Der Leuchtturm von Stalingrad - Iain MacGregor - E-Book

Der Leuchtturm von Stalingrad E-Book

Iain MacGregor

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Beschreibung

Stalingrad, die entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkriegs, forderte von September 1942 bis Anfang Februar 1943 über 1 Million Opfer – Soldaten und Zivilisten. Beide Seiten gaben keinen Millimeter Boden preis in diesem brutalen Häuserkampf. Inmitten dieses Schlachtens lag im Zentrum der Stadt zwischen den Fronten ein Gebäude von hoher strategischer Bedeutung, das den Codenamen "Leuchtturm" trug. Hier widerstand eine kleine sowjetische Besatzung den Bombardierungen deutscher Luftstreitkräfte und den täglichen Angriffen feindlicher Infanterie- und Panzertruppen. Nach Kriegsende wurde das Gebäude – das sogenannte Pawlow-Haus – als Symbol für den Wiederaufbau gesehen. Anlässlich des 80. Jahrestags präsentiert Iain MacGregor neue Einsichten in diese schicksalhafte Schlacht und schildert, wie sie von einfachen Soldaten und kommandierenden Offizieren aus zwei gegnerischen Divisionen gesehen wurde; darunter sind auch die Tagebücher des deutschen Offiziers Fritz Roske, der zur entscheidenden Figur der deutschen Kapitulation wurde.

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Seitenzahl: 541

Veröffentlichungsjahr: 2022

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IAIN MACGREGOR

DER LEUCHTTURM VONSTALINGRAD

DIE HELDENHAFTE VERTEIDIGUNGIM ZENTRUM DER GEWALTIGSTEN SCHLACHTDES ZWEITEN WELTKRIEGS

Aus dem Englischen übersetztvon Herwig Engelmann

Die englische Originalsausgabe ist unter dem TitelThe Lighthouse of Stalingrad erschienen bei:

Scribner

An Imprint of Simon & Schuster, Inc.

1230 Avenue of the Americas

New York, NY 10020

Copyright © 2022 by Iain MacGregor

All rights reserved.

Originally published in Great Britain in 2022 by Constable,an imprint of Little, Brown Book Group

1. eBook-Ausgabe 2022

© 2022 der deutschsprachigen Ausgabe

Europa Verlag in der Europa Verlage GmbH München

Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild 183-B24543 / CC-BY-SA 3.0 S. 187 o.;Iain MacGregor S. 187 u., 193; Bundesarchiv, Bild 146-1971-070-73 / Jesse /CC-BY-SA 3.0 S, 188 o.; Panorama Museum S. 188 u., 189 o und li. u., 190 u.,191 o., 194, 195; Dr. Uwe Roske S. 190 li. o.; Familienarchiv Hindenlang S. 190 re. o.;Frank Wittenberg S. 189 re. u., 191 u.Übersetzung: Herwig EngelmannRedaktion: Franz LeipoldUmschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, ZürichLayout & Satz: Robert Gigler, MünchenGesetzt aus der Simoncini Garamond und der Heading Compressed BoldKonvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 978-3-95890-511-5

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von §44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Ansprechpartner für ProduktsicherheitEuropa Verlage GmbHMonika RoleffJohannisplatz 1581667 Mü[email protected]+49 89 18 94 [email protected]

»Die offensichtliche und wichtigste Tatsache habe ich noch gar nicht erwähnt – dass vor allem die russischen Armeen dem deutschen Heer die Seele aus dem Leib gerissen und damit die Hauptarbeit geleistet haben.«

Premierminister Winston Churchill in seinem Lageberichtvor dem Parlament in London, 2. August 1944

»Als Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Vereinigten Staaten beglückwünsche ich Sie zum großartigen Sieg der Armeen unter Ihrem Oberkommando in Stalingrad. Die 162 Tage lange, epochale Schlacht um die Stadt gereicht Ihnen zu unvergänglichen Ehren, und der endgültige Sieg, über den alle Amerikaner heute jubeln, bleibt eines der großartigsten Kapitel in diesem Krieg der Völker, die geeint gegen den Nationalsozialismus und seine Nachahmer stehen.«

Franklin D. Roosevelt an Josef Stalin, 6. Februar 1943

Für Cameron und Isla

INHALT

Zeittafel

Personen

VorwortWir bestatten unsere Helden

EinführungDer Platz des Gemetzels und das Haus Penzenskaya-Straße

Teil 1Der schwarze Sommer der Roten Armee

Kapitel 1Die Würfel fallen – Schlacht um Moskau

Kapitel 2Die Geschichte wiederholt sich – 15. März bis 28. Mai 1942

Kapitel 3Vormarsch in den Süden

Kapitel 4»Keinen Schritt zurück!«

Teil 2Alle Wege führen zur Wolga

Kapitel 5Eine Stadt der Revolution – wie aus Zarizyn Stalingrad wurde

Kapitel 6Feuerregen

Teil 3»Lebender Beton« – die Schlachten des September

Kapitel 7Der König von Stalingrad!

Bildteil

Kapitel 8Holt die Gardisten!

Kapitel 9Erfolg nach Metern und Toten

Kapitel 10Führungswechsel an der Spitze

Kapitel 11Die Sturmgruppe:Angriff als beste Verteidigung

Teil 4Nimm dir den Feind zur Brust

Kapitel 12Auftakt zur Legende:Die Einnahme des »Leuchtturms«

Kapitel 13Unheil im Norden

Kapitel 14»Unternehmen Hubertus« – letzter Großangriff der 6. Armee

Teil 5Der größte Sieg

Kapitel 15»Das Cannae des 20. Jahrhunderts«:»Operation Uranus«

Kapitel 16Kein Nachgeben im Kampf

Kapitel 17Hoffnung zunichtegemacht:Weihnachten im Kessel

Kapitel 18Der »Glückhaften« letzter General

Kapitel 19Das Ende

EpilogDie Legende des Leuchtturms

Danksagungen

Literatur/Quellen

Anmerkungen

Register

»Pawlows Haus ist ein Symbol für den heroischen Kampf aller Verteidiger von Stalingrad. Es wird in die Geschichte der Verteidigung dieser ruhmreichen Stadt eingehen als ein Monument des militärischen Könnens und des Heldenmuts unserer Armeen.«

Leutnant Julij Petrowitsch Tschepurin, Kriegsberichterstatter der 63. Armee, Stalingrad, 31. Oktober 1942.1

ZEITTAFEL

5. April 1942

Hitlers Weisung Nr. 41 (»Fall Blau«) zur deutschen Sommeroffensive in Südrussland.

24. April 1942

Alexander Michailowitsch Wassilewski wird Chef des sowjetischen Generalstabs (offiziell berufen am 26. Juni 1942).

12. Mai 1942

Beginn des sowjetischen Angriffs auf das von der Wehrmacht besetzte Charkow.

17. Mai 1942

Deutscher Gegenangriff in und um Charkow.

23.–24. Mai 1942

Scheitern der sowjetischen Offensive; Einkesselung und Vernichtung der beteiligten sowjetischen Armeen.

28. Juni 1942

Beginn der deutschen Sommeroffensive (»Fall Blau«) in Südrussland.

1.–4. Juli 1942

Eroberung von Sewastopol durch die deutsche 11. Armee (Generalfeldmarschall Erich von Manstein).

6. Juli 1942

Woronesch am Don wird von deutschen Truppen eingenommen.

9. Juli 1942

Die deutsche Heeresgruppe Süd wird in Heeresgruppe A und Heeresgruppe B aufgespalten.

12. Juli 1942

Aufstellung der sowjetischen Stalingrader Front.

23. Juli 1942

Hitlers Weisung Nr. 45 ordnet den gleichzeitigen Angriff auf Stalingrad (»Unternehmen Fischreiher«) und den Kaukasus (»Unternehmen Edelweiß«) an.

23.–24. Juli 1942

Deutsche Einheiten erobern Rostow am Don.

28. Juli 1942

Befehl des Volkskommissars für die Verteidigung der UdSSR Nr. 227 (»Keinen Schritt zurück!«).

9. August 1942

Eroberung der Ölfelder von Maikop durch deutsche Truppen.

19. August 1942

Paulus lässt die 6. Armee von ihren Positionen am Donbogen auf Stalingrad vorrücken.

23.–24. August 1942

Die Luftwaffe beginnt mit der Flächenbombardierung Stalingrads.

26. August 1942

Marschall Georgi Schukow wird zum Stellvertreter des Oberbefehlshabers der Sowjetischen Streitkräfte ernannt.

3. September 1942

Deutsche Truppen greifen die Außenbezirke Stalingrads an.

10. September 1942

Die deutsche 6. Armee erreicht die Wolga und treibt einen Keil zwischen die 62. und die 64. sowjetische Armee.

12. September 1942

Generalleutnant Wassili Tschuikow wird Oberbefehlshaber der 62. Armee.

13. September 1942

Beginn der Schlacht um das Zentrum von Stalingrad.

13.–14. September

Erste Einheiten der 13. Gardeschützen-Division unter Generaloberst Alexander Iljitsch Rodimzew überqueren die Wolga und rücken in Stalingrad ein.

24. September 1942

Kurt Zeitzler ersetzt Franz Halder als Chef des Generalstabes des Heeres.

24. September 1942

Feldwebel Pawlows »Sturmgruppe« aus Kämpfern des 42. Regiments erobert das »Haus der Spezialisten« zurück und besetzt das später so genannte »Pawlow-Haus«.

26. September 1942

Das Zentrum von Stalingrad ist fast zur Gänze in deutscher Hand.

9. Oktober 1942

Das System der doppelten (politischen und militärischen) Führung in der Roten Armee (das Amt des politischen Kommissars) wird abgeschafft.

14. Oktober 1942

Höhepunkt der deutschen Anstrengungen, Stalingrad restlos einzunehmen.

8. November 1942

Hitler verkündet in München die Einnahme Stalingrads.

11. November 1942

Letzte deutsche Großoffensive in Stalingrad (»Unternehmen Hubertus«)

19. November 1942

Beginn der sowjetischen Gegenoffensive (»Operation Uranus«).

23. November 1942

Die deutsche 6. Armee und Einheiten der Achsenverbündeten werden in Stalingrad eingekesselt.

24. November 1942

Hitler verbietet der 6. Armee den Ausbruch und befiehlt, in Stalingrad weiterzukämpfen.

25. November 1942

Beginn der sowjetischen Offensive gegen die Heeresgruppe Mitte (»Operation Mars«).

25. November 1942

Aufbau der Luftbrücke nach Stalingrad durch die deutsche Luftwaffe.

30. November 1942

Paulus wird zum Generaloberst befördert.

12. Dezember 1942

Beginn des Entsatzangriffs zur Rettung der 6. Armee durch die Heeresgruppe Don unter Generalfeldmarschall Erich von Manstein (»Unternehmen Wintergewitter«).

16. Dezember 1942

Die Sowjets beginnen mit der »Operation Kleiner Saturn«.

20. Dezember 1942

Die »Operation Mars« wird abgebrochen.

23. Dezember 1942

Der deutsche Entsatzangriff auf Stalingrad wird abgebrochen.

28. Dezember 1942

Die deutsche Heeresgruppe A erhält den Befehl zum Rückzug aus dem Kaukasus.

8. Januar 1943

Die sowjetische Kapitulationsaufforderung an die 6. Armee wird zurückgewiesen.

10. Januar 1943

Beginn der sowjetischen Angriffe auf die eingeschlossene 6. Armee.

17. Januar 1943

Die Sowjets wiederholen ihr Kapitulationsangebot – es wird erneut zurückgewiesen.

25. Januar 1943

Weiteres sowjetisches Angebot mit neuen Bedingungen für die Kapitulation – abgewiesen.

30. Januar 1943

Adolf Hitler ernennt Paulus zum Generalfeldmarschall.

31. Januar 1943

Paulus und die 6. Armee ergeben sich im Südkessel.

2. Februar 1943

Die letzten deutschen Einheiten im Stalingrader Nordkessel ergeben sich.

PERSONEN

Hinweis des Autors: Die folgenden Offiziere und weiteren Ränge – auf beiden Seiten – sind chronologisch mit Fortschreiten der Schlacht um Stalingrad aufgeführt. Viele wurden befördert, was ich im Buch anmerke.

Deutsche Seite:

Adolf Hitler – Oberbefehlshaber der deutschen Wehrmacht

Generaloberst Franz Halder – Chef des Generalstabes des Heeres

Generaloberst Kurt Zeitzler – Chef des Generalstabes des Heeres

Generalfeldmarschall Fedor von Bock – Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd

Generalfeldmarschall Paul Ludwig Ewald von Kleist – Oberbefehlshaber der Heeresgruppe A

Generalfeldmarschall Wolfram Freiherr von Richthofen – Oberbefehlshaber der Luftflotte 4

Generalfeldmarschall Friedrich Wilhelm Ernst Paulus – Oberbefehlshaber der 6. Armee

Oberst Wilhelm Adam – Adjutant von Generalfeldmarschall Paulus, 6. Armee

Generalmajor Alexander von Hartmann – Kommandeur der 71. Infanterie-Division

Oberstleutnant Friedrich Roske – Kommandeur des Infanterie-Regiments 194

Hauptmann Gerhard Münch – Adjutant und Kommandeur des III. Bataillons, Infanterie-Regiment 194

Oberleutnant Gerhard Hindenlang – Adjutant, Infanterie-Regiment 194

Feldwebel Albert Wittenberg – Pionier, 50. Infanterie-Division

Sowjetische Seite:

Josef Wissarionowitsch Stalin – Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, Vorsitzender des Rates der Volkskommissare und Oberbefehlshaber der Roten Armee

Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow – Stellvertretender Oberbefehlshaber der Roten Armee

Nikita Sergejewitsch Chruschtschow – Kommissar im Rang eines Generalleutnants, Stalingrader Front

Marschall Andrei Iwanowitsch Jerjomenko – Befehlshaber der Südostfront der Stalingrader Front

Generalleutnant Wassili Iwanowitsch Tschuikow – Oberbefehlshaber der 62. Armee

Generalleutnant Michail Stepanowitsch Schumilow – Oberbefehlshaber der 64. Armee

Generaloberst Alexander Iljitsch Rodimzew – Kommandeur der 13. Gardeschützen-Division

Oberst Iwan Pawlowitsch Jelin – Kommandeur des 42. Gardeschützen-Regiments

Oberleutnant Alexei Jefimowitsch Schukow – 3. Bataillon, 42. Gardeschützen-Regiment

Leutnant Anton Kusmitsch Dragan – 1. Bataillon, 42. Gardeschützen-Regiment

Leutnant Anatoli Grigorjewitsch Mereschko – Stabsoffizier, 62. Armee

Leutnant Iwan Filippowitsch Afanassjew – 3. Bataillon, 42. Gardeschützen-Regiment

Feldwebel Jakow Fedotowitsch Pawlow – 3. Bataillon, 42. Gardeschützen-Regiment

»Mutterland ruft«-Ehrenmal auf dem Mamajew-Hügel (Mamajew Kurgan)

Vorwort

WIR BESTATTEN UNSERE HELDEN

»Das einprägsamste Ereignis im Leben meines Großvaters war ganz sicher die Schlacht von Stalingrad. Er wollte [nach seinem Tod] dort in der Erde neben seinen Soldaten liegen.«2 Nikolai Tschuikow versagt am Telefon jäh die Stimme. Er hat sich verloren in seinen Erinnerungen an den Tag, als die Bürger Stalingrads, dessen Schicksal über den Ausgang des Zweiten Weltkriegs entschied, auf die Straße gingen und sich dem Trauerzug hinter dem großen Sohn ihrer Stadt anschlossen.

Nikolai ist direkter Nachfahre eines der berühmtesten Offiziere der neueren russischen Geschichte: Wassili Iwanowitsch Tschuikow. Jedes Kind in Russland und die meisten Studenten der Militärgeschichte in aller Welt kennen seinen Namen. Er war Befehlshaber der Armee, die den Deutschen die »Stadt der Helden« entriss. Als Bauernsohn aus der Gegend um Moskau3 befehligte er im zarten Alter von 19 Jahren ein Regiment von Revolutionären und stieg später auf zum hochdekorierten Marschall der Sowjetunion. Von Stalingrad aus führte er die 8. Gardearmee durch die Ukraine und Polen und besiegte mit ihren Männern die besten Einheiten, die Hitler noch aufbieten konnte. Im Mai 1945 nahm er in Berlin die bedingungslose Kapitulation des Dritten Reichs entgegen.4 Der untersetzte, kampflustige, beinharte General war außerdem für seinen Jähzorn bekannt. Auf Fotos von den Stalingrader Siegesfeiern im Februar 1943 schwingt er einen Stock, der den Rücken vieler seiner Untergebenen nur zu gut bekannt war. Seine eigene Todesverachtung war über jeden Zweifel erhaben, doch für seinen allzu freihändigen Umgang mit dem Leben seiner Männer galt das vermutlich nicht. Tschuikows hartnäckige Gegenangriffe während der Verteidigung von Stalingrad bluteten die 6. Armee Nazideutschlands aus, vernichteten aber beinahe auch die eigene. Seiner großen Beliebtheit nach dem Krieg konnte das nichts anhaben. Mit den strubbeligen schwarzen Haaren und dem finsteren Ausdruck seiner tief sitzenden Augen, der nur von den blitzenden Goldzähnen etwas aufgehellt wurde, war Tschuikows Gesicht eines, das man so schnell nicht so vergaß.

Josef Stalin sorgte persönlich dafür, dass dieser Mann ab 1949 die sowjetische Elitetruppe des Militärbezirks Kiew führte – als Bollwerk gegen allfällige Angriffe des Westens in naher Zukunft.5 Im März 1969 wurde Tschuikow in ein hohes politisches Amt befördert und vom Ersten Sekretär Leonid Breschnew als Leiter einer vierköpfigen Delegation nach Washington, D.C., entsandt, um den Kreml beim Begräbnis des ehemaligen Kampfgenossen und Präsidenten der Vereinigten Staaten, Dwight. D. Eisenhower, zu vertreten. An einem stürmischen Wintertag an der Wolga war nun er selbst an der Reihe, von den Menschen dieser Stadt, ohne die nichts so gekommen wäre, wie es kam, seine ehrenvolle Verabschiedung als Soldat zu erfahren.

Tschuikow war seit Längerem schwer krank gewesen. Seinen 82 Jahre alten Körper plagten bis zum Ende Granatsplitter, die er sich 1940 beim Fronteinsatz im Winterkrieg gegen die Finnen zugezogen hatte, und er war schwer gezeichnet von mehreren kleinen, in späteren Jahren erlittenen Schlaganfällen. Ein Herzinfarkt am 18. März 1982 kostete ihn schließlich das Leben. Sein letzter Wunsch war, in Stalingrad begraben zu werden6 – eine besondere Auszeichnung, gewährt von einem Kreml, der die Asche seiner Generäle gewöhnlich innerhalb der eigenen Mauern auf dem Roten Platz beisetzte – und das nicht irgendwo, sondern auf dem Mamajew Kurgan7 oder Mamajew-Hügel, auch »Höhe 102« genannt, einem der höchsten Punkte Stalingrads, wo sich während der Schlacht der berühmteste Gefechtsstand von Tschuikows Armee befunden hatte.8 Direkt an der vordersten Kampflinie hatte seine Armee diese Stellung in die Erde gegraben. Wochenlang hatten Rotarmisten und Wehrmacht mit Artilleriefeuer, in Feuerduellen, Bombenangriffen aus der Luft und brutalen Nahkämpfen darum gerungen. Der zuvor mit Gras überzogene Hügel war infolge der Kämpfe schwarz verkohlt, und noch Jahre später wollte darauf nichts mehr wachsen. Mittlerweile war aus der einstigen Grabstätte der Tataren ein riesiges Ehrenmal geworden für die Zehntausende, die an Ort und Stelle, und die Hunderttausende, die in der Schlacht insgesamt gestorben waren. Bis heute ist der Mamajew mit Trümmern und Menschenknochen übersät. Als Feldmarschall Friedrich Paulus, Oberbefehlshaber der 6. Armee der Wehrmacht, Ende Januar 1943 kapitulierte und in seinem Unterstand von Soldaten der sowjetischen 64. Armee gefangen genommen wurde, fragte er sie als Erstes, wo sich »CP 62« befinde.9 Er meinte Tschuikows Bastion auf dem Mamajew-Hügel.

Mit Auszeichnungen überhäuft und zweifacher »Held der Sowjetunion«, führte Tschuikow auch bei der Neugestaltung des Hügels in den späten Fünfzigerjahren das Regiment. Gemeinsam mit dem berühmten Bildhauer Jewgeni Wiktorowitsch Wutschetitsch10 arbeitete er am Bau der heute weltbekannten Kolossalstatue und Gedenkstätte »Mutterland ruft«.11 Er wusste um seinen Stellenwert in der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges und sorgte wie andere mächtige Zeitgenossen dafür, dass er als Erster unter Gleichen erschien, wenn es darum ging, die Helden im größten Triumph seiner Heimat zu feiern. Ein steinerner Koloss auf einem der Plätze des Mamajew-Ehrenmals trägt unverkennbar und zum Ärger seiner damaligen Stalingrader Mitstreiter die Gesichtszüge Tschuikows.12 Auch bei der offiziellen Eröffnung der Anlage im Oktober 1967 stahl Tschuikow allen anderen die Schau. Die Menge rief seinen Namen, weil sie ihn anstatt der örtlichen Parteivertreter reden hören wollte. Widerstrebend erlaubte man ihm, als Letzter das Wort zu ergreifen. »Stalingrader! Meine Brüder«, begann er, und ein Aufwallen von Jubelrufen antwortete ihm. Ein Vierteljahrhundert später erfüllte sich sein letzter Wunsch: als ehemaliger Befehlshaber der 62. Armee unter seinen Männern auf der Höhe 102 die letzte Ruhe zu finden.

Der Kreml bekräftigte in einem öffentlichen Nachruf Tschuikows militärische und politische Glanzleistungen. Der Erste Sekretär Leonid Breschnew, obwohl selbst zu krank, um an der Beisetzung teilzunehmen, entsandte wichtige Vertreter des Zentralkomitees, die Tschuikow gemeinsam mit den örtlichen Parteigrößen von Wolgograd die letzte Ehre erwiesen. Eine scharfe Osterbrise pfiff durch die am Flussufer wartende Menschenmenge. Die Wolgograder saßen in Bäumen und auf parkenden Bussen, um das Geschehen besser verfolgen zu können. Die ranghöchsten Politiker und Beamten der Sowjetunion waren aus Moskau eingeflogen und standen mit feierlicher Würde neben dem zunächst im Haus der sowjetischen Armee am Suworowskaja-Platz aufgebahrten Sarg. KGB-Chef Juri Andropow sah vorbei an den Angehörigen und der rund um den Sarg postierten Ehrengarde zu den gläsernen Doppeltüren. Draußen drängte sich die Menge, um einen Blick auf den Leichnam zu erhaschen. Neben Andropow stand Außenminister Andrei Gromyko, in Gedanken versunken. Die sowjetischen Streitkräfte wurden von Verteidigungsminister Dmitri Ustinow vertreten, der sich wohlwollend mit einem jüngeren Mann rechts neben ihm unterhielt – einem aufsteigenden Stern der Partei, der erst vor Kurzem zum Sekretär des Zentralkomitees befördert worden war: Michail Sergejewitsch Gorbatschow.

Selbst Staatschef Breschnew hatte großen Respekt vor Tschuikow, dem »Sagenhaften«. Breschnew hatte sich während des Großen Vaterländischen Krieges als politischer Kommissar in der Parteihierarchie hochgedient, später jedoch sehr darauf geachtet, sein Heldentum im Krieg über Gebühr herauszustellen, und sich selbst militärische Ehren verliehen, für die ein Tschuikow Blut vergossen hatte. Das Verhältnis beider Männer zu Nikita Chruschtschow, Breschnews Vorgänger im Amt des Ersten Sekretärs, war von jeher gespannt gewesen. Breschnew bewunderte Tschuikows derben Schneid und lachte darüber, wie dieser öffentlich die Frage gestellt hatte, wo denn eigentlich Chruschtschow während der Schlacht um Stalingrad geblieben sei.13 Wichtiger noch: Breschnew hatte auf Tschuikows Unterstützung gezählt, als 1962 die Zeit gekommen war, das allzu erratische Staatsoberhaupt aus dem Amt zu drängen und im Zentralkomitee die Zügel in die Hand zu nehmen. Er stand seither in Tschuikows Schuld.

Nach einem Vormittag der Aufbahrung war es Zeit für die Beisetzung. Im Gleichschritt mit der Blaskapelle der Roten Armee folgte der Trauerzug dem auf eine blank polierte Lafette montierten und von einem Panzerwagen gezogenen Sarg. Eine Woche zuvor hatte ein später Wintereinbruch die Steppenlandschaft rund um die Stadt in eine Schneedecke gehüllt. Grimmige Kälte hielt Wolgograd in eisernem Griff. Über der Wolga stieg Dunst auf und sammelte sich als schauriger Nebel entlang des Ufers, was zur Feierlichkeit des Ereignisses beitrug. Tschuikows Angehörige führten den Zug an. Es folgten die Männer des Zentralkomitees, örtliche Würdenträger, eine Kolonne junger Gardisten, die zum Tragen des Sargs bestimmt war, und zuletzt eine anschwellende Menge von Zivilisten, unter denen sich auch Hunderte von Stalingrad-Veteranen befanden. Entlang des gesamten Weges drängten sich Tausende Stadtbewohner, hier und da in Fünferreihen, um den General auf seinem letzten Weg zu sehen.

Nikolai Tschuikow fasste sich und sprach weiter: »Naturgemäß erinnerte sich mein Großvater sein ganzes Leben lang an die Veteranen und sprach oft von ihnen, auch noch in seinen letzten Tagen, als es ihm nach mehreren Schlaganfällen schon sehr schlecht ging. Zu seinem 80. Geburtstag füllten die Ehemaligen den ganzen Innenhof unter dem Fenster seiner Wohnung in der Moskauer Granowskaja-Straße. Er sah sie, ging hinunter, und sie hängten sich buchstäblich an ihn. Dann lud er sie in Pulks in seine Wohnung ein, um mit jedem Einzelnen von ihnen anzustoßen. ›Wir gedachten der toten Kameraden‹, erklärte mein Großvater, als redete er zu Geistern. ›Bald komme ich zu euch.‹ Es war ein ergreifender Moment.«14

Am Eingang zum Ehrenmal angelangt, das am Osthang des Mamajew-Hügels zwei Quadratkilometer einnimmt, lagen vor den Trauernden noch mehrere Terrassen, von denen jede eine bestimmte Etappe der Schlacht versinnbildlicht.15 Nach hundert Metern aufwärts gelangte der Zug zur ersten von zweihundert Stufen – eine für jeden Tag der Schlacht – und über diese zur Allee der Lombardischen Pappeln. Danach überquerte er einen kreisrunden, von Birken eingefassten Platz, von dem aus man die Wolga souverän im Blick hat. Hier wird direkt erfahrbar, wie wichtig die Einnahme dieser Stellung für beide Seiten war, denn wer diese Höhe innehatte, beherrschte die Stadt.

Ohne anzuhalten, stiegen die Trauernden eine zweite Treppe aus Granit hinauf und gelangten am Platz der Helden vorbei durch das in den Hang gesetzte, gruftartige Pantheon, die »Halle des militärischen Ruhms« mit ihrem grasbewachsenen Dach. Ihre Gewölbedecke, der Marmorboden und die Ziegelmauern sorgten für die gewünschte andächtige Stimmung. Im Schein der großen ewigen Flamme erkannte man an den Wandtafeln die Namen von mehr als 7000 gefallenen Soldaten, die dennoch nur einen Bruchteil der Opfer dieser Schlacht ausmachten. Wie viele gesichts- und namenlos gebliebene Kameraden hat das Wüten verzehrt? Weiter ging es über einen gewundenen, neben dem Pantheon aufwärtsführenden Pfad zum Platz der Trauer. Als die Trauernden aus der dunklen Halle kommend ins Sonnenlicht blinzelten, ragte vor ihnen die riesige Statue »Mutterland ruft« mit hoch erhobenem Schwert in der einen Hand, westwärts weisend mit der anderen, gefühlte hundert Meter in den Himmel. Vom Osten her blies der Wind über die Wolga, den Trauernden in den Rücken. Spärliche Schneeflocken fielen. Beinahe war das Ziel erreicht.

Die jungen Gardisten mit dem Sarg hielten an. Ein Murmeln in der Menschenmenge dahinter schwoll an, während Dutzende alte Männer sich daraus lösten. Einige von ihnen trugen noch die alte olivgrüne Paradeuniform aus ihrer Militärzeit, andere ihre elegantesten dunklen Anzüge. Alle waren sie mit blank polierten Orden ausstaffiert, die in der Wintersonne blitzten und in drei oder vier Reihen an ihren Bändern hingen, bei manchen vom Kragenaufschlag bis hinunter zum untersten Jackenknopf als prunkvoller Ausweis eines Lebens im Dienst der Heimat. Da standen, in all ihrer Stille und Würde, ein paar letzte unbesungene Helden der 62. Armee.

Schweigend begleiteten sie die jungen Sargträger, hielten nach einigen Schritten an und übernahmen deren Plätze: Veteranen der Truppe, die für Tschuikow gekämpft, das mächtigste Heer ihrer Tage besiegt und bis nach Berlin zurückgedrängt hatte. Es war nun an ihnen, ihren General zu seiner letzten Ruhestätte am Osthang des Hügels zu tragen. Ein Dutzend von ihnen bildete eine Formation mit einem Mann an der Spitze und einem zweiten, der den Zug abschloss. Eine weitere Gruppe ging hinter ihnen für den Fall, dass einer oder alle der vorderen ihre Last nicht mehr tragen konnten. Ihre Gesichter verrieten nichts außer dem grimmigen Entschluss, ihren Auftrag auszuführen, und zugleich schritten sie langsamer, viel langsamer als die jungen Gardisten, von denen sie wenige Augenblicke zuvor die Last übernommen hatten. Eine gespannte Stille griff um sich, indem diese Männer ihren alten Kommandeur zu seiner letzten Ruhestätte brachten, und feierliche Töne der Kapelle erfüllten die Luft. Der Anführer der Sargträger sah zurück zu seinen Männern und verlautete einen Befehl. Unvermittelt hielt der Zug an. Zwei der Männer traten aus der Reihe und wurden von Kameraden ersetzt, damit der Sarg in sicheren Händen ruhte – vielleicht hatte sie weniger die körperliche Anstrengung des Tragens erschöpft als die Aufregung der Zeremonie. Sie traten zurück in die Menge, und einer wischte sich die Stirn mit dem Jackenärmel ab. Die alten Kameraden umringten ihn, drückten seinen Arm und tätschelten anerkennend seinen Kopf.

Unterdessen hörte die Kapelle auf zu spielen. Während Angehörige und Würdenträger ihre Plätze einnahmen, trat Marschall Kulikow vor, der Oberkommandierende der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Pakts, um die Abschiedsrede im Namen einer dankbaren Nation und Partei zu halten. Tschuikows Witwe Walentina Petrowna und eine größere Zahl von Angehörigen standen neben örtlichen Parteiführern und dem Veteranen Wassili Saizew, einem berühmten Scharfschützen von Stalingrad und Helden der Sowjetunion.16 Als Vertrauter der Familie streckte Saizew seine Hand nach Petrowna aus, um sie zu trösten. Er deutete rückwärts den Abhang hinunter auf die Statue eines Kolosses auf dem kreisrunden Vorplatz, der mit nackter Brust, einer PPSch-41-Maschinenpistole in der einen Hand und einer Granate in der anderen den Zugang zum soeben überquerten Platz bewachte.17 Das Gesicht dieses Giganten ähnelte auf unheimliche Art den granitharten Zügen ihres Mannes in seinen besten Tagen während der Schlacht von 1942. Tschuikows Losung von damals lautete: »Aufrecht bis zum Tod!«

Nach nunmehr vier Stunden war der Moment gekommen, Tschuikow in die Erde zu betten. Die letzten Lobreden wurden über seinem Grab gesprochen. Ehrensalven zerrissen die Stille. Die Wolgograder Polizei hatte versucht, die Menschenmenge auf respektvolle Distanz zu halten, doch kaum waren die Angehörigen und Amtsträger zu ihren Autos zurückgekehrt, bahnten sich die bisherigen Zuschauer schweigend ihren Weg zu der Grabstätte, um Tschuikow ihren eigenen stillen Tribut zu erweisen.

»Für die Helden der Schlacht um Stalingrad«, rief eine einsame Stimme.

Es schneite nun heftiger, und die Nebel über der Wolga verhüllten den Blick auf das dicht bewaldete Ostufer des Stroms. Unterwegs zurück in die Stadt, hüllten sich die gewöhnlichen Wolgograder zum Schutz vor dem schneidenden Wind tief in ihre Mäntel. Unten in der Innenstadt war die Ruine eines vierstöckigen Lagerhauses deutlich zu sehen – einst Schauplatz dessen, was alle hier seit Jahrzehnten als eine der letzten Verteidigungsbastionen von Tschuikows Armee am Westufer kannten. Nicht weit davon sah man eine moderne Wohnsiedlung an einem weitläufigen Park – dem Platz des 9. Januar. Ein Haus im Besonderen wurde den Kindern von den Eltern im Vorbeigehen gezeigt, in dem eine Handvoll von Tschuikows Männern wahrhaft Übermenschliches geleistet haben und den Vorstoß der Wehrmacht zum Flussufer und damit die endgültige Einnahme der Stadt verhindert haben soll: das Pawlow-Haus.

EINFÜHRUNG

Der Platz des Gemetzels und das Haus Penzenskaya-Straße 61

An einem dieser klaren, kalten Wintermorgen in Wolgograd spaziere ich den Fluss entlang zum Panorama-Museum, das am westlichen Steilufer über dem breiten Strom thront und dessen Exponate die Geschichte der Schlacht um Stalingrad erzählen. Ein restaurierter T-34-Panzer bewacht seine Tore. Rechts vom Haupteingang befindet sich, versteckt hinter wuchtigen stählernen Doppeltoren, ein moderner zweistöckiger Bau, in dem das Archiv des Museums untergebracht ist. Ich bin hier eine Woche lang zu Gast, um mündliche Zeugenberichte von Rotarmisten zu erforschen, die die Schlacht überlebt haben. Wie den Stalingradern während Tschuikows Beisetzung weht auch mir ein schneidender Wind ins Gesicht. Riesige Dunstwolken steigen über dem eisigen Wasser der Wolga auf. Ich bin seit etwa einer Stunde auf den Beinen und lasse die Orte entlang des Ufers der Innenstadt auf mich wirken. Wohin ich auch komme, werde ich auf Schritt und Tritt daran erinnert, dass der Boden unter meinen Füßen einst ein riesiges Schlachtfeld war. Der zentrale Fähranleger der Innenstadt, nur wenige Meter vom Museum entfernt, hat für Russen eine ebenso große Bedeutung wie vielleicht Omaha Beach in der Normandie für Amerikaner. Nun stehe ich hier am Wolgastrand, eingehüllt von eisigem Nebel. Ich sehe zurück zur Ufermauer, die mich ungefähr zehn Meter überragt. Alle heutigen Bewohner der Stadt kennen diese Mauer, einen ehemaligen Kai für Salzfrachter, an die ein Rotarmist der 13. Gardeschützen-Division 1943 mit Teer auf Russisch die Losung schmierte: »Hier hielten Rodimzews Gardeschützen aus bis zum Tod. Als wackere Verteidiger besiegten sie den Tod!« Die Mauer ist nur eines von Dutzenden über die ganze Stadt verteilten Ehren- und Mahnmalen für die Gefallenen der Schlacht um Stalingrad.

Ich bin unterwegs zu einem bestimmten Gebäude an einem großen Platz ganz in der Nähe, das meine Fantasie in Beschlag nimmt, seit ich als kleiner Junge über die grauenvolle Schlacht hier im Zweiten Weltkrieg gelesen habe. Wie die Stadt selbst nach Stalins Tod und später noch einmal nach dem Sturz des Kommunismus hat auch die Straße, in der ich gehe, ihren Namen gewechselt. Sie heißt jetzt Sowjetskajastraße. Das Haus, das ich suche, hat die Nummer 39 und befindet sich im Zentrum von Wolgograd. Es ist ein moderner vierstöckiger Wohnblock direkt an einer verkehrsreichen Straße, die entlang der Wolga verläuft. Von einer Seite des Baus sieht man auf den Leninplatz im Westen, von der anderen sind es nur wenige Meter zum Museum und zur spektakulär renovierten, ausgebombten Ruine der berühmten Gerhardts- oder Grudininmühle, erhalten bis heute in dem Zustand nach den verzweifelten Kämpfen um die Stadt in den Jahren 1942 und 1943. Anders als das benachbarte Mahnmal wurde der Wohnblock mit seiner gelben Fassade als Erster aus den Ruinen von 1943 wieder aufgebaut und erfüllt seither für die Bewohner einen guten Zweck. Nichts ahnenden Spaziergängern erscheint er als gewöhnliches, wenngleich ziemlich schickes Wohnhaus, dessen Gestaltung der Zwischenkriegsarchitektur in der Stadt nachempfunden ist. Ich gehe weiter diese Straße entlang, mit dem Fluss zu meiner Rechten, und erkenne schon im nächsten Augenblick, was ich gesucht habe: nackte rote Backsteinmauern in schroffem Kontrast zum herbstlichen Gelb des Museums, an dessen eine Seite sie sich beinahe anlehnen. In den Backstein gemeißelt liest man auf Russisch die Botschaft: »In diesem Haus verschmolzen kriegerische Heldentaten und harte Arbeit. Wir werden dich verteidigen und wieder aufbauen, geliebtes Stalingrad!«

Ich schreite den Bau der Länge nach ab, um seine Größe zu erfassen, und male mir vor dem inneren Auge aus, wie es im gnadenlosen Straßen- und Häuserkampf, zum Bollwerk ausgebaut und befestigt, wohl ausgesehen haben mag mit seinen vielen zu Schießscharten vermauerten Fenstern und den Kellereingängen, hinter denen sich die sowjetischen Verteidiger vor deutschen Luftschlägen und Panzergranaten in Sicherheit brachten.

Über dem Eingang am hinteren Ende des Leninplatzes thront ein riesiges steinernes Mausoleum im Stil der sowjetischen Moderne. Ein Halbkreis aus Säulen umfasst Blumenrabatten und eine Gedenkwand. Das Relief eines Rotarmisten – auch er im Stil der klassischen sowjetischen Moderne – ist in diese Wand als Wächter des dahinter stehenden Hauses gemeißelt und nimmt fast ihre gesamte Breite ein. Darunter finden sich die Namen der Verteidiger des Pawlow-Hauses, des wahrscheinlich berühmtesten Schauplatzes in der gesamten Schlacht um Stalingrad.

Die Schlacht um Stalingrad fasziniert bis heute. Vielen gilt sie als das entscheidende Kräftemessen des Zweiten Weltkriegs auf europäischem Boden. So schreibt der Historiker John Erickson:

Am Ende des Stalingradfeldzugs hatten Deutschland und die Achsenmächte an der Ostfront insgesamt eineinhalb Millionen Soldaten verloren – tote, verwundete, gefangene. Fast 50 Divisionen, also beinahe fünf komplette Armeen, waren vernichtet […] Der sowjetische Sieg in Stalingrad war der Wendepunkt des Krieges an der Ostfront, und die Ostfront war die Hauptfront des Zweiten Weltkriegs.18

Auch überall in der ehemaligen Sowjetunion und besonders in Putins Russland wurde und wird der Sieg im Kampf um die Stadt mit dem Namen des einstigen Diktators als Höhepunkt des Großen Vaterländischen Krieges (1941–1945) gefeiert. Die eigenen Anstrengungen in diesem Krieg, die enormen Verluste und der Triumph am Ende prägen das Selbstverständnis des heutigen Russland.19 Während die Vereinigten Staaten von Amerika nach Kriegseintritt Ende 1941 insgesamt 419 000 Gefallene und Großbritannien mit 451 000 Toten noch etwas mehr Kriegsopfer zu beklagen hatten, waren es in der Sowjetunion mehr als 27 Millionen Tote. Zwischen der deutschen Eroberung Kretas im Mai 1941 und der alliierten Invasion Italiens im September 1943 befand sich allein die Rote Armee kontinuierlich im Kampf gegen einen Großteil der deutschen Streitmacht auf europäischem Boden.20 Putins eigener älterer Bruder kam während der Leningrader Blockade ums Leben, sein Vater wurde im Kampf um die Verteidigung der Stadt schwer verwundet. Wie Millionen seiner Landsleute pflegt Putin eine tiefe emotionale Verbindung zum Zweiten Weltkrieg, zu seinen großen Schlachten und zum größten Sieg der Roten Armee. In Stalingrad warf sich diese Armee Hitlers Vorhaben entgegen, die kriegswichtigen Ölfelder der Sowjetunion im Kaukasus einzunehmen und auszubeuten, die unverzichtbaren Versorgungswege auf und entlang der Wolga zu kontrollieren und einen Keil mitten durch das Land zu treiben.

Präsident Putin hat das heutige Wolgograd21 etliche Male besucht, darunter nicht selten zu offiziellen Anlässen wie dem 75. Jahrestag des Sieges am 2. Februar 2018. Er nimmt sich jedes Mal Zeit, mit den Veteranen zu sprechen und dabei fotografiert zu werden. Meist finden diese Termine im Panorama-Museum statt. Sie sind Teil einer Kampagne, mit der Putin versucht, das Erbe der größten Schlacht der Sowjetunion für seine Partei Einiges Russland zu vereinnahmen und den sowjetischen Kult um jede Kampfhandlung, alle Opfer und Toten und natürlich die Siege im Großen Vaterländischen Krieg wiederzubeleben. Offensichtlich hat Putin wie Chruschtschow, Breschnew, Gorbatschow und Jelzin vor ihm erkannt, welcher Ruhm Stalin in den Jahren nach dem Krieg als direkte Folge des Sieges in Stalingrad zugefallen ist, und das nicht nur in der Heimat, sondern auch im Ausland.22

Wie Stalin selbst beschwört der russische Präsident das Andenken an diese Geschichte, um seine Position als Oberhaupt seines Landes zu zementieren und sich als jemanden darzustellen, der sein Land entschlossen durch wirtschaftlich und politisch harte Zeiten führt. Er hüllt sich in die russische Flagge und huldigt den Heldentaten seiner Vorfahren im Krieg, weil ihm das den Zulauf vaterlandsliebender Russen aller Altersgruppen beschert. Während ich im Frühjahr 2022 dieses Buch zu Ende schreibe – in einer Zeit, da die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen wegen des russischen Einmarschs in die Ukraine so schlecht sind wie kaum jemals seit Ende des Kalten Krieges –, ist diese breite Loyalität (oder Unterdrückung jeglicher innenpolitischer Kritik) für ihn noch wichtiger als zuvor. In einer jüngsten Umfrage23 zum »Tag des Sieges«, Russlands zweithöchstem Feiertag, erklärten die Russen den Sieg in Stalingrad zum bedeutendsten Ereignis des Zweiten Weltkriegs – noch vor der erfolgreichen Verteidigung Moskaus 1941 und dem Sieg in Kursk 1943.

Bestimmte Städte, Festungen, Gebäude, Ereignisse und Personen sind in der Nationalerzählung des offiziellen Russland sakrosankt und waren dies schon vor Putins Aufstieg zur Macht. Ihr Ruhm geht zurück auf den Vaterländischen Krieg, und er wird seither unablässig weiter aufpoliert: etwa die Verteidigung der heute weißrussischen Festung Brest in den frühen Tagen des »Unternehmens Barbarossa« 1941, das Heldentum der Leningrader, die von der Wehrmacht 872 Tage lang belagert, bombardiert und ausgehungert wurden, und die Rotarmisten, die sich am Ende im Mai 1945 die Trophäe Berlin schnappten. Der Wunsch, die kollektive und individuelle Selbstaufopferung zu feiern und eine Verbindung zu den Ereignissen der jeweiligen Gegenwart herzustellen, war unter den Russen stets überragend groß. Ihm entsprach schon während des Krieges ein machtvoller Einsatz sowjetischer Propaganda, die in den Jahren danach fortgesetzt wurde. Das Bekenntnis zu Stalingrad war und ist die eigentliche Bewährungsprobe jedes sowjetischen oder russischen Staatschefs – es hat für das Land eine ähnliche Bedeutung wie Dünkirchen für die Engländer, Alamo24 für die Amerikaner oder Verdun25 für die Franzosen. Allerdings entstellt das Mythenumfloren des Kampfes um Stalins Stadt bisweilen die historische Wahrheit, obwohl diese zweifellos auch ohne jedes Zutun schon heldenhaft genug ist.

Unter den unfassbar vielen sowjetischen Toten im Zweiten Weltkrieg waren 16 Millionen Zivilisten und mehr als 7 Millionen Menschen im Alter zwischen 19 und 25 Jahren. So gut wie jede sowjetische Familie trauerte um Angehörige. Im europäischen Teil Russlands waren 78 000 Städte und Dörfer zerstört, die Transport- und Kommunikationswege verwüstet. Erst Stalingrad beendete um einen gigantischen Preis an Menschenleben die Serie ungebrochener deutscher Siege und sorgte dafür, dass danach die Frage nicht mehr lautete, ob die Alliierten die Nazis besiegen würden, sondern nur noch, wann es so weit war. Dafür wurde die sowjetische Streitmacht ausgeblutet, wie Brandon M. Schechter in The Stuff of Soldiers anmerkt:

Bis Kriegsende verlor sie 11 273 026 Mann. 34 476 700 wurden in dieser Zeit eingezogen (durchschnittlich standen jedes Jahr 11 Millionen in Uniform). An der Front verschliss die Armee von 1941 bis 1943 488 Prozent ihrer monatlichen Auffüllungen. Anders gesagt: Sie wurde in dieser Zeit fünfmal komplett ausgetauscht.26

Zwar begann die deutsche Sommeroffensive schon im Juli 1942, doch die eigentliche Schlacht um die Stadt brach Anfang September los und dauerte bis 2. Februar 1943. Sie endete mit der Vernichtung der 6. Armee, der wahrscheinlich erfahrensten und schlagkräftigsten Truppe der Wehrmacht.27 Die 6. Armee hatte nicht nur 1940 die Eroberung der Niederlande und Frankreichs, sondern im Juni 1941 auch die ersten Einfälle in Russland angeführt. Vom Moment ihrer Vernichtung in Stalingrad an waren die Wehrmacht und ihre Achsen-Verbündeten im Osten in der Defensive, und die Rote Armee, die bis dahin als ausgelaugte Truppe galt, arbeitete sich unaufhaltsam westwärts bis nach Berlin vor. John Erikson mutmaßt in The Road to Stalingrad: »Wenn Russland aus der Schlacht von Poltawa 1709 als europäische Macht hervorging, so begann in Stalingrad der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht.«28 Die fünfmonatige Schlacht war ein Höhepunkt von Hitlers Sommeroffensive und Vorstoß in Richtung Süden zu Russlands Ölfeldern im Kaukasus. Stalin und das sowjetische Oberkommando Stawka wurden von der Stoßrichtung des Angriffs mit mehr als einer Million deutscher Soldaten überrascht,29 denn sie waren davon ausgegangen, dass die Deutschen ihren direkten Angriff auf Moskau vom Vorjahr wiederholen würden. In den wochenlangen Gemetzeln des Hochsommers 1942 (in denen die Rote Armee verzweifelt alle Reserven aufbot, um das Vorrücken der Heeresgruppe Süd aufzuhalten) verschoben sich die Fronten am Ende bis zu den Ufern der Wolga, des wichtigsten Transportwegs für Stalingrad und das ganze Land. Sie erreichten damit ein kommunistisches Aushängeschild an der Lebensader Russlands, das inzwischen noch dazu eine gigantische Kriegsproduktion aufgebaut hatte.

Deutsche und italienische Truppen stießen am 23. August nördlich von Stalingrad an die Wolga vor und errichteten rund um die Stadt Verteidigungsstellungen, bevor sie mit ihren koordinierten Angriffen begannen. Zunächst legte die Luftwaffe große Teile der Stadt in Schutt und Asche und tötete bei unzähligen Bombenangriffen Tausende Zivilisten. Vom 3. September an bot die geschwächte Rote Armee all ihre Kräfte auf, um wenigstens die wichtigsten, seither von Legenden umrankten Bollwerke – das Getreidesilo Elewator, die Geschützfabrik »Barrikaden«, das Traktorenwerk Dscherschinski, den Hauptbahnhof – zu halten. Sie wurde von der Wucht des deutschen Panzer- und Infanterieansturms auf einige wenige schmale Brückenköpfe zurückgedrängt.

Die Verluste der Bodentruppen waren auf beiden Seiten enorm hoch. Hunderttausende Soldaten bekämpften einander Haus um Haus, Mann gegen Mann. Unablässiger Artilleriebeschuss und weitere Luftschläge trugen zu dem Inferno bei. Die feldgrauen Uniformen der Deutschen waren so sehr in Trümmerstaub gehüllt, dass sie öfter mit den kakibraunen sowjetischen verwechselt wurden. »Rattenkrieg« lautete der zynische Spitzname der 6. Armee für den blutigen Nahkampf Straße um Straße, Haus um Haus und darin sogar Zimmer um Zimmer, im Untergrund auch um jeden Meter des Kanalnetzes. Ende September, drei Wochen nach Beginn der Schlacht, hatte sich die Rote Armee auf die Strategie verlegt, die Deutschen in größerer Zahl in Kämpfen zu binden und ihre Truppenstärke auszubluten. Die überlegene Feuerkraft der deutschen Panzer und Jagdbomber versuchten die Rotarmisten zu neutralisieren, indem sie »den Feind umarmten«, das heißt ihm so nahe wie möglich kamen, um Luftschläge und Artilleriefeuer wegen der dann unvermeidlich hohen Zahl an eigenen Opfern zu verhindern.

Bei dieser Kampfweise kamen russische Sturmgruppen aus vier bis acht Mann zum Einsatz, die mit Granaten, Maschinengewehren, Bajonetten und sogar geschärften Spaten bewaffnet waren. Sie hatten die Aufgabe, ein von Landsern besetztes Gebäude zu räumen, worauf sie massiv verstärkt wurden, um Gegenangriffe abzuwehren und das eroberte Gebäude zu einer kleinen Festung auszubauen. Mehrere solcher Bastionen konnten aus einer bereits brüchigen Verteidigungslinie ein mörderisches Schlachtfeld machen. So erhielt eine eingeschworene fünfköpfige Sturmgruppe des 42. Garde-Regiments, das zur 13. Gardeschützen-Division gehörte, den Befehl zur Rückeroberung eines Wohnhauses in der Innenstadt, um das aufgrund seiner Lage an einem wichtigen Knoten der russischen Verteidigungslinien seit Beginn der Schlacht erbittert gerungen wurde. Angeführt wurde der Trupp vom 24-jährigen Feldwebel Jakow Fedotowitsch Pawlow. Bäuerlicher Herkunft, wurde der Mann mit der ziemlich geckenhaften Fellmütze aus dem Bezirk Nowgorod im Nordwesten Russlands später zu einer sowjetischen Berühmtheit. Legenden rankten sich um den Ingrimm und die Zähigkeit, mit der er gegen übermächtige Feinde seine Stellung hielt.

Im Kampf um das Zentrum von Stalingrad trafen hauptsächlich zwei gegnerische Verbände aufeinander: Die 71. Infanterie-Division unter Generalmajor Alexander von Hartmann wurde wie so viele andere Einheiten der 6. Armee in der Schlacht um die Stadt am Ende vernichtet, doch bevor es so weit kam, lieferte sie sich einen mörderischen Stellungskrieg mit einer ebenso ruhmreichen sowjetischen Einheit: der 13. Gardeschützen-Division unter Generalmajor Alexander Rodimzew. Beide Kommandeure führten ihre Divisionen in ein fünfmonatiges Gemetzel um die Innenstadt, das nichts und niemanden verschonte. Was wir heute an Erzählungen über das brutale, beinahe schon mittelalterliche gegenseitige Abschlachten und den Kampf um jedes einzelne Haus lesen, hat seinen Schrecken und seine Faszination für Historiker wie mich bis heute nicht verloren. Eine dieser Geschichten handelt vom eben genannten Pawlow, der in den Jahrzehnten nach dem Krieg in den Rang eines Nationalhelden erhoben wurde. Ich werde sie in diesem Buch im Licht neuer Erkenntnisse und Zeitzeugenberichte von Männern erörtern, die Seite an Seite mit ihm gekämpft haben.

Der Sturmtrupp unter Feldwebel Pawlow wusste, als er das fragliche Gebäude eingenommen hatte, dass diese Stellung aus der eigenen Verteidigungslinie heraus und in das von den Deutschen eingenommene Gebiet vorsprang – auch dass sie den eigenen Artilleriebeobachtern eine hervorragende Warte bot, von der aus das Feuer sowjetischer Geschütze Tag für Tag im Morgengrauen präzise auf den Feind gelenkt werden konnte. Von diesem Haus aus war es außerdem möglich, einem Fähranleger an der Wolga Feuerschutz zu geben, der eigens für die Anlieferung von Verstärkung und Nachschub zur Front gebaut und unverzichtbar war. Wer dieses Haus hielt, hatte zugleich den Brückenkopf in der Hand. Dementsprechend wurde es nach seiner Einnahme andauernd von deutscher Infanterie und Panzern beschossen und auch aus der Luft bombardiert, während seine sowjetische Besatzung laufend um Männer und Material verstärkt wurde und die Zahl der Opfer rasch zunahm.

Trotz seiner strategischen Bedeutung und obwohl im Haus wie auch auf seinem Vorfeld die Toten und Sterbenden bald kaum noch zu zählen waren, konnte dieser Kampf im Vergleich zum Hauptgeschehen der Schlacht als nebensächliches Scharmützel erscheinen. Dennoch stieg Jakow Pawlow von dem Moment an, als in einer Stalingrader Zeitung über das zähe Ringen um diese Stellung berichtet wurde, zur Legende auf. Das tatsächliche Geschehen erfuhr eine erzählerische Umdeutung durch die Berichterstatter in der politischen Sektion der Roten Armee.30 Es entstand ein Heldenepos, das wenig mit der Wirklichkeit zu tun hatte, aber bis heute wie ein Tatsachenbericht hingenommen wird. Das Gebäude an der Wolga hieß in der sowjetischen Presse nur noch »Pawlow-Haus«, und die Schilderungen idealisierten den Kampfgeist des Bauernsohns als Frontowik31 bzw. Frontkämpfer in der bis dahin größten Bewährungsprobe des Vaterlandes gegen den faschistischen Eroberer. In Wirklichkeit trug die Hausfestung in der Roten Armee den Codenamen »Leuchtturm«.

Um auszublenden, dass die Wehrmacht Mitte November neun Zehntel der Stadt besetzt hielt, benötigte die sowjetische Propaganda dringend Heldengeschichten, mit denen sie das Gegenteil suggerieren konnte.32 Ihre Berichterstatter an der Front schrieben daher vermehrt über Beispiele des Heldenmuts unter Stalingrader Zivilisten und verteidigenden Rotarmisten. Öffentliche Erwähnung fand das Pawlow-Haus erstmals am 31. Oktober 1942 in Stalinskoje snamja (»Stalins Banner«), der Zeitung der 62. Armee, doch seine legendäre Bedeutung erhielt es erst nach dem Ende der Schlacht im Zuge der breiten Bewegung für den Wiederaufbau der Stadt. In Stalinskoje snamja wurden auch eine Handvoll Namen genannt und dabei insbesondere die vielfältigen Volksgruppenzugehörigkeiten der Kämpfer herausgestellt. In dem Artikel war vom Schmelztiegel der Sowjetunion die Rede, und künstlerische Freiheit nahm sich die Redaktion auch bei der Schilderung der Ereignisse. Der Artikel kam bei den Soldaten gut an, denn auch sie brauchten Geschichten, die ihnen Mut machten. Er erlangte wenig später landesweite Bedeutung, als in der Prawda33 vom 19. November 1942 eine überarbeitete Version erschien. Am selben Tag begann die von den Generälen Georgi Schukow und Alexander Wassilewski geplante »Operation Uranus« mit dem Ziel, die 6. Armee der Wehrmacht weiträumig zu umfassen, in Stalingrad einzukesseln und zu vernichten. Später wurde die Geschichte im nationalen Rundfunk gebracht.

Monate später feierte alle Welt den errungenen Sieg in Stalingrad, und die Sowjets sahen sich mit Lob überhäuft. Die englische Daily Mail34 verkündete auf der Titelseite: »Stalingrader Armee ausgelöscht«, und jenseits des Atlantiks jubelte die New York Times über die Vernichtung »der Blüte von Hitlers Armee … und mehr als 500 000 Gefallene und Gefangene allein an der Wolga seit vergangenem Herbst«.35 Englands Premierminister Winston Churchill überreichte Josef Stalin auf der Teheraner Konferenz vom November 1943 im Auftrag von König Georg VI. das »Schwert von Stalingrad« mit der Inschrift »vom dankbaren britischen Volk«.36

Der sozialistische Realismus war die damals staatlich sanktionierte, für alle Kunst und ihre Gattungen verbindliche Form. Er dominierte die Sowjetunion seit den späten 1920er-Jahren ungebrochen bis kurz vor dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges in den Neunzigern. Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Dichter und Filmemacher unterstanden dieser Maßgabe. Ihr Auftrag lautete, das sozialistische Lebensideal im Land zu verfestigen. Ein wichtiger Bestandteil dieser Doktrin war das Ausschmücken der Wahrheit mit dem Zweck, jede wie immer geartete Parteilinie zu bekräftigen. Dass nach der Schlacht von Stalingrad deren Verteidigung als unerbittliches Erobern und Halten eines einzelnen Hauses erzählt und damit zugleich ein Sinnbild für das Leid der Stadtbewohner und des ganzen Landes gefunden wurde, entsprach dieser Maxime.

Schon 1943 fand der apokalyptische Kampf seinen Weg auf die Leinwände, als das von Leonid Warlamow gedrehte offizielle Propaganda-Epos Stalingrad, ebenfalls mit der Kommentarstimme des berühmten Juri Lewitan37, in die Kinos kam. Naturgemäß spielte Stalin darin die Hauptrolle. Er erschien im Film gewappnet mit einem beinahe napoleonischen Gespür für Taktik wie auch gleichermaßen bei Soldaten und Generälen beliebt als ein Heerführer, der seiner dankbaren Nation den Weg wies und ihren Triumph sicherstellte.38 Das Finale im Film war eine künstlerische Vorwegnahme des Lebens in der totalitären Gesellschaft, zu der die Sowjetunion soeben geworden war und Osteuropa nach dem Krieg hinter dem »Eisernen Vorhang« noch werden sollte. Doch fürs Erste erfuhren die Opfer des russischen Volkes und der Roten Armee überall in der Welt großen Respekt. Allein in Frankreich wurden 1944 nach dem Ende der deutschen Besatzung 150 Haupt- und Nebenstraßen nach Stalingrad benannt, als Kommunisten dort bei Regionalwahlen von Lille bis Cannes und von Bordeaux bis Grenoble siegten. Auch eine Station der Pariser U-Bahn erhielt den Namen von Stalins Stadt, und im 19. Arrondissement erfolgte sogar noch 1993 die Umbenennung eines Platzes in Place de la Bataille-de-Stalingrad.

Im Großen Vaterländischen Krieg berichteten jede Menge Autoren direkt von der sowjetischen Westfront. Die besten Schriftsteller Russlands zogen olivgrüne Uniformen der Roten Armee über und verfassten für deren Zentralorgan Roter Stern Texte, die in jedem anderen Land Literaturpreise gewonnen hätten.39 Allerdings förderte die gemeinsame Zeit mit den Kameraden in den Schützengräben bei vielen von ihnen – nicht anders als bei westlichen Kollegen – den Wunsch, die Wahrheit des Geschehens zu berichten, sei sie nun gut oder schlecht.

Wassili Grossman war einer dieser Journalisten und Schriftsteller. Der Chemieingenieur stammte aus der Ukraine und schloss sich 1941 nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion der Armee an. Er berichtete von allen wichtigen Kriegsschauplätzen bis zur Einnahme von Berlin 1945. Mit insgesamt zwölf Artikeln, die auch im Lauf meiner Schilderung noch mehrmals zu Wort kommen – erwarb er sich große Anerkennung unter den einfachen Soldaten der Roten Armee. Es gelang ihm, den Alltag an der Front und das Kampfgeschehen einzufangen, und in Stalingrad erreichte er den Gipfel seiner kämpferischen Vaterlandsliebe wie auch seiner Kunst. Die Gestalten, die er in seinen Reportagen so lebhaft schilderte, gingen anschließend in seine Romanerzählungen ein, insbesondere in seinen besten, 1959 fertiggestellten Roman Leben und Schicksal. Die Aufrichtigkeit, mit der dieses Buch die Schwächen und Mängel von Stalins Heeresführung im Krieg beschrieb, hatte vorhersehbar zur Folge, dass es von den Behörden als »antisowjetisch« eingestuft wurde und nicht gedruckt werden durfte. Grossman starb 1964 an Krebs. Erst 1980 wurde sein Hauptwerk außer Landes geschmuggelt und, kaum erschienen, als literarische Sensation gefeiert.40 Spätestens damit ging Stalingrad auch außerhalb Deutschlands als Thema in die Wahrnehmung eines breiten Publikums ein.

Im Lauf des Kalten Krieges wurden in den kommunistisch regierten Ländern immer mehr Parks, Fabriken und Wohnanlagen umbenannt oder sogar eigens errichtet, um des Sieges über die Wehrmacht zu gedenken, der die Kriegswende gebracht hatte. Rund um die Welt spielten die Theater Stücke über den Großen Vaterländischen Krieg vor ausverkauften Häusern. Als sich in den 1970er-Jahren die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Westen entspannten, würdigten zwei große Dokumentarfilmserien jenseits des Eisernen Vorhangs den furchtbaren Preis, den Russland für den Sieg über Hitler bezahlt hatte. Beide verbanden eine Gesamtdarstellung der Strategien und Taktiken im Krieg mit den persönlichen Erlebnissen verschiedener Zeitzeugen. The World at War, eine 26-teilige Chronik des Zweiten Weltkriegs mit Sir Laurence Olivier als Erzähler, damals die teuerste jemals produzierte Serie, widmete eine ganze Episode der Schlacht um Stalingrad. 1978 gab Hollywoodlegende Burt Lancaster den Erzähler in einer amerikanischen Replik auf das britische Beispiel. Diese 21-teilige Serie konzentrierte sich allein auf Russland im Zweiten Weltkrieg, und Lancaster schilderte darin vor der Kamera am Ufer der Wolga die Brutalität und kaum fassbare Größenordnung der Schlacht.41

Auch in den mehr als 30 Jahren seit Ende des Kalten Krieges wurde die Schlacht um Stalingrad in Filmen und Fernsehserien einem Millionenpublikum immer wieder ergreifend nahegebracht. 2011 produzierte die BBC eine Paradeverfilmung von Leben und Schicksal,42 und drei Kinofilme, darunter der Hollywood-Kassenschlager Duell – Enemy at the Gates, haben dem Publikum einen Eindruck von dem Ausmaß der Verwüstung in der Stadt vermittelt. Historiker haben die Schlacht analysiert und in ihrer Bedeutung gewürdigt, unter ihnen Antony Beevor mit seinem Weltbestseller Stalingrad, David M. Glantz in seiner Stalingrad Trilogy und als einer der besten Versuche, die letzten Stimmen der Beteiligten einzufangen: Die Stalingrad-Protokolle. Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht von Jochen Hellbeck.

Pawlows Haus hat in unzähligen sowjetischen Schilderungen einen völligen Wandel von der einzelnen Bastion, wie in der Zeitung der Roten Armee ursprünglich erzählt, zu einem festen Bestandteil moderner russischer Folklore durchlaufen. Es wurde zum Schlüsselereignis nicht nur der Schlacht, sondern überhaupt des gesamten Großen Vaterländischen Krieges stilisiert. Es diente als Symbol einer örtlichen Bewegung von Frauen und Jungpionieren für den Wiederaufbau von Stalingrad, der als solcher wiederum zu einem Epos von nationaler Bedeutung und zum Vorbild für ähnliche Gruppen in jeder großen und kleinen im Krieg beschädigten oder ganz zerstörten Stadt Russlands wurde.43 Feldwebel Pawlow wurde zur Ikone dieser Bewegung – so sehr, dass sein Gesicht auch heutigen russischen Generationen im 21. Jahrhundert noch ein Begriff ist.

Es gibt ein »Pawlow-Haus« als Spielebene in der millionenschweren Playstation-Produktion Call of Duty (mitsamt Feldwebel Pawlow höchstpersönlich), womit heutigen Jugendlichen (darunter meinem Sohn) eine fehlerhafte Geschichte der Schlacht beigebracht wird. Zum 75. Jahrestag des Sieges im Jahr 2018 zeigte sich Präsident Putin auf offiziellem Besuch in Wolgograd mit einer Gruppe eigens ausgewählter Studenten (»Siegesfreiwilligen«), um ein nationales, interaktives, volksbildendes Videospiel zu präsentieren. Finanziert von einem präsidialen Stipendium, führte es auf eine virtuelle Reise zu den wichtigsten Schauplätzen der Schlacht von Stalingrad und so auch zum Pawlow-Haus.44

In Der Leuchtturm von Stalingrad geht es um die Legende dieses Hauses, und zwar aus Sicht derjenigen Männer und Frauen, die das Haus in der damaligen Penzenskaya-Straße 61 besetzten. Nach Stalins Tod 1953 erfolgte eine Aufhebung staatlicher Zensur, eingeleitet von seinem Nachfolger Nikita Chruschtschow. Die Veteranen wurden vom Leiter des Panorama-Museums eingeladen, ihre persönlichen Erinnerungen beizutragen, wo auch immer sie in der Stadt gekämpft und gleich welchen Dienstgrad sie bekleidet hatten. Der allergrößte Teil dieser Zeugenberichte blieb über Jahrzehnte in den Archiven unerschlossen, obwohl sie auf lebendige Art die vielen berühmten Momente der Schlacht beschreiben und einzigartige Einblicke in die Erlebnisse dieser Männer und Frauen gewähren. Es gab durchaus ein gewisses Maß an fortdauernder sowjetischer Zensur, was den Sprachgebrauch anging und auch die Art von Erinnerungen, die sich die Menschen zu Papier zu bringen trauten. Dennoch sind diese Berichte eine faszinierende Lektüre.

Vor dem Hintergrund des Kriegsgeschehens von 1942 und 1943 und der vielen Stimmen, die in diese Schilderung einfließen, betrachte ich auch die Legende von Feldwebel Pawlow und anderen Schlüsselgestalten im Kampf um die Stalingrader Innenstadt etwas genauer. Die Wahrheit entfernt sich in einigen Fällen doch weit von dem, was die Herausgeber der Prawda und anderer sowjetischer Medien die russische Öffentlichkeit wissen lassen wollten. Um es klar zu sagen: Tatsächlich fand ein zäher Kampf um eine wichtige Stellung auf dem Schlachtfeld statt, und Pawlow war ein mutiger, hochdekorierter Soldat, der dreimal ernsthafte Verletzungen erlitt. Doch sein Heldentum nahm in allen Einzelheiten schon während und erst recht nach dem Großen Vaterländischen Krieg ein Eigenleben an.

Seit 1943 galt im Wesentlichen: Die Besetzungstruppe war eine kleine »Schar von Brüdern« und vollkommene Mischung von Angehörigen elf sowjetischer Völker aus allen Teilen des Landes. Sie kämpfte nahezu aussichtslos 58 Tage lang, tötete Hunderte feindlicher Soldaten und unterstand Pawlows Befehl. Dieses eine Gebäude war im Gesamtgeschehen der Schlacht so wichtig, dass Feldmarschall Paulus es auf den Plänen der 6. Armee eigens hervorheben ließ. So lautet die offizielle Version, die alle Russen kennen und die in unzähligen Geschichten der Schlacht wiederholt wurde, obwohl sie so nicht stimmt. Die wahre Geschichte erzählt viel mehr über die beteiligten Personen, die zeitliche Folge der Ereignisse und das Schicksal derjenigen, die überlebten. Und dann ist da noch die Frage nach der Rolle, die Pawlow im wirklichen Leben gespielt hat.

Pawlows Ruhm wurde durch Presseberichte begründet und 1945 vom Befehlshaber der ehemaligen 62. Armee, Marschall Tschuikow, sowie von Generaloberst Alexander Rodimzew als Kommandeur der 13. Gardeschützen-Division gesichert. Beide Offiziere übernahmen den Hergang der Ereignisse aus der Prawdaauch in ihre Lebenserinnerungen, die in den Sechzigerjahren erschienen. Da die sowjetische Führung froh über jeden lebenden Helden war, überhäufte sie Pawlow mit den höchsten militärischen Ehren und Auszeichnungen: Held der Sowjetunion, Leninorden, zwei Orden des Roten Sterns und noch zahlreiche andere Orden wurden ihm verliehen. Pawlow trat nach dem Krieg der Kommunistischen Partei bei, wurde in politische Ämter gewählt und war sowohl in der Partei als auch im ganzen Land hoch angesehen.45 Dies stand in schroffem Gegensatz zum Umgang mit den Männern seiner Kompanie (von denen viele während der Belagerung oder bei späteren Einsätzen in der Stadt fielen), deren Geschichten nie erzählt und deren Leistungen nie gewürdigt wurden. Aktuell fordert deshalb sogar eine Initiative von Lokalhistorikern in Wolgograd, das Pawlow-Haus nach dem eigentlichen Kommandeur der Sturmeinheit zu benennen, der sie zusammenhielt, später aber schwer verwundet und ausgemustert wurde. Auch seine Geschichte wird auf den folgenden Seiten erzählt.

Anlässlich des bevorstehenden 80. Jahrestags der Schlacht wird es zur mit Sicherheit letzten Versammlung von Veteranen kommen. Obwohl sie nur noch sehr wenige sind, werden sie aus allen Teilen Russlands anreisen und bei verschiedenen Feierlichkeiten die verdiente Würdigung erfahren. Für den Moment internationaler Medienaufmerksamkeit und militärischen Zeremoniells wird Wolgograd wie schon seit acht Jahren wieder seinen alten Namen »Heldenstadt Stalingrad«46 aus Kriegstagen annehmen, um auch damit des großen Sieges und unvorstellbar hohen Blutzolls zu gedenken. Wie Putin in seiner Rede auf dem letzten runden Jahrestag fünf Jahre davor auf dem Mamajew-Hügel erklärte: »Aus Stalingrad wurde ein uneinnehmbares Bollwerk wider den Vormarsch des Nazismus. Unsere Soldaten verwandelten jede Straße, jeden Graben, jedes Haus und jede Feuerstellung in eine Festung.«

Der Historiker in Putin ließ sich öffentlich mit Aufforderungen zu »vaterländischer Erziehung« der Jugend im Land vernehmen, und Texte in Schulbüchern über die russische Geschichte müssen einem Regierungserlass zufolge so umgeschrieben und vereinheitlicht werden, dass sie den »wahren« Hergang der Ereignisse enthalten, wobei davon abweichende Darstellungen als »antirussisch« gelten. Seit dem Welterfolg von Antony Beevors Buch Stalingrad in den 1990er-Jahren trachtet Putin systematisch danach, den Zugang zum Russischen Staatsarchiv in Podolsk47 zu begrenzen (nachdem sein Vorgänger Boris Jelzin ihn geöffnet hat), und stürzt sich in die Art von Agitprop48, die früher das Geschäft der zapoliti49 war. Unter solchen Einschränkungen ist es Aufgabe eines Historikers, sich beim Schreiben der russischen Geschichte jeglicher Art von Zensur zu widersetzen.

Dieses Buch entstand im Zuge von Forschungsreisen nach Wolgograd, Moskau und Berlin. Dabei habe ich Zeitzeugenberichte Dutzender Männer untersucht, die in Stalingrad gekämpft haben, und unter anderem den Sohn von Feldwebel Pawlow und den Enkel von Marschall Tschuikow befragt. Auf deutscher Seite habe ich mit den unveröffentlichten Erinnerungen des letzten deutschen Kommandeurs im Südkessel einen erstaunlichen Fund aufgetan. Generalmajor Friedrich Roske beherbergte und schützte nicht nur Feldmarschall Paulus während der letzten schicksalhaften Tage in seinem Unterstand, sondern wurde im Zuge dessen auch zu dessen persönlichem Freund. Dieser Mann hat in seiner Funktion als Befehlshaber der 71. Infanterie-Division die wichtigsten Ereignisse in den fünf Monate langen Kämpfen um die Stalingrader Innenstadt aus allernächster Nähe erlebt und, obwohl er seine Männer in unzähligen Kampfeinsätzen anführte, die Schlacht überlebt. Noch in den letzten Tagen der Schlacht wurde er von Paulus befördert. Seine handschriftlichen Erinnerungen sind bis jetzt im Verborgenen geblieben. Heute eröffnen sie uns neue Einsichten in den deutschen Angriff auf die Stadt vom September, in das brutale Kampfgeschehen der folgenden Monate und in die letzten Tage von Paulus’ als General der 6. Armee. Auf beiden Seiten erzählen diesen Quellen eine Geschichte von Todesverachtung und grimmigem Entschluss selbst unter nahezu aussichtslosen Umständen und trotz aller Verzweiflung über gefallene Kameraden.

Der Leuchtturm vom Stalingrad wird, so hoffe ich, verständlich machen, warum diese Stadt als Einfallstor nach Asien auf dem Weg der deutschen Offensive lag. Es wird der bekannten Geschichte der Schlacht um diese Stadt einige neue Stimmen hinzufügen und nicht zuletzt das Erbe des Hauses Penzenskaya-Straße 61 um einige Legenden entschlacken.

Teil 1

DER SCHWARZE SOMMER DER ROTEN ARMEE

Wir hatten keine Kräfte, um unsere Stellungen zu halten. Hätte man uns befohlen auszuharren, so wären wir geblieben, aber die Führung brachte uns lieber in Sicherheit. Wir empfanden Verzweiflung und Wut wegen unserer Hilflosigkeit, und wir fragten uns auch: Warum lassen sie uns nicht richtig gegen den Feind kämpfen? Warum ziehen wir uns immer weiter zurück?

Anatoli Grigorjewitsch Mereschko,

Leutnant der 62. Armee50

Kapitel 1

DIE WÜRFEL FALLEN – SCHLACHT UM MOSKAU

»Wenn Barbarossa steigt, wird die Welt den Atem anhalten und sich still verhalten.«

Adolf Hitler, Februar 1941

»Heute um 4.00 Uhr früh […] hat Deutschland ohne Kriegserklärung unser Land angegriffen […] Unsere Sache ist gerecht. Der Sieg wird unser sein.«51 Die monotone Stimme von Wjatscheslaw Molotow, Stalins Außenminister, dröhnte an diesem 22. Juni 1941 aus den Radios überall im Land. Der Überfall aus dem Westen, von Stalin dem sowjetischen Volk schon seit den Dreißigerjahren immer wieder mahnend angekündigt, hatte begonnen. Doch hatte Stalin selbst sich zuletzt von seinem eigenen Umwerben Hitlers in den zwei Jahren seit Kriegsbeginn, von der Aufteilung der polnischen Beute 1939, von seiner beflissenen Neutralität und Versorgung der deutschen Kriegswirtschaft mit unerlässlichen Rohstoffen gegenüber den Anzeichen eines drohenden Einmarsches blenden lassen. Millionen Soldaten der Achsenmächte überrannten die Grenze und stießen rasch und tief ins Land vor. Die grenznahen Einheiten der Roten Armee waren bald überwältigt, ihre Nachschubdepots aufgebracht und ihre Luftstreitkräfte vernichtet.52 Sowjetische Jagdflugzeuge und Bomber hatten in Reih und Glied an den Startbahnen auf ihren Einsatz gewartet – ein leichtes Ziel für die deutschen Piloten. Gefechtsstände und Leitstellen, Funk- und Fernmeldeposten sowie Straßenverbindungen in die Grenzregion wurden von der Luftwaffe gezielt zerstört, um größtmögliche Verwirrung zu stiften. Die Verwüstungen durch Luftschläge wie aus dem Nichts setzten sich fort im Vorstoß der Panzerverbände, mit denen die Wehrmacht auf das Herz des Landes zuhielt. Der »Kreuzzug gegen den Bolschewismus«, so die Losung von Propagandaminister Goebbels, war in vollem Gang.

Zuvor hatte der deutsche »Blitzkrieg« im Herbst 1939 Polen, im Sommer des Folgejahres Frankreich und die Niederlande und im Frühjahr 1941 auch die Balkanländer überzogen.53 Hitler nahm nun in Angriff, was von vornherein sein eigentliches Vorhaben gewesen war: die Vernichtung des bolschewistischen Russlands. Am 31. Juli 1940 entschied er während einer Lagebesprechung auf dem Berghof bei Berchtesgaden, das »Unternehmen Seelöwe«, also den Einmarsch in Großbritannien, weiter aufzuschieben, und erklärte zum Schluss, dass der Entscheidungskampf mit der Sowjetunion im nächsten Frühjahr stattfinden müsse. Sein Schlachtplan, der sich in Frankreich als äußerst erfolgreich erwiesen hatte, sollte sich folgenden Sommer in der Sowjetunion wiederholen; schnelles Handeln war demnach der entscheidende Faktor, wenn es darum ging, Stalins europäische Armeen niederzuringen.

Die militärische Planung überließ Hitler Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch, dem Oberbefehlshaber des Heeres, und seinem Generalstabschef Franz Halder im Oberkommando der Wehrmacht (OKW). Mehrere Operationsstudien wurden durchgeführt, diskutiert und überarbeitet, bis im September 1940 ein erster Plan stand, entworfen von der operativen Armeeführung unter Leitung von Generalmajor Friedrich Paulus, Oberquartiermeister I des Heeres und Halders Stellvertreter im Generalstab. In der Vorweihnachtszeit wurde dieses Szenario von Paulus’ Leuten wiederholt durchgespielt; Anfragen der vorgesehenen Befehlshaber beteiligter Heeresgruppen wurden bearbeitet, logistischer Rat wurde eingeholt, die Pläne wurden daraufhin erneut überarbeitet und zuletzt abgesegnet.

Am 18. Dezember 1940 legte General Alfred Jodl als Chef des Wehrmachtführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht Hitler den endgültigen Entwurf mit dem Decknamen »Unternehmen Barbarossa« vor.54 Im bisherigen Verlauf hatte Hitler fatalerweise Bedenken wegen unzureichender Infrastruktur und Versorgung mit Nahrung, Roh- und Betriebsstoffen übergangen. Daraus entstanden Planungsfehler, die die in Russland einmarschierende Wehrmacht während der kommenden zwölf Monate immer wieder einholten. Russlands schlechte Verkehrsinfrastruktur musste rasch repariert und verbessert, Rohstoffe und Erdölvorräte im Süden mussten gesichert werden. Obwohl es Fortschritte gab, was die heimische Eigenproduktion und -versorgung anging, war das Deutsche Reich schon 1941 auf rumänische und russische, durch Handelsabkommen gedeckte Lieferungen angewiesen. Auch deshalb war Rumänien Deutschlands wichtigster Verbündeter beim Einmarsch in die Sowjetunion.

Ebenso galt es, die Nahrungsmittelproduktion aufrechtzuerhalten, um das Schreckgespenst des Hungers zu bannen. Im November wurden Hitler eingehende Nachschubberechnungen vorgelegt, denen zufolge seinen Panzerverbänden schon 20 Tage nach Beginn des Einmarsches Benzin, Nahrungsvorräte und Munition auszugehen drohten. Insbesondere die mangelhaften Möglichkeiten der Treibstoffversorgung begrenzten demnach ihren Operationsbereich auf 800 Kilometer hinter der russischen Grenze.55 Kam der Vorstoß erst einmal zum Erliegen, so würde es mehrere Wochen dauern, die Einheiten wieder mit allem Nötigen auszustatten, bevor sie ihre Operationen entlang der gesamten Front weiterführen konnten. Zugleich mussten Pioniereinheiten Schienenfahrzeuge an die abweichenden Spurweiten russischer Gleise anpassen und Straßen so befestigen, dass sie für schwere Panzerfahrzeuge und anderen Truppenverkehr passierbar waren. Tatsächlich konnte die Wehrmacht nur infolge Plünderungen und der Einnahme von Vorräten des Feindes nach dem Beginn des Einmarsches tiefer in dessen Territorium vordringen, als es die eigene Bevorratung und der Nachschub eigentlich erlaubten.