Puppenhaus - Germaine Adelt - E-Book

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Germaine Adelt

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Beschreibung

In der Welt von Lorenz geht alles seinen gewohnten Gang. Ein Heim voller romantischer Zweisamkeit, ein friedlicher Beruf, ein ganz normales Leben. Irgendwas stimmt da zwar nicht, aber das ist schon in Ordnung ... Germaine Adelt schreibt in dieser Novelle von Realitäten und Relativitäten und der Frage wie unsterblich die ganz große Liebe sein kann.

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Seitenzahl: 40

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Kapitel I

Er war noch nie zu spät gekommen in seinem Leben. So zweifellos auch heute nicht, obwohl er noch immer auf dem Bett lag und versonnen die Zimmerdecke anstarrte. Der Wecker hatte längst aufgegeben, zu klingeln und so hatte alles einen Hauch von Risiko, wenn er sich jetzt auch noch der Versuchung hingeben sollte, einfach die Augen zu schließen.

„Wanja, du musst aufstehen“, flüsterte sie und obwohl sie direkt neben ihm war, starrte er weiterhin die Decke an.

Erst jetzt vermisste er diese alten, weißen Zimmerdecken aus Gips, mit all den Stuckarbeiten und Verzierungen. So wie einst in seiner maroden Altbauwohnung, die zum Symbol geworden war für Anfang und Ende seiner Zukunft.

„Wanitschka“, mahnte sie leise.

Er nickte nur und erhob sich. Auch heute würde er pünktlich sein. So wie immer. Pflichtbewusst wie er war, könnte nur sein eigener Tod etwas daran ändern.

Sehnsüchtig sah er auf das Bett. Da lag sie, sein Schneewittchen. Mit ihrem tatsächlich ebenholzschwarzen Haar und einer Haut, so blass, dass man ihr lange Jahre immer wieder Blut abgenommen hatte, um den vermeintlichen Mangel aufzudecken.

„Ich mag nicht“, murmelte er.

„Ich weiß“, lachte sie und räkelte sich herausfordernd.

„Lass das, ich muss los. Sonst komme ich noch zu spät.“

„Auf jeden Fall, wenn du so weiter trödelst.“

„Hast ja Recht“, brummte er und widerstand endgültig der Versuchung, sich einfach wieder zurück in das verheißungsvolle Bett zu legen.

Unter der Dusche ließ er das kalte Wasser über seinen Körper laufen. Wie so oft, wenn er Leben spüren wollte. Die Lebendigkeit jenseits dessen, was das Leben für ihn da draußen tagtäglich bereit hielt.

Stagnation hatte er sich immer anders vorgestellt. Zumindest hatte er als junger Mann gehofft, den Stillstand, sollte er einmal in sein Leben eintreten, nicht zu bemerken. Stattdessen musste er ihn Tag für Tag hautnah erleben und konnte dem allem einfach nicht entkommen.

„Wanja! Genug jetzt!“

Es war Saschenka, die kopfschüttelnd neben ihm stand. Sein Körper war so abgekühlt, dass er nicht einmal mehr fror, und für einen Moment glaubte er, seine Beine nicht zu spüren.

„Du duschst dich jetzt heiß ab, Dummerchen!“, schimpfte sie und verließ das Bad, nicht ohne mahnend auf die Zeiger der Uhr zu deuten.

Lächelnd sah er ihr nach. Sie war der einzige Lichtblick, den er sich in all den Jahren hatte bewahren können. Nur sie vermochte seine Seele zu wärmen. So wie jetzt das heiße Wasser, das seinem Körper langsam das Leben zurück gab. Dennoch war er nur noch müde. Er war es leid, diesen Trott zu ertragen, all diese Menschen immer und immer wieder neu aushalten zu müssen. Denen Begriffe wie Loyalität abhanden gekommen waren, die nicht einmal mehr wussten, was Anstand bedeutete.

Ein Blick auf die Kaffeemaschine, die er vergessen hatte einzuschalten, machte ihm klar, dass er keine Lust hatte, allein zu frühstücken. Vielleicht konnte er Esther zu einem gemeinsamen Essen überreden. Vielleicht war es auch an der Zeit, bestimmte Gewohnheiten einfach neu zu überdenken.

„Einen schönen guten Morgen, Chef!“, flötete Esther bereits, als er das Büro noch gar nicht ganz betreten hatte. Sie schenkte ihm ihr entwaffnendes Lächeln, das er bisher nur bei ihr gesehen hatte. Er genoss ihre Leichtigkeit, die vermutlich schon längst so etwas wie Naivität gleichkam. Eine Naivität, die er in ihrer Gegenwart an sich selbst immer öfter entdeckte.

Genüsslich nahm er den Kaffeeduft aus dem Aktenraum wahr und hoffte, dass er daran teilhaben konnte, ohne aufdringlich nachzufragen.

„Ich habe Frühstück mitgebracht“, erklärte sie ungefragt. „Einfach so, mir war danach. Aber wenn Sie nicht mögen, räume ich das alles wieder ab …“

„Nein, ist schon gut.“

„Alle machen das. Nur wir nicht.“

Verträumt sah er zu, wie sie alles liebevoll herrichtete. Wie sie versuchte, dem kalten Ambiente der Aktenschränke ein wenig Gemütlichkeit abzuringen. Sie war knapp fünfzehn Jahre älter als er und dennoch weckte diese Frau bei ihm regelrechte Muttersehnsüchte. Esther vermittelte ihm Geborgenheit, obwohl sie sich noch immer siezten. Allerdings hatte er nicht wirklich vor, diese Distanz zu verkürzen, zumal es nichts an seinen Gefühlen ihr gegenüber ändern würde.

Vermutlich verfiel er aber schlicht der Übertragung, so wie Sigmund Freud sie einst definiert hatte. Wobei er glaubte, sich erinnern zu können, dass die Übertragung an die Realität gebunden war. Esther verkörperte aber nicht ansatzweise seine Mutter. So war es wohl doch eher Wunschdenken oder schlicht Projektion. Er musste sich unbedingt neu belesen.

„Sagen Sie, haben wir unten in der Bibliothek Schriften von Freud?“

„Freud? Der Freud? Keine Ahnung. Soll ich im Internet etwas für Sie recherchieren?“

„Nein, schon gut“, er winkte ab, „war nur so eine Idee.“

Esther war fertig mit ihren Vorbereitungen und sah ihn erwartungsvoll an.

„Sieht toll aus“, bemerkte er und meinte dies nicht nur als bloße Schmeichelei.

„Ehrlich?“, fragte sie nach.