E-Book Verlag: KBV Hörbuch Verlag: KBV Verlags- & Medien GmbH Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Eifel-Krieg - Jacques Berndorf

In der Eifel herrscht Krieg, und niemand weiß, wo die Fronten verlaufen. Die friedliche Eifelwelt gerät völlig aus den Fugen: Siggi Baumeister wird schwer verletzt, noch ehe er sich mit den Untersuchungen um einen rätselhaften Toten beschäftigen kann. Sein väterlicher Freund Rodenstock muss nach einem brutalen Überfall sicherheitshalber ins Koma gelegt werden, weil nicht klar ist, ob ihm die Ärzte überhaupt noch helfen können. Alles dreht sich anscheinend um einen großen Bauernhof, von dem jedermann behauptet, er werde von Neonazis bewohnt. Aber was ist beweisbar? Ein junger Mann wird erschossen, eine Sechzehnjährige schlägt brutal mit einem Axtstiel zu, und ein Unbekannter schießt auf Jäger im Wald. Mit Sicherheit weiß man: Ein Heckenschütze ist in der Eifel unterwegs, ein Sniper - ein Alptraum für jede Mordkommission. Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass junge Mütter ihren Kindern verbieten, draußen zu spielen.

Meinungen über das E-Book Eifel-Krieg - Jacques Berndorf

E-Book-Leseprobe Eifel-Krieg - Jacques Berndorf

Jacques BerndorfEifel-Krieg

Vom Autor bisher bei KBV erschienen:

Mords-Eifel (Hg.)

Der letzte Agent

Requiem für einen Henker

Der Bär

Tatort Eifel (Hg.)

Mond über der Eifel

Der Monat vor dem Mord

Tatort Eifel 2 (Hg.)

Die Nürburg-Papiere

Die Eifel-Connection

Eifel-Bullen

Jacques Berndorf ist das Pseudonym des 1936 in Duisburg geborenen Journalisten, Sachbuch- und Romanautors Michael Preute.

Sein erster Eifel-Krimi, Eifel-Blues, erschien 1989. In den Folgejahren entwickelte sich daraus eine deutschlandweit überaus populäre Romanserie mit Berndorfs Hauptfigur, dem Journalisten Siggi Baumeister. Dessen bislang jüngster Fall, Eifel-Bullen, erschien 2012 als Originalausgabe bei KBV.

Berndorf setzte mit seinen Romanen nicht nur die Eifel auf die bundesweite Krimi-Landkarte, er avancierte auch zum erfolgreichsten deutschen Kriminalschriftsteller mit mehrfacher Millionen-Auflage. Sein Roman Eifel-Schnee wurde im Jahr 2000 für das ZDF verfilmt. Drei Jahre später erhielt er vom »Syndikat«, der Vereinigung deutschsprachiger Krimi-Autoren, den »Ehren-Glauser« für sein Lebenswerk.

Jacques Berndorf

Eifel-Krieg

Originalausgabe© 2013 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheimwww.kbv-verlag.deE-Mail: info@kbv-verlag.deTelefon: 0 65 93 - 998 96-0Fax: 0 65 93 - 998 96-20Umschlagillustration: Ralf KrampRedaktion: Volker Maria Neumann, KölnDruck: Aalexx Buchproduktion GmbH, GroßburgwedelPrinted in GermanyPrint-ISBN 978-3-942446-97-6E-Book-ISBN 978-3-95441-143-6

für meine geliebte Frau Gelifür Susanne und Alfred Dietrich in Kelberg

»Grüßen Sie Detective Inspector Ruiz. Richten Sie ihm aus,dass altgewordene Polizisten nie sterben.Sie setzen höchstens mal einen Takt aus.«

Michael Robotham, Todeskampf, München 2012

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

1. Kapitel

Mein Kater Satchmo ist tot. Er war achtzehn Jahre lang ein sehr guter Kumpel, und er bestand achtzehn Jahre lang auf seiner Unabhängigkeit, er war nicht käuflich. Er war eine echte Eifeler Scheunenkatze.

Mein Freund Tom Ewertz, Bauer in Niederehe, hatte ihn mir geschenkt, als er nicht mehr war als eine Handvoll. Anfangs lebte er zusammen mit seinem Bruder Paul bei mir, bis der an einem nebligen Tag stracks in ein Auto rannte. Satchmo mochte Autos seitdem nicht und schaute durchaus aufmerksam, ob er die Dorfstraße gefahrlos queren konnte.

Es war kein Auto, es war das Alter. Satchmo baute rapide ab, die Nieren machten ihm Schwierigkeiten, er lag desinteressiert herum, er ging immer weniger hinaus in den Garten, er wurde hager wie ein alter Mann ohne Mut und Hunger. Er sprach auch nicht mehr mit mir, was er sein ganzes Leben lang getan hatte. Immer wenn wir aufeinandertrafen, jaulte er in allen erdenklichen Tonlagen, und ich hatte den Eindruck, er wollte mir mitteilen, was er den Tag über im Dorf erlebt hatte. »Stell dir vor, wen ich getroffen habe. Die alte Lisbeth. Auf dem Weg zum Friedhof …«

In den letzten Tagen des vergangenen Jahres war es ganz schlimm. Er fraß nicht mehr. An Silvester verlor er jede Kontrolle, da begann er zu sterben, das machte mir Angst. Er konnte nicht mehr stehen. Und wenn er sich mühsam auf die Beine zu stellen versuchte, begann er, sekundenlang wild zu schwanken, und schoss dann mit zwei, drei Trippelschritten vollkommen haltlos gegen irgendein Hindernis. Gegen einen Heizkörper zum Beispiel oder einfach in eine Zimmerecke oder gegen einen Plastikeimer. Er fiel um und blieb an dem Platz, an dem er scheiterte. Es war so, als würde er nichts mehr sehen, als wäre er blind. Und wenn ich ihn rief, hob er nicht einmal mehr den Kopf.

Ich konnte nicht mehr zusehen und rief in der Praxis von Susanne Fügen in Daun an. Ich sagte, was zu sagen war. Satchmo kam in seinen Plastikbehälter, er wehrte sich nicht, und wir fuhren nach Daun. Gewöhnlich hatte mein Kater mit wilder Hysterie auf diese Praxis reagiert und mit noch größerer Hysterie auf den blanken Stahltisch. Das schien ihn nicht mehr zu berühren, wahrscheinlich begriff er das alles nicht mehr.

Er bekam eine Winzigkeit intravenös gespritzt, er zuckte nicht, er blieb ganz ruhig, zu Tode erschöpft. Dann war er fort, und Susanne Fügen fragte mich freundlich und sanft, ob ich noch eine Weile lang mit ihm allein sein wolle. Das wollte ich nicht.

Immer wieder, wenn ich im EDEKA in Kelberg einkaufen gehe, finde ich mich in der Abteilung Tierfutter wieder und überlege, ob ich Katzenstreu oder Katzenmilch mitnehmen muss. Das wird seine Zeit brauchen, auch mein alter Satchmo geht nie so ganz.

Aber eigentlich will ich die Geschichte von Blue erzählen, die in diesem sommerlichen Juni so hinterhältig, brutal und traurig begann und schlussendlich in einem Chaos endete, mit dem niemand hatte rechnen können.

Es fing an, als Rodenstock mich gegen Abend beiläufig anrief und damit lockte, dass Emma gerade Melonen mit rohem Schinken von Otten in Strohn auf den Tisch brachte – »handgeschnitzt«, wie er mir versicherte. Ob ich denn in Heyroth aufschlagen könne, um Schinken und Melone zu zerstören? Ich sagte natürlich zu, weil ich immer zusage, wenn es irgendetwas Kostenloses gibt, da bin ich sehr konsequent. Ich fuhr also die lächerlichen zwei Kilometer zu ihrem Haus und freute mich auf ein munteres Geplauder bei Schinken und Melone unter einer abendlichen, immer noch warmen Sonne.

Rodenstock stand in der Tür, empfing mich mit einer hastig geflüsterten Information, von der ich kein Wort verstand, drehte sich um und stapfte vor mir her.

Emma kam auf mich zu, umarmte mich kurz, wies hinter sich und brüllte erschreckend laut: »Das ist Tante Liene aus Sydney. Sie will noch mal Europa sehen.«

Besagte Tante Liene hockte auf einem Kissenberg in einem alten Ledersessel und sah aus wie ein Wesen aus einer anderen Welt, ein klassischer Alien. Ihr Gesicht war ein kleines, ovales, rissiges Stück altes Leder, nicht einmal die Nase war ohne Falten. Ihr Haar war ein verwirrendes, helles Gespinst in äußerst lockerer Bebauung, das in einer einzelnen Strähne quer über ihren ansonsten vollkommen kahlen Schädel gelegt war. Sie konnte auf keinen Fall mehr als vierzig Kilo wiegen, und ihre Figur war tropfenförmig. Sie trug irgendetwas Dunkelbraunes und Sackartiges, das mich an die Naturbegeisterten meiner Jugend erinnerte. Sie konnte höchstens eins vierzig groß sein, und nur ihre Augen lebten. Diese Augen waren zwei winzige, tiefschwarze, leuchtende Punkte.

Ich musste mich räuspern, dann sagte ich brav etwas lauter: »Ich bin der Siggi«, und reichte ihr eine Hand.

»Sie hört nicht mehr richtig«, dröhnte Emma. »Aber sie ist immerhin auch schon dreiundneunzig.«

Tante Liene griff nicht nach meiner Hand, wahrscheinlich sah sie gar nichts mehr.

»Mit dem Sehen ist das auch so eine Sache«, schrie Emma.

Ich wiederholte lauter: »Ich bin der Siggi« und legte der Zwergin flüchtig eine Hand auf die Schulter.

»Und nun wollen wir essen!«, schrie Rodenstock.

Die Zwergin fragte krächzend: »Is er a Jidd?«

»Neeh!«, brüllte Emma. Sie stand an der Arbeitsplatte und matschte eine Scheibe der Melone mit einer Gabel klein, dann schnitt sie eine Scheibe des Schinkens in winzige Bestandteile, kam mit dem Teller zu der Zwergin, setzte sich auf die Sessellehne und schrie: »Dann wollen wir mal!«

»Du lieber mein Vater!«, flüsterte Rodenstock mit geschlossenen Augen.

»Wie ist sie denn hergekommen?«, hauchte ich. »Mit einem Segelschiff?«

»Verwöhnkomfort, Singapore Airlines, erste Klasse«, antwortete er. »Den Rest von Frankfurt mit dem Taxi. Vorgestern waren wir noch völlig ahnungslos. Sie will vier oder sechs Wochen bleiben. Ich fange an, meine Frau zu hassen. Wir hatten es hier so schön.«

Einen Augenblick lang dachte ich, Rodenstock wäre ein hervorragender Bauchredner, seine Lippen bewegten sich kaum. »Wieso seid ihr nicht gewarnt worden?«

»Das hätte doch keinen Sinn gehabt, sie wäre sowieso gekommen. Und wahrscheinlich waren die in Sydney froh, sie mal loszuwerden.«

»Das hast du gut gemacht«, stellte Emma laut fest. »Willst du jetzt ein Schläfchen machen?«

»Yep!«, nickte Tante Liene. Dann sackte ihr Kopf zur Seite, und sie tat einen tiefen Atemzug. Sie atmete leicht rasselnd, sie schlief.

»Setzen wir uns in den Garten?«, fragte Emma lächelnd.

Wir nahmen das Geschirr und setzten uns in den Garten an den Holztisch. Emma brachte die Eifeler Köstlichkeiten.

»Das wird eine Katastrophe«, murmelte Rodenstock düster.

»Es ist schwer! Ja!«, pflichtete Emma mit schneidender Stimme bei. »Aber du wirst den Mund halten, verdammt noch mal.« Sie machte eine Pause und nahm einen neuen Anlauf. »Liene hat Auschwitz überlebt. Da war sie fünfundzwanzig. Sie hatte zwei kleine Kinder, sie hatte einen Ehemann. Alle drei wurden getötet.« Sie machte wieder eine Pause. »Es ist gesagt worden, dass sie nur überlebte, weil sie mit ein paar Männern der KZ-Aufsicht schlief. Wann immer die es wollten. Sie war bei einem dieser furchtbaren Todesmärsche dabei. Sie hat bis heute nie mehr darüber geredet. Es war also ein Scheißleben, Rodenstock! Und sie ist einfach zu uns gekommen, weil sie den Schlussstein ihres Lebens sucht.«

»Ist ja gut, es tut mir leid«, murmelte Rodenstock. Dann stand er auf, beugte sich zu seiner Frau hinunter und umarmte sie.

Weil Emma plötzlich weinte, schwiegen wir.

»Verdammte Kacke!«, explodierte sie heftig. »Es muss doch endlich mal Schluss sein damit.«

Natürlich war das Essen vergessen, natürlich schwiegen wir, natürlich wirkte das sehr gequält, bis Rodenstock mich fragte: »Kennst du einen jungen Mann, der Blue genannt wird? Hier aus der Gegend? Ungefähr zwanzig Jahre alt?«

»Nie gehört. Wer ist das?«

»Angeblich lebt er seit drei Jahren auf dem Eulenhof. Aber so ganz genau scheint das niemand zu wissen.«

»Eulenhof? Diese Leute, von denen es heißt, sie seien Neonazis?«

»Genau«, sagte er und nickte knapp. »Neonazis und Zuhälter und Rassisten und was weiß der Teufel noch alles.«

»Keine Ahnung«, sagte ich.

»Der Junge ist seit gestern spurlos verschwunden. Er wollte frühmorgens zu seinen Eltern nach Trier. Er kam aber nicht dort an. Dann riefen seine Eltern die Polizei, und die fuhr ein bisschen herum und erkundigte sich. Bisher ohne Erfolg. Die vom Eulenhof haben gesagt, sie hätten keine Ahnung, wohin der Junge verschwunden sein könnte.«

»Warum fragst du ausgerechnet mich? Hätte er bei mir klingeln sollen?«

»Nein, aber der Vater hat mir gesagt, dass der Junge oft hier bei uns im Ahbachtal war. Immer, wenn er allein sein wollte. Er streunte herum. Lag im Gras und so, meistens allein. Beobachtete Vögel, hatte wohl auch eine Gruppe Wildkatzen im Blick. Deshalb frage ich dich.«

»Keine Ahnung«, wiederholte ich. »Ich habe keinen jungen Mann gesehen. Wie sieht er denn aus?«

»Eins achtzig, blondes Haar, sehr schlank«, antwortete Rodenstock. »Ich bin mittags mal das Tal abgefahren, aber gesehen habe ich nichts. Man kann von der Straße aus nicht alles einsehen.«

»Nun esst doch mal was«, nörgelte Emma.

»Wieso rufen diese Eltern denn gleich die Polizei, wenn der zwanzigjährige Junior nicht wie verabredet eintrudelt? Ist das nicht etwas übertrieben?«, fragte ich.

»Kann man so sehen«, brummelte Rodenstock. »Aber der Vater klang sehr ängstlich, hysterisch sogar. Und jetzt will ich etwas essen.«

Also machten wir uns an die Nahrungsaufnahme und blickten alle drei von Zeit zu Zeit auf Tante Liene, die im Hintergrund mit offenem Mund auf ihrem Kissenberg saß und vor sich hinrasselte.

»Wie kam sie denn nach Australien?«, fragte ich.

»Das wissen wir nicht genau, sie wird es uns sagen«, antwortete Emma. »Sie heiratete nach dem Krieg in Australien noch einmal, bekam drei oder vier Kinder. Sie hatte zwei oder drei depressive Zusammenbrüche, kam in die Psychiatrie, wurde jedes Mal gerettet und zog sich mit ungefähr fünfundsiebzig Jahren aufs Altenteil zurück.«

»Und wie bist du mit ihr verwandt?«, fragte ich Emma.

»Das weiß ich noch nicht genau«, lächelte sie. »Ich glaube, sie war eine entfernte Großcousine von einem Mann, der im Europa des Zweiten Weltkriegs Großonkel Bonni genannt wurde. Der lebte in Paris. Bonni ist natürlich längst tot. Aber das ist ja auch wurscht, sie gehört halt dazu. Ich muss in meinen Papieren nachschauen.«

»Aber sie muss eure Adresse gehabt haben«, sagte ich.

»Hatte sie«, sagte Rodenstock und grinste. »Man kriegt’s mit der Angst zu tun, wenn man sich vorstellt, wer alles in den äußersten Winkeln dieses Planeten unsere Adresse in Heyroth hat, nur weil Emma sich seit vielen Jahren um die Überlebenden kümmert.«

»Rodenstock!«, mahnte Emma. Dann wandte sie sich mir zu und fragte süßlich: »Unsere Staatsanwältin hat mich angerufen und erzählt, dass du zwei Tage in Trier gewesen bist. Ihre Kinder sind ganz begeistert von dir, hat sie mir erzählt.«

»Es war sehr schön«, bestätigte ich. »Ich werde allerdings nicht samt Haushalt nach Trier verschwinden, um deine nächste Frage zu beantworten.«

»Du weißt doch, Emma ist der Meinung, niemand sollte allein leben«, murmelte Rodenstock. »Du schon gar nicht!«

»Er hockt da mutterseelenallein in seinem Haus!«, stellte Emma vorwurfsvoll fest. »Da muss man sich doch kümmern dürfen!«

»Ach, Emma!«, sagte ich.

In diesem Moment tat Tante Liene einen sehr lauten Schnaufer und räkelte sich. Sie bekam tatsächlich beide Arme in Höhe ihrer Schultern gehoben und schlug die Augen auf. Sie sagte: »Humpf.«

Emma rannte zu ihr ins Wohnzimmer, und Rodenstock murmelte: »Ich erwarte tatsächlich das totale Chaos.«

Rodenstock und ich blieben auf der Terrasse. Emma blieb drinnen mit Tante Liene zugange.

»Wie kommt sie eigentlich hoch ins Gästezimmer?«, fragte ich.

»Ganz einfach«, antwortete Rodenstock. »Ich nehme sie auf den Arm und trage sie hoch. Das hatten wir gestern Abend schon einmal. Und sie benutzt reichlich irgendetwas von Dior. Riecht angenehm.« Er grinste diabolisch.

»Und wie lebt sie in Sydney?«

»Allein in einem großen Haus mit allen möglichen Bediensteten. Jedenfalls ist das unser Kenntnisstand. Emma wird heute Nacht mit irgendjemandem aus der Familie in Sydney sprechen, um das herauszufinden.«

»Tante Liene kann doch nicht hierher reisen, ohne vorher festzustellen, ob es diese Adresse überhaupt gibt.« Mir schien das rätselhaft.

»Tatsache ist, dass sie hier vor acht Tagen persönlich anrief und nach Emma fragte. Emma bestätigte das: ›Ja, ich lebe hier.‹ Dann legte Tante Liene auf. Emma ist in der ganzen Sippschaft weltweit als äußerst solide bekannt. Also konnte Tante Liene herkommen, das Risiko war gleich Null.« Er sah eine lange Zeit zum Waldrand hinüber, dann fragte er: »Rauchst du eine Pfeife? Ich hole mir eine Zigarre.«

»Das können wir tun«, sagte ich und stopfte mir bedächtig eine Gotha 58 von design berlin. Ich benutzte die neue Mischung Nr. 1 von Wilhelm Friederichs in Düren und schaute dann Rodenstock zu, wie er seine Montecristo schnuppernd unter der Nase durchzog, um sie dann feierlich zu beschneiden und anzuzünden.

Rauchopfer einer verfolgten Minderheit.

»Was halten wir vom Rücktritt des Papstes?«, eröffnete er dann.

Ich mochte das Thema nicht, ich antwortete: »Der Mann war ein sicher sehr kluger Religionslehrer, aber Begeisterungsstürme hat er weltweit nicht ausgelöst. Er war schlapp und gebrechlich, und er wollte das Amt nicht.«

»Moment, er hat aber kluge Dinge gesagt«, widersprach er.

»Ja, ja, und alle brennenden Probleme ließ er folgerichtig links liegen, die Lesben, die Schwulen, die Frauen, den Zölibat, die gründliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, das erschreckende Fehlen an jungen Priestern. Nur dass er kündigte, zeugt von sehr viel Mut.« Ich hatte das Thema nicht gewollt, jetzt war ich mittendrin. Rodenstock schaffte es immer wieder. Ich fuhr fort: »Die katholische Kirche hat seit 1990 in Deutschland fast vier Millionen Gläubige verloren. Das ist nichts für uns, Rodenstock, nicht in dieser katholischen Eifel, in der Gläubige in den Kirchen nur noch wie die Versammlung eines Altenheims aussehen. Der Verein liegt in Europa am Boden und gibt das nicht einmal zu. Für mich ist er kein Thema mehr.«

Er lächelte und fragte: »Und wie ist es mit der Windkraft im Wald?«

»Ein paar Ortsbürgermeister machen den Wald kaputt, sonst nichts«, entgegnete ich. »Wer das ernsthaft will, zerstört das Waldland Eifel. Auch kein Thema.«

»Pferdefleisch?«, fragte er gemütlich. »Bio-Eier?«

»Das muss man reparieren, sonst nichts. Ein paar gierige Firmen dichtmachen, nichts weiter. Aber das wird sowieso nicht passieren.«

»Und der neue Heino? Ist er nicht wunderbar?«

»Ja, durchaus, da stimme ich dir zu. Das hat einsame Klasse. Aber ein Thema ist es auch nicht.«

»Und wie bewerten Eure Heiligkeit die Abartigkeiten des neuen Kapitalismus?«

»Wunderbar. Ich rede grundsätzlich gerne über Obszönes.«

»Was ist mit Zypern und Griechenland?«, fragte er weiter.

»Was soll damit sein? Euro ist Krise, Zypern ist Krise, Griechenland ist Krise, Italien auch. Man sagt uns ständig, dass wir in einer Krise leben. Und wir fallen drauf rein. Wir haben Angst um unser Erspartes, nächste Krise. Ich denke, da wird systematisch übertrieben. Wir sind Europa, wir haben den Euro, wir erleben Fehler und Schwächen, wir müssen reparieren. Aber wir haben ja auch die Mutter aller Krisen, diese Merkel. Die wird es richten.«

Dann lachten wir beide und ließen jede Diskussion sein.

Nur einmal blies er eine gewaltige Qualmwolke in den langsam dunkler werdenden Himmel und murmelte: »Ich wette, Tante Liene wird uns alle schaffen.«

Ich machte mich vom Acker und ließ Rodenstock mit seiner Montecristo allein. Es ist ein schönes Gefühl, miteinander schweigen zu können.

Auf meinem Anrufbeantworter war die Staatsanwältin und murmelte: »Du scheinst eine geheime Geliebte zu haben. Ich werde das Weib brutal fertigmachen und dich langsam über Holzkohle grillen. Ruf mich doch mal an, bitte.«

Also rief ich sie an, und im Hintergrund war ein Riesenlärm, ein grelles Lachen.

»Ich bin es. Läuft da eine Orgie?«

»So etwas Ähnliches. Stell dir vor, da sind zwei Mädchen vorbeigekommen, mit denen ich mal Abitur gemacht habe. Und jetzt sind wir längst über die Martinis hinaus.«

»Das freut mich. Dann lass ich euch mal allein.«

»Ich ruf dich morgen an, ja?«

Ich hockte noch eine halbe Stunde auf meiner Terrasse und sah zu, wie die Nacht anbrach. Eine der wilden, grauen Scheunenkatzen aus dem Dorf lief durch meinen Garten und starrte mich erst sachlich und dann feindselig an, ehe sie um die Hausecke verschwand.

Dann ging ich ins Büro und arbeitete eine Weile an einem Text, der ziemlich schwierig war, weil das Thema mich wütend machte. Es ging um die geradezu lächerlichen Renten einiger alter Bauersfrauen, deren Männer schon verstorben waren. War irgendjemandem klar, was es hieß, von 318 Euro im Monat zu leben?

Gegen Mitternacht gab ich auf und verschwand ins Schlafzimmer. Ein wütender Journalist ist selten ein guter.

Ich wachte früh auf, es war erst kurz nach sechs. Mein Heimatsender SWR1 teilte mit, es sei nichts Besonderes zu vermelden, der geneigte Hörer könne bedenkenlos guter Laune sein. Das befolgte ich weitgehend, schrieb den Text über die Rentnerinnen ohne jede Schwierigkeit zu Ende und schickte ihn ab. Ich aß ein Stück trockenes Brot mit zwei Mandarinen und fühlte mich gut. Ich setzte mich in mein Auto und fuhr hinüber nach Heyroth.

An der Stelle, an der links der erste Bauernhof lag, nahm ich die scharfe Kehre nach rechts in einen schmalen Wirtschaftsweg und fuhr am Ahbachtal entlang. Ich kann nicht einmal genau sagen, warum ich das tat, wahrscheinlich war ich nur gründlich. Ich erinnerte mich an das, was Rodenstock gesagt hatte. Daran, dass der Junge namens Blue einen ängstlichen Vater hatte, der ihn hysterisch vermisste. Dass der Junge eigentlich bei seinen Eltern in Trier sein müsste, dort aber nicht angekommen war.

Das Tal des Ahbachs war ein Ort zum Träumen. Es schlängelte sich der schmale Bach in wilden Kehren und Schleifen durch das enge Wiesental, gluckerte besänftigend und schaffte eine beinahe vollkommene Stille. In großen Abständen standen Gruppen kleiner Erlen an seinem Ufer, und da, wo das Wasser ein wenig breiter einen kleinen, flachen Tümpel schuf, ging das Vieh auf die andere Seite – immer auf der Suche nach dem saftigsten Gras. Man sah Graureiher, die kleine Fische aus dem Wasser zogen, angeblich hatten Naturfreaks Schwarzstörche gesehen, Raubvögel horsteten an den Waldhängen, ganz früh am Morgen und am Abend trat Rotwild aus dem Wald. Es gab keine Störungen, keine Menschen, keine Maschinen. Und keine Straße, auf der irgendein Verkehr floss. Und jedes Mal, wenn man in den Wiesen Leute sah, dachte man erschreckt: Jetzt haben die blöden Touristen das Tal entdeckt und machen es kaputt.

Ich hielt an einer Stelle, von der aus ich leicht in die Wiesen unter mir gelangen konnte. Es war vollkommen still. Der Bach lag unter der morgendlich grellen Sonne, Kohlweißlinge, Zitronenfalter und viele Kleine Füchse taumelten durch das Licht. Es gab Insekten in Hülle und Fülle, und auf vielen Gräsern saßen die Käfer, die man Blutstropfen nannte und auf deren Rücken eine intensive, rote Punktierung strahlte – Überschwang des Lebens.

Anfangs siehst du nicht genau, deine Augen können Hell und Dunkel noch nicht voneinander trennen, müssen sich erst an die Umgebung gewöhnen.

Also hockte ich mich an das munter plätschernde Wasser und stopfte mir eine Pfeife. Es war eine Mariner 10 von design berlin, eine sachliche, konservative Schöpfung mit edler, grüner Lackierung. Ich paffte vor mich hin, während meine Augen sich an dieses stille Tal gewöhnten und allmählich das Sehen lernten. Auf der rechten Seite trat ein dichter Mischwald unmittelbar und ohne Grenze bis an die Wiesen im Tal, linkerhand war der steile Hang mit Weißdorn und Schlehenbüschen, ein paar Kiefern und Haselnusssträuchern besetzt.

Ich suchte nach Auffälligkeiten, nach Farbflecken, die nicht in das Tal gehörten. Zuerst lief ich eine Zeit lang unschlüssig umher, mir war nicht klar, in welcher Richtung ich suchen sollte. Dann sah ich auf dem linken Hang irgendetwas unter einem Haselbusch, das blau war, konnte aber nicht erkennen, was es genau war. Ich schlenderte dorthin.

Er lag im Schatten unter einem sehr dichten Haselstrauch. Er lag auf der Seite, das linke Bein lang ausgestreckt, das rechte hoch an den Körper gezogen. Beide Hände lagen frei nach vorn ausgerichtet, als hätte er versucht, noch einmal aufzustehen. Er trug nur ein graues T-Shirt, darüber eine kurze, grüne Allwetterjacke, einfache, abgetragene Jeans, dazu braune Sneakers ohne Strümpfe.

Wahrscheinlich sagte ich irgendetwas, wahrscheinlich einfach »Hallo!« oder »Guten Tag«, ich erinnere mich nicht mehr. Ich weiß nur, dass die meisten Menschen unter diesen Umständen einfach irgendetwas sagen, weil sie hoffen, dadurch den Tod zu verscheuchen, und weil da die Erwartung ist, dass der Tote sich mit einem leichten Grinsen erhebt.

Ich kniete neben ihm nieder und sah zuerst seinen halb offenen Mund, der auf trockenen, welken Blättern aus dem Vorjahr lag. Neben seinem zur Hälfte geschlossenen rechten Auge saß eine Schmeißfliege, ich scheuchte sie fort. Die Gesichtshaut war totenblass.

Der Schuss hatte ihn genau in die Mitte der Stirn getroffen, es war ein vollkommenes, kleines Rund, umgeben von längst getrocknetem Blut. Keine dunklen Schmauchspuren, nichts deutete daraufhin, dass er selbst sich getötet hatte. Der Schusskanal verlief leicht von unten nach oben, das Projektil hatte ihm die hintere Schädeldecke zerschmettert. Eine Waffe gab es nicht.

Ich ging aus dem Schatten hinaus in die Sonne und rief Rodenstock an. Ich sagte: »Ich habe den Jungen gefunden. Jemand hat ihn erschossen. Wenn du auf die Straße kommst, fährst du in Richtung Brück und dann sofort den Wirtschaftsweg links hinunter. Da steht mein Auto.«

»Kann er sich selbst getötet haben?«

»Kaum. Dann müsste eine Waffe da sein. Aber ich habe hier keine entdeckt«, antwortete ich.

»Also das ganze Programm?«

»Das ganze Programm.« Ich beendete das Gespräch, Rodenstock wusste, was zu tun war. Ich nahm meine Nikon und fotografierte die Szenerie gründlich.

2. Kapitel

Es ist schwierig zu erklären, was du denkst, wenn so etwas geschehen ist. Du bist unsicher und erschreckt, und es entsteht ein massives Durcheinander im Kopf. Schnelle, wirbelnde Gedankenfolgen lassen nicht locker und erzeugen eine Art frustrierenden Stau, der sich nicht auflösen lässt, weil es keine Antworten gibt.

Wer erschoss aus welchem Grund einen so jungen Mann? Wer könnte einen Grund gehabt haben, zu einer solchen Brutalität zu greifen? Stritten sie sich um eine Frau? Lag es an den Banalitäten des Lebens, an plötzlich auftauchendem Hass? War ein weiblicher Täter denkbar? War der Tote mit seinem Mörder hier in diesem Tal verabredet? War der Tote ahnungslos? Waren sie zusammen in dieses Tal gegangen, um über irgendein Problem zu sprechen? War die Situation dann plötzlich eskaliert? Aber warum hatte einer von ihnen eine Waffe mitgebracht?

Das Tal war sehr still, irgendwo jubilierte eindeutig eine Feldlerche. Ich ging an den Bach und setzte mich ins Gras. Ich hatte plötzlich die irritierende Idee, es sei gut, sich auszuziehen und die Füße ins Wasser zu stellen. Ich zündete die Pfeife wieder an.

Es wurde eindeutig Zeit, dass Rodenstock auftauchte. Er verfügte über die seltene Gabe, seinem Umfeld selbst im Chaos die notwendige Ruhe zu verschaffen. In solchen Situationen wirkte er wie ein Zauberer.

Als er endlich kam, stieg er sehr selbstsicher über ein Stück verrotteten Stacheldrahtzaun, sah mich an, sah meinen Zeigefinger und ging stracks zu dem Toten unter der Haselnuss. Er blieb stehen, sah die Leiche an, hockte sich neben ihr hin, betrachtete sie lange. Dann stand er wieder auf, sah sich das Tal in beide Richtungen aufmerksam an, betrachtete dann den Toten erneut, hockte sich wieder hin und schien mit ihm zu sprechen. Er nannte das »einen Tatort trinken«, und er würde noch über Monate hinweg wissen, wie weit entfernt von der rechten Hand der Leiche ein kleiner Zweig mit zwei Nüssen lag.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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