). Aber nein! Man wollte diesmal in die irrealen Berge ziehen und auch noch auf ihren höchsten lesestofflichen Peak. Vergeblich hatte er immer wieder und mit den heftigsten Worten davor gewarnt, hatte protestiert und darauf hingewiesen, daß die lesestofflichen Berge von niemandem, besonders nicht von Buchpersonen, zu ersteigen seien, da sie ja auch aus Lesekörperstoff bestünden und diese stoffliche Identität so ein Unternehmen zu dem gefährlichsten mache.

»Wir gehören zwar der lesestofflichen Organik an«, hatte er gesagt. »Und das lesestoffliche Gebirge, wohin ihr wollt, ist anorganisch, aus steilen Felswänden und Halden zusammengefügt. Aber dieser Unterschied wiegt die Ähnlichkeit, die zwischen uns und jenem Gebirge besteht, nicht auf. Im Gegenteil! Er läßt sie einen verheerenden Einfluß auf uns nehmen, wenn wir uns erdreisten, unseren Fuß in dieses Gebirge zu setzen. Das könnt ihr mir glauben, ich spreche aus Erfahrung. Ja, ich bin einmal allein dort gewesen, weil es mich interessiert hat, zu sehen, wie das Bergsteigen in den lesestofflichen Felswänden ist. Jetzt hört mir mal alle gut zu! Ich habe feststellen müssen, daß es für buchpersönliche Alpinisten nichts Schwierigeres gibt, als in solchen Bergen zu klettern. Die lesestoffliche Identität zwischen uns und dem Gestein dort bewirkt, daß wir uns von jedem Felsen, jedem Abgrund, jeder Nische an einer Bergwand – und sei der Weg hin zu ihr auch noch so halsbrecherisch zu begehen – angezogen fühlen und keine kleine Anstrengung notwendig ist, um dieser fatalen Zugkraft zu widerstehen. Selbst ich alter Alpinist hatte große Mühe, mit heiler Haut aus diesen Bergen herauszukommen. Wie wollt ihr das schaffen? Ihr seid noch nicht mal dort und steht – würde ich jedenfalls sagen – schon völlig im Bann des lesestofflichen Magnetismus, den diese Berge erzeugen. Daß ihr so leidenschaftlich darauf fixiert seid, sie zu besteigen, ist der klare Beweis dafür. Überlegt euch die Sache lieber noch einmal, ehe es zu spät ist! Ich sage euch: Mit dieser Kletterpartie nehmt ihr vermutlich viel zu viel auf eure Schultern.«

»Laß dir wegen uns nur keine grauen Haare wachsen!«, lautete die Antwort der Leute auf seine sorgenvollen Mahnungen. »Uns wird im lesestofflichen Gebirge nichts passieren. Wir werden ja unseren Leser mit dabeihaben. Na, und der liest uns durch alle Schwierigkeiten, die sich beim Klettern ergeben könnten, ganz leicht und tadellos hindurch. Der ist unsere Leselebensversicherung. Da kann nichts schiefgehen. Was? Du hast das nicht gewußt? Du kennst den Leser noch gar nicht? Dann wird es aber Zeit, daß wir ihn dir vorstellen. Er ist ein prächtiger Kerl und wird dir sehr gefallen. Wie? Du glaubst nicht, daß der Leser uns im Notfall helfen könnte? Daß er das Unglück passieren lassen müsse? Na, hör mal! Weißt du denn nicht, daß Leser Realpersonen sind, die sich Buchpersonen vorstellen können, wie, wo und wann sie wollen? Selbst wenn die Bücher es anders bestimmen, wenn sie ihren Buchpersonen ein fatales Ende verschreiben, können ihre realen Leser die Sache umdenken, sie sich anders und für die Buchpersonen günstiger vorstellen. Ihre reale Einbildungskraft befähigt sie dazu. Das genügt vollkommen, damit unsereinem nichts mehr geschieht. Nun enthält aber unser Buch, unser Text, nichts, was für uns unvorteilhaft wäre. Das hat uns der Leser hochheilig versichert und auch sein Ehrenwort darauf gegeben. Was willst du also? Uns steht eine gefahrlose Expedition in das lesestoffliche Gebirge bevor, wir werden Panoramen zu sehen bekommen, die zuvor kein Buchweltmensch gesehen hat. Und daß wir den Gipfel erklimmen werden, ist völlig sicher.«

Auf diese Rede hatte der Bergführer wieder mit warnenden Argumenten reagiert. »Für uns Buchpersonen sind reale Leser die unzuverlässigste Adresse«, lauteten seine Worte. »Das ist besonders heute so, wo in der realen Welt viel weniger gelesen und sehr viel mehr ferngesehen wird. Was macht ihr, wenn der Leser, der so viel Gutes versprochen hat, euch mitten in den lesestofflichen Bergen im Stich läßt, nur weil ihm eure Kletterei zu langweilig geworden ist? Von einem solchen ist jede unangenehme Überraschung zu erwarten. Wer wird euch, wenn ihr dann, allein gelassen, in dem lesestofflichen Felsen hängt, wieder sicher herunterbringen? Niemand. Ihr würdet dort also immer weiter hängen bleiben müssen. Zum Weiterklettern fehlte euch wegen eures Schwindelgefühls und der fatalen Anziehungskraft der Abgründe um euch herum der Mut. Ihr müsstet alle hilflos weiterbaumeln und – weil dazu ja auch Kräfte notwendig sind, die bei Überbeanspruchung jedem einmal ausgehen müssen – zum Schluß einer nach dem anderen in die Tiefe und in den Tod stürzen. Wollt ihr das riskieren? Aber weiter! Ihr seid ganz von der Idee besessen, an den Ursprungsort eurer Existenz zu kommen, an eure Leselebensquelle, die, wie ihr behauptet, auf dem höchsten Gipfel des lesestofflichen Gebirges liegt. Wer hat euch das gesagt? Euer Leser, nicht wahr? Nun, ich kenne ihn nicht, noch nicht, und kann mir deshalb kein Urteil über diesen Herrn erlauben. Aber ich glaube, daß er nicht die Wahrheit spricht. Wir sind Buchpersonen, und unsere Leselebensquelle, unser Ursprungsort, kann an keinem Gebirgssee liegen. Jetzt könnt ihr mir sagen: ›Warum nicht? Wir vermuten diese Quelle doch nicht irgendwo, sondern auf dem Gipfel des lesestofflichen Gebirges. Ist das nicht gerade der Punkt, der am besten zu ihr paßt? Und fließt das Leseleben nicht wie jeder andere Fluß von bergigen Höhen in Niederungen hinunter? Ist es nicht zuerst ein enger, wilder Bergbach und später schon ein umso viel breiterer und langsamerer Strom?‹ Das ist eine sehr – ich würde sogar sagen: zu – poetische Auffassung unseres buchpersönlichen Daseins, liebe Freunde, sein metaphorisches Bild, das vielleicht geeignet ist, einen realen Leser auf uns neugierig zu machen, dem man aber als Buchperson nicht trauen darf, denn tatsächlich entspricht ihm nichts. Die Vision eures Leselebens als ein zu Tal stürzender Bergfluß könnt ihr vergessen. Denn sie stimmt einfach nicht. Als Buchpersonen sind wir – wenn man schon unbedingt darauf bestehen will, daß wir einem nassen Element entsprungen sind – aus Tinte geboren, und die fließt in der realen Welt nicht irgendwelche Bergwände hinunter, sondern steht in einem Tintenfaß auf einer waagerechten und breiten Fläche, unter der man sich die Platte des Schreibtisches vorzustellen hat, an dem unser Autor, Schöpfer oder Dichter – nennt ihn, wie ihr wollt – gesessen hat, als er uns ausdachte und aufschrieb. Wo wollt ihr also hin? Das, was ihr sucht, nämlich eure Geburtsstätte, ist bestimmt nicht auf dem Gipfel des lesestofflichen Gebirges zu vermuten. Ihr riskiert, wenn ihr überhaupt bis dorthinauf gelangt, eine grobe Enttäuschung. Und daß unser Autor sich Alpinisten ausgedacht haben sollte, um sie auf den höchsten Gipfel des lesestofflichen Gebirges zu schicken und das auch noch mit einem bergsteigenden Leser in ihrem Team, halte ich für höchst unglaubhaft. Auf solche Schnapsideen kommt kein auch nur halbwegs seriöser Dichter. Wie gefährlich der lesestoffliche Granit für buchpersönliche Bergsteiger sein kann, welche auf ihm entlangklettern, muß, wenn ich, eine einfache Buchperson, das weiß, ein Dichter, der – wenn er normal ist – die volle Verantwortung für alle seine Buchfiguren trägt, sich wohl selbst sagen können. Außerdem wäre noch die genaue Funktion des Lesers in eurer Mannschaft festzulegen. Habt ihr das getan? Habt ihr den Herrn überhaupt gefragt, wie er mit von der Partie sein wird, als Buch- oder als Realperson? Natürlich nicht. Auf diese Frage seid ihr nicht gekommen, und jetzt, wo ich sie stelle, zeigt ihr ganz verständnislose, abweisende Gesichter. Dabei ist sie die denkbar wichtigste, gerade im Zusammenhang mit der Expedition, die ihr vorhabt. Denn ist der Leser bei euch eine Buchperson, so dürft ihr keine Hilfe von ihm erwarten, wenn in den Bergen etwas schiefgeht. Dann ist er für alle Gefahren, die von dem lesestofflichen Gestein für Buchpersonen ausgehen, ebenso anfällig wie ihr, kann er ebenso leicht in sie hineinstolpern und ihr Opfer werden wie jeder andere in eurem Team. Dann kann der Leser in keiner Notsituation, die sich in dem Gebirge ergibt, euer Retter sein. Das könnt ihr getrost vergessen. Wird er aber als Realperson eure Expedition in die lesestofflichen Berge begleiten, bleibt er nur ihr realer Leser, also jemand, der an ihr teilnimmt, ja, aber nicht direkt mit dabei ist, niemals direkt mit dabei sein kann. Denn reale Leser sind in dem, was sie lesend beleben, beseelen und verwirklichen, niemals unmittelbar präsent. Selbst bleiben sie in ihrer realen Welt, und was von ihnen bis in unsere Leselebenssphäre durchkommt, ist bestenfalls ihr realer Lesergeist. Was so ein Geist kann, ist: uns lesen. Die Kraft, irgendwelche Veränderungen in unseren Gedichten und Geschichten zu erwirken, besitzt ein Lesergeist nicht. Ja, er kann sich Veränderungen denken, sie sich sogar plastisch vorstellen. Aber diese Gedanken und Vorstellungen bleiben ganz bei ihm. Bei uns, liebe Freunde, kommen sie nicht an. Bei uns kann so ein Geist nur die Ursache der buchthematischen Entwicklung unserer Geschichten oder Gedichte sein. Sein Lesen ist die Antriebskraft für alle Geschehnisse in unseren Texten, der erste und letzte Beweggrund all unserer Leselebensschicksale in der Buchwelt. So ergibt es sich, daß euer vielgepriesener Lesergeist (da er euch ja nur lesen kann) immer bloß imstande ist, euch eurem textlich-schriftlich festgelegten Schicksal zuzuführen, also das, was in dem Buch eures Leselebens über euch entschieden wurde, auch leselebensmäßig an euch sich vollziehen zu lassen. Wenn das etwas Schlechtes ist, und gerade das scheint mir, wie schon gesagt, hier der Fall zu sein, muß euer Leser es mit euch geschehen lassen, ja er muß – da er euch ja lesend in alles, was euch textlich erwartet, also auch in euer Unglück, hineinzieht – an eurem Verderben mitschuldig werden. Jetzt könnt ihr noch denken: ›Unser Leser ist ein guter Mann und wird uns nicht in etwas Schlechtes hineinlesen, auch selbst wenn dieses Schlechte uns textlich verschrieben ist und er es lesend mit uns geschehen lassen müßte.‹ Ich kenne euren Leser nicht, noch nicht. Und werde mich deshalb hüten, hier ein moralisches Urteil über ihn zu fällen. Aber ich kann euch versichern, daß es unter den realen Lesern keinen einzigen gibt, der sich beim Lesen rücksichtsvoll gegenüber den Buchpersonen verhält, die ihm in seinen Büchern begegnen, der zum Beispiel bei einer dort nahenden Leselebensgefahr aus Sorge um die Buchpersonen nicht mehr weiterliest, der die Lektüre abbricht, weil er nicht will, daß diesen Personen textlich etwas zustößt. So fürsorglich verhalten sich reale Leser grundsätzlich nicht. Hier nun zu denken, sie wären deshalb bösartig und nur darauf aus, uns in leselebensgefährliche Situationen zu versetzen, uns zu quälen, ihren sadistischen Gelüsten vor buchweltlichen Schreckensbildern freien Lauf zu lassen, ist natürlich auch nicht richtig. Nein, reale Leser lesen so passiv, weil sie grundsätzlich nichts vom Leben in ihrem Lesestoff wissen, weil sie glauben, es bei ihrer Lektüre nur mit subjektiven, also von ihnen selbst erzeugten Vorstellungsbildern zu tun zu haben, mit bloßen Leserhirngespinsten, in denen alles Schreckliche nur Fiktion ist und nichts wirklich passiert. Die Realperson des Lesers ist bibliobiologisch völlig ungebildet, hat nicht den geringsten Begriff von der Leselebenswelt und ihren eigenen Gesetzlichkeiten. Wenn ihr euer Leseleben von den Entscheidungen dieser Person im lesestofflichen Hochgebirge abhängig machen wollt, so ist das ein völlig sinnloses Vorhaben, denn sie kann darüber gar nichts entscheiden, da ihr jedes echte, bibliobiologische Verständnis für unsere Probleme völlig abgeht. So! Jetzt wißt ihr meine Meinung über das alpinistische Abenteuer, in das ihr euch begeben wollt, und ich will nur hoffen, daß ihr klug genug seid, sie anzunehmen und euch die ganze schiefe Sache mit dem Leser in eurem Team noch einmal gründlich zu überlegen.«

Das war der kleine warnende Vortrag des Bergführers. Daß er sie damit beeindruckte, läßt sich nicht sagen.

»Ach du!«, ließ gleich jemand von den Männern hören. »Was wir uns auch immer ausdenken, du mußt es uns versalzen. Du willst immer alles besser wissen und es so haben, wie du es willst. Diesmal wird nichts daraus. Diesmal geht alles nach unserem Wunsch und Willen. Das soll nicht heißen, daß wir prinzipiell gegen dich eingestellt wären. Wir kennen deine Meriten und schätzen dich. Was ich dir jetzt sagen werde, ist bestimmt auch die Ansicht aller Freunde. Wenn du willst, kannst du dich uns anschließen, kannst du in die lesestofflichen Berge mitkommen und dabei sein, wenn wir dort auf die Suche nach unserer Federlebensquelle gehen. Aber über die Expedition wirst du nichts mehr zu entscheiden haben. Ihr Leiter wird nämlich diesmal ein anderer sein.«

»Doch nicht etwa der Leser?«, fiel der Bergführer dem Redenden hier fragend ins Wort. »Ist er der Chef der Truppe?«

»Jawohl!«, kam ihm gleich die trotzige Antwort entgegen. »Hast du was dagegen?«

»Na, und ob!«, rief der Bergführer ganz entrüstet. »Wie kann ein Leser bei Buchpersonen, die er liest, jemals das Kommando übernehmen? Sowas hat es in der ganzen Buchwelt noch nie gegeben. Das ist völlig unmöglich, ein Schwindel, wie er in keinem Buche steht. Seid ihr denn völlig verrückt geworden, euch auf sowas einzulassen? Ja, wißt ihr denn nicht, wie solche absurden Experimente gewöhnlich ausgehen?« Und als die anderen ihn daraufhin nur befremdet und ärgerlich anstarrten, fuhr der Bergführer fort: »Es geht dann so aus, daß der Leser an einem bestimmten Punkt nicht mehr weiß, wo’s lang geht, daß er sich in seinem Lesestoff völlig verrannt und verirrt hat. Wenn das eintritt, wird es um euch alle geschehen sein. Der Leser verwirft dann nämlich eure ganze Expedition als seinen eigenen mißratenen lese- und schreiberischen Einfall. Ja, ihr habt richtig gehört. Ich sagte ›schreiberisch‹, denn jetzt ist mir klargeworden, daß euer Leser auch euer Schreiber ist, derjenige, der sich diesen absurden Ausflug in das lesestoffliche Gebirge ausgedacht hat und daran schreibt. Wohlgemerkt: Er schreibt bis dato immer noch an der Sache. Das Manuskript ist bei ihm immer noch in der Mache. Dieser saubere Herr weiß also noch nicht, wie alles enden wird, und zieht euch einfach mit sich ins Ungewisse. So ist das und nicht anders!«

»Sagst du!«, murrten gleich welche ärgerlich gegen seine Behauptungen. »Aber wir sehen das anders. Auf uns macht der Leser den Eindruck eines Mannes, dem man voll vertrauen kann. Er hat sich ja ausgewiesen, hat Papiere vorgelegt, aus denen hervorgeht, daß er ein sehr erfahrener, beruflicher Bergsteiger ist, jemand, der im lesestofflichen Hochgebirge schon mehrere Gipfel erstiegen hat. Jetzt staunst du, was? Aber so ist das bei ihm schwarz auf weiß zu lesen, mit Stempeln und Unterschriften des realweltlichen Leseralpinistenklubs. Und dieser Klub ist es auch, der ihn uns geschickt und als Führer in die lesestofflichen Berge empfohlen hat. Man weiß dort, wie sehr wir die Quelle unseres Leselebens zu besuchen wünschen, und will uns darin unterstützen. Ist das nicht sehr aufmerksam?«

Dem Bergsteiger war bei diesen Erklärungen zunächst die Luft weggeblieben, so daß er erst außerstande war, auf diese Frage zu antworten.

Man nahm das als positives Beeindrucktsein und fuhr, schon im Glauben, ihn für den Leser und ihren gemeinsamen Trip in die lesestofflichen Berge gewonnen zu haben, zu reden fort: »Ja, du, und er hat uns auch schon Bilder gezeigt, Aufnahmen von unserer Leselebensquelle auf dem höchsten Gipfel des lesestofflichen Gebirges. Du glaubst es nicht, aber wir haben sie schon gesehen, unsere Federlebensquelle, wie dieser Leser sie auch und viel treffender nennt, denn als Buchpersonen entstammen wir ja eigentlich alle der Feder unseres Autors, nicht wahr? Stell dir vor: Aus der Himmelsdecke, die oben schon fast zum Greifen nah ist oder jedenfalls so nahe zu sein scheint, ragt der Füller, aus dem wir hervorgegangen sind, in die zwei Bergzacken hinein, welche den höchsten Peak unseres Gebirges bilden. Wir sagen ›unseres‹, weil es ja ein lesestoffliches ist und materiell mit uns grundsätzlich völlig übereinstimmt. Der Leser drückt sich, wenn er von diesen Bergen spricht, übrigens ebenso aus. ›Ihr seid alpinistisch engagierte Buchpersonen, und ist es nicht eine Schande, daß ihr euer eigenes Gebirge nicht kennt, noch kein einziges Mal dort gewesen und geklettert seid?‹, sagt er immer wieder zu uns, und wir finden, er hat völlig recht mit dieser Ansicht. Ja, es ist eine Schande. Aber das soll nun anders werden. Die Expedition mit dem Leser ist schon für nächsten Montag angesetzt. Dann stürmen wir den Gipfel unseres Gebirges und werden den Federhalter unseres Autors mit eigenen Augen zu sehen bekommen. Der Leser sagt, alles dort sei ein phantastisch schöner und erhabener Anblick. Das wohlige, schwindlig-schwebende Gefühl, das einen auf dem lesestofflichen Peak überkommt, wäre – weil unser Gebirge eben das höchste von allen ist – mit keiner anderen alpinistischen Erfahrung vergleichbar. Und über alles erhaben wäre der Ausblick dort, weil er am kolossalen Federhalter entlang direkt in die reale Welt hineinreicht, in der unser Autor und unsere Leser leben. Nun ist von dieser Welt dort zwar nichts anderes zu sehen als der Federhalter, dem wir entsprungen sind, aber daß schon das allein sensationell genug ist, wirst du nicht bestreiten können. Wo noch sonst in der Buchwelt kann man einen realweltlichen Federhalter in unsere Bibliobiosphäre hineinragen sehen? Und zudem ist der kleine nachtblaue Tintensee, der direkt unter dem Federhalter liegt, zumindest wegen der Flüssigkeit, die ihn füllt, ja auch ein realweltliches Phänomen. Daß es reale Tinte ist, hat uns der Leser versichert. Nur sei sie wegen der Höhe dort so eiskalt, daß man seinen Finger nicht lange hineinhalten könne, ohne einen Schmerz zu empfinden. Und die Tinte fließe vom Federhalter regelmäßig in den See hinein, denn der sei immer voll davon. Unser Leser war dreimal dort oben und hat den Tintensee immer voll vorgefunden. Die Tinte – sagt er – müsse dort aus dem realen Füller ständig in den See hinunterfließen. Wahrscheinlich ginge das sehr langsam, nur tropfenweise, vor sich. Alle drei Mal, die er dort gewesen war, habe er den Federhalter genau beobachtet, aber keine Tinte herunterkommen sehen. Jetzt will er mit uns so lange dort bleiben, bis der Federhalter einen Tintentropfen losläßt und wenigstens ungefähr berechnet werden kann, in welchem Rhythmus die Tinte in den See nachfließt. Du hast gesagt, daß dieser Leser sich selbst schreiberisch betätigen müßte, das ist wahrscheinlich ganz richtig geraten. Als er so sachkundig vom Federhalter und der Tinte auf dem lesestofflichen Berggipfel sprach, ist uns diese Idee auch gekommen, und wir haben ihn gefragt, ob er vielleicht ein realer Schreiber sei. Dazu hat er nur gelächelt und nichts Konkretes geäußert. Er sagte nur, daß Lesen und Schreiben, wenn beides richtig betrieben wird, immer zusammengehen. Er selbst betrachte sich allerdings mehr als Leser, und dies sei sicherlich ein Grund, warum er direkt Kontakt mit uns aufgenommen habe und bereit sei, uns auf den lesestofflichen Peak zu führen. Denn direkt an die Buchpersonen herantreten, mit ihnen ein Gespräch beginnen, mit ihnen zusammen über ein gemeinsames Arbeitsprogramm diskutieren et cetera, könne man viel bequemer als Leser. Als Schreiber – sagte er – hätte man auf die Wortwahl, auf den Schreibstil, auf die logische und ästhetische Entwicklung der ganzen Komposition und noch auf vielerlei andere Dinge zu achten, was den Direktkontakt mit Buchpersonen – wenn er kein oberflächlicher bleiben soll – prinzipiell ausschließt. Na, wie findest du jetzt den Mann? Hat das, was er sagt, nicht Hand und Fuß?«

Nun war man überzeugt, beim Bergführer alle Zweifel am Leser ausgeräumt zu haben. Gerade das war aber nicht der Fall, das machten bereits die ersten Worte klar, die der Bergführer vernehmen ließ.

»Hand und Fuß?«, grollte er. »Alles, was der Kerl euch gesagt hat, ist im höchsten Grade alarmierend. Es bestätigt nur meinen Verdacht, daß er euch in ein Abenteuer verwickeln will, von dem er selbst nicht weiß, wie es ausgehen soll. Und daß er auch ein Schreiber ist, hat er euch ja gesagt. Wißt ihr, was das heißt? Es heißt, daß die Idee, mit euch in das lesestoffliche Gebirge zu ziehen und dort bis zu eurer Federlebensquelle hochzuklettern, sehr wahrscheinlich das Thema einer Geschichte – einer Erzählung, Short Story, Novelle, nennt es, wie ihr wollt – sein wird, die er schreiben will oder vielleicht schon angefangen hat zu schreiben. Ihr seid so in diese Idee verbohrt, daß mir letzteres jetzt sogar am wahrscheinlichsten vorkommt: Mit eurer Geistesverfassung steht ihr bei ihm bestimmt schon auf dem Papier, und ich brauche mir den Mund nicht fusselig zu reden: Als Buchpersonen seid ihr der Expedition zur Federlebensquelle, diesem Unsinn, denn etwas anderes ist es nicht, schon verschrieben, und was auch immer ich euch hier sage, ihr werdet, ja, ihr könnt, es sowieso nicht mehr annehmen.«

Während der Bergführer redete, hatten sich die Gesichter seiner Zuhörer verfinstert. Was sie sich da anhören mußten, schien ihnen nicht zu gefallen, und als die kleine Pause entstand, die der Bergführer brauchte, um Luft zum Weiterreden zu schöpfen (er hatte alles, was er gegen den Leser gesagt hatte, beinahe in einem Atemzug hervorgebracht), wollten alle protestierend über ihn herfallen.

Doch einer aus der Gruppe war schneller als die anderen und rief: »Halt, Leute! Ich glaube, es ist besser, wenn wir Kalle, ehe wir ihm unsere Meinung sagen, ausreden lassen. Er soll uns, bitte schön, genau erklären, was er gegen unseren Leser hat. Das ist, glaube ich, in seinen Ausführungen dunkel geblieben. Und bis wir das nicht erfahren haben, dürfen wir mit ihm nicht schimpfen.«

Diese in sehr entschiedenem Ton hervorgebrachten Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Man wurde wieder ruhig, der Ruhestifter sagte dem Bergführer daher: »Was du dem Leser vorwirfst, ist, daß er uns in eine Aktion verwickeln will, von der er selbst nicht weiß, wie sie ausgehen wird. Der Sinn dieses Vorwurfs ist uns unverständlich: Wenn man kein Prophet ist – und das ist man normalerweise nicht –, kann man nie wissen, wie was ausgehen wird. Was willst du also von unserem Leser? Was wirfst du ihm vor? Das Bergsteigen ist mit Risiken verbunden. Das weiß jeder, und jeder geht das Risiko gern ein, weil es uns eben wichtig ist, die Quelle unseres Leselebens zu besichtigen. Ja, wir freuen uns sogar auf die ganz unerwarteten und bestimmt auch nicht ungefährlichen Momente beim Aufstieg. Wenn es sie nicht gäbe, wenn der Weg dorthin uns keine Probleme machte, wenn er ein Spaziergang wäre, reizte uns die Sache nicht mehr so. Und selbstverständlich haben wir volles Vertrauen zu unserem Leser als Bergführer. Wenn uns jemand sicher zu unserer Federlebensquelle bringen kann, ist er das. Erstens kennt er die Gegend von seinen früheren Besuchen schon sehr gut. Wir werden also jemanden haben, der schon weiß, wo’s lang geht, und brauchen unsere Zeit nicht mehr mit Auskundschaftungen zu vergeuden. Ist das vielleicht kein Vorteil? Zweitens ist dieser Leser ein charmanter Typ, jemand, dem die Herzen der Buchpersonen zufliegen, wenn er sich ihnen zeigt. Leser – das weißt du sicherlich auch – machen sich ja in unserer Welt grundsätzlich nicht sichtbar. Jedenfalls kam es bis jetzt nur sehr selten vor, daß unsereins einem von ihnen realpersönlich begegnet ist. In den Fällen, in denen dergleichen geschah, sollen die Leser die unansehnlichsten gewesen sein. Sie wären – sagt man – allesamt ziemlich wortkarg und nicht ansprechbar gewesen. Man erklärt das hier mit der ungewöhnlichen mentalen Anstrengung, die ein realer Leser aufbringen muß, um in unserer Buchwelt selbst zur Erscheinung zu werden. Dagegen ist der Leser, mit dem wir die Ehre haben werden, das Buchweltgebirge zu erklimmen, eine wahre Augenweide: sportlich muskulös, mit den einnehmendsten, ebenmäßigen und seine Besonnenheit förmlich ausstrahlenden Gesichtszügen. Daß er Schwierigkeiten hätte, bei uns sichtbar anwesend zu sein, sieht man ihm nicht an. Auf eine leichte, natürliche Weise ist er – wenn er kommt – mit uns zusammen. Wie kann man einem solchen Mann als Buchperson kein Vertrauen entgegenbringen? Und drittens ist dieser Leser der rücksichtsvollste Mensch. ›Wenn es losgeht‹, betont er immer wieder, ›werde ich mich ganz nach euch richten. Was ihr wollt, das soll – wenn es nicht zu verrückt ist und unsere Sicherheit in den Bergen gefährdet – auch geschehen. Laßt beim Aufsteigen euren Einfällen nur freien Lauf! Ich werde alles tun. Unter meinem Kommando könnt ihr überall hinklettern, euch alles ansehen und verweilen, wo und wie lange ihr wollt. Ich werde euch nichts verbieten.‹«

Das war die Rede, die ihm zur Verteidigung des Lesers gehalten wurde, und Bergführer Karl hatte nur grimmig genickt. So, als hätte er bereits gewußt, worüber man in diesem Zusammenhang spräche, als seien die drei Punkte in der Beschreibung der realen Leserperson für ihn nichts Neues. Als die letzten Worte gesprochen waren und alle Alpinisten ihn erwartungsvoll ansahen, sagte er zornig: »Euer Leser kennt den lesestofflichen Gipfel also schon genau, sagt ihr, weil er – und das imponiert euch wohl – schon dreimal dort oben gewesen ist. Das will ich ihm herzlich gerne glauben. Ja, er kennt den Peak wie seine Hosentasche. Und daß er nur dreimal dort war, ist gelogen. Er wird viel öfter dort gewesen sein. Vielleicht 30 oder sogar 300 Mal. Für diesen Kerl ist nämlich nichts leichter, als dorthin zu kommen. Er hat sich – da er ja, wie wir wissen, auch ein Schreiber, ein Autor, ist – diesen Peak ausgedacht und möglicherweise schon aufgeschrieben. Eure Federlebensquelle, auf die ihr so neugierig seid, gibt es – dessen könnt ihr euch sicher sein – nur in seinem Leser- und Schreiberkopf. Das ist seine schreiberische Erfindung, pure Fiktion, und hat mit der buchweltlichen Hochgebirgsrealität nichts zu tun. Das bezeugt auch der reale Füller, der dort aus dem Himmel heraus auf den Gipfel gerichtet sein und Tintentropfen in den See unter ihm fallen lassen soll. Das ist eine Albernheit, die alle Grenzen des buchweltlich Vorstellbaren übersteigt. Einen Tintensee, dem sie ontogenetisch entstiegen wäre, hat noch keine Buchperson gesehen, und sowas kann sie auch niemals zu Gesicht bekommen, denn wir entstammen alle keinem buchweltlichen Tintensee, sondern einem realen Tintenfaß. Und nicht einmal das ist in diesem Fall die absolute Wahrheit. Denn wer zählt die Buchpersonen, die von ihrem realen Autor mit einem Kuli oder einem realen Füllfederhalter aufgeschrieben wurden? Es sind zahllose. Ich sage euch: Die Federlebensquelle ist eine Schnapsidee von eurem Leser, den man zutreffender Schreiber nennen müßte, denn was er euch erzählt hat, ist von ihm ausgedacht, um es aufzuschreiben, um eine Erzählung oder einen Roman daraus zu machen. Daß er euch so beschwatzen, euch für die Expedition zu der Federlebensquelle gewinnen mußte, scheint mir der Beleg dafür zu sein, daß es die Anfangsphase von diesem lächerlichen Unternehmen schon schriftlich gibt. Immer wenn eine Buchperson sich etwas so unwiderruflich in den Kopf gesetzt hat, kann man davon ausgehen, daß es von ihrem Verfasser schriftlich abgesegnet worden ist.«

»Na, siehst du!«, sagte der Sprecher der anderen zufrieden. »Dann ist ja das mit unserer Expedition schon so gut wie gebongt, und du brauchst nicht mehr länger dagegen zu reden. Wenn sie von unserem Leser schon aufgeschrieben ist, muß sie, was immer auch passiert, doch stattfinden. Unser Herzenswunsch wird also, was du auch sagen magst, in Erfüllung gehen.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, rief Karl, der Bergführer, hier warnend. »Es kann nämlich auch sehr leicht so kommen, daß dieser Leser und Schreiberling – wenn die Expedition nicht nach seinem Wunsch geschieht, wenn dabei nichts Interessantes passiert oder nichts, was interessant genug wäre, um später möglichst viele und ganz andere Leser im Geiste dieselbe Expedition an die Federlebensquelle mit euch mitmachen zu lassen – das ganze Vorhaben plötzlich abbläst, weil er der Meinung ist, daß diese Erzählung kein literarischer Erfolg werden kann. Und es wäre nicht das erste Mal, daß ein Schreiberling seine Buchpersonen derart verrät, daß er sie in der Luft hängen und sterben läßt, weil ihr Text ihm nicht mehr gefällt und er keine Lust mehr hat, noch weiter daran zu schreiben.«

»Das ist eine empörende Unterstellung!«, bekam Karl jetzt von den anderen zu hören. »Du kennst den Mann noch nicht und fällst schon ein so vernichtendes Urteil über ihn. Du solltest dich was schämen! Woher weißt du überhaupt, daß er zu so einem schnöden Verrat an uns fähig wäre? Das ist doch ein völlig unbeweisbarer Verdacht. Was sollte ihn dazu bewegen, sich so niederträchtig uns gegenüber zu verhalten? Mit seinen Buchpersonen eine Reise machen, bei der er keine Ahnung hat, wie sie zu Ende gehen wird, kann nur ein vollkommen gewissen- und verantwortungsloser Autor. Nein! ›Autor‹ ist ein ehrbarer Begriff und in so einem Zusammenhang nicht zu verwenden. So kann sich nur ein elender Skribifax verhalten, der nicht weiß und dem auch ganz egal ist, was er schreibt. So aber verhält sich dieser Leser nicht. Sein Habitus und vor allem seine bedachte und höfliche Redeweise lassen eine derart finstere Ansicht über ihn einfach nicht zu. Und warum sollte er eine solche Missetat überhaupt begehen wollen? Wozu der Verrat an seinen eigenen Buchpersonen? Denn die wären wir ja, wenn stimmt, was du sagst. Wäre das nicht wie ein Schlag – und noch dazu der denkbar schmachvollste –, den er sich selbst versetzte? Was redest du?«

»Ich weiß genau, was ich sage«, hielt Bergführer Karl dagegen. »Für mich ist – wenn ich euch hier so zuhöre – nichts evidenter geworden als der gerade für uns Buchpersonen so tödliche Leichtsinn, der sich mit der Expedition zu eurer Federlebensquelle verbindet. Diese Gefahr, Leute, existiert. So wahr ich euer Bergführer bin oder war. Denn jetzt hat ja euer heißgeliebter Leser diesen Posten übernommen. Na, und was euch das Gutes bringt, das werden wir noch sehen. Ihr versteht nicht, warum dieser Mann euch jemals schlecht behandeln, warum er euch mitten auf dem Weg zur Federlebensquelle im Stich lassen sollte. Daß euch das unbegreiflich ist, bezeugt nur, wie wenig ihr von eurem Leser und Schreiber wißt, wie völlig oberflächlich und unwesentlich alle Vorstellungen sind, die ihr euch über diese Realperson macht. Ich sage euch: Dieser Mann geht mit euch nur in die lesestofflichen Berge, weil er glaubt, daß ihr ihm mit eurem Verhalten und mit allem, was ihr sagt, auf dieser Klettertour zu Einfällen verhelfen könnt, diese Expedition glücklich immer weiterzuentwickeln und an ihr Ende zu bringen. Dieser Herr gehört zu der Sorte von Autoren, die sich beim Schreiben von ihren eigenen Buchpersonen führen lassen. Und das sind die gefährlichsten von allen Schriftstellern, die gefährlichsten für ihre eigenen Buchpersonen. Wenn diese sich unfähig zeigen, ihrem Schöpfer-Autor Ideen vorzugeben, mit denen er sein erzählerisches Vorhaben mühelos zu Ende bringen kann, haben sie von ihm nichts Gutes mehr zu erwarten. Dann streicht so einer sie einfach auf seinem Papier durch und wirft dieses weg, dann hält er seinen erzählerischen Einfall für einen Mißgriff, an dem weiterzuarbeiten sich nicht lohnt. Dann wird er sich beeilen, die ganze Sache möglichst schnell zu vergessen und etwas anderes, besseres, also etwas mit einfallsreicheren Buchpersonen zu versuchen. Und so ein gewissenloses, in jeder Beziehung einfach unverantwortliches Verhalten seinen eigenen Geschöpfen gegenüber nimmt so ein realer Schreiberling nicht mal als Missetat wahr. Er glaubt nicht eine Sekunde lang, etwas Tadelnswertes zu tun, wenn er seinen dichterischen Entwurf abbricht, alle dort verstrickten Buchpersonen dem Orkus überantwortet, um sich irgendwelchen anderen, ihm schreibbarer erscheinenden Projekten zuzuwenden. Ihn zwackt nicht das mindeste Schuldgefühl, da er seine Buchpersonen nicht für vollwertige Lebewesen hält, da er meint, sie seien bloß seinem Kopf entsprungene Vorstellungsgebilde, über deren Sein oder Nichtsein zu entscheiden ihm allein zustehe. Und selbstredend wird solch ein ›Autor‹ – ich sage das in Anführungszeichen – zu seinen Buchpersonen immer sehr zuvorkommend sein, er wird ihnen alles Denk- und Undenkbare versprechen, wird etwa ihnen anbieten, sie zu ihrer Federlebensquelle auf dem höchsten Gipfel des lesestofflichen Gebirges zu führen, und sogar von einem Tintensee reden, der dort unter der Feder ihres ›Autors‹ liegt und der wegen der Tintentropfen, die vom realen Füller dort regelmäßig in ihn hineintropfen, nicht austrocknen kann. Mit solchem Unsinn verführt so einer seine Geschöpfe dazu, sich mit ihm auf den Weg ins Weglose zu machen. Ja, ihr habt richtig gehört, ich sagte ›ins Weglose‹, denn einen Plan, auf dem eure Kletterroute aufgezeichnet wäre, hat dieser Herr nicht, den kann er auch gar nicht haben, denn so einen Plan gibt es – weil eure ganze Expedition eben nichts weiter als eine Schnapsidee dieses Mannes ist – niemals im Vorhinein. Den entwirft so ein ›Autor‹ nur in praxi, wenn er sich an die schreiberische Umsetzung seiner Ideen macht, wenn er beginnt, seine Novelle, seine Short Story, sein Gedicht oder was immer er vorhat zu schreiben. Was er erwartet, ist, daß ihr mit eurem Verhalten auf dem Weg zur Federlebensquelle und dem, was ihr ihm da sagen werdet, seine Vorstellungen von der Expedition, ihre Schwierigkeiten, Anforderungen und Anstrengungen, präzisiert und zu einem anschaulich-konkreten Lesestoff verformbar macht, zu einem Stoff, wie er für das literarische Schreiben und Erzählen notwendig ist. Also: Nicht er ist es, der euch zu der Federlebensquelle führt, sondern ihr sollt ihn dorthin bringen, indem ihr ihm beim Klettern vorsagt, wie er den Weg zu schildern hat. Wenn ihr ihm das nicht sagen könnt, wenn nichts von euch kommt, was er für dieses Projekt gebrauchen könnte, so wird das das Ende eurer Expedition bedeuten: Dann läßt er euch einfach fallen und verschwindet. Wer auf den Schnipseln dieses fruchtlosen Projekts in seinen Papierkorb wandert, wird niemand anderes sein als ihr. Er hat dann alles Interesse an der Idee verloren und euch ohne jedes Bedenken – denn für ihn seid ihr ja nur sein subjektives Gedankenflimmerwerk – der für alle Leselebewesen tödlichen Sinn- und Seinslosigkeit überantwortet. Das ist es, was euch bevorsteht, wenn ihr diesem Herrn in die lesestofflichen Berge folgt, und nichts anderes.«

Die Expedition in das buchweltliche Hochgebirge als leselebensgefährliche Unglücksidee

»Von allem, was du hier gesagt hast, ist nur eines glaubhaft und als etwas sehr wahrscheinlich Wahres anzunehmen«, bekam der Bergführer jetzt zu hören. »Der Leser, meinst du, sei auch und sogar vor allem ein Schreiber, der von seiner Expedition zusammen mit uns zu unserer Federlebensquelle erzählen will und offenbar die Absicht verfolgt, seinen Bericht drucken und von anderen Lesern in seiner realen Welt lesen und bewerten zu lassen. Das ist an sich ein durchaus gut zu nennendes, löbliches Vorhaben, und wir müssen diesem Herrn sogar dankbar dafür sein, daß er sich uns ausgedacht hat und mit uns zusammen so eine schwierige Klettertour unternehmen möchte. Ja, unseren grenzenlosen Dank verdient dieser Herr schon allein deshalb, weil er uns überhaupt in seiner Textwelt erschaffen hat. Er hätte das nicht tun müssen, dann hätten wir niemals das Licht dieser Welt erblickt, nicht wahr? Du übrigens auch nicht, lieber Karl, denn du gehörst ja zu uns und stammst als Buchperson folglich genau so von ihm ab wie wir. Diese Erkenntnis erlaubt den weiteren Schluß, daß wir und unsere Expedition zu der Federlebensquelle diesem Leser, der unser Autor ist, sehr am Herzen liegen müssen, daß er auf dieses Projekt großen Wert legt und schon sehr lange daran arbeitet. Vielleicht nicht unmittelbar-schriftlich, so hätten wir ja etwas davon merken müssen, sondern nur in Gedanken, reflexiv, was verständlich wäre: Jeder gewissenhafte Autor überlegt sich sein Schreibprojekt erst mal gründlich, bevor er es schriftlich in Angriff nimmt. Es ist also anzunehmen, daß unser verehrter Autor sich schon eine beachtlich lange Zeit mit der Idee seiner Federlebensquellenexpedition und insofern also auch mit uns beschäftigt, denn – das wirst du nicht abstreiten können, du bist ja unser Bergführer – wir leben schon seit Buchweltmenschengedenken in unserer alpinistischen Textwelt. Folglich dürfen wir uns auch sicher sein, daß unser Autor alles tun wird, was in seinen Kräften steht, um die Expedition mit ihm und uns ordentlich, also auch für andere Leser interessant genug, aufzuschreiben. Wer so lang an einer Idee festhält wie er, dem bedeutet sie etwas, der wird sich alle Mühe geben, um sie in etwas Gutes zu verwandeln. Aber weiter! Du hast die Möglichkeit, daß der Leser, den wir richtiger unseren Schreiber nennen müssen, daß also dieser Mann uns Fragen über den Weg stellen wird, den unsere Expedition zu nehmen hat, als eine schiefe Sache hingestellt, hast so davon gesprochen, als ob er diesen Weg nicht kenne und erst von uns erfahren müsse, wo und wie wir in den lesestofflichen Bergen zu klettern haben. Da auch wir die Situation dort oben gar nicht kennen können – wir waren ja niemals dort – und er das wissen muß, wäre so ein Verhalten von ihm wirklich verantwortungslos und tadelnswert. Eben: Das kann nicht wahr sein. Wer so lange über ein Projekt nachdenkt wie unser Autor, der hat schon immer die Art und Weise, wie es entwickelt und ausgeführt werden muß, im Kopf, für ihn kann es sich nur um Einzelheiten handeln, die er sich von seinen Buchpersonen sagen lassen möchte. Das ist normal, ein Autor kann nicht alles wissen. Und warum sollte das für uns so gefährlich sein? Du hast behauptet, daß er den Weg zur Quelle nicht wüßte und ihn erst, wenn wir im lesestofflichen Hochgebirge sind, von uns erfahren wollte. Wenn wir ihm dort dazu nichts Konkretes sagen könnten, würde er, behauptest du, nichts mehr mit uns zu tun haben wollen und auf der Stelle verschwinden. Das alles hört sich zwar schaurig genug an, ist aber glücklicherweise nur dein Hirngespinst. Denn wenn man darüber nachdenkt, muß man sagen, daß unser Autor – schon allein, weil er so lange mit seinem alpinistischen Projekt beschäftigt ist – das allgemein Notwendige dazu, also den Weg bis zum Gipfel des literarischen Gebirges, im Kopf haben muß. Dafür spricht, daß er selbst schon dreimal dort war. Das hat er uns so überzeugend versichert, daß es einfach unmöglich ist, anzunehmen, er flunkere uns nur etwas vor. Nein, was er von uns wissen will, ist wahrscheinlich, wie wir uns beim Klettern unter seiner Führung fühlen, was wir von der Expedition halten, wie uns das lesestofflich-literarische Hochgebirgspanorama gefällt, welche Anstrengungen uns der Aufenthalt da oben kostet und was unsere Eindrücke von unserer Federlebensquelle sind. Über diese Dinge werden wir ihm natürlich sehr gern Auskunft geben. Was willst du also noch?«

Nun schwieg Karl einige Sekunden lang. Er wägte ab, inwieweit es überhaupt sinnvoll wäre weiterzureden. Waren seine Leute von dieser Unglücksidee nicht schon so sehr eingenommen, daß man schon annehmen mußte, sie seien von ihrem Autor bereits in diesem Sinne festgeschrieben? Was konnte er, wenn sich das so verhielt, noch erreichen? Die Chancen, jemanden von ihnen überzeugen zu können, waren sehr gering. Der Bergführer wollte es trotzdem versuchen. Vielleicht würde es ihm wenigstens gelingen, seine Leute mit dem, was er ihnen jetzt noch sagen könnte, stutzen zu lassen. Wenn sie dann in den Bergen wären, reichte das möglicherweise schon aus, um ihren Blick auf ihren Leser und Autor kritisch zu schärfen.

»Was ich noch will?«, fragte er jetzt deshalb ruhig zurück. »Ich will immer noch, daß ihr endlich Vernunft annehmt und eure Expedition zu der Federlebensquelle als ein vollkommen unmögliches und sehr riskantes Unternehmen zu verstehen lernt. Ich will immer noch, daß ihr aufgrund eines solchen kritischen Verständnisses von diesem Projekt unserem leichtsinnigen, das Leben seiner eigenen Buchpersonen so völlig bedenkenlos aufs Spiel setzenden Leser und Autor mit aller Entschiedenheit klarmacht, daß ihr an der Expedition, so, wie er sie euch vorgeschlagen hat, nicht teilnehmen werdet, weil sie euch zu leselebensgefährlich zu sein scheint.«

»Nehmen wir einmal an, es ist alles so, wie du sagst!«, wurde er gleich unterbrochen. »Die Expedition ist, weil sie von unserem Autor nicht genau genug durchdacht sein könnte, ein literarisches Risiko, auf das wir uns als Buchpersonen nicht einlassen dürfen. Wird unser Autor, wenn wir ihm zu verstehen geben, daß uns die Expedition, die er mit uns vorhat, nicht gefällt, daß wir Bedenken gegen die Bedingungen erheben, unter denen sie vonstatten gehen soll, uns aus seinem Schöpfer- und Schreiberkopf nicht gleich ärgerlich fortwischen oder – wenn er uns schon irgendwie aufgeschrieben hat – das Papier, auf dem wir bei ihm stehen, wütend zusammenknüllen und in den Papierkorb werfen? Würden wir durch solch ein ablehnendes Verhalten unseren Untergang nicht schon heraufbeschworen haben, ehe die Expedition angefangen hat und wir alle mit unserem Autor in den Bergen unterwegs wären? Widerspricht das, was du uns rätst, nicht der Logik deiner eigenen Argumentationsweise?«

»Keinesfalls!«, ereiferte sich Karl. »Alles hängt nur davon ab, wie ihr mit unserem Autor sprecht, was ihr ihm sagen werdet, wenn ihr ihm euer Mißtrauen zu dem Expeditionsprojekt ausdrückt. Darum will ich euch bitten, mich euer Sprecher sein zu lassen, wenn es nötig wird, Verhandlungen mit unserem Autor zu führen. Ja, ich werde mich eurer Expedition anschließen, obwohl es kein verrückteres Unternehmen unter dem ganzen Buchwelthimmel gibt. Weil ich die buchweltlichen Berge am besten kenne und auch etwas von Bibliobiologie verstehe, darf ich nicht zurückbleiben, wenn es losgeht. Schließlich gehöre ich selbst in diesen literarisch-alpinistischen Stoff und werde ebenso betroffen sein wie ihr, wenn mit oder in ihm ein Unglück passiert. Durch unsere rechtzeitige Bekanntmachung einer Bedingung für die Expedition, also einer, die wir unserem vorwitzigen Autor mitteilen, bevor wir in das lesestoffliche Hochgebirge ausrücken, kann uns nichts Schlimmes geschehen, unser Autor wird uns nichts tun, wenn wir ihm sagen: ›Wir gehen nur mit dir mit, wenn du eine Karte hast, auf der der Weg zu unserer Federlebensquelle genau aufgezeichnet ist und mit der wir uns im Gebirge stets vergewissern können, daß wir uns auf unser Ziel zubewegen.‹ Er wird von der Bedachtsamkeit seiner Buchpersonen sehr beeindruckt sein und, anstatt Ärger zu empfinden, sicher nur mit größter Zufriedenheit feststellen, was für kluge Buchpersonen seine Alpinisten sind. Das kann ihn nur anspornen, diese Novelle, den Roman, das Gedicht über die Federlebensquelle umsichtiger, also behutsamer und für das kluge Buchpersonal, das ihm dafür zur Verfügung steht, in Angriff zu nehmen. Wenn er – was ich für sehr wahrscheinlich halte – noch keine Karte entworfen hat, die diese Quelle geographisch und mit allen Zugangswegen dorthin bestimmt –, wird er die Expedition um ein paar Tage verschieben und die Karte in dieser Zeit eiligst erstellen. Für ihn ist das eine Kleinigkeit, denn er braucht sich den Weg zur Quelle ja nur in den gröbsten Zügen auszudenken, irgendwas Beliebiges aufzuzeichnen, dem objektiv nichts entsprechen muß, da die gesamte lesestoffliche Gebirgslandschaft mit ihrem Gipfel und der Federlebensquelle nichts anderes ist als sein eigenes schreiberisches Hirngespinst. Er wird die verlangte Karte also unverzüglich anfertigen und uns vorlegen. Dann haben wir schon die Gewähr, daß wir mit unserem Autor zusammen nicht ins Blaue hineinklettern, sondern uns auf einem von ihm vorgezeichneten Weg entlangbewegen, dann sind seiner Phantasie die Zügel angelegt: Er wird – wenn wir im Gebirge unterwegs sind – nicht mehr mit uns umspringen können, wie es ihm beliebt, und das ist – wenn man als Buchperson von so einem sorglosen, ja, ich würde sogar sagen: gnadenlosen, Autor abhängig ist wie wir – schon bestimmt nicht wenig.«

Hier wurde Karl von den anderen erneut unterbrochen, und daß er mit seinen Darstellungen Resonanz bei ihnen gefunden hätte, läßt sich nicht sagen.

»Wenn unser Autor schon dreimal bei der Quelle gewesen ist, muß er den Weg bis dahin im Kopf haben. Er ist unser Autor und das lesestoffliche Gebirge mit der Quelle auf seinem Gipfel ist seine Schöpfung. Wie soll er da nicht wissen, wie wir am bequemsten dort hinaufkommt? Was redest du? Eine Karte hat er für die Orientierung nicht nötig, weil das lesestoffliche Gebirge ein Teil seiner Buchweltschöpfung ist oder es werden soll, diesen kennt er bestimmt wie seine Hosentasche. Wenn er uns die Karte nicht vorlegen kann, so ist das also kein ominöses Zeichen. Das heißt nur, daß er sie nach unserer Expedition, wenn wir wieder im Flachland zurück sind, anfertigen will und zwar für unsere realen Leser, denn diese haben – wenn unser Aufstieg zu unserer Federlebensquelle die Form einer druckfertigen oder schon gedruckten Novelle annimmt – natürlich zu wissen, wo und wie sie dann mit uns ans Ziel kommen. Lesergeister haben ja – selbst als unsichtbare – einen Körper, den irgendwelchen für sie unbekannten, also ihnen schriftlich nicht genauer mitgeteilten Strapazen auszusetzen, sie sich hübsch hüten werden. Du beschuldigst unseren Autor der Sorg- und Gnadenlosigkeit, auch darin können wir dir nicht folgen. War es etwa sorglos von ihm, als er zu uns kam, um unsere Zustimmung zur Expedition einzuholen? Fragen andere Autoren ihre Buchpersonen, wenn sie mit ihnen einen Plan in der Buchwelt umsetzen wollen? Die scheren sich gewöhnlich den Teufel um ihre Menschengeschöpfe und stopfen sie einfach in ihre Sujets, ohne sich um deren Meinung zu kümmern. Buchpersonen haben ihrem Autor zu parieren, zu machen, was er ihnen vorschreibt, wenn sie wollen, daß er sie in seiner Buchwelt gelesen werdend leben läßt. Das ist die allgemeine Regel, und darum sind die meisten Buchpersonen, die sich ein anderes Leseleben gewünscht hätten, als sie von ihren Schöpfern bekommen haben, todunglückliche Existenzen. Von dieser Regel ist unser Verfasser wahrscheinlich die Ausnahme. Er ist ja zu uns gekommen und hat um unsere Zustimmung zu seinem Expeditionsprojekt gebeten. Wir waren davon sehr angenehm überrascht, sind es immer noch. Legt das nicht auch den Gedanken nahe, daß er vielleicht doch nicht unser Autor ist, sondern bloß ein einfacher Leser? Jemand, der nur zufällig in unseren Text hineinsah und dem wir in unserer thematischen Unabgeschlossenheit leid getan haben? Wir figurieren hier bereits ein ganzes buchweltliches Jahrzehnt als Alpinisten, die zwar schon viel umhergeklettert sind, in diesem Gebirge allerdings, buchthematisch, noch nie engagiert waren. Könnte es nicht sein, daß ein einfacher Leser sich unser erbarmte und beschloß, unserer verfahrenen Leselebenslage einen realgedanklichen Schub zu geben? Endlich scheinst du uns auch noch mit dem Hinweis auf die phantastische Subjektivität der Federlebensquelle von der Expedition abschrecken zu wollen. Du meinst, diese Quelle könne – da sie ja objektiv unvorstellbar ist – von uns nicht oder jedenfalls nicht gefahrlos erreicht werden. Als pures Hirngespinst unseres Autors sei sie ein zu riskantes Netz, in dem wir vielleicht steckenbleiben und aus welchem wir leselebendig (lesendig) niemals wiederkehren würden. Das hast du uns zwar nicht formuliert, aber so ergibt es sich aus deinen Worten. Du hast hier auf deine bibliobiologischen Kenntnisse hingewiesen. Die magst du haben. Das bezweifeln wir nicht. Aber so ganz unkundig in der Bibliobiologie, wie du denkst, sind wir ebenso nicht. Jedenfalls wissen wir genug, um uns sagen zu können, daß alle Phantasmen eines Autors für seine Buchpersonen den Wert von buchweltlich objektiven Gültigkeiten haben, daß also die Federlebensquelle in unserem Stück Poesie oder Prosa, das unser Autor zu schreiben beabsichtigt, trotz allem Phantastisch-Unglaubwürdigen, das ihr anhaftet, eine Erscheinung der dort von ihm entworfenen bergigen Buchweltnatur sein wird. Die Quelle unter dem Federhalter, der aus dem Himmel auf sie herunterragt, ist also bergige Buchweltwirklichkeit, und als Buchpersonen brauchen wir auch keine andere Realität. Jetzt wirst du vielleicht sagen: ›Ja, aber diese Realität ist für unseren Autor noch eine lose Schreibmöglichkeit, die er für sich noch nicht richtig konkretisiert hat, und gerade das macht sie für buchweltliche Alpinisten so gefährlich. Könnte es nicht auch sein, daß er mitten auf dem Weg zu der Quelle das Ganze plötzlich zu albern findet und fallen läßt?‹ Dann – sagst du – würden auch wir durchgestrichen und in den Papierkorb unseres Autors wandern. Wir erlitten dann alle unwiderruflich den Lesetod und verschwänden ebenso plötzlich aus der Buchwelt, wie wir in sie hineingekommen sind. Entschuldige, diese Ansicht können wir nicht teilen. Nenne uns nur eine literarische Buchperson, deren Buchwelt nicht das reale Hirngespinst ihres Autors wäre! Es gibt keine. Jeder von uns ist nichts als ein Phantasma unseres Buchweltschöpfers. Jetzt ähnelt die Buchwelt immer mehr oder weniger der Realwelt, in der ihr Schöpferautor lebt und schreibt. Oder sie ähnelt ihr überhaupt nicht. Unser Text wird – wenn unser Autor ein Buch daraus macht – gerade als solch eine irreale Welt zu lesen sein, denn eine Federlebensquelle auf dem Gipfel eines lesestofflichen Hochgebirges ist etwas Ausgedachtes und keine realweltliche Erscheinung. Ebenso etwas völlig Irreales ist dann der Federhalter über der Quelle, der wahrscheinlich so aussieht, als habe ihn der liebe Gott für uns durch den Himmel gesteckt. Das ist fern von aller Realität und von unserem Autor erphantasiert. Klare Sache! Aber das schreckt uns nicht, hörst du? Wir sind deswegen nicht im mindesten beunruhigt und sehen in der Möglichkeit, daß unser Verfasser sich diese Phantasmen vielleicht noch nicht zur Vorstellung gebracht hat, keinen Grund, mißtrauisch gegen ihn zu sein und unsere Expedition mit ihm zusammen in die Berge von irgendwelchen Sicherheitsbedingungen abhängig zu machen. Uns genügt – dir als vernünftiger Buchperson müßte es übrigens auch genügen –, daß wir, wenn die Expedition startet, faktisch im realen Hirngespinst unseres Verfassers klettern werden. Das ist auch eine Realität, und keine geringere als die von literarischen Sujets, welche sich nach dem Muster realweltlicher Strukturen entwickeln. Sie bringt uns mit den Wahrheiten unseres buchpersönlichen Daseins symbolisch zusammen, läßt uns die Erkenntnis dieser Wahrheiten symbolisch vollziehen. Ist das vielleicht nicht etwas ganz Unikales, etwas, von dem – wenn überhaupt – nur sehr wenige Buchpersonen sagen können, daß sie es in ihrem Leseleben erleben? Eine Federlebensquelle ist real oder realweltlich unvorstellbar, aber symbolisch allemal. Wer sich das klargemacht hat, der stört sich nicht an dem Füller, der da in gigantischer Übergröße aus den Wolken auf die Quelle herabgesenkt sein soll. Zumindest symbolisch gehört der Federhalter zu jeder solchen Quelle und ebenso selbstverständlich die Tinte, die in beidem enthalten ist. Und sind wir Buchpersonen – wiederum symbolisch – etwa nicht alle dem Zusammenwirken dieser drei Faktoren, der Quelle, der Tinte und der Feder unseres Autors, entsprungen? Ja, ist diese Symbolik nicht schon um eine Haaresbreite von der Wirklichkeit entfernt, fällt sie nicht fast haargenau mit dem Tintenfaß und dem Federhalter oder Bleistift zusammen, die jeder reale Autor haben muß, um etwas mit und über Buchpersonen aufzuschreiben? Nein! Die Wirklichkeit, in der wir klettern werden, läßt an Realität nichts zu wünschen übrig. Sie hat, weil sich ihr Sinn als etwas symbolisch Reales versteht, sogar mehr davon als für Buchpersonen notwendig ist. So! Und abschließend laß dir gesagt sein, daß die Expedition, die unser Autor mit uns vorhat, das Größte ist, was wir buchpersönlichen Alpinisten jemals erleben können. Aus unseren Erfahrungen gibt es nichts, was sich damit vergleichen ließe. Das kannst du am besten verstehen, denn mit dir zusammen haben wir schon so manch einen schwierigen Gipfel bestiegen, sind wir im buchweltlichen Hochgebirge auch sehr weit herumgekommen. Aber was ist das alles gegen das alpinistische Abenteuer, das uns jetzt mit unserem Verfasser zusammen bevorsteht? Gar nichts! Denn bedenke: Wir gelangen an den Ursprungsort unseres Leselebens! An einen Punkt, der für uns der zeitlich höchste ist und der das lesestoffliche Gebirge als eine zu Gestein- und Felsenmassen verdichtete Temporalität krönt! Welcher buchweltliche Bergsteiger hat dergleichen jemals gesehen? Niemand. Wir werden die ersten sein. Ist das etwa kein Grund, um bei der Expedition unseres Verfassers begeistert mitzumachen? Und warum macht dir eigentlich die Möglichkeit, daß unser Autor bestimmte Dinge auf unserer Marschroute nicht wissen kann und sie erst unterwegs bei uns erfragen muß, so viel Angst? Das ist doch – wenn man bedenkt, daß er kein beruflicher Bergsteiger ist – ganz natürlich. Natürlich muß er sich beim schreiberischen Entwerfen unseres Marschweges auf unsere Erfahrungen stützen, denn jedes Gebirge ist – ob lese- oder realweltstofflich – immer ein Stein- und Felsenmeer. Um seinen Vorstellungen von einem Hochgebirge die notwendige plastische Form zu geben, braucht unser Verfasser unseren Rat, den wir – wenn wir normale, also leselebenshungrige, Buchpersonen sind – ihm nicht verweigern dürfen. So! Jetzt kennst du unsere Ansicht über die Expedition unseres Verfassers zu unserer Federlebensquelle, und da du eine ganz andere Meinung darüber hast, können wir dir deine Bitte, während der ganzen Klettertour unser Sprecher bei unserem Autor zu sein, nicht erfüllen. Komm mit, wenn du willst! Ja, wir nehmen dich gerne mit, denn auf den Alpinismus verstehst du dich wie kein Zweiter. Aber für uns reden, das überläßt du lieber uns. Das sei unsere Sache, denn unseren Autor kennen wir besser als du! Daß wir ihn mit einem grundlosen Verdacht und irgendwelchen Quengeleien verärgern könnten, ist – weil wir das, was er mit uns vorhat, grundsätzlich begrüßen – völlig ausgeschlossen. Du bleibst, wenn du mitkommst, also überall hübsch im Hintergrund und stumm wie ein Fisch! Wir werden nicht zulassen, daß du das gute Verhältnis, das wir mit unserem Autor haben, verstänkerst. Ist das klar?«

Diese Worte, lösten bei Bergführer Karl großen Zorn aus und brachten ihn dazu, alles – wie man so sagt – »hinzuschmeißen«, die verblendeten Bergsteiger mit ihrem suspekten Autor in die Berge ziehen zu lassen und dem ganzen Unterfangen selbst fernzubleiben. Und wirklich: Warum sollte er sich jetzt noch bemühen, diesen in die Expedition zur Federlebensquelle rettungslos Verbohrten und in ihren Autor, der sie dorthin bringen wollte, ebenso rettungslos Vernarrten die Sinnlosigkeit des Ganzen klarzumachen? Wozu sich anstrengen, um diese Schafsköpfe erkennen zu lassen, daß ein von der Federlebensquelle der Buchpersonen handelndes literarisches Erzeugnis – wenn es faktisch jemals zustande kommen sollte – bei den Lesern wenig Anklang finden, in der realen Leserwelt völlig resonanzlos untergehen würde, weil diese Quelle niemanden interessierte, weil das Leseleben der Buchpersonen dort kein Thema war? Warum sollte er sich die Lippen wund reden über die völlige Aussichtslosigkeit dieses Ausfluges ins Blaue, praktisch nirgendwohin und vor allem zu keinen Lesern?

Karl hatte unzählige Gespräche mit anderen Buchpersonen in anderen Bergen geführt, deren Großteil gerade jene gewesen waren, welche in ihren Texten die Leselebensprobleme der Buchweltbevölkerungen entfalteten, in denen es sich also um die sich immer riskanter gestaltende Leselebenslage der Leselebewesen, vor allem der menschlichen, in einer Realwelt drehte, die längst keine Leserwelt mehr war, sondern eine Fernseherwelt, wo man jetzt statt Bücher filmische Bilder- oder Drehbücher bevorzugte.

Ein langes metathematisches Aufklärungsgespräch zwischen zwei Buchpersonen