• Herausgeber: KBV
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Der Journalist Siggi Baumeister hat alle Hände voll zu tun. Nicht nur mit der gräßlich zugerichteten Leiche, die er im Eifelwald findet, gewissermaßen fast vor seiner Haustür. Auch eine resolute alte Dame aus Berlin tritt plötzlich auf den Plan und stellt sich als seine Tante Anni vor. Baumeister hat noch nie von ihr gehört. Und schließlich entpuppt sie sich als eine mit allen Wassern gewaschene Frau vom Fach, eine pensionierte Kripo-Kommissarin. Baumeister kann jede Hilfe gebrauchen, denn die Fährte, die er verfolgt, führt ihn direkt zu einem alten Stasi-Komplott, das man erschreckend wendig der neuen politischen Situation angepasst hat. Nur eines hat man beim alten belassen: die Entschlossenheit, lästige Störenfriede gnadenlos zu liquidieren...

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Seitenzahl: 381

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Jacques BerndorfDer letzte Agent

Vom Autor bisher bei KBV erschienen:

»Mords-Eifel« (Hg.)

»Der letzte Agent«

»Requiem für einen Henker«

»Der Bär«

»Tatort Eifel« (Hg.)

»Mond über der Eifel«

»Der Monat vor dem Mord«

»Die Nürburg-Papiere«

»Die Eifel-Connection«

»Eifel-Bullen«

Jacques Berndorf ist das Pseudonym des 1936 in Duisburg geborenen Journalisten, Sachbuch- und Romanautors Michael Preute.

Sein erster Eifel-Krimi, Eifel-Blues, erschien 1989. In den Folgejahren entwickelte sich daraus eine deutschlandweit überaus populäre Romanserie mit Berndorfs Hauptfigur, dem Journalisten Siggi Baumeister. Dessen bislang jüngster Fall, Die Eifel-Connection, erschien 2011 als Originalausgabe bei KBV.

Berndorf setzte mit seinen Romanen nicht nur die Eifel auf die bundesweite Krimi-Landkarte, er avancierte auch zum erfolgreichsten deutschen Kriminalschriftsteller mit mehrfacher Millionen-Auflage. Sein Roman Eifel-Schnee wurde im Jahr 2000 für das ZDF verfilmt. Drei Jahre später erhielt er vom »Syndikat«, der Vereinigung deutschsprachiger Krimi-Autoren, den »Ehren-Glauser« für sein Lebenswerk.

Jacques Berndorf

Der letzte Agent

1. Auflage März 2005

2. Auflage Mai 2005

3. Auflage September 2005

4. Auflage Dezember 2005

5. Auflage Februar 2006

6. Auflage April 2007

7. Auflage November 2008

8. Auflage April 2010

9. Auflage Mai 2011

10. Auflage September 2012

© KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Die Originalausgabe erschien 1993 im Verlag Bastei Lübbe

Umschlagillustration: Ralf Kramp

Satz: Volker Maria Neumann, Köln

Print-ISBN 978-3-937001-51-7

E-Book-ISBN 978-3-95441-001-9

Dank an Annette und Walter Schmitz.Für die Mannschaft von TELLER und TASSE.

»Was mich an unserer reizenden Zivilisation so schafft, ist dievollständige Gleichgültigkeit, mit der das Publikum solcheEnthüllungen begrüßt. Wir rechnen einfach gar nichtmehr damit, dass jemand ehrlich ist ...«

Raymond Chandler in einem Brief an Carl Brandtam 12. November 1948

Ein Wort vorab.

Dies hier ist ein älteres Manuskript, geschrieben im Jahre 1992, erschienen bei Bastei-Lübbe im Jahre des Herrn 1993. Niemand suchte mich bei diesem Verlag, kaum jemand erfuhr, dass das Buch überhaupt erschienen war. Kurioserweise wurden nur etwa 1.300 Exemplare verkauft – und ich hatte Schwierigkeiten mit mir selbst. Ich dachte, ich sei schlecht geworden, ausgeschrieben, erschöpft. Aber so ganz schlecht kann es nicht gewesen sein, denn das Hamburger Abendblatt meinte: »Lakonisch, witzig, milieusicher. Mach’s noch einmal, Siggi!«

Aber: Kann man der Leserschaft erneut einen Krimi zumuten, der kurz nach der so genannten Wiedervereinigung spielt, und den ehemalige Agenten aus der DDR und Leute des BND bevölkern? Mein Freund, der Autor und Verleger Ralf Kramp, meint, dass Krimi eben Krimi sei und dass das Manuskript gut und schnell und flüssig laufe, also lesenswert sei. Wir haben uns darum entschlossen, den Text erneut herauszubringen, denn es ist ein typischer Eifelkrimi, zeitlich ganz nah an EIFEL-BLUES, mit Spiegeleiern à la Elvis Presley nach »Good Rockin’ Tonight«, mit Pfeifen, Katzen und viel, viel Eifel.

In diesem Schmöker werden Sie auf ekelhafte Morde mit einem Plastikstoff stoßen, die Ihnen wahrscheinlich sehr weit hergeholt vorkommen werden. Aber Vorsicht: Mit diesem Stoff sind tatsächlich in Deutschland Versuche an Schweinen, die allesamt nicht überlebten, gemacht worden. Es geht eben nichts über eine gründliche Recherche.

Sie werden übrigens auch lesen, wie sich eine gewisse Tante Anni in das Leben des Siggi Baumeister einmischt. Lange bevor sie in den späteren Büchern erneut in der Eifel auftaucht. Die Tante ist Kriminalrätin a. D.

Auch so eine unglaubliche Kiste, oder? Aber auch hier muss ich Sie enttäuschen: Eine solche Tante hat es in meiner Familie tatsächlich gegeben. Das wirkliche Leben sollte man also nicht zu erfinden versuchen, es ist bunt und lebhaft genug, und es bietet immer einen Grund zum Lachen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.

Jacques Berndorf

1. Kapitel

Meine Katze Krümel sprang auf den Küchenschrank und zog mit einer ganz spitzen Tatze die Glastür im Oberteil auf. Dann stellte sie sich mit beiden Pfoten hoch, um die Lage zu inspizieren, und verteilte sich schließlich malerisch über einen Stapel Untertassen und Kuchenteller, wobei sie ihren Schwanz um eine ziemlich kostbare alte Milchkanne drapierte, die ich gerade auf einem Krammarkt erstanden hatte.

Mir war nicht klar, wie ich reagieren sollte. Ich konnte sie auf Kosten meines gesamten Porzellans verprügeln, ich konnte sie aber auch wegen der ausgesprochen artistischen Leistung loben. Ich entschied mich, ich sagte bewundernd: »Du bist ein ganz phantastisches Weib!« Da schloss sie die Augen, blinzelte arrogant und rülpste dann leise.

Im Radio spielte Chet Baker ›Misty‹, der Milchwagen hielt gegenüber, pumpte eine große Kanne leer und röhrte dann weiter. Irgendjemand wünschte irgendwem lautstark einen schönen guten Tag. Das Wetter war sehr warm, irgendein Politiker, der sich der Stimme nach zu urteilen für wichtig hielt, bemerkte im Radio, der Krieg am Golf sei nun längst vorbei, obwohl Tausende von Kurden in den Bergen krepierten und mindestens sechs große Clans darauf warteten, den Diktator Saddam Hussein abschlachten zu dürfen. Politiker sind gelegentlich unpassend.

Erwin hatte mir zwei Eisenkeile und einen Aluminiumkeil vor die Haustür gelegt, auf dass ich einigen Buchen zu Leibe rücken konnte. Erwin konnte nicht wissen, dass er mich damit festnagelte. Bis jetzt hatte ich der Arbeit an den Buchenstämmen aus dem Weg gehen können, schließlich war das ohne Keile nicht zu machen. Jetzt musste ich mich auf die Seite der arbeitenden Bevölkerung schlagen, war aber eigentlich viel zu faul. Ich konnte mich nur noch retten, indem ich schleunigst eine Grippe kriegte, oder irgendetwas in der Art. Aber leider war ich ziemlich gesund.

Meine Katze Krümel starrte mich aus dem Küchenschrank an, und ich schloss die Glastür vor ihrer Nase und erklärte: »Jetzt bist du mein Schneewittchen.« Es machte keinen Eindruck auf sie, wahrscheinlich kennt sie sich mit deutschen Märchen nicht aus. Außerdem verspürte ich keine große Neigung, sie zu küssen. Also machte ich die Schranktür wieder auf, und ich wette, ihre grünen Augen waren voller Spott.

Da mir mein Gesicht beim Rasieren ungefähr so altbacken vorgekommen war wie ein Sechskornbrötchen nach vierzehn Tagen Liegezeit, beschloss ich, mich zu verwöhnen. Ich entschied mich für Spiegeleier nach Elvis-Presley-Art. Ich weiß, ich muss das erklären: Ich erhitze eine kleine Eisenpfanne, gebe dann etwa drei Eßlöffel Distelöl hinein und lege drei Scheiben rohen Eifelschinken in das heiße Öl. Dann schreite ich zum Plattenspieler und lege Elvis Presleys ›Good Rockin’ Tonight‹ auf. Beim ersten Ton stehe ich bereits wieder an der Pfanne und schlage drei Eier auf den Schinken. Während nun Elvis abrockt, stehe ich da und schnuppere. Nach genau zwei Minuten und dreizehn Sekunden sind beide fertig: Presley und meine Eier.

Während Elvis dann zu ›Heartbreak Hotel‹ und anderen Köstlichkeiten überging, mümmelte ich vor mich hin und war ungefähr in der Gegend von ›King Creole‹ fertig. Mutig ging ich dann vor das Haus und betrachtete die Buchenstämme. Sie stammten aus dem Gebiet, das ich immer den Märchenwald nenne, weil dort nie ein Tourist zu finden ist und deshalb alles wächst, was in der Eifel wachsen kann. Der Sturm namens Wiebke hatte den Märchenwald vollkommen zertrümmert, hatte Dreißig-Meter-Stämme wie Papier umhergewirbelt. Der dickste Stamm hatte einen unteren Durchmesser von gut achtzig Zentimetern und war von einer Windbö abgedreht und vollkommen zerspleißt worden. Mitten in diesen wohl halbmeterlangen Holzzungen, die vom Wind und Regen gebleicht waren, hing ein öliger Leinenlumpen, mit dem ein Waldarbeiter seine Motorsäge geputzt hatte.

Meine Katze Krümel schnürte heran, und ich erklärte ihr: »Wir gehen die Sturmschäden inspizieren.« Sie sah so arrogant aus, dass sie glatt gesagt haben könnte: »Mal wieder vor der Arbeit drücken, wie?« Aber sie hatte zumindest verstanden, dass es um eine Fahrt mit dem Auto gehen sollte. Autos sind ihre Leidenschaft. Sie hüpfte also auf den Beifahrersitz, und ich wollte gerade starten, als das Telefon schrillte.

Ich rannte hinein und sagte außer Atem: »Ja, bitte? Baumeister hier.«

»Ich bin’s. Deine Tante Anni.«

Ich sagte: »Aha«, dann nichts mehr. Es ist immerhin erstaunlich, im reifen Alter von rund dreiundvierzig Jahren zu erfahren, dass man eine Tante namens Anni hat.

»Da biste platt, was?« krähte die Frauenstimme fröhlich.

»Platt würde ich mich nicht nennen, eher uninformiert.«

»Du kannst es glauben«, krakeelte sie triumphierend, »ich bin wirklich deine Tante Anni. Hat dein Vater nie von mir gesprochen?«

»Nie, soweit ich mich erinnere. Bist du eine Schwester von ihm oder eine Schwester meiner Mutter?« Die ganze Sache roch sehr verdächtig, denn niemand von meiner außerordentlich liebenswerten Verwandtschaft hatte jemals von einer Tante Anni berichtet.

»Ich bin weder noch«, erklärte sie hoheitsvoll. »Also, es ist so, dass ich aus der Verwandtschaft von deiner Mutter Seite eine Cousine zweiten Grades, also von der Cousine deiner Mutter, die wiederum einen Onkel deiner Mutter ... ach, das ist alles fürchterlich kompliziert. Jedenfalls bin ich Tante Anni, und du bist der Siggi Baumeister. Und wir beide zusammen erben einen Bauernhof. Ziemlich groß, eigentlich so was wie ein Rittergut, gut siebenhundert Morgen, würde ich mal sagen ...«

»Moment mal, ich bin völlig verwirrt, ich bin total ...«

»Das weiß ich doch, mein Junge«, röhrte sie befriedigt, »das muss ja jeden verwirren. Also, wir erben einen Hof. In der ehemaligen DDR. In der Mark Brandenburg. Das war mal eine LPG, also eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Nun ist es eben alle mit dem Kommunismus, oder mit dem, was sie drüben hatten. Und ich habe einen Erbschein ...«

»Ich habe keinen Erbschein ...«, rief ich. »Ich habe so ein verdammtes Ding nicht. Und ich weiß nix von einer Tante Anni. Und wer bist du überhaupt?«

»Na, deine Tante Anni«, sagte sie vorwurfsvoll. »Weißt du, der Rest ist tot oder verschollen, oder was weiß ich. Und nun erben wir.«

»Von wo rufst du an?«

»Aus meiner Wohnung in Berlin. Weißt du was, mein Junge? Ich glaube, es ist das Beste, ich komme dich schnell mal besuchen. Dann können wir über alles reden. Sag mal, stimmt das, dass man in der Eifel noch richtige Schafherden sehen kann? Ich habe Schafe so gern.«

»Ja«, sagte ich, nun deutlich leiser. »Wir haben hier ein paar Schafe. Zwanzig- oder dreißigtausend, ich habe sie lange nicht gezählt. Aber, wer bist du eigentlich, ich meine, wie ...«

»Nun beruhige dich mal, min Jung. Tante Anni regelt das alles.« Damit legte die Frau mit der erstaunlichen Stimme auf. Meine Katze Krümel war auf den Schreibtisch gesprungen, aalte sich auf einem Manuskript und sah mich an, als wollte sie sagen: Reg dich nicht auf, es klärt sich alles!

»Ich spalte heute kein Holz«, sagte ich. »Ich habe ein Problem namens Anni. Und deshalb fahren wir jetzt in den Windbruch.«

Wir zockelten mit dem Wagen los, fuhren auf den Golfplatz, überquerten die Schnellstraße und rollten dann nach links in den Wald. Krümel sprang durch das offene Fenster und entschwand irgendwohin, ich parkte den Wagen neben einem großen Stapel Tannenstämme. Es roch nach Frühsommer, das Grün des Waldes war fast grell. Ich hockte mich auf einen Tannenstamm und stopfte mir eine Pfeife. Krümel schärfte sich neben mir ihre Krallen.

»Also, wir erben irgendein Rittergut«, meinte ich murrend. »Irgendwann kommt diese Tante Anni. Vermutlich hat sie Gicht und böse Absichten. Das Leben ist auch ohne Rittergut schon schwer genug.« Da Krümel relativ wenig Ahnung von Grund und Boden hat, antwortete sie nicht, sondern schnüffelte aufgeregt an irgendeinem Loch im Boden herum, in dessen Tiefe vermutlich eine Spitzmausfamilie hockte. Dann fing sie an, wie verrückt die Erde aufzureißen.

»Lass das sein«, sagte ich, »Spitzmäuse sind klug, Spitzmäuse haben immer einen zweiten und dritten und vierten Ausgang.«

Hundert Meter querab nach Norden stand Andrés Kreuz an der Schnellstraße. Achtzehn Jahre war er alt, als er starb. Sie kamen zu dritt von irgendeiner Disco, es war frühmorgens. Irgend etwas geschah, irgendetwas ließ ihren Wagen von der Straße rasen. André starb im Chaos des vom Sturm entwurzelten Waldes. Das Dorf trug ihn zu Grabe, und alle seine Freunde kamen verwirrt und traurig und mussten fassungslos zur Kenntnis nehmen, dass sein Lachen zu Ende war. Eigentlich hatte ich ihn kaum gekannt, ich wusste nur, dass er jemand war, der gern lebte und mit Leidenschaft an Autos herumbastelte. Jetzt stand an der Stelle seines Todes ein Kruzifix, und immer brannten Kerzen, und immer blühten Blumen.

Ich schlenderte den Weg entlang, links eine dichte Schonung von Weißtannen, rechts ein zehnjähriger Bestand von Mischholz. Nach hundert Metern senkte sich der Weg nach links in eine große Mulde, in der es aussah, als hätten Riesen mit den Fünfundzwanzig-Meter-Stämmen der Tannen Mikado gespielt. Der Grund war stark verworfen, Erdwälle fielen steil in Gräben ab, unten gluckerte Wasser. Auf einer Fläche von zweihundert mal fünfhundert Metern stand kein Baum mehr; mein Märchenwald war restlos zerstört, lag in einem chaotischen Durcheinander.

Ich pfiff nach Krümel, und sie kam herangeschossen und mauzte laut. »Wir gehen jetzt in diesen Dschungel«, erklärte ich ihr. Sie reagierte nicht, sie hüpfte über einen Stamm und entzog sich der Antwort. Offensichtlich mochte sie den deutschen Dschungel nicht.

»Angstvolle Katzen brauchen einen Anführer«, sagte ich und balancierte auf einem liegenden Stamm in das Gewirr. Sie turnte einige Meter hinter mir her, drehte sich, rannte zurück auf den Waldweg, sauste zehn Meter vorwärts, wandte sich wieder in das Astgewirr, kehrte um, hockte auf dem Weg und leckte sich die rechte Vorderpfote. Irgendetwas machte ihr Angst.

»Es sind keine Wildschweine da, nicht einmal Karnickel«, meinte ich beruhigend. »Brontosaurier auch nicht und bestimmt kein Tyrannosaurus Rex, also, was ist?«

Aber sie kam nicht, sie blieb in der Sonne auf dem Waldweg hocken.

Ich sprang von dem Stamm herunter, stand auf weichem Waldboden, kroch unter anderen Stämmen hinweg, suchte mir mühsam einen Weg und dachte über Tante Anni und das Rittergut nach.

Dann fiel mir ein junger Vogelbeerbaum auf, nicht höher als anderthalb Meter. Ich hatte immer schon so einen Baum im Garten haben wollen. Er war auf einem winzigen Fleckchen inmitten totaler Zerstörung unberührt geblieben, er war eines jener kleinen Wunder, die uns so häufig begegnen und die wir so selten wahrnehmen. Die Goliaths, die ihm das Licht genommen hatten, waren umgeblasen worden, Davids Zeit war gekommen, falls nicht irgendwelche Waldarbeiter das Urteil »nutzlos« fällten.

Krümel mauzte irgendwo, und ich rief: »Komm her!«

Aber sie kam nicht, sie miaute aufgeregt und schimpfte herum und rannte auf dem Weg hin und her, zehn hektische Meter nach links, zehn nach rechts.

Der Wind nahm zu und trieb eine dunkle Wolkenwand von Westen heran.

Ich kroch zwei Meter tiefer in einen natürlichen Graben, in dem ein winziger Bachlauf gluckerte. Über mir lagen die zerschmetterten Stämme wie eine Brücke, dichte Wipfeläste mit Tannenzapfen hingen nach unten. Unser Bürgermeister hatte gesagt, dass die Gemeinde bei diesem Sturm mindestens siebentausend Raummeter Holz verloren habe, Holz inflationierte.

Dann begann es zu regnen.

Ich kroch dorthin, wo eine Tanne mitsamt einem riesigen Teller Wurzeln glatt aus der Erde gerissen worden war. Zwei andere Bäume waren darauf gefallen, und ihre Äste bildeten eine große, natürliche Höhle. Ich stopfte mir die Zenta von Jensen und war heilfroh, meiner Arbeitswut ausgewichen zu sein. Nichts ist schöner, als im Wald strohtrocken einen Regen zu erleben.

Der Regen nahm zu, wurde dichter und brachte kalten Wind. »Katze!«, schrie ich, »komm her!« Aber sie kam nicht, mauzte von irgendwo.

Hinter mir auf dem Waldweg tuckerte ein Trecker, dem Geräusch nach ein kleiner Case, also entweder Werner oder Erwin. Es regnete nun spärlicher, also kroch ich aus meinem Unterstand und turnte aus dem Dickicht. Das Geräusch des Treckers war verstummt, Erwin ging vorsichtig um mein Auto herum und schüttelte bedächtig den Kopf, wie es so seine Art ist. Dann sah er mich und meinte grinsend: »Wie kann man denn als vernünftiger Mensch bei diesem Wetter im Wald herumkriechen?«

»Und machst du vielleicht Frühsport?«

»Ich spalte mein Holz«, sagte er. »Und ich habe vorgesorgt.« Er grinste vergnügt und griff hinter den Sitz in seinem Trecker. »Obstler von der Mosel. Wenn du das Zeug bei dir hast, kann dir nichts passieren. Hast du die Keile gefunden?«

»Ja, danke. Aber ich habe mir heute freigegeben, mache blau.«

»Das braucht der Mensch«, sagte er und zündete sich eine Zigarette an. »Stell dir vor, du wärst in der Sturmnacht da drin gewesen.« Er deutete in den Bruch. »Da sähst du aber jetzt verdammt alt aus.«

Er war um die fünfzig, knorrig, vom Eifelwetter gegerbt, er war stolz darauf, noch Junggeselle zu sein. Wenn er an der Theke stand, war er nach dem fünften Bier der mit Abstand fröhlichste Flucher des Dorfes. Er pflegte sich irgendeinen Gast auszusuchen, dann polterte er: »Du Bastard! Du Hungerlappen, du Marmeladenfresser!« Sein fröhliches rotes Gesicht unter den wilden grauen Haaren neigte sich dann zur Seite, als lausche er höchst amüsiert seiner eigenen Schimpferei. Seine sehr klaren blauen Augen strahlten dazu, als verteile er Zärtlichkeiten. Wenn er Sieben Schröm spielte oder knobelte, pflegte er nach einem Gewinn mit listigem »Schmeckt billig!« dem Verlierer zuzuprosten. Wenn er heiter trunken um sich blickte, pflegte er als Soziologe folgenden Satz in die umstehende Menge zu schleudern: »Die Junggesellen sind deshalb so wertvoll, weil sie ihre Frauen nicht zum Arbeiten schicken.« Dann horchte er in sich hinein, befand: »Ich bin satt!« und verschwand.

»Und was machst du hier?«, fragte er.

»Ich weiß das nicht genau«, sagte ich. »Mir fiel eben auf, dass die Menschen zum Mond fliegen können. Sie bauen auch Computer, die man intelligent nennen kann. Aber wenn ein Massenmörder namens Saddam Hussein auftaucht, lassen sie ihn hilflos gewähren und machen Geschäfte daraus. Und gegen Grippe wissen sie auch nichts.«

Er wischte sich ein paar Regentropfen von der Nase. »Die Menschen sind verrückt. Ich muss jetzt zu meinem Holz.« Er schwang sich auf den Trecker und tuckerte los.

»Lass uns jetzt die Holzwüste durchqueren«, befahl ich meiner Katze. Aber sie weigerte sich immer noch, also ging ich allein.

Es war ein ziemlich mühsames Geschäft, aber es half mir, meinen Körper zu spüren und jeden verfügbaren Muskel anzustrengen. Ich balancierte über lange, wippende Stämme und kroch über Äste hinweg. Es hatte zu regnen aufgehört, der Wind ging stetig und kräftig, und im Südosten war der Himmel ganz plötzlich blau.

Ich hockte mich auf einen Baumstumpf, zündete die Pfeife wieder an und sah den wilden Rittersporn sprießen. Ich überlegte, ob es nicht vernünftig und möglich war, diesen ganzen chaotischen Bruch so zu lassen. Aber die Leute, die der Meinung waren, ein deutscher Wald habe ordentlich und streng ausgerichtet unter der Sonne zu liegen, waren in der Überzahl. Sie würden mich belächeln.

Plötzlich war Krümel da, rieb sich an meinen Beinen, klagte laut und verschwand unter einer Reihe flach liegender Stämme.

»Da komme ich nicht durch«, sagte ich.

Sie kam zurück und hatte einen Schwanz wie ein Fuchs. Irgendetwas regte sie auf. Ich kletterte also langsam weiter und konnte nicht erkennen, auf was sie mich hinweisen wollte. Dann lief sie in meiner Kopfhöhe über einen Stamm, wand sich elegant zwischen Ästen hindurch, sprang auf den Boden und verschwand hinter einem Vorhang aus Zweigen. Ihr Maunzen war jetzt recht laut. Wahrscheinlich hatte es dort ein Tier erwischt, vielleicht irgendein Kadaver.

Hinter den Zweigen war eine winzige freie Fläche mit sehr dichtem, langem Gras. Der Mann lag dort, als habe er sich ein Nest gebaut. Eigentlich lag er nicht, er saß. Bequem gegen einen Vorhang aus frischen Tannenästen zurückgelehnt, wirkte er wie ein zufriedener Jogger, der sich eine Pause gönnt. Er trug Laufschuhe von Puma mit hellgrünen Ledereinsätzen, einen rotblauen Jogginganzug, auf dem vorne in eindringlich großen Buchstaben das Wort BOSS stand. Die Beine waren gespreizt. Er hatte das Kinn auf die Brust gelehnt, man blickte auf einen kantigen Schädel mit grauen Haaren, die oben licht wurden. Ich sagte: »Heh!«, obwohl ich in der gleichen Sekunde wusste, dass das sinnlos war.

Der Mann war tot.

Ich bewegte mich vorsichtig auf ihn zu, und ich spürte, wie mein Magen zu revoltieren begann. Krümel hielt sich hinter mir und schmiegte sich unentwegt an meine Beine. Sie hatte den Tod gerochen, sie hatte den Windbruch nicht betreten wollen.

Ich nahm vorsichtig den Kopf des Mannes ein wenig hoch. Das Gesicht war vollkommen weiß, die Oberlippe ein wenig hochgezogen, das Zahnfleisch schneeweiß.

»Infarkt oder so was«, sagte ich laut und hilflos. Krümel lief hinter dem Toten durch den Vorhang der Äste und war verschwunden. »Bleib doch hier«, rief ich ihr nach, nur um diese verdammte Stille zu zerstören.

Ich starrte den Mann an, der vielleicht fünfzig Jahre alt geworden sein mochte. Vielleicht hatte er dasselbe tun wollen wie ich, vielleicht hatte er nichts als die jungenhafte Lust verspürt, diesen zerstörten Wald zu durchklettern. Dann hatte es ihn erwischt. War es ein schöner Tod gewesen, schnell, ohne Schmerzen, inmitten einer Natur, die den Sommer atmet? Sein Gesicht sah nicht so aus, als habe er Schmerzen gehabt, aber das konnte eine Täuschung sein, schon lebende Gesichter sind Masken.

Krümel kam wieder und leckte sich umständlich beide Vorderpfoten. »Was glaubst du, wie lange liegt der hier?« In den Nächten war es kühl gewesen, sehr kühl. »Es kann Tage her sein, vielleicht eine halbe Woche. Wir sollten Rüdiger rufen. Eigentlich müssten wir die Polizei rufen.« Dann fiel mir auf, dass der Tote eine gewaltige Wampe hatte, einen überdimensionalen Schmerbauch, dass er diesen mit beiden Händen festhielt, wie Schwangere es zuweilen tun, wenn die Niederkunft kurz bevorsteht. Der dicke Bauch stand in einem krassen Gegensatz zu seinem zwar breitflächigen, aber insgesamt mageren Gesicht.

Ich griff an seine Hände und versuchte sie beiseite zu drücken. Das war schwer, weil sie ineinander verschränkt waren.

Ich bog den rechten Arm zur Seite, dann den linken. Ich zog das Oberteil des Jogginganzuges hoch und atmete hörbar ein. Der Bauch war eine einzige Wunde, ein erstarrtes blutiges Feld. Aber dieses Blut war nicht blutrot, auch nicht schwarz. Dieses Blut war rosig.

»Lass uns Hilfe holen«, sagte ich meiner Katze. »Das rühre ich nicht an. Das ist sonderbar, das ist sehr sonderbar.«

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich aus dem Windbruch herauskroch. Ich weiß nur, dass Krümel in den Wagen sprang und sich auf die hintere Bank zurückzog, wie sie es immer macht, wenn sie sich bedroht fühlt. Ich startete den Motor und schaltete Funk ein. Ich ging normal über Kanal neun. »Siggi eins hier. Ich rufe dringend Feststation Beta eins. Bitte melden.« Dann kam eine Frauenstimme. Sie klang hoch und verzerrt, und ich sagte schnell: »Gehen wir auf Kanal zehn.«

Auf dem Zehner hörte ich sie klar. »Ist der Chef in der Praxis?«

»Ja, ich hole ihn..« Nach einer Weile meldete sich Rüdiger Sauer, unser Landarzt.

»Sie sollten schnell herkommen«, sagte ich. Ich beschrieb ihm, wo ich war, und er fragte nicht, sondern versicherte nur, er würde sich beeilen. Ich hockte mich auf einen Fichtenstapel und rauchte vor mich hin. Wie kann jemand einen offenen Bauch haben, der rosig aussieht? Rosig mit weißen Streifen?

Es dauerte zwanzig Minuten, bis er kam, und als er mein Gesicht sah, fragte er: »Ein Selbstmörder?«

»Nein, das glaube ich nicht. Ein Jogger oder so was in der Art. Wir müssen weit in den Bruch hinein.«

Ich kletterte vor ihm her, und er fragte: »Warum finden Sie dauernd solche Dinge?«

»Ich bin ein Sachensucher, ich stolpere darüber. Da ist er.«

Er pfiff durch die Zähne. Dann stellte er die Tasche auf einen Stamm, beugte sich zu dem Gesicht des Toten hinunter und sagte: »Wir müssen ihn legen. Schaffen Sie das?«

Ich nahm den Mann bei den Schultern und drehte ihn vorsichtig. »Jetzt ziehen Sie ihm mal das Oberteil des Anzugs vom Bauch«, sagte ich. Doch der Doktor betrachtete noch prüfend das Gesicht des Toten.

»Noch nicht, noch nicht. Ich würde sagen, er kann hier bei den Temperaturen schon ein paar Tage liegen, aber es könnte auch wesentlich kürzer sein. Und was ist mit dem Bauch?«

»Das weiß ich nicht«, sagte ich, »das sieht jedenfalls scheußlich aus.«

Er nahm das Oberteil und zog es kräftig nach oben. Dann atmete er scharf ein.

»Du lieber Himmel!«, flüsterte er. »Was ist das denn?«

»Vielleicht hat ihn jemand erschossen«, meinte ich vorsichtig.

»Erschossen?«, fragte er verblüfft. »Das ist doch kein Fleisch, das ist doch keine Wunde.« Mit einem spitzen Finger tippte er auf das, was so grauenhaft aussah. »Das ist Plastik«, sagte er. »Irgendein Kunststoff, Schaumstoff, was weiß ich.« Er war so verwirrt, dass er sich in dem klatschnassen Gras auf den Hosenboden setzte.

»Wirklich Kunststoff?«

»Aber ja«, sagte er. »Das ist so ähnlich wie das Zeug, mit dem man in Neubauten rund um die Fensterrahmen isoliert. Schauen Sie her.« Er griff mitten in das, was ich zuerst für eine blutige Fläche gehalten hatte, brach einfach ein Stück der Masse ab und hielt sie auf der Handfläche. »Schaumstoff. Man sieht ja auch, dass das kaum geblutet hat. Das hat wie ein Korken gewirkt.«

»Haben Sie inzwischen eine Meinung, wie lange er hier liegt?«

»Ich weiß es nicht. Ich müsste ihn genauer untersuchen. Das kann ich hier nicht. Ich muss auch die Kripo holen. Verdammt noch mal, dass das ausgerechnet mir passiert. Wir wollen drei Tage mit den Kindern weg.«

»Lieber Himmel. Wer jagt einem Menschen Schaumstoff in den Körper?«

Er schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. So etwas habe ich noch nie gesehen. Da müssen Fachleute ran. Ich würde sagen, dass die Kunststofffläche fast zwanzig Zentimeter Durchmesser hat. Nehmen wir mal an ...« Er murmelte irgendetwas, das ich nicht verstand, schüttelte den Kopf, stand auf und fragte: »Gehen Sie bitte an meinen Wagen und rufen Sie die Polizei? Und bringen Sie mir bitte die Polaroidkamera mit. Im Handschuhfach. Und sagen Sie meiner Frau, ich bin zum Abendessen nicht da. Sagen Sie ihr, was hier los ist.«

Ich machte mich auf den Weg, ich rief die Polizei, ich funkte seine Frau an und richtete aus, was er mir aufgetragen hatte. »Er wird nicht zum Abendessen da sein.«

»Ich habe mir immer sehnlichst gewünscht, mit einem Landarzt verheiratet zu sein«, seufzte sie. »Was ist denn das für ein Toter?«

»Wir wissen es nicht. Irgendeiner, der aussieht wie ein Jogger, und der einen Bauch voll Schaumstoff hat.«

»Voll was?«, fragte sie erstickt.

»Schaumstoff«, sagte ich. Dann hängte ich ein, nahm die Polaroid und brachte sie ihrem Mann. Er machte ungefähr zwanzig Aufnahmen. Dann schob er mir einen Film rein, grinste müde und sagte: »Da ich annehme, dass Sie das für Ihr Raritätenkabinett haben wollen, legen Sie los.«

»Danke«, murmelte ich. Ich machte zehn Aufnahmen und steckte sie ein. Dann hörten wir ein Auto aufheulen und anhalten. Es musste der Streifenwagen sein, er war aus Gerolstein gekommen.

Das Erste, was wir sahen, war eine grüne Polizeidienst-mütze, die grotesk schief über einem feuerroten Gesicht thronte. Dann sah der Beamte den Toten und die Kunststofffläche an dessen Bauch. Seine Augen wurden groß und rund, und er übergab sich. Er war ein junger Mann.

Ich hockte mich auf einen der Stämme, die in etwa drei Meter Höhe über den Fundort ragten, und beobachtete, was die Polizisten unternahmen; ein zweiter, etwas älterer Beamter war inzwischen auch eingetroffen. Sie unternahmen nichts. Sie traten unruhig von einem Bein auf das andere, machten ein paar Schritte, sahen den Toten an, machten wieder ein paar Schritte, beugten sich zu dem Toten hinab, besahen die merkwürdige Fläche im Bauch, streckten den Zeigefinger aus, als wollten sie hineintippen, ließen es dann und machten wieder ein paar Schritte.

Falls dort irgendwelche Spuren gewesen waren, so hatten sie sie jetzt gründlich zerstört.

Dann kam die Kripo unter Leitung des Staatsanwaltes. Auch er war ein junger Mann, der sich zwar verzweifelt bemühte, souverän zu erscheinen, dessen Souveränität allerdings in weniger als drei Minuten vollkommen zerbröselte. Er sagte dauernd: »Ich ordne an!«, aber er ordnete eigentlich gar nichts an. Er war nur hektisch, und nach einer Weile seufzte er: »Ich weiß nicht, was das soll. So etwas ist doch nicht normal.«

Sie entschieden sich schnell, dass es überhaupt keinen Sinn habe, weiter in dieser Wüstenei zu bleiben. Der Staatsanwalt sagte energisch: »Doktor Sauer, ich schlage vor, Sie nehmen die Leiche und machen sich daran, zu untersuchen, was es auf sich hat mit diesem Schaumstoff.« Dann sah er mich an und meinte: »Falls wir Sie noch brauchen, Herr Baumeister, melden wir uns.«

»Ist recht«, sagte ich und schwang mich von meinem Hochsitz herunter.

Sie schleppten eine Blechwanne herbei, legten den Toten hinein, stülpten den Deckel darüber und versuchten, den Transport einigermaßen würdig zu gestalten, was ihnen nicht eine Sekunde gelang.

Mein Arzt kletterte neben mir her und murmelte: »Sagen Sie bloß niemandem, dass Sie Fotos gemacht haben.«

»Habe ich doch gar nicht«, sagte ich. »Aber ich werde Sie anrufen, um zu erfahren, wie das weitergeht.«

»Trinken Sie ein Bier mit mir?«

»Kein Bier, aber einen Kaffee.«

Wir fuhren also in die ›Tasse‹ nach Hillesheim, hockten an der Bar, schlürften Bier und Kaffee, hingen unseren Gedanken nach und hörten sehr ordentlichen Swing.

Die Geschichte hatte sich bereits herumgesprochen, und nach einer Viertelstunde kam eine aufgeregte Siebzehnjährige hereingestürmt und sagte mit heller und sehr zufriedener Stimme: »Leute, endlich ist was los in diesem Kaff. Jemand ist in den Wald gelatscht und hat sich mit Isoliermasse erstickt.«

So schnell wandern Nachrichten in der Eifel. Du gehst stolpernd mit einer furchtsamen Katze durch den Wald und findest einen älteren Mann mit einem Bauch voll Plastik inmitten einer Wüstenei aus zertrümmerten Bäumen. Du denkst: Jetzt muss etwas geschehen, jetzt muss es hektisch werden, jetzt müssen geheimnisvolle, brutale Ereignisse stattfinden, Enthüllungen kommen.

Aber es geschieht nichts.

In den Eifelkneipen hockten unterdessen die Menschen zusammen und sprachen über etwas, das sie nicht gesehen hatten, von dem sie über Dritte erfahren hatten. Sie mutmaßten, sie tuschelten, sie wollten gehört haben ... aber sie wussten nichts. Einige von ihnen fragten mich, wie es denn wirklich gewesen sei, und ich erzählte ihnen von dem unbekannten Mann mit der schaumigen harten Masse im Leib. Ich rief den Arzt an, er wusste nichts, hatte nichts Neues gehört, war nicht gefragt worden.

Am vierten Tag geschah etwas. Alle Zeitungen brachten das Foto des Toten und fragten, ob irgendjemand ihn identifizieren könne. Es hieß, er sei in einem Waldstück bei Hillesheim gefunden worden, nichts sonst, kein Wort von der Fracht in seinem Bauch.

Am fünften Tag packte mich die Wut, und ich setzte mich in das Wartezimmer des Arztes und behauptete, unter einem schlimmen Erschöpfungszustand zu leiden. Noch ehe er mir mit seinen Pillen, Pulvern und Tränken zu Leibe rücken konnte, sagte ich: »Ich will wissen, was mit diesem Toten ist. Ich glaube Ihnen nicht, dass Sie gar nichts wissen.«

»Ich weiß jedenfalls nicht viel«, sagte er dumpf. »Und man sagte mir, ich solle gar nichts sagen. Schon gar nicht Ihnen! Man sagte mir, das sei absolut kein Fall für die Presse.«

»Das ist nicht fair. Ich habe ihn gefunden.«

»Weiß ich ja.« Er machte eine hilflose Geste mit den Armen.

»Wie ist der Mann in den Wald gekommen?«

»Wie bitte?«

»Ich fragte: Wie ist er mitten in den Windbruch gekommen? Hat man ein Fahrrad gefunden, ein Auto, irgendetwas?«

Er schüttelte den Kopf. »Nichts. Die Polizei hat absolut nichts gefunden. Er ist eben ein Mann. Um die fünfzig Jahre alt, Blutgruppe Null. Ziemlich gesund. Keine Organschäden. Wahrscheinlich ein Schreibtischmensch, keine Spuren von körperlicher Arbeit. Er hatte übrigens kurz vor seinem Tod Geschlechtsverkehr.«

»Und wie lange war er schon tot, als ich ihn fand?«

»Ziemlich genau drei Tage. Er ist also Sonntag vor die Hunde gegangen.« Das war für ihn schon ein starker Ausdruck, das passte nicht zu ihm.

»An was ist er gestorben?«

»Das Zeug, also die Masse, hat ihn innerlich zerrissen. Nun muss es aber genug sein.« Es machte ihm Kummer, und meine Hartnäckigkeit machte ihn wütend.

»Er ist also in den Windbruch gegangen, hat sich ein Loch in den Bauch geschnitten und die Plastikmasse eingepresst?«

»Reden Sie kein dummes Zeug. Alles in der Art würde bedeuten, dass wir ein Gerät hätten finden müssen, eine Pumpe, eine Spritze.« Er seufzte und setzte hinzu: »Ich habe noch eine Menge Patienten. Die Grippe grassiert.«

»Die Grippe kann warten. Wie ist er in diesen Dschungel gekommen?«

»Irgendjemand hat ihn getragen.«

»Ein Mensch allein schafft das nicht.«

»Gut. Also, es waren zwei. Sie haben ihn samt dem Zeug in seinem Bauch dorthin getragen und einfach abgesetzt.«

»Also Mord?«

Er breitete die Arme aus und faltete dann die Hände.

»Die Experten sind sich nicht einig. Es sieht wie ein Mord aus, aber es kann auch ein Unfall gewesen sein, ein Arbeitsunfall zum Beispiel.«

»Sie sind nicht auskunftsfreudiger als ein Stück Emmentaler.«

»Ich darf nichts sagen.«

»Ich verrate aber doch nichts.«

»Jeder wird wissen, dass Sie alles das nur von mir gehört haben können.«

»Wieso denn eigentlich ein Arbeitsunfall?«

Er lächelte, machte seine Augen ganz klein und meinte leise: »Stellen Sie sich folgendes vor: Eine Gruppe Männer will ein Schwein schlachten oder ein Rind. Das Messer gleitet ab und fährt einem der Männer in den Unterbauch. Sie wissen, dass derartige Unfälle hier auf dem Lande nicht einmal selten sind. Der Mann schneidet sich die Hauptschlagader an. In ihrer Verzweiflung pressen die Männer nun Kunststoff in die Wunde. Der Mann stirbt, und sie schleppen ihn in ihrer Hilflosigkeit in den Windbruch und setzen ihn dort ab.«

»Grimms Märchen. Warum sollen diese ominösen Männer denn ein Geheimnis daraus machen, dass sie irgendein Tier schlachten wollten?«

Er sah mich an, als wolle er mich auf etwas hinweisen, ohne es aussprechen zu müssen. »Aha. Dann hätte die Autopsie also einen Schnitt, einen Messerstich oder so etwas ergeben. War das der Fall?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Keine Verwundung vor der Einbringung dieser komischen Masse.« Er lächelte matt.

»Also mit anderen Worten: Mord mittels Isoliermasse. Wieso muss ich Ihnen die Würmer eigentlich einzeln aus der Nase ziehen? Hat man denn eine ungefähre Ahnung, wer der Tote ist?«

»Keine. Sie haben alle Polizeicomputer strapaziert, von Leipzig bis Frankfurt und von Rügen bis Garmisch. Nichts. Einen solchen Mann vermisst man nirgendwo. Nun kann es sein, dass er Ausländer ist und dass wir erst in Wochen erfahren, wer er ist.«

»Ich weiß immer noch nicht, wie diese Schaumstoffmasse in ihn hineingekommen ist«, erinnerte ich ihn mahnend.

»Man hat ihn damit erschossen«, sagte er. Er starrte fast amüsiert in mein wahrscheinlich ziemlich dümmliches Gesicht und meinte: »Als ich es erfuhr, habe ich genauso intelligent ausgesehen wie Sie.« Er rückte den Stuhl zurecht, beugte sich vor und sagte eindringlich: »Sie dürfen mich aber wirklich nicht verpfeifen. Es ist wohl so gewesen: Diese Schaumstoffmasse, die etwa einen Umfang von vier großen Männerfäusten hat, war ursprünglich zusammengepresst auf die Größe einer Patrone. Die Masse war überzogen mit einer Art Lack. Die Kugel wird verschossen, prallt auf, der Lack zerreißt, und die Schaumstoffmasse quillt im Bruchteil einer Sekunde auf. Sie bläst sich auf etwa das Dreihundertfache ihres Ursprungsvolumens auf. Sie zerreißt dabei das Gewebe, in dem sie steckt.«

»Das ist brutal«, flüsterte ich.

Er nickte. »Das ist es. Eigentlich ist es völlig gleich, an welcher Stelle des Körpers Sie getroffen werden: Es zerreißt Sie. Das ist aber wirklich alles, was ich weiß.«

»Und wer ermittelt in dieser Sache?«

»Das weiß ich nicht«, sagte er schnell, viel zu schnell.

Ich seufzte. »Also lassen Sie es mich anders formulieren: Ich vermute, dass der Lack, der den Schaumstoff zusammenhielt, unbekannter Natur ist. OK?«

»Ja, das Zeug ist unbekannt.«

»Ich vermute weiter, dass auch der Schaumstoff nicht bekannt ist.«

»Richtig«, meinte er zögernd. Und dann: »Und ehe Sie mir die nächste Frage stellen, antworte ich lieber freiwillig: Die Staatsanwaltschaften Trier und Wittlich haben diesen Fall abgeben müssen. Der Tote liegt in irgendeiner Eiskammer im Bundeswehrkrankenhaus Koblenz. Das Bundeskriminalamt hat die Nachforschungen aufgenommen. Einfach ausgedrückt, würde ich Ihnen raten, die Finger davon zu lassen, sonst können Sie sich aussuchen, von wem Sie skalpiert werden wollen.«

»Ich habe noch eine letzte Frage.«

Er seufzte. »Ich kenne Sie: Damit werden Sie auf die Spuren zu sprechen kommen. Nein, es gibt keine Spuren. Treckerspuren, die Spuren der Langholzwagen, mit denen die Stämme abgefahren werden, Spuren von den Fräsmaschinen, die die Stämme entrinden. Sonst nichts.«

»Mikrospuren? Hat er in einem Pkw gelegen?«

»Er muss in einem Pkw gesessen haben. Aber es ist nicht klar, ob er noch lebte oder schon tot war. Die Mikrofasern deuten auf einen Opel der Mittelklasse hin. Der Wagen war nicht älter als zwei Jahre. Von denen fahren nun wirklich Tausende rum.«

»Hat man die Farben der Fasern?«

»Ja. Grau. Aber das hilft uns nicht weiter, weil die meisten Stoffbezüge, die Opel liefert, ein starkes graues Garn als Basis der Bezüge verwenden. Jetzt weiß ich aber wirklich nichts mehr.«

»Aber ich habe trotzdem noch eine allerletzte Frage: Der Mann hatte ein Gesicht, als sei er viel im Freien. Es kann aber auch sein, dass er sich seine Gesichtsfarbe in einem Bräunungsinstitut holte.«

»Sie vergessen wirklich nichts«, sagte er. »Der Mann hat nie auf einer Sonnenbank gelegen.«

»Eigentlich hätte ich doch noch eine weitere Frage, aber beißen Sie mich nicht. Man kann auf verschiedenen Wegen an den Windbruch kommen. Es gibt mindestens zwei Waldwege von der Schnellstraße her und drei Waldwege, die auf größeren Umwegen dorthin führen. Irgendwelche Spuren auf diesen Wegen?«

»Nichts, sagen die Kripoleute. Wirklich nichts! Kein Mensch weiß, wie der Kerl dorthin gekommen ist, außer dem Mörder oder den Mördern.«

»Ich habe noch eine Frage«, sagte ich. »Ehrenwort, diesmal wirklich die letzte. Sie sagten, er habe vor seinem Tod Geschlechtsverkehr gehabt. Das ist mir zu diffus. Haben Ihre Kollegen Pathologen dazu Genaueres gesagt? Also: Hatte der Tote Geschlechtsverkehr mit einer Frau, mit einem Mann, oder hatte er überhaupt einen Partner? Das ist die Frage, Teil eins. Teil zwei: Wie lange vor seinem Tod hatte er Verkehr?«

»Antwort auf Teil eins: Er war mit einer Frau zusammen. Die Frau hat übrigens die Blutgruppe A, Rhesus positiv. Antwort auf Teil zwei: Er war mit dieser Frau etwa eine Stunde vor seinem Tod zusammen. Antwort auf Teil drei, den Sie noch nicht gestellt haben, aber ganz sicher noch stellen werden: Als er mitten in dem Windbruch abgesetzt wurde, war er etwa seit dem gleichen Zeitraum tot, also seit einer Stunde. Und jetzt raus mit Ihnen.«

»Sie würden mich erwürgen, also stelle ich Ihnen nicht noch eine Frage.«

»Lassen Sie mich versuchen, Ihre nicht gestellte Frage zu erraten, dann habe ich wenigstens auch etwas davon. Sie wollen wissen, wo dieser Verkehr stattfand, also ob es Spuren in dieser Hinsicht gibt?«

»Richtig.«

»Die Antwort ist: Es war ein ordentliches deutsches Bett mit Bezügen aus weißem Leinen und Baumwolle. Allerweltsware. Und wenn Sie in drei Sekunden nicht draußen sind, fordere ich Polizeischutz an.«

Ich trollte mich, weil ich sicher war, dass er mir alles gesagt hatte, was in Erfahrung zu bringen war – bis auf das, was er sich selbst dachte. Er war ein diskreter Mann.

Was macht ein Journalist, wenn er einen Toten in der Eifel findet, der unmittelbar nach einer Liebesstunde verblichen ist, keinen Namen hat, dafür aber den Bauch voller Plastik? Er kann verzweifeln und sich um andere Dinge kümmern, er kann aber auch an den Ort der Tat zurückkehren und darüber nachsinnen, was diesen Toten in den Windbruch brachte. Bäume reden zwar nicht, aber sie geben mir jene Gelassenheit, die ich bei den meisten Menschen vermisse. Dieser Tote war des Nachdenkens wert. Er war weitaus nebelhafter als die zahllosen Spukgeschichten, die in der Eifel erzählt werden, in denen Poltergeister Wasserhähne aufdrehen oder mit Stühlen schmeißen, so dass brave Pfarrer durchaus einen Exorzisten aus Trier herbeirufen wollen. Dieser Tote war irgendwie lautlos in die Wälder geschlichen, geschafft worden.

Ich fuhr also in den Windbruch.

Die Besinnung wurde ein Reinfall, denn von Westen her war ein starker Wind aufgekommen, und die wenigen Bäume, die im Bruch stehengeblieben waren, bogen sich durch und erzeugten mit ihren Ästen teils peitschende, teils seufzende Geräusche. Es war entschieden zu laut, um mit Bäumen zu reden, zu hektisch für jede Art von Pantheismus.

Wenn jemand eine Stunde nach seinem Tod und nach dem letzten Geschlechtsakt in einen Wald transportiert wird, kann man davon ausgehen, dass er bis zu achtzig Kilometer entfernt von diesem Windbruch gestorben ist, allerhöchstens. In Köln, zum Beispiel. Zum Beispiel in Bonn, in Godesberg, in Euskirchen, in Erftstadt, in Aachen, in Trier, in Koblenz.

Meine Karten sahen schlecht aus, und ich dachte widerwillig, dass es wahrscheinlich ein Fall war, an dem ich niemals würde arbeiten können.

Zweifellos. Wenn jemand sein Opfer geschickt verbergen wollte, brauchte er es nur so zu machen wie gehabt: Die Leiche in einen Windbruch transportieren, in dem kaum die Gefahr bestand, dass jemand in den nächsten Wochen so verrückt sein würde, durch das Geäst zu kriechen. So weit, so gut, aber setzte dieser Abtransport eines Toten nicht voraus, dass der oder die Täter diesen Windbruch genau kannten? Während ich durch die Felder rollte, kam ich zu dem Schluss, dass es vermutlich absolut reichte, die Abgeschiedenheit der Eifel einzukalkulieren. Das war wohl eher wahrscheinlich: Der oder die Täter hatten keine Verbindung in diese Landschaft.

Sekundenlang schien mir etwas anderes noch viel wahrscheinlicher. Die trivialste Form des Gattenmordes. Sie schläft noch einmal mit ihm, um ihn gefügig zu machen, und draußen wartet ihr Geliebter, um den Tod zu bringen und den Körper des verhassten Platzhirsches in die Wälder abzutransportieren. Irgendetwas in dieser schrecklich läppischen Art, wie es sich Fernsehserien zuweilen einfallen lassen, um unsere phantasielose Wirklichkeit zu kopieren.

Aber ein Geschoss mit Plastik, das einen Körper von innen zerfetzt, das passte nicht in diese Lindenstraßenversion.

Ich rollte auf dem Hof aus und hatte den Wagenschlag noch nicht geöffnet, als eine mir inzwischen durchaus bekannte Stimme laut und vernehmlich wie auf dem Kasernenhof ein »Na endlich!« ertönen ließ.

Ich fuhr herum und sagte verblüfft: »Tante Anni! Wetten?«

»So ist es, min Jung!«

Sie hockte auf einem Buchenstamm, hatte eine große Ledertasche und zwei Koffer vor sich stehen. Ein Ledertäschchen, das Nicht-Fachleute als Butterbrotbeutel bezeichnet hätten, schlang sich um ihren nicht unerheblichen Busen. Sie trug so etwas wie einen Friesennerz in Graubraun über weit schlackernden braunen Hosen, dazu hellbraune Schuhe Marke Wanderfreund.

Aber das Gesicht!

Es war ein großes, rotes, gesundes, freundliches Gesicht mit hellblauen Augen. Es war ein altes Krähengesicht unter einem sehr dekorativen Kranz grauer Haare. Es war auch ein listiges Gesicht. Es war ein Gesicht, das viel lachte, und es hatte die passenden Falten.

»Ich bin Siggi«, sagte ich. »Wieso hast du nicht angerufen?«

Sie schnappte die Tasche und beide Koffer und meinte: »Habe ich ja. Aber niemand hat abgehoben.«

»So etwas kommt vor. Komm rein.«

»Moment mal, ich kann auch in einen Gasthof gehen.«

»Du bist verrückt«, sagte ich schlicht. »Du bist doch Familie. Also komm rein.«

»Du wohnst hier ganz allein?«

»Ja.«

»Keine Frau hier?«

»Manchmal ja, manchmal nein. Im Moment eher nicht.«

»Dein Vater wollte eigentlich auch nie heiraten.« Sie seufzte, als wollte sie am liebsten hinzusetzen: Und dann hat er es doch getan und ist dran gestorben!

»Du kannst im Gästezimmer wohnen. Dann kannst du unsere uralte Wehrkirche sehen und über die Vergänglichkeit der Welt nachdenken. Aber erst mal gibt es Kaffee. Halt, nein, erst mal gibt es einen Aufgesetzten aus Schlehen.«

Sie schleppte ihr Reisegepäck in die Küche, ließ es fallen und murmelte: »So einen schönen Herd hatten wir auch zu Hause. Ja, ein Schnaps. Das tut gut.«

Ich goss ihr einen ein.

Sie mochte siebzig sein oder auch fünfundsechzig; vielleicht war sie neunzig. Das Alter hatte ihr anscheinend nicht viel anhaben können. Sie reichte mir bis zur Schulter, und sie war im Ganzen leicht gebogen, wie ein Baum auf der Kuppe eines Berges. Ich reichte ihr das Glas und sagte Prost.

»Trinkst du keinen?«

»Nie Alkohol«, sagte ich. »Setz dich. Wie bist du gekommen?«

»Geflogen. Von Berlin nach Bonn. Und dann war da so ein Kerl, der sagte, er müsse in die Eifel. Also, ich kriegte das mit. Und dann sagte ich ihm: ›Junger Mann, ich zahle Ihnen zwanzig Mark für den Sprit, wenn Sie mich zu meinem Verwandten fahren.‹ Das hat er dann auch gemacht.«

Sie nippte an dem Aufgesetzten, horchte in sich hinein, nickte dann ausdrücklich, hielt mir das Glas hin und meinte: »Auf einem Bein kann der Mensch nicht stehen.«

»Das ist wahr. Und wie genau sind wir jetzt verwandt?«

»Ich habe dir das aufgezeichnet. Jedenfalls sind wir verwandt. Ach ja, und damit du nicht glaubst, ich bin bloß eine spinnige Alte, habe ich dir erst mal den Erbschein zu geben.« Sie drückte mir ein Kuvert in die Hand.

»Findest du das eigentlich gut, dass wir ein Rittergut erben?« Sie trank bedächtig den Schnaps, zuckte die Achseln und setzte das Glas auf den Tisch. »Wir müssen das bei Gelegenheit überlegen. Aber warum hast du so unruhige Augen? Oder hast du die immer?«

»Habe ich?« Ich zögerte. »Na gut. Hier ist ein Mann erschossen worden. Im Wald. Ich habe ihn gefunden. Komischerweise ist er mit irgendeiner Plastikmasse erschossen worden. Irgendein schreckliches Zeug, das im Körper aufquillt. Das macht mir zu schaffen.«

»Mit einer aufquellenden Masse?« Sie hatte ganz schmale Augen bekommen.

»Ja, ja. Es ist irgendein Zeug, das mit Lack überzogen wird. Wenn der Lack aufplatzt, quillt das Zeug.«

»Ich habe im Flugzeug eine Zeitung gelesen. Da war ein Bild von dem Mann, ein Suchbild. Aber nichts von einer quellenden Masse.«

»Die Bullen machen es manchmal sehr geheimnisvoll.«

»Da gab es in den frühen Achtzigern Versuche mit Schaumstoffgeschossen. Ich habe damals gleich gesagt: Das kann eine Mordwaffe werden.«

Ich war ziemlich verblüfft, meinte aber nur etwas geistesabwesend: »Aha, das hast du gleich gesagt.«

»Ja. Und jetzt, mein Junge, mach mir bitte einen Kaffee, und dann lege ich mich ein Stündchen hin.«

2. Kapitel

Wir hockten einander gegenüber, und sie wirkte mehr denn je wie eine misstrauische Krähe.

»Ich passe nicht in dein Programm, nicht wahr?«, fragte sie.

»Nicht doch, nicht doch«, wehrte ich ab. »Wir werden uns schon vertragen.«

»Ich bleibe nicht lange«, stellte sie leicht eingeschnappt fest. »Wir klären die Sache mit der Erbschaft und ich verschwinde wieder.«

»Du bist ja kaum hier«, widersprach ich. »Ich lebe allein, ich habe keine Familie, ich ...«

»Bei mir ist das genauso«, unterbrach sie. »Ich kenne das. Mein Leben lang war ich allein und ...«

»Nicht verheiratet?«

»Nein«, sie lächelte. »Also es gab Anwärter und solche, die es sein wollten. Aber ich wollte nicht. Nix mit Männern.«

»Wie heißt du eigentlich?«