Der letzte Skat - Germaine Adelt - E-Book

Der letzte Skat E-Book

Germaine Adelt

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Beschreibung

Germaine Adelt schreibt von Klaviersonaten und Eckkneipen, von Aprikosenlikör und Zuckerkuchen, von Bushaltestellen und Kurierdiensten. 22 Geschichten aus dem Leben, die man lesen sollte, wenn man für das Leben gewappnet sein will.

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Seitenzahl: 87

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Mondlicht

Letztlich war es egal, was er zuerst tat. Den Rettungswagen rufen oder die Polizei. Keiner von denen musste sich beeilen. Der Mann, der da zusammengesunken am Küchentisch saß, war tot. Und das schon länger. So viel konnte selbst er erkennen. Am liebsten wäre er einfach wieder gegangen. Wie sollte er der Polizei erklären, was er hier zu suchen hatte. Vor allem um diese Zeit.

Es sah so aus, als wäre der alte Mann einfach so gestorben. Dennoch berührte er nichts und verließ die Wohnung wieder. Im Hausflur setzte er sich auf die Treppe und zögerte. Der Impuls, einfach wegzugehen, wurde immer stärker. Dem Mann da drinnen konnte nicht mehr geholfen werden, und warum sollte er sich nachts um drei Uhr den Fragen der Behörden stellen?

Dass er sich, betrunken wie er war, in der Hausnummer geirrt hatte, glaubte ihm vielleicht noch irgendjemand. Dass zufällig auch noch sein Wohnungsschlüssel zu eben dieser Wohnung passte, glaubte ihm niemand mehr. Er würde erst einmal in sein Bett gehen und ausschlafen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Vielleicht war alles nur ein böser Traum. Und wenn nicht, würde er eben morgen die Polizei rufen.

Er stöhnte leise. Dann war allerdings die Geschichte mit der Hausnummer noch unglaubwürdiger und er könnte sie nicht mehr erzählen. Und er müsste damit leben, dass ein alter Mann tot in der Wohnung lag, vergessen von allen.

„Verdammt noch mal!“, fluchte er und rieb sich die Stirn, als ob es ihm das Denken erleichtere. Er kannte den Mann nicht und es war ihm fast peinlich. Seit fünf Jahren wohnte er in dieser Straße und dennoch war ihm dieser alte Mann nie aufgefallen. So wie ihn nun auch niemand vermisste.

Mit geschlossenen Augen lehnte er sich an das Holzgeländer und überlegte, was zu tun sei.

Plötzlich musste er an Marlies denken und daran, wie mies er sich ihr gegenüber verhalten hatte. Nachdem ihm plötzlich klar geworden war, mit welcher Leichtigkeit sie, bisher als einzige, seine raue Schale hatte knacken können.

Er vermisste sie. Besonders ihre warmherzige Art, mit ihm, dem ewigen Zyniker, umzugehen. Er verstand nicht, warum er ausgerechnet jetzt an sie denken musste. Vermutlich weil er sie getötet hatte - sinnbildlich. So, wie den alten Mann in der Wohnung wahrscheinlich die Einsamkeit getötet hatte.

Am liebsten hätte er sie angerufen, ihr zumindest eine SMS geschickt. Aber der letzte Kontakt war über ein Jahr her, und so richtig hatte er sich nie bei ihr entschuldigt. Wobei er es bis vor ein paar Minuten auch nicht für notwendig gehalten und es sich jetzt erst eingestanden hatte. Er sah auf die Wohnungstür und ihm wurde klar, dass dies sein Schicksal war. Irgendwann würde auch er einsam, vergessen und tot in seiner Wohnung liegen. Vermutlich schon viel früher, nachdem er sich tot gesoffen hätte, um seinen Kummer weiter zu ertränken. Kummer, den er letztlich selbst geschaffen hatte, da er seine Mitmenschen oft genug so abweisend behandelte. Besonders Marlies, die letztlich nichts falsch gemacht hatte. Außer ihn zu lieben.

Er war fest entschlossen sich bei ihr zu entschuldigen. Hier und jetzt. Und so nahm er sein Handy, um ihr eine Nachricht zu schicken. Doch schon nach den ersten Worten hielt er inne. Immerhin wusste er nicht, ob ihre Handynummer noch aktuell war. Marlies bevorzugte Kartenhandys. Die aber hatten den Nachteil, dass man, sofern man sich ein neues besorgte, die alte Nummer nur mit Aufwand behalten konnte. Aufwand, den sie scheute. Sie selbst hatte ihm davon erzählt. Also löschte er die SMS und wählte ihren Festanschluss. Er würde ihr etwas auf den Anrufbeantworter sprechen. Sie würde zwar nie zurückrufen, aber er hätte ein besseres Gefühl, was sie anging.

„Hallo …?“

Er war so erschrocken darüber, ihre Stimme zu hören, dass er fast aufgelegt hätte: „Ich wollte …“, stotterte er verlegen. „Ich wollte nur sagen, dass es mir leid tut.“

„Thorsten?“

„Ja, … Hör zu, ich wollte dich nicht wecken, ich dachte du schläfst oder hast Nachtdienst und hast den Anrufbeantworter an.“

„Was ist passiert?“

Das war Marlies. Er hatte sie schmählich im Regen stehen lassen. War damals einfach nicht am Flughafen erschienen, als sie in den gemeinsamen Urlaub wollten. Nicht nur das, er hatte weder auf Anrufe noch auf Post von ihr reagiert, sich verleugnen lassen und in seiner Wohnung die Schlösser ausgetauscht. Und sie machte sich Sorgen um ihn. Vermutlich weil sie befürchtete, dass er sich etwas antun wollte.

„Ich bin zu Hause“, log er, „alles in Ordnung, war nur so eine Idee.“

„Sonst noch was?“

„Ich wollte nur sagen, es tut mir leid. Ich meine alles. Am liebsten würde ich es dir ja persönlich sagen …“

„Tatsächlich?“

„Ja, will ich“, sagte er entschlossen. Der Blick auf die Wohnungstür, gab ihm ungeheuren Mut, sich selbst zu überwinden.

„Hör zu, Thorsten. Ich muss in zwei Stunden aufstehen. Ich habe Frühdienst …“

„Okay, meinetwegen auch im Krankenhaus.“

„Untersteh' dich! Wenn es dir tatsächlich so viel bedeuten sollte, dann um halb sechs vor dem Krankenhaus. Auf der kleinen Bank, du weißt schon …“

„Es bedeutet mir wirklich so viel“, sagte er leise und sie schwieg einen Moment, bevor sie auflegte.

Das Gespräch hatte ihm gutgetan. Denn jetzt war er mehr denn je entschlossen, die Polizei anzurufen. Egal, wie sehr man ihn befragen würde, was man ihm vorwerfen würde. Immerhin konnte man ihm ja unterstellen, einen Einbruch verübt zu haben. Aber es würde ihm nichts ausmachen. Das war er dem Mann da drinnen einfach schuldig.

Und den Termin mit Marlies würde er einhalten und wenn er sich in Handschellen mit dem Polizeiauto vorfahren ließ. Das war er ihr einfach schuldig.

Vergessene Zeit

Unruhig sah Elfriede zur Uhr. Sie hätte nicht so lange mit Erna plaudern dürfen. Jetzt rannte ihr die Zeit davon und es galt noch soviel zu erledigen. Wenigstens das Mittagessen für Max wollte sie noch pünktlich fertig haben, dass mit dem Fenster putzen musste eben warten.

Das kleine Café in der Stadt war aber auch zu gemütlich, als dass man dem widerstehen könnte. Sie hatte sich mit Erna soviel zu erzählen und der Ober hatte galant immer wieder ihre Kaffeetassen aufgefüllt, so dass sie völlig die Zeit vergessen hatte. Zeit, die ihr jetzt fehlte.

Elfriede studierte erneut den Busfahrplan an der Haltestelle. Sie hatte sich nicht geirrt. Der nächste Bus sollte in zehn Minuten kommen, das hieß in einer guten halben Stunde war sie zu Hause. Wenn sie die Salzkartoffeln gleich aufsetzte, konnte sie alles noch beizeiten schaffen. Das mit dem Hackbraten musste sie verschieben, das würde zu lange dauern. Und Max war auch mit Spinat und Spiegelei zufrieden.

Sie setzte sich auf die leere Bank und genoss die ersten wenigen Sonnenstrahlen, nach dem schweren Regen. Es war schon verwunderlich, dass sie um diese Zeit als einzige auf den Bus wartete. Aber ihre Gedanken waren schon beim Dessert.

Markus atmete tief durch. Er mochte seine Arbeit, aber an manchen Tagen waren ihm die alten Menschen zu viel. Besonderes dann, wenn sie sich wie kleine Kinder aufführten, inklusive in das Bett zu machen.

„Geht es wieder?“, fragte Jana und er nickte müde. Die Arbeit selbst machte ihm nichts aus. Was ihm die Kraft nahm, war der Gedanke an den Verfall derer, die in ihrem früheren Leben gestandene Persönlichkeiten waren.

„Komm her“, forderte Jana und tupfte ihm ungefragt etwas Kölnisch Wasser auf sein Handgelenk. Er lächelte. Die Gerüche die ein Alterswohnsitz mit sich brachten, störten ihn schon lange nicht mehr aber die Geste fand er rührend.

„Du weißt schon, dass heute Sonntag ist“, flüsterte sie.

„Natürlich, ist das eine Fangfrage?“

„Nicht ganz“, schmunzelte Jana und deutete mit ihrem Finger aus dem Fenster, „der Achter kommt gleich durch. Jeden Sonntag um halb vier. Na ja und am Ende nimmt er noch unsere gute alte Frau Tobias mit.“

Markus sah aus dem Fenster und stöhnte leise. Da saß sie, Elfriede Tobias, einstige Schulsekretärin, adrett zurechtgemacht mit einem entzückenden Hütchen auf dem Kopf, und wartete auf den Bus ins Nirgendwo.

„Ob wir den Sohn anrufen?“

Jana winkte ab: „Vergiss es, den erkennt sie schon seit Jahren nicht mehr.“

„Wo sie wohl hin will?“, murmelte Markus nachdenklich.

„Das weiß nur sie allein“, Jana sah zur Uhr, „du oder ich?“

„Wie du möchtest.“

„Dann geh du. Rede ein bisschen mit ihr.“

„Und was soll ich ihr sagen?“

Ein braves Mädchen

Noch ehe ich mich versah, hatte er das Tier an die Kette gelegt. Dann nahm er die Peitsche und ließ sie wie ein Dompteur kurz auf dem Boden aufschlagen. Ich sah ihn flehend an und hoffte noch immer auf sein Einsehen. Es war klar, dass er mit dieser Aktion eigentlich mich bestrafen wollte und so gesehen hatte er sein Ziel erreicht. Ich wusste, was nun kam, und ich wollte es auch nie wieder sehen müssen. Aber er grinste mich nur an und dann ließ er mit voller Wucht die Peitsche auf das Tier niedergehen.

Noch nie hatte er derart zugeschlagen. Der Hund jaulte so laut auf, dass ich vor Schreck erstarrte, und dann verwandelte sich Dundee in eine Bestie. Mit gefletschten Zähnen sprang er zielgerichtet auf die Kehle seines Peinigers zu. Martin, der gerade zum zweiten Schlag ausholte, wich instinktiv zurück, blieb dann aber großkotzig stehen. Es bereitete mir schon eine gewisse Genugtuung, zu sehen, dass er sich diesmal verkalkuliert hatte und seine Arroganz endlich einmal bestraft werden würde. Er hatte Dundee an die falsche Kette gelegt. An die lange, die für den Auslauf. Als er seinen Fehler erkannte, war es schon zu spät. Der Hund sprang ihn an und packte zu. Dann kam er zu mir und legte sich regelrecht vor meine Füße. Martin blieb wie versteinert stehen und starrte mich fragend an.

Wie in Zeitlupe färbte sich sein Hemd rot. Mit der hohlen Hand fing er sein Blut auf und begann bedrohlich zu wanken. Ich konnte nicht anders und ging auf ihn zu, um ihm zu helfen. Er war auffallend blass und sein Blick wurde glasig. Ich überredete ihn, sich hinzusetzen. Denn wenn dieser große, schwere Mann ohnmächtig werden und umfallen sollte, würde er sich am Ende noch mehr verletzen.