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"Der Linksabbieger" ist die wahre Geschichte von Jonathan Walder, dem Security einer Baufirma, der nach einer langen ´arbeitsreichen` Nacht auf der Heimfahrt in seine Wohnung durch eine Umleitung gezwungen wird links abzubiegen. Darüber ärgert sich der Choleriker dermaßen, dass er die Übersicht verliert und eine ganze Woche ´Quer Beet` durch Deutschland fährt, immer im Glauben auf dem Heimweg zu sein, was er nach seiner glücklichen Rückkehr allerdings nicht mehr erinnert. Schauspieler, Drehbuchautor und TV-Produzent Til Erwig ist Jos Spuren durch die Regionen der Republik gefolgt und hat zum Vergnügen der Leserinnen und Leser die Gedächtnislücken des Linksabbiegers mit gut einem halben Dutzend skurriler Geschichten gefüllt, in die Jo Walder auf seiner Odyssee anscheinend verwickelt war. Keine Frage, der Linksabbieger wird grinsen und seine Fans viel Spaß daran haben Jos Erlebnisse in dieser ungewöhnlichen Form dokumentiert zu sehen.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Til Erwig
Der Linksabbieger
Quer Beet mit Til Erwig
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1.Der Linksabbieger
2. Das stille Leuchten
3. Die Schwierigkeit, ein perfekter Mörder zu sein
4. Familienanschluss
5. Der Lebenstraum
6. Wall Street – Ecke Leninplatz
7. Ab morgen wird´s anders
8. Der Linksabbieger
Impressum neobooks
Die im Bauhof abgestellten Lkw, Kräne, Bulldozer und Schaufelbagger wirken trotz der spärlichen Beleuchtung unheimlich gegen den hellen Nachthimmel, der einen baldigen Sonnenaufgang ankündigt. Unheimlich auch die Geräusche, die aus dem Pförtnerhaus heraus dringen. Ein Stöhnen, ein Keuchen, es könnte ein Zweikampf sein mit eventuell tödlichem Ausgang. Das Gegenteil ist der Fall. Jonathan „Jo“ Walder, seines Zeichens Nachtwächter (heute Security), treibt esmit einer außerordentlich hübschen Prostituierten, mit Lucie. Sein Vollbart, die ungepflegten, wildwachsenden Haare lassen Walder wie einen alten Mann aussehen. Ist er aber nicht, sowie er da liegt, unter Lucie, die sich an ihm abarbeitet. Manchmal verzieht er das Gesicht. Nicht aus Lust offensichtlich, er hat starke Kopfschmerzen. Sein Blick wandert über die Monitore der Überwachungsanlage. Der Druck im Kopf verändert seinen Blick: die statischen Bilder auf den Monitoren verfärben sich. Kräne und Bagger auf dem Gelände der Baufirma scheinen sich zu bewegen. Es sind plötzlich keine Maschinen mehr, in Jos Fantasie werden aus Schaufelbaggern mit grellgelb blinkenden Warnleuchten und unerträglich lauten Alarm Tönen riesige Ungeheuer mit gewaltigen monströsen (Bagger) Armen, die sich in den Sex einmischen, mitmischen wollen... Außenstehende, wenn sie es denn so sehen könnten, würden es vielleicht komisch oder zumindest gruselig finden. Dann aber, am Ende der Szene, auf ganz stille und liebevolle Weise der Orgasmus so stark, dass Lucie gar nicht weiß wie ihr geschieht. Nur eines wird dadurch klar, sie ist offensichtlich nicht das erste Mal mit Jo zusammen, man kennt sich schon länger. „Für die Nummer müsste i c h eigentlich d i c h bezahlen“, seufzt Lucie rund rum zufrieden und räkelt sich im allzu engen Pförtnerhäuschen und greift nach ihrer Unterwäsche, die überall verstreut herumliegt. Jo lässt sich auf dem schmalen Notbett zurückfallen. Er ist Schweiß überströmt. Die monströsen Ungeheuer auf den Monitoren sind verschwunden. Regungslos stehen die Bagger und Bulldozer. „Das sagst du jedes Mal.“ Jo streckt sich, ist noch gar nicht richtig aus den gelebten Fantasien zurück. “Du hast es immer noch drauf.“ „Früher“, krächzt Jo und verstummt dann einfach. Lucie lacht, reibt Daumen und Zeigefinger, die Geste für Geld zählen. „Früher ... war alles anders, besser und billiger.“ „Ich bin pleite - im Augenblick.“ Lucie lacht. “Hahaha. Nulltarif is‘ nicht.“ „Hättest du vorher sagen müssen.“ „Was hätte ich vorher sagen müssen?“ “Dass du´s nur für Geld machst“, grinst Jo. Lucie lacht. Jo lacht. Jo steht auf, zieht sich die Hose über. Der elektrische Heizofen glüht. “Alter Witz“, sagt Lucie. „Kein Witz“, sagt Jo. „Wenn ich sage ich hab´s im Augenblick nicht, dann hab ich´s nicht. Nächstes Mal.“ „Du tickst wohl nicht richtig. Nächstes Mal wird´s nicht geben. Du zahlst jetzt, wie immer, oder...“ „Oder was?“ „Ich schrei die Nachbarschaft zusammen.“ „Die Baumaschinen werden sich freuen.“ “Arschloch! Du bist sooo ein Arschloch.“ „Ich weiß“, sagt Jo und meint es so. Er durchwühlt seine Taschen. Eine Zigarettenschachtel, Feuerzeug, Autoschlüssel, Geldbeutel mit Kleingeld, ein Lottoschein kommen zum Vorschein. „Sechs Richtige.“ „Arschloch mit Zusatzzahl. Das war´s dann.“ Sie nimmt ihm den Schein aus der Hand, knüllt ihn zusammen und wirft ihn weg. Er fällt auf den Heizofen, beginnt zu qualmen. “Das war´s dann.“ Jo hebt den Schein wieder auf, pustet, steckt ihn in ihre Handtasche, umarmt sie, hält sie einen Augenblick fest, sieht ihr in die Augen. “Arschloch“, sagt Lucie. “Man sieht sich“, sagt Jo.Lucie dreht sich abrupt um, verlässt die Pförtner Loge. Jo bleibt zurück. Er hat kein schlechtes Gewissen, wäscht sich dennoch wie Pilatus gründlich die Hände. Die Uhr zeigt 5 Uhr 30. Feierabend.In der Stadt schläfrige Stille. Trotz der frühen Stunde ist es erdrückend schwül. Geisterhaft lautlos regeln die Ampeln einen nicht vorhandenen Verkehr. Jo sammelt seine Klamotten ein. Schaltet den glühenden Heizofen aus. Draußen im Hof versammeln sich Arbeiter. Die schweren Baumaschinen werden angelassen. Ein heller Streifen am Horizont. Es wird Tag. Jo faltet seine Zeitung ordentlich und penibel zusammen, verstaut sie zusammen mit einer leeren Thermosflasche in einem abgewetzten Schulranzen für Kinder. Nach der Kraftanstrengung mit Lucie hat er Hunger, aber die Plastiktüte einer Fast-Food-Kette ist leer. Jo ärgert sich. Um den Magen zu betäuben, trinkt er lauwarmes Wasser aus der Leitung, steckt den Kopf drunter. Es bringt keine Erleichterung. Am Stadtrand entladen Arbeiter Baufahrzeuge und errichten eine Absperrung. Gitter und Warnblinkleuchten werden aufgestellt. Jo klettert in seinen Uralt-Opel mit jugendlichem Tuning. Die Karre will nicht anspringen. Die morgendliche Schwüle nervt. Jo ist gereizt, müde, hungrig. Er flucht leise vor sich hin. Er massiert sich den Nacken. Mit schweren Presslufthämmern stemmen Arbeiter der Baukolonne an der Kreuzung den Asphalt auf. Die Verkehrsampel ist abgeschaltet. Jo Walder lenkt sein Auto auf die Hauptstraße und fährt stadtauswärts. Kein anderes Fahrzeug ist zu sehen. Noch liegt die Stadt in bleiernem Schlaf. Walders Opel nähert sich der Kreuzung. Ein Schaufelbagger lädt den aufgebrochenen Straßenbelag auf den Lkw. Presslufthämmer dröhnen. Einer der Bauarbeiter verweigert Jo die Durchfahrt. Er brüllt ihn an wegen des Baulärms. „Links ab und gleich wieder rechts...!“ Jo brüllt zurück, regt sich auf, schließlich wohnt er nur ein paar hundert Meter weiter, in Tiergarten-Mitte, in der Körnerstraße – und jetzt so ein Umweg! Bedrohlich fährt der Schaufelbagger auf den Opel zu. Die Arbeiter lachen. Jo gibt nach, reißt wütend das Steuer herum und biegt mit quietschenden Reifen links ab in die Querstraße. Sein Auto streift einen dort haltenden Sprinter, dessen Fahrer vor Schreck ein paar Kisten fallen lässt – wie Jo im Rückspiegel beobachtet. „Links ab und gleich wieder rechts“, äfft Jo den Bauarbeiter nach und fährt im gleichen Augenblick falsch in eine Einbahnstraße. Der Fahrer des Sprinters notiert sich fluchend die Nummer vom Opel. Jo fährt die Einbahnstraße in verkehrter Richtung. Eine Veränderung geht in ihm vor. Seine Nervosität ist verschwunden, er wirkt ruhig und gelassen. Fast heiter schaltet er das Radio ein – Helene Fischer singt ´Atemlos`, das freut ihn, gleich wird er zu Hause sein. Seine Kopfschmerzen sind weg. Leise pfeift er die bekannte Melodie mit. Ein Verkehrsschild weist den Weg nach Potsdam.
Immer die gleichen Bilder sind auf den Monitoren im Schneideraum des Fernsehstudios zu sehen: Vor einem alten Bauernhof mit üppiger Geranienbestückung auf drei Holzbalkonen steht ein kleines, überaus schmächtiges Mädchen mit dem Rücken zur Filmkamera. Der Wind spielt mit ihren langen glatten Haarsträhnen. Das Kind blickt einem davonfahrenden Pferdefuhrwerk nach. Langsam, sehnsüchtig, hebt die Kleine die mageren Arme. Ein tränenloser, rührender Abschied. Echt zum Heulen.
Leider ist zu den Bildern kein Ton zu hören, was die Betrachter der Szene am elektronischen Schneidetisch auch gleich monieren. Wichtige Leute sind es, die hier zu den sogenannten ´Mustern` zusammen gekommen sind. Als erstes wäre der Produzent der Schmonzette, Wolf-Günther Gerok zu nennen, er ist für das Geld zuständig und dass die Mitarbeiter sich wohlfühlen bei den Dreharbeiten und deshalb bereitwillig so viel wie möglich und so lange wie möglich Tag und Nacht für das Projekt arbeiten, ohne allerdings mehr Gage zu bekommen als im Vertrag zugesichert.
Eine weitere wichtige Person vor dem Monitor ist der Drehbuchautor. Hilmar Neumacher achtet penibel darauf, dass jedes von ihm geschriebene Wort im Film auch gesprochen wird. Egal ob es sinnvoll, gut oder schlecht ist und im schlimmsten Fall gar nicht das ausdrückt was gesagt werden soll. Rausschneiden kann man am Ende immer, Hauptsache die Sache ist erst mal gedreht, oder wie der Fachmann sagt: im Kasten.
Die dritte in der Runde heißt Susanne Hofmann, ist von Beruf Cutterin. In dieser Phase der trockenen Musterschau hält sie sich noch zurück, nach ihrer unausgesprochenen Meinung ist der Film aber auch im Schnitt nicht zu retten. Das darf sie natürlich nicht laut sagen, denn eine Cutterin die sich wichtigmacht und deshalb anschließend nicht weiterbeschäftigt wird hat in diesem Beruf nichts zu suchen.
Aber ganz offensichtlich ist sie kein Fan von diesem Format, das die meisten Fernsehzuschauer als ´Scripted Reality` kennen, teilweise lieben und auf jeden Fall in Masse konsumieren.
Der Produzent, an eventuell neu anfallende Kosten denkend, meldet sich als erster zu Wort.
„Kein Ton? Wieso?“
„Wegen der Autobahn hinter dem Haus“, flüstert der Drehbuchautor.
Er flüstert um damit deutlich zu machen, wie sehr ihm die gezeigte Szene unter die Haut geht. Verständlich, er hat schließlich das Drehbuch geschrieben.
Auf dem Monitor ist jetzt zu sehen, dass sich die Kamera im davonfahrenden Fuhrwerk befindet. Weit hinten das Kind mit ausgestreckten Ärmchen. Trotzdem ist deutlich zu erkennen, dass es sich um eine längst dem Kindesalter entwachsene Schauspielerin handelt. Wolf-Günther Gerok ist stinksauer.
„Die soll zwölf sein?“ herrscht er den Buchautor an.
„Von hinten schon“, gibt der Achsel zuckend zur Antwort.
„Seid ihr bekloppt? Wer hat die engagiert?“ regt sich Gerok weiter auf, während Hilmar Neumacher nach einer Entschuldigung sucht, die beim Produzenten allerdings keine Gnade findet.
„Ich hab dem Melzer gleich gesagt, Wolf-Günther …“
„Der Melzer w a r mal der Regisseur, ist abgelöst, kannst du vergessen. Und die Szene wird nochmal gedreht, verdammt. Das muss doch ein richtiges Kind sein. Keine Schauspielerin!“
„Mittwoch sind wir noch mal am Motiv. Bis dahin ein echt begabtes Kind kriegen? Schwierig. Die Rolle ist ´ne Schlüsselfigur!“
„Weiß ich, hab zufällig dein Script gelesen: ein Mädchen, rührend, armselig, unschuldig!“ Er wendet sich an die Cutterin.
„Haben Sie nicht so was kleines langhaariges, Frau Mahnke?“
„Ja, heißt allerdings Manfred!“
Gerok ist genervt. Von seinen Mitarbeitern und wegen der Aussicht auf eventuelle Mehrkosten. Sowas geht auf die eigene Tasche. Nachschlag vom Sender gibt´s nicht. Im eigenen Interesse muss ein Produzent sowas in den Griff kriegen, will er die Hoffnung auf spätere, größere Aufträge nicht begraben. Das muss detailliert besprochen werden. Am besten gleich und am allerbesten in der Kantine.
„Abmarsch ins Casino!“ pfeift Gerok seinem Autor ins Ohr und schon ist er draußen. Neumacher folgt ihm achselzuckend und holt den dicklichen und daher etwas unbeweglichen Produktionschef nach wenigen Schritten ein.
„Ich hab´ mir nämlich was beim Schreiben gedacht, Wolf-Günther.“ Neumacher passt sich dem Gewatschl Geroks an.
„Für so ein Script brauchst du ja nicht gerade außerirdische Qualitäten, mein Allesdichter!“ Gerok hat Hunger und legt an Tempo zu.
„Formate wie ´Bauer, Liebe und das Vieh` sind ja auch irgendwie außerirdisch, oder?“
„Verehrter, wir sind absolut zeitgemäß, das beweist allein schon die Quote“.
„Die Quote beweist alles, echt wahr.“ Neumacher stimmt dem Boss zu. So richtig überzeugt klingt es allerdings nicht.
Die Kantine ist deshalb wichtig für Film- und Fernsehmacher, weil man nirgendwo besser sieht oder gesehen wird, nirgendwo besser neue Kontakte knüpfen kann, nirgendwo besser intrigieren, charmieren, lästern oder lügen kann als an diesem für jedermann und jede Frau zugänglichen Ort.
Gelegentlich gibt es auch was zu essen, in jedem Fall aber reichlich zu trinken, wovon viele der Medienschaffenden oft und reichlich Gebrauch machen. Manche bis zum Abwinken. Vereinzelt sickert dann schon mal durch, dass in der Kantine künftig tagsüber kein Alkohol ausgeschenkt werden darf und die Besucher sich nach spätesten zwei Stunden Mittagspause wieder an ihrem Arbeitsplatz zurückmelden müssen damit freie Mitarbeiter, die dringend einen Gesprächspartner suchen, nicht stundenlang am Telefon sitzen ohne dass eine Verbindung zustande kommt.
Die Gespräche um die es geht sind inhaltlich meist belanglos, drehen sich aber immer um den Nabel der Welt: das Programm, das Format, das Fernsehen und die Medien insgesamt und überhaupt.
Die Diskussion verläuft fast immer in großer intellektueller Anspannung, selten konfrontativ, dafür aber lautstark, so auch dieses Mal, wo Autor Neumacher dem Produzenten ein für alle Mal klarmachen will, an was für einem qualitativ hochwertigen Format hier derzeit gearbeitet wird.
„Ich hab mir nämlich beim Schreiben was gedacht, Chef!“
„Davon geh ich aus!“
Gerok bleibt cool, alles andere könnte vielleicht Geld kosten.
„Dieses Kind hat doch keine Ahnung von den wirklichen Zusammenhängen“,
setzt Neumacher neu an und genau so was muss das Mädchen ausstrahlen. Eine echte Profischauspielerin bringt das nicht, das kann man nicht erspielen. Nur der Melzer glaubt an diese Märchen. Der hat aber keine Ahnung von den wirklichen Zusammenhängen …“
„Sollte er aber, als Regisseur, weshalb glaubst du, ist er gefeuert!“, wirft der Produzent ein; aber der von sich äußerst überzeugte und daher verzweifelt um Qualität kämpfende Autor ist nicht zu bremsen.
„Hier geht’s um die Reinheit. Die klare saubere Reinheit eines relativ jungen unverdorbenen Kindes. Reinheit gibt’s nämlich auch noch in diesem unserem Lande. Nicht überall, stimmt, aber es gibt noch schöne saubere nicht versaute Ecken und Enden. Natürlich weiß ich, dass bei Scripted erst mal der Müll, also vor allem der seelische, erst mal gezeigt werden muss, bevor er anschließend entsorgt wird. Aber genau das ist das Besondere an dieser Folge: Der ständige, unausgesprochene Vorwurf an das Gewissen der Mutter, die ja die wirklichen Zusammenhänge nicht kennt …“
„Genau wie der Melzer“, schiebt der Produzent seufzend dazwischen und Neumacher fährt ohne Luft zu holen fort,
„Weshalb gerade in der Szene mit dem Fuhrwerk, in der die Frau Kind, Mann und Hof verlässt, die wirklichen Zusammenhänge zum ersten Mal deutlich werden …“
„So ist es!“
„ …weil dieses kleine reine Wesen der entschwindenden, also der davon fahrenden Mutter tränenlos nach sieht, die mageren Ärmchen sehnsüchtig ausgestreckt …“
Neumacher ist jetzt stehen geblieben und greift zum letzten Mittel, um den auf seinem Geldsack sitzende Produzenten von der Dringlichkeit des aufwändigen Nachdrehens, koste es was es wolle, zu überzeugen. Unsäglich leidend streckt er seine dicken Arme nach dem weitergehenden Gerok aus.
„Die schmächtige Gestalt wie von Licht umflossen muss absolut echt sein, dieses Rührende, Armselige, Unschuldige.“
Jetzt hat der Produzent genug gehört, er dreht sich zu Neumacher um, sein Gesicht drückt aus was er denkt.
„Das Casino macht gleich zu, Neumacher! Rührend, armselig, unschuldig!
Wo sollen wir das hernehmen heutzutage?“
Aber Neumacher ist zu überzeugt von seiner Mission, davon will er sich nicht abbringen lassen, obwohl er in der Kantine Gast des Produzenten sein wird, also eingeladen ist. Das gehört sich so.
Die bescheiden gehaltene Räumlichkeit, das sieht man schon von außen durch die trüben Fenster, ist gut belegt mit hart arbeitenden Mitarbeitern, die sich auch am Vormittag keine Ruhe gönnen. Kaum einer von ihnen, der nicht gerade sein Handy benutzt oder sonst irgendwas twittert. Da macht auch so mancher ´Entscheider` keine Ausnahme, obwohl er eigentlich was anderes zu tun haben sollte, zum Beispiel über den großen Medien Wurf nachdenken, über das gänzlich neue, noch nie dagewesene Format, die innovative Sensation im spießigen Fernsehbetrieb, die den Sender hinauf katapultiert in eine Spitzenposition, auf Augenhöhe mit den großen, gebührenfinanzierten und täglich durch hohe Quoten ihre Existenzberechtigung nachweisenden Öffentlich/Rechtlichen. Solche Überlegungen gehen an den echten Kreativen natürlich vorbei. Und Neumacher ist so einer, wie er jetzt da steht, mit diesem echt glücklichen Ausdruck in seinem Dichter Gesicht.
„Ein Leuchten muss um diese Gestalt sein. Ja, das ist es: E i n s t i l l e s L e u c h t e n!“
Er bleibt mit einem völlig entrückten, verklärten Gesichtsausdruck stehen und breitet demonstrativ beschwörend die Arme aus. Ein Donnergrollen, nein, eher ein Gläserklirren ist die Folge. Neumacher scheint magische Kräfte zu haben, die möglicherweise Umweltkatastrophen auslösen.
Aber nur möglicherweise, denn um die Ecke, beim Eingang zur Kantinenküche, ist einer von den großen grauen Mülleimern umgefallen. Ein Kind, ein kleines Mädchen, hat das Geschepper und Geklirre offenbar ausgelöst, weil sie auf die Tonne gestiegen war um nach leeren Flaschen zu suchen. Jetzt sitzt die Kleine inmitten des Scherbenhaufens, aber anscheinend unverletzt.
Um die Ecke kommt neugierig Neumacher, will helfen, retten, bleibt stehen wie vom Donner gerührt und starrt das Mädchen an.
„Das ist sie!“
Ein einziger theatralischer Aufschrei. Gerok, schon halb drin in der Kantine, dreht sich Neumacher suchend noch einmal mal um und weil der verschwunden ist brüllt er einigermaßen verärgert.
„Wer?“
„Nicht zu jung! Nicht zu alt!“ ertönt es um die Ecke nahe beim Kücheneingang. „Nicht zu groß! Nicht zu klein! Und ein richtiges Kind! Keine Frage. Absolut Zeitgemäß! Sie i s t es!“ Wie von einem Magneten angezogen geht Neumacher auf das Mädchen zu.
Der Kleinen wird richtig unheimlich, das sieht man an ihren entsetzten Jungmädchen Augen. Immer wieder gibt es diese grausigen Geschichten, wo pädophile Männer sich an Kindern vergreifen und sie nach der abscheulichen Tat meist umbringen.
Was tut so ein Kind in höchster Gefahr: es klettert so rasch es kann aus dem Müllhaufen, lässt dabei ihre Plastiktüte fallen und versucht wegzulaufen. Neumacher spurtet hinterher.
„Bleib stehen! Ich will dich nur was fragen!“ schreit er atemlos, aber das Kind will nicht hören. Rennt zick-zack zwischen geparkten Autos hin und her und um sie herum. Neumacher folgt keuchend. Um einen besseren Überblick zu haben, klettert er auf ein Praktikabel. Das Mädchen geht, für Neumacher unsichtbar, hinter einem von zwei Arbeitern getragenen Versatzstück und steht plötzlich vor Gerok, dem allmächtigen TV-Produzenten.
„Du brauchst vor dem keine Angst zu haben“, sagt Gerok , „der hat selber Schiss in der Hose!“
Das Mädchen atmet schwer, antwortet nicht.
„Vor mir nämlich!“ lacht Gerok, ich bin sein Brötchengeber. „Darf ich dich was fragen?“
Das Mädchen starrt ihn an.
„Wie heißt du?“
Jetzt hat Neumacher die Kurve gekriegt und gesellt sich zu den beiden. Und beginnt sogleich sein Problem mitzuteilen.
„Hey, Entschuldigung, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich heiße Neumacher und bin gerade dabei ...“
„Er ist Drehbuchautor und sucht für seinen Film, den ich bezahle, eine Hauptdarstellerin die genauso aussieht wie du! Jetzt ist es raus, Neumacher, sie braucht nur noch ja zu sagen und dann gleich ab zu einem Casting, okay?!“
„Zu einem Casting, richtig!“ sagt Neumacher.
Das Mädchen runzelt fragend die Stirn, antwortet aber nicht.
„Casting, so wie bei Heidi Klum, kennst du sicher, ja?“
„Kennt sie nicht, schöne Scheiße!“
„Stimmt!“ sagt Neumacher. „Ich meine nur ein Casting als solches, verstehst du?“
„Er meint ´ne Art Probeaufnahme, damit wir sehen wie du optisch rüberkommst. So sagen wir beim Fernsehen.“
„Aber doch nicht wie Heidi! Die ist hundert oder älter, hähähähä!“
„War nur so ein Vergleich, verstehst du?“
„Und - was läuft ...?“, fragt Neumacher und ist ganz hin und weg von der natürlichen Ausstrahlung des schweigenden Mädchens.
Eine Erinnerung kommt hoch, erdrückt ihn fast, obwohl die Geschichte schon länger der Vergangenheit angehört. Seine große Liebe ´Honey`, wie sie im Sender genannte wurde, die auf dem Schirm stets gewissenhaft fröhliche Blondine mit dem endlos langen Haar, auf Live-Ansage-Sendung schicklich frisiert, die Sauerkrautlocken schmeichelhaft um das mit dicker Schminke zugekleisterte Mädchen Gesicht drapiert. Das erste, was sie machen muss, dachte er damals, ist diesen Zopf abschneiden noch am selben Tag ihrer Bekanntschaft.
Und Teufel noch mal, sie tat es tatsächlich, ihm zu liebe und damit zugleich den wütenden Protest von tausenden Zuschauern in Kauf nehmend. War das ein Gefühl...
„Hey, großer Dichter!“ Der Produzent, unsensibel wie immer, unterbricht seine Erinnerungen. „Vielleicht erzählst du ihr mal, was in Deinem Film abgeht, Neumacher!“
„Yes, Sir! Was in meinem Drehbuch abgeht.“
„Für´ s richtige Fernsehen. Nicht Internet oder so ein Kram.“
„Nee, ist richtig Fernsehen!“
„Kein Porno, wie du vielleicht denkst!“
„Porno geht gar nicht!“
„Superseriös. Die Geschichte spielt auf dem Land!“ Gerok im Brustton der Überzeugung.
„Da gibt´s keine Sünd`!“ lacht Neumacher und findet sich witzig.
„Ähh, wie war gleich dein Name? Ich heiße Neumacher, Hilmar. Und er hier ist der Produzent.“
„Wolf-Günter. Von mir kommt das Geld, hahahaha!“
„Okay, und jetzt kommt die Geschichte, um die es geht.“
Gerok hat jetzt genug Charme versprüht. Er ist der Produzent. Er hat Hunger.
„Ich geh‘ schon mal rein, Leute. Die Story kenn´ ich. Gib ihr unsere Telefonnummer, ich bestell´ dir Tages ...“
„Tagesmenü, meint er“, sagt Neumacher zum Mädchen. „Okay, Boss, gebongt.“
Und weil er das Vertrauen des Mädchens gewinnen muss, fängt Neumacher an die leeren Flaschen einzusammeln, die den Sturz aus der Mülltonne überlebt haben. Die Kleine sieht ihm zu, stumm, verängstigt, eindeutig mit der Situation überfordert.
„Die Rolle, die du spielen sollst in meinem Film, heißt Klara und wohnt mit ihren Eltern auf einem kleinen Bauernhof. Drum herum sind grüne Wiesen und Wälder und ein Bach plätschert am Haus vorbei. Und natürlich gibt es auf dem Hof jede Menge Haustiere, also Hühner, Kühe, ein Pferd, süße kleine Kaninchen, ein Schwein ... „
Das Mädchen schluckt, hustet ein bisschen, aber Neumacher lässt sich bei der Beschreibung seines Werkes nicht unterbrechen.
„Dieses besondere Schwein ist ganz allein meine Erfindung. Ich bin nämlich der Autor von dem Film. Also, schön weiter zuhören, meine Dame.“
Das tut das Mädchen, nimmt den Erzähler aber nicht so richtig ernst, weil sich ein vorsichtig leichtes Grinsen auf ihrem Gesicht einstellt. Neumacher übersieht das, oder er tut so. Denn bei der Weiterentwicklung von kreativen Ideen lassen sich deutsche Fernsehautoren von nichts und niemand gern aufhalten.
„Klara kennt jedes Tier genau, sozusagen persönlich“, fährt der TV-Dichter fort. „Zum Beispiel heißen die beiden kleinen Perlhühner Pitti und Putti …“
Jetzt muss das Mädchen aber doch lachen. Neumacher ignoriert es und quatscht sozusagen darüber hinweg.
„Pitti und Putti heißen so, weil sie in zwei verschiedenen Tonlagen gackern: Pittpittpittpittpittpitt und das andere Puttputtputtputtputt. Und wenn diese beiden so fröhlich herumgackern kommt gewöhnlich Philomena, das schon vorhin erwähnte Schwein dazu, das sehr klug ist und schon mal Trüffel gefunden hat…“
„Grunz, grunz!“ macht das Mädchen und Neumacher bestätigt das ganz ernsthaft.
„Richtig, Philomena grunzt und sabbert herum, ob es hier was zu fressen gibt? Aber sofort erscheint Räuber, der große zottige Hirtenhund, und bedeutet Philomena bellend sich wieder in ihren eigenen Wohnbereich zu begeben. Räuber steht dann auf den Hinterbeinen, das hat er gelernt um seine Schafherde besser überblicken zu können. Dabei wedelt er energisch mit seinem großen buschigen Schwanz.“
„Iiiiihh!“ macht das Mädchen und versucht Neumacher auszuweichen, der mit seinen Händen den wedelnden Schwanz eines Hundes nachzuahmen versucht.
Neumacher tut als kriege er die Abwehrhaltung nicht mit. Er fantasiert ungebremst weiter.
„Klara liebt alle ihre Tiere und deshalb hat sie auch keine Ahnung von den wirklichen Zusammenhängen, als ihre Mutter eines Tages mit dem Fuhrwerk den Hof verlässt …“
„Hab dir´ n Sandwich mitgebracht, großer Dichter!“ ruft Gerok. „Die machen die Kantine dicht jetzt.“
Das Mädchen blickt aufmerksam von Neumacher zu Gerock.
„Hast du Hunger? Da, nimm!“ Neumacher gibt ihr das Sandwich.
„Warum sagt sie nichts?“ Gerok ist irritiert.
„Vielleicht kann sie nur lachen, hm? Hab´ ihr gerade den Film erzählt. Gefällt´s dir?“
Das Mädchen nickt sehr ernst, sehr bedächtig.
„Willst du da mitspielen?“ Der Produzent übt sich tapfer in Geduld und Freundlichkeit.
„Die Klara, das Mädchen mit den Tieren, willst du das spielen?“
Die Kleine denkt angestrengt nach, so sieht es jedenfalls aus, nickt dann langsam. Neumacher ist begeistert.
„Der Gesichtsausdruck! Die Ausstrahlung! Sie isses. Wie gespuckt!“
„Lass uns rüber gehen in den Schneidraum. Frauen können da besser ...“
Neumacher gibt dem Mädchen die vollen Plastiktüten.
„Was is´n da drin?“ Gerok ist nicht neugierig, will nur alles wissen.
„Leere Flaschen! Pfandgeld“, sagt Neumacher und streicht der Kleinen über das Haar. „Habt ihr Telefon? Handy?“
Die Kleine schüttelt den Kopf.
„Das hier ist meine Nummer, da bin ich immer zu erreichen, okay?!“
„Und jetzt gehen wir mal ein Stückchen vom Film angucken. Was schon gedreht ist. Kommst du?“
Das Mädchen sieht die beiden an, nickt, offenbar hat sie Vertrauen gefasst.
„Weißt du was“, sagt Neumacher, „ ich sag einfach Klara zu dir, wie das Mädchen im Film. Irgendwann, wenn du Lust hast, sagst du mir sicher deinen richtigen Namen, okay?!“
Er streckt seine große Hand aus. Das Mädchen ergreift sie zögernd.
„A-a-amelie“. Die Aussprache klingt nicht sehr flüssig.
*
Die kleine Wohnung der Familie Kabunke liegt im Souterrain, also unten, aber es ist purer Zufall, dass die Kabunkes Kabunke heißen und ihre Wohnung einem alten Schutzbunker aus dem 2. Weltkrieg nicht unähnlich ist. ´Kabunkes Bunker` ist deshalb ein bei Freundinnen und Klassenkameraden beliebtes weil so richtig kränkendes Schimpfwort, häufig gebraucht um Amelie und ihrer älteren Schwester Lilo klar zu machen, welcher Bevölkerungsgruppe die Kabunkes zuzuordnen sind. Gebildete Zeitgenossen nennen es das Prekariat.
Die Küche in der Kabunke Wohnung scheint für familieninterne Diskussionen am besten geeignet. Das muss an der Akustik liegen. Da das Mietshaus schon älter um nicht zu sagen sehr alt ist, ist die Küche auch alt und wie es früher üblich war bis kurz unter die Decke gefliest. Aber vermutlich nicht wegen Kabunkes bescheidenen Kochkünsten, sondern weil es zur Gründerzeit der meistfrequentierte Arbeitsraum war für fleißige Hausmädchen, die hier feine Damenunterwäsche und Herrenhemden mit steifen Kragen der oben wohnenden Herrschaften wuschen und bügelten. Der Platz wo einmal der mit Holz beheizte mächtige Waschzuber stand ist an den Abdrücken auf dem grau gefliesten Boden noch heute gut auszumachen. Ein hervorragender Raumklang aber ist erhalten geblieben; hier lässt es sich gut und intensiv streiten, reden oder auch lachen über alles was gerade so anliegt im Leben der drei Kabunke Mädchen, wie sich freundliche Nachbarn über Mutter und Töchter gelegentlich äußern.
