DIE ROLLEN MEINES LEBENS - Til Erwig - E-Book

DIE ROLLEN MEINES LEBENS E-Book

Til Erwig

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Beschreibung

Was bleibt am Ende des Weges? Schauspieler, Drehbuchautor, TV-Produzent, Ehemann und Familienvater Til Erwig stellt sich in seinem Buch DIE ROLLEN MEINES LEBENS die Frage: "War ich wirklich immer ich? Oder spielte ich das nur?" Um Antwort wird gebeten.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Til Erwig

DIE ROLLEN MEINES LEBENS

Autobiografische Ermittlungen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

DIE ROLLEN MEINES LEBENS

Widmung

PROLOG

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10 Til Erwig

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16 Mama

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60 Brüderle „Tom“

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136 Antje

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151 Christopher Tilman

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192 Anna Lola

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206 EPILOG

207 Quellenverzeichnis Fotomaterial

Impressum neobooks

DIE ROLLEN MEINES LEBENS

Til Erwig

Die Rollen meines Lebens

Zwischen den Einsamkeiten

Autobiografische Ermittlungen des Schauspielers,

Familienvaters, Drehbuchautors und TV-Produzenten

Widmung

Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.

Karl Kraus

PROLOG

Es geht mir nicht gut. Ich „habe Rücken“. Das kommt vom vielen Sitzen am Schreibtisch. Vielleicht ist es auch psychisch, eine Art Depression, weil nichts passiert, nichts vorrangeht!

Der Freundeskreis ist seit meinem Fortgang aus der Fernsehbranche arg zusammengeschrumpft, die Spreu hat sich vom Weizen getrennt. „Wieder einer weniger, den man abzocken kann!“, meinte vor kurzem ein langjähriger Wegbegleiter.

Täglich mache ich kleine Laufübungen, meinem Alter entsprechend, in Jogginghose und einfarbigem Sweatshirt. Ich messe mich nicht an den zahlreichen „Silver-Agern“ – das, so habe ich gelesen, sind sportliche Menschen in fortgeschrittenem Alter, also im Prinzip Rentner, die sich, modisch gekleidet, mit dem Rennrad oder auf dem Longboard oder auf schallgedämpften Rollschuhen in unserem Berliner Gleisdreieck-Park vorwärts und rückwärts bewegen, die Liegestützen und Kopfstände machen, und die manchmal schweratmend liegen bleiben, bis der Notarzt kommt.

Wir machen den Quatsch nicht mit. Wir, das sind mein türkischer Altersgenosse Babajan und ich. Babajan habe ich kennengelernt, als ich ihn hin und wieder im Park gesehen und dann auch mal angesprochen habe.

„Eile mit Weile“, sagt Babajan, was mich, um ehrlich zu sein, erstaunt. Aber auf Nachfragen hin erklärt er mir, dass er zwar nicht in Deutschland geboren ist, aber schon seit sechzig Jahren in Berlin lebt und deutsche Sprichwörter liebt.

Wir tauschen uns über unsere Probleme aus. Sie sind international: Er hat auch Rücken.

„Kommt vom Übergewicht“, sagt Baba. Hier ein Zwicken, dort ein Ziehen, ein bisschen Wadenkrampf und manchmal Probleme beim Luftholen. Wir beide rauchen nicht, trinken nicht.

Und die Sache mit den Frauen?

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Hin und wieder. Man muss sich schonen. Frauen können rücksichtlos sein. Auch darin sind wir uns einig.

„Wir sind beide im letzten Quartal“, sagt Baba.

„Dein Leben ist aufgeteilt in Quartale?“

„Dein Leben auch, mein Freund!“

Mist, so ein Mist, geht es mir durch den Kopf, während ich davonhumple wie ein alter Gaul auf dem Weg zum Schlachthof. Irgendwie tut der Rücken jetzt mehr weh als vor der angeblich entspannenden Ertüchtigung.

„Fünfundsiebzig Jahre – und nichts für die Unsterblichkeit getan!“

Die Erkenntnis, von Shakespeare geklaut, zwingt mich, darüber nachzudenken, ob es nicht doch an der Zeit ist, mit der Sache zu beginnen, der sich viele vergessene Altprominente am Ende des Weges widmen.

„Du musst was tun, Papa!“, rennt mein Sohn Christopher die halboffene Tür ein.

„Ich geh jeden Tag in den Park. Frische Luft. Bewegung.“

„Reicht nicht!“

„Kann sein. Was soll ich deiner Meinung nach noch tun?“

„Was für den Kopf.“

„Ich hab keinen Alzheimer!“

„Du könntest trotzdem was schreiben.“

„Was denn?“

„Etwas aus deinem Leben.“

„Wen interessiert das?“

„Ist doch egal, Papa.“

„Etwas schreiben, das niemanden interessiert?“

„Wird schon noch ein paar Leute geben, die das interessiert.“

„Die sind alle schon tot.“

„Jetzt hör aber auf!“

„Ich bin im letzten Quartal.“

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„Quatsch. Du bist topfit.“

„Nur auf der Arztrechnung.“

„Im Kopf, Papa. Schreib was.“

„Mir fällt nix ein.“

„Schreib über deine Kinderzeit. Deine Mutter! Deinen Papa! Wie war das im Krieg, nach dem Krieg? Die Währungsreform. Die erste Liebe! Da war doch eine Frau, die euch immer Geschichten erzählt hat.“

„Lena Knickhauer. Hat unsere Hosen gekürzt. Tak tak tak schschscht ...“

„Na bitte.“

„Und dabei selbsterfundene Märchen erzählt.“

„Schreib das auf.“

Einfach so drauf losschreiben, das funktioniert nicht. Das weiß ich von meinen Drehbüchern. Erst mal nachdenken, dann ein kleines Konzept, dann ein Exposé, ein Treatment, erst zum Ende hin ein Drehbuch. Aber ein Roman?

„Ich bin kein Schriftsteller, Christopher!“, rufe ich ihm nach, während er auf sein Rad steigt. „Ich bin ein Erfinder, hast du selbst gesagt!“ „Und Erzähler!“, erwidert er und tritt in die Pedale. „Du bist ein prima Erzähler!“

Die ist frei erfunden, die Szene!

Teile davon sind passiert.

Ermittlungen in eigener Sache sollten immer ehrlich und aufrichtig sein!

Manchmal sind die Geschichten wahrer als die Wahrheit.

Du nimmst die Sache nicht sehr ernst.

Nein.

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Ja, dann. Unernst weiter.

Wie war das gleich mit der Frau Knickhauer? Und mit meinem Leben? Sind ja bloß ein paar Jahrzehnte. „Sollte kein Ding für dich sein“, würde meine Frau sagen.

Außerdem bin ich im letzten Quartal.

*

Das Zischen war laut und angsteinflößend. Es dauerte lange, bis ich begriff, wie genau es entstand und auf welche Weise es möglich war, dass dieses unangenehmen Geräusch so eng verbunden war mit den schönsten Worten meiner Kindheit.

Es war einmal …

So begannen alle Geschichten, die Brüderle Tom und ich täglich nach der Schule mit großer Spannung anhören durften, wenn die alte Frau Knickhauer, schweratmend durch ein mit ihrer Luftröhre verbundenes Ventil, das von einem Lätzchen verdeckt wurde, an der Nähmaschine saß, um unsere Knabenhosen und Jacken zu flicken oder Ärmel zu verlängern. Wenn gar nichts mehr half, schnitt sie beide Hosenbeine ab und arbeitete sie zu einer kurzen Hose um. Diese statt einer modernen amerikanischen Jeans zu tragen, mit langen Weiberwollstrümpfen darunter, war eine peinliche Sache, die mir und anderen Mitschülern mit ebenfalls wenig begüterten Eltern den Schulbesuch im Winter zur Qual machte.

Lena Knickhauers Erzählungen, die sie, begleitet von dem Zischen und Pfeifen ihrer Luftröhre, erzählte, waren etwas ganz besonderes.

Denn es waren nicht die üblichen Geschichten wie „Hänsel und Gretel“, die „Goldmarie“ oder „Märchen aus Tausend und einer Nacht“. Und leider waren

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Bruder Tom und ich nicht die Gebrüder Grimm, die „Aschenputtel“ einfach nacherzählten, obwohl die mündliche Quelle eine alte Frau aus Marburg namens Elisabeth Schellenberg war, wie die Wissenschaft inzwischen herausgefunden hat.

Lena Knickhauer erfand ihre Märchen eigens und ausschließlich für die Klöble-Erwig Buben, und sie wurden nirgendwo aufgeschrieben.

Schade, ewig Schade. Sonst wüsste die Welt heute mehr über die alte Frau aus Karlsruhe-Weiherfeld.

War sie wirklich nur die gütige, fleißige Näherin, wie Mama immer behauptete? Oder steckte mehr in dieser alten Frau? Wusste sie vielleicht von Dingen, die erst in ferner Zukunft geschehen sollten?

Wie unsere Leben verlaufen würden?

Es war einmal …

So fühlt es sich an, wenn ich an damals denke.

*

Am 29. August 1940, mit dem Glockenschlag um zwölf, kam ich in Karlsruhe am Rhein auf die Welt.

Das gibt es doch schon.

Tatsächlich?

„Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlag zwölf kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt.“

Wer hat das geschrieben?

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Goethe.

Ich möchte aber nicht dichten. Einfach nur aus meinem Leben erzählen. Sozusagen aus dem Bauch heraus.

Wen interessiert dein Geschwätz von gestern.

Hat so ähnlich schon Konrad Adenauer gesagt.

Es handelt sich hier um Ermittlungen.

Ein Krimi?

Wenn ich alles erzählen würde schon.

Memoiren fordern Wahrheiten. Auch unangenehme. Ehrlichkeit.

Als Prominenter hätte ich da einiges zu berichten.

Du bist kein Prominenter.

Als Mensch mit einem gewissen Bekanntheitsgrad ...

Das ist lange her. Legst du jetzt endlich los?

Habe ich doch längst. Mit dem Prolog.

Nicht sehr originell.

Prolog heißt Vorgeschichte. Vorrede.

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Hast du das nachgeschlagen?

Na gut. Dann fang ich mal an. Mit mir.

*

10 Til Erwig

Wie ist das eigentlich mit den Genen, denen die Wissenschaft immer mehr auf die Spur kommt? Der Heredität heißt es, glaube ich. Gemeint ist die direkte Übertragung von Eigenschaften auf Nachkommen. Wenn die genetisch festgelegt sind, wird das am Nachwuchs sichtbar. Also weit vom Kopf abstehende Ohren, sogenannte Segelohren; oder gewisse Damenaugen, allgemein als Silberblick bezeichnet: verführerisch! Oder den berühmten und gerne geküssten Schmollmund ...

Jaja. Wir haben es verstanden. Worauf willst du hinaus? Auf das andere Erbe, das im Kopf?

Gibt´s sowas überhaupt? Abgesehen von ein paar spektakulären Einzelfällen?

Vererbtes Talent an eine Tochter, einen Sohn? Das trifft doch nicht zu.

Bei mir schon, glaube ich.

Dann verrate mir mal, weshalb gerade du von Mutter – der Schauspielerin, der Journalistin, Schriftstellerin, Autorin von diversen Theaterstücken, Verfasserin von Rundfunkmanuskripten – ein dichterisches Gen geerbt haben sollst, das seit einigen Jahrzehnten in dir unentdeckt vor sich hin schnarcht, schlummert. Wenn, dann hat ihre Begabung eine Generation übersprungen und sich im Kopf ihres Enkels ein Plätzchen gesucht, nämlich bei Christopher. Der veröffentlicht immerhin bald sein viertes Buch.

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„Du bist natürlich kein Schriftsteller“, hat er mal zu mir gesagt. „Du bist ein Erfinder!“

Hat dich das getroffen?

Immerhin hatte ich bis zu dem Zeitpunkt schon ein paar Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben, die verfilmt wurden. Ne ganze Menge Drehbücher.

Die bis heute nicht verfilmt wurden.

Außerdem jede Menge Ideen für Drehbücher.

Die irgendwo darauf warten, zu einem Drehbuch verunstaltet zu werden.

Na gut, ich geb´ Christopher Recht. Ich bin ein Erfinder.

Dann demonstrier mal eine deiner Erfindungen.

Eigentlich wollte ich mit meiner Kindheit beginnen.

Erinnerungen?

Eher Erzählungen.

Lass mich raten: von Mutter!

Die Fantasie, das Erfinderische, ist mir in ihrem Bauch in die Wiege gelegt worden, ja.

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Sie hat das so gewollt und alles dafür getan, um mir, dem „Waps“ (mein erster Kosename), durch das Vorlesen von Gedichten und Gesprächen viel Künstlerisches mitzugeben. Dazu haben Spaziergänge im romantischen Albtal gehört, dem kleinen Marktflecken Frauenalb, einem Klosterort für fromme Nonnen. Später wurden bei Ausgrabungen in den Kellergängen des Klosters zahlreiche Skelette von Neugeborenen gefunden. Angeblich existierte ein unterirdischer Gang hin zum Kloster in Herrenalb, wo Mönche in strenger Abgeschiedenheit ihre frommen Dienste verrichtet haben. Davon wusste die Mama. Hat mir aber nichts davon erzählt, um mich nur mit schönen, geistigen Dingen zu füttern und alles Schlechte von mir fernzuhalten.

Das ist ihr aber nicht gelungen.

Naja, ich war schon ein Kind der Sünde. Unehelich geboren. Aber als Wunschkind geplant.

Hat Mutter jedenfalls behauptet.

Warum ihr das nicht glauben? Offen für Kultur und sämtliche Künste auf dieser Erde sollte ich sein; ein geborener Sänger, Musiker oder auch Schauspieler!

Klingt ziemlich hochtrabend.

Mein erster Auftritt vor einer Filmkamera: schon im Geburtsjahr 1940. Zur Taufe.

Bitte jetzt kein Foto.

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Der „Tili“ auf dem Wickeltisch

In dem Film sind die Zeugen meiner jungen Existenz festgehalten: die glückliche Mutter, der überglückliche Vater, der genervte Patenonkel Kurt und Mamas ältere Schwester Gretl, meine Tante also, die sich schon damals eine

8-mm-Schmalfilmkamera hat leisten können. Stummfilmaufnahmen. Große Pantomime: „Tili“ auf dem Wickeltisch, Tili an der Mutterbrust. Tili in der Badewanne. Tili auf dem Töpfchen.

Als Zweitname musste Vater mit seinem „Alfons“ herhalten und als dritter hatte sich Onkel Kurt, der Patenonkel, ins Gespräch gebracht. Ein großes Problem für mich damals. Meinem Sohn Christopher hätte ich sowas nicht angetan. Weil Mama belesen und kultursüchtig war, gedachte sie, so viel wie möglich von ihrem Wissen und Können in meine Wiege zu packen. Diszipliniert und unerbittlich setzte sie durch, dass ich ein „Tilman“ wurde, nach Tilman Riemenschneider, dem ihr aus Würzburger Theaterzeiten ans Herz gewachsenen Bildschnitzer und Bildhauer, berühmt durch seine um 1500 geschaffenen Altäre und anderen Holz- und Steinskulpturen.

Den konntest du allerdings nie toppen.

Nicht mal mit der Anzahl meiner Gemahlinnen. Vier Mal war das Genie verheiratet. Unsereiner hat es gerade auf drei Ehen geschafft.

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Tilman genannt zu werden, war eine Strafe in einer Zeit, in der jeder dritte Junge Adolf, Heinrich oder Joseph gerufen wurde. Da war es chancenlos für einen Tilman, Anerkennung zu finden.

Zumal, wenn er eine Mutter hatte wie ich, die, wenn ich mich auf der Straße mit meinen Kumpels beim Versteckspiel austobte, mit lautstarker Schauspielerinnenstimme vom Balkon aus an die Fertigstellung meiner Hausaufgaben erinnerte.

„Tilllliiiiiiii!“

Das klingt mir heute noch in den Ohren.

„Tillliiiii! Komm sofort heim!“

Lautstarkes Gelächter meiner Mitspieler, nach einem Film mit Horst Buchholz später auch „Halbstarke“ genannt. Und irgendwann kam noch dazu einer von den Kerlen auf die Idee, dass „Tili“ ohnehin kein Name für einen Jungen war, eher für ein kleines Mädchen.

Tili isch´n Mädlesname!

Genau! Das hatte damals schwerwiegende Folgen für mich. Beulen, aufgeschrammte Knie, Löcher in Hemden und Hosen und nicht zuletzt: ein Schlüsselbeinbruch.

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Schlimmer aber war: Ich wollte nicht mehr so wie ich heißen. Und manchmal auch sein. Als Junge jedenfalls taufte ich mich vorzugsweise um in Helden aus Heftchen, die meine Mutter, die Hölderlin- und Heine-Verehrerin, als grässlich bezeichnete. War mir aber wurscht. Ich hieß Tom Prox oder Billy Jenkins, wie die Revolverhelden im „Wilden Westen“. Später dann kamen James Dean und Marlon Brando hinzu. Der finale Versuch, meinen Namen zu ändern, diesmal jedoch offiziell, scheiterte übrigens, weil Klöble keinen „Klang“ hat – zumindest laut meiner Schauspiellehrerin Eva Fiebig. „Klanglos“, so die strenge Eva, war keine Karriere möglich. Aus dem Tilman einen Til mit dem mütterlichen Nachnamen Erwig zu machen, wurde mir schlussendlich gestattet.

Dass es die Karriere befördert hat, wage ich zu bezweifeln.

Noch mal zurück zur Mama. Welcher Sohn kann an der eigenen Mutter vorbeigehen, vorbeischreiben? Ich muss ihr gedenken.

Klingt geschwollen.

Das gehört dazu. Familie ist geschwollen.

*

16 Mama

„Jetzt wetzt der Letzt gehetzt entsetzt des Messers flitz´ge Spitz.“

Mamas Sprechtechnik mithilfe des „Kleinen Hey“. Danach schrill und kräftig schreien, hasserfüllt schimpfen, herzerweichend weinen. Rollenstudium.

Und wenn alles perfekt beherrscht wird: Auf die Bühne! Einen Ausbruch hinlegen, den Publikumsjubel einkassieren: Das sind „Die Bretter, die die Welt bedeuten“! Die Regel lautet, je größer der Schauspieler auf der Bühne, umso mehr bringt er Theater und Privatleben durcheinander.

Es gibt Mimen, die im Kreis der Familie absolut glaubwürdige Ausbrüche hinlegen, auf der Bühne hingegen eher bescheiden „rüberkommen“ und von gehässigen Kollegen als Garderobenclowns bezeichnet werden.

Mama gehörte nicht in diese Kategorie.

Ein anderer wichtiger Punkt in Mamas Leben: Disziplin. Die hatte sie selbst in Kindheit und Jugend erfahren müssen. Insbesondere da sie aus gutem Hause war. Aus gutem Hotel, sozusagen. Dem Hotel Fürstenhof in Leipzig.

Neben der Schule, dem Klavierspiel, dem Näh-, Stick- und Strickunterricht gab es nur selten die Möglichkeit, mit anderen Kindern zu spielen. Keine Zeit zum Lachen und fröhlich sein, so etwas Undiszipliniertes war nicht vorgesehen. Disziplin bedeutete zum Abendessen fein angezogen und frisiert am für den Hotelier ständig reservierten Tisch im „Serpentinsaal“ Platz zu nehmen und artig auf Komplimente der Gäste zu antworten, die gerne ein Wort über die beiden guterzogenen hübschen Mädchen verloren.

Aber Disziplin bedeutete auch Stärke

Die bekam Großvater Erwig später von seiner jüngsten Tochter zu spüren, als sie ihm eröffnete,

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dass sie vorhabe, Schauspielerin zu werden und deshalb beabsichtige, eine dafür geeignete Schule in Berlin zu besuchen.

Energischer Widerstand des Vaters – schließlich gebrochen von einer disziplinierten, emanzipierten, engagierten jungen Frau, die sich fortan nicht mehr Rosa, sondern Lola nannte. Nach Abschluss der Berliner Schauspielschule trat sie ihr erstes Theaterengagement im österreichischen Brünn an; Würzburg, Stuttgart und Karlsruhe folgten.

Die Frage des Laien, der am Abend die Vorstellung besuchte: „Was machen Sie eigentlich tagsüber, Fräulein Erwig?“

Bei ihr löste sie inzwischen kein Kopfschütteln mehr aus. Dass für eine einmalige Darstellung viele anstrengende Proben nötig waren über Wochen und Monate hinweg, wollte vielen Besuchern nicht in den Kopf.

Wer war der Kollege, der mit fliegenden Rockschößen während einer Doppel-

Vorstellung im Karlsruher Hoftheater zur Probebühne rannte und nach kurzer Zeit wieder zurück? Mama war immer schon neugierig. Auf das Leben. Auf neue Rollen. Auf die Menschen hinter den Rollen.

Der rennende Mensch mit den fliegenden Rockschößen war Alfons, der jüngste der Staatsschauspieler, der famose Macki Messer in der Karlsruher Uraufführung der Dreigroschenoper, der charmante Leopold im Weißen Rössl, der hinterlistige Jago bei Shakespeare und natürlich der Faust. Es gab ja noch kein Fernsehen und Kinofilme wurden nur in Berlin gedreht – ein Schauspieler mit dieser breiten Palette galt als der Publikumsliebling, geliebt von allen in Karlsruhe.

Und später auch von Mama.

Und noch später ebenso von mir.

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Schon vor meiner Geburt textete Mutter ein Wiegenlied für mich und Paps komponierte die Musik dazu, denn wie schon erwähnt war Mama sehr darum besorgt, dass mich möglichst schon im Mutterleib die Muse küsste.

Schlaf nun bald

Schlaf nun bald

Kleiner Wiegenschatz

In der Hütt‘

Auf dem Herd

Schläft schon Hund

und Katz.

Fuchs und Has‘, Maus und Reh, schlafen auch im Wald.

Silbermond blickt herein

Schlaf mein Kind nun bald.

Morgens wenn die

Sonne lacht, lacht auch

unser Kind. Einen lichten Wiegentraum, schickt der Abendwind.

Schlaf nun bald, schlaf nun bald,

kleiner Wiegenschatz Mutters Brust, Vaters Herz, sind dein warmer Platz.

Daneben sollte das Rezitieren von Gedichten Benns, Heines und Hölderlins mir helfen, leichten Fußes in die Welt der Künste einzutreten.

In guter Erinnerung ist mir mein erster Theaterbesuch im alten Hoftheater am Schlossplatz. Man gab „Peterchens Mondfahrt“ und ich ging an der Hand der Sonne (Mama spielte dieses leuchtende Gestirn mit der goldenen vielzackigen Sonnenkrone aus Pappmaché) hinter die geheimnisvoll dunkle Bühne, durfte dort dem angsteinflößenden Mondmann und dem liebenswerten, tapferen Maikäfer Sumsemann Guten Tag sagen.

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Unvergesslich der Geruch von Schminke und Mastix, dem Klebemittel für Perücken und Bärte. Die Hitze der Scheinwerfer, die das Bühnenbild vom Mann im Mond in verschiedenen Farben aufleuchten ließen, besonders wenn der Donnermann tätig wurde – ein großes, in Verbindung mit einer Pauke von Bühnenarbeitern eingesetztes Blechteil. Dazu blitzten die Beleuchter auf der Brücke mit ihren Scheinwerfern – ein bedrohliches Unwetter!

Auch im Weltgeschehen gab es bedrohliche „Unwetter“. Der GröFaZ siegte an allen Fronten.

Im Anmarsch bei Erwigs: ein Bruder. Wieder unehelich! Das ging gar nicht bei den Nazis: Alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern! Mama heiratete also ihren Alfons. Das hatte Folgen für mich. Bezeugen, dass ich der Sohn von Alfons Kloeble und Lola Erwig war, musste an Eides statt Hans Stalling, ein guter Freund der Familie und erster Geiger im Orchester des Staatstheaters Karlsruhe. Als ob der Onkel Hans bei meiner Zeugung dabei gewesen wäre. Aber das interessierte die braunen Standesamt-Bürokraten nicht. Mutter wollte den zu erwartenden Neuankömmling Tom nennen.

Das sei doch nett: Til und Tom! Vater erhob Einspruch. Man würde ihn dann Tommie rufen, genau wie die englischen Kriegsgegner, die Feinde, die Tommies. Das würde Probleme geben im Tausendjährigen Reich. Mutter war einsichtig, gab nach, setzte sich einmal nicht durch. So wurde mein Bruder Rainer getauft. „Kein Mädchen?“, fragte Mama gleich nach der Geburt. „Nö“, sagte Paps und lachte. „Der hat da ´ne Mordssache hängen.“

Wörtliches Zitat?

Hat mir meine Mutter erzählt. Immer wieder. Sie war hoch in den Achtzig, da wiederholt man sich manchmal.

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Kommt dir bekannt vor, was?

Ich bin fünfundsiebzig!

Na, dann aber schnell voran mit deinen „Ermittlungen“!

Nach der Kurzvisite bei „Peterchens Mondfahrt“ mein zweiter Besuch im noch unzerstörten Hoftheater am Schlossplatz in Karlsruhe: „Der gestiefelte Kater“. Wieder der intensive Geruch von Puder und Schminke und Mastix.

Der größte Moment: In langen Schaftstiefeln, mit Schnurrbart und kessem Musketierhut, einen Degen an der Seite, trat mir der gestiefelte Kater höchst persönlich entgegen. Eine Schauspielerin in Maske.

Mein Herz klopfte wie rasend, ich rettete mich hinter Mama, die sich über mein atemloses Staunen nicht genug freuen konnte. Der Kater reichte mir die Hand und schüttelte sie ganz erwachsen... ich war gerade einmal 4 Jahre alt.

Und doch fühle ich das noch, als wäre es erst eben geschehen.

Dann kamen die Bombennächte. Das 1853 erbaute Hoftheater wurde durch Volltreffer zerstört. Wir flüchteten von Karlsruhe aufs Gut der Tante Gretl in Altenbuch, heute Staré Buky in Tschechien. Gerade noch rechtzeitig. Denn wenige Tage später durchschlug eine Brandbombe das Dach über der Karlsruher Wohnung und verbrannte im Kinderzimmer die Betten von Brüderle Tom und mir.

Dass wir noch leben ist ein Verdienst der Mama und ihrer eisernen Disziplin. Denn gleich nachdem die ersten Bomber der Alliierten über Frankreich hinwegflogen, hieß Mama unsere Anna, die treue Haushälterin, aufpacken,

um mit uns Kindern und einigen Koffern nach Osten zu reisen, der zu diesem Zeitpunkt noch sicher schien vor dem Ansturm der Russen.

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Die Winterzeit im Gut Altenbuch: Es gab viele Tiere. Schweine zum Essen, Kühe zum Melken, Hühner zum Ärgern, Hasen zum Jagen und Pferde, die vor einen Schlitten gespannt mit Glöckchen Geklingel durch den verschneiten Winterwald fuhren, viel schöner und unvergesslicher als später bei Disney.

Weniger schön aber ebenso unvergesslich: Die Schlachtung von Schweinen im Gutshof, aufgehängt an den Hinterbeinen zwischen zwei Bäumen, aufgeschlitzt und ausgeweidet. Und dann kamen sie doch: die russischen Soldaten, mit den kleinen Panjewägelchen und je einem Pony davor. Also schnell wieder die Koffer gepackt, einen einachsigen Anhänger mit dem Allernötigsten beladen und ab ging der Treck zurück in den Westen.

Der Weg dahin aber war lang. Erster Unterschlupf auf der beschwerlichen Reise bei einer ehemaligen Schulfreundin von Mamas Schwester Gretl. Ein Backsteinhaus in Leisnig – direkt gegenüber vom Schlachthof. Von dort waren merkwürdige Geräusche zu hören. Kühe muhten, Schweine grunzten. Tiere also, aber nichts für neugierige Kinderaugen. Strenges Verbot sich dem Gebäude zu nähern.

Verbote machen Kinder erst recht neugierig.

Mit Tom an der Hand schlich ich mich nach Indianer Art an, wir kletterten auf einen Stapel kleingehacktes Holz. Das heißt: ich klettere, Tom musste unten bleiben, er war zu klein, erst zwei Jahre alt.

Durch ein Loch im Gemäuer des Schlachthofs sah ich: lebende Ferkel wurden in kochendes Wasser geworfen. Sie quiekten, schrien entsetzlich, waren dann plötzlich still und ihre Haut wurde weiß, unnatürlich weiß. Den wenigen Rindern ging es nicht besser.

Es gab keine Bolzengeräte zur Tötung von Vieh in Kriegszeiten. Der Metzger schwang einen riesigen Vorschlaghammer und haute der Kuh vor den Kopf. Nicht jeder Schlag ein Treffer. Die Kuh stöhnte, fiel auf die Knie. Der Metzger hob den schweren Hammer erneut, und erneut, und erneut.

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Ganz so brutal war’s in Wirklichkeit wohl nicht.

Du glaubst mir nicht?

Du warst gerade einmal vier Jahre alt.

Es ist definitiv meine Erinnerung.

Bist du dir da sicher?

Ja.

Vielleicht erinnerst du dich nur an das, was du bisher immer erzählt hast, nicht an die Wahrheit.

Unsinn. Da war ja kein Erwachsener dabei, der mir das hätte später erzählen können.

Auch nicht mein Vater. Der kam manchmal aus dem Lazarett zu Besuch.

Ich war einmal sterbenskrank, tatsächlich waren es nur Leibschmerzen vom essen des Sauerampfers auf der Wiese, wie Mutters Bekannter, ein Militärarzt, herausfand.

Die Russen waren nah. Fürchterliche Gerüchte.

Manche hatten zehn Armbanduhren an jedem Arm, wenn das Uhrwerk abgelaufen war, sie nicht mehr tickten, waren sie nach russischer Meinung kaputt und wurden weggeworfen.

Bloß abhauen jetzt, egal wie. Ein Fußmarsch nach Hause, bis nach Karlsruhe!

Im Städtchen Grimma war vorläufig Schluss; die neue Grenze, die die Amis zurückgenommen hatten, um dafür ihre Hand über Berlin zu halten. Am Fluss

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ein Flüchtlingslager: hier die Russen, drüben, am anderen Ufer, die Amerikaner. Irgendwie hatten sie den Ruf, menschlicher zu sein im Umgang mit der deutschen Bevölkerung. Glaube und Hoffnung starben auch hier zuletzt und es kostete Mama einiges an charmanter, gut gespielter Überredungskunst (auf Englisch!) und das letzte Schmuckstück, um doch noch über den Fluss zu kommen, bevor die Schlagbäume sich schlossen. In Leipzig/Markleeberg ein paar Tage Rast bei Tante Mieze in deren Villa.

Dann endlich Karlsruhe. Weil die alte Wohnung in der Kurfürstenstraße ja durch Brandbomben unbewohnbar geworden war, hatte nun die Suche nach einer neuen Bleibe Priorität und war dank Mamas Initiativen auch bald erfolgreich. Kindheit und Jugend würden wir nun in der Klosestraße Nr. 5 verbringen. Um die Ecke der Stadtgarten, nicht weit entfernt das neue, behelfsmäßige Staatstheater und im Süden der Karlsruher Hauptbahnhof.

Mit ihm verbinde ich nach den Fluchtwochen ein erstes kindliches West-Erlebnis: Spät in der Nacht durfte ich aufstehen, denn im Fernzug aus der Schweiz nach Berlin war ein geheimnisvoller Freund Mamas.

Allerdings bloß auf der Durchreise. Robert Siodmak, der Filmregisseur und gute Bekannte (so nannte man damals ein heimliches Liebesverhältnis) aus Mamas frühen Berliner Schauspielschuljahren, hatte fünf Minuten Aufenthalt auf Gleis drei im Karlsruher Hauptbahnhof. Von dem kurzen Gespräch, das Mama mit ihm führte, verstand ich nichts und es blieb mir auch nur deshalb in Erinnerung, weil der Regisseur mir ein aus der Schweiz mitgereistes Stück Obst in meine knapp fünfjährige Kinderhand drückte. Ein fremdes gurkenartig gebogenes gelbes Teil, das deutschen Kriegskindern bisher völlig unbekannt war.

Meine erste Banane!

Das bezweifle ich.

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Was?

Die Anekdote.

Kannst du sogar nachlesen. Das Wiedersehen hat nämlich eine wenn auch kurze Würdigung in seinen Film-Memoiren gefunden.

Die muss man kennen?

Die Erinnerungen?

Die Filme.

„Die Wendeltreppe“, zum Beispiel, mit Dorothy McGuire und George Brent. Damit ist er berühmt geworden.

In seinem Buch schreibt Siodmak von einer weniger berühmten, aber jungen und begabten Schauspielerin, die am Staatstheater Karlsruhe Karriere machte. Ihr Name blieb allerdings ungenannt. Dennoch entschuldigte er sich zwischen den Zeilen für sein Verhalten.

Warum?

Dreimal darfst du raten.

Ein anderer Verehrer Mamas: Alfred, der gute Onkel Fred, Fabrikant von Herden, Waschmaschinen und später elektrischen Kühlschränken, die bald die bisher zur Kühlung der Lebensmittel benötigten, gewaltigen Eisstangen aus den heimischen Brauereien ablösten. Ein Geschäftsmann von großem Format und Körperumfang.

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Ein Kavalier, der schwieg, war er allerdings nicht. Sein Verhältnis zu Mama wollte er öffentlich gemacht sehen.