Der letzte Sommer der Tauben - Abbas Khider - E-Book

Der letzte Sommer der Tauben E-Book

Abbas Khider

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Beschreibung

Eine mitreißende Parabel: Der große neue Roman von Abbas Khider – wie totalitäre Herrschaft in den Alltag dringt. Noah ist vierzehn Jahre alt und Taubenzüchter. Eines Tages flattern seine geliebten Tiere unruhig durch die Lüfte, über der Stadt kreisen die Helikopter des Kalifats. Noah erlebt einen Sommer voller Umbrüche: Für seinen Vater muss er Frauenkörper auf Produktfotos schwärzen, sein älterer Bruder steigt zum Leiter einer Sicherheitsbehörde auf, seine Mutter und seine Schwester dürfen nicht mehr allein aus dem Haus – und bald schon steht das Leben seiner Tauben auf dem Spiel. Mit großer Zartheit und feinem Humor erzählt »Der letzte Sommer der Tauben« vom Verlust der Kindheit und vom Erwachsensein in einer von Willkür und Gewalt bestimmten Gesellschaft. Eine mitreißende Geschichte voller eindringlicher Bilder – ein großer neuer Roman von Abbas Khider, der als Junge selbst Taubenzüchter war.

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Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das ist das Cover des Buches »Der letzte Sommer der Tauben« von Abbas Khider

Über das Buch

Poetisch und parabelhaft: Wie totalitäre Herrschaft in den Alltag dringt. — Noah ist vierzehn Jahre alt und Taubenzüchter. Eines Tages flattern seine geliebten Tiere unruhig durch die Lüfte, über der Stadt kreisen die Helikopter des Kalifats. Noah erlebt einen Sommer voller Umbrüche: Für seinen Vater muss er Frauenkörper auf Produktfotos schwärzen, sein älterer Bruder steigt zum Leiter einer Sicherheitsbehörde auf, seine Mutter und seine Schwester dürfen nicht mehr allein aus dem Haus — und bald schon steht das Leben seiner Tauben auf dem Spiel. Mit großer Zartheit und feinem Humor erzählt »Der letzte Sommer der Tauben« vom Verlust der Kindheit und vom Erwachsensein in einer von Willkür und Gewalt bestimmten Gesellschaft. Eine mitreißende Geschichte voller eindringlicher Bilder — ein großer neuer Roman von Abbas Khider, der als Junge selbst Taubenzüchter war.

Abbas Khider

Der letzte Sommer der Tauben

Roman

Hanser

Für Mohamed —

nicht mehr auf der Erde

aber gewiss im Himmelszelt.

Zwischen den Flügeln bleibt

uns dort ein Nest.

Ein zerbrochener Himmel

Der vertraute Anblick der Tauben wird jäh unterbrochen. Die dicht kreisenden Schwärme geraten in Panik, lösen sich auf und fliegen in alle Richtungen. Drei meiner Tauben schließen sich fremden Gruppen an, zwei driften nach Westen, und ein weiteres Trio verschwindet hinter den Dächern.

Ein dumpfes Brummen zieht auf, tief und bedrohlich. Ich suche den Himmel ab, die Sonne blendet, ich kneife die Augen zusammen. Drei Hubschrauber zeichnen sich ab, gleiten wie Raubvögel aus Metall; ihre Rotoren zerschneiden die Luft. Das Dröhnen wird lauter, bevor die Maschinen langsam aus dem Blickfeld geraten, als hätte der Himmel sie verschluckt.

Mein Schwarm kehrt zurück, kreist über unserem Dach gestört in seinem Rhythmus. Ich nehme den Lockvogel aus dem Taubenschlag, setze ihn auf den Zaun. Sie landen, eine nach der anderen, die Köpfe nervös zuckend. Mit etwas Getreide lenke ich sie in den Verschlag. Doch zwei fehlen: das Ehepaar Regenbogen und Tänzer.

Ich suche erneut den Himmel ab. Auch die anderen Züchter stehen noch immer auf den Dächern der Nachbarschaft, stumm den Himmel prüfend, auf ihre verspäteten Tauben wartend. Eine Rauchwolke steigt auf. Die Hubschrauber waren es nicht; sie haben nichts abgeworfen, eine Explosion habe ich auch nicht gehört.

Der Himmel liegt unheimlich still da — kein Flügelschlag, keine Taube, kein Spatz. Nur schwarzer Rauch. Und genau dorthin, wo es brennt, muss ich jetzt. Mein Vater braucht Hilfe. Unser Laden soll vollständig auf islamische Kleidung umstellen.

Die Tauben werden ihren Weg nach Hause allein finden müssen. Sie werden wiederkommen. Sie müssen.

Die Flammen der Anpassung

Unser Laden liegt dort, wo die Hektik des Basars auf die Stille der Medina trifft. Die Moschee al-Rahman thront über allem, ihre Minarette ein steinernes Mahnmal der Beständigkeit. Doch heute wankt selbst diese Standhaftigkeit. Rauch beißt in den Augen — riecht säuerlich nach verbranntem Stoff und geschmolzenem Kunststoff. Die Basarstraße brodelt: Pick-ups und Eselskarren stehen bereit, während Ladenbesitzer hastig ihre Auslagen sortieren.

Als ich fast bei unserem Laden angekommen bin, sehe ich das Feuer und viele Menschen, die sich dort versammelt haben. Drei Männer in schlichten, uniformartigen Gewändern stehen mit Gewehren an den Schultern um das Feuer herum. Ihre Haltung ist starr, ihre Blicke sind streng, eine Aura absoluter Macht umgibt sie. Zigarettenstangen, Poster und Kleidungsstücke werden in die Flammen geworfen. Niemand schreit, niemand protestiert. Es ist ein Schauspiel, dessen Premiere alle erwartet haben — der Tag, an dem die Reinheit des Glaubens alle unislamischen Farben und Formen verschlingen soll.

Am Ende der Straße entdecke ich meinen Vater. Er sitzt auf einem niedrigen Hocker vor unserem Laden, den Kopf gesenkt, die Schultern nach vorne gebeugt. Seine Hände ruhen auf den Knien. Die Sonne fällt schräg auf sein Gesicht, schneidet scharfe Linien in die Haut, die einst von Wärme und Stolz geprägt war. Jetzt wirkt er blass.

»Wo ist deine Mutter?«, fragt er, ohne den Blick zu heben.

»Bei Suad. Sie hat Bauchschmerzen. Vielleicht kommt Mutter später.«

»Allein?«

»Natürlich nicht.«

Er nickt kaum merklich, erhebt sich und verschwindet im Laden. Ich bleibe draußen stehen und betrachte das Schaufenster.

Wo einst leuchtende Stoffe und elegante Kleidung die Passanten anlockten, stehen jetzt Figuren, eingehüllt in Niqabs. Die Puppen wirken wie Gefangene in einem düsteren Albtraum.

Ich frage mich, was passieren würde, wenn diese starren Kunststoffgestalten zum Leben erwachten. Würden sie sich auflehnen? In meinem Kopf formt sich eine Geschichte. Onkel Ali wäre begeistert, wenn ich ihm davon erzählte. Vielleicht würde er mich sogar dazu ermutigen, sie aufzuschreiben.

Vor meinem inneren Auge werden die Figuren lebendig. Sie nutzen die Dunkelheit der Nacht, um ihre erstarrte Haltung hinter sich zu lassen. Während die Stadt schläft, legen sie ihre Niqabs ab, kleiden sich neu ein, luftig, bunt, mit Blumenmustern. Unter dem Sternenhimmel spazieren sie durch die Straßen, erleben für einen Moment das Gefühl von Freiheit. Doch ihre Freude währt nicht lange. Die Religionspolizei entdeckt sie. »Halt!«, schreien die bärtigen Männer, Waffen im Anschlag. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt. Kugeln durchschlagen die Körper dreier Puppen, ihre Bewegungen erstarren ein letztes Mal, die Männer zünden sie an. Feuer flackert. Zwei kleinere Puppen schaffen es knapp zu entkommen.

In meinem Kopf geht die Geschichte weiter: Jahre später kehren diese beiden Überlebenden zurück. Sie sind erwachsen, getarnt; bewaffnet mit Macheten lauern sie in der Dunkelheit, bereit, sich an den Unterdrückern zu rächen.

»Noah!«, ruft mein Vater.

»Ja?«

»Was machst du da? Ich brauche deine Hilfe!«

Die Hautzensur

Meine Aufgabe besteht darin, Haare, Gesichter und nackte Haut zu schwärzen. »Nur die Augen der Frauen dürfen sichtbar sein«, erklärt mein Vater. Seine Hand deutet auf das Set aus Marker, Schere und Klebeband. »Mach die rechten Regale. Ich übernehme die linken. Wenn wir hier fertig sind, kümmern wir uns um die Ware im hinteren Raum. Die Verpackungen mit Unterwäsche wie Slips und Tops kannst du einfach auf den Boden werfen. Die kommen später weg.«

Mein Vater war noch nie redselig, doch heute wirkt er besonders wortkarg und ausgelaugt. Seine blasse Haut und die angespannte Haltung lassen ihn seltsam zerbrechlich erscheinen. Vielleicht sind es die Entzugserscheinungen, von denen meine Mutter spricht. Vielleicht ist es auch die Überforderung, die ihn lähmt.

Er zieht eine Verpackung aus dem Regal und schwärzt mit einem Marker das Gesicht der darauf abgebildeten Frau. Dann schaltet er den Standventilator ein, richtet ihn auf mich und kehrt zu seiner Arbeit zurück. Der Luftzug wirbelt einen vertrauten Duft durch den Raum — das Öl, mit dem Vater die Kleider parfümiert.

»Letzte Woche waren zweimal Leute von denen hier«, sagt er. »Ordnungspolizei, Religionspolizei, wer weiß das schon? Jeder bärtige Mann mit Gewehr und einer Armbinde des Kalifats ist das Gesetz.«

Er erzählt, dass sie ihm eine Liste mit Anweisungen übergeben hätten. Die Schaufensterpuppen müssten anders bekleidet, die Regale umgestaltet werden. Sie gaben ihm auch Adressen für neue Ware: lokale Textilwerkstätten, die sich auf islamische Bekleidung spezialisiert haben. Gestern traf eine Lieferung ein.

»Vielleicht bekomme ich bald bessere Stoffe — Seide und Baumwolle aus dem Ausland.« In seiner Stimme liegt keine Zuversicht, nur Aussichtslosigkeit.

Ich entferne die großen Bilder von freizügig dargestellten Frauen und lasse sie zu Boden gleiten. Sie segeln wie welke Blätter, die der Wind von den Bäumen reißt. Ich repariere die Hüllen mit Klebeband und stelle sie zurück ins Regal. Die Verpackungen, die lediglich Gesichter zeigen, übermale ich mit dem schwarzen Marker. Es fühlt sich an, als würde ich Verse aus einem anmutigen, aber verbotenen Gedicht auslöschen.

Während ich arbeite, fällt mir auf, dass mein Vater wirklich gar nichts vorbereitet hat, obwohl er eine Woche lang Zeit hatte. Worauf hat er gewartet? Auf eine Erlösung, wie Onkel Ali sagen würde? Oder auf ein Wunder? Darauf, dass diese neuen Regeln nicht wirklich durchgesetzt würden? Jetzt bin ich hier, um ihm zu helfen, weil er es allein nicht schaffen würde.

Das Schwärzen der Gesichter ist eine merkwürdige Aufgabe. Grotesk. Onkel Ali sagte neulich, dass die Mudschahedin mehr Angst vor Frauenhaut hätten als vor der amerikanischen Marine. Er hat recht, denke ich. Von allen absurden Regeln, die Erwachsene aufstellen, ist diese die verrückteste, die ich in meinem vierzehnjährigen Leben kennengelernt habe. »Die Augen dürfen sichtbar sein«, sagt mein Vater, als er sieht, wie ich ein Gesicht vollständig schwärze.

»Bist du jetzt ein Scharia-Experte, Papa?«

Er hebt den Kopf und sieht mich an. Sein Blick ist streng, doch die Müdigkeit darin nimmt ihm die Schärfe. »Sei leise!« Ein Lächeln huscht über sein Gesicht.

Regenbogens Treue

Während ich weiter die Haut auf Verpackungen zensiere, schweifen meine Gedanken zu Regenbogen und Tänzer. Hoffentlich haben sie den Weg zurück nach Hause gefunden. Sie sind die beiden Einzigen, die sich so nah an mich herantrauen, dass ich sie berühren kann, ohne dass sie erschrocken auffliegen.

Es war im vergangenen Winter, gerade Mittag: Der Regen hatte nach zwei Tagen ununterbrochener Fluten endlich aufgehört, der Himmel spannte sich matt und farblos über die Stadt. Mein Taubenschwarm, zu lange eingesperrt, stieg voller Energie auf. Ich sah ihm nach, erleichtert, bis mein Blick auf Tänzer fiel. Sein Flug geriet ins Straucheln, dann stürzte er ab.

Ich rannte vom Dach auf die Straße. Da lag Tänzer regungslos auf dem kalten Pflaster. Vorsichtig hob ich ihn auf. Ein dunkelroter Fleck zeichnete sich auf seiner Brust ab. Der Gedanke, ein Kind könnte ihn mit einer Steinschleuder verletzt haben, bohrte sich in meinen Kopf. Die Jungen aus der Nachbarschaft waren für ihre grausame Treffsicherheit bekannt.

Als Onkel Ali am Nachmittag nach Hause kam, untersuchte er Tänzers Flügel, seinen Bauch und die verletzte Stelle. »Vielleicht ein gebrochener Knochen«, murmelte er, »oder nur ein tiefer Bluterguss. Wir werden sehen.«

Tag für Tag überwachte ich Tänzer, doch er blieb in seinem Nistkasten, sein Körper wie erstarrt.

Regenbogen wich nicht von seiner Seite. Behutsam fütterte sie ihn, brachte ihm Wasser und putzte sein Gefieder, als wollte sie ihm den Schmerz aus den Federn kämmen. Selbst als ich den Schwarm mit der Vogelschreckfahne in die Luft jagte, blieb sie bei ihm, unbeeindruckt von der drohenden Gefahr.

Zwei Wochen lang war das ihre Routine: Regenbogen pflegte Tänzer, und allmählich zeigte er wieder Regungen. Als er zum ersten Mal den Nistkasten verließ, folgte sie ihm, dicht wie ein Schatten. Während die anderen die Luft eroberten, blieb sie bei ihm.

In der dritten Woche ließ ich den Schwarm fliegen, Tänzer und Regenbogen saßen nebeneinander auf dem Zaun. Tänzer zögerte, als sich die anderen in den Himmel erhoben. Dann, mit einem entschlossenen Flügelschlag, folgte er ihnen. Regenbogen war dicht hinter ihm. Gemeinsam umkreisten sie das Haus, losgelöst von der Gruppe. Ihre Bewegungen wirkten wie ein stilles Versprechen.

Sie kehrten zurück, landeten auf dem Zaun. Tänzer richtete sich stolz auf, fächerte seine Schwanzfedern auf und gurrte. Regenbogen neigte den Kopf, setzte sich unter ihn.

Auch am Abend saßen die beiden noch auf dem Zaun, ihre Silhouetten zeichneten sich schwarz vor dem glühenden Sonnenuntergang ab. Regenbogen klatschte mit den Flügeln, Tänzer folgte. Gemeinsam erhoben sie sich, umkreisten das Haus in sanften Bahnen. Ihr Flug war ein Tanz, ein Bekenntnis zu ihrer Treue. In ihrer Verbundenheit sah ich etwas Geheimnisvolles, etwas, was mir kein Mensch je so klar zeigen konnte. Ich weinte.

Jetzt fahre ich mit dem Marker über das schwarze Haar der Frau auf der Verpackung — Schwarz auf Schwarz. Dieselbe Farbe, und doch soll die echte, die ihr von Gott gegebene, verschwinden. Jemand hier hat Sinn für Ironie. Entweder Gott. Oder die Mudschahedin.

Das dämonische Kichern in der Moschee

Kurz bevor die Muezzins zum Mittagsgebet aufrufen, drängt mein Vater mich aus dem Laden und schließt die Tür hinter uns. Auch die anderen Ladenbesitzer beeilen sich, ihre Geschäfte abzuschließen. Während der Gebetszeit ist Arbeit verboten, und wer sich nicht daran hält, riskiert Verhaftung — oder Schlimmeres.

Der weitläufige Hof der al-Rahman-Moschee ist überfüllt, doch die Menge bewegt sich ruhig, fast rhythmisch. Männer drängen zu den Wasserhähnen, wo die Waschung beginnt. Mein Vater reiht sich ein, ich folge ihm.

Das Wasser rauscht ununterbrochen. Hände gleiten über Gesichter, Arme, Füße — eine fließende Choreografie. Vaters Bewegungen sind präzise, diszipliniert, beinahe mechanisch.

Der Gebetsraum empfängt uns mit einer heißen Luft, die von Ventilatoren nur weiter verteilt wird. Ein leises Summen erfüllt den Raum, das Flüstern von Männern, die in geordneten Reihen stehen, die Köpfe geneigt. Sie rezitieren Verse des Korans, warten auf den Gebetsruf.

Ich schiele nach bekannten Gesichtern in der Menge. Da entdecke ich Mohamed, meinen Klassenkameraden, in der dritten Reihe vor mir. Er steht mit seinem Vater Nurullah zusammen. Immer wieder dreht er den Kopf und schaut zu mir hinüber. Sein Gesichtsausdruck ist vertraut — und doch verstörend. Dieses schiefe, wissende Lächeln. Er weiß, dass ich die Gebetstexte nicht kann.

Plötzlich steigt ein Lachen in mir auf, ein Kichern, das wie ein Dämon an meiner Kehle zerrt. Ich presse die Lippen zusammen. Nicht hier. Nicht jetzt. Der Gedanke an Mohameds wissendes Grinsen und die eigene Unsicherheit lodern in mir wie ein Feuer. Erinnerungen an das letzte Mal schießen durch meinen Kopf: Es war bei einer Beerdigung, ich bekam einen Lachanfall. Mein Vater sprach danach tagelang nicht mehr mit mir. Aber hier, in der Moschee, wäre es mehr als peinlich. Es wäre gefährlich.

Ich senke den Blick, konzentriere mich auf meinen Atem. Dann hallt die Stimme des Imams durch die Lautsprecher: »Allahu akbar.« — »Gott ist groß.« Das Gebet beginnt. Die Worte füllen den Raum und sinken auf uns herab. Ich murmele die Sätze, die ich kenne, lasse meine Lippen formen, was sie wiedergeben müssen, während sich mein Herzschlag langsam beruhigt.

Ich schließe die Augen. Aber Mohameds Grinsen bleibt. Selbst in der Dunkelheit. Es will nicht weichen.

Al-Pacino-Bande

Nach dem Gebet strömen die Männer durch das weit geöffnete Tor der Moschee ins Freie. Schulter an Schulter ziehen sie hinaus in den Hof, wie Ameisen, die ein Nest verlassen. Mein Vater grüßt flüchtig Bekannte, wechselt mit ihnen ein paar knappe Worte, bevor er mit Mohameds Vater Nurullah und anderen Männern in den Schatten der Moscheewand tritt. Dort vertiefen sie sich in ein Gespräch. Mohamed und ich ziehen uns in eine andere schattige Ecke zurück.

Die Luft steht, drückend. Mohamed wischt sich den Schweiß von der Stirn; seine schwarze Che-Kappe sitzt schief. »Ich hasse diese Hitze«, fächelt er sich Luft zu. »Wie geht’s dir?«

»Zwei meiner Tauben sind nicht zurückgekehrt. Wegen der Hubschrauber und des Rauchs.«

»Bist du traurig?«

»Sie kommen zurück, ich weiß das. Hast du was von Shirzad gehört?«

»Nichts.«

»Ich auch nicht.«

Shirzad war einer von uns, der Dritte in unserer Clique. Wir nannten uns »die Al-Pacino-Bande«, nach dem Film Der Pate: Al Pacino kassiert einen Schlag und zeigt keine Regung. Das übten wir. Wir trainierten, Schmerz zu ignorieren, schlugen uns mit Stöcken auf die Hände und taten, als wäre nichts gewesen. Im Unterricht provozierten wir die Lehrer, bis sie uns nach vorne riefen. Mit grinsenden Gesichtern ließen wir uns bestrafen — ohne eine Miene zu verziehen. Härte war unser Markenzeichen: hart wie Al Pacino.

Unser Ruf verbreitete sich schnell. Auf dem Schulhof flüsterten die Jungs aus anderen Klassen über uns. Sie nannten uns »die Esel«, weil wir so viel aushielten. Gefürchtet waren wir jedoch nicht, denn wir waren keine Schläger. Nur Shirzad beherrschte Karate, sprang mit Leichtigkeit in die Luft, schlug mit einem Fußtritt zu, als wäre es ein Spiel.

Shirzad war unser Anführer. Er war unerschütterlich — und anders. Er ist Jeside. Manche nannten ihn »den Stinker« und erfanden absurde Geschichten über seine Religion: Jesiden würden Satan verehren oder Rituale in Toiletten abhalten. Shirzad selbst wusste wenig über seinen Glauben. Was er erzählte, klang wie aus einer Legende. »Unser Gott ist der Pfau, der Frieden bringt, wenn alle anderen Götter scheitern.«

Seine Familie stammt aus der Grenzregion. In unserer Stadt lebten sie zurückgezogen. Shirzads Vater hatte als Jeside eine Muslimin geheiratet, gegen den Willen beider Familien. Das Paar war geflohen, hatte sich hier ein neues Leben aufgebaut. Der Vater arbeitete als Verkäufer in einem Schmuckladen, die Mutter in einer Bank. Shirzad und seine Schwester wurden jeden Tag von ihrem Vater zur Schule gefahren.

Seit die Mudschahedin die Stadt kontrollieren, ist von Shirzads Familie keine Spur mehr. Niemand weiß, wohin sie gegangen sind. Vielleicht sind sie rechtzeitig geflohen. Vielleicht auch nicht.

»Inzwischen vermisse ich die Schule.«

»Ich auch«, sagt Mohamed. »Aber ich habe gehört, dass die Schulen bald wieder öffnen.«

»Hoffentlich.«

»Und was lernen wir dann?«

»Alles wie vorher, aber religiöser. Islamische Mathematik und verschleierte Naturkunde.«

»Was soll das sein?«

»Ein Engel plus zwei Engel ergibt was?«

»Drei Engel?«

»Falsch. Eine Engel-Gang.«

Mohamed schüttelt den Kopf. »Du bist ein Idiot.«

Wir lachen, aber nur kurz. Die Leichtigkeit verfliegt, als sein Vater ihn ruft. »Tschüss«, sagt Mohamed. Ich bleibe für einen Moment stehen. Shirzad fehlt. Als hätte jemand unsere Geschichte mitten im Satz zerrissen.

Verlorene Melodien

Mein Vater und ich nehmen im kleinen Restaurant »Haifa« Platz, einige Geschäfte von unserem entfernt. Drei freie Tische stehen zur Auswahl. Am Ende des Raums befindet sich das Bad, vorne an der Theke werden die Gerichte des Tages in großen Töpfen und Pfannen präsentiert. Abu Naser, der Besitzer, sitzt hinter der Kasse.

Die Ventilatorblätter über uns wirbeln lautstark warme, zähe Luft herab. Ein Rekorder auf einem schwebenden Regal über der Kasse spielt religiöse Gesänge.

Früher erfüllten die Klänge von Firuz, Umm Kulthum und Nazem al-Ghazali den Raum und ließen die Herzen der Gäste höher schlagen. Das »Haifa« war bekannt als eines der wenigen Restaurants auf dem Basar, in denen klassische arabische Musik zu hören war. Die meisten anderen Lokale hier in der Gegend spielten eher moderne Gesänge, die mein Vater allerdings als »Gebrüll mit schwachsinnigen Texten und störender elektronischer Musik« bezeichnete, »die den Ohren und der Seele wehtun«.

Abu Naser hätte die klassische Musik niemals freiwillig durch religiöse Gesänge ersetzt, aber ihn zwingt, wie mein Vater mir verrät, die Ordnungspolizei dazu.

Mein Vater ist altmodisch, mag Folklore und alles, worauf der Staub der Zeit liegt. Früher sang er hier mit, besonders bei al-Ghazali, dessen Stimme er als »himmlisch« pries. Er liebt dessen Lieder genauso wie Abu Naser. Ich habe oft erlebt, wie beide zusammen ein ganzes Lied mitsangen, während die Kunden sie bewunderten.

Doch das ist Vergangenheit. Im Kalifat sind alle Lieder und Musik als »Klänge des Teufels« verboten. Die Sehnsucht nach den verlorenen Tönen ist deutlich in den Gesichtern der beiden Männer sichtbar.

»Salam aleikum! Was darf ich euch heute servieren? Es gibt Reis und dazu vier Soßen: Bohnen, Zucchini, Aubergine und Okra«, begrüßt uns der Kellner.

»Bohnen«, bestellt mein Vater.

»Das Gleiche«, sage ich.

»Getränke?«

»Chai.«

»Pepsi Zero, bitte!«

Er schaut mir in die Augen und lächelt.

»Noah! Heute habe ich echt keine Lust auf deine Scherze! Ich bringe dir Chai!«

Der Pfad des Teppichhändlers

Bohnensoße bei der Hitze zu essen, war keine gute Idee. Sie liegt wie Steine im Magen. Ich sehe die Müdigkeit in Vaters Gesicht, seine Bewegungen sind langsam. Auch ich fühle mich träge. Deshalb entscheidet Vater, dass wir eine Stunde Pause machen. Er geht in den hinteren Raum des Ladens, wo ein kleines Sofa steht, das er benutzt, wenn die Tage lang und heiß sind. Ich ziehe mein T-Shirt aus, lege mich auf die kühlen Fliesen und bleibe vor dem Ventilator im vorderen Raum liegen.

»Weißt du, was?«, sagt Vater.

»Was?«

»Es war ein Fehler, ein Textilgeschäft zu führen. Ich hätte auf deinen Opa hören sollen.«

Ich blicke durch die offene Tür zu ihm. Sein Blick ist an die Decke geheftet, als könnte er durch den Putz hindurch in eine andere Zeit schauen. Vielleicht sieht er sich selbst, jung und voller Elan, an der Seite seines Vaters, Opa Derwisch, wie sie gemeinsam auf dem Basar Teppiche verkaufen?

»Teppiche sind einfacher«, murmelt er. »Sie ändern sich nicht. Die Leute kaufen sie so, wie sie sind. Man kann sie überall kaufen und verkaufen.«

»Möchtest du wieder Teppiche verkaufen, Papa?«

Er antwortet nicht.

»Vater?«

Er schläft.

Ich bleibe liegen und starre an die Decke. Seine Worte hallen in mir nach. Vielleicht hat er recht. Teppiche bleiben, während alles andere vergeht.

Opa Derwisch hatte das Geschäft von seinem Vater übernommen und es später an meinen Vater weitergegeben. Doch irgendwann verließ mein Vater den alten Pfad, den seine Familie über Generationen beschritten hatte. Statt auf Beständigkeit zu setzen, wählte er Kleidungsstücke, die wechselten wie die Jahreszeiten — im Takt der Mode.

Jetzt wirkt es, als hätten er und Onkel Ali ihren Halt verloren. Opa hatte ihnen das Geschäft und das Lagerhaus hinterlassen. Mein Vater behielt das Geschäft und stellte es auf Mode um, während Onkel Ali das Lagerhaus in ein Café umwandelte, »Das Halsband der Taube«. Beide gaben die Tradition der Teppiche auf. Nun kämpfen sie: mein Vater gegen Verbote und schwindende Einnahmen, Onkel Ali gegen die Schließung seines Cafés.

Heute ist Onkel Alis letzter Arbeitstag. Die Ordnungspolizei hat die Schließung angeordnet, und es gibt kein Zurück. Seine Zukunft ist ungewiss. Traurig wirkt er nicht. Aber Onkel Ali war schon immer verschlossen. Man sieht nie ganz, was in ihm vorgeht. Vielleicht verbirgt er seinen Kummer einfach besser als andere.