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Germaine Adelt schreibt von Rotwein und Tequila, von Teemischungen und Blechschäden, von Fahrstühlen und Kaufhausmusiken. 22 Geschichten aus dem Leben, die man lesen sollte, wenn man für das Leben gewappnet sein will.
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Seitenzahl: 90
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ein Blick in den Spiegel verriet ihm, dass die Nacht für ihn sehr kurz war. Wenngleich er den Spiegel nicht kannte. Die rasenden Kopfschmerzen erschwerten sein Denken. Ja, er hatte sogar das Gefühl, dass dies noch zusätzlichen Schmerz verursachte. Sein Kreislauf verließ ihn und er setzte sich stöhnend auf den Badewannenrand um sein Gleichgewicht wiederzuerlangen. Verwirrt tastete er nach, ob er wirklich auf einem Rand saß. Denn in seinem Bad befand sich nur eine Dusche.
Mühselig erhob er sich und sah noch einmal in den Spiegel, in der Hoffnung dass dort eine Antwort stand oder zumindest eine Erinnerung zurückkam. Er kannte dieses Gesicht. Es war seines, es war wohl kein Albtraum. Zwar sah er richtig schlecht aus, mit tiefen Augenrändern und verdorrten Lippen, aber es waren keine Verletzungen zu sehen. Ein Unfall oder eine Schlägerei entfiel, somit auch ein Krankenhausaufenthalt. Er fragte sich, wie er in das Bad gekommen war. Dann entdeckte er ein Kopfkissen in der Badewanne, was vieles erklärte.
Er hatte noch seine Klamotten an und empfand dies auch als normale Kleidung, wenn er auch nicht annähernd wusste, was er gestern angehabt hatte. Gestern war ein gutes Stichwort. Er hatte keine Ahnung was für ein Wochentag war, ja für den Moment konnte er nicht einmal das Jahr benennen.
Plötzlich ging die Tür auf und eine hübsche Brünette kam herein. Ungeniert setzte sie sich auf die Toilette um Wasser zu lassen. Dezent wandte er sich ab.
Doch sie lachte nur: „Genierst du dich etwa?“
„Kennen wir uns?“, fragte er erstaunt.
Lächelnd hob sie ihre rechte Hand und deutete auf einen Ring: „Wir sind verheiratet, schon vergessen?“
Diesmal verließ ihn sein Kreislauf endgültig. Als er wieder zu sich kam, fächelte ihm die Brünette besorgt frische Luft zu. Neben ihr eine, ebenfalls sehr hübsche, Blondine.
„Geht's wieder?“, fragte die Brünette. „War wohl doch zu viel Tequila?“
„Wo bin ich?“, flüsterte er.
„Männer!“, stöhnte die Blonde. „Lass mich raten, du kannst dich an nichts erinnern!“
„Irgendwie schon …“
„Na gut, fangen wir von vorn an. Ich bin Nicole und das ist Vanessa.“
„Und Vanessa ist meine Frau …“
„Na siehst du, geht doch.“
„Soll ich dir einen Kaffee machen?“, fragte Vanessa leise.
„Wäre nett … aber noch besser wäre …“
„Hier!“, sie hielt ihm ein Foto hin auf dem ein Hochzeitspaar abgebildet war. „Vielleicht hilft dir das auf die Sprünge.“
Er erhob sich langsam und betrachtete das Bild. Vanessa und er gaben ein hübsches Paar ab. Sie die glückliche Braut mit Schleier und Blumen im Haar. Er der stolze Bräutigam in Anzug und Fliege. Und langsam kam die Erinnerung wieder. Er hatte gelangweilt in einem Café gesessen, als die beiden ihn ansprachen ob er Zeit und Lust hätte eine verrückte Idee umzusetzen.
„Kann ich einen Abzug davon haben?“, bat er.
„Natürlich“, erklärte Nicole. „Wenn du willst mache ich eine ganze Fotosession mit dir. Immerhin schulden wir dir etwas.“
Vage erinnerte er sich an das Fotostudio im Keller des Hauses und an die Fotos die sie gemacht hatten und an den Spaß, den alle drei hatten. Lange war er nicht mehr so ausgelassen und albern gewesen wie am gestrigen Tag.
Der Kaffee war fertig und Vanessa stellte eine Tasse vor ihm ab. Für einen Moment fragte er sich, ob das eine gute Idee war, da sein Magen rebellierte. Aber einen Versuch war es wert.
„Es war für den Erbonkel, oder?“
„Nicht ganz“, erklärte sie, „mein Großvater, der von einer kleinen Rente lebt. Und der einzige Verwandte, den ich noch habe. Ein ganz lieber Kerl, der aber niemals verstehen würde, dass seine kleine Vanessa mit einer Frau zusammen ist.“
„Verstehe. Was aber, wenn er mich mal sehen will?“
„Ach, das kriege ich schon hin. Er wohnt weit unten im Süden, und außerdem hast du als Pilot ja auch nicht immer die Zeit.“
„Pilot? Wenn du meinst.“
„Ich finde es nach wie vor albern“, beharrte Nicole. „Aber Vanessa hatte es sich so sehr gewünscht und ein Spaß war es allemal.“
„Kann man so sagen“, stöhnte er leise.
„Wenn du mal Lust auf Gesellschaft hast oder auf Tequila oder auf beides. Jederzeit!“ verkündete Nicole.
„Einfach so?“, fragte er, „nur weil ich den Spaß mitgemacht habe?“
Am Flughafen ging nichts mehr. Die Anzeigetafeln korrigierten in regelmäßigen Abständen die wahrscheinlichen Abflugzeiten immer mehr nach hinten. Irgendeine ungünstige Wetterlage hielt alle Flüge auf und eine Besserung war nicht in Sicht. Ich gehörte zu den Unglücklichen, die den Sicherheitsbereich schon passiert hatten und nun wie eingesperrt in der Abflughalle seit einer Ewigkeit auf die Dinge warteten, die da kommen sollten.
Unweit von mir saß ein Mann um die fünfzig, vermutlich ein Geschäftsmann. Zu gern wäre ich einfach zu ihm hinüber gegangen um mich mit ihm zu unterhalten. Meinetwegen über Schiller oder Tschaikowski. Alles, bloß nicht über den Inhalt der Boulevardzeitungen, wie die Leute am Nebentisch oder über irgendwelche Karriereziele. Ich hatte den Mann wohl einmal zu viel oder zu lange angesehen. Denn plötzlich stand er auf und kam auf mich zu. Die Damentoilette im Blick um eventuell flüchten zu können, hoffte ich auf eine simple Frage. Eine plumpe Anmache hätte mir die Stimmung endgültig vermiest.
Aber er sah regelrecht durch mich durch und raunte mir mit aufgelegt ernster Miene zu: „Die vom SEK, meine Jungs, befreien gerade die Fluglotsen aus dem Tower. Das ist natürlich geheim und es besteht kein Grund zur Sorge. Ich könnte aber ihre Unterstützung gebrauchen, falls es hier zu einer Panik kommen sollte.“
Ich hatte Mühe ein Lächeln zu unterdrücken und es gelang mir nicht: „Geht es auch eine Nummer kleiner? Dann bin ich dabei!“
Ich glaubte selbst nicht, was ich da sagte. Aber angesichts dieser Tristesse, die noch Stunden anhalten sollte, war ich zu allem bereit.
Seine Augen leuchteten und er hob kurz seinen Aktenkoffer hoch: „Diese Einsatzberichte müssen in Sicherheit, es geht um internationale Interessen.“
„Und wie lautet die Mission?“
Er zögerte: „Nun ja, Lage sondieren, Rückzugswege sichern.“
„Verstehe“, flüsterte ich, „und das Codewort?“
Verdutzt sah er mich an. Dann stand er auf und entfernte sich ein paar Schritte. Ich glaubte schon der Spaß war vorbei, bevor er begann. Aber er wandte sich wieder zu mir und tat als hätte er mich nie gesehen: „Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“
Kafka also. Ich hatte etwas wie: „der Regenschirm bellt im Mondenschein“ erwartet. Aber bitte, warum nicht mit Stil. Mir fiel auf die Schnelle kein entsprechendes Zitat ein und ich sah ihn hilflos an. Doch sein Blick ging an mir vorbei, da er vorsichtig die Umgebung sondierte.
Endlich hatte ich es: „Das Gute ist im gewissen Sinne trostlos.“
Er nickte nur und erhob sich schweigend. Ich folgte ihm. Natürlich unauffällig.
Plötzlich drückte er mich, wenn auch eher behutsam, gegen eine der vielen Säulen in der Halle und kam immer dichter an mich heran. Ich war wütend und enttäuscht zugleich. Es war also nichts weiter als eine Anmache. Doch er berührte mich kaum und flüsterte: „Siehst du den da hinter mir? Den Mann mit der Hornbrille? Der beobachtet uns!“
„Tatsächlich?“, tat ich überrascht und biss mir auf die Lippen um nicht zu kichern.
„Kannst du ihn sehen?“, fragte er.
Vorsichtig spähte ich über seine Schulter: „Ja.“
Der junge Mann saß da und starrte verträumt vor sich hin, zufällig in unsere Richtung und geriet so nichts ahnend in das Visier geheimster Geheimdienstoperationen.
„Was macht er?“
„Er beobachtet uns noch immer“, raunte ich und versuchte dabei meine Lippen nicht zu bewegen. Was mir jedoch nur mäßig gelang.
„Wir müssen ihn abschütteln!“
„Okay, ich lenke ihn ab“, sagte ich und ordnete entschlossen mein Haar.
„Nein“, erklärte er heroisch, „die Gefahr ist zu groß. Ich gebe dir Deckung. Bring die Papiere in Sicherheit, dort die Treppe runter. Ich folge dir dann unauffällig.“
Abwechselnd sicherten wir den Koffer mit dem brisanten Inhalt. Immer auf der Hut vor Beobachtern schlichen wir Treppen herunter und Gänge entlang. Ein wahres Labyrinth galt es zu überwinden, bis wir in der Ankunftshalle ankamen. Die war fast leer, da ja niemand landete. Dennoch liefen die Förderbänder unaufhörlich weiter und so bekam die große Halle eine sehr unheimliche Atmosphäre. Das Flughafenpersonal an der Ausgangstür beäugte uns misstrauisch. Wir gaben sicherlich auch ein seltsames Paar ab. Er der klassische Anzugträger, ich in Jeans und Turnschuhen.
„Die werden uns noch mitnehmen“, sagte ich leise.
„Sollen sie!“, murrte er. „Einmal, nur einmal will ich in meinem Leben etwas Abgefahrenes tun. Sonst hat doch alles keinen Wert mehr.“
Ich verstand zu gut was er meinte. Aber das Spiel war vorbei. Unsere Mission war beendet. Das Terrain war sondiert, die Fluchtwege gesichert. Es tat mir für ihn fast leid.
Eine Putzfrau betrat die Halle und wischte teilnahmslos den Boden. Ich konnte einfach nicht widerstehen und rief ihr zu: „Katorüi tschas?“
Völlig überraschend verstand sie mein Schulrussisch und erwiderte: „Nje snaju.“
Das war mein Stichwort. Hastig ergriff ich seine Hand und zerrte an ihm: „Komm schnell, wir müssen hier weg!“
Verunsichert fragte er: „War das russisch?“
„Na klar, was denkst du denn?“
Wir rannten an der verdutzten Putzfrau vorbei und brachten uns hinter einem Treppengeländer lachend in Sicherheit. Das Spiel war wieder da.
„Du bist also Natasha? Die legendäre Agentin vom …?“
Eilig legte ich meine Finger auf seine Lippen: „Sprich es nicht aus, man könnte uns hören.“
„Natürlich“, flüsterte er. Dann hielt er inne: „Was hast du ihr gesagt?“
„Ich habe sie nach der Uhrzeit gefragt, sie wusste es nicht.“
„Verstehe“, murmelte er besorgt, „das Codewort für Gefahr …“
Unauffällig holte er einen Gegenstand aus seiner Tasche und schob ihn mir zu: „Hier“, sagte er bedeutungsvoll, „wenn mir etwas passiert, weißt du was du zu tun hast.“ Es war ein Zigarettenetui mit dem entsprechenden Inhalt. Natürlich nur für Außenstehende. Über den Mikrofilm verlor er kein Wort. Wozu auch.
Es war nicht einfach die neuen Verfolger abzuschütteln, immer in Deckung, immer in der Angst am Ende doch noch entlarvt zu werden. Der Weg zurück erwies sich als schwierig und vor allem als gefährlich. Wir konnten niemandem trauen.
„Kann ich bitte ihre Papiere sehen!“
Das Leben hatte uns wieder. Vor uns stand ein echter Beamter in Uniform und sah uns böse an. Beschämt senkten wir fast gleichzeitig den Kopf und unterdrückten mühsam ein Lachen.
Er hatte als erster die Fassung wieder, zog den Beamten ein wenig zur Seite und redete beschwichtigend auf ihn ein. Während der Mann in Uniform sich alles anhörte, ließ er mich nicht aus den Augen. Irgendwann aber nickte er großzügig und sagte mit strenger Stimme: „Ich erwarte, dass sie beide sich zivilisierter benehmen.“
