EIN HIMMLISCHER JOB - Til Erwig - E-Book

EIN HIMMLISCHER JOB E-Book

Til Erwig

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Beschreibung

Woran mangelt es seit Jahrtausenden in den Himmlischen Heerscharen? An der Gleichberechtigung, der Emanzipation der weiblichen Engel! Die Menschen auf dem blauen Planeten könnten hier Vorbild sein. Ein Irrtum, denn Fidelitas, ein Second Hand Engel, macht im Auftrag des Herrn aller Dinge ganz andere Erfahrungen. Schauspieler, Drehbuchautor und Fernsehproduzent Til Erwig liefert mit seinem 4. Buch eine Satire mit Realitätsanspruch: Am deutschen Wesen, ist zu lesen, braucht es Humor um zu genesen.

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Seitenzahl: 458

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Til Erwig

EIN HIMMLISCHER JOB

TEIL 1 KESSEL BUNTES FÜR ALL GEGENWÄRTIGES TEIL 2 VOYEURISMUS – DIE ZIVILISATIONSKRANKHEIT UNSERER ZEIT

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

PROLOG

Psalm 1 Vom Himmel hoch, da komm ich her

Psalm 2 Kleine Geschäfte erhalten die Freundschaft

Psalm 3 Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!

Psalm 4 Der Weg ist das Ziel

Psalm 5 Gott ist Gott, egal unter welchem Dach

Psalm 6 Ein Vogel, der in dein Haus fliegt, ist ein Engel

Psalm 7 Ein Problem wird geboren

Psalm 8 Liebe deinen Nächsten wie dich selbst

Psalm 9 Who wants to live forever

Psalm 10 Wunder gibt es immer wieder

Psalm 11 Atempause

ZWISCHENSPIEL

Take 1 Die Leute von Gröbenried

Take 2 Bitte einsteigen

Take 3 Gröbenrieder Tränke

Take 4 Läuft...

Take 5 Hund samma scho

Take 6 Bis ihr uns liebt

Take 7 Respekt

Take 8 Schluss mit lustig

Take 9 Die Show must go on

Take 10 Endspiel

VOYEURISMUS – DIE ZIVILISATIONSKRANKHEIT UNSERER ZEIT

Impressum neobooks

PROLOG

Für meine glorreichen FÜNF

Antje, Anna, Christopher, Saskya

und

die kleine Prinzessin

Clara Lola

Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang,Und ihre vorgeschriebne Reise vollendet sie mit Donnergang. Ihr Anblick gibt euch Engeln Stärke, wenn keiner sie ergründen mag;Die unbegreiflich hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag. Und schnell und unbegreiflich schnelle dreht sich umher der Erde Pracht;Es wechselt Paradieseshelle mit tiefer, schauervoller Nacht; Es schäumt das Meer in breiten Flüssen am tiefen Grund der Felsen auf,Und Fels und Meer wird fortgerissen in ewig-schnellem Sphärenlauf. Und Stürme brausen um die Wette vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer,Und bilden wütend eine Kette der tiefsten Wirkung ringsumher. Da flammt ein blitzendes Verheeren dem Pfade vor des Donnerschlags;Doch meine Boten, sie verehren das sanfte Wandeln eines Tags. Der Anblick gibt euch Engeln Stärke, da keiner mich ergründen mag,Und alle meine hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag.

Gewaltige Fanfarenstöße, ohrenbetäubend, tröten jetzt durch das unendliche All,

das untrügliche Zeichen für die Himmlischen Heerscharen: eine wichtige Verkündigung des Herrn aller Dinge steht ins überirdische Haus. Vorab mit kleinen Veränderungen aus Werken unsterblicher Dichtkunst zu zitieren, scheint für den Allmächtigen kein Problem zu sein, so ungeniert wie er sich am geistigen Eigentum des Herrn von Goethe bedient.

„Der blaue Planet – in sechs Tagen erschaffen!“

Das ist im Universum nichts Neues, schon gar nicht auf dem kleinen blauen Planeten. Das bekannte Zitat, sozusagen Schnee von gestern, wenn auch mit Auswirkungen auf Morgen, schwappt in Gravitationswellen von ungeheuren Ausmaßen durch Zeit und Raum. Wo die Welle auftaucht staucht und dehnt sie kurzzeitig das Universum, die Abstände zwischen den einzelnen Objekten ändern sich, sie durcheilt Milliarden von Galaxien, ziemlich heftige Raumdeformationen sind die Folge: Schwarze Löcher kommen sich nahe, berühren sich, explodieren, verschmelzen, nicht wenige Sonnensysteme wirbeln durcheinander, Planeten verlassen ihre vorgegebenen Bahnen und begeben sich auf eine Reise ins Unbekannte. Aber wie schon gesagt, im Universum nichts Neues.

„Pssst, Chef! Nicht so laut! Unser Gespräch unterliegt der Geheimhaltung, habt IHR selbst jüngst befohlen.

Der warnende Hinweis deutlich zu spät. Auslöser für den kosmischen Vorgang, der übrigens nur 0,9 Sekunden der Weltzeit in Anspruch nahm, war ohne Zweifel ´planeta terra`, vielmehr der Anblick dieser bunten, einzigartigen, wunderbaren, im Mosaik des Universums verschwindend kleinen und daher unwesentlichen Erdkugel. Warum aber ausgerechnet sie?

Es gibt mehr als 4000 erdähnliche, sogenannte Exoplaneten, die ein Weltraumteleskop namens ´Kepler` bereits erspäht hat. Ob dort überall Deutsch gesprochen wird ist einerseits die große Frage, würde andererseits aber erklären, weshalb die deutsche Sprache für diese seit biblischen Zeiten bekannte, oben genannte, Feststellung gewählt wurde. Jenen höheren Wesen im All, die das Zitat vernehmen konnten, ist die Sache allerdings nicht erinnerlich. Genauso wenig wie den Wissenschaftlern auf Erden, die mit Supercomputerclustern das Gezappel in der Datenreihe noch immer zu entschlüsseln suchen. Das überaus eindrucksvolle Bild vom blauen Planeten aus der berühmt gewordenen Astronautenperspektive bleibt hingegen erhalten. Nicht zu überhören war auch ein gewisser Stolz, der in den sieben Worten zum Ausdruck gebracht war.

Der olle Leonardo da Vinci, das Genie aus dem sechzehnten Jahrhundert, würde sie einem älteren Herrn mit langem, schlohweißem Bart zuordnen, den er, umgeben von zahlreichen Putten, im Jahre 1512 in der Sixtinischen Kapelle zu Rom als Deckengemälde verewigte.

„Jaja, der blaue Planet - starke Leistung, Chef, ehrlich!“

Vergleichsweise piepsig klingt das Lob aus weiblichem Mund, vermutlich aus dem einer Putte um bei da Vinci zu bleiben. „Nur, für den Job da unten bin ich ungeeignet“, fährt die Pieps Stimme fort. „Da müsste Michael ran oder Raphael. Ich bin doch nur ein Second Hand Engel, Chef, ein Engel der himmlischen Holzklasse, sozusagen.“

Ein tiefer, brummiger Seufzer durchzittert das Weltall. Die Folge sind ein paar heftige Sonnenstürme.

„Gerade d u bist den Elementarengeln am ähnlichsten, Fidelitas!“ schnauft die allmächtige Stimme und hüstelt sogar ein bisschen, was ein paar Sternen in der Milchstraße, der den Menschen nächsten Galaxie, gar nicht bekommt, sogar Mars und Venus taumeln ein wenig und können sich nur mit Mühe in ihrer vorgegebenen Bahn halten.

„All ihre Eigenschaften sind in dir vereint, Fidelitas: Feuer, Erde, Wind und Wasser!“, brummelt die Stimme weiter und lässt so vermuten, dass hier einer

am Werk ist, der mehr drauf hat als all die ungeheuer wichtigen, teils sogar übergewichtigen, Führungspersönlichkeiten zusammen, die zur Zeit auf Erden bekannt sind und dort etwas zu sagen haben: der dicke Trump, der dürre Putin, der olle Erdogan, der junge Präsident Macron und die alte Dame Angela Merkel.

„Dazu kommen Werte wie Treue und Zuverlässigkeit, alles Eigenschaften, die dich als E.m.b.A. besonders auszeichnen.“

„Als E.m.b.A. Chef, was...?“

„Als Engel mit besonderen Aufgaben, Fidelitas!“

Wellen eines stolzen, wenn auch nur leichten Bebens sind im All deutlich zu spüren und allmählich wird klar, dass sich hier offensichtlich ein ganz Großer, der Allmächtige persönlich, für ein kleines Detail seines Schaffens interessiert, ein Räuspern, ein Wimpernschlag der Geschichte, aber für den alten Herrn offenbar ein ungelöstes Problem.

Und Probleme, soweit ihm diese bekannt werden, mag er gar nicht. Man nennt ihn schließlich den Schöpfer aller Dinge. Das heißt, er hat gefälligst die ganze, die volle Verantwortung zu übernehmen wenn etwas schief läuft in seinem Revier. So jedenfalls erbitten es die Menschen auf Erden, egal ob sie ihn Gott, Allah oder Buddha nennen. Wer wird da widersprechen wollen?

Die mit dem Allmächtigen diskutierende Putte ist vielleicht doch mehr als nur so ein niedliches Engelchen. Sie traut sich jedenfalls was.

„Jetzt mal unter uns, Herr. Ich, Fidelitas, bin ein Engel o h n e Flügel, und noch dazu...“

„Ein weiblicher Engel, ein E.m.b.A“, wird Fidelitas erneut von ihrem Chef unterbrochen. „Das klingt doch sehr bedeutend.“

„Bedeutend? Was bedeutet ´bedeutend`?“

„Es sagt etwas aus über deinen künftigen Status in meinen Heerscharen.“

Niemand hätte sich jemals vorstellen können, dass der Allmächtige im Grunde auch nur so eine Art Mensch ist, bei näherer Betrachtung allerdings doch wiederum verständlich, denn er hat ja die menschlichen Eigenschaften selbst geschaffen, offensichtlich nach eigenem Vorbild. Mit anderen Worten, die menschliche Eigenschaft e i t e l zu sein ist auch dem Herrn aller Dinge nicht fremd, was genau hier und jetzt zum Ausdruck kommt, denn seiner ausbleibenden Erklärung, was so ein E.m.b.A. genau bedeutet, folgt stattdessen ein gewaltiges, um nicht zu sagen verlegen s t o l z e s Durchatmen, das in etwa einem sich an die Brust schlagen gleichkommt, ein Gefühlsausdruck, der sowohl bei den Menschen als auch im Tierreich häufig zum Tragen kommt. So schlagen sich beispielsweise Gorillas und Orang-Utans häufig stolz an die Brust. Aber auch einfacheres Getier wie etwa der Hahn, auch Gockel genannt, plustert sich auf mit geschwollenem Kamm, was gleichzusetzen ist mit einem stolz in die Brust werfen. Diese und unzählige andere Persönlichkeiten im Universum sind letztendlich vom Allmächtigen konzipiert und erschaffen worden, von stolzen Mikroorganismen mal abgesehen, es gibt Milliarden davon, das würde echt zu weit führen die alle detailliert aufzuführen und zudem davon ablenken, was der Allmächtige seinem E.m.b.A. mitzuteilen hat.

„WIR sind allwissend, Fidelitas, schon vergessen? Und w e i l WIR es sind, haben WIR immer wieder Entscheidungen zu treffen, die weit über den Horizont der von UNS geschaffenen Galaxien hinausgehen!“

„Über meinen auch!“, lässt sich Fidelitas hinreißen und denkt zugleich: Uiiih, das könnte einigen Sonnensystemen und allem was dort kreucht und fleucht zum Verhängnis werden. Wenn nämlich der Herr aller Dinge, der Allmächtige, sich über irgendwas richtig ärgert, dann scheppert‘ s meist im Karton. Aber alles bleibt still. Nur die Erdnahe Sonne in der Milchstraße eruptiert vor sich hin. Eine längere Trockenperiode in Malawi ist die unangenehme Folge.

„Mag sein“, sagt der Allmächtige, und das Rauschen im All fühlt sich an, als würde er seinem weiblichen Engel, seiner Engelin, väterlich über die Wange streichen.

„Aber damit sich das ändert, werden WIR etwas für eure Gleichberechtigung in den Himmlischen Heerscharen tun. Das Patriarchat der Erzengel muss beendet werden. Mehr Liberalismus...“

„Liberalismus?“

„Ein von mir erdachtes großartiges Programm zur Emanzipation des Einzelnen und zur Bekämpfung von geballter Macht. Mit anderen Worten, niemand hier oben darf zu mächtig werden.“

„Das ist...das ist...Donnerwetter“, stottert Fidelitas, „das ist eine riesige Ordnungsaufgabe!“

„Du hast es erfasst! Wir im Himmel dürfen der Entwicklung auf Erden nicht hinterher hinken.“

Warum gerade auf Erden, denkt Fidelitas, ohne natürlich den Gedanken laut auszusprechen, es gibt doch so viele Welten. Genau, dennoch ist es unpässlich Überlegungen des Allmächtigen zu hinterfragen, das weiß jeder im Himmel. Irgendwie nur hat sie das Gefühl, seine offensichtlich bereits vor längerer Zeit getroffene Entscheidung noch beeinflussen zu können. Ganz sicher ist sie sich allerdings nicht. Aber weil der Herr aller Dinge sich hin und wieder auch gütig zeigt und zudem Gedanken lesen kann, beantwortet er umgehend die nicht laut gestellte Frage.

„Weil die Menschheit auf planeta terra mir in all ihrer Vielfalt am besten gelungen ist, Fidelitas. Das hat vor mir schon ein großer Künstler erkannt, der mich vorzüglich porträtiert hat...“

„Leonardo da Vinci!“ wirft die Engelin vorlaut dazwischen.

„Du sagst es. Er hat mich geradezu überirdisch interessant dargestellt in seiner Deckenmalerei in der Sixtinischen Kapelle anno ...“

„So möchtet IHR aussehen?“

„So s e h e ich aus.“ Es klingt fast ein wenig empört vom Allmächtigen.

„Ein weißer Mann mit einem Bart und langen grauen Haaren!“

„Ein w e i s e r Mann“, korrigiert Fidelitas, „der kraftvoll anmutig seinen rechten Zeigefinger ausstreckt um auf Adam den Lebensfunken überspringen

zu lassen. So und nicht anders steht es bei Wikipedia“.

„So steht es w o?“, fragt Gottvater und wirkt auf einmal gar nicht allwissend.

„Wikipedia – eine Erfindung des Computerzeitalters auf Erden. Eine tolle Enzyklopädie, ein modernes Nachschlagewerk, da steht es geschrieben, dort weiß man alles.“

„Die wissen mehr als i c h, der Allwissende?“ Der alte Mann scheint irritiert, zweifelt er gar an sich selbst?

„Nicht unbedingt m e h r , Chef, aber doch vieles. Möglicherweise auch, ob es überhaupt Sinn macht in den Himmlischen Heerscharen eine fette Debatte zum Thema ´Emanzipation weiblicher Engel` loszutreten.“

Einen kurzen Augenblick scheint die Zeit still zu stehen. Das ist immer der Fall, wenn der Allmächtige ein Problem erkennt, über das erstmal gründlich nachgedacht werden muss, was unter Umständen schon mal hunderttausend Jahre dauern kann.

Die Wissenschaft kennt diesen Vorgang, weiß allerdings nicht den Auslöser der Denkpause zu erklären, weshalb die sich daraus zwingend ergebende Korrektur der Weltzeit bisher nur mit Hilfe sogenannter Schaltsekunden erreicht wird.

„Ein Kelch, der nicht an mir vorübergeht?“, stört Fidelitas die Überlegungen des Herrn und gerät nur deshalb nicht ins Schwitzen, weil sie als Engel diese manchmal störende menschliche Eigenschaft nicht kennt. Der alte Herr hat inzwischen seine Entscheidung überdacht, hält aber in einer Art von sturem menschlichen Eigensinn daran fest.

„Wie ich es auch dreh und wende, Fidelitas, du bist nun mal auserwählt, denn

du bist unschuldig und hast den Glauben eines Kindes...“

„Ich bin fast zweihundert, Chef“, traut sich Fidelitas zu widersprechen und erfährt erneut eine göttliche Streicheleinheit, die sie in dieser erfreulichen Form nicht erwartet hätte.

„Du siehst wesentlich jünger aus.“

Durchaus charmant. Der alte Herr scheint hinter seinem weißen Vollbart zu lächeln; er amüsiert sich ganz offensichtlich über die junge Engelin um nicht zu sagen: er findet Gefallen an der kleinen Fidelitas. Wobei ein Amüsement im Himmel eigentlich erst erlaubt ist, seit der Münchner Dienstmann Alois Hingerl, gezeugt vom bayerischen Dichter Ludwig Thoma, hoch über den Wolken das ´Frohlocken` und ´Halleluja singen` begonnen hat, um dadurch irgendwann einmal an ´himmlisches Manna` zu kommen.

„Vorsicht - 8. Psalm, Chef!“ Fidelitas scheint sich auszukennen in den Gesetzen des Himmels: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!“ belehrt sie respektlos den Allmächtigen, um sich gleich danach wieder zu disziplinieren.

„Aber dein Wille geschehe. Und gesegnet mit all meinen bisher erworbenen Gaben, wird mir der Job vielleicht nicht ganz so schwer fallen.“

„Nur – hüte dich vor Missbrauch!“ Der Rat des alten Herrn ist gut gemeint, aber so schwammig formuliert, wie der eines deutschen Politikers angesichts bevorstehender Wahlen.

„Missbrauch?!“ fragt Fidelitas deshalb und tut unschuldig.

„Missbrauch deiner Privilegien!“ antwortet der Chef streng. Er hat natürlich die Gedanken seines Engels durchschaut, schließlich ist er der Allmächtige.

„Deine Privilegien könnten reduziert werden im Laufe deiner Mission an der ich in meiner Weisheit festhalte und die da lautet: Erfahrungen sammeln über die Emanzipation der Frauen und Mädchen auf Erden aus deiner, aus weiblicher Perspektive. Privilegien auf lange Sicht könnten dir eben diese verstellen. Also sei auf der Hut, und setze deine himmlischen Gaben sinnvoll und mäßig ein, sonst...“

„Sonst?!“, unterbricht Fidelitas und verstößt damit erneut gegen die auf einer Marmorplatte verewigten ´Benimmregeln für Himmlische Heerscharen`.

„Sonst müssen sie dir entzogen werden.“

Nun ist Schluss mit lustig, der Allmächtige hat gesprochen. Er scheint müde zu sein, gähnt sogar. Mit den üblichen Folgen im Universum. Kometen trägt es aus ihren Laufbahnen, manche explodieren oder kollidieren mit unkontrolliert herumtaumelnden Felsbrocken. Ein paar Milliarden Kilometer entfernt liegende Planeten sind in ihrer intergalaktischen Ruhe gefährdet, drehen sich plötzlich in die andere, die entgegengesetzte Richtung mit all den damit verbundenen Konsequenzen für die in Entstehung begriffene Flora und Fauna. Vulkane brechen zeitgleich aus, auch die sich gerade entwickelnde Tierwelt bleibt an vielen Orten nicht ungeschoren.

Dinosaurier, grotesk aussehende Flugvögel und anderes Getier müssen nach knapp zehntausendjähriger Existenz schon wieder dran glauben.

Dennoch, Fidelitas gibt nicht auf, will es genau wissen. „Dafür, für den Entzug der Privilegien, haben wir die Kontroller. Habe mich immer gefragt, wozu die eigentlich gut sind. Ganz schön Matcho mäßig, Chef. Nur, ohne himmlische Gaben ist unsereiner aufgeschmissen im Ausland! Ein verlorenes Schaf...“

„Die Emanzipation nach der du Ausschau halten sollst – ist e i n Apfel von meinem Baum der Erkenntnis...“ Und schon wieder unterbricht Fidelitas den allmächtigen Herrn.

„Bin ich denn ein Sündenfall?“ Der gibt sich gnädig geduldig, oder ist er schläfriger denn je?

„Im Gegenteil, deine Aufgabe ist zukunftsweisend für alle Engel der Himmlischen Heerscharen“.

„Vom Patriarchat zum Matriarchat? Hier im Himmel?! Das werdet IHR niemals durchsetzen - bei unseren geflügelten Machos“.

„Jetzt schau mer mal, Fidelitas. Was auf Erden vorangeht, sollten WIR im Himmel auch in den Griff kriegen“.

Er beginnt damit ein paar Wolken für das anstehende Mittagsschläfchen aufzuschütteln. Fidelitas zuckt die Achseln, denn was ´Ruhekissen` bedeuten, weiß natürlich jeder im Himmel: Gespräch beendet. Zufrieden ist sie allerdings nicht.

„Ihr Wort in Gottes Ohr, Chef. T’schuldigung, so sagt man, höre ich, auf Erden. Ach, übrigens, wo speziell soll ich anfangen?“

Der alte Herr kann ein weiteres Gähnen kaum unterdrücken.

„Bei einer Familie namens...äh...jetzt ist mir der Name entfallen. Am besten frag den Aloisius, den Dienstmann aus Bayern. Und für den Fall, dass etwas schief läuft: Über die Direktleitung sind WIR immer erreichbar“. Er wirft ein halbes Dutzend Wolkendecken über sich und ist damit verschwunden.

„Über den Privatanschluss, Chef?! Welche Nummer ist das?“, ruft ihm Fidelitas nach. Aber Gott der Allmächtige wäre nicht allmächtig, wenn es ihm nicht gelingen würde sich jederzeit vor den Mitgliedern seiner Heerscharen zu verbergen.

*

Ein unwidersprochen überirdischer Anblick ist und bleibt das Panorama des Universums. In letzter Zeit allerdings ein wenig getrübt durch millionenfach herumfliegenden Weltraumschrott, bestehend aus ausgebrannten Raketenteilen, Wetter Satelliten, Versorgungskapseln, Sonnensegeln, GPS und Spionage Satelliten, Schläuchen, Nägeln, Schrauben und dazu passenden, äußerst praktikablen Weltraum Bohrmaschinen.

Ertragen müssen diese von befähigten Wissenschaftlern enorm großzügig ausgelegte Müllhalde all jene Wesen, die da oben existieren, agieren, werkeln, spielen, dichten und denken, komponieren, musizieren oder auch nur friedlich vor sich hin philosophieren.

Außergewöhnlich hell ist die Sternschnuppe, die sich gemächlich durch den interstellaren Bereich auf die in den Weiten des Raumes bläulich vor sich hin schimmernde Erdkugel zu bewegt. Gemächlich ist relativ, denn Tempo und hohe Geschwindigkeiten im göttlichen Sinne sind nicht messbar, sind nicht zu vergleichen mit von Menschen erdachten Verbrennungskraftmaschinen oder mit elektrischem Strom, der in einer Sekunde siebeneinhalb Mal um die Erde saust. Das sind pro Stunde 1,08 Milliarden Kilometer.

Rein rechnerisch muss also davon ausgegangen werden, dass sich eine Reise vom Himmel zur Erde über viele Milliarden Lichtjahre hinzieht. Präzise ist das selbst mit einem computergesteuerten Rechner der neuesten Generation nicht zu schaffen.

Also lassen wir es gefälligst dabei.

Die Erzengel Raphael und Michael haben es in der näheren Vergangenheit,

also vor etwas über 2000 Jahren, auch ohne Probleme hingekriegt auf die Erde niederzukommen. Ein Teil der Menschheit besingt das zur Weihnachtszeit

heute noch mit dem Evergreen ´Vom Himmel hoch, da komm ich her...`

Lobenswert vorbildlich hat der Allmächtige ganz im Sinne der ´Mission Emanze` für Fidelitas eine ähnlich kurze Zeitspanne eingeplant. So wie der berühmteste aller Sterne, der ´Stern von Bethlehem`, wird ihr ganz persönliches Transportmittel, eine Sternschnuppe, auf Erden landen, damit der erste weibliche Engel in himmlischer Ruhe seinen Fuß auf irdischen, deutschen, auf bayerischen Boden setzen kann, und dies auf Anordnung von oben, von sehr weit oben.

Soviel hat die Splittergruppe ´Emanzipation in den Himmlischen Heerscharen` immerhin schon erreicht.

*

Psalm 1 Vom Himmel hoch, da komm ich her

In Bad Tölz, einer kleinen Stadt im oberbayerischen Voralpenland, malerisch an der glasklaren von Schlick und Umweltsünden befreiten Isar gelegen, hat Herr Yüksel, knapp über vierzig und nach eigener Einschätzung ein echter Bayer wenn auch mit türkischen Wurzeln, einen Obststand fachmännisch vor seinem Lebensmittelladen aufgebaut, erstklassige Ware in der Auslage. Er akzeptiert die strengen deutschen Gesetze, hält seinen Laden penibel sauber und in Ordnung, seit vielen Jahren. Seine Tölzer Kunden wissen das zu schätzen, gehen gerne zum Türken einkaufen, da weiß man wenigstens was man hat.

Die drei Männer mit ausländischem Aussehen, die sich jetzt vor dem Obststand aufbauen und die ausgelegte Ware mit bloßen Fingern betasten, sehen das möglicherweise anders. Oder wollen sie den Türken nur mal so richtig provozieren? Das Aussehen, Vollbart, Sonnenbrillen Blick, täuscht übrigens. Die drei sind deutschstämmig, sogenannte Biodeutsche.

Kozak, ein äußerlich brutaler Typ, ledergewandet und mit Tattoos bestückt, scheint der Anführer des Trios zu sein. Fehrmann, der zweite im Bunde, wirkt eitel, ist geradezu geckenhaft gekleidet, trotzdem nicht schwul, was angebliche Kenner der Homo-Szene gerne vorschnell behaupten. Der Nummer drei heißt Blumenauer, ist das genaue Gegenteil seiner Kollegen. Rundlich, schlampig, ewig hungrig und insofern nicht immer Herr der jeweiligen Geistes-Lage. Gemeinsam eint die Mini-Gang ein T-Shirt mit einem Zähne fletschenden Pitbull, darunter ein in krassem Silber gehaltener Schriftzug: ´Underdogs`.

Immer wieder greifen die Männer ungeniert bei Äpfeln und Pfirsichen zu, beißen hinein und werfen das angebissene Stück wieder zurück. Yüksel hat das böse Treiben eine Zeitlang aus dem Laden beobachtet, jetzt kommt er heraus, man sieht ihm an, er hat Angst. Ängstlich ist auch Frau Schlatholt, eine treue Stammkundin, die mit äußerst kritischen Blicken von der anderen Straßenseite herüberstarrt. Was auch immer passieren wird, sie kann nicht eingreifen, denn erstens geht die alte Frau am Stock und zweitens, wer, wenn nicht sie, könnte den Menschen in und um Tölz berichten, was in und um den Feinkostladen vom Türken passiert, dafür, und allein dafür fühlt sie sich zuständig, genau daran hat sie unermüdlich gearbeitet, sich über Jahre hin einen Namen gemacht: als zweibeinige Tageszeitung. Für Nachrichten, auch wenn sie noch so aktuell sind und mündlich überbracht werden, interessiert sich Yüksel im Augenblick nicht, auch wenn die Überbringerin einen Teil ihrer monatlichen Rente bei ihm im Geschäft lässt. Sein Zorn gilt diesen Typen mit ihrem unverantwortlichen, geradezu saumäßigen Benehmen.

„Was soll das, Sie können sich gerne bedienen, Herrschaften, aber bitte nicht wieder zurücklegen!“

Wortlos nimmt Kozak Yüksel am Arm und zieht den widerstrebenden Mann in den Laden hinein. Fehrmann und Blumenauer bleiben vor der Tür stehen und sehen sich aufmerksam um. In der Sprache von gestern nennt man das schlicht und einfach ´Schmiere stehen`.

Im Ladenwartet bereits ein Älterer Herr. Ihm geht es wie der Frau Schlatholt, auch er empfindet die Situation eher als ungewöhnlich, versteckt sich vorsichtshalber hinter einem Regal mit feinen, orientalisch fantasievollen Gewürzen. Von dort lauscht er dem in hohen bayerischen Tönen vor sich hin jammernden Yüksel.

„Sie san vui z´früh, Herr Kozak. Mehmet noch bei Bank Euro holen...“

Der Mann mit den Tattoos antwortet nicht. Lässig, so wie Clint Eastwood im Film ´Für eine Handvoll Dollar`, geht er um die Ladentheke herum und öffnet die Kasse. Der Ältere Herr sieht aus seinem Versteck ängstlich und zugleich neugierig zu.

„Nichts drin“, jammert Yüksel, „gar nixn, keine Wechselgeld...“

Clint Eastwood alias Kozak bückt sich, holt unter dem Ladentisch eine alte Plastiktüte hervor. Inhalt: eine Menge kleinerer Geldscheine, die er trotz des Gejammers von Yüksel ungerührt an sich nimmt. Clint Kozak spricht leise, überaus freundlich und zündet sich dabei einen Zigarillo an. Obwohl das Rauchen in Deutschland so ziemlich überall verboten ist, besonders und ohne Ausnahmeregelung in einem Lebensmittelladen wie dem von Yüksel.

„Morgen, spätestens morgen zahlst du!“, quetscht Clint zwischen Zähnen und Zigarillo heraus. „Alles klar? Sonst muss ich deinem Sohn eine kleine Story, eine nette Geschichte von seiner lieben Mutter erzählen“.

Und ohne sich noch einmal umzudrehen, aber mit ansprechendem Hüftknick, verlässt er den Laden. Yüksel schaut ihm nach, innerlich zitternd vor Wut. Durch die Schaufensterscheibe muss er zusehen, wie Fehrmann und Blumenauer sich dem Hüfte schwingenden Kozak anschließen um kurz darauf mit ihren schweren Motorrädern weg zu ´reiten`, wie Motorrad fahren in der Harley-Davidson Fachsprache heißt.

Der Ältere Herr im Lebensmittelgeschäft dreht sich erschrocken um. Denn jetzt wird ein den Laden von der dahinter liegenden Wohnung trennender Vorhang zur Seite geschoben. Mehmet betritt den Raum. Yüksels Sohn ist ein junger sympathischer Mann, für jeden Spaß zu haben, manchmal geradezu leichtsinnig in seinem jugendlichen Übermut und deshalb eher das Sorgenkind seines seriösen, stets auf äußerste Korrektheit bedachten Vaters. Irgendwas von dem unerwünschten Besuch hat Memet mitbekommen und wie es seine Art ist, kommt er umgehend zur Sache.

„Was ist mit Mama?“

„Nix, gar nichts! Imma wuin die a Spende für ihren Club. Geld, regiert die Welt!“ Und dann schimpft er in türkischer Sprache (was hier der Einfachheit halber gleich übersetzt ist) „Allah möge ihn strafen, den ungläubigen Hund!“

Müde schlurft er hinaus um die Auslagen neu zu ordnen. Der Ältere Herr folgt ihm, offenbar unschlüssig was er hier eigentlich will. Yüksel ignoriert ihn, lässt Ärger und Frust an seinem Sohn aus.

„An die Arbeit, Mehmet. Hat die Sparkasse net scho wieder an bösen Brief geschriebn...?“

Wie viele junge Menschen mit ausländischen Wurzeln die im schönen Bayernland und anderswo geboren werden und aufwachsen, hat auch Mehmet ein ganz persönliches Problem: er findet keine zu ihm passende Frau.

Oder wenigstens eine nette Freundin. In der türkischen Community geht es selbst nach jahrzehntelangen Integrationsversuchen immer noch streng konservativ zu.

Man heiratet traditionell untereinander, die Cousine, die Nichte, manchmal auch, wenn die Not groß ist und der innere Druck steigt, die eigene Tante.

Mehmet leidet unter dieser konservativen Einstellung seiner Landsleute.

Er würde gerne einiges verändern, wenn er nur wüsste wie es anfangen.

Selbst bei der Auslieferung der türkischen Spezialitäten, die sein Vater in aller Herrgottsfrühe mit Allahs Hilfe herrichtet und verkaufsfertig zusammenstellt, denkt er immer wieder darüber nach. Er gibt sich Mühe, will tolerant sein nach allen Seiten, ist dem entsprechend überall beliebt, redet ohne Ende, flirtet ohne Ende, lässig, cool, oberflächlich, manchmal auch etwas großspurig, ein klassischer deutscher Halbstarker – wenn auch mit den sprichwörtlich türkischen Wurzeln.

„Achtung, der Loser kommt!“ schreit er zum offenen Fenster seines Lieferwagens hinaus, um es gleich wieder hochzukurbeln, denn sonst zieht der Fahrtwind herein und das könnte der Ware, den auszuliefernden türkisch / arabischen Spezialitäten und Leckereien, am Ende schaden.

Heute gilt es einen neu eröffneten Supermarkt zu beliefern. Der Laden gehört zu keiner der großen Lebensmittelketten, will trotzdem im stark umkämpften Markt bestehen und bietet deshalb spezielle Ware an: Homemade, wie das in gängigem neudeutsch genannt wird. Altdeutsch und wortreich diskutiert Mehmet mit dem Geschäftsführer, einem Landsmann und Erdogan Verehrer aus dem fernen Anatolien. Wer das Geld für die Neueröffnung gegeben hat, kann er nicht sagen, Betriebsgeheimnis. Mehmet will sich die Ausreden und Sprüche des Kollegen nicht länger anhören. Eine neue Geldwaschanlage, denkt er, wie in den EU Ländern immer häufiger zu finden, zumeist allerdings in Großstadtlagen und dort bevorzugt in Friseur Geschäften oder Spielhallen etabliert. Er muss weiter, sein Business, ruft Mehmet und tauscht geballte ´Five` mit dem Geschäftsführer. Gleich hat er einen treuen Privatkundenhaushalt zu versorgen. Die ´Grüne Witwe` aus Tölz, ein politisch seltenes Exemplar im katholischen Bayern, bestellt immer wieder neu, und viel, aber ansonsten läuft gar nichts. Dabei hat er die Frau immer wieder getröstet, wenn die in Bayern dominierende CSU bei Kommunalwahlen wieder die absolute Mehrheit geschafft hat, ohne Hintergedanken natürlich, unpolitisch, rein platonisch, einfach nur väterlich, sozusagen. An der Tankstelle, der nächsten Lieferstation, gibt es Ärger. Mehmet nennt es ´gamen`, er kennt das, seit er den Außendienst in Yüksels Firma übernommen hat spielt er das Spiel gerne mit.

„Pack das Zeug wieder ein, Mehmet!“ sagt der Tankwart. „ Ist doch alles schon an gegammelt. Dass ihr Türken immer bescheißen müsst …!“

Mehmet gibt sich cool, das gehört zum Spiel, gähnt ostentativ.

„Ey, da ist gar nix vergammelt. Hat mein Vater heute früh erst zubereitet. Super

frische Ware, ehrlich…“

Der Tankwart schnüffelt an den Häppchen und belegten Brötchen – das gehört zum Spiel - und verzieht angewidert sein Gesicht. „Mann, du hast’ auch schon mal besser gelogen. Das riecht doch’ n Blinder mit Krückstock, dass die Ware stinkt! Wer soll’ n das fressen, hä …?“ Mehmet weiß, dass es wie immer nur um den Preis geht, aber er will den Kunden nicht verlieren und was er jetzt an Rabatt geben wird, hat er vorher schon draufgeschlagen. „Okay, zwanzig Prozent Abschlag, okay?!“ Der Tankwart schlägt grinsend ein, im Gegensatz zu dem Ziegenficker bin i c h jedenfalls kein Loser, denkt er, und legt das gut gefüllte Tablett in die gekühlte Truhe. Mehmet zählt mit tieftrauriger Miene das Geld nach, verlässt enttäuscht tuend die Tankstelle um sich grinsend in seinen Lieferwagen zu setzen. Ein ärmlicher arabischer Haushalt ist als nächstes auf der Liste. Seit Jahr und Tag Auflage und eine Art Spende vom Vater, das Essen ist zwar von gestern, aber unverdorben, immer noch gut genießbar. Mehmet juxt mit den zahlreichen Kindern der Familie herum und verspricht das Blaue vom Himmel, nämlich dass er bald wieder kommt und dann vielmehr Zeit mitbringt um mit den Kleinen zu spielen. Ruck zuck ist abgeladen bei einem etwas abseits gelegenen Kiosk, trotz gestenreicher Debatte mit dem türkischen Inhaber Mümin, alles ohne Problem. Im Altenheim dauert es etwas länger. Mehmet macht die Pflegerinnen an, flirtet, scherzt mit mürrischen, weil unterbezahlten Pflegern. Sie mögen ihn. Und man kann ja nie wissen. Draußen hat die Bewölkung stark zugenommen. Sieht fast nach Regen aus. Schnell vergangen, der langweilige Arbeitstag. ´Feierabend` ist ein Wort, das Mehmet beherrscht wie kein anderes. Der kleine Lieferwagen mit deutsch/türkischer Aufschrift „Feinkost Yüksel“ rast über die Landstraße. Aus dem Himmel über den Wolken löst sich eine Sternschnuppe und schlägt mit extrem lautem Knall in einer Baumgruppe ein. Die Wirkung der Explosion ist gewaltig. In der Stadt, in Bad Tölz etwa, wäre jetzt Panik ausgebrochen. Kein Wunder, die Menschen sind verängstigt, genervt, jede Detonation in dieser Größenordnung kann von einem Attentat kommen. London, Berlin, Brüssel, Paris - der ganze Orient, Nordafrika, alles gefährdet, trotz intensivster Bemühungen der internationalen Politik, der freiwilligen Helfer, der vielen Sicherheitskräfte vor Ort. Die Druckwelle lässt den Transporter schwanken, er gerät ins Schleudern, fängt sich. Mehmet hält auf dem Seitenstreifen, springt heraus, öffnet die Seitentür des Wagens und sieht nach der Ladung. Die Fress-Platten für die noch anstehende letzte Lieferung sind zu seinem Ärger durcheinander geraten.

„Mann, Scheiße …“

Eigentlich flucht Mehmet nie, naja, oder selten. Sein Vater darf es nicht hören, man tut es nicht, jedenfalls nicht in deutscher Sprache, das schadet dem Ansehen der Migranten, der Integration insgesamt. Yüksel ist einfach gestrickt, Mehmet hat immer wieder den Eindruck, dass sein Vater die Welt mit zwei gänzlich verschiedenen Augen sieht, einem türkischen und einem deutschen, und deshalb niemals objektiv sein kann. Im diesem Leben jedenfalls nicht.

Eilig ordnet er die Platten neu.

Am Straßenrand steht ein Anhalter in merkwürdiger Kleidung: dunkle Hose und hochgeschlossene Jacke (indisch), eine Turban ähnliche Strickmütze verdeckt langes Haar: Fidelitas ist gut gelandet, wenn auch mit spektakulärem Knall. Ihr winkendes Handzeichen ist für einen Anhalter eher untypisch.

„Keine Zeit, nächstes Mal“, ruft Mehmet dem Typen zu, steigt in seinen Transporter und rast davon.

Nach ein paar hundert Metern, im spärlichen Licht einer auch tagsüber brennenden Bogenlampe, steht schon wieder ein Anhalter. Sieht genauso aus, wie der von gerade eben. Gleiche Mütze, dieselbe Kleidung. Und macht wieder die Handbewegung, die für einen Anhalter untypisch ist. Könnte ein Gruß sein, oder eine Art Segen, ähnlich dem, wie ihn der Papst an Ostern im Fernsehen vorführt.

Aber Mehmet schüttelt nur bedauernd den Kopf. Der Typ kann ja nicht wissen was so ein Feinkost-Spezialitäten-Lieferant für Stress hat, wenn die Zeit drängt. Memet gibt Gas, der alte Motor heult gequält auf, die Karre schleudert um eine Kurve, biegt trotz Rot an der Verkehrsampel ab – und touchiert beinahe den jetzt auf einmal dort stehenden Anhalter. So ein Idiot! Im Rückspiegel sieht Mehmet, wie sich die Person unter einer Straßenlaterne niederlässt, die extrem flackert, nicht richtig ein oder ausgeschaltet ist.

*

Wo junge Leute anderen Orts gern in einen Club gehen, bezeichnet man im bayerischen Voralpenland diesen Platz der ungehemmten Vergnügungen gerne mit dem traditionsreichen Namen ´Tenne`. In der Tat sind bayerische Discos oft umgebaute alte Bauernhäuser oder ehemalige Wirtschaften mit großzügig angelegtem Biergarten, schattenspendenden roten oder auch weißen Kastanienbäumen, der Boden, wenn möglich mit knirschendem Kies bestreut.

Die offiziellen, lautstarken musikalischen Vergnügungen finden meist ebenerdig im großen Saal des Gebäudes statt. Aber selbstverständlich verfügt jede ´Tenne` auch über ein Hinterzimmer in dem unter anderem auch verbotene Glücksspiele gespielt werden und eine besondere Art von weiblicher Bedienung die meist gern gesehene, finanziell gutgestellte Stammspielerkundschaft betreut.

In eben diesem Hinterzimmer, wer hätte das gedacht, befinden sich die Herren vom ´Underdog` Chapter, die Harley-Davidson-Motorrad Jungs Kozak, Fehrmann und Blumenauer in einem Meeting, wie man heute sagt, auch wenn

es nur um große Sprüche und Black Jack, Siebzehn und 4 oder Seven Card Stud Poker geht.

Der Spielergemeinschaft angeschlossen hat sich seit einiger Zeit Werner Reuss, eine seit Jahren geachtete Persönlichkeit im Landkreis, seines Zeichens Bankdirektor, in Wahrheit aber nur Filialleiter der hiesigen Sparkasse.

Reuss teilt gerade das Blatt aus, verzählt sich, einige Karten fallen auf den Boden.

Ein Glück, dass es gerade an der Tür klopft, in einem bestimmten Rhythmus, weil dann die Anwesenden wissen, dass kein ungebetener Fremdling Einlass begeht. Poker ist schließlich ein Glücksspiel das einer Genehmigung, einer Lizenz bedarf. Denn der Staat will am Spiel, egal wer gewinnt oder verliert,

durch steuerliche Abschöpfung beteiligt sein.

Blumenauer öffnet die Tür, der rhythmische Klopfer ist Mehmet, er trägt den Rest seiner täglichen Lieferung herein, diverse Platten mit leckeren türkischen Spezialitäten. „Keine Tricks, Reuss!“ sagt Fehrmann gerade, denn der starrt seit ewiger Zeit auf die Karten in seiner Hand, schüttelt ungläubig den Kopf, schwitzt stark. „So ein Scheiß Blatt gibt’s doch gar nicht!“

„Des sagst‘ jedes Mal, wenn du verloren hast“, stellt Blumenauer nicht ohne

Häme fest.

„Irgendwas ist faul hier!“ quengelt Reuss und erhält einen Klatscher mit der flachen Hand ins Genick. Es ist Kozak, der gerne und überraschend mit schlagkräftigen Argumenten hantiert. Gleichzeitig wendet er sich an Mehmet, quetscht zwischen Zähnen und Zigarillo ein „Was dauert da so lange?“ hervor.

„Sorry, aber mich hat beinahe ein Blitz erwischt, direkt vor mir bäääännnng-

baaaaffff-wummm!“ übertreibt Mehmet das Naturereignis.

„Selber schuld“, knurrt Kozak und legt dem Sparkassenfilialleiter einen Schuldschein vor.

„Du hängst jetzt mit zwanzig Mille, Reuss.“

Nacha unterschreibst jetzat´!“, kann Blumenauer zur Sache beizutragen.

„Spielschulden sind Ehrenschulden, jep!“, mischt sich Mehmet ungefragt ein, Fehrmann fühlt sich zu einer freundlichen Reaktion veranlasst.

„Verpiss dich, Junge. Aber plötzlich.“ Davon lässt Mehmet sich aber nicht beeindrucken, er würde nämlich gerne dazu gehören, zur Gang, zum Chapter,

zu den ´Underdogs`. Nur fehlen ihm leider die Mittel für so ein Moped, wie Harley Fachleute ihre 20.000 Euro Krafträder gerne bezeichnen. Mehmet muss deshalb unbedingt Kohle machen, egal wie und woher der Kies kommt. Im Pokerspiel sieht er Chancen.

„Lasst mich ´ne Runde mithalten, okay?“

„Wie vui Göid hosd nacha?“ Blumenauer meint es nicht böse, sollte eher ein Witz sein.

„Gehör’ ich zu euch oder nicht?“ Diese Frage stellt Mehmet den Jungs vom Chapter öfter. Die Antworten sind immer gleich, weshalb Kozak, und er tut es fast liebevoll wenn auch mit leicht gereiztem Unterton, vor sich hin nuschelt

„Grüß den Papa, Kleiner. Wir kommen wieder vorbei.“

„ D e r wird sich freuen!“ Mehmet ist frustriert, aber weil Kozak immer schnell ungeduldig wird und sich jetzt bedrohlich aufrichtet, verdrückt er sich schnell. * An der Verkehrsampel hält der Lieferwagen diesmal ordnungsgemäß bei ROT. Mehmet hat nun alle Zeit der Welt, er kurbelt das Fenster herunter, steigt gemächlich aus und sieht sich um. Aber der Anhalter ist verschwunden.

*

Im Hinterzimmer der ´Tenne` ist das Pokerspiel zu Ende gegangen. Die Stimmung gereizt. Fehrmann hält Reuss erneut den Schuldschein unter die Nase, wedelt damit hin und her, vertreibt dadurch auch den fiesen Geruch, der immer noch aus Kozaks inzwischen erkalteten Zigarillo Stumpen aufsteigt.

„Zwanzigtausend sind doch kein Weltuntergang, Mann, noch dazu wenn man an der Quelle sitzt.“ Und Kozak assistiert liebevoll, ohne seine extrem geweißten Zähne auseinanderzukriegen.

„Und du sitzt doch direkt an der Quelle, mein Freund.“

„Er kannt’ natürlich auch an ´Hartz` beantragen un hinterher in Raten abzoin, des wärn nachher wie vui Jahr, hähähähä…?“ Nur Blumenauer selber kann über seinen humoristischen Einfall lachen.

Reuss schon gar nicht. Er übt sich in Schweigen. Um die Angelegenheit etwas voranzubringen, zieht Kozak jetzt einen Revolver aus der Tasche. Mit der vorgetäuschten Freundlichkeit eines Marlon Brando, dem berühmten Paten aus Francis Ford Coppolas gleichnamigem Film Epos, lässt er die Trommel rotieren und legt die Waffe vor Reuss auf den Tisch. Das wäre Marlon Brando allerdings nie eingefallen. Dafür hatte er seine Leute.

Kozak muss darüber nicht groß nachdenken. Er bleibt lieber Clint Eastwood und quetscht ein cooles „Noch ´ne Lösung“ zwischen den zusammengepressten Zähnen hervor.

Die Schweißperlen auf Reuss´ Stirn vermehren sich. Wie hypnotisiert starrt er auf den Revolver. Schließlich gibt er sich einen Ruck und unterschreibt.

Die anderen lachen bösartig, oder nur erleichtert? Man weiß es nicht zu dieser Zeit. Aber Zeiten ändern sich.

*

Mehmet fährt mit geöffneten Fenstern und lauter Musik durch Bad Tölz. Hin und wieder sieht er Menschen auf dem Weg zur nächsten Wirtschaft, oder zur Arbeit. Das gibt es auch noch, denkt er. Hinter zwei Mädchen pfeift er her. Die eine zeigt ihm den Stinkefinger. Mehmet grinst, wirft ihr einen Handkuss zu.

Den Lieferwagen parkt er direkt vor dem Friedhof, greift nach einem kleinen Blumenstrauß auf dem Beifahrersitz, der aus Wassernot schon ziemlich verwelkt aussieht, öffnet eine kleine, laut quietschende Seitentür in der Friedhofsmauer. Besuche der letzten Ruhestätte von Hinterbliebenen laufen in einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ab. In Japan etwa, aber auch anderswo, sind gemeinsame Treffen der Verwandtschaft in Form eines Picknicks, mit Musik aus einem tragbaren Radiogerät, durchaus üblich. Man zeigt auf diese fröhliche Art und Weise, die immer und ewig währende tiefe Verbundenheit der Lebenden mit den Dahingeschiedenen. Im ägyptischen Kairo wohnen einige sogar auf Friedhöfen. Das ist kostengünstig, keine Miete, und zugleich fühlt sich der Rest der Familie den Verstorbenen rund um die Uhr nahe. So jedenfalls erzählt es der deutsch sprechende Fremdenführer im vorbei fahrenden Reisebus und erfreut sich dabei an den schaudernden Touristen. In Deutschland nimmt man den Totenkult anders wahr. In einer Spannweite von ernst bis dramatisch. Das teure, dafür aber äußerst stattliche Familiengrab wird von früh bis spät gehegt und gepflegt. Manch trauernde Witwe verwandelt die letzte Ruhestätte in eine Art Schrebergarten. Blattgold gerahmte Fotos des verstorbenen Gatten verzieren ein hochglanzpoliertes Granitgestein, dicht umstellt von Zierbüschen, rustikalen Sträuchern und größeren Bäumen, belegt mit je nach Jahreszeit wechselnden, üppigen Blumenarrangements, umschlungen von Girlanden und Trauerflor mit eindrucksvollen Zitaten deutscher Dichter und Denker oder sehr persönlichen Erinnerungen an gemeinsame Stunden, Tage, Jahre in meist gefühlvollen Reimen, die den Betrachter zu Tränen rühren. Zugleich aber sind Deutschlands letzte Ruhestätten oft eindrucksvolle Parklandschaften, es gibt sie in Hamburg oder in Leipzig, aber auch die schlichteren Friedhöfe in München und Berlin sind sehenswert, verfügen mit ihren uralten Baumbeständen, den Buchen, Birken und Tannen über einen stillen geheimnisvollen Zauber, der manchen Trauernden tief durchatmen lässt, in oft sogar fröhlich stimmt. Vor einer schlichten Grabstätte mit der Aufschrift JASMIN bleibt Mehmet stehen. Ein „Servus, Mama“ bringt er leise heraus, was ihn in seiner plötzlichen Schüchternheit liebenswert macht. Er legt den leicht verwelkten Blumenstrauß ab und bleibt dann unschlüssig stehen. Hinter einem großen, weißen Marmor Gedenkstein mit Engelsfigur gibt es Bewegung: Fidelitas beobachtet Mehmet, der jetzt auf sie aufmerksam wird.

„Ey, hast du ´n Problem, oder was?“ Er will auf Fidelitas zugehen, da klingelt sein Handy. Yüksel, wie immer in Sorge um den einzigen Sohn, wenn er sich nicht gleich meldet nach getaner Arbeit. Mehmet nerven diese Kontrollanrufe seit langem, weshalb er kurz angebunden ist.

„Papa, was gibt’s? Ja, klar hab’ ich pünktlich geliefert. Tag und Nacht. Bin jetzt grade in der Garage wegen dem Rest Obst. Nein, Papa, hab ich dir doch mein Wort gegeben: Erst die Arbeit – dann das Vergnügen, okay?! … Mach ich Papa, bin gleich fertig mit dem aufladen…“

Er klappt das Handy zu und sieht sich suchend um: Fidelitas ist verschwunden.

*

Der fachmännisch vor Yüksels Lebensmittelladen aufgebaute Obststand wird von einem Typen sowas von gründlich betrachtet und untersucht, dass ein Beobachter denken könnte, der Kerl mit der Strickmütze ist einer von diesen emsigen Lebensmittelkontrolleuren, oder noch schlimmer, ein bekannter Fernsehkoch, der im Geist bereits ein Gutachten formuliert, um die ausgestellte Ware in höchst professionellem Sinne, aber je nach Laune, positiv oder negativ zu bewerten.

Die Ware bestens, Integration gelungen, Gesetze befolgt, keine Beanstandungen müsste es in einem Bericht über Feinkost Yüksel heißen, obwohl der Inhaber einen Migrationshintergrund hat, weshalb immer Vorsicht angesagt ist und man gegenteiliges nie mit Sicherheit ausschließen kann.

Fidelitas kennt das Problem dieser gefürchteten, geschäftsschädigenden oder auch geschäftsfördernden Experten-Beurteilungen nicht, denn sie ist weder Fernsehköchin noch eine strenge, staatlich geprüfte Überwachungskraft für Lebensmittel – sie hat eine Mission zu erfüllen und ist deshalb an allem und jedem interessiert was sie nicht kennt und schon deshalb neugierig macht.

Äpfel allerdings sind ihr nicht unbekannt, jeder Engel in den Himmlischen Heerscharen kennt schließlich die Story von Adam und Eva im Paradies und der bösen Schlange mit dem süßen rotbackigen Äpfelchen. Aber probiert, also gegessen, hat sie so ein verführerisches Stück Obst natürlich noch nie, wie denn auch, bei dieser teuflischen Vorgeschichte.

In einem hellen Feinkost-Yüksel Arbeitsmantel, mit Eimer und Leiter, kommt Yüksel aus seinem Geschäft, um ein paar kaum sichtbare Flecken an der Schaufensterscheibe wegzuwischen.

Höflich, Engel sind traditionell zuvorkommend, hilfsbereit und höflich, das weiß man und Fidelitas macht da keine Ausnahme, denn sie gehört nun mal zu den Guten. Der einzige bekannte bösartige Engel ist übrigens Luzifer. Der Name bedeutet wörtlich übersetzt ´Lichtträger`; ein strahlend schöner Engel soll er, gewesen sein, ein Liebling Gottes, der durch eigenes Verschulden zum völligen Außenseiter und schließlich zum Fürsten der Finsternis wurde. Schlichtere, also nicht Wikipedia gebildete Gemüter, kennen den bösen Luzifer nur unter dem Spitznamen ´Teufel` - und dass er ein schlimmer Finger ist haben die meisten von ihnen schon in der Kita gelernt.

Die Engelin Fidelitas wird später von ihm zu berichten haben, jetzt aber tritt sie, wie oben schon gesagt, höflich etwas zurück und stößt dabei mit dem Fuß gegen das Gestell mit dem Obst. Ein halbes Dutzend Äpfel fallen herunter. Der heute schon mehrfach geplagte Yüksel stöhnt genervt auf.

„Bitte…“

Sofort bückt sich Fidelitas und beginnt das Obst aufzuheben.

„Niemand will kaufen das!“

„Ich nehme es“, sagt Fidelitas und fühlt sich sowas von schuldig. Yüksel aber ist es zufrieden, wiegt das Obst ab und packt es in eine umweltfreundliche braune Papiertüte mit der gut lesbaren Aufschrift ´Feinkost-Yüksel`.

„Vier achtzig.“ Fidelitas sieht ihn fragend an.

„Ist vier Euro achtzig, Sonderpreis, alles zusammen…“ Fidelitas blickt weiter ratlos, dies macht dem gutmütigen Yüksel sofort ein schlechtes Gewissen. Zum Glück hält jetzt Mehmet mit seinem Lieferwagen vor dem Geschäft.

„Auslieferung fertig, Papa!“ Yüksel auf Türkisch (hier gleich in der Übersetzung)„So was hast’ noch nicht erlebt. Kauft groß ein und kann nicht bezahlen.“

„Wer?“ fragt Mehmet überflüssiger Weise, denn außer dem Typen mit der Strickmütze ist niemand zu sehen. Der allerdings kommt ihm bekannt vor.

Yüksel zeigt auf Fidelitas. Mehmet stutzt, steigt dann aus dem Transporter.

Um den Vater nicht zu enttäuschen, trägt er jetzt ebenfalls den hellen reinlichen Arbeitsmantel von ´Feinkost Yüksel`.

„He, du! Hast’ kein Geld? Einkaufen und kein Euro!“ Er kommt näher, mustert Fidelitas von oben bis unten.

„Kenn‘ ich dich, he?! Hab dich doch schon gesehen – am…ääh, bei unserer Garage, ja?!“ Und da Fidelitas ihn nur stumm ansieht, weil um eine Antwort verlegen, macht er den bemützten Typ weiter an.

„Aha, bist du stumm! Kannst nix reden, was?!“

Fidelitas, nun doch einigermaßen überrascht von Mehmets aggressivem Auftritt, mustert ihn eindringlich, schweigt aber weiter.

„Hast’ was gegen uns? Wir sind dumme Ausländer, ja? Sind wir nicht, kleines Arschloch. Gute Steuerzahler sind wir, deutsche!“

„Lass ihn, Mehmet. Er ist ja friedlich.“ Dem Gutmenschen Yüksel ist die Sache unangenehm. Genau das macht Mehmet immer so wütend.

„Friedlich! Echt? Kaufen und nicht zahlen und friedlich! Haben wir nicht schon oft mit Zitronen gehandelt, was Papa?!“

Yüksel will den Ärger ausgleichen und zeigt auf mehrere Kisten und Kartons im Laden.

„Soll er dir helfen einladen dafür, Mehmet.“

„Guck seine Hände an! Ist kein Typ der arbeitet! - Ey, hast du gehört was Papa gesagt hat?“

Fidelitas starrt auf die Kisten und Kartons, schließlich nimmt sie eine Kiste hoch und trägt sie zum Lieferwagen.

„Wir müssen ein Sonderangebot machen, Mehmet.“

„Warum? Schlechte Ware – gut verkaufen! Ist Marktwirtschaft, Papa.“

„Sind wir Gauner, oder was?“

Fidelitas hat sich auf einer leeren Obstkiste niedergelassen und wartet geduldig. Mehmet dagegen ist ungeduldig, zunehmend gereizt.

„Ey, was ist?“

Er sieht in den Lieferwagen und kann es nicht glauben: alle Kisten und Kartons sind bereits eingeladen. Auch Yüksel staunt einigermaßen.

„Bravo, bravo! Gute Arbeit, schnelle Arbeit! Soll er dir helfen bei der nächsten Auslieferung.“ Er klatscht erfreut in die Hände und lächelt Fidelitas an.

„Darf ich… einen Apfel …?“

„Was fragst du, sind ja deine.“ Im Gegensatz zu seinem Vater versucht Mehmet immer wieder den großen Zampano zu machen, obwohl ihm Angeber Typen eigentlich zuwider sind. Yüksel kommt mit einem frischgewaschenen weißen Arbeitsmantel aus dem Laden und hält ihn Fidelitas hin.

„Feiner Anzug wird nicht schmutzig. Leichte Arbeit – zehn Euro. Prima gut?!“

Fidelitas schlüpft umständlich in die ihr hingehaltene etwas zu enge Kutte, und Yüksel steckt ihr 10 Euro in die Brusttasche.

Während Mehmet schon zum Transporter geht und die Türen schließt, schiebt der Vater Fidelitas vor die blank geputzte Schaufensterscheibe, damit der neue Mitarbeiter sein Outfit bewundern kann.

„Papa!“ Mehmet ist genervt, den Lieferwagen hat er bereits gestartet.

„Was ist jetzt mit dem?“

Yüksel sieht zu Mehmet hinüber. Deshalb kriegt er auf die Entfernung nicht so recht mit, dass Fidelitas k e i n Spiegelbild hat. Egal, der Typ dreht sich schon wieder um und fummelt an den Knöpfen der Kutte.

„Ich bin zu dick für die schöne Jacke, Herr Feinkost...?“

„Yüksel“, sagt Yüksel, und lacht. Und dann steckt er Fidelitas noch ein nagelneues Digital Notizbuch mit Punktpapier und einem Kamerastift zu.

„Is‘ ein Geschenk von meinem Sohn. Aber so a Digitalisierung, brauch ich nicht. Schön aufschreibn, was gut ist für‘ s G´schäft, nacha is‘ gut für dich a.

Ihr Ausländer müsst zuerst amoi Deutsch richtig lesn un schreibn lerna, gei?!

*

In der Fahrgastzelle des Lieferwagens hat Mehmet die Rolle des Deutschlehrers bereits übernommen.

„Will immer was Gutes tun, der Papa. Integriert sein, angepasst. Jeder Penner kriegt gleich ein’ Job von ihm. Als ob ich den Scheiß nicht allein rocke.“

Er schaltet das Radio ein, steuert den Transporter lässig mit einer Hand die Hauptstraße entlang. Fidelitas kaut am ungewohnten Apfel.

„Eine Frau Jasmin liegt auf dem Friedhof...“

„Ey, muss der Papa nicht wissen, dass ich da manchmal vorbei fahr, okay?“

Mehmet ist verunsichert. Fast ein wenig ängstlich. Immer hat er dem Vater versprechen müssen: Niemals lügen! Lügen haben kurze Beine! Lügen erschwert die Integration. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn

er auch die Wahrheit spricht!

Aber Deutsche lügen auch, Papa, hat er seinem Vater geantwortet und dann

zu hören bekommen: Das ist etwas anderes!

Wieso?

Wir sind hier Gäste, Mehmet.

Nein, Papa, wir sind hier zu Hause.

Manchmal, hatte Yüksel nach langer Pause gemurmelt, manchmal ja.

„Seit wann liegt sie da, die Frau?“ Fidelitas ist neugierig, auftragsbedingt sozusagen.

„Spionierst´ mir nach?!“

„Woran ist sie gestorben?“

„Keine Ahnung. Hab’ sie nicht gekannt. Vielleicht bei meiner Geburt, was weiß ich.“

„Sie ist deine Mutter, die Frau?“

„Mann, Mann, du bist vielleicht ein komischer Heiliger. Ey, wir haben andere Sorgen, okay. Wie man Kohle macht, zum Beispiel. Für geile Klamotten, Urlaub auf Mallorca, ein Motorrad, schöne Frauen, ein guter Drink, ein Cocktail! Für

O b s t einkaufen, Jep!“

„Jep?“

„Jep heißt auf Deutsch okay! Okay?“

„Okay“, sagt Fidelitas und tippt das Wort in ihr Digital Notizbuch.

„Geld - ist sehr wichtig?“

„Wenn man keins hat schon“, grinst Mehmet und pfeift hinter einer Frau her,

die gerade die Sparkasse verlässt vor der sie eben ankommen. Er parkt den Lieferwagen ordnungsgemäß auf der vorgeschriebenen Parkfläche.

Im weitläufigen Raum für den Kundenservice sieht Reuss von seinem Schreibtisch hoch. Mehmet, Fidelitas im Schlepptau, betritt die Sparkasse.

Sein Bayerisch ist nicht vom urigsten und auch nicht der Tölzer Region zuzuordnen. Könnte eher München-Solln sein oder vielleicht doch vom Hasenbergl.

Der Nichtbayer muss dazu wissen, was viele original echte Bayern meist nicht wissen: Bairisch ist nicht gleich Bayerisch. Ein g´scherter Augsburger tut

sich möglicherweise hart im oberfränkischen Bamberg, ein Regensburger in Rosenheim. Und selbst in München ist die dialektische Vielfalt zwischen den Ortsteilen Obermenzing und Giesing derart unterschiedlich, dass nur wenige Eingeweihte in diesem Sprachgewirr rausfinden, wo der Betreffende herkommt, ob er ein Hiesiger oder ein Doiger ist.

„Grüß’ Eahna Gott, Herr Reuss. Schon wieder frisch und munter bei der Arbeit nach langer Nacht?! Brav. Die Kontoauszüge und noch zweihundert Euro

Wechselgeld. Bitt´schön.“

Reuss ist peinlich berührt, um es bayerisch zu sagen: zefix saumäßig wütig, ist er, weil, die werden immer frecher, die Zuwanderer. Der Feinkost Yüksel ist zwar lange schon ein guter Kunde und sein Laden hat der Sparkasse einiges an Gewinn eingebracht in den letzten Jahren, nicht zuletzt weil die Zinsen von Yüksels Überziehungskredit nach wie vor hoch sind, viel zu hoch, nämlich im zweistelligen Bereich, und dennoch werden sie ohne Widerspruch vom Geschäftskonto abgebucht. Ein bisschen Häme kann sich der Filialleiter deshalb nicht verkneifen.

„Ist schon wieder eng auf eurem Konto. Was macht der Umsatz, Mehmet?“

„Umsätze sind nicht wichtig, Herr Direktor“, antwortet Mehmet frech. „Auf den Gewinn kommt’s an, gei! Is´ genau wie beim Poker, Herr Reuss, vastengans?!“

Schon hat Reuss wieder Sodbrennen, er schiebt Mehmet die Bankauszüge rüber, der zeigt sie lächelnd Fidelitas.

„So schaut´s aus, wenn man k e i n Geld hat, Kollege.“

„Siebzehntausend“, liest Fidelitas ab.

„Ja, aber im Soll“ grinst Mehmet.

„Im Soll?“ Fidelitas scheint nicht zu verstehen.

„S c h u l d e n, sagt der Herr Reuss. Nix wie Schulden habt ihr!“ Und dann äfft er einen Satz des Filialleiters nach, den Reuss offenbar immer wieder gebraucht hat. „Mein Gott, einmal möchte ich erleben, dass die Beträge in eurem Auszug hinter einem Pluszeichen stehen!“

Fidelitas studiert konzentriert den Auszug, biegt ihn hin und her, sieht auch auf die Rückseite und sagt dann, sich verlegen unter der Wollmütze kratzend.

„Aber die stehen hinter dem Pluszeichen.“ Mehmet lacht laut auf.

„Nachher san S´ jetzat z´friedn, Herr Direktor!“

Er nimmt Fidelitas den Kontoauszug weg und sieht nach. Das Lachen vergeht ihm.

„Ein Buchungsfehler. Krass. Ist gar nicht möglich.“ Rasch gibt er den Auszug an Reuss weiter. Der stutzt, bedient dann seinen Computer. Fidelitas macht sich an ihrem Digital Notizbuch zu schaffen.

„Moment noch, bitte“, sagt Reuss und hackt weiter intensiv auf die schuldlosen Computer Tasten. Mehmet kann sich nicht beruhigen, schüttelt immer wieder den Kopf, kratzt sich nervös in den Haaren.

„Verarschen kann ich mich selber. Irre witzig!“

Reuss hat jetzt auf Umwegen erneut Yüksels Geschäftskonto aufgerufen. Ein Irrtum ist nicht möglich, die Zahlen sind im Plus, und in so einem Fall gilt wie immer das uralte Gesetz aller Geldhäuser: die Bank irrt sich n i e!

„ Die Buchung ist korrekt, Herr Mehmet. Würde mich auch wundern. Unser Haus irrt sich nie.“ Fidelitas tippt zur Erinnerung eine Notiz in ihr Gerät und Mehmet denkt: Scheiße, wie ist das möglich. Unabhängig davon aber beschließt er zu handeln.

„Vielleicht hat Allah ein Wunder gemacht und eingezahlt für meinen Papa,

wer weiß?“

„Der Posten ist jedenfalls durchlaufend, Herr Mehmet.“ Wider Willen muss Reuss die Richtigkeit des Kontoauszugs noch einmal bestätigen.

„Ja, dann“, und jetzt gibt sich Mehmet noch lässiger und siegessicher. „Dann …äh … möcht’ ich gern zehntausend cash mitnehmen, Herr Reuss. Geht doch, oder?“

„Selbstverständlich, Herr Mehmet“. Reuss leidet und muss nun auch noch, während er den Auszahlungsschein schreibt, weitere Provokationen von Mehmet hinnehmen.

„Wann sieht man sich mal wieder, Herr Direktor?!“

„Jeder Zeit. Dann weiß ich wenigstens, wo die Kohle geblieben ist, hahaha.“

„Jep!“ sagt Mehmet und verstaut das Geld in einer Ledertasche. „Jedenfalls nicht in den Sparkassen Taschen!“

Gut gelaunt haut er Fidelitas auf die Schulter.

„Kommst’ mit, Kleiner. Gehen wir heut’ Abend in die Tenne, kannst Du was lernen, okay?“

„Jep!“ sagt Fidelitas im Weggehen und es klingt schon ganz selbstverständlich, denn um was zu lernen, dazu ist sie ja hier auf Erden. Ob es allerdings für die Emanzipation gut ist, weiß sie nicht, das wird man sehen. Vielleicht läuft was in der ´Tenne`.

Reuss sieht den beiden nach, drückt dann eine Nummer auf seinem Handy. Er spricht vorsichtig und sehr leise.

„ Ich bin´s. Ist Kozak da?“

*

Was Reuss seinem Kumpan aus der Poker Runde zu berichten hat, darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Reine Spekulation, allerdings mit hohem Wahrscheinlichkeitsgehalt: Er wird vermutlich, um sich selbst ins rechte Licht zu rücken und damit von seinen beim Kartenspiel gemachten Schulden abzulenken von einem gerissenen Betrüger berichten, dem es irgendwie gelungen ist, mit welch raffiniertem Trick auch immer, das Konto vom Feinkost Yüksel so zu manipulieren, dass es plötzlich ein Plus aufweist, statt den ewigen Soll Zahlen. Wie der Typ die seltsame Geldvermehrung hingekriegt hat wäre herauszufinden, denn eines ist klar: Die Kohle ist auf dem Konto. Ganz real.

Mehmet und Fidelitas kurven durch Bad Tölz, auf der Suche nach einem der seltenen Parkplätze. Mehmet hat den Schock über den unverhofften Geldsegen noch nicht überwunden. Die Sache gibt ihm, genau wie dem Herrn Reuss von der Sparkasse, ziemliche Rätsel auf.

„Fragen wir meinen Vater, wo die Mäuse herkommen.“

„Die Mäuse?“

„Sagt man so, anstatt Kohle.“

„Kohle?“

„Ey, dich haben die Zigeuner im Trab verloren, was? Sagt man so. Kohle ist Geld, okay?“

„Okay.“

„Und der Papa wird sagen: Ist Allahs Wille, lass uns nachschauen, was sagt der Koran dazu.“

„Der Koran?“

„Mann, bist du blöd, oder was?“

Vielleicht ja, vielleicht nein. Mehmets Beifahrerin ist die Ruhe selbst, kaut genüsslich an ihrem Apfel. Von einem Koran aber hat sie offenbar auch noch nie gehört. Deshalb die Nachfrage, verbunden mit einer Notiz.

„Der Koran?“

„Das heilige Buch des Islam. Es ist sowas wie die Bibel, nur für Muslime.“

„Viele Muslime lesen den Koran?“ Fidelitas´ Frage klingt naiv, aber genau besehen könnte was dran sein. Mehmet wird darüber nicht nachdenken. Noch nicht.

„Alle Muslime lesen ihn. Die Strenggläubigen und die Liberalen.“

„Du bist strenggläubig?“

„Liberal.“

„Was macht es für einen Unterschied?“

„Es gibt liberale Muslime, aber keinen liberalen Islam“, sagt Hamed Abdel-Samad. „Aber der verbreitet schlechte Ansichten.“

„Sagt wer?“

„Sagen die Strenggläubigen. Vieles steht drin, weißt du, und vieles steht nicht drin. Genau wie in der Bibel.“

„Was steht in der Bibel?“

Mehmet findet das komisch. Er kichert vor sich hin.

„D e i n e r Bibel!“

„Meiner Bibel. Jep.“

„Dann kennst’ auch die Story mit dem Apfel. Adam und Eva?“

Fidelitas überlegt ein wenig, dann sagt sie, weiter am Apfel kauend.

„Der Baum der Erkenntnis. Das steht in der Bibel. Jep. Aber nicht, wie er genau schmeckt, der Apfel. Nur süß. Süß schmeckt er.“

„Bist du gläubig, ein guter Christ, ja?!“

„Alle Menschen sind gute Christen.“

„Oder gute Juden, Buddhisten, Hindus, Atheisten, Bahai, Agnostiker, Baptisten, griechisch Orthodoxe, russisch Orthodoxe, Muslim und weiß der Himmel was noch alles, sagt der Papa. Er hat immer Antworten auf alles. Und wenn nicht, fragen wir …“

„Den Koran?“, fragt Fidelitas vor dem nächsten Apfelbiss.

„Allah!“

„Allah?“

„Wir beten zu Allah. Und du? Zu wem betest du …?“

Der Transporter hält vor einer Döner Bude. Mümin, der Inhaber, winkt Mehmet und ruft ihm zu „Kannst’ es anschauen, Mehmet.“

Mehmet strotzt geradezu vor Selbstbewusstsein, zugleich mimt er vor Mümin den Fürsorglichen, den generösen Spender. Was Wunder, zum ersten Mal hat er eine große Summe Bargeld in der Tasche. Scheißegal wo die Kohle herkommt, Geld beruhigt, motiviert mächtig, macht großzügig und stolz.

„Hunger, Kleiner?“

Ohne die Antwort von Fidelitas abzuwarten, bestellt er Döner.

„Gib mir zwei, Mümin. Der Kleine hat Kohldampf.“

Mümin geht das Großkotzige der heutigen Jugend schon lange auf den Sack. Und außerdem frozzelt er gerne, in holprigem bayerisch. Hier bietet sich mal wieder eine Gelegenheit.

„Ja da schau her, Mehmet, hast´ an neuen Freund. Bist’ a Schwuli-Schwuli jetzt, was?!“

„Und du wieder mal neidisch, weil dir alle Kerle davon laufen!“

„Gehn wir in die warme Sauna, Mehmet. Bringst eahm mit?“

„Der wird an dir Saubär Freude haben. Wo hast’ es?“

„Hinten“.

Womit klar ist, dass neben dem Dönerverkauf im Kiosk ´hinten` noch andere Geschäfte laufen. Fidelitas ist damit beschäftigt sich Notizen zu machen,

„Okay!“ sagt Mehmet, winkt ihr mitzukommen und gibt ihr einen Döner.

In einem Verschlag hinter der Bude steht zwischen Kisten und Kästen ein betont sportliches Motorrad in grellen Farben.

„Geil, he?!“ Mehmet knufft aufgeregt Fidelitas in die Rippen. Mümin streichelt mit der flachen Hand über den elegant gestylten Sattel des Ungetüms.

„Kannst’ gleich mitnehmen. Aber vorher …“ Er macht die typisch deutsche Daumen/Zeigefinger Bewegung des Geldzählens.

„Die Anzahlung! Zwanzig Prozent! Tausendsechshundert Euro.“

„Oder: Zwanzig Prozent Nachlass – bei cash, okay?!

Mehmet, ganz cooler Gewinner; Mümin, ahnungslos, will sich kaputt lachen.

„Woher hast’ achttausend Euro, mein Freund? Vom Lotto?“

„Heute hat Allah meine Augen geküsst!“

In solchen Fällen, das weiß Mehmet genau, sind türkische Weisheiten immer gut angebracht. Lässig, sogar superlässig holt er den Packen Geld aus seiner Ledertasche und zählt langsam aber mit großer Geste 7.000 Euro ab, gibt Mümin dann die Hälfte und steckt den Rest wieder ein.

„Ohne Probefahrt geht nix.“

Mümin ist beeindruckt, ist sogar sehr beeindruckt, zählt die Scheine nach, hält sie gegen das Licht, prüft sie nochmal, zerknittert einen und ist jetzt noch mehr als außerordentlich beeindruckt, das spürt auch Fidelitas. Richtig einordnen aber kann sie dieses Prozedere nicht, macht sich dennoch Notizen.