Der Mann, der 7 Mal vom Blitz getroffen wurde - Hartmut Grawe - E-Book

Der Mann, der 7 Mal vom Blitz getroffen wurde E-Book

Hartmut Grawe

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Beschreibung

Das Buch zur Radiosendung "Neun vor Neun" auf Bayern 1 Die Geschichte vom Mann, der sieben Mal vom Blitz getroffen wurde, ist wahr. Ebenso wie alle anderen Geschichten in diesem Buch, die von besonderen Menschen, wichtigen Erfindungen und außergewöhnlichen Ereignissen berichten. Wussten Sie zum Beispiel, wie die »Blaue Mauritius« zur berühmtesten Briefmarke der Welt wurde? Oder dass Aristoteles Onassis mit dem Verkauf türkischer Zigaretten in Argentinien seine erste Million machte? Hätten Sie gedacht, dass Monopoly in seiner Urfassung von 1904 ein kapitalismuskritisches Spiel war? Das Buch präsentiert eine vom Autor Hartmut Grawe zusammengestellte Auswahl der besten Geschichten aus der Reihe »Neun vor Neun: Der Tag und seine Geschichte«, die täglich auf Bayern 1 gesendet wird. Nicht nur Thriller und Krimis können "page turner" sein. Auch bei diesem Buch wird es dem Leser schwerfallen, nach der gerade gelesenen Geschichte seine Neugier auf die nächste Geschichte zu zügeln, denn jede bietet Überraschungsmomente und Aha-Erlebnisse.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Vorwort

Vorwort

Der Tag und seine Geschichte – das ist das Prinzip der Sendereihe »Neun vor Neun«, die seit 2011 im Programm Bayern 1 des Bayerischen Rundfunks ausgestrahlt wird. Jeweils eine Minute lang blicken wir zurück auf wichtige, seltsame, kuriose und oft nicht so bekannte Ereignisse und Anekdoten, die mit einem ganz bestimmten Tag verknüpft sind. Dieses Buch ist eine Sammlung besonders bemerkenswerter Geschichten aus der Sendereihe.

 

Die Themen der Reihe stammen aus allen Lebensbereichen. Sie ergeben sich zum Teil aus chronologischen Listen, etwa der Themendatenbank der ARD, des Deutschen Rundfunkarchivs, der dpa und nicht zuletzt aus den äußerst umfangreichen Ereignisvermerken in verschiedenen Ausgaben der Wikipedia. In Listen dieser Art finden sich aber durchaus Fehler, die anschaulich zeigen, wie der Staub der Geschichte den Blick im Lauf der Jahre eintrübt: Fand ein Ereignis wirklich am vermerkten Tag statt – oder ist vielleicht das Datum eines Zeitungsartikels hängen geblieben, der nachträglich über die jeweiligen Umstände berichtet hat? Um solche Ungenauigkeiten aufzuspüren, aber mehr noch um wichtige Seitenaspekte zu finden und entscheidende Augenblicke möglichst anschaulich wiederzugeben, reicht die Recherche trotz der Kürze der Texte tief. Wo immer möglich, habe ich »Primärquellen« herangezogen, etwa Originaltexte von Patenten, Schiffslogbücher der Entdecker, wissenschaftliche Veröffentlichungen Memoiren. Hinzu kommen möglichst viele unabhängige verlässliche Sekundärquellen, also Zeitungs- und Magazinartikel, Bücher, Museumsexponate.

 

Der Schlüssel zu diesen Quellen ist, natürlich, das Internet. Im Lauf der letzten Jahre wurden erstaunlich viele historische Schriften digitalisiert und zugänglich gemacht. Der Zugriff auf solche »Digitalisate« erspart (leider) die Weltreise und hat die Sendereihe in der vorliegenden Form erst möglich gemacht. Für deutsche Themen nach 1945 sind die Archive des »Spiegel« und der »Zeit« unverzichtbar, zumal sie neben Fakten auch gesellschaftliche Strömungen, Diskussionen und Konflikte deutlich abbilden. Für den englischsprachigen Raum leisten das unter anderem die Archive der Magazine »Time«, »Life« und »Popular Mechanics«. In den USA bieten oft auch lokale »historical societies« umfangreiche Materialsammlungen mit Fotos und Originaldokumenten online an, dort wie hier sind zudem Texte und Bilder aus Museen und anderen Institutionen wertvolle Recherchequellen. Wenn Detailfragen trotzdem offen bleiben, hilft am Ende die persönliche Kontaktaufnahme.

 

Ein wissenschaftlicher Anspruch ist dennoch keinesfalls das Ziel dieses Buchs oder der Sendereihe. Allein aufgrund der Kürze der Beiträge ist meine Gewichtung der Fakten völlig subjektiv, Experten sehen dies manchmal vielleicht kritisch. Dennoch habe ich versucht, widerstreitende Positionen und unsichere Faktenlage angemessen zu erwähnen und nach bestem Wissen zu berücksichtigen.

 

Allen, die fundierte Informationen zugänglich machen, gilt mein nachdrücklicher Dank, ebenso Bernd Diestel und dem Team von Bayern 1 mit Sprecher Peter Veit. Sie haben bisher rund 1.600 Geschichten in »Bayern 1 am Morgen« lebendig werden lassen.

 

Viel Spaß beim Durchstöbern dieses Panoptikums!

 

 

Hartmut Grawe

München 2015

Montagsgeschichten

Die Arbeitswoche beginnt, das Wochenende ist vorbei. Montag ist der erste Tag der Woche – allerdings nur im europäischen Kulturraum, in Deutschland erst seit März 1975. Die DIN-Norm 1355 empfiehlt seither, den Montag als Anfang der Woche aufzufassen. Zuvor beginnt die Zählung der Wochentage auch bei uns mit dem Sonntag, wie noch heute etwa in den USA. Der Name »Montag« leitet sich – noch deutlich erkennbar – vom Mond ab. Der ursprüngliche lateinische Begriff »dies lunae«, Tag des Mondes, ist in anderen Sprachen erhalten geblieben, etwa als »lundi« im Französischen. In vielen osteuropäischen Sprachen wiederum bedeutet das zugehörige Wort »nach dem Sonntag«.

Viele Montagsereignisse haben der Logik folgend einfach mit dem Anfang einer neuen Woche zu tun. Neue Regelungen beginnen unerbittlich, ebenso die Maloche – dabei ist das Wochenende noch gar nicht richtig verdaut. Konsumgüter aus der »Montagsproduktion« genießen daher einen zweifelhaften Ruf, vor allem Autos. Wie hoch der Anteil der fehlerhaften Produkte durch mangelnde Konzentration am Wochenbeginn ist, lässt sich ohne Einblick in Firmendaten schwer feststellen – doch das Phänomen existiert nachweislich, Gerichte urteilen entsprechend. Auch Schlafforscher können belegen, dass viele Menschen montags erst Anlaufzeit benötigen. Ursache ist im Wesentlichen der geänderte Schlafrhythmus am Wochenende.

1. Dezember 1913 Vom armen Schwein zum Auto

Fahrgestelle rollen an der Fabrikhalle vorbei. Arbeiter setzen den Fahrgastkasten darauf, fertig ist das billige Auto. Der Unternehmer Henry Ford hat den kompletten Fertigungsprozess auf das Fließband umgestellt. Massenproduktion und Arbeitsteilung werden in den Detroiter Fabriken bis zum stupiden Äußersten getrieben. Das »Ford Modell T« wird so zum ersten Auto, das sich jeder leisten kann – und leisten soll, denn dies ist der Plan von Ford: Seine Arbeiter verdienen gut und haben Freizeit, damit sie konsumieren können und zu Kunden werden. Erfunden hat Ford das Fließband nicht. Schon der Schiffbau im Venedig des 16. Jahrhunderts verlässt sich auf standardisierte Fertigteile, die mit immer gleichen Arbeitsabläufen zusammengesetzt werden. Im 19. Jahrhundert werden in Chicago Millionen von Schweinen industriell geschlachtet und schrittweise zerlegt. Ford schaut sich dieses Prinzip ab, perfektioniert die Fließbandfertigung und macht sie weltweit populär. Auch bei den Nazis: Firmengründer Henry Ford ist erklärter Antisemit und wird von Hitler als großes Vorbild bezeichnet.

17. Dezember 1770Der taube Komponist

Bonn ist der Geburtsort eines musikalischen Genies. Die Begabung des kleinen Ludwig ist ihm in die Wiege gelegt: Vater Tenor, Großvater Hofkapellmeister. Die Vorfahren stammen aus Flamen im heutigen Belgien, daher der Nachname »van Beethoven«. Ludwig van Beethoven wird eine große Karriere vorausgesagt, sein Orgellehrer hofft, aus Ludwig werde – Zitat – »gewiss ein zweiter Mozart«. Der Lehrer wird Recht behalten. Im Alter von 22 Jahren will Beethoven bei Joseph Haydn in Wien studieren. Daraus wird ein Daueraufenthalt, denn Napoleons Truppen überrennen das Rheinland. Bald ist der junge Mann als Pianist und Komponist sehr gefragt. Mit 28 Jahren befällt ihn ein Leiden, das Beethoven immer stärker belasten wird: Der schleichende Verlust des Gehörs, Ursache unbekannt. Hinzu kommen unglückliche Liebe und ein aufbrausendes Gemüt. Der unstete Geist Beethoven zieht in seinem Leben etwa 70 Mal um. Mit 57 Jahren stirbt das Genie an Leberzirrhose. Neun Jahre zuvor ist Beethoven bereits taub, doch er komponiert bis zum Schluss – er muss seine Musik nicht hören, um sie zu fühlen.

8. November 1847Dracula steigt aus dem Sarg

Vielleicht liegt es am Spätherbst, dass der Mann, der an jenem Tag geboren wird, die berühmteste Gruselgeschichte der Welt erschaffen wird. In der Nähe von Dublin kommt er zur Welt. Der Sohn eines Beamten ist zunächst kränklich, bis zu seinem siebten Lebensjahr bleibt er bettlägerig, die Ursache ist unbekannt. Dann beginnt der junge Bram Stoker ein normales Leben, studiert später Mathematik. Doch die Welt von Philosophie und Fantasie, sein einziger Fluchtweg als krankes Kind, bestimmt schließlich sein Berufsleben. Noch zu Studienzeiten wendet sich Bram Stoker dem Theater zu und leitet später das bekannte »Lyceum Theatre« in London. Außerdem schreibt er Romane. Einer davon bedient das schon damals populäre Genre der Horrorgeschichten: »Dracula«. Stoker, der selbst nie Transsylvanien besucht hat, recherchiert das Umfeld akribisch, so ist die Vampirsaga lebendig und glaubwürdig. Zum Klassiker wird »Dracula« jedoch erst Jahre nach Stokers Tod. Ein Grund sind die Verfilmungen – das Bild des blutsaugenden Karpatenfürsten erweist sich als ideale Vorlage für die Leinwand.

9. November 1953Reservat für Fußgänger

Die Stadt sei »jedem Fortschritt zugetan«, sagt der Kasseler Oberbürgermeister Willi Seidel – und weiht ein städtebauliches Experiment ein: Deutschlands erste Fußgängerzone. Die sogenannte »Treppenstraße« verbindet Bahnhof und Innenstadt. Der Name hat seinen Grund: Der leichte Höhenunterschied zwischen Anfang und Ende der 300 Meter langen Strecke wird mit insgesamt 104 Treppenstufen überwunden. Kassel ist nach dem Krieg zu 80 Prozent zerstört. Die Stadtväter entscheiden sich nicht für eine Rekonstruktion, sondern für einen kompletten Neuanfang. Auf dem Reißbrett entsteht die autogerechte Stadt mit einem monströsen Hauptverkehrsgürtel. Doch im Inneren soll entspanntes Großstadtflair herrschen, also legt man eine reine Flaniermeile mit Brunnen, Grünflächen und Cafés an. Geschäftsleute fürchten zunächst Wertverlust ihrer Immobilien, doch sie werden eines Besseren belehrt. Die Fußgängerzone wird zum erfolgreichen Modell und dient Kraft ihrer fortschrittlichen Ausstrahlung sogar mehrfach als Filmkulisse.

11. November 1493Die Dosis macht das Gift

Dieser Tag soll es gewesen sein, an welchem Philippus Theophrastus Aureolus Bombast von Hohenheim geboren wird. So lang der Name, so arm die Familie, denn der Vater ist uneheliches Kind aus einer Linie derer zu Hohenheim bei Stuttgart. Ein einfacher Wundarzt. Die Familie lebt in einem kleinen Dorf in der Schweiz, als der Nachwuchs kommt. Der Sohn wird ebenfalls Wundarzt, aber auch Theologe und Alchimist. Seine radikale Forderung nach ganzheitlichen und natürlichen Behandlungsmethoden macht ihn bis heute berühmt. Wir kennen Theophrastus von Hohenheim besser unter dem Namen Paracelsus, der vermutlich nur eine lateinische Form des Wortes Hohenheim darstellt. Die wichtigste Erkenntnis des Paracelsus: Die Dosis macht das Gift. Jeder Stoff kann schaden oder nützen, je nach Menge und Zusammenhang. Bei der Verbreitung seiner Thesen ist Paracelsus alles andere als diplomatisch, er verteufelt seine Kollegen und sie ihn. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod durch Quecksilbervergiftung erlangen Paracelsus Werke bleibenden Ruhm.

19. November 1923Wertlose Billionen

Wer in Berlin ein Brot kaufen will, muss in eine sehr große Tasche greifen: Der Laib von einem Kilo wird für 233 Milliarden Reichsmark gehandelt. Ein Kilo Rindfleisch beim Metzger nebenan kostet gar 4,8 Billionen Mark. Absurde Zahlen, die Währung in Deutschland ist nahezu bedeutungslos. Noch sind Geldscheine mit unvorstellbar vielen Nullen darauf im Umlauf, aber die Bevölkerung beginnt, auf andere Zahlungsmittel auszuweichen – Naturalien zum Beispiel, eine Kinokarte ist für zwei Briketts zu haben, eine Bestattung mit Predigt für 40 Eier. Wer das praktisch wertlose Papiergeld noch benutzt, muss es in Körben herumtragen. Da es täglich an Wert verliert, schließen viele Betriebe sofort nach der täglichen Lohnzahlung, damit die Arbeiter einkaufen können. Diese sogenannte Hyperinflation wird durch eine gigantische Staatsverschuldung in den Jahren davor ausgelöst. Deutschland finanziert den Ersten Weltkrieg komplett auf Pump, in der Hoffnung, nach einem Sieg die Nachbarstaaten ausplündern und so die Schulden zurückzahlen zu können. Ein Plan, der wenig später ein zweites Mal in den Krieg führt.

20. November 1820Die Qual des Wals

Ein Beiboot des Walfangseglers wird gerade an Bord repariert, der Rest der Mannschaft jagt in zwei Ruderbooten abseits des Seglers. Eine blutige Qual für das Tier, lebensgefährlich für die Jäger. Aber Waltran ist begehrt – das Fett der Tiere dient der beginnenden Industrialisierung zur Beleuchtung und als Schmiermittel. An jenem Montag Vormittag sichtet der Schiffsjunge des Walfängers »Essex« plötzlich ein Monster: Einen gewaltigen schwarzen Pottwalbullen, fast 30 Meter lang, etwa genauso groß wie das Segelschiff selbst, bewegungslos. Dann nimmt der Wal Anlauf, beschleunigt auf über 40 Stundenkilometer und rammt das Walfangschiff seitlich mit voller Wucht. Der Wal wiederholt seinen Angriff von der anderen Seite, dann taucht er ab. Der Segler sinkt langsam, fast 2.000 Kilometer von der nächsten bekannten Insel entfernt. Für die Mannschaft beginnt eine furchtbare Irrfahrt in den Beibooten, viele Matrosen sterben und werden von den Kameraden aufgegessen. Der reale Untergang der »Essex« aus Neuengland wird das Vorbild für den Roman »Moby Dick«.

26. November 1832 Pferde auf Schienen

Pferde ziehen gemächlich einen Wagen von der Spitze Manhattans nach Harlem. Das ungewöhnliche daran: Die Kutsche rollt auf Schienen, die mitten auf der Straße verlegt sind. Die Welt hat ihre erste Straßenbahn. Etwa 30 Passagiere fasst so ein früher Straßenbahnwagen, der aussieht wie drei quer verschraubte Kutschen auf einem gemeinsamen Fahrgestell. Die Pferdebahn ist eine logische Folge der ersten Omnibusse. Der lateinische Begriff Omnibus bedeutet »für alle« und taucht Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals im Zusammenhang mit großen Kutschen im Linienbetrieb auf. Die Straßenbahn aber verspricht mehr Komfort, da ihre Wagen nicht über das Pflaster holpern. Mit dem Aufkommen der Motorentechnik schickt man die Pferde langsam in den Ruhestand. Massen von Pferdeäpfeln und erkrankte Tiere können den Linienbetrieb beeinträchtigen, so stößt die erste elektrische Straßenbahn 1881 in Berlin auf großes Interesse. 1890 bekommt Halle an der Saale weltweit das erste richtige Straßenbahnnetz, wie wir es heute kennen – mit einer Oberleitung.

2. Oktober 1950Die kleinen Philosophen

»Schau an, da kommt der gute alte Charlie Brown!«, sagt der Junge zum Mädchen neben sich – und fügt hinzu: »Ja, der gute alte Charlie Brown... wie ich ihn hasse!« Vier Comicbilder, die an diesem Montag in acht US-amerikanischen Zeitungen erscheinen. Der Titel: »Peanuts«, umgangssprachlich übersetzt »Kleinigkeiten«. Charles M. Schulz hat diesen Comic-Strip gezeichnet und getextet – und wird das 50 Jahre lang täglich eigenhändig tun, bis zu seinem Tod im Jahr 2000. Insgesamt fast 18.000 Bildergeschichten denkt sich der Zeichner aus, und die vier- bis achtjährigen Comicfiguren erobern die Herzen von Lesern jeden Alters in 75 Ländern. Die Kinder und der eigensinnige Hund Snoopy sind wahre Philosophen. Erwachsene kommen zunächst gar nicht vor, in den späteren Filmversionen nur als nervtötendes Blabla-Geräusch aus einer Trompete. Die »Peanuts« wurden in 21 Sprachen übersetzt und erscheinen noch heute in über 2.000 Zeitungen. Neue Folgen gibt es nicht mehr – Charles M. Schulz hat verfügt, dass ohne ihn die Reihe nicht fortgesetzt werden darf.

8. Oktober 1906 Leiden für längere Locken

In London bestaunt eine Gruppe von Friseuren zwei Damen. Selbige krönt eine üppige Lockenpracht, doch sie ist nicht naturgegeben. Es ist eine Dauerwelle, die erste Formveränderung von Haaren, welche länger hält als nur ein paar Stunden. Präsentiert wird sie von Karl Ludwig Nessler, einem Schwarzwälder, der sich in der britischen Hauptstadt niedergelassen hat. Seit Jahren tüftelt er an einer Methode, glatten Haaren die begehrten Locken angedeihen zu lassen. Zuvor klappt das nur für einen Abend mit Hitze – Brennscheren und Ähnliches gibt es seit langem. Nessler bringt zusätzlich die Chemie ins Spiel: Er behandelt die Haare mit einer dubiosen geheimen Lösung, welche die innere Struktur der Mähne angreift und verändert. Damals gilt noch mehr als heute: Wer schön sein will, muss leiden – die Prozedur dauert viele Stunden, weil Strähne für Strähne behandelt und 15 Minuten mit einer heißen Zange fixiert wird. Dennoch macht die Methode Nessler schließlich zum Millionär. Seine Ehefrau wird das versöhnt haben – sie trug als Versuchskaninchen für den Meister noch Brandblasen davon.

18. August 1856 Mich düngt – die Insel gehört uns!

Der US-Kongress verabschiedet eine Verfügung über Vogelkot. Im sogenannten »Guano-Insel-Gesetz« wird festgelegt: Entdeckt ein US-Bürger eine unbewohnte Insel, die zu keinem anderen Staat gehört, wird sie automatisch US-Territorium – vorausgesetzt, auf der Insel gibt es reichlich Vogelausscheidungen. Das Gesetz ist bis heute in Kraft. Was kurios klingt, hat im 19. Jahrhundert gute Gründe: Guano, also die Hinterlassenschaft diverser Seevögel, ist ein hervorragender Dünger. Die Mengen an Vogelkot, die sich auf manchen Inseln ansammeln, sind atemberaubend. Auf dem Korallenatoll Nauru etwa bedecken einst mehrere Meter dicke Schichten weite Teile der Insel. Der Abbau des wertvollen Phosphatdüngers beschert dem drittkleinsten Staat der Erde zeitweise das höchste Pro-Kopf-Einkommen – bis die Vorräte erschöpft sind. Für US-Bürger lohnt die Suche nach Guano-Inseln kaum noch; das alte Gesetz schreibt dem Entdecker einen Verkaufspreis von nur vier bis acht Dollar pro Tonne Naturdünger vor.

19. August 1839 Silber konserviert den Augenblick

Frankreich macht der Welt ein Geschenk. Der Direktor der französischen Akademie der Wissenschaften stellt ein Verfahren vor, mit dem sich ein Abbild der Realität innerhalb von Minuten automatisch anfertigen lässt. Das Verfahren heißt »Daguerreotypie« und ist der Urvater der Fotografie. Erfunden hat es der Maler Louis Daguerre, der schon jahrelang mit der sogenannten »Camera Obscura« gearbeitet hat: Durch ein winziges Loch in einem Holzkasten fällt Licht auf eine Mattscheibe und zeigt ein kopfstehendes Abbild der Umgebung. Das Bild ist noch flüchtig, Malern dient es seit Jahrhunderten als Vorlage, die sie nachskizzieren können. Daguerre aber hat Kenntnis von bestimmten Substanzen, die durch Lichteinfall ihre Eigenschaften dauerhaft verändern. Er versucht, dies mit der Camera Obscura zu verbinden. Erfolg bringen schließlich versilberte Kupferplatten, die Joddämpfen ausgesetzt werden und nach der Belichtung mit Quecksilberdampf behandelt werden. Der französische Staat kauft Daguerre die Patentrechte ab und stellt sie der ganzen Welt zur Verfügung – mit Ausnahme von England.

13. Juni 1983 Der Knochen klingelt

Ein Geräusch erobert die Welt: Das Handyklingeln. In den USA wird das erste Mobiltelefon vorgestellt, das Motorola DynaTAC 8000X. Der Name ist lang, die Sprechzeit kurz – gerade mal eine Stunde hält der Akku durch. Das Gerät kostet nach heutigen Maßstäben fast zehntausend Dollar. Das erste Handy ist auch alles andere als handlich: Die klobige Bauform wird unter dem Namen »Knochen« berühmt, das schwere Gerät passt gerade eben in einen Aktenkoffer. Funktelefone hatte es auch schon zuvor gegeben, aber der »Knochen« ist das erste Telefon, das praktisch nur aus einem Hörer mit eigener Stromversorgung und Antenne besteht. Zehn Millionen Dollar hatte der Hersteller nach eigenen Angaben in die Entwicklung investiert. »Handy« heißen Mobiltelefone übrigens nur in Deutschland. Woher dieser Begriff stammt, ist nicht ganz klar – möglicherweise hat das Wort seinen Ursprung im Amerika der 1940er Jahre: »Handie Talkies« wurden mobile Funksprechgeräte genannt, die dem ersten Mobiltelefon überraschend ähnlich sehen.

7. Mai 1934 Die Perle von Lao-Tse

Der junge philippinische Taucher Etem sucht auf dem Meeresgrund nach Schnecken. Er übersieht dabei eine Riesenmuschel. Ihre Schale schließt sich um sein Handgelenk, Etem sitzt fest und ertrinkt. Als er später gefunden und die gigantische Muschel geöffnet wird, entdeckt man in ihr die größte Perle der Welt: Über sechs Kilo schwer, etwa 24 Zentimeter groß. Eine unglaubliche Geschichte, und möglicherweise frei erfunden. Tatsache ist nur: Es gibt diese Perle, und sie stammt aus einer Riesenmuschel. Wo und wann sie gefunden wurde, bleibt ein Rätsel. Der Amerikaner Wilburn Cobb, der die Perle bis zu seinem Tod besitzt, veröffentlicht die Geschichte 1939 in einem Wissenschaftsmagazin – nur um 30 Jahre später eine völlig andere Version zu berichten. Nunmehr soll die Perle aus China stammen und auf dunklen Wegen die Philippinen erreicht haben. Das Ungetüm, das eher aussieht wie ein Klumpen Sahne, bleibt ein Rätsel. Je nach Geschichte kennt man es als die »Perle Allahs« oder als die »Perle von Lao-Tse«.

15. Mai 1905 Flüchtiges Glück auf grünen Auen

Grundstücke entlang der Eisenbahnlinie in der Wüste von Nevada werden versteigert. Sie finden guten Absatz, da die kleine Siedlung ein bekannter Zwischenstopp für Reisende ist. Man kennt sie als »Las Vegas«, das ist Spanisch und bedeutet »Die grünen Auen«. Was mitten in der Wüste merkwürdig klingt, hat einen realen Hintergrund: Es gibt an dieser Stelle tatsächlich natürliche Quellen, damals eine Oase auf dem staubigen Weg nach Westen. 1911 wird aus der Siedlung eine Stadt, vor allem durch den Nachschub für den Minenbetrieb in der Umgebung. Der Bau des Hoover-Staudamms bringt erste Touristen, Atomtests in der Wüste holen Wissenschaftler in die Stadt. Außerdem hatte man das Glücksspiel legalisiert, so eröffnet die Mafia Casinos. Als der steinreiche Howard Hughes in die Stadt investiert, erhält das Spielerparadies eine Basis ohne kriminellen Hintergrund und wächst rasant. Heute muss großer Aufwand getrieben werden, um an diesem sehr heißen und trockenen Ort den 500.000 Einwohnern grüne Auen zu bieten.

22. Mai 1882 Der finsterste Tunnel der Schweiz

Feierlich wird der damals längste Tunnel der Welt eröffnet: Der Eisenbahntunnel unter dem Gotthard, fünfzehn Kilometer lang, darüber bis zu 1.800 Meter Fels. Eine gewaltige Leistung und Grundlage einer schnellen Bahnverbindung nach Italien. Aber der Preis für dieses Bauwerk ist Blutzoll. In sieben Jahren Bauzeit kommen offiziell 177 Arbeiter ums Leben, andere Schätzungen sprechen von einem Vielfachen. Die Arbeit unter dem Gotthard ist lebensgefährlich, aber damit nicht genug: Die Arbeiter, meist aus armen Regionen Italiens, vegetieren mit ihren Familien in purem Dreck. Manche der verlausten Betten werden von drei Männern in Schichten benutzt. Ein Arzt schreibt: »Ein Haus mit über 200 Arbeitern hat überhaupt keinen Abtritt.« Vom kargen Lohn wird alles mögliche abgezogen, sogar Geld für das Lampenöl. Bauunternehmer Louis Favre hat sich verkalkuliert und beutet die Tunnelbauer gnadenlos aus. Ein Streik wird mit Waffengewalt beantwortet, vier Arbeiter sterben. Die Geschichte des Gotthard-Tunnels ist so finster wie sein Inneres.

2. April 1725 Ein liebestoller Pfarrer

Schauspielerin Zanetta Farussi schenkt einem Jungen das Leben. Der kleine Giacomo wächst zunächst in Venedig bei der Großmutter auf, später in der Familie eines Pfarrers. Dies wird auch sein erster Beruf – mit 17 Jahren verlässt er die Universität als Doktor für weltliches und kirchliches Recht. Kaum jemand könnte als katholischer Priester ungeeigneter sein als dieser Giacomo – Giacomo Casanova. Drei Jahre lang müht er sich, dem Amt gerecht zu werden, ohne Erfolg. Casanova ist ein Abenteurer in jeder Hinsicht, die Verführung von Frauen sein Lebensinhalt und sein größtes Talent. Außerdem ist er ein Spieler. Weil Casanova aber auch einen wachen Geist besitzt, findet er Zeit seines Lebens immer wieder Gönner, die ihm aus der Patsche helfen. Einen Beruf übt er später praktisch nicht mehr aus, allenfalls den des Schriftstellers: Die autobiographischen Bücher des Giacomo Casanova werden zu seinen Lebzeiten Bestseller. Sie gelten noch heute als lebhafteste Beschreibung des 18. Jahrhunderts in Europa.

1. Februar 1960 Sitzen bleiben für die Menschenwürde

Franklin McCain, Ezell Blair Jr., Joseph McNeil und David Richmond nehmen zum Mittagessen Platz. Sie sind Studenten der technischen Universität North Carolina, USA. Das Kaufhausrestaurant von Woolworth haben sie sich ausgesucht, und sie möchten bestellen. Sie werden aber nicht bedient. Der Grund: Rassentrennung. Die vier Studenten sind schwarz, und im Woolworth-Restaurant in der Stadt Greensboro sind nur Weiße zugelassen. Die vier wissen das natürlich – und bleiben sitzen. Nicht mehr und nicht weniger. Das sogenannte »Sit-in« ist geboren, eine Bewegung, die sich rasch über die ganze USA ausbreitet. Allein in Greensboro schließen sich Hunderte dem gewaltlosen Protest an und wechseln sich stundenweise ab. Die Aktion dauert sage und schreibe sechs Monate, bis die Geschäftsleitung die Rassentrennung im Restaurant aufhebt. Der 1. Februar 1960 markiert einen Meilenstein im Kampf gegen Rassismus und für die Rechte jedes einzelnen Menschen.

2. November 1959Die manipulierte Quiz-Show

Vor einem Untersuchungsausschuss des US-Parlaments verliest ein 33-jähriger Mann eine Erklärung. »Ich war verwickelt, tief verwickelt, in einen Betrug«, gibt Charles Van Doren zu Protokoll. Der Universitätsdozent ziert zweieinhalb Jahre zuvor noch das Cover des Time-Magazins – als vermeintliches Superhirn in einem Fernsehquiz namens »Twenty-One«. Etwa 130.000 Dollar gewinnt der Kandidat insgesamt, heute würde das ungefähr einer Million Euro entsprechen. Vier Monate lang beschert der sympathische Champion dem Sender NBC traumhafte Einschaltquoten. Ein abgekartetes Spiel. Van Doren kennt die Quizfragen bereits vor der Sendung und spielt den Nachdenklichen nur. Durch Zeugenaussagen fliegt der Skandal auf. Van Doren ist nur die Spitze eines Eisberges. Unzählige US-Quizshows sind manipuliert, hunderte Kandidaten nur Statisten in den Betrugsdrehbüchern der Fernsehproduzenten. Rechtlich hat Van Dorens Geständnis 1959 keine Konsequenzen, doch dem Publikum wird klar: Fernsehbilder können lügen.

4. November 1493Unbekannte Frucht aus dem Paradies

Christoph Kolumbus landet auf einer neu entdeckten Karibikinsel. Es ist seine zweite Reise zum vermeintlichen Indien. Der Eroberer und seine Mannen finden auf dem Eiland an den Hütten der Ureinwohner eine vollkommen unbekannte Frucht. Sie erinnert an einen zu groß geratenen Pinienzapfen. Die Ureinwohner Mittelamerikas bezeichnen das Obst als »Anana«, übersetzt einfach »hervorragende Frucht«. Kolumbus hat auf der Insel, die wir heute Guadeloupe nennen, Bekanntschaft mit der Ananas gemacht. Als die köstliche Frucht in die europäischen Königshäuser gelangt, sind die Monarchen begeistert. Doch die Ananas bleibt auch für sie schwer erreichbarer Luxus: Erst Jahrhunderte später gelingt die Aufzucht der Pflanze aus der Familie der Bromelien auch außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets. Ananas, sofern nicht in Monokulturen schwer mit Pestiziden belastet, sind sehr gesund: Die Frucht, die Kolumbus 1493 in den Schoß fällt, wirkt entzündungshemmend, regelt die Verdauung und enthält unzählige Vitamine und Mineralstoffe.

1. November 1991 WWW – Wirklich wichtige Webcam

Kaffee tröpfelt aus dem Filter in die Kanne. Der Füllstand steigt. Nicht sehr spannend, außer für die übernächtigten wissenschaftlichen Mitarbeiter im Computerlabor der Universität Cambridge in England. Sie können ab sofort auf ihrem Monitor ein Live-Kamerabild der Kaffeemaschine einblenden, damit sie nicht vergeblich zur Kanne laufen, wenn sie leer ist. Banal und gleichzeitig eine revolutionäre Idee, denn die sogenannte Coffee-Cam ist eine Webcam: Die erste Kamera, die über das Internet Live-Bilder überträgt. Sie wird als Urvater einer heute allgegenwärtigen Technik schnell berühmt. Bis zum Umzug des Instituts 2001 schauen über zwei Millionen Internetnutzer das winzige öde Schwarzweißbild der Kaffeemaschine an. Als sie abgeschaltet wird, ersteigert die Online-Redaktion des »Spiegel« die schlichte weiße Maschine für 10.500 D-Mark. Die Coffee-Cam von 1991 zeigt anschaulich: Das Internet schrumpft Entfernungen in vielen Fällen auf null. So auch zur ältesten durchgehend brennenden Glühbirne der Welt – sie erleuchtet seit über 100 Jahren eine kalifornische Feuerwache und ist ebenfalls per Webcam zu bewundern.

30. November 1835 Literatur von zwei Faden Tiefe

Halleys Komet ist der Erde nah, als John Marshall Clement zur Welt kommt. Eine Frühgeburt im winzigen Haus eines wirtschaftlich chronisch erfolglosen Landrichters. Acht Menschen teilen sich die Hütte im US-Bundesstaat Missouri. John ist elf Jahre alt, als sein Vater stirbt. Er beginnt eine Ausbildung zum Schriftsetzer, wird später aber Steuermann auf einem Mississippi-Dampfer. Aus dem Slang der Flussschiffer stammt auch sein späterer Künstlername, der übersetzt »Zwei Faden Wassertiefe« bedeutet: »Mark Twain«. Er versucht sich erfolglos als Goldgräber, wird Klatschjournalist in den Städten der Schürfer. Es stellt sich heraus: Mark Twain schreibt brillant. Ernest Hemingway sagt, die gesamte US-Literatur stamme von einem einzigen weltberühmten Meisterwerk ab: »Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn«. Twain wendet sich oft scharfzüngig gegen Armut, Sklaverei und Imperialismus – und verbringt neun Jahre in Europa. Berlin begeistert ihn, nur die deutsche Sprache nennt Mark Twain augenzwinkernd »awful« – grauenvoll.

6. Juli 1885 Kaninchen retten Kind das Leben