Der Mann, dem wir vertrau(t)en - Svea Lundberg - E-Book

Der Mann, dem wir vertrau(t)en E-Book

Svea Lundberg

0,0
4,99 €

oder
Beschreibung

Auch wenn Jens und Jeremy seit Jahren eine gleichsam ehrliche wie offene Beziehung führen, ist Jens spätestens nach einem gescheiterten Dreierarrangement klar, dass er seinen Freund zwar körperlich, nicht aber emotional teilen möchte. Aber ein Schicksalsschlag führt Jeremy nicht nur in seine Heimat USA zurück, sondern auch in die Nähe eines Mannes, der davon überzeugt ist, dass Polyamorie sehr wohl funktionieren kann. Mit einem Mal muss Jeremy sich fragen, ob er erneut bereit dazu ist, sich auf einen weiteren Mann einzulassen, in der Hoffnung, Jens möge dennoch an ihrer Beziehung festhalten. ~~~~~ Band 2 der zweiteiligen Reihe rund um Jens & Jeremy. Beide Bände können unabhängig voneinander gelesen werden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhalt
Impressum
Widmung
1. Kapitel – Jens
2. Kapitel – Jeremy
3. Kapitel – Jens
4. Kapitel – Jeremy
5. Kapitel – Jens
6. Kapitel – Jeremy
7. Kapitel – Jeremy
8. Kapitel – Jens
9. Kapitel – Jeremy
10. Kapitel – Jens
11. Kapitel – Jeremy
12. Kapitel – Jens
13. Kapitel – Jeremy
14. Kapitel – Jens
15. Kapitel – Jens
16. Kapitel – Jens
17. Kapitel – Jeremy
18. Kapitel – Jens
19. Kapitel – Jeremy
20. Kapitel – Jens
21. Kapitel – Jeremy
22. Kapitel – Jens
23. Kapitel – Jens
24. Kapitel – Jeremy
25. Kapitel – Jens
26. Kapitel – Jeremy
27. Kapitel – Jeremy
28. Kapitel – Jens
29. Kapitel – Jeremy
30. Kapitel – Jens
31. Kapitel – Jeremy
Epilog – 1. Teil
Epilog – 2. Teil
Danksagung & Nachwort
Über die Autorin
F***ing real-Reihe

Der Mann, dem wir vertrau(t)en

 

Ein Roman von Svea Lundberg

Inhalt

 

Auch wenn Jens und Jeremy seit Jahren eine gleichsam ehrliche wie offene Beziehung führen, ist Jens spätestens nach einem gescheiterten Dreierarrangement klar, dass er seinen Freund zwar körperlich, nicht aber emotional teilen möchte. Doch ein Schicksalsschlag führt Jeremy nicht nur in seine Heimat USA zurück, sondern auch in die Nähe eines Mannes, der davon überzeugt ist, dass Polyamorie sehr wohl funktionieren kann. Mit einem Mal muss Jeremy sich fragen, ob er erneut bereit dazu ist, sich auf einen weiteren Mann einzulassen, in der Hoffnung, Jens möge dennoch an ihrer Beziehung festhalten.

Impressum

 

Copyright © 2018 Svea Lundberg

 

Julia Fränkle-Cholewa

Zwerchweg 54

75305 Neuenbürg

[email protected]

www.svealundberg.net

 

Korrektorat & Buchsatz: Annette Juretzki/annette-juretzki.de

 

Covergestaltung:

Irene Repp/www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© mimagephotography/shutterstock.com

© Chones/shutterstock.com

 

Die in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Der Inhalt des Romans sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus.

Widmung

 

Für all jene,

die der Liebe keine Grenzen setzen.

1. Kapitel – Jens

 

Es war in den letzten Monaten nicht oft vorgekommen, dass Jeremy sich selbst Urlaub verordnete und es dann auch wirklich durchhielt, seinen Salon über mehrere Tage nicht zu betreten. Doch dieses Mal hatte er seinen persönlichen Rekord gebrochen: fünf Tage, ohne auch nur einmal einen Fuß ins ›J’s Scissors‹ zu setzen. Weniger verwunderlich war, dass er bereits vor einer Woche angekündigt hatte, es bei der nächsten Pure-Party im ›Station 2B‹ mal wieder richtig krachen lassen zu wollen. Ohne seine heißgeliebte Arbeit fiel ihm zuhause immer schnell die Decke auf den Kopf – ganz egal, ob ich ebenfalls frei hatte oder nicht. Manche Männer hätten es sicherlich als Anschlag auf ihr heiliges Ego verstanden, wenn ihr Freund sich mit Ankündigung bei einer von Deutschlands größten Strip- und Sex-Partys vergnügte, nur weil er zuhause die Füße nicht stillhalten konnte. Mir entlockte der Umstand lediglich ein Schmunzeln.

Ich hatte sogar tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, Jeremy ins ›Station 2B‹ zu begleiten. Partys, deren Dresscode ›naked‹ lautete, waren zwar wirklich nicht mein Ding. Aber die Vorstellung, meinen Freund im flackernden Neonlicht tanzen zu sehen, nackt und umringt von ebenso textilfreien Kerlen, die ihm sehnsüchtige Blicke zuwarfen und ihre schweißfeuchten Körper an ihm rieben, wäre die Unannehmlichkeiten wert gewesen. Theoretisch ...

Praktisch jedoch hatten mich meine Drittklässler heute den letzten Nerv gekostet und der Stapel Matheklausuren in meiner Umhängetasche lastete zentnerschwer auf meinen Schultern. Noch dazu brummte mir der Schädel und meine Nase war schon seit Stunden verstopft.

Ich schloss die Wohnungstür behutsam hinter mir, nur um nicht durch einen Knall meine ohnehin schon überreizten Ohren zu martern. Aus dem Wohnzimmer drang gedämpfte Musik über den Flur. ›Song to say goodbye‹ von Placebo – nicht unbedingt die passende Musik, um sich auf eine Nacht voller nackter Kerle und Sex einzustimmen.

»Babe?«

Keine Antwort. Vermutlich hing Jeremy im Badezimmer fest, ganz damit beschäftigt, sämtliche hygienische Vorkehrungen für eine gelungene Party zu treffen. Dreckig würde es dennoch werden ...

Ich trat mir die Sneakers von den Füßen, ließ meine Schultasche ungeachtet im Flur stehen und schlurfte in Richtung Wohnzimmer. In mir war der dringende Wunsch, mich aufs Sofa fallen zu lassen, die Augen zu schließen und sie frühestens am nächsten Vormittag wieder zu öffnen. Oder eventuell ganz früh am Morgen, wenn Jeremy nach Hause kam, gleichsam erschöpft und high vom Geruch und den Berührungen der anderen Kerle.

Der Gedanke beschwor ein schiefes Lächeln auf meine Lippen, das jedoch gleich wieder verschwand, als ich meinen Freund auf dem Sofa sitzen sah. Im Schneidersitz hielt er sein Tablet vor sich auf dem Schoß, starrte gedankenverloren auf den Bildschirm. Über seine Wangen rannen Tränen.

Mit wenigen großen Schritten war ich bei ihm, ging vor ihm in die Knie.

»Baby ... hey ...«

Er hob den Blick, das Lächeln auf seinen Lippen wirkte gleichsam erzwungen wie ehrlich.

»Oh, hey. Sorry, hab dich gar nicht kommen hören.« Er legte das Tablet beiseite und wischte sich in einer energischen Geste die Tränen von den Wangen. »Sorry«, wiederholte er, seine Stimme kratzig, und neigte sich zu einem Kuss zu mir nach vorne. »Wollte dich nicht erschrecken. Alles okay.«

Ich blieb vor ihm hocken, musterte ihn durchdringend.

»Nach okay sieht das aber nicht aus.«

Er zuckte mit den Schultern, ließ sich gegen die Rückenlehne sinken.

»Hab nur an Grandpa gedacht und gar nicht mitbekommen, dass ich heule. Die Unterlagen für das Haus sind heute angekommen. Ab jetzt bin ich dann wohl stolzer Hausbesitzer in Malibu.«

Was rein von seinen Worten abgeleitet vielleicht ein Grund zur Freude hätte sein sollen, war es nicht. Jeremys Großvater war vor rund einem Jahr verstorben und hatte ihm sein Strandhaus vererbt. Abgesehen davon, dass sich das Probate-Verfahren monatelang hingezogen und Jeremy und den Rest seiner Familie einiges an Nerven gekostet hatte, war überdeutlich, wie nahe ihm der Tod seines Grandpas noch immer ging.

Wortlos ließ ich mich neben Jeremy aufs Sofa sinken und zog ihn an mich, hielt ihn für einige Minuten einfach nur fest. Irgendwann fiel mein Blick auf das Tablet, das neben ihm zwischen den Kissen lag und auf dessen Bildschirm mehrere Tabs geöffnet waren.

»Möbel?«, fragte ich mit schiefem Grinsen.

»Mhm. Shoppen als Ablenkung und so.« Jeremy machte sich halb von mir los und nahm das Tablet wieder in die Hand, wischte mit nachdenklicher Miene die geöffneten Tabs zur Seite. »Oder eher als Auslöser für mein Geheule. Fühlt sich jetzt schon merkwürdig an, Grandpas Haus auszuräumen. Aber so lassen, wie es ist, will ich es auch nicht. Keine Ahnung, was ich mit seinen Sachen anfangen soll, geschweige denn, wie ich das Haus einrichten soll oder ... ob ich es nicht vielleicht doch verkaufen sollte.«

»Blödsinn«, nuschelte ich an seinem Nacken und drückte einen Kuss darauf. »Natürlich behältst du das Haus. Und alles andere entscheidest du, wenn wir dort sind.«

»By the way ...« Erst jetzt machte Jeremy sich endgültig vom Tablet los, schaltete es aus und legte es auf den Couchtisch, ehe er unverwandt meinem Blick begegnete. »Ich weiß, wir wollten in deinen Sommerferien gemeinsam nach L.A. fliegen, aber ... Wäre es okay für dich, wenn ich schon früher mal rüberfliege?«

»Klar, wieso nicht? Die Frage ist wohl eher, ob du dich dazu durchringen kannst, den Salon noch länger alleine zu lassen?«

Jetzt endlich wirkte das Lächeln auf seinen Lippen gelöst.

»Erwischt.« Er gluckste leise. »Wird mir nicht leichtfallen, aber ich weiß ja, dass meine Mädels das im Griff haben.«

»Und dein Kerl«, setzte ich lachend hinzu, auch wenn Jeremys neuer Azubi sicherlich noch am wenigsten zum reibungslosen Ablauf des täglichen Friseurbetriebes beitrug.

»Und mein Kerl, ja«, stimmte Jeremy lächelnd zu, doch gleich darauf wurde seine Miene wieder ernst. »Also buche ich einen Flug?«

Es hätte keine Frage sein müssen, dennoch nickte ich aufmunternd.

»Und du? Siehst nicht gut aus, Darling. War die Konferenz so anstrengend?«

»Eher meine Schüler«, murrte ich und ließ mich rücklings in die dicken Sofakissen fallen.

»Hast nicht gerade die einfachste Klasse erwischt für dieses Schuljahr, hmm?«

»Nein, wirklich nicht.« Bei dem Gedanken, dass ich die Chaoten vermutlich auch noch in der Vierten als Klassenlehrer würde unterrichten müssen – oder dürfen –, versetzte mich nicht gerade in Freudentaumel. Aber was hatte ich erwartet? Nicht, dass ich an einer der brisantesten Brennpunktschulen Kölns unterrichten würde, aber einfacher wurden die Kids heutzutage nicht. Geschweige denn ihre Eltern.

»Letztlich können meine Schüler aber auch nichts für meinen Zustand«, gab ich schließlich zu und blinzelte Jeremy müde an. »Ich glaub, da ist ’ne Erkältung im Anflug.«

»Poor little Baby«, neckte Jeremy mich und krabbelte zu mir herüber, nur um sich gespielt mitleidig über mich zu beugen und mir einen Kuss auf die Nasenspitze zu hauchen. »Soll ich dir Porridge machen?«

»Untersteh dich«, fauchte ich ihn von unten herauf an und zog ihn im selben Moment mit einer Hand im Nacken zu mir, erstickte sein Lachen mit meinen Lippen. Jeremy mochte das totale Chaos in der Küche sein, dennoch schmeckte sein Porridge um Längen besser als der klassische deutsche Haferschleim. Freiwillig essen würde ich so etwas dennoch erst, wenn gar nichts anderes mehr runterging.

»Wolltest du nicht eigentlich ins ›Station 2B‹?«

An mir vorbei warf Jeremy einen prüfenden Blick zu der großen Wanduhr.

»Ist ja noch Zeit und außerdem ...«, er ließ sich mit einem tiefen Seufzer neben mich fallen, »... weiß ich nicht, ob ich heute wirklich Lust habe.«

»Ach komm.« Meine Hände fanden wie von selbst den Weg unter sein weites Tanktop, streichelten über seinen flachen Bauch, eines der wenigen Stückchen Haut, die nicht mit Tattoofarbe verziert waren. In den letzten Monaten war das eine oder andere bunte Bild auf seinem Körper dazugekommen. »Du freust dich schon seit Tagen ... Blödsinn ... seit Wochen auf die Pure-Party.«

»Stimmt, aber du wirst offensichtlich nicht mitkommen.«

Er sagte das mit einem solchen Bedauern in der Stimme, dass ich ehrlich lachen musste.

»Seit wann brauchst du mich, um die ganze Nacht zu vögeln?«

»I don’t need you for that«, gab er sofort zu, neigte sich zu mir. Vollkommen überflüssig zu leugnen, dass er in diesem Moment mit voller Absicht in seine Muttersprache verfiel, weil er ganz genau wusste, dass es mich anmachte. Ganz nahe an meinem Ohr raunte er: »But you know how much I like it, when you watch me fucking the other guys.«

Ich mochte das, unbestritten. Genauso unbestritten wie ich es liebte, wenn er sich wie jetzt an mich schmiegte, mich nicht streichelte, sondern nur seine Hände still auf mir ruhen ließ und mir alleine durch diese Gesten suggerierte, wie sehr er mich wollte. Nach all der Zeit.

Seufzend zog ich ihn noch näher, vergrub mein Gesicht an seinem Hals und nuschelte dagegen: »Ich weiß. Aber glaub mir, mit mir ist heute nicht mehr viel anzufangen. Geh raus und hab Spaß.« Ich tupfte einen kleinen Kuss auf seine Haut, genau an der Stelle, an der sein Puls puckerte. »Mach’s mit jedem Kerl, den du willst, und dann komm zu mir nach Hause.«

Kurz dachte ich, Jeremy würde etwas ähnlich Versautes wie gleichermaßen Tiefgründiges von sich geben, doch stattdessen prustete er los.

»Coming home for what? To cook you the best porridge ever?«

»Idiot«, murrte ich und biss ihm zart ins Ohr. Wenigstens konnte er wieder lachen.

 

~*~

 

Rund vier Stunden später befanden sich meine Kopfschmerzen dank Aspirin Komplex im Rahmen und meine Nase hatte zu laufen begonnen, was zwar nervig war, aber dennoch besser als nur durch halb geöffneten Mund Luft zu bekommen. Jeremy war schon seit einiger Zeit weg und ich lümmelte mit einer Netflix-Serie auf dem Sofa. Ich war gerade dabei, einzudösen, als sich mein Handy mit einem leisen Piepston zu Wort meldete, der den Eingang einer privaten Nachricht in dem einzigen Gay-Forum, in dem ich angemeldet war, verkündete. Wie zu erwarten war die PN von Sonnyboy86 – Tim, wie ich inzwischen wusste. Seit ich ihn vor knapp eineinhalb Jahren angeschrieben und mit Fragen zum Thema ›polyamore Beziehung‹ gelöchert hatte, verband uns so etwas wie eine lose Online-Freundschaft.

›Hey Jens, na zuhause?‹

Gähnend kämpfte ich mich in eine halb sitzende Position hoch, um bequemer eine Antwort tippen zu können.

›Ja, Sofa und Netflix. Und du?‹

›Bin auch zuhause. Danny hat sich ein langes WE genommen und ist mit seinem Lover im Kurzurlaub.‹

Tims geschriebene Worte entlockten mir ein überraschtes Schnaufen. Ich hatte inzwischen genug Einblicke in die Beziehung der drei – wobei genau genommen nur Tim und Danny sowie Danny und Marius je ein Paar waren – Bescheid, um zu wissen, dass es für Tim vollkommen selbstverständlich war, seinen Danny zu einhundert Prozent mit einem anderen Mann zu teilen. Ein Umstand, den ich nach wie vor auf seltsame Weise bewundernswert fand. Dass Danny und Marius jedoch auch gemeinsam mehrere Tage wegfuhren, während Tim zuhause saß, verwunderte mich dann doch.

›So lange keine Antwort? Geschockt? ^^‹, kam es da auch schon per Chat von Tim.

›Etwas‹, gab ich zu.

›Du weißt doch, alles easy. Die beiden hatten vor zwei Wochen ziemlich großen Zoff, was letztlich auch für mich echt anstrengend war. Von daher soll’s mir recht sein, wenn die beiden gemeinsam Zeit verbringen und klären, was auch immer da war. Und bei dir? Alleine zuhause?‹

›Jupp. Jeremy ist feiern.‹ Ich verkniff es mir, ›und ficken‹ hinzuzufügen, aber Tim wusste vermutlich auch so, was ich meinte.

›Freigang, ja? ^^‹, schrieb er und bestätigte damit meinen Verdacht. ›Nach wie vor keinen Schiss, dass er sich dabei in einen anderen verguckt?‹

Nachdenklich starrte ich auf das Chatfenster. Nach der Sache mit Felipe war Tim weiß Gott nicht der Einzige gewesen, der daran gezweifelt hatte, dass es funktionieren würde, wenn Jeremy und ich unsere offene Beziehung weiterführten wie zuvor. Ich jedoch war mir sicher. Bis heute. Und noch etwas ...

›Nee, keinen Schiss. Im Gegenteil. Je länger ich drüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass damals nicht die Sache an sich das Problem war, sondern der Kerl.‹

Felipe ... An ihn und an das, was zwischen Jeremy, ihm und mir passiert war, zu denken, entfachte nach wie vor ein schmerzhaftes Stechen in meiner Brust. Alleine der Gedanke daran, wie kurz ich davor gewesen war, Jeremy an Felipe zu verlieren, ließ eine schmerzliche Übelkeit tief in meinen Eingeweiden aufwallen. Denn in einer Sache war ich mir mehr als sicher: Mit Felipe hatte es nur ein Entweder-Oder geben können. Niemals aber eine Beziehung zu dritt.

Das Piepsen meines Handys holte mich aus meinen bitteren Grübeleien zurück.

›Glaub ich dir sofort‹, antwortete Tim und schickte noch ein lächelndes Emoji hinterher. ›Mit manchen Kerlen funktioniert sowas einfach nicht. Aber wie du siehst, mit Danny und Marius klappt es. Meistens jedenfalls ^^‹

Kurze Pause, dann blinkte schon die nächste Nachricht im Chat.

›Sorry, hat geklingelt. Meine Sis kommt noch vorbei. Schönen Abend dir!‹

Dasselbe wünschte ich Tim auch, ehe ich das Fenster wegklickte. Das Display zeigte 01:17 Uhr. Es würde sicher noch Stunden dauern, ehe Jeremy wieder nach Hause kam. Noch einmal lauschte ich in mich hinein, fand kein nagendes Gefühl der Unsicherheit oder gar Eifersucht. Stattdessen knurrte mein Magen. Es würde sich wohl nicht vermeiden lassen, noch einmal aufzustehen und den Weg in Richtung Küche einzuschlagen. Wenn ich Glück hatte, war noch ein halber belegter Bagel im Kühlschrank.

2. Kapitel – Jeremy

 

»Mach dir keinen Kopf«, meinte Jessie und prostete mir mit ihrer Kaffeetasse über den Tisch hinweg zu. »Der Salon lief, als du die letzten Tage nicht da warst, er wird auch laufen, solange du in Kalifornien bist. Und oh Mann, Kalifornien ... Ein bisschen beneide ich dich ja schon, auch wenn die Umstände nicht gerade die erfreulichsten sind.«

»Nicht wirklich«, gab ich zu und nahm einen großen Schluck Kaffee. Natürlich wussten meine Mitarbeiter, weshalb ich im letzten Jahr mehr Zeit als üblich in den USA verbracht hatte. Aber nur Jessie stand mir auch auf einer freundschaftlichen Ebene nahe genug, um ab und an zu fragen, wie es mir mit dem Tod meines Grandpas ging. Und sie war auch die Einzige, der ich in dieser Hinsicht eine ehrliche Antwort gab.

»Okay, Jessie«, setzte ich hinzu und erhob mich, beendete damit das Gespräch, »ich verlass mich auf dich. Und du weißt, du kannst mich jederzeit anrufen, wenn irgendwas unklar sein sollte.«

Unter ihrem frisch geschnittenen und gefärbten Pony hinweg blinzelte sie mir fröhlich zu.

»Es wird nichts unklar sein, aber ja, ich melde mich. Versprochen.« Sie erhob sich ebenfalls und stellte ihre inzwischen leere Tasse in die kleine Spülmaschine, die wir seit kurzem unser Eigen im Salon nannten.

»Ich bin dann vorne und mache alles für die ersten Kunden fertig. Katia und Luca sollten auch gleich da sein.«

»Liz?«, hakte ich nach, während ich den Laptop zu mir heranzog.

»Arzttermin«, rief Jessie mir vom Nebenraum mit den Waschbecken her zu. »Sie kommt um 11.«

»Okay.« Auch wenn ich insgeheim froh war, die Personalplanung vor einigen Monaten an Jessie abgegeben zu haben, war es doch ungewohnt, nicht immer im Detail über Termine und Sonderregelungen in den Arbeitszeiten meiner Mädels Bescheid zu wissen. Aber Jessie machte ihre Sache gut, bislang hatte ich mich immer voll auf sie verlassen können. Dennoch hakte ich nach: »Und Alina kommt heute Mittag?«

»Ja.« Jessie streckte noch einmal ihren Kopf ins Büro hinein. »Wenn du aus den USA zurück bist, müssten wir nochmal wegen ihrer Arbeitszeit quatschen. Ich weiß, sie ist nur noch Teilzeit da und das passt auch, weil Luca ja langsam mehr mit anpacken kann, aber vielleicht wäre es besser, ihr einen zweiten Tag in der Woche frei zu geben, damit sie dafür freitags und samstags länger da sein kann.«

Ich wollte schon zu einer Entgegnung ansetzen, doch Jessie winkte grinsend ab.

»Nach deinem Urlaub, okay?«

Innerlich seufzend ergab ich mich der Erkenntnis, dass meine Mädels auch ohne mich alles im Griff hatten. Fast alles ...

»Ich mach noch schnell die Hairline-Bestellung, ja? Dann solltet ihr nächste Woche alles dahaben.«

»Super«, flötete Jessie aus dem Hauptraum, gleich darauf meldete sich das Windspiel an der Tür klimpernd zu Wort.

»Hi, Luca!«, hörte ich abermals Jessies Stimme. Ein prüfender Blick auf die Uhr zeigte, dass ich mich nach wie vor nicht über meinen Azubi beschweren konnte. Aber auch abgesehen von seiner zuverlässigen Pünktlichkeit war Luca ein absoluter Goldschatz, er hatte Talent und das Wichtigste war: Die Kunden liebten ihn.

Gleich darauf streckte er seinen wie immer perfekt gestylten Kopf ins Büro.

»Guten Morgen.«

»Hey, Luca. Alles klar?«

»Immer«, behauptete er und strahlte dabei wie an dem Tag, an dem ich ihm seinen Ausbildungsvertrag ausgehändigt hatte. »Hast du kurz ’ne Minute?«

Abgesehen davon, dass ich eigentlich Urlaub hatte und gar nicht hier sein sollte – nicht zuletzt deshalb, weil ich nach der vergangenen Nacht im ›Station 2B‹ nur ins Bett wollte –, hatte ich natürlich Zeit für meinen Azubi.

»Klar, was gibt’s?«

»Na ja, also ... ich wollte fragen, ob ich nächsten Freitag vielleicht eine Stunde eher gehen könnte? Ich weiß, ist voll ungünstig freitags, aber ... mein Schatz und ich haben da Einjähriges und ich wollte ihn überraschen, mit ’nem Essen und so.«

Die Art, wie zaghaft er sein Anliegen vortrug und das Wissen, wie verknallt er und sein Freund ineinander waren, zauberte mir gleichermaßen ein Grinsen aufs Gesicht.

»Nächste Woche ist Jessie der Chef, ich hänge noch ’ne Woche Urlaub dran. Von mir aus spricht nichts dagegen, aber klär es bitte nochmal mit ihr ab.«

»Echt? Cool, danke! Und klar, mach ich.« Luca wirbelte freudestrahlend herum und war schon halb aus dem Büro, als er mir noch zurief: »Ich leg dann mal die Handtücher raus!«

Noch immer grinsend über seinen Enthusiasmus wandte ich mich wieder dem Laptop und der Bestellung zu. Aus dem Hauptraum vernahm ich gedämpft Jessies und Lucas Stimmen, und bald trudelte auch Katia ein.

Beim Farbton ›Kupferrot 02‹ war ich mir nicht ganz sicher, wie viele Packungen noch da waren. Also machte ich einen kurzen Abstecher in den Nebenraum. Wie von Luca angekündigt, lag neben jedem Waschbecken ein kleiner Stapel Handtücher bereit und das Glänzen der Armaturen verriet, dass er noch einmal darübergewischt hatte. Zufrieden nahm ich unseren Vorrat an ›Kupferrot 02‹ in Augenschein und lauschte dabei mit halbem Ohr, eher aus Gewohnheit denn bewusst, in den Hauptraum hinein.

»Geht’s ihm nicht gut?«, vernahm ich Lucas gedämpfte Stimme.

»Wie kommst du drauf?«, gab Jessie ebenso leise zurück.

»Na, weil er nochmal ’ne Woche Urlaub nimmt. Und er sieht müde aus.«

»Keine Sorge. Der Urlaub hat mit dem Erbschaftsfall zu tun, du weißt ja ... Und ich glaube, er ist einfach nur platt.« Ich konnte das Grinsen in Jessies Stimme regelrecht hören, als sie noch leiser und verschwörerisch hinzusetzte: »Gestern war Pure-Party im ›Station 2B‹.«

»Oh.« Mehr sagte Luca nicht und ich konnte nicht anders, als breit grinsend im Büro zu verschwinden. Der Kerl war einfach zu gut erzogen, um mit seinen Kollegen über das Privatleben seines Chefs zu philosophieren – vor allem auf die Gefahr hin, dass eben dieser Chef mithörte. Dennoch konnte ich durch die Wand hindurch regelrecht die Gedanken in seinem Kopf mahlen hören.

›Pure ... Ist das nicht diese Nackt-Party? Hat er nicht einen Freund?‹

So oder so ähnlich musste es vermutlich gerade in Lucas hübschem Köpfchen zugehen. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie er heute Abend seinem Freund davon erzählen würde und die beiden sich gegenseitig hoch und heilig versprechen würden, niemals und unter keinen Umständen, ohne den jeweils anderen zu so einer Party zu gehen. Die beiden waren echt süß miteinander. Furchtbar verliebt und furchtbar jung. Seufzend wandte ich mich zum wiederholten Mal an diesem Tag dem Laptop zu und freute mich bereits jetzt auf einen ganz entspannten Sofa-Abend mit Jens.

 

~*~

 

»Ist das der Grundriss vom Strandhaus?« Jens linste neugierig über meine Schulter.

»Ja, das ist die untere Etage. Wohnzimmer, Essbereich, Küche und hier ...«, ich zog ein weiteres Papier aus der Mappe mit den Hausunterlagen, »das ist das Obergeschoss. Drei Schlafzimmer, zwei Bäder.«

»Wow, das ist echt groß.«

»Na ja, für Malibu-Verhältnisse nicht«, gab ich schief grinsend zu bedenken. »Du solltest mal sehen, was für Luxusbunker in nächster Nachbarschaft stehen.«

»Mhm, kann ich mir vorstellen.« Jens zögerte einen Moment, streichelte sanft meinen Arm hinauf. In einer längst vertrauten Geste ruhten seine Finger auf der Sanduhr. »Eigentlich echt schade, dass wir es nie geschafft haben, deinen Grandpa gemeinsam in Malibu zu besuchen.«

Ich nickte nur bedrückt, lehnte mich ein wenig nach hinten und gegen Jens’ warmen Körper. Ein wenig zu warm ... Ehe ich etwas sagen konnte, glitten seine Hände über meine Oberarme auf meine Schultern und er meinte: »Du bist total verspannt.«

»Und du total erkältet. Hast du Fieber?«

»Quatsch und selbst wenn ... Ist ja jetzt Wochenende und ich kann mich auskurieren.«

»Und was ist mit dem Stapel Klausuren, den du gestern angeschleppt hast?«

Jens grinste mich von der Seite an und drückte mir einen Kuss auf den Hals.

»Hab die meisten schon in der Freistunde heute korrigiert. Mach dir keinen Kopf, ja? Und jetzt ...« Er rutschte ein Stück auf dem Sofa nach hinten. »Ausziehen und hinlegen.«

Ich konnte nicht verhindern, bei seinen Worten gleichsam amüsiert wie neugierig die Brauen zu heben. Jens’ Grinsen wurde nur noch breiter.

»Nein, Baby«, erklärte er in gespielt oberlehrerhaftem Ton – was sich mit seiner Schnupfnase ziemlich merkwürdig anhörte. »Das ist keine Aufforderung zum Sex. Davon hast du ja letzte Nacht genug gehabt.«

Mir lag schon die Entgegnung auf der Zunge, dass es nie genug Sex sein konnte – schon gar nicht mit Jens –, aber wenn ich ehrlich war, stand mir der Sinn gerade wirklich mehr nach gemütlichem Kuscheln. Und Jens sah sowieso so aus, als gehörte er ins Bett. Schlafend.

Ich griff an den Saum meines Shirts, hielt dann aber mitten in der Bewegung inne.

»Du solltest dich eigentlich hinlegen.«

»Ich liege doch. Hier, mit dir.«

»Du sitzt«, beharrte ich und warf Jens mein Oberteil an den Kopf, was er jedoch nur mit einem weiteren Grinsen quittierte.

»Hinlegen, jetzt, auf den Bauch.«

Ich tat, wie mir geheißen, verschränkte die Arme unter der Stirn und schloss die Augen. Genoss das wohlige Kribbeln, als Jens den Bund meiner Jogginghose ein kleines Stück nach unten schob und dabei wie zufällig meinen Po streichelte. Er drückte einen Kuss auf meinen unteren Rücken, ehe er sich über meine Beine setzte. Ein kurzes Herumruckeln, das Klicken eines Tubenverschlusses und gleich darauf stieg mir der angenehm sinnliche Geruch eines Massageöls in die Nase, von dem ich nicht gewusst hatte, dass wir es überhaupt besaßen. Geschweige denn, dass es irgendwo im Ablagefach des Couchtisches lag. Ich verrenkte mir fast den Hals beim Versuch, Jens anzusehen und fing seinen liebevollen Blick ein.

»Gib’s zu, das war geplant.«

Er lächelte nur und sah mich unverwandt an, während er das Öl in seinen Handflächen anwärmte.

»Augen zu.«

Seufzend folgte ich dem nur geflüsterten Befehl, zog noch eines der kleineren Sofakissen heran und unter meinen Kopf, schmiegte die Wange daran und wartete auf seine Berührungen auf meiner Haut.

Wie verspannt ich tatsächlich war, registrierte ich erst so richtig, als Jens das erste Mal mit leichtem Druck in meine Schultermuskulatur griff. Scheiße, bretthart! Mein gequältes Stöhnen kommentierte Jens nur mit einem leisen Lachen. Ein sanfter Kuss in meinen Nacken, ehe er begann, meine Schultern vorsichtig, aber dennoch mit Druck zu bearbeiten. Was zunächst noch ziemlich schmerzhaft war, entwickelte sich rasch zur echten Wohltat. Jede knetende Bewegung seiner Finger, jede feste Berührung mit den Handballen lockerte die verspannten Muskeln ein wenig weiter, sodass ich bald aufseufzend das Gesicht im Kissen vergrub.

»Gut so?«

»Oh Godness, jaaa.«

Wieder lachte er leise und der Laut kribbelte in meinem Nacken und mein Rückgrat hinab. Kurze Zeit später folgten seine Hände. Zogen mit sanftem Druck große Bögen über meinen Rücken und an den Seiten entlang. Bald schon fühlte sich mein ganzer Rücken heiß an, meine Haut schien durch die Reibung zu glühen ... und noch etwas ...

Ich zuckte leicht zusammen, als Jens noch etwas mehr Öl auf meinen unteren Rücken tropfen ließ. Nicht, weil es zu kalt oder unangenehm war, sondern weil die tröpfelnde Berührung etwas seltsam Sinnliches an sich hatte. Seine Finger fuhren durch die ölig-feuchte Spur, immer tiefer und schließlich über meinen Arsch. Mit festem Druck knetete Jens meine Pobacken, seine Finger, glitschig vom Öl und plötzlich so verdammt heiß, glitten immer wieder dazwischen. Ganz leicht nur, mehr eine Ahnung denn eine tatsächliche Berührung, die mir gerade wegen ihrer Subtilität ein leises Stöhnen entlockte.

Gleich darauf verschwanden Jens’ Hände von meiner Haut, ebenso wie sein Gewicht von meinen Beinen. Die plötzlich fehlende Nähe ließ mich augenblicklich frösteln, die Augen öffnen und den Kopf heben. Aber dann waren seine Finger an meinem Hosenbund, zogen den Stoff noch tiefer. Seltsam beruhigt und angeheizt zugleich fielen meine Lider wieder zu. Ich ließ es einfach geschehen, dass Jens mich komplett auszog, meine Hüften ein wenig anhob und mir ein Kissen darunter schob, mich schließlich wieder hinabdrückte. Mein Ständer rieb gegen den weichen Stoff, leise keuchend schnappte ich nach Luft. Registrierte erst jetzt, wie sehr mich die Massage erregt hatte – und nicht erst, seit Jens sich meinem Arsch gewidmet hatte.

Der Gedanke wurde nebensächlich, als er meine Beine ein kleines Stück auseinander schob und sich dazwischenkniete. An den Innenseiten meiner Oberschenkel spürte ich den Stoff seiner Jogginghose. Leise Enttäuschung flutete mich, darüber, dass er nicht genauso nackt war wie ich selbst. Doch sie verflog, als seine Hände, noch glitschiger und wärmer als zuvor, auf meine Haut zurückkehrten. Als habe es die kurze Unterbrechung nie gegeben, fuhr Jens damit fort, meine Pobacken zu verwöhnen. Er knete sie mal fest, streichelte mal nur mit den Fingerspitzen darüber und ließ mich so in einem andauernden Schwebezustand zwischen roher Erregung und sanfter Sinnlichkeit taumeln. Am Rande registrierte ich die sehnsüchtigen Laute, die meinen Mund verließen und die man mit Recht als Seufzen oder Wimmern hätte beschreiben können. Aber es war mir so egal. Alles, was in diesem Moment zählte, waren Jens’ Hände auf mir, der Geruch von Orangen und Sandelholz um uns herum und die brodelnde Erregung tief in meinen Lenden. So, schoss es mir durch den Kopf, verdammt nochmal genau so musste sich der perfekte Sex anfühlen.

Jens neigte sich weiter über mich, hauchte kleine Küsse auf mein Ohr und fragte leise »Was ist?«, als er mein gedämpftes Lachen vernahm.

»Nichts«, flüsterte ich, »mach weiter.«

Im nächsten Moment spürte ich, wie er mit einer Hand meine Arschbacken spreizte. Gleich darauf tropfte Massageöl dazwischen, rann in einem dünnen Strahl, der sich tausendmal heißer anfühlte als er mit Sicherheit war, über die empfindliche Haut hinab. Ich hielt den Atem an. Keuchte und wimmerte, als das Öl auf meinen Eingang traf. Die Berührung war so lächerlich gering und dennoch spürte ich, wie mein ganzer Körper darauf reagierte. Der Ringmuskel zuckte, ebenso mein Schwanz, die ersten Lusttropfen befeuchteten das Kissen unter mir. Zitternd vergrub ich das Gesicht im Kissen. Biss hinein und krampfte die Finger darum, als Jens das Öl zwischen meinen Backen verrieb, gleich darauf mit den Fingerspitzen meinen Eingang umspielte.

»Bitte«, flüsterte ich ins Kissen, nicht sicher, ob nur in meinen Gedanken oder wirklich laut genug, als dass er es hätte hören können. Sanft drängte Jens einen Finger in mich, die Spitze nur, neckte den Muskelring.

»Godness ... please ...« Lauter dieses Mal. Er schob seinen Finger tiefer. Mit der anderen Hand zog er mich an den Hüften empor, nur ein bisschen, sodass er mit öligen Fingern meinen Schwanz umfassen konnte. Der Schaft glitt dank Massageöl leicht durch seine Faust. In langsamem Tempo begann Jens, mich zu wichsen, fickte mich im selben Rhythmus mit einem Finger, dann mit zweien. Ein viel zu schwacher Reiz, um davon zu kommen, und dennoch zu viel. Keuchend lag ich vor ihm in den Kissen, nicht fähig, mich hochzustemmen und ihm entgegenzudrücken oder vielleicht wollte ich es auch schlicht nicht. Weil es zu quälend, zu gut, zu verdammt nochmal perfekt war, was er mit mir tat. Weil er wusste wie kein anderer, wie er mich dazu bringen konnte, genau eines zu sein: sein Freund, sein Partner, sein Geliebter ... sein Alles.

»Baby ...«, hörte ich ihn über mir flüstern. Rau und zittrig. Und dann noch leiser: »Ich liebe dich.«

Ich schluchzte ins Kissen. Ein einziger abgehackter Laut ohne Tränen. Für wenige Sekunden wurden die Berührungen seiner Hand um meinen Schwanz fester. Härter. Zu spüren, wie er die Finger in mir leicht drehte, anders krümmte, ließ mich den Atem anhalten. Dann sanfter Druck auf meine Prostata. Und ich kam. Zitternd und keuchend, die Zähne und Finger im Kissen vergraben, den Rücken durchgebogen.

Nach Luft schnappend sank ich mit den Hüften zurück auf das Sofa, auf das Kissen, das feucht und klebrig von meinem Sperma war. Ruckende Bewegungen, ein leiser Fluch und das Geräusch, wenn Hände an Kleidern rissen, bestätigten mir, dass Jens sich ebenfalls die Hose herunterzog. Während ich noch immer zitternd und schwer atmend dalag, die Augen geschlossen, rutschte er weiter über mich. Ich spürte die pumpenden Bewegungen seiner Hand, sein abgehackter Atem kitzelte meinen Nacken. Noch aufgeheizt von meinem eigenen Höhepunkt und von seiner Lust, so nahe bei mir, stöhnte ich verhalten. Gleich darauf streifte sein heiserer Schrei mein Ohr, sein Saft landete auf meinem Rücken, lief warm über meine Flanken.

Ermattet und schwer atmend sank Jens auf mich, begrub mich in wohliger, wenn auch klebrig-klitschiger Wärme. Er drückte sanfte Küsse auf meine Schultern, in meinen Nacken und mein Haar, streichelte über meine Arme und verflocht unsere Finger miteinander. Ich weigerte mich noch immer, die Augen zu öffnen.

»Jetzt«, murmelte Jens irgendwann mit hörbar müder Stimme in mein Ohr, »jetzt darfst du mich dazu überreden, ins Bett zu gehen.«

»Mmh ...« Ich rekelte mich ein wenig unter ihm, soweit es sein Gewicht auf mir eben zuließ. »Ich glaube, ich sollte noch duschen gehen.«

3. Kapitel – Jens

 

»Okay, Schluss für heute. Wer hat Tafeldienst?« Auffordernd schaute ich in die Runde meiner Schüler, von denen die Hälfte natürlich schon dabei war, schwatzend und lachend ihre Mathesachen zusammenzupacken. Irgendwo in der zweiten Reihe flog ein ausgestreckter Finger in die Luft.

»Ich!«, verkündete Mohammed über das Getümmel seiner Klassenkameraden hinweg. »Zusammen mit Lisa.«

»Gut, dann wischt ihr bitte noch die Tafel ab und räumt die Kreide weg.« Kurz huschte mein Blick durch den Raum, fand einen gesenkten Kopf und hängende Schultern.

»Adrian, kommst du bitte noch kurz zu mir nach vorne?«

Besagter Junge sah kurz zu mir auf, nickte, blieb jedoch an seinem Platz sitzen und fuhr damit fort, im Schneckentempo seine Sachen in seinen Schulranzen zu packen. Erst als sogar Mohammed und Lisa ihre Ranzen und Turnbeutel geschnappt und das Klassenzimmer verlassen hatten, erhob Adrian sich und kam zu mir ans Lehrerpult. Wie ein begossener Pudel stand er vor mir, in der Linken hielt er sein Matheheft, aus dem die Klausurblätter hervorstanden. Ich deutete darauf und versuchte, Adrians Blick einzufangen.

»Deine Klassenarbeit war nicht so gut, hmm?«

Er schüttelte den Kopf, wich meinem Blick weiter aus.

»Der letzte Mathetest auch schon nicht.« Vor wenigen Wochen hatte ich den Test noch als Ausrutscher abgestempelt, auch wenn ich mich über das Ergebnis – eine Vier – sehr gewundert hatte, da Adrian bislang immer gut in Mathe gewesen war. Eigentlich in allen Fächern ...

Wieder erhielt ich keinen Kommentar von ihm.

»Hast du in den letzten Stunden etwas nicht verstanden?«

Dieses Mal schüttelte er wenigstens den Kopf, auch wenn ich mir nicht so sicher war, ob er meine Frage damit nun bejahte oder verneinte.

»Du weißt, dass du immer nachfragen kannst, wenn du etwas nicht verstehst?«

»Ja«, kam es ganz leise über seine Lippen.

»Das muss dir auch nicht unangenehm sein. Die anderen verstehen auch nicht immer alles. Und als Lehrer bin ich dafür da, dass ich euch etwas beibringe und nicht, dass ihr schlechte Noten schreibt.«

Da endlich hob Adrian den Kopf. Nervös kaute er auf seiner Unterlippe.

»Ich weiß«, nuschelte er, »aber ich versteh’s ja. Hab mich nur verrechnet.«

Ich hatte mir seine Klausur zweimal angesehen. Definitiv genau genug, um zu wissen, dass es sich nicht nur um schlichte Rechenfehler handelte, denn sonst hätte ich ihm immerhin Punkte für den richtigen Lösungsweg geben können.

»Kann ich jetzt zur Turnhalle gehen? Sonst komme ich zu spät zum Sport.«

Kurz zögerte ich, wollte den Jungen eigentlich nicht so entlassen, aber andererseits war deutlich, dass ich heute keine andere Antwort als ›verrechnet‹ von ihm bekommen würde.

»Klar. Bis morgen, Adrian.«

»Tschüss, Herr Buchgraber«, murmelte er und trottete mit hängenden Schultern aus dem Klassenzimmer. Durchs Fenster hindurch sah ich ihm nach, wie er in Richtung der Turnhalle ging. Eile sah anders aus und ich glaubte ihm keineswegs, dass die letzten beiden schlechten Noten einfach nur mangelnder Konzentration geschuldet waren.

Seufzend packte ich meine eigenen Unterrichtssachen in meine Tasche und zog kurz mein Handy hervor. Tatsächlich blinkte eine WhatsApp von Jeremy auf dem Display.

›Hey, Babe. Bin endlich angekommen und geh direkt ins Bett. Meld mich morgen. Kuss.‹

Rasch rechnete ich den Zeitunterschied zu Kalifornien nach. 02:22 Uhr in Malibu. Kein Wunder also, dass Jeremy nach dem langen Flug zu dieser Zeit nur noch ins Bett wollte und nicht mehr wartete, dass ich ihn kurz zurückrief – zumal die Nachricht bereits vor einer halben Stunde eingetrudelt war. Um ihn am Ende nicht doch zu wecken, antwortete ich auch nicht. Die blauen Häkchen neben der Nachricht würden ihn ja am Morgen wissen lassen, dass ich seine Nachricht gelesen hatte.

 

~*~

 

Über den klobigen Holztisch des Irish-Pubs hinweg prostete ich meinem Bruder zu, ehe ich einen großen Schluck von meinem Guinness nahm. Micha tat es mir gleich und sank mit einem tiefen Seufzer auf der Eckbank zusammen. Auch wenn die Sitzmöbel hier drin nicht unbedingt dazu gemacht waren, tiefenentspannt darauf herumzulümmeln, Micha sah aus, als wäre es ihm vollkommen egal, wo genau er im Sitzen einschlief.

»Anstrengendes Wochenende?«

Er warf mir einen kurzen Seitenblick zu, nickte nur und nahm einen weiteren Schluck Bier. Ich verkniff mir den Kommentar, dass es ihm sicher gut tun würde, ein Wochenende lang einfach mal nur auszuspannen, denn ich wusste, dass er den Vorschlag nur mit einem Schulterzucken abwehren würde. Da seine beiden Töchter unter der Woche nicht allzu viel von ihrem Papa hatten, versuchte er sie samstags und sonntags rund um die Uhr zu bespaßen. Zoo, Inlineskater fahren, Picknick, Reiterhof, ab und zu ins Kino ... Alles Unternehmungen, die ihm als Vater zwar auch Spaß machten – alleine schon, weil seine Mädels es liebten –, die aber auch Zeit, Nerven und Geld kosteten. Und von keinem davon hatte Micha als alleinerziehender Papa allzu viel. Es grenzte schon an ein Wunder, dass er sich den heutigen Abend hatte freischaufeln können, um mit mir gemeinsam ganz entspannt ein oder zwei Bier trinken zu gehen.

Die Kellnerin, die soeben mit unserer Essensbestellung an den Tisch kam, unterbrach für einen Moment meine Gedanken. Gleich darauf standen zwei riesige, duftende Burger vor uns.

»Na dann, ’nen Guten«, beeilte ich mich noch zu sagen, während Micha bereits herzhaft in seinen Burger biss. Als Entgegnung reckte er nur den Daumen in die Luft.

»Oh Mann«, nuschelte er schließlich an einem weiteren Bissen vorbei. »Chiara würde mir was erzählen, wenn sie wüsste, dass ihr Papa Burger essen ist.«

Ich kaute. Schluckte. Gott, war das lecker!

»Warum?«

Micha verdrehte vielsagend die Augen.

»Sie ist seit Neuestem unter die Vegetarier gegangen. Scheint gerade ein Trend in ihrer Klasse zu sein.«

»Oh.« Ein Trend, der mir bislang bei meinen Schülern nicht aufgefallen wäre. Wenn ich mal beiläufig in die Brotdosen von manchen meiner Drittklässler schaute, fragte ich mich eher, was zur Hölle sich die Eltern dabei dachten, Milchschnitte und Gummibärchen in Massen hineinzufüllen. Apfelstückchen oder Käsebrot Fehlanzeige ...

»Mhm, oh«, brummte Micha und hob einmal kurz den Brötchendeckel seines Burgers an, um eine extra Portion Barbecue-Soße darauf zu verteilen. »Bedeutet für mich noch mehr Aufwand beim Kochen. Chiara will alles ohne Fleisch, Leonie hat gerade ihr Herz für alles, was aus Hühnchen besteht, entdeckt.«

»Na, ich drück die Daumen, dass Chiara nicht allzu bald was von Veganern erfährt.«

»Mein Gott, beschrei’s nicht.« Wie zur Beruhigung genehmigte sich mein Bruder einen großen Schluck Guinness, ehe er erneut genüsslich in seinen Burger biss.

Für die nächsten Minuten verstummte unser Gespräch, jeder von uns schien zu beschäftigt mit der Geschmacksexplosion aus saftigem Rindfleisch, rauchiger Soße und würzigem Cheddar. Der Pub, in dem wir eingekehrt waren, mochte unsagbar unbequeme Sitzmöbel haben, aber die Burger waren erstklassig. Und das Bier sowieso.

Auch nach dem Essen herrschte noch einige Minuten gefräßige Stille. Erst als die zweite Runde Bier vor uns auf dem Tisch stand, fragte Micha: »Was macht Jeremy heute Abend? Er hätte ruhig mitkommen können.«

In mir flammte der Gedanke auf, dass weder mein Freund noch mein Bruder besonders erpicht darauf waren, übermäßig viel Zeit miteinander zu verbringen. Doch ich sagte nichts dazu, wusste zu gut, dass sich an den Differenzen, die die beiden hatten, auch nach fünf Bier nichts ändern würde. Die beiden hatten einen denkbar schlechten Start miteinander gehabt: Das Erste, was Micha live von Jeremy mitbekommen hatte, war, dass dieser einem anderen Kerl als mir einen Blowjob verpasste. Für einen strikten Monogamie-Verfechter wie meinen Bruder ein absolutes No-Go.

Damals hatte ich Jeremy noch am selben Abend rund laufen lassen. Nicht etwa, weil es mich störte, dass er einem anderen Kerl den Schwanz lutschte, sondern weil er die Frechheit besessen hatte, Michas aufgebrachtes Gezeter mit einem Augenzwinkern und einem – wenn auch nicht ganz ernst gemeinten – »willst du auch?« zu beantworten. Ab diesem Zeitpunkt war die Sache zwischen meinem Freund und meinem Bruder gelaufen. Sie gingen sich niemals öffentlich an die Gurgel und Jeremy passte auch liebend gerne für ein paar Stunden auf Chiara und Leonie auf – und Micha vertraute ihm die Kinder bedenkenlos an –, dennoch lag immer eine gewisse Spannung zwischen den beiden in der Luft.

»Jens? Hallo?«

»Hmm? Oh, sorry. Nein, Jeremy ist gar nicht da. Er ist vorgestern nach L.A. geflogen.«

»Ah, dann hat sich die Sache mit der Erbschaft geklärt? Oder ist es wegen eines weiteren Gerichtstermins?«

Ich schnaufte schwer.

»Nein, zum Glück ist jetzt alles in trockenen Tüchern. Jeremy hatte Hummeln im Hintern, wahrscheinlich hat er das Haus schon halb ausgeräumt.«

»Kann ich mir vorstellen. Und wann fliegst du mal rüber?«

»Erst in den Sommerferien, geht ja nicht früher.« Ich stockte kurz, überlegte, wann Micha mit den Kids das letzte Mal in Urlaub gewesen war. Mehr als Kurztrips und meistens auch nur innerhalb Deutschlands waren nicht drin.

»Wenn das Haus fertig ist, könnt ihr ja auch mal dort Urlaub machen«, erklärte ich spontan und setzte bei Michas zweifelnder Miene hinzu: »Jeremy hat sicher nichts dagegen und USA-Flüge sind nicht sooo teuer, wenn man zum richtigen Zeitpunkt bucht.«

Da endlich erhellte ein kleines Lächeln die müde Miene meines Bruders.

»Ich überleg’s mir mal. Danke, Jens.«

4. Kapitel – Jeremy

 

Obwohl ich in der ersten Nacht in Malibu dank Zeitumstellung und einem ungewohnten Bett weniger als drei Stunden Schlaf bekommen hatte, trieb es mich bereits bei den ersten schwachen Sonnenstrahlen aus den Federn. Wobei ›Federn‹ eine verdammt passende Umschreibung meiner nächtlichen Ruhestätte war. Es wäre mir merkwürdig vorgekommen, in Grandpas Schlafzimmer zu sein und auf dem großen Echtledersofa hatte ich auch nicht nächtigen wollen. Also hatte ich mich in eines der Gästezimmer verzogen und in diesem stand doch tatsächlich ein verfluchtes, altes Federbett. Als ob mein Grandpa kein Geld für eine bequeme King-Size-Schlafstätte gehabt hätte.

Murrend tappte ich über den Flur, versuchte dabei meine verkrampften Glieder ein wenig zu lockern.

---ENDE DER LESEPROBE---