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1793 kehrt Kilian Kramer nach langen Studienjahren in seine kleine Heimatstadt zurück. Sein Vater, der örtliche Schultheiß, wünscht sich nichts sehnlicher, als dass sein Sohn in den Dienst des Kurfürsten entritt. Kilian aber sträubt sich. Er träumt davon, festgefahrene Zwänge gegen eine selbstbestimmte Freiheit zu tauschen. Nun stürmt tatsächlich das französische Revolutionsheer heran und bringt die alte Ordnung ins Wanken. Durch die Begegnung mit einer schönen Fremden und einem französischen Offizier gerät Kilian zwischen die Fronten von Alt und Neu. Axel-Johannes Korb zeichnet ein Panorama der politischen und geistigen Strömungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, das Bildnes einer Epoche am Scheideweg, ein Spannungsfeld zwischen Mystik und Vernunft, zwischen Absolutismus und Republik, zwischen Liebe und Hass. Eine Geschichte, wie sie gewesen sein könnte. Und ein Kabinettstück menschlicher Psyche.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2021
Über den Autor
Axel-Johannes Korb, geboren 1979, ist Jurist. Seine Studien- und Referendarsjahre absolvierte er in Frankfurt, Berlin, Wien und Rom. "Der Makel der Freiheit" ist sein zweites Buch. Sein wissenschaftliches Werk zur Rechts- und Staatslehre der Weimarer Zeit wurde in seinem Veröffentlichungsjahr unter die sieben juristischen Bücher des Jahres gezählt. Axel-Johannes Korb arbeitet in der Frankfurter Finanzwelt und lebt in Seligenstadt am Main. "Der Makel der Freiheit" entstand im Jahr 2010 zu größten Teilen in Italien.
Axel-Johannes Korb
Der Makel der Freiheit
Roman einer Revolution
2. Auflage
© 2021 Axel-Johannes Korb
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-27932-2
Hardcover:
978-3-347-27933-9
e-Book:
978-3-347-27934-6
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Prolog im Himmel
Aus vielen Körnern wird ein Brot. Und aus den Trauben wächst der Wein. Aus hundert Strichen formt sich ein Bild unter dem Pinsel des Malers. Menschen und Orte reihen sich aneinander wie Perlen auf eine Schnur. So ergibt das Einzelne sein Ganzes.
Die Geschichte, die sich in diesen Blättern erzählt, schöpft aus dem Fundus des Welttheaters, an dessen Firmament abertausende Sterne leuchten. Doch das, was hier zur Unvergänglichkeit geschöpft, was gleichsam aus der Urflut gezeugt wird, was dem Dunkel zu entreißen und ans Licht zu setzen ist, soll nicht hoch hinausgehen, sondern tief hineinführen, nicht allgemein gesprochen, sondern ganz bestimmt erzählt sein.
Schon schaut man aus Himmelshöhen auf die Erde hinab. Schon sieht man, wie sich blaues Meer und grünes Land, Wüsten und Felsengebirge voneinander trennen. Da sind die Berge und Täler, die Flüsse und Seen, die Dächer der Städte, die Früchte auf den Halmen und die Wipfel der Bäume.
Es lüftet sich der Vorhang. Er gibt den Blick frei auf jene, die vom Staub genommen sind. Aus ihnen schält sich ein Mensch heraus, der eilig seinen Weg beschreitet. Und schon zieht unbegreiflich schnell umher der Erden Pracht.
I
Kilian Kramer packte seine Siebensachen im schwachen Licht der Kerze. In der Morgendämmerung brach er auf. Noch heute wollte er heimatliche Gefilde erreichen. Aus der Vergangenheit, diesem erstarrten und vereisten Bild, musste wieder Gegenwart und Leben werden. Der ärmliche Gasthof dieser Nacht sollte die letzte Station seiner Reise gewesen sein. Mit eisernem Willen war der große Tagesmarsch zu schaffen.
Er gönnte sich keine Rast. Die Stunden vergingen schnell. Der Morgen schien kurz. Der Mittag verflog. Kilian war nun müde und fror. Die Feuchtigkeit wandelte sich in Frost. Ringsherum lagen die Felder still und brach. Das Braun ihrer Erde vermischte sich mit dem Grau des Himmels. Seine Beine schmerzten vor Ermattung. Die Kälte drang von der Erde herauf und befiel seine Glieder. Die Arme hatte er über Kreuz vor den Körper geschlagen. Der Hut saß ihm tief im Gesicht. Er neigte sich nach vorne und stolperte über die steinige Landstraße.
Weit und breit war Stille, nichts als Acker, mancherorts unterbrochen von Nadelhainen. Die Dörfer, durch die er kam, wirkten verlassen. Frauen zapften an den Brunnen eisiges Wasser, trafen mit anderen zusammen und beschränkten ihre Unterhaltungen auf das Notwendigste. Er spitzte die Ohren, verlangsamte seinen Schritt und lauschte. Sie beklagten sich über den harten Winter, berichteten von Krankheit und Sterben, bestärkten sich gegenseitig in der Hoffnung auf Sonne und Wärme.
Kilian achtete auf das kantenfreie Singen der Sprache mit ihrer Verschleifung der Silben. Sie schien ein einziges, in ihren klingenden Lauten dunkel gefärbtes und dahinrauschendes Zischen zu sein. Er erkannte dieses Idiom als das seiner Heimat wieder. Es konnte nicht mehr weit sein bis nach Hause. Die Zuversicht, die ihn beim Aufbruch in Leipzig im Gedanken an das Altvertraute, den Ort der Geburt, erfasst hatte, mischte sich nun mit Beklemmung und der Befürchtung, dass sich in diesem Landstrich nicht das Geringste verändert, dass sich das Alte in der Gegenwart nicht bewährt habe.
Der heimatlichen Sprache war er in den letzten Jahren entfremdet worden. Nur ganz leicht trübte das umrisslose, dunkle Zischen noch seine Worte und Sätze, genug zwar, um in der Fremde als Kind des Pfaffenlandes aufzufallen, jedoch zu wenig, um es mit dem knochenlosen Dahinrauschen aufnehmen zu können.
Die deutlichen Umrisse seiner Silben waren das äußere Zeichen einer innerlichen Veränderung. Sie standen für den neuen Menschen, den die fremde Metropole aus ihm gemacht hatte, eine Veränderung, die sich zunächst ungewollt und wie von selbst vollzogen, die er jedoch bemerkt und für gut befunden hatte. Jetzt war ihm, als höre er in seine Vergangenheit hinein, als bedrohten ihn die Mächte von Kindheit und Jugend. Ihm war, als stürmten sie an ihn heran, als wollten sie ihn an sich reißen und mit eisernen Armen umklammern. Er aber würde sich ihnen entgegenstellen und für die Freiheit kämpfen.
Er eilte zügig durch die grauen Dorfstraßen und folgte den Wegen bis zum Fluss. Er wanderte hinunter und immer weiter. Auf offener Flur wurde jedes Geräusch gedämpft. Kaum ein Laut entstieg der Natur. Alles schien auf den frostigen Zustand seines Gemüts Rücksicht zu nehmen, indem es sich vornehm zurückhielt und jede Störung vermied. Die Stille legte sich wie ein Schleier über die Felder. Sie entstieg den Hainen und breitete sich über die Rinde der Weiher und Bäche aus.
In diese Ruhe drang ein Geräusch ein, erst ganz leise, dann anschwellend, schließlich aufbrausend. Kilian drehte sich um. Ein Gefährt rauschte heran. Ein Kutscher trieb mit wildem Kommando ein Vierergespann brauner Pferde zum Galopp, die vor einen schwarz lackierten Wagen gespannt waren. Kilian trat eilig zur Seite. Schon rauschte der Tross rücksichtslos und mit großer Geschwindigkeit an ihm vorüber. Die vier Braunen galoppierten, und der Wagen sprang über die Straße. Pferde und Kutsche wollten schon hinter dem nächsten Nadelhain verschwinden, als Kilian der Fahrtwind eisig ins Gesicht schlug.
Die Stille kam wieder zurück, in die sich immer mehr Dämmerung mischte. Das Licht des Tages ging zur Neige. Der Abend drängte heran. Die Kälte fuhr ihm durch Mark und Bein. Er schüttelte sich. Gerne hätte er in diesem Moment die eisige Flur mit einem warmen Wagen getauscht. Aber für eine solche Reise fehlten ihm die Mittel. Den größten Teil seines letzten Geldes hatte er in einem Leipziger Keller auf den Kopf gehauen und damit allerhand bekanntes wie unbekanntes Volk freigehalten. Er hatte am Abend vor der Abreise seine Börse vor den Augen des Wirtes ausgeleert. Die Münzen klangen hell, als sie auf das Holz des Tresens fielen. Dieser Ton läutete eines der Feste ein, wie sie die große Stadt in regelmäßigen Abständen durchlebte, wenn ein Semester am Ende und das Examinieren abgeschlossen waren.
Noch einmal hatte Kilian das getan, was in Leipzig seine Lieblingsbeschäftigung gewesen war. Er hatte mit seinen Kommilitonen zahlreiche Gläser geleert, um anschließend auf die Bank zu steigen und vor allen Anwesenden die Rede von den alten Zöpfen zu schwingen, die alsbald abgeschnitten gehörten. Bis zum Morgengrauen wurde gelärmt, gesungen und Tumult erzeugt.
Doch die Strafe folgte auf dem Fuße. Ab dem nächsten Tag musste ein Leben geführt werden, das dem eines Landstreichers ähnlich sah, musste um Obdach und Brot hart verhandelt oder gar gebettelt werden. Kilian wusste, dass in der vierspännigen Kutsche, die so rücksichtslos an ihm vorbeigerauscht war, keine Not herrschte, dass dieser Wagen just jene alten Zöpfe beförderte, die man in den Wirtskellern von Leipzig verspottet hatte. Am Schlag des eleganten Gefährts hatte er das Wappen des Kurfürsten erkannt.
Jetzt hieß es, schnell voranzustolpern, ehe die Dunkelheit weiteres Fortkommen erschweren würde. Er spannte all seine Leibeskräfte an und hatte bald die Gewissheit, dass es nicht mehr weit sein konnte. Alle Bäume und Sträucher am Wegesrand schienen ihm bald aus vergangenen Zeiten bekannt. Auch der graue Himmel war ihm von alters her vertraut, als er plötzlich von einer Anhöhe den in weiter Schleife ausschwingenden Fluss sah, der eine Stadt fest in seinen Armen hielt. Da war die Heimat. Da war das Ende der Reise. Hier unten lag der Ort mit seinen vielen Türmen, mit den trutzigen Mauern und dem bunten Gebälk der Häuser.
Kilian hielt an und rang nach Atem. Der Himmel riss an einer kleinen Stelle auf. Die Sonne drang hindurch und beleuchtete die Steine. Die Türme glänzten silbrig. Die Mauern schimmerten rötlich. Das Gebälk der Häuser blinkte in allen Farben des Regenbogens. Mit den letzten Strahlen des Tages legte die Sonne ihren schwachen Schein um die Siedlung und markierte das Ziel. Für einen Augenblick staunte Kilian, dankte für die glückliche Ankunft und spürte, wie jede Beklemmung von ihm wich.
Freudig rannte er von der Anhöhe hinunter und rief dem Flößer zu: „Hol über, hol über!“ Dieser hatte bereits begonnen, seine Fähre am anderen Ufer zu vertauen und sein Tagwerk zu beenden. Kilian aber rief aus Leibeskräften: „Hol über, hol über!“, und winkte mit seinem Hut und den letzten Münzen, die er besaß und mühsam aus den Tiefen der schäbigen Rocktasche gekramt hatte. Der Flößer schaute mürrisch drein. Dennoch stemmte er noch einmal das Ruder, ließ es zu Wasser, setzte das Floß in Bewegung und holte Kilian vom anderen Ufer. Als dieser die Fähre betrat, verschloss sich der Himmel, sodass sich Türme, Mauern und Gebälk vor seinen Augen wieder eintrübten. Wie er sich auf den Fluten der Heimat näherte und wie es bis zum anderen Ufer nur noch einige wenige Meter waren, da überkam ihn die Ahnung, dass er in dieser Stadt wohl nicht selig werden würde.
II
Mit seiner Ankunft wurde gerechnet. Sie war brieflich angekündigt worden, sodass alles bereitet werden konnte. Die Schlafstatt war eingerichtet, neue Kleidung geschneidert. Man hatte den Hausstand herausgeputzt und wollte mit einem festlichen Mahl den Absolventen willkommen heißen. Die überglückliche Mutter vertraute Kilian nach herzlicher Begrüßung zuerst der Obhut der Magd an. Das zarte junge Mädchen, Barbara mit Namen, geleitete ihn zum Bade, wo er sich seiner Kleider entledigte und unter ihrer Aufsicht in den mit heißem Wasser gefüllten, eisernen Zuber stieg. Das Mädchen schaute verlegen drein und bemühte sich redlich, ihm bei der Handreichung verschiedenster Utensilien behilflich zu sein, wobei sie den Blick auf den Boden geheftet hielt, aber nicht, ohne von Zeit zu Zeit aus den Augenwinkeln auf ihren jungen Herrn zu schielen.
Kilian kratzte all den Dreck von sich ab. Er rasierte sich gründlich und gab seinem leicht gelockten Haar den rötlich-blonden Glanz zurück, auf den er so viel hielt. Auf das Gesicht der Magd zauberte sich im Laufe der Verwandlung ein Lächeln, das er, sobald er es bemerkte, eindringlich erwiderte. Er war sich bewusst, dass er ein einnehmendes Wesen besaß. Er hatte seine Wirkung auf das Weibliche in Leipzig von Beginn an in Wort und Tat exerziert. Das Mädchen, das noch keine achtzehn sein mochte und in den Haushalt bei seiner Abreise noch nicht eingetreten war, errötete, als er dem Bade entstieg, um seinen sauberen Körper im Spiegel zu betrachten und seine Glieder zu trocknen. Die neue Kleidung, die er anlegte, konnte die schöne Erscheinung allenfalls unterstreichen, doch keineswegs schmücken. Er streifte sie über, die Kniebundhose, das Leinenhemd, die Weste und den bestickten, samtenen Rock, fühlte sich zufrieden und erfrischt. Er freute sich, seine strapaziöse Reise endgültig hinter sich gebracht zu haben, und vergaß ihre Mühsal. Die Lumpen, die er getragen hatte, ließ er auf dem Boden liegen, strich sich, während er sein Gesicht noch einmal im Spiegel betrachtete, über die glatt rasierten Wangen und schritt hinaus, während die verwirrte Magd geschäftig begann, die Spuren des Bades zu beseitigen.
Noch bevor sich Kilian an seine Familie wenden konnte, wurde er von der Mutter wieder weggeschickt. Der Vater musste der Erste sein, dem er sich mitteilte. Schultheiß Kramer befinde sich jedoch, trotz der fortgeschrittenen Stunde, noch immer in der Amtsstube. Kilian gehorchte, verließ das Haus ohne Zögern und überquerte den Marktplatz, der schon ganz in eine verlassene Nachtstimmung getaucht war. Er ging ins Fachwerkrathaus hinein und eilte die breite hölzerne Treppe hinauf. Die Diele des Oberstocks war schlecht beleuchtet. Nur wenige Öllämpchen brannten.
Ihm war angst und bange vor dem Zusammentreffen mit dem Vater. Die Strenge dieses Mannes hatte er täglich ertragen müssen, hatte sich als Kind ständig examinieren lassen, hatte sich in das Studium der Rechte treiben lassen, obgleich er es vorzugsweise mit der Philosophie hielt. Vor der Tür wartete er einen Moment, atmete tief ein und nahm seinen Mut zusammen. Ohne anzuklopfen trat er schnellen Schrittes in die Amtsstube ein.
Der Vater thronte an einem unaufgeräumten Tisch. Er las, indem er, aufgrund starker Kurzsichtigkeit, mit der Nase beinahe die Papiere berührte. An den Wänden prangten eng beieinander die Porträts seiner Amtsvorgänger. Gerade noch ein schmales Plätzchen blieb für ein einziges Bildnis übrig. Dem Eintretenden war, als habe für die Vertäfelung des Raumes ein ganzer Zirbenhain abgeholzt werden müssen.
Bonifaz Kramer schreckte auf, erhob sich und ging gemessenen Schrittes auf seinen Sohn zu. Er begrüßte ihn, indem er stumm und fest Kilians Oberarme drückte. Der Sohn überragte den Vater um einen Kopf, dafür konnte er es in der Breite mit jenem nicht aufnehmen. Kilian sagte nur: „Vater!“, und seine Stimme vibrierte vor Rührung und Angst zugleich. Bonifaz antwortete: „Sei gegrüßt, mein Lieber.“ Sogleich verfiel er in ein schweres Husten und krümmte sich, während er mit der flachen Hand auf seine Brust schlug. Kilian rührte sich nicht. Bonifazens Lungenflügel befanden sich seit geraumer Zeit in unbefriedigendem Zustand. Besonders in erregenden Augenblicken versagten sie ihren Dienst, und der daraus folgende Husten ließ den dicken Rumpf in unregelmäßigen Stößen beben.
Das erste Wiedersehen mit dem Sohn nach vier Jahren war ein solcher Moment. Der Vater fand nur mühsam in seinen Schultheißensessel hinein. Erst hier kehrten seine Atmungsorgane zu regelmäßiger Arbeit zurück: „Wie ist es dir ergangen in Leipzig? Deine Briefe habe ich gelesen, aber sage es mir noch einmal: Wie ist es dir ergangen?“ – „Soweit gut. Was möchtest du hören?“ – „Nun ja, wie ist das mit dem Studium? Studiert es sich gut in Leipzig?“ – „Allerdings, ich wüsste nichts Besseres.“
Das Gespräch stockte. Bonifaz tat sich mit dem Menschlichen schwer. Er wirkte in Fällen persönlicher Betroffenheit unbeholfen, eine Unbeholfenheit, deren Kehrseite eine vollkommene Beherrschung des Geschäftlichen war. Nur das Lungenrasseln verriet hinter der mechanischen Pflichterfüllung den im Gefühl Getroffenen.
Dass es so bedenklich im Hals seines Vaters schepperte, erfüllte Kilian mit Genugtuung. Nicht ohne Eitelkeit nahm er den Dreispitz unter den Arm und holte die Lizenziatsurkunde aus seinem bestickten Rock hervor, legte sie auf den Amtstisch und trat wieder einen respektvollen Schritt zurück. Der Vater hielt sie dicht vor die Augen, studierte den lateinischen Text und krümmte sich erneut, als ihn der Husten überkam. Kilian regte sich nicht. Er stand steif da, nahm seine Urkunde wieder an sich und steckte sie zurück in die Tasche. Nachdem der Husten des Vaters abgeklungen war, sprach er: „Sehr gut. Du hast Deine Aufgabe erfüllt. Nun können die großen Dinge kommen. Der Kurfürst wird erstaunt sein und dich bald unter seinen Dienstleuten wissen wollen.“
Diese Worte hatte Kilian erwartet. Nun ging es darum, sich menschlich stramm zu halten: „Vater, muss ich denn des Kurfürsten Diener werden?“ – „Selbstverständlich. Das war von Anfang an der Sinn des Unterfangens. Rechtsgelehrte braucht der vernünftige Staat heute mehr denn je. Herrlich, ich male mir aus, was aus dir werden wird, wenn du ein wenig dein Scherflein beisteuerst … Mein Sohn eines Tages als Reichskammergerichtsrat …“ Ein kindliches Lächeln legte sich auf Bonifazens Gesicht.
Kilian ließ sich auf die Bank niedersinken und sah seinem Vater in die Augen. Bonifaz verlor sein glückliches Kindergesicht und ordnete verlegen die Akten auf dem Tisch. „Dem Kurfürsten kann ich nicht dienen.“ – „Oh doch, du kannst es! Was sollte dich daran hindern? Du bist ein Landeskind, entspringst dem Patriziat der Stadt und bist dem hohen Herrn schon dem Namen nach ein Begriff, dafür habe ich gesorgt. Was also sollte dich hindern, ihm zu dienen?“ Kilian begann, seinen Dreispitz in den Händen zu kneten: „Vater, wenn ich eines nicht möchte, dann ist es ein Leben als Amtmann im Dienst des Kurfürsten. Es sind nicht meine Fähigkeiten, die mich hindern, sondern …“, hier stockte er. Der Vater fragte ernst: „Was ‚sondern‘?“ Kilian holte Luft und stammelte: „… sondern mein Wille hindert mich daran, mich in die Fänge eines Pfaffen zu begeben.“
Sein Widerspruch war lange geplant. Kilian hatte ihn so manche Nacht in seiner Leipziger Stube probiert. Aber das heldenhafte Gebaren dieser Übungsstunden brachte er im Angesicht des Vaters nicht auf. Bonifaz Kramer wurde ernst bis auf den Grund seiner Lunge: „‘Wille‘ sagst du? Was zählt das schon. Wir sind nicht frei, zu tun und zu lassen, was uns gerade in den Sinn kommt. Frei sind wir allenfalls darin, dem Befehl unserer Fürsten zu folgen oder nicht, frei sind wir darin, uns für ein Leben im Wohlstand oder für eines in der Gosse zu entscheiden. Also lass die Träumerei und beherzige meinen Rat. Geh zum Kurfürsten, bewirb dich um eine Stelle und diene ihm!“
Hier erhob sich Kilian, begann, in der Amtsstube umherzulaufen, verschränkte die Arme hinter dem Rücken, setzte auch mehrmals an, um etwas zu erwidern, brachte aber nichts heraus. Die Blicke des Vaters folgten seinen Schritten: „Denke daran, mein Sohn, wie alt und herrlich unsere Ordnung ist, denke daran, wie gut die Bürger dieser Stadt allezeit mit dem Kurfürsten gefahren sind. Ich werde es wohl nicht mehr erleben, meine Lungen sind dafür zu schwach, aber du wirst dabei sein, wenn sich der Gründungstag der Abtei zum tausendsten Male jährt.“ Kilian ging weiter sprachlos im Zimmer herum. Er bemerkte das knarrende Parkett, auf dem er wandelte, bemerkte den schiefen Boden, über den er schritt. Alles war morsch. Ihm schien es wie ein Zeichen dessen, was hier verwaltet wurde. Es war ein kleiner Staat, in dem alles auf abschüssigem Gelände einer tiefen Schlucht entgegenrollte, erst langsam, dann schneller, um schließlich mit rasender Geschwindigkeit in den Höllenschlund zu stürzen. Allein der Gedanke daran, dass sich der Gründungstag der Abtei zum tausendsten Male jähren könnte, verursachte ihm ein Drücken in der Magengegend.
Es klopfte an der Tür. Der Vater gewährte Einlass. Ein junger Mann trat ein, dessen gekrümmte Nase und leicht abstehende Ohren, dessen fliehendes Kinn und hohe Wangenknochen die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zogen. „Aha, der Sekretarius“, sprach der Vater, „ich denke, ihr kennt euch?“ Es war Rudolf Kuhn, mit dem Kilian gemeinsam die Lateinschule am Freiplatz besucht hatte. Der Sekretarius trug einen Stoß Akten unter dem Arm, legte sie auf die Wartebank und begrüßte seinen alten Kameraden, indem er dessen Rechte mit seinen beiden Händen umfasste. Kilian befürchtete eine Umarmung und hielt seine linke Faust vor sich, um den Abstand nicht zu klein werden zu lassen. Dass Rudolf inzwischen zum städtischen Sekretarius aufgestiegen war, hatte er schon durch Briefe erfahren. Jetzt aber sah er ihn in Amt und Würden vor sich, wie er wichtig schien und Miene machte, alles und jeden zu begreifen.
Rudolf war nach Ende der Schulzeit am Ort geblieben. Er hatte anstelle des Studiums die Laufbahn des Beamten eingeschlagen, war Schreiberlehrling geworden, um in den kurfürstlichen Dienst treten zu können. Er war ähnlich hochgewachsen wie Kilian. Bestechen konnte er aber allenfalls mit seiner sanften Stimme, seiner gepflegten Erscheinung und seinen tadellosen Manieren. Schon in der Lateinschule hatte er damit das milde Urteil der Lehrer herausgefordert, das so manchen Mangel an Bildung ausgleichen musste. Früh hatte er gelernt, sich das Gegenüber gewogen zu machen, ohne hierfür Großes leisten zu müssen. Kilian traute ihm kaum über den Weg. Die sanfte, ins Falsett hinüberspielende Stimme lag ihm wie ein Pfeifen in den Ohren.
„Ich störe wohl?“, fragte Rudolf vornehm, „ich wollte nur noch einen Aktenfall mit dem Herrn Schultheiß besprechen. Wenn ich nun aber störe, so gehe ich besser.“ – „Er stört nicht“, raunte der Vater, „lasse Er jedoch nur die Akten liegen, wo sie sind, und komme Er in einer halben Stunde noch einmal. Ich befinde mich in wichtiger Besprechung mit meinem Sohn, einem Lizenziaten der Universität zu Leipzig.“ Rudolf verbeugte sich leicht, machte anerkennende Miene, nickte Kilian zu und verließ die Amtsstube.
Wer es nicht besser wusste, der musste den Sekretarius ob seiner Manieren für einen Spross der städtischen Aristokratie halten. Allerdings handelte seine Familie mit Vieh aller Art, ein Gewerbe, das zur Vornehmheit kaum taugte. Dennoch hatte er es in dieser Eigenschaft zu einem erklecklichen Wohlstand gebracht, besaß bald ein Haus im Innersten der Stadt, nicht weit von der Heimstatt Kilians, und ging seinem Gewerbe von Jahr zu Jahr erfolgreicher nach. Die finanziellen Reserven reichten bald zum Kauf zweier angrenzender Anwesen. Schon mutmaßte man, der Viehhändler Kuhn sei der reichste Mann am Platze und horte in seinen Truhen den größten Schatz des Ortes, der jenen der Abtei bei Weitem übertreffe.
Der Sohn des Viehhändlers spürte früh die Unterscheidung zwischen bloßem Reichtum und wohlerworbenem Ansehen, empfand das bäuerlich-polternde Gebaren des Vaters für unschicklich, entwickelte aus dieser Einsicht seine Manieren, versagte sich die zu Hause gebräuchlichen rauen Worte und übte sich nachts im Falsett.
Nachdem Vater Kuhn das Vermögen stetig vergrößert hatte, gingen seine Kinder daran, es in Einfluss umzusetzen. Rudolfs Eintritt in die städtische Verwaltung, sein Heranreifen zum kurfürstlichen Beamten, war die Einforderung jenes Teils, das dem gewerblich Erfolgreichen im Hinblick auf politischen Einfluss bislang noch versagt gewesen war. Nun aber saß der Ohrenbläser als Sekretarius im Rathaus und lenkte den Willen des Schultheißen. Dabei entwickelte er einen kaum zu bremsenden Eifer, war aber auch ganz der treue Fürstendiener, der die Stadt und ihr Umland noch niemals verlassen hatte und sich nicht vorstellen konnte, dass sich eines Tages in der Ordnung der Ämter und Ränge auch nur das Geringste ändern könne. So versuchte er, sich in das Gefüge einzugliedern, um in ihm aufzusteigen und seiner aufstrebenden Familie einen Platz in der Rangfolge zu verschaffen, der ihrem Reichtum ebenbürtig war.
Die Luft in der Amtsstube war staubig. Kilian trat ans Fenster und riss es auf. Der alte Vater fror sogleich im winterlichen Luftzug. Er stand auf, wollte das Fenster schließen, was sein Sohn allerdings nicht zuließ. Stattdessen sprach Bonifaz Kramer: „Nimm dir ein Beispiel an deinem Kameraden aus der Lateinschule! Willst du wie ein Taugenichts mit deiner Fiedel über die Berge ziehen? Sei vernünftig und folge meinem Rat!“ – „Meinem Willen will ich folgen, Vater, nicht der Vernunft des Kurfürsten, die keine ist. Lass mich doch mit den Pfaffen in Ruhe! Überall lauert das Ende, alles ist im Sterben begriffen. Den Toten will ich nicht dienen. Das können andere übernehmen. Rudolf ist der Richtige dafür. Soll er sein Lebtag lang die Akten tragen und sich von ihrem Staub ernähren. Einem Pfaffen wie dem Kurfürsten folge ich nicht.“ – „Sprich nicht so vom Kurfürsten! Sprich nicht in solch einem rauen Ton von deinem Landesherren und Ernährer!“ – „Ich pfeife auf einen solchen Ernährer! Was habe ich mit ihm zu schaffen? Besser wär’s, er träte ab und ließe dem Volk, was vom Volk kommt.“
Der Vater war vollends zornig geworden: „Ich sehe schon, dass man dir dort, von wo du kommst, den Kopf verdreht hat. Warum musste es Leipzig sein, warum konntest du nicht nach Wien gehen? Was für Ideen du mit nach Hause bringst!“ – „Es ist doch völlig gleichgültig, wo ich gewesen bin. Überall pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass die Alten gehen müssen. Nur dieses unselige Nest hat es noch nicht gelernt. Hier ist alles so erstarrt. Aber warte nur, bald wird es mit der ganzen modrigen Herrlichkeit zu Ende sein. Es ist nicht mehr lange hin, dann gibt es auch kein Reichskammergericht mehr …“
Hier setzte es ganz plötzlich eine schallende Ohrfeige, wie sie der Vater so gerne austeilte. Dennoch überraschte sie Kilian im ersten Moment. Er betastete seine Wange, wich Bonifazens Blick aus und setzte sich neben die Akten, die von Rudolf auf die lange Bank geschoben worden waren.
Kilian hatte geahnt, dass es nicht leicht sein würde zu widersprechen. Aber er wusste auch, dass nur auf diesem Wege die Front deutlich, dass nur so allen Schauspielereien ein Ende gemacht werden könnte. Der Vater litt wieder unter seinen unregelmäßigen Lungenstößen. Er sagte leise und mit kaum erholter Stimme: „Der, welcher flucht, ist schon verflucht. Überall dieses Revolutionsgeschwätz. Nicht einmal dem eigenen Sohn ist noch zu trauen. Auf Schritt und Tritt wird man verfolgt. Die Masse mordet langsam ihren König, wie es in Frankreich geschehen ist. Heute hat mich ein Schreiben aus der Hauptstadt erreicht“, Bonifaz Kramer zog ein Schriftstück unter den Akten hervor, „man weiß sich dort nicht mehr zu helfen. Die Stadt verschanzt sich. Die Franzosen sind im Anmarsch und stoßen von Süden vor. Nicht einmal der eigene Sohn …“
Die Weinerlichkeit des dicken Alten in seinem morschen Sessel widerte Kilian an. Die Nachricht überraschte ihn kaum. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Revolution auf das deutsche Nachbarland übergreifen musste, bis die Rheinstädte in Bedrängnis gerieten und in äußerster Gefahr waren.
„Und ich soll dem Kurfürsten dienen? Nein, auf der Seite der Verlierer werde ich nicht stehen. Lass Rudolf das machen, dem steht das Pfaffenwappen ausgezeichnet. Ich wähle mir den besseren Teil.“ – „Ich weiß, dass du Rudolf noch nie recht gut leiden konntest …“ – „‘Noch nie recht gut leiden‘? Das ist wirklich milde.“ Bonifaz Kramer stand auf und suchte den Blick des Sohnes: „Du wirst in Zukunft diese Milde recht gut gebrauchen können.“ Kilian fragte: „Warum soll ich milde sein, wenn es sich über diesen emporgekommenen Schweinehirten doch so trefflich lästern lässt? Sag mir: warum?“ Am Ende des Satzes war er laut geworden. Der Vater zögerte mit der Antwort. Er stammelte: „Dieser ‚emporgekommene Schweinehirt‘, wie du ihn nennst … nun … er wird … er wird deine Schwester Katharina heiraten.“
Kilian fuhr von der Bank auf, trat an den Tisch, stampfte mit dem rechten Bein auf den Boden auf, dass die Erschütterung durchs Mark fuhr, und fuchtelte ein wenig mit den Armen, denn er wusste nicht, was er vor Zorn noch sagen sollte. Mit bösem Blick, verkniffenen Lippen und schneller Atmung sah er, wie der Vater scheinbar zufrieden sagte: „Seinesgleichen geschieht.“ Und weiter: „Nun geh, Kilian! Geh hinüber ins Haus! In einer Stunde werde ich kommen. Dann feiern wir deine Rückkehr mit einem festlichen Essen. Geh nur und kein Wort mehr von der Revolution!“ Kilian knetete den Hut in seinen Händen, verließ wie ein Wirbelwind die Stube, eilte die Treppe hinunter und floh hinaus auf den Marktplatz. Am erstbesten Pfahl stützte er sich und rang nach Luft, während er aus dem geöffneten Fenster der väterlichen Amtsstube ein Keuchen und Husten vernahm.
III
Auf dem Tisch brannten die weißen Kerzen in silbernen Ständern und erhellten die große Wohnstube mit mattem Schein. Die Schatten der mächtigen hölzernen Deckenbalken flackerten. Hinter den bleiverglasten Fenstern sah man nichts als schwarze Nacht, während die Delfter Kacheln des Ofens Wärme spendeten. Der Vater saß dem Tisch vor, daneben die Mutter Antonia. Kilian und Katharina, seine Schwester, saßen sich gegenüber und scherzten, wie sie es von früher her gewöhnt waren.
Florian, der Jüngste, ein dreijähriger Bub und Liebling der Mutter, befand sich nahe bei den Eltern und wusste kaum, wie ihm geschah, wusste kaum, warum man ihn zur Schlafenszeit aus dem Bett geholt hatte, rieb sich wieder und wieder die Augen und wollte mit dem Heimkehrer nichts zu schaffen haben. Essen wollte er schon gar nicht. Kilian lernte den Kleinen, seinen Bruder, erst an diesem Abend kennen. Er versuchte, dessen Herz mit albernen Kinderspielen und Versen zu erobern. Florian aber zeigte kein Interesse und quengelte ob seiner Müdigkeit, bis der Vater ihn züchtigte. Kilian fühlte sich vom bloßen Anblick des kurzen, aber heftigen Gewaltakts peinlich berührt. Dennoch erkannte er in diesem Bübchen schon den Sohn des Vaters, jenes Modell eines hartgesottenen Charakters, der sich durch nichts und niemanden einschüchtern lässt. Auch jetzt, nach der Züchtigung, war Florian zwar zum Weinen zumute. Er unterdrückte diesen Trieb aber mit aller Gewalt.
Kilian konnte nur schlecht die Gegenwart des Schultheißen ertragen. Noch weniger konnte er es ausstehen, dass der Verlobte seiner Schwester, dass Rudolf Kuhn mit am Tisch saß. Er brachte nicht die Fähigkeit auf, diesem Emporkömmling in die Augen zu sehen. Trotz seines Denkens von der Gleichheit aller Menschen erkannte er an sich selbst ein aristokratisches Element, an dem es Rudolf mangelte, weshalb er niemals zu einem ebenbürtigen Partner oder gar Anverwandten heranreifen konnte. Dennoch versuchte er mit aller Kraft, an diesem Abend keinen unangenehmen Einstand zu haben.
Die Frauen lachten viel, während Kilian Begebenheiten seines Leipziger Studentenlebens zum Besten gab. Er pries voller Überzeugung die Schönheit der Stadt und die Herrlichkeit der vergangenen Jahre. Von der Universität berichtete er kaum, hingegen mehr von den Freunden, den Kommilitonen, die aus allen Territorien des Reiches und aus aller Herren Länder gekommen waren, um an der Alma Mater Lipsiensis in das Recht eingeführt zu werden. Das hatte er zwar alles in regem brieflichen Verkehr den Eltern bereits mitgeteilt, erging sich aber nun in der lebendigen Nachahmung der Personen – ein Gebiet, das er außerordentlich beherrschte und auf dem er sein schauspielerisches Talent bewies. Zugleich beeilte er sich zu versichern, dass das Zu-Hause-Sein ihn ungleich mehr glücklich mache, was sich allerdings nicht mit der Wahrheit traf.
Kilian wusste, wie sehr es den Vater schmerzen musste, den eigenen Sohn im Widerstand gegen das Althergebrachte zu sehen. Doch konnte er kaum anders, als allerorten zu räsonieren und zu rebellieren. Die Jahre in Leipzig hatten ihm einen anderen Weg gezeigt als jenen, den man in seiner Heimat seit bald einem Jahrtausend ging. Es war ein Weg, der sich von der Idee her bestimmte und der die Vernunft, sei sie geschäftlich oder politisch, zur Nebensache herabstufte. Es war die Idee, die die Welt verändern musste, und nicht das Fügen in die Verhältnisse, die nur Erstarrung zeitigen konnten.
Aber die Distanz zwischen ihm und Bonifaz war gar nicht so groß. Zwischen Vater und Sohn bestand ein stilles Einverständnis, so still, dass man es sich gegenseitig zuzuflüstern niemals gewagt hätte. Mit den Planungen Bonifazens wollte Kilian zwar nichts zu schaffen haben. Die Strategie aber, die der Vater mit der Verheiratung Katharinas verfolgte, musste er gutheißen, auch wenn er der Meinung war, das Unternehmen sei zum Scheitern verurteilt. Denn der Wille der Kuhns war kaum zu überschätzen.
Beiden war die Misslichkeit der Lage gänzlich bewusst. Selbstverständlich war Rudolf der Spross von einer Art Schweinehirt, selbstverständlich war er ein Emporkömmling, der alles daran setzte, das stinkende Gewerbe seiner Herkunft durch politischen Einfluss zu veredeln. Bonifaz war gewillt, über die schlechte Herkunft des Falsettisten hinwegzusehen Katharinas Verheiratung mit dem Spross einer Aufsteigerfamilie mochte ihn, was die Frage der Mitgift betraf, zwar ein Vermögen kosten. Er witterte jedoch die wirtschaftliche Chance, die diesem Unterfangen innewohnte. Das Bündeln des Vermögens mochte politische Kräfte freisetzen, die die Stadt seit den Tagen ihrer verlorenen Reichsfreiheit nicht mehr gesehen hatte. Vielleicht würde man demnächst stärker auf das allzeit verlässliche Geld setzen müssen. Wer wusste schon, was mit dem Kurfürsten eines Tages geschehen würde?
Dies aber war ein Kalkül für die nächste Generation, für sich selbst konnte Bonifaz Kramer nichts mehr erwarten. Er hatte erreicht, was zu erreichen war, und war als Fremder zum einflussreichen und wohlhabenden Schultheißen herangereift. Dennoch war es ihm verwehrt, die Hoffnung auf eine Veränderung der Umstände offen zu formulieren. Diese Gedanken behielt er für sich und zog seinen allzeit geschwätzigen und aufmüpfigen Sohn nicht ins Vertrauen, um nicht selbst am Ende als Verräter dastehen zu müssen.
Katharina schmückte an Rudolfs Seite die Szene nur eingeschränkt. Denn in dem Maße, in welchem Kilian das weibliche Geschlecht für sich zu gewinnen wusste, wurde das männliche durch die matronenhafte Erscheinung der Schwester abgeschreckt. Sie war die Tochter ihres Vaters. Die zum Übergewicht neigende Statur und der hiermit freilich im Zusammenhang stehende, nicht zu zügelnde Appetit hatten das Mädchen bereits in seinen Jungfrauenjahren deformiert.
Katharina berichtete, wie der Vater eines Abends mit seinem Sekretarius aufgetaucht sei, wie er diesen in die Wohnstube gebracht habe, wie Rudolf ein Sträußchen aus der Rocktasche hervorgeholt und mit zitternder Stimme um ihre Hand angehalten habe. Sie erzählte, wie sie zunächst nicht gewusst habe, was sie sagen sollte, wie sie den Augenkontakt zur Mutter gesucht habe, um sich in diesem bedrängten Moment Rat zu holen. Antonia aber war eingeweiht und nickte eifrig. Alles war vorbereitet, die entscheidenden Gespräche waren zwischen den Eltern, dem Bräutigam und seiner Familie schon geführt worden. Im Augenblick der Verlobung durfte Katharina nicht anderes, als ja zu sagen.
Nun meinte sie, alles werde gut und ließ sich dazu hinreißen, von Glück und Freude zu sprechen, was allerdings nicht überzeugt klang. Obgleich Kilian Bedauern fühlte, dachte er, dass im Grunde alles in Ordnung sei. Hatte nicht auch Bonifaz seinen gesellschaftlichen Rang einer glänzenden Heirat zu verdanken?
Kilian hielt sich an den Befehl des Vaters und unterließ jedes politische Gespräch, schwätzte nicht von der Revolution und den Franzosen, nicht von Barrikaden oder Pfaffen. Nur einmal wurde er herausgefordert. Rudolf fragte: „Kilian, warum bist du zum Studium gerade nach Leipzig gegangen? Wäre es nicht besser gewesen, an eine rechtgläubige Universität zu gehen?“ Da sah Kilian seinem künftigen Schwager nun doch in die Augen und sagte: „Ach was, katholisch oder protestantisch, was macht das schon für einen Unterschied? Bei uns in Leipzig war es gleichgültig, zu welcher Partei man sich zählte. Dort war nur eines wichtig: die Humanität, das Menschsein an sich, sonst nichts.“ – „Aha …, die Humanität …, soso …“, erwiderte Rudolf, indem er die Augenbrauen nach oben zog und überlegen nickte. Kilian empfand dieses Gebaren als Beleidigung, sein Blick verfinsterte sich, er holte tief Luft und setzte zu einer revolutionären Tirade an, als der Vater laut und deutlich sagte: „Gut ist’s.“ Dabei schaute er derart streng drein, dass Kilian Angst bekam. „Langweile uns nicht mit solchem Geschwätz! Jetzt bist du wieder zu Hause. Hier wird geredet, was ich für richtig halte. Nichts weiter davon!“ Kilian wagte es nicht, ein weiteres Wort zu sprechen. Auch Rudolf wollte nichts mehr von Leipzig wissen. Die Damen ihrerseits sahen betreten drein. Eine peinliche Stille legte sich über die festliche Tafel. Doch der kleine Florian durchbrach sie. Er rieb sich die Augen und flehte die Mutter an, dass sie ihn wieder ins Bett entließe. Sie fügte sich.
Kilian bewunderte sie. Trotz ihrer bald fünfundvierzig Jahre war sie eine schöne Frau von jugendlichem Reiz geblieben. Bonifaz Kramer war zu glauben, wenn er erzählte, wie er in jungen Jahren durch den bloßen Anblick in Liebe zu Antonia, der Tochter des reichen Goldschmieds, entbrannt sei. Er habe bereits beschlossen, dieses zarte Mädchen zu ehelichen, bevor er mit ihr das erste Mal gesprochen habe. Kilian betrachtete seine Mutter immer wieder mit Bewunderung und empfand Mitleid für diese zierliche Person, die einen so hässlichen, gewaltigen Mann ertragen musste. Er meinte, dass sie unter Bonifaz litt, der mit seiner beherrschenden Art keinerlei Widerspruch zu dulden schien. Doch in all diesen Dingen täuschte Kilian sich. Denn zum einen fragte der Vater seine Frau in jeder wichtigen Angelegenheit um Rat, bevor er eine Entscheidung traf. Zum anderen liebte Antonia Kramer ihren Mann auf innige Weise, ohne dies vor den Kindern durch Worte oder Taten auszudrücken. Ihre Liebe war derart stark, dass sie ganz regelmäßig starke körperliche Aufwallungen empfand, die sie zwangen, sich ihm hinzugeben.
Der Rest des Abends verlief im Plauderton. Alle wechselten ein paar Worte miteinander. Nur der Heimkehrer und sein ehemaliger Schulkamerad kamen nicht mehr miteinander ins Gespräch. Kilian beobachtete, wie der künftige Schwager mit verlangenden Blicken nach der jungen Magd schielte, die sich um die Versorgung der Festtafel kümmerte. Er meinte in einem Moment, in dem sich Barbara unbeobachtet wähnte, zu erkennen, wie sie Rudolf einen verschwörerischen Blick zuwarf. All das widerte Kilian an. Er wünschte sich wieder in seine enge Leipziger Kammer zurück, die für ihn ein Hort der Freiheit gewesen war, wohingegen ihm die edle Wohnstube des Kramerhauses mit ihren bleiverglasten Fenstern, ihrer festlichen Tafel und dem Ofen mit den blauweißen Delfter Kacheln ein einziger Graus wurde, kaum dass er nach Hause zurückgekehrt war.
Aber er schwor sich, diese Abscheu niemandem mitzuteilen, zumal die Mutter glücklich schien, den verlorenen Sohn wiedergefunden zu haben. Nachdem man sich am Wein gütlich getan und den Gast in aller gebotenen Höflichkeit verabschiedet hatte, ging Kilian in seine Kammer, fiel auf seine Schlafstatt nieder und befand sich nach wenigen Augenblicken tiefen Atmens in einem traumlosen Schlaf.
Obwohl der Morgen alsbald die Nacht aus der Kammer vertrieb, drehte sich Kilian noch lange in den Laken und Decken, ehe er sich der Wäsche widmete und die nicht abgelegte Kleidung ordnete. Er machte sich
