Der Mann, der zu viel wusste - Gilbert K. Chesterton - E-Book

Der Mann, der zu viel wusste E-Book

Gilbert K. Chesterton

0,0

Beschreibung

Horne Fisher ist das selbstbezeichnete "Schwarze Schaf" einer englischen Aristokratenfamilie. Er ist der Mann, der zu viel weiß; er kennt wie kein Zweiter die Motive und Abgründe der "oberen Zehntausend" und die moralische Anfälligkeit der Politiker. Im Unterschied zu seinem berühmten Kollegen, dem freundlichen und rechtschaffenen Pater Brown, ist er ein kühler Kopf und Zyniker. Mit bitterer, britischer Ironie begleiten wir Mr Fischer bei der Aufklärung der Mordfälle, Erpressungen und politischen Ränkespiele, die vorgeblich zum Schutze Englands und der Krone begangen werden, aber nur meist niederen Beweggründen entspringen. Der Band enthält 8 Kurzgeschichten: - Das Gesicht in der Schießscheibe (The Face in the Target) - Der verschwundene Prinz (The Vanishing Prince) - Die Seele eines Schulknaben (The Soul of the Schoolboy) - Der bodenlose Brunnen (The Bottomless Well) - Das Loch in der Mauer (The Hole in the Wall) - Die Liebhaberei eines Anglers (The Fad of the Fisherman) - Der Narr der Familie (The Temple of Silence) - Die Rache der Statue (The Vengeance of the Statue) Null Papier Verlag

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 308

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gilbert Keith Chesterton

Der Mann, der zu viel wusste

Der Gentleman-Detektiv

Gilbert Keith Chesterton

Der Mann, der zu viel wusste

Der Gentleman-Detektiv

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019 EV: München, Musarion Verlag, 1925 2. Auflage, ISBN 978-3-954185-24-5

www.null-papier.de/krimi

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Buch und Au­tor

Das Ge­sicht in der Schieß­schei­be (The Face in the Tar­get)

Der ver­schwun­de­ne Prinz (The Va­nis­hing Prin­ce)

Die See­le ei­nes Schul­kna­ben (The Soul of the School­boy)

Der bo­den­lo­se Brun­nen (The Bot­tom­less Well)

Das Loch in der Mau­er (The Hole in the Wall)

Die Lieb­ha­be­rei ei­nes Ang­lers (The Fad of the Fis­her­man)

Der Narr der Fa­mi­lie (The Tem­ple of Si­lence)

Die Ra­che der Sta­tue (The Ven­gean­ce of the Sta­tue)

Dan­ke

Dan­ke, dass Sie sich für ein E-Book aus mei­nem Ver­lag ent­schie­den ha­ben.

Soll­ten Sie Hil­fe be­nö­ti­gen oder eine Fra­ge ha­ben, schrei­ben Sie mir.

Ihr

Newslet­ter abon­nie­ren

Der Newslet­ter in­for­miert Sie über:

die Neu­er­schei­nun­gen aus dem Pro­gramm

Neu­ig­kei­ten über un­se­re Au­to­ren

Vi­deos, Lese- und Hör­pro­ben

at­trak­ti­ve Ge­winn­spie­le, Ak­tio­nen und vie­les mehr

htt­ps://null-pa­pier.de/newslet­ter

Buch und Autor

Gil­bert Keith Che­s­ter­ton (1874-1936) zählt ne­ben Her­bert Ge­or­ge Wells, Ar­thur Co­nan Doy­le und Ru­dyard Kip­ling zu den klas­si­schen Al­les­kön­ne­r­au­to­ren Eng­lands am Ende der Vik­to­ria­ni­schen Epo­che. Wie die­se hat er Tex­te ver­schie­dens­ter Art hin­ter­las­sen, dar­un­ter äu­ßerst ori­gi­nel­le Bei­trä­ge zur Fan­tas­tik.

Ge­wöhn­lich trug er ein Cape und einen zer­drück­ten Hut, einen Stock­de­gen in der Hand und hat­te eine Zi­gar­re aus dem Mund hän­gen. Er ver­gaß oft, wo­hin er woll­te, und ver­pass­te den Zug, der ihn dort­hin brin­gen soll­te. Es wird be­rich­tet, dass er mehr­fach sei­ner Frau von ent­fern­ten Or­ten Te­le­gram­me schick­te, um wie­der nach Hau­se zu fin­den.

Che­s­ter­ton lieb­te zu de­bat­tie­ren und be­tei­lig­te sich oft an freund­schaft­li­chen öf­fent­li­chen Dis­pu­ten mit Män­nern wie Ge­or­ge Ber­nard Shaw, H. G. Wells, Ber­trand Rus­sell und Cla­rence Dar­row.

In sei­nen Ro­ma­nen, Essays und Kurz­ge­schich­ten setz­te er sich in­ten­siv mit mo­der­nen Phi­lo­so­phien und Den­krich­tun­gen aus­ein­an­der.

Che­s­ter­ton schrieb Ge­dich­te, Büh­nen­stücke, meist aber Pro­sa: Essays, zahl­rei­che Er­zäh­lun­gen und Ro­ma­ne. Von man­chen Kri­ti­kern hoch­ge­lobt wur­den die von ihm ver­fass­ten Bio­gra­fi­en, bei­spiels­wei­se über Tho­mas von Aquin, Franz von As­si­si, Charles Di­ckens, Ro­bert Louis Ste­ven­son und Ge­or­ge Ber­nard Shaw.

Am be­kann­tes­ten ist sei­ne Fi­gur des Kri­mi­nal­fäl­le lö­sen­den Geist­li­chen Pa­ter Brown, der längst schon eine Stel­le im Pan­op­ti­kum der be­rühm­tes­ten De­tek­ti­ve, gleich ne­ben Sher­lock Hol­mes und Her­cu­le Poi­rot, ein­ge­nom­men hat.

Dem (be­son­ders deut­schen) Pub­li­kum we­ni­ger ge­läu­fig sein, dürf­te die Rol­le des Gent­le­man-De­tek­tivs Hor­ne Fis­her.

Hor­ne Fis­her ist das selbst­be­zeich­ne­te »Schwar­ze Schaf« ei­ner eng­li­schen Ari­sto­kra­ten­fa­mi­lie. Er ist der Mann, der zu viel weiß; er kennt wie kein Zwei­ter die Mo­ti­ve und Ab­grün­de der »obe­ren Zehn­tau­send« und die mo­ra­li­sche An­fäl­lig­keit der Po­li­ti­ker. Im Un­ter­schied zu sei­nem be­rühm­ten Kol­le­gen, dem freund­li­chen und recht­schaf­fe­nen Pa­ter Brown, ist er ein küh­ler Kopf und Zy­ni­ker.

Mit bit­te­rer, bri­ti­scher Iro­nie be­glei­ten wir Mr Fi­scher bei der Auf­klä­rung der Mord­fäl­le, Er­pres­sun­gen und po­li­ti­schen Rän­ke­spie­le, die vor­geb­lich zum Schut­ze Eng­lands und der Kro­ne be­gan­gen wer­den, aber nur meist nie­de­ren Be­weg­grün­den ent­sprin­gen.

Wie die Ge­stalt des Pa­ters Brown, so hat auch die des Hor­ne Fis­her ein Vor­bild un­ter den Freun­den und Be­kann­ten sei­nes Schöp­fers. Es ist dies der aus ei­ner vor­neh­men eng­li­schen Adels­fa­mi­lie stam­men­de Dich­ter Mau­ri­ce Ba­ring.

Das ex­tre­me Miss­trau­en Che­s­ter­tons ge­gen die Ehr­lich­keit der Re­gie­ren­den hat in sei­nen Le­bens­er­fah­run­gen einen kon­kre­ten An­satz­punkt: der be­rüch­tig­te Mar­co­ni-Skan­dal, in den un­mit­tel­bar vor dem Ers­ten Welt­krieg hohe und höchs­te Wür­den­trä­ger der eng­li­schen Po­li­tik ver­wi­ckelt wa­ren.

Che­s­ter­tons Bru­der Ce­cil ge­hör­te zu den jour­na­lis­ti­schen Auf­de­ckern die­ser Ma­chen­schaf­ten und wur­de da­bei von der Jus­tiz schwer an­ge­gan­gen, ein Um­stand, der viel zum spä­te­ren Zy­nis­mus und Miss­trau­en Che­s­ter­tons bei­trug.

Das Gesicht in der Schießscheibe (The Face in the Target)

Ha­rold March, der auf­stre­ben­de Jour­na­list und Kri­ti­ker des so­zia­len Le­bens, schritt rüs­tig über die große Ho­chebe­ne des Sumpf- und Wie­sen­lan­des hin, des­sen Ho­ri­zont­li­nie von den weit­ab lie­gen­den Wäl­dern des be­rühm­ten Grund­be­sit­zes von Tor­wood Park um­säumt war. Er war ein hüb­scher jun­ger Mann in ei­nem Som­mer­an­zug, hat­te sehr hel­les, ge­lock­tes Haar und hel­le, kla­re Au­gen. Wie er so durch Wind und Son­ne in der wah­ren Land­schaft der Frei­heit da­hin­schritt, wa­ren sei­ne Ge­dan­ken — so jung war er näm­lich noch — mit po­li­ti­schen Din­gen be­schäf­tigt, statt dass er sich be­müh­te, sie nur ja zu ver­ges­sen. Denn der Zweck sei­nes Be­su­ches in Tor­wood Park war ein po­li­ti­scher; die­sen Zu­sam­men­kunfts­ort hat­te kein Ge­rin­ge­rer als der Finanz­mi­nis­ter, Sir Ho­ward Hor­ne, be­stimmt, der da­mals sein so­ge­nann­tes so­zia­lis­ti­sches Bud­get ein­brach­te und es in ei­nem In­ter­view dem so viel­ver­spre­chen­den Schrift­stel­ler er­läu­tern woll­te. Ha­rold March war ein Mann, der al­les über Po­li­tik und nichts über Po­li­ti­ker wuss­te. Er wuss­te auch eine Men­ge über Kunst, Wis­sen­schaft, Phi­lo­so­phie und Kul­tur im All­ge­mei­nen, kurz wirk­lich bei­na­he über al­les, mit Aus­nah­me der Welt, in der er leb­te.

Plötz­lich kam er, in­mit­ten je­ner son­ni­gen und win­di­gen Ebe­nen, un­ver­mit­telt in eine Art Schlucht, die so eng war, dass man sie bei­na­he einen Spalt des Bo­dens hät­te nen­nen kön­nen. Sie war nur eben breit ge­nug für den Was­ser­lauf ei­nes klei­nen Flüss­chens, der zeit­wei­lig in grü­nen Tun­neln des nied­ri­gen Ge­höl­zes ver­schwand, wie in ei­nem Zwer­gen­wald. Ha­rold hat­te die selt­sa­me Emp­fin­dung, als wäre er ein Rie­se, der über ein Tal der Zwer­ge blick­te. Als er je­doch die Enge be­trat, ver­ging die­ser Ein­druck. Die fel­si­gen Ufer, ob­wohl kaum so hoch wie ein klei­nes Häu­schen, wa­ren über­hän­gend und hat­ten das Pro­fil ei­nes stei­len Ab­grun­des. Als er den Fluss­lauf hin­ab­zu­wan­dern be­gann, voll mü­ßi­ger, doch ro­man­ti­scher Neu­gier­de, und das Was­ser in kur­z­en Streif­di­en durch­schim­mern sah zwi­schen den großen, grau­en Ufer­kie­seln und Bü­schen, so sanft wie große, grü­ne Moos­flä­chen, da über­kam ihn eine ganz ent­ge­gen­ge­setz­te fan­tas­ti­sche Stim­mung. Es war eher, als hät­te sich die Erde ge­öff­net und ihn in eine Un­ter­welt des Traum­lan­des ver­schluckt. Und als er ei­ner mensch­li­chen Ge­stalt ge­wahr wur­de, die, sich dun­kel ge­gen den Sil­ber­strom ab­he­bend, auf ei­nem großen Stein saß und mehr ei­nem großen Vo­gel glich, da hat­te er viel­leicht eine je­ner Vorah­nun­gen, wie sie je­mand ha­ben mag, wenn er der selt­sams­ten Freund­schaft sei­nes Le­bens ent­ge­gen­tritt.

Der Mann an­gel­te au­gen­schein­lich oder saß zu­min­dest in der Stel­lung ei­nes Ang­lers da, re­gungs­lo­ser als ir­gend­ein Ang­ler. March konn­te den Mann bei­na­he so ge­nau be­ob­ach­ten, als wäre er eine Sta­tue; we­nigs­tens ei­ni­ge Mi­nu­ten lang, ehe die Sta­tue zu spre­chen an­fing. Es war ein großer, blon­der Mann, lei­chen­blass und ein we­nig ge­ziert läs­sig; er hat­te schwe­re Au­gen­li­der und eine scharf ge­bo­ge­ne Nase. Wenn sein Ge­sicht von dem brei­ten, wei­ßen Hut be­schat­tet war, ga­ben ihm der leich­te Schnurr­bart und die ge­schmei­di­ge Ge­stalt ein ju­gend­li­ches Aus­se­hen. Doch der Pa­na­ma­hut lag ne­ben ihm im Moos, und man konn­te se­hen, dass sei­ne Stir­ne früh­zei­tig kahl war; dies, zu­sam­men mit den tief­lie­gen­den Au­gen, mach­te den Ein­druck von Kopf­ar­beit, ja so­gar von Kopf­schmer­zen. Aber das selt­sams­te an dem Man­ne war, wie man nach kur­z­er, ge­nau­er Beo­b­ach­tung fest­stel­len konn­te, dass er, ob­gleich er wie ein Ang­ler aus­sah, nicht an­gel­te.

Er hielt statt ei­ner An­gel et­was, das ein Ha­men­netz1 hät­te sein kön­nen, wie es zu­wei­len von man­chen Fi­schern ge­braucht wird; doch glich es weit mehr ei­nem ge­wöhn­li­chen Spiel­zeug­netz, wie es Kin­der oft zum Fan­gen von Schmet­ter­lin­gen be­nüt­zen. Dies tauch­te er von Zeit zu Zeit ins Was­ser, be­trach­te­te ernst und ge­nau die Aus­beu­te an Tang und Schmutz, die er her­aus­schöpf­te, und leer­te dann das Netz wie­der aus.

»Nein, ich habe nichts ge­fan­gen«, be­merk­te er ru­hig, als be­ant­wor­te­te er eine un­aus­ge­spro­che­ne Fra­ge. »Fan­ge ich je­doch et­was, so muss ich es zu­rück­wer­fen; ins­be­son­de­re die großen Fi­sche. Aber ei­ni­ge von den klei­ne­ren Tie­ren in­ter­es­sie­ren mich, wenn ich sie fan­ge.«

»Ein wis­sen­schaft­li­ches In­ter­es­se, neh­me ich an?«, be­merk­te March.

»Von höchst ama­teur­haf­ter Art, fürch­te ich«, ant­wor­te­te der frem­de Ang­ler. »Es ist eine Art Ste­cken­pferd von mir; Din­ge, die man meist un­ter dem Na­men ›Er­schei­nun­gen der Phos­pho­res­zenz‹ zu­sam­men­fasst. Denn es wäre na­tür­lich ge­schmack­los, in Ge­sell­schaft im­mer von stin­ken­den Fi­schen zu re­den.«

»Ja, ich glau­be«, sag­te March lä­chelnd.

»Wäre doch ko­misch, wenn man mit ei­nem großen, leuch­ten­den Dorsch in einen Sa­lon ein­trä­te«, fuhr der Frem­de in sei­ner gleich­gül­ti­gen Art fort. »Wie ab­son­der­lich wäre es, wenn man ihn wie eine La­ter­ne mit sich tra­gen könn­te oder klei­ne Sprot­ten als Ker­zen hät­te. Ei­ni­ge von den Meer­tier­chen sä­hen wirk­lich al­ler­liebst aus — wie Lam­pen­schir­me; die blaue Meer­schne­cke, die über und über glit­zert wie Ster­nen­ge­fun­kel; und ei­ni­ge von den ro­ten Ster­nen­fi­schen leuch­ten wie rote Ster­ne. Aber na­tür­lich su­che ich die nicht hier.«

March dach­te dar­an, ihn zu fra­gen, wo­nach er hier such­te; doch da er sich ei­ner fach­tech­ni­schen Dis­kus­si­on nicht ge­wach­sen fühl­te, die min­des­tens bis zur Tie­fe der Tief­see­fi­sche zu füh­ren droh­te, kehr­te er zu ei­nem ge­wöhn­li­che­ren Ge­sprächsthe­ma zu­rück.

»Ein rei­zen­des Loch, das hier«, sag­te er, »die­se Schlucht mit dem Flüss­chen da. Es ist wie ei­ner je­ner Plät­ze, wie sie bei Ste­ven­son Vor­kom­men, an de­nen sich stets Er­eig­nis­se ab­spie­len müs­sen.«

»Ich weiß«, ant­wor­te­te der an­de­re; »ich glau­be, es ist dar­um, weil der Platz selbst so­zu­sa­gen ein Er­eig­nis ist und nicht nur durch sein blo­ßes Vor­han­den­sein wirkt. Das ist es, was der alte Pi­cas­so viel­leicht und ei­ni­ge von den Ku­bis­ten aus­zu­drücken ver­su­chen durch Win­kel und Ecken und za­cki­ge Li­ni­en. Se­hen Sie sich die­sen mau­er­ar­ti­gen, nied­ri­gen Fel­sen an, wie er ganz recht­win­ke­lig vor­springt über den Wie­senab­hang, der sich zu ihm hin­auf­biegt. Das ist wie ein sanf­ter Zu­sam­men­stoß. Es ist wie das An­schlä­gen und Zu­rück­lau­fen ei­ner Wel­le.«

March blick­te nach der Klip­pe, die tief­ge­wölbt über die grü­ne Ra­sen­flä­che hing, und nick­te. Der Mann in­ter­es­sier­te ihn, der so leicht von ei­nem fach­tech­nisch-wis­sen­schaft­li­chen Ge­spräch auf ein künst­le­ri­sches über­sprang, und er frag­te ihn, ob er die neue win­ke­li­ge Metho­de in der Ma­le­rei lie­be.

»Nach mei­nem Ge­fühl sind die Ku­bis­ten nicht ku­bis­tisch ge­nug«, er­wi­der­te der Frem­de. »Ich mei­ne, sie tra­gen nicht dick ge­nug auf. Durch die ma­the­ma­ti­sche Dar­stel­lung ver­dün­nen sie die Din­ge. Nimmt man die le­ben­di­gen Li­ni­en aus die­ser Land­schaft, ver­ein­facht man sie zu ei­nem blo­ßen rech­ten Win­kel, so drückt man sie zu ei­nem blo­ßen Dia­gramm platt auf das Pa­pier. Dia­gram­me ha­ben ihre ei­ge­ne Schön­heit, aber die ist ge­ra­de von der ent­ge­gen­ge­setz­ten Art. Sie ste­hen für das Unab­än­der­li­che; die küh­le, ewi­ge, ma­the­ma­ti­sche Art der Wahr­heit; was ei­ner ein­mal den wei­ßen Strah­lenglanz nann­te, der —«

Er hielt inne, und be­vor er das nächs­te Wort sprach, war et­was ge­sche­hen, zu schnell und voll­stän­dig, als dass man es hät­te be­grei­fen kön­nen. Hin­ter dem über­hän­gen­den Fel­sen kam ein Geräusch und ein Brau­sen, wie das ei­nes Ei­sen­bahn­zu­ges, und es wur­de ein großes Au­to­mo­bil sicht­bar. Es stieg bis auf die Höhe des Ab­han­ges, stand schwarz ge­gen das Son­nen­licht wie ein Kriegs­wa­gen aus ei­nem wil­den Epos, der in die Schlacht stürmt. March streck­te un­will­kür­lich die Hand zu ir­gend­ei­ner zweck­lo­sen Be­we­gung aus, als woll­te er eine um­ge­sto­ße­ne Tee­tas­se ret­ten.

Für den Bruch­teil ei­ner Se­kun­de schi­en der Wa­gen den Rand des Fel­sens wie ein Flug­schiff zu ver­las­sen; dann war es, als dreh­te sich der Him­mel selbst wie ein Rad her­um, und der Wa­gen lag zer­trüm­mert im ho­hen Gras un­ten, wäh­rend eine dün­ne, graue Rauch­säu­le lang­sam von ihm em­por­stieg in die stil­le Luft. Ein we­nig tiefer lag die Ge­stalt ei­nes Man­nes mit grau­en Haa­ren, der den stei­len, grü­nen Ab­hang hin­un­ter­ge­stürzt war, mit von sich ge­spreiz­ten Glie­dern und ab­ge­wen­de­tem Ge­sicht.

Der ex­zen­tri­sche Fi­scher ließ das Netz fal­len und schritt schnell auf die Un­glücks­stel­le zu; sein neu­er Be­kann­ter folg­te ihm nach. Als sie nä­her­tra­ten, kam es ih­nen wie eine un­ge­heu­er­li­che Iro­nie vor, dass die tote Ma­schi­ne im­mer noch em­sig ar­bei­te­te und pol­ter­te, wie eine Fa­brik, wäh­rend der Mann so still lag.

Er war zwei­fel­los tot. Das Blut floss aus ei­ner ver­häng­nis­vol­len Wun­de am Hin­ter­schä­del in das Gras; doch das Ge­sicht, das der Son­ne zu­ge­wen­det war, schi­en un­ver­letzt und an sich selt­sam und auf­fal­lend. Es war ei­ner je­ner Fäl­le, in de­nen ein frem­des Ge­sicht durch sei­ne Un­ver­kenn­bar­keit den Ein­druck er­weckt, als wäre es ei­nem be­kannt. Man hat ir­gend­wie das Ge­fühl, als soll­te man es ken­nen, auch wenn man es nicht kennt. Es war ein brei­tes, ecki­ges Ge­sicht mit großen Kinn­ba­cken, bei­na­he wie die ei­nes hoch­ent­wi­ckel­ten Af­fen; der brei­te Mund war so eng ge­schlos­sen, dass er nur mehr wie ein Strich zu se­hen war; die Nase war kurz und mit je­ner Art von Na­sen­lö­chern aus­ge­stat­tet, die mit ei­nem ge­wis­sen Ver­lan­gen nach Luft zu schnap­pen schei­nen. Das Merk­wür­digs­te an dem Ge­sicht war, dass die eine Au­gen­braue in ei­nem viel hö­he­ren Bo­gen ge­schwun­gen war als die an­de­re. March über­leg­te, dass er noch nie­mals ein so na­tür­lich le­ben­di­ges Ge­sicht ge­se­hen hat­te wie die­ses tote. Und die ener­gie­vol­le Häss­lich­keit wirk­te noch selt­sa­mer durch den Hei­li­gen­schein weiß­lich grau­er Haa­re. Aus ei­ni­gen halb aus der Ta­sche ge­glit­te­nen Pa­pie­ren nahm March eine Vi­si­ten­kar­te; er las den Na­men, der dar­auf stand, laut:

»›Sir Hum­phrey Turn­bull.‹ Ich weiß si­cher, dass ich den Na­men schon ir­gend­wo ge­hört habe.«

Sein Beglei­ter seufz­te nur lei­se und schwieg dann einen Au­gen­blick lang, als über­le­ge er. Hier­auf sag­te er bloß: »Der arme Teu­fel ist nun tot«, und füg­te noch ei­ni­ge Fach­aus­drücke hin­zu, aus de­nen sein Zu­hö­rer ent­nahm, dass er aber­mals nicht im­stan­de sei, ihm zu fol­gen.

»Wie die Din­ge nun ein­mal ste­hen«, fuhr der ei­gen­tüm­lich wohl­un­ter­rich­te­te Mann fort, »wird der ge­setz­mä­ßi­ge Vor­gang für uns wohl sein, die Lei­che, so wie sie ist, lie­gen­zu­las­sen, bis die Po­li­zei ver­stän­digt ist. In der Tat, ich glau­be, es wäre gut, wenn nie­mand, mit Aus­nah­me von der Po­li­zei, hier­von ver­stän­digt wür­de. Wun­dern Sie sich nicht, wenn ich die Sa­che vor ei­ni­gen un­se­rer Nach­barn hier in der Um­ge­bung ge­heim­hal­te.« Dann, als füh­le er sich ver­an­lasst, sei­ne et­was un­ver­mit­tel­te Ver­trau­ens­se­lig­keit ein­zu­schrän­ken, sag­te er: »Ich bin näm­lich her­ge­kom­men, um mei­nen Cou­sin in Tor­wood zu be­su­chen; mein Name ist Hor­ne Fis­her. Man könn­te mich leicht aus­la­chen we­gen mei­nes He­rum­trö­delns hier, nicht?«

»Sir Ho­ward Hor­ne ist Ihr Cou­sin?«, frag­te March. »Ich bin selbst nach Tor­wood Park un­ter­wegs, um ihn auf­zu­su­chen; nur um sei­ner Ar­beit für die Öf­fent­lich­keit wil­len na­tür­lich, und we­gen der wun­der­ba­ren Hal­tung, mit der er sei­ne Prin­zi­pi­en ver­tritt. Ich glau­be, dass die­ses Bud­get das größ­te Er­eig­nis der eng­li­schen Ge­schich­te ist. Fällt es durch, so war es der he­ro­ischs­te Fehl­griff der eng­li­schen Ge­schich­te. Be­wun­dern Sie Ihren großen An­ver­wand­ten nicht sehr, Herr Fis­her?«

»O ja«, sag­te Herr Fis­her. »Er ist der bes­te Schüt­ze, den ich ken­ne.«

Dann, als be­reue er sei­ne Non­cha­lan­ce auf­rich­tig, füg­te er mit ei­nem ge­wis­sen En­thu­si­as­mus hin­zu:

»Nein, er ist näm­lich wirk­lich ein ganz aus­ge­zeich­ne­ter Schüt­ze.«

Wie von den ei­ge­nen Wor­ten an­ge­feu­ert, sprang er plötz­lich mit ei­ner Art An­lauf zu den vor­sprin­gen­den Stei­nen der über ihm em­por­ra­gen­den Fels­wand em­por und klet­ter­te mit ei­ner Be­hän­dig­keit hin­auf, die in über­ra­schen­dem Wi­der­spruch stand zu sei­ner sons­ti­gen Läs­sig­keit. Er stand be­reits ei­ni­ge Au­gen­bli­cke lang am Kamm oben, das Ad­ler­pro­fil un­ter dem Pa­na­ma­hut frei und scharf ab­ge­zeich­net ge­gen den Him­mel, und blick­te über das of­fe­ne Land hin, be­vor sein Beglei­ter sich so weit ge­sam­melt hat­te, dass er ihm müh­sam nach­kroch.

Auf der Höhe oben brei­te­te sich eine wei­te Flä­che von Ge­mein­de­wie­sen aus, auf der die tie­fein­ge­gra­be­nen Fur­chen des un­heil­vol­len Wa­gens deut­lich zu se­hen wa­ren; die Kan­te je­doch war wie von fel­si­gen Zäh­nen zer­klüf­tet; un­för­mi­ge Stei­ne von ver­schie­dens­ter Grö­ße und Ge­stalt la­gen nahe dem Rand; es war bei­na­he un­glaub­lich, dass ir­gend­je­mand frei­wil­lig in eine sol­che To­des­fäl­le hin­ein­fah­ren konn­te, ins­be­son­de­re bei hel­lem Ta­ges­licht.

»Ich kann es gar nicht ver­ste­hen«, sag­te March. »War er blind? Oder be­trun­ken?«

»Kei­nes von bei­den, dem An­schein nach«, er­wi­der­te der an­de­re.

»Dann war es wohl Selbst­mord.«

»Dazu scheint die Metho­de nicht ver­lo­ckend ge­nug«, be­merk­te der Mann na­mens Fis­her. »Au­ßer­dem glau­be ich nicht, dass der arme alte Pug­gy je­mals Selbst­mord be­gan­gen hät­te.«

»Der arme alte wer?«, frag­te der ver­wun­der­te Jour­na­list. »Ha­ben Sie die­sen un­glück­li­chen Mann ge­kannt?«

»Nie­mand hat ihn ei­gent­lich rich­tig ge­kannt«, er­wi­der­te Fis­her ziem­lich all­ge­mein. »Doch man hat ihn na­tür­lich ge­kannt. Er war zu sei­ner Zeit sehr ge­fürch­tet im Par­la­ment und bei Ge­richt und so wei­ter — ins­be­son­de­re an­läss­lich je­nes Skan­dals über die Aus­län­der, die als ›u­ner­wünscht‹ de­por­tiert wor­den sind, als er einen von ih­nen hän­gen las­sen woll­te we­gen Mor­des. Er war da­von so an­ge­ekelt, dass er de­mis­sio­nier­te. Seit da­mals fuhr er meist in sei­nem Auto her­um, das er selbst chauf­fier­te; doch soll­te auch er über das Wee­kend nach Tor­wood kom­men, und ich be­grei­fe nicht, warum er frei­wil­lig just vor der Türe den Hals bre­chen soll­te. Ich glau­be, dass Hoggs — ich mei­ne, mein Cou­sin Ho­ward — ei­gens dazu her­kam, um ihn zu tref­fen.«

»Ge­hört Tor­wood Park nicht Ihrem Cou­sin?«, frag­te March.

»Nein; frü­her ge­hör­te es den Win­throps, wis­sen Sie«, er­wi­der­te der an­de­re. »Jetzt hat es ein neu­er Be­sit­zer er­wor­ben — ein Mann aus Mon­tre­al na­mens Jen­kins. Hoggs kommt her, um zu ja­gen; ich habe Ih­nen ja er­zählt, dass er ein aus­ge­zeich­ne­ter Schüt­ze ist.«

Die­ses wie­der­hol­te Lob des großen Staats­man­nes be­rühr­te Ha­rold March so, als hät­te je­mand Na­po­le­on als einen her­vor­ra­gen­den Dame-Spie­ler de­fi­niert. Doch ein an­de­rer, halb un­kla­rer Ein­druck ar­bei­te­te sich in ihm durch — un­ter die­ser auf ihn ein­stür­zen­den Flut un­be­kann­ter Din­ge — und er ver­such­te, ihn an die Ober­flä­che zu brin­gen, ehe er wie­der da­hin­schwand.

»Jen­kins«, wie­der­hol­te er. »Sie mei­nen doch nicht Jef­fer­son Jen­kins, den So­zi­al­re­for­mer? Ich mei­ne den Mann, der für das neue Ar­bei­ter­woh­nungs­pro­jekt kämpft? Es wäre eben­so in­ter­essant, ihm zu be­geg­nen wie ir­gend­ei­nem Mi­nis­ter der Welt, wenn ich so sa­gen darf.«

»Ja; Hoggs sag­te ihm, dass es dies­mal Häu­ser sein müss­ten«, ant­wor­te­te Fis­her. »Er sag­te, die Vieh­zucht sei schon so oft ver­bes­sert wor­den, dass die Leu­te be­reits dar­über zu la­chen an­fin­gen. Und na­tür­lich muss man die Pairs­wür­de an ir­gend­ein Schlag­wort knüp­fen, ob­gleich der arme Kerl sie im­mer noch nicht be­kom­men hat. Hal­lo! Da ist ja noch je­mand!«, Sie wa­ren in den Spu­ren des Wa­gens wei­ter­ge­gan­gen, der hin­ter ih­nen in der Schlucht lag und im­mer noch ent­setz­lich schnurr­te, wie ir­gend­ein un­ge­heu­er­li­ches In­sekt, das einen Men­schen um­ge­bracht hat­te. Die Spu­ren brach­ten sie an eine Stra­ßen­bie­gung, von der aus ein Arm in der­sel­ben Rich­tung wei­ter­führ­te zu dem in der Fer­ne sicht­ba­ren Tor des Parks. Es war klar, dass der Wa­gen die lan­ge, ge­ra­de Stra­ße her­ab­ge­fah­ren war und dann, statt mit der Stra­ße nach links ab­zu­bie­gen, ge­ra­de­aus über die Wie­se sei­nem Schick­sal ent­ge­gen­ge­fah­ren war. Aber nicht die­se Ent­de­ckung war es, die Fis­hers Blick ge­fan­gen­ge­nom­men hat­te, son­dern et­was noch Ge­gen­ständ­li­che­res. An der Bie­gung der wei­ßen Stra­ße stand eine dunkle, ein­sa­me Ge­stalt, bei­na­he so still wie ein Weg­wei­ser. Es war die Ge­stalt ei­nes großen Man­nes in gro­bem Jagd­an­zug, bar­haupt und mit zer­zaus­tem, ge­lock­tem Haar, das ihm ein et­was wil­des Aus­se­hen ver­lieh. Beim Nä­her­kom­men schwand zwar die­ser ers­te, fan­tas­ti­sche Ein­druck, und die Ge­stalt nahm bei vol­ler Be­leuch­tung eine kon­ven­tio­nel­le­re Fär­bung an und glich ei­nem ge­wöhn­li­chen Herrn, der zu­fäl­lig, ohne Hut und ohne vor­her sein Haar be­son­ders sorg­fäl­tig ge­bürs­tet zu ha­ben, aus­ge­gan­gen war. Doch blieb der Ein­druck des un­ge­wöhn­lich mas­si­ven Wuch­ses, und die tief­lie­gen­den, bei­na­he an einen To­ten­schä­del ge­mah­nen­den Au­gen­höh­len er­ho­ben sein ani­ma­lisch gu­tes Aus­se­hen über das ei­nes All­tags­ge­sich­tes. Aber March hat­te kei­ne Zeit, den Mann ge­nau­er zu be­trach­ten; denn zu sei­ner nicht ge­rin­gen Ver­wun­de­rung be­merk­te sein Füh­rer nur »Hal­lo, Jack!«, und ging ein­fach vor­bei, als wäre der Mann wirk­lich nur ein Weg­wei­ser; auch mach­te Fis­her kei­ne Mie­ne, dem Mann von der Ka­ta­stro­phe drü­ben beim Fel­sen zu be­rich­ten. Es war ja et­was Ne­ben­säch­li­ches, doch war es nur der An­fang ei­ner Rei­he selt­sa­mer Strei­che, zu de­nen March von sei­nem neu­en ex­zen­tri­schen Freund mit­ge­nom­men wur­de.

Der Mann, an dem sie vor­bei­ge­gan­gen wa­ren, sah ih­nen ein we­nig arg­wöh­nisch nach, doch Fis­her setz­te hei­ter und ge­las­sen sei­nen Weg auf der ge­ra­den Stra­ße fort, die am Tor des großen Guts­be­sit­zes vor­bei­führ­te.

»Das ist John Bur­ke, der be­rühm­te Welt­rei­sen­de«, ließ er sich her­ab zu er­klä­ren. »Ich neh­me an, dass Sie schon von ihm ge­hört ha­ben; großer Jä­ger und so wei­ter. Tut mir leid, dass ich nicht ste­hen­blei­ben konn­te, um Sie vor­zu­stel­len, aber ich ver­mu­te, Sie wer­den ihn spä­ter noch se­hen.«

»Ich ken­ne na­tür­lich sein Buch«, sag­te March mit neu er­weck­tem In­ter­es­se. »Das eine je­den­falls ist so wun­der­bar be­schrie­ben: wie sie erst be­merk­ten, wie nahe der Ele­fant war, als der un­ge­heu­er­li­che Kopf den Mond ver­deck­te.«

»Ja, der jun­ge Hai­kett schreibt ganz gut, glaub’ ich. Wie? Sie wuss­ten nicht, dass Hai­kett Bur­kes Buch ge­schrie­ben hat? Bur­ke ver­steht nur sein Ge­wehr zu hand­ha­ben, und da­mit kann man nicht schrei­ben. Ach, er ist in sei­ner Art ganz ge­ni­al, wis­sen Sie; tap­fer wie ein Löwe — oder noch viel tap­fe­rer.«

»Sie schei­nen ja al­les mög­li­che von ihm zu wis­sen«, be­merk­te March mit ei­nem et­was ver­le­ge­nen Lä­cheln, »und noch von ei­ner Men­ge an­de­rer Leu­te auch.«

Fis­her run­zel­te plötz­lich sei­ne kah­le Stir­ne, und sei­ne Au­gen nah­men einen ei­gen­tüm­li­chen Aus­druck an.

»Ich weiß zu viel«, sag­te er. »Das ist die Sa­che. Das ist es, was mit mir und mit uns al­len und mit dem gan­zen Thea­ter los ist: wir wis­sen zu viel. Zu viel von­ein­an­der, zu viel von uns selbst. Das ist es, warum mich ge­ra­de jetzt eine Sa­che vor al­lem in­ter­es­siert, die ich nicht weiß.«

»Wel­che denn?«, frag­te der an­de­re.

»Wa­rum die­ser arme Kerl tot ist.«

Sie wa­ren bei­na­he eine Mei­le weit auf der ge­ra­den Land­stra­ße wei­ter­ge­wan­dert, zeit­wei­lig die­ser­art ins Ge­spräch ver­tieft, und March hat­te die ei­gen­tüm­li­che Emp­fin­dung, als wäre die gan­ze Welt von in­nen nach au­ßen um­ge­stülpt. Herr Hor­ne Fis­her miss­brauch­te nicht etwa das Ver­trau­en sei­ner Freun­de und Ver­wand­ten aus der großen Ge­sell­schaft durch üble Nach­re­de; er sprach von ei­ni­gen mit war­mer Herz­lich­keit. Nur schie­nen sie plötz­lich eine ganz an­de­re Ge­sell­schaft von Her­ren und Da­men zu sein, die nur zu­fäl­lig die­sel­ben Na­men hat­ten wie jene Her­ren und Da­men, die oft in der Zei­tung ge­nannt wa­ren. Doch hät­te die wü­tends­te Auf­leh­nung nie­mals eine so un­ge­mein re­vo­lu­tio­näre Wir­kung her­vor­ru­fen kön­nen wie die­se kal­te Ver­trau­lich­keit. Es war, als fie­le grel­les Ta­ges­licht auf die Ku­lis­sen hin­ter der Sze­ne.

Sie er­reich­ten die große Pfört­ner­tü­re des Parks, aber zum Er­stau­nen von March gin­gen sie dar­an vor­bei und auf der end­lo­sen, wei­ßen, ge­ra­den Land­stra­ße wei­ter. Doch war es March selbst noch zu früh für sei­ne Verab­re­dung mit Sir Ho­ward, und er war auch nicht ab­ge­neigt, das Ende der Ex­pe­ri­men­te sei­nes neu­en Freun­des mit an­zu­se­hen, wel­cher Art im­mer sie auch sein moch­ten. So hat­ten die bei­den längst das Sumpf­land hin­ter sich ge­las­sen, und die Hälf­te der wei­ßen Stra­ße lag im grau­en Schat­ten der großen Na­del­wäl­der von Tor­wood, die selbst wie graue Bal­ken das Son­nen­licht ab­hiel­ten und in ih­rer Mit­te an die­sem kla­ren Mit­tag eine ei­ge­ne Mit­ter­nacht schu­fen. Doch bald schim­mer­ten Lücken zwi­schen den Bäu­men, wie far­bi­ge Fens­ter; die Bäu­me stan­den lich­ter und wur­den im­mer we­ni­ger, je wei­ter die Stra­ße führ­te, und man konn­te das wild ge­wach­se­ne, un­re­gel­mä­ßi­ge Ge­hölz durch­blin­ken se­hen, in dem, wie Fis­her sag­te, die Ge­sell­schaft des Hau­ses den gan­zen Tag über drauf­los­feu­er­te. Und etwa zwei­hun­dert El­len wei­ter ka­men sie zur ers­ten Bie­gung der Stra­ße.

An der Bie­gung stand ein ver­fal­le­nes Wirts­haus mit ei­nem schmut­zi­gen Schild »Zur Wein­trau­be«. Die Ta­fel war jetzt dun­kel und un­ent­zif­fer­bar und hing schwarz ge­gen den Him­mel und das graue Sumpf­land da­hin­ter, un­ge­fähr so ein­la­dend wie ein Gal­gen. March be­merk­te, dass die Schen­ke nach Weines­sig, aber nicht nach Wein aus­sä­he.

»Gut ge­sagt«, er­wi­der­te Fis­her, »und ge­wiss auch rich­tig, wenn Sie so dumm wä­ren, hier Wein trin­ken zu wol­len. Aber das Bier ist sehr gut und der Brannt­wein auch.«

March folg­te ein we­nig wi­der­stre­bend in die Schenk­stu­be, und sein un­kla­res Ge­fühl der Ab­nei­gung wur­de durch den ers­ten An­blick des Wir­tes nicht ge­tilgt, der sich gar sehr von dem freund­li­chen Wirt, wie er in Bü­chern be­schrie­ben wird, un­ter­schied. Er war ein kno­chi­ger Mann, un­ge­mein schweig­sam hin­ter ei­nem schwar­zen Schnurr­bart, doch mit ru­he­los um­her­wan­dern­den schwar­zen Au­gen. So wort­karg er auch war, ge­lang es dem For­schen­den doch end­lich, ein Stück­chen In­for­ma­ti­on aus ihm her­aus­zu­ho­len, da­durch, dass er Bier be­stell­te und be­harr­lich und ein­ge­hendst über das The­ma des Au­to­mo­bil­we­sens sprach. Er sah den Wirt au­gen­schein­lich in ge­wis­sem Sinn als Au­to­ri­tät auf dem Ge­bie­te des Au­to­mo­bil­fah­rens an, als wäre die­ser tief ein­ge­drun­gen in die Ge­heim­nis­se des Mecha­nis­mus, der rich­ti­gen und der schlech­ten Be­hand­lung von Au­to­mo­bi­len, wo­bei er den Mann kei­nen Au­gen­blick lang aus dem Auge ver­lor. Aus all die­ser ein we­nig ge­heim­nis­vol­len Kon­ver­sa­ti­on er­gab sich schließ­lich eine Art von Zu­ge­ständ­nis, dass ein be­stimm­ter Wa­gen von der ge­ge­be­nen Be­schrei­bung vor un­ge­fähr ei­ner Stun­de vor dem Wirts­haus ge­hal­ten und dass ein ält­li­cher Herr aus­ge­stie­gen sei und ir­gend­wel­che tech­ni­sche Hil­fe ver­langt habe. Be­fragt, ob der Be­su­cher auch noch an­de­re Hil­fe ver­langt habe, er­wi­der­te der Wirt kurz, dass der alte Herr sei­ne Fla­sche an­ge­füllt und ein Pa­ket be­leg­te Bröt­chen mit sich ge­nom­men hät­te. Und mit die­sen Wor­ten hat­te der et­was un­gast­li­che Gast­wirt has­tig die Stu­be ver­las­sen, und man hör­te ihn im dun­keln In­nern des Hau­ses noch ei­ni­ge Tü­ren zu­schla­gen.

Fis­hers ein we­nig müde Au­gen wan­der­ten über das stau­bi­ge, trau­ri­ge Wirts­zim­mer und ver­weil­ten träu­me­risch bei ei­nem Glas­kas­ten mit ei­nem aus­ge­stopf­ten Vo­gel dar­in, über dem ein Ge­wehr an ei­nem Ha­ken hing, was zu­sam­men den ein­zi­gen Schmuck des Zim­mers bil­de­te.

»Pug­gy war ein Hu­mo­rist«, be­merk­te Fis­her, »zu­min­dest in sei­ner et­was grim­mi­gen Art. Doch das wäre ein all­zu grim­mer Scherz, ein Pa­ket be­leg­te Bröt­chen zu kau­fen, wenn man im Be­griff steht, Selbst­mord zu be­ge­hen.«

»Wenn Sie das mei­nen«, ant­wor­te­te March, »so ist es auch nicht ge­bräuch­lich, ein Pa­ket be­leg­te Bröt­chen zu kau­fen ge­ra­de vor der Türe ei­nes großen Hau­ses, in dem man sich auf­hal­ten will.«

»Nein … nein«, wie­der­hol­te Fis­her bei­na­he me­cha­nisch, und dann warf er dem an­de­ren plötz­lich mit weit leb­haf­te­rem Ge­sichts­aus­druck einen Blick zu.

»Bei Gott, das ist eine Idee! Sie ha­ben voll­kom­men recht. Und das bringt einen ei­gent­lich auf einen ganz an­de­ren, sehr selt­sa­men Ge­dan­ken, nicht?«

Es trat eine Stil­le ein, und dann fuhr March in ganz un­be­grün­de­ter Ner­vo­si­tät zu­sam­men, als die Türe der Wirts­stu­be auf­ge­ris­sen wur­de und ein Mann ein­trat, der schnell an den Schank­tisch schritt. Er hat­te schon mit ei­ner Mün­ze dar­auf ge­klopft und nach ei­nem Glas Brannt­wein ge­ru­fen, be­vor er die an­de­ren zwei Gäs­te be­merk­te, die an ei­nem un­ge­deck­ten Tisch vor dem Fens­ter sa­ßen. Als er sich nun mit et­was ir­rem Blick um­wen­de­te, hat­te March noch eine zwei­te un­er­war­te­te Emp­fin­dung: sein Füh­rer rief den Mann mit Hoggs an und stell­te ihn als Sir Ho­ward Hor­ne vor.

Er sah et­was äl­ter aus als sein kna­ben­haf­tes Bild­nis in den il­lus­trier­ten Zei­tun­gen, wie das bei Po­li­ti­kern meist der Fall ist; sein glat­tes blon­des Haar war leicht er­graut, doch sein Ge­sicht war bei­na­he ko­misch rund, mit ei­ner rö­mi­schen Nase, die zu­sam­men mit den tan­zen­den, glit­zern­den Au­gen eine ent­fern­te Erin­ne­rung an einen Pa­pa­gei er­weck­te. Er hat­te die Müt­ze ein we­nig zu­rück­ge­scho­ben auf dem Kop­fe und trug ein Ge­wehr un­ter dem Arm. Ha­rold March hat­te sich oft in Ge­dan­ken sei­ne ers­te Be­geg­nung mit dem großen Re­for­ma­tor aus­ge­malt; aber nie­mals hat­te er sich ihn mit der Flin­te un­term Arm, ein Glas Brannt­wein am Schank­tisch ei­nes Wirts­hau­ses trin­kend, vor­ge­stellt.

»Du bist also auch bei Jink ab­ge­stie­gen?«, sag­te Fis­her. »Je­der­mann scheint dort zu woh­nen.«

»Ja«, er­wi­der­te der Finanz­mi­nis­ter. »Fei­ne Jagd. Zu­min­dest al­les, was Jink nicht selbst schießt. Ich habe nie­mals einen Men­schen ge­se­hen, der ein so schö­nes Jagdre­vier hat und selbst so schlecht schießt. Er ist ja ein sehr net­ter Kerl, weißt du, und all das; ich sag’ kein Wort ge­gen ihn. Aber er hat nie­mals ge­lernt, ein Ge­wehr zu hal­ten, so­lan­ge er Schwei­ne­fleisch ver­sandt hat oder was im­mer er sonst tat. Man sagt, dass er ein­mal eine Ko­kar­de vom Hut sei­nes Die­ners weg­ge­schos­sen hat. Das sieht ihm üb­ri­gens auch ähn­lich, dass sei­ne Die­ner Ko­kar­den tra­gen. Er hat den Wet­ter­hahn von sei­nem lä­cher­li­chen, ver­gol­de­ten Lust­häus­chen ab­ge­schos­sen. Das ist der ein­zi­ge Hahn, den er je­mals ge­trof­fen hat, denk’ ich. Kommst du auch gleich mit hin­auf?«

Fis­her sag­te ein we­nig un­be­stimmt, dass er bald nach­kom­men wol­le und nur vor­her noch et­was zu er­le­di­gen hät­te; und so ver­ließ der Finanz­mi­nis­ter das Wirts­haus. March hat­te den Ein­druck, als ob er ein we­nig auf­ge­regt und un­ge­dul­dig ge­we­sen wäre, als er nach dem Brannt­wein rief, sich wäh­rend des Ge­sprächs aber wie­der be­ru­higt hät­te, wenn auch das Ge­spräch selbst nicht ganz das ge­we­sen war, was der li­te­ra­ri­sche Be­su­cher er­war­tet hät­te. Fis­her ging ei­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter aus dem Wirts­haus fort und blieb mit­ten auf der Stra­ße ste­hen, wäh­rend er nach der Rich­tung zu­rück­schau­te, aus der sie ge­kom­men wa­ren. Dann ging er un­ge­fähr zwei­hun­dert El­len in die­ser Rich­tung zu­rück und blieb aber­mals ste­hen.

»Ich wür­de an­neh­men, dass dies un­ge­fähr die Stel­le ist«, sag­te er.

»Wel­che Stel­le?«, frag­te sein Beglei­ter.

»Die Stel­le, wo der arme Kerl um­ge­bracht wor­den ist«, sag­te Fis­her be­trübt.

»Was mei­nen Sie?«, frag­te March. »Er stürz­te doch ein und eine hal­be Mei­le weit weg von hier in den Fel­sen zu Tode.« »Nein«, er­wi­der­te Fis­her. »Er ist über­haupt nicht auf die Fel­sen ge­fal­len. Ha­ben Sie nicht be­merkt, dass er nur auf den wei­chen Wie­senab­hang dar­un­ter fiel? Aber ich sah, dass er schon eine Ku­gel im Lei­be hat­te.«

Dann füg­te er nach ei­ner Pau­se noch hin­zu:

»Beim Wirts­haus war er noch le­ben­dig, doch er war lan­ge tot, be­vor er zu den Fel­sen kam. So wur­de er also er­schos­sen, wäh­rend er die­ses Stück der ge­ra­den Stra­ße hin­ab­fuhr; ich wür­de also an­neh­men, un­ge­fähr hier ir­gend­wo. Nach­her lief der Wa­gen na­tür­lich wei­ter, ohne dass je­mand ihn auf­ge­hal­ten oder ge­lenkt hät­te. Es ist in sei­ner Art wirk­lich ein ganz schlau­er Kniff; denn die Lei­che wür­de so erst ziem­lich weit weg ge­fun­den wer­den, und die meis­ten Leu­te wür­den, so wie Sie, sa­gen, dass es ein Au­to­un­fall war. Der Mör­der muss ein klu­ger Schur­ke ge­we­sen sein.«

»Aber hät­te man den Schuss nicht im Wirts­haus oder sonst ir­gend­wo hö­ren müs­sen?«, frag­te March.

»Man hat ihn wohl auch ge­hört. Aber nie­mand hat ihn be­ach­tet. Das«, fuhr der Un­ter­su­chen­de fort, »ist wie­der ein Be­weis sei­ner Klug­heit. Es wur­de den gan­zen Tag über in der gan­zen Ge­gend hier her­um ge­schos­sen; wahr­schein­lich hat er die Zeit so ge­wählt, dass sein Schuss in ei­ner Men­ge an­de­rer Schüs­se un­ter­ging. Er war si­cher­lich ein erst­klas­si­ger Ver­bre­cher. Aber er war si­cher­lich noch et­was an­de­res.«

»Was mei­nen Sie?«, frag­te sein Beglei­ter mit ei­nem un­heim­li­chen Vor­ge­fühl des­sen, was kom­men muss­te, er wuss­te selbst nicht, warum.

»Er war auch ein erst­klas­si­ger Schüt­ze«, sag­te Fis­her.

Er hat­te sich schnell um­ge­wen­det und ging nun einen schma­len, gras­be­wach­se­nen Wie­sen­pfad, kaum brei­ter als eine Wa­gen­spur, hin­un­ter, der ge­gen­über vom Wirts­haus hin­lief und die Gren­ze zwi­schen dem Guts­be­sitz und dem of­fe­nen Sumpf­land be­zeich­ne­te. March ar­bei­te­te sich hin­ter ihm durch, mit der glei­chen mü­ßi­gen Be­harr­lich­keit, und sah ihn bald durch eine Lücke zwi­schen den ho­hen Un­kräu­tern und dem Dor­nen­ge­strüpp hin­durch­spä­hen auf die nack­ten Stä­be ei­nes an­ge­stri­che­nen Lat­ten­zau­nes. Da­hin­ter er­ho­ben sich die großen, grau­en Säu­len ei­ner Pap­pel­rei­he, sie war­fen einen brei­ten, grü­nen Schat­ten und schwank­ten lang­sam im Win­de, der all­mäh­lich zu ei­ner stär­ke­ren Bri­se aus­ge­wach­sen war. Der Nach­mit­tag ging schon in den dun­keln­den Abend über, und die gi­gan­ti­schen Schat­ten der Pap­pel­bäu­me ver­län­ger­ten sich über ein Drit­tel der Land­schaft.

»Sind Sie ein erst­klas­si­ger Ver­bre­cher?«, frag­te Fis­her freund­lich. »Ich fürch­te, ich bin es nicht. Aber ich glau­be, ich bräch­te es zu­we­ge, eine Art vier­t­ran­gi­ger Ein­bre­cher zu sein.«

Und ehe sein Beglei­ter ant­wor­ten konn­te, hat­te er sich schon ir­gend­wie über den Zaun ge­schwun­gen, wäh­rend March ohne große kör­per­li­che An­stren­gung, doch in be­trächt­li­cher Geis­tes­ver­wir­rung folg­te. Die Pap­pel­bäu­me ka­men so nahe an die He­cke her­an, dass die bei­den ei­ni­ge Schwie­rig­keit hat­ten, sich vor­bei­zu­schlei­chen und durch­zu­zwän­gen; hin­ter den Pap­peln sa­hen sie nur eine hohe Lor­beer­he­cke, grün und strah­lend in der tief­ste­hen­den Son­ne. Ir­gend et­was an die­sen Um­gren­zun­gen durch eine Rei­he le­ben­der Mau­ern gab March das Ge­fühl, als drän­ge er wirk­lich in ein ver­schlos­se­nes Haus ein und be­we­ge sich nicht im Frei­en. Es war, als trä­te er durch eine nie be­nütz­te Türe oder durch ein Fens­ter ein und fän­de den Weg durch Mö­bel­stücke ver­sperrt. Als sie die Lor­beer he­cke um­gan­gen hat­ten, ka­men sie auf eine Art Wie­sen­ter­ras­se hin­aus, die durch eine grü­ne Stu­fe zu ei­nem läng­li­chen, ei­nem Kricket­platz glei­chen­den Ra­sen­platz ab­fiel. Da­hin­ter war nur ein ein­zi­ges Ge­bäu­de zu se­hen, ein nied­ri­ges Treib­haus, das ab­seits zu lie­gen schi­en von al­lem an­de­ren — wie ein Glas­häus­chen, das auf ei­ge­nem Grund und Bo­den des Mär­chen­lan­des stand. Fis­her kann­te die­sen ein­sa­men An­blick in den wei­ter ab­ge­le­ge­nen Tei­len ei­nes großen Be­sit­zes zur Ge­nü­ge. Er hat­te er­kannt, dass sie eine be­zeich­nen­de­re Sa­tie­re auf die Ari­sto­kra­tie dar­stel­len, als wenn sie mit Un­kraut ver­wach­sen und mit Trüm­mern über­sät wä­ren. Denn sie sind nicht ver­nach­läs­sigt, und doch sind sie ver­las­sen; je­den­falls sind sie un­be­nützt. Sie wer­den re­gel­mä­ßig ge­säu­bert und ge­schmückt für einen Her­ren, der nie kommt.

Als er über die Wie­se hin­sah, er­blick­te er je­doch einen Ge­gen­stand, den er an­schei­nend nicht zu se­hen er­war­tet hat­te. Es war eine Art Drei­fuß, der eine große Schei­be trug, wie die run­de Plat­te ei­nes seit­wärts ge­klapp­ten Ti­sches; und erst als sie auf den Ra­sen­platz hin­un­ter und über die Wie­se hin­ge­schrit­ten wa­ren, um das Ding nä­her zu be­se­hen, er­kann­te March, dass es eine Schieß­schei­be war. Sie war ab­ge­nützt und vom Wet­ter stark mit­ge­nom­men; die lus­ti­gen Far­ben der kon­zen­tri­schen Rin­ge wa­ren ver­blasst; wahr­schein­lich war sie in je­nen fer­nen Ta­gen des eli­sa­be­tha­ni­schen Zeit­al­ters auf­ge­stellt wor­den, als das Bo­gen­schie­ßen in der Mode war. March hat­te eine vage Vi­si­on von Da­men in bau­schi­gen Kri­no­li­nen und Her­ren in selt­sa­men Hü­ten und Spitz­bär­ten, die die­sen ver­las­se­nen Gar­ten wie Geis­ter wie­der be­such­ten.

Fis­her, der nä­her ge­tre­ten war, um die Schieß­schei­be an­zu­star­ren, schreck­te ihn durch einen Aus­ruf auf.

»Hal­lo!«, rief er, »je­mand hat die­ses Ding da doch mit Schüs­sen ganz über­sät; und noch dazu erst kürz­lich. Na, ich glau­be gar, der alte Jink hat ver­sucht, hier schie­ßen zu ler­nen.«

»Ja, und es sieht aus, als hät­te er noch viel zu ler­nen«, ant­wor­te­te March la­chend. »Nicht ei­ner von die­sen Schüs­sen hat ins Schwar­ze ge­trof­fen; sie schei­nen in der wil­des­ten Art über­all rings­her­um ver­streut zu sein.«

»In der wil­des­ten Art«, wie­der­hol­te Fis­her und starr­te im­mer noch auf die Schieß­schei­be.

Er schi­en nur bei­zu­stim­men, und doch kam es March vor, als leuch­te­ten sei­ne Au­gen un­ter den schläf­rig ge­senk­ten Au­gen­li­dern und als rich­te er sei­ne vor­ge­beug­te Ge­stalt mit selt­sa­mer Ener­gie em­por.

»Ent­schul­di­gen Sie mich einen Au­gen­blick«, sag­te er und such­te in sei­nen Ta­schen. »Ich glau­be, ich habe ein we­nig von mei­nen Che­mi­ka­li­en bei mir; und dann wol­len wir ins Haus hin­auf­ge­hen.«

Und wie­der beug­te er sich über die Schieß­schei­be und strich mit sei­nen Fin­gern et­was über ein­zel­ne von den Schuss­lö­chern; so­viel March se­hen konn­te, war es nur eine trü­be, graue Schmie­re. Dann schrit­ten sie in der ein­bre­chen­den Däm­me­rung durch die lan­gen, grü­nen Al­leen auf das große Haus zu.

Hier je­doch trat der ex­zen­tri­sche For­scher wie­der nicht durch den Haup­tein­gang ein. Er ging um das Haus her­um, bis er ein of­fe­nes Fens­ter fand, durch das er hin­ein­sprang, und zeig­te sei­nem Freund ein Zim­mer, das an­schei­nend als Ge­wehr­kam­mer Ver­wen­dung fand. Gan­ze Rei­hen je­ner In­stru­men­te, die ge­wöhn­lich dazu die­nen, Vö­gel aus der Luft her­un­ter­zu­ho­len, stan­den an den Wän­den; doch auf ei­nem Tisch vor dem Fens­ter la­gen ein oder zwei Waf­fen von schwe­re­rem und ge­fähr­li­che­rem Ka­li­ber.

»Hal­lo, das sind Bur­kes große Jagd­ge­weh­re«, sag­te Fis­her. »Ich wuss­te gar nicht, dass er sie hier auf­be­wahr­te.«

Er hob ei­nes der Ge­weh­re auf, un­ter­such­te es flüch­tig und leg­te es wie­der stirn­run­zelnd nie­der. Bei­na­he im sel­ben Au­gen­blick trat ein frem­der jun­ger Mann has­tig ins Zim­mer. Er war dun­kel­haa­rig und stäm­mig ge­baut, mit brei­ter Stir­ne und ei­ner Bull­dog­gen­schnau­ze; er sag­te kurz und lei­se ent­schul­di­gend:

»Ich habe Ma­jor Bur­kes Ge­weh­re hier­ge­las­sen, und er will sie ein­pa­cken las­sen. Er geht heu­te Abend von hier fort.«

Und da­mit trug er die bei­den Ge­weh­re hin­aus, ohne einen Blick auf die Frem­den zu wer­fen; sie konn­ten durch das Fens­ter sei­ne kur­ze, stäm­mi­ge Ge­stalt fort­ge­hen und im rot­glü­hen­den Gar­ten ver­schwin­den se­hen. Fis­her stieg wie­der durch das Fens­ter hin­aus und sah ihm nach.

»Das ist Hai­kett, von dem ich Ih­nen er­zählt habe«, sag­te er. »Ich wuss­te, dass er so eine Art Se­kre­tär ist und Bur­kes Pa­pie­re ver­wal­tet; doch ich wuss­te nicht, dass er auch mit den Ge­weh­ren et­was zu schaf­fen hät­te. Aber er ist ge­ra­de so ein schweig­sa­mer, klu­ger klei­ner Teu­fel, der zu al­lem zu ge­brau­chen ist; so ein Kerl, den Sie jah­re­lang ken­nen kön­nen, ohne zu wis­sen, dass er ein Meis­ter im Schach­spie­len ist.«

Fis­her war lang­sam in der Rich­tung wei­ter­ge­gan­gen, in wel­cher der Se­kre­tär ver­schwun­den war, und bald ka­men sie in Sicht der üb­ri­gen Ge­sell­schaft des Hau­ses, die la­chend und re­dend auf der Wie­se bei­sam­men­stand. Man konn­te die große Ge­stalt und die flat­tern­de Mäh­ne des Lö­wen­jä­gers se­hen, der die klei­ne Grup­pe über­rag­te.

»Üb­ri­gens«, be­merk­te Fis­her, »als wir von Bur­ke und Hai­kett spra­chen, habe ich ge­sagt, dass ein Mann nicht gut mit ei­nem Ge­wehr schrei­ben könn­te. Nun, ich bin des­sen nicht mehr so si­cher. Ha­ben Sie je­mals von ei­nem Künst­ler ge­hört, der so ge­schickt ist, dass er mit ei­nem Ge­wehr zeich­nen kann? Hier treibt sich so ein wun­der­ba­rer Kerl ir­gend­wo her­um.« Sir Ho­ward rief Fis­her und des­sen Freund, den Jour­na­lis­ten, mit bei­na­he pol­tern­der Lie­bens­wür­dig­keit an; March wur­de dem Ma­jor Bur­ke und Herrn Hai­kett vor­ge­stellt und auch ne­ben­bei dem Gast­ge­ber, Herrn Jen­kins, ei­nem ge­wöhn­lich aus­se­hen­den klei­nen Mann in grel­lem Som­mer­an­zug, den alle üb­ri­gen mit ei­ner Herz­lich­keit zu be­han­deln schie­nen, als wäre er ein klei­nes Kind.

Der un­ver­wüst­li­che Finanz­mi­nis­ter re­de­te noch im­mer von den Vö­geln, die er ge­schos­sen hat­te, und von den Vö­geln, die Jen­kins, der Gast­ge­ber, ver­fehlt hat­te. Es schi­en eine Art ge­sell­schaft­li­che fixe Idee zu sein.

»Sie mit Ihren großen Jag­da­ben­teu­ern«, rief er Bur­ke her­aus­for­dernd zu. »Ja, große Tie­re kann je­der schie­ßen. Man muss ein gu­ter Schüt­ze sein, um klei­ne Tie­re zu tref­fen.« »Ganz rich­tig«, warf Hor­ne Fis­her ein. »Wenn jetzt ein Nil­pferd aus je­nem Busch in die Luft em­porflie­gen könn­te oder wenn Sie we­nigs­tens flie­gen­de Ele­fan­ten auf dem Gut hal­ten wür­den, ja dann —«

»Ja, sol­che Vö­gel könn­te so­gar Jink schie­ßen«, rief Sir Ho­ward und klopf­te sei­nem Gast­ge­ber ver­gnügt auf den Rücken. »So­gar er wür­de einen Heu­scho­ber tref­fen oder ein Nil­pferd!«, »Hö­ren Sie ein­mal«, sag­te Fis­her. »Ich möch­te ger­ne, dass Sie alle einen Au­gen­blick mit mir kom­men, um auf et­was an­de­res zu schie­ßen. Kein Nil­pferd. Ein an­de­res merk­wür­di­ges Tier, das ich hier ge­fun­den habe. Es ist ein Tier mit drei Bei­nen und ei­nem Auge, und es spielt in al­len Re­gen­bo­gen­far­ben.«