Der Märchenerzähler - Antonia Michaelis - E-Book
BESTSELLER

Der Märchenerzähler E-Book

Antonia Michaelis

4,5
7,99 €

Beschreibung

Geliebter Mörder? Atemlos spannend - ein Meisterwerk von Antonia Michaelis! Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden? Ein temporeicher Thriller und ein zu Herzen gehende Liebesgeschichte - lässt nicht los! Eindrucksvoll, begeisternd und abwechslungsreich - eine ganz neue Antonia Michaelis.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 561




Für Anna K. und den Leuchtturmwärter, deren Namen ich geliehen habe. Für Charlotte R., Bea W. und Fine M., die mehr oder weniger bald 18 sind. Für Kerstin B., Beate R. und Eva W., die irgendwann 18 waren. Und für all jene, die es niemals sein werden.

Ballad For The Young

My child I know you’re not a child

but I still see you running wild

between those blooming trees

your sparkling dreams, your silver laugh

your questions for the stars above

are just my memories

    and in your eyes the ocean

    and in your eyes the sea

    the waters frozen over

    with your longing to be free

    yesterday when you’d awoken

    the world seemed incredibly old

    this is the age you are broken

    or turned into gold

you had to kill this child, I know

to break the arrow and the bow

to shed your skin and change

the trees are flowering no more

there’s blood upon the marble floor

this place is dark and strange

    I see you standing in the storm

    holding the curse of youth

    each of you with your story

    each of you with your truth

    some words will never be spoken

    some stories never be told

    this is the age you are broken

    or turned into gold 

I didn’t say the world was good

I hope by now you understood

why I could never lie

I didn’t promise you a thing

don’t ask my wintervoice for spring

just spread your wings and fly

    though in the hidden garden

    down by the green, green lane

    the plant of love grows next to

    the tree of hate and pain

    So take my tears as a token

    they’ll keep you warm in the cold

    this is the age you are broken

    or turned into gold

You’ve lived too long among us

to leave without a trace

you’ve lived too short to understand

a thing about this place

    some of you just sit there smokin’

    and some are already sold

    this is the age you are broken

    or turned into gold

    this is the age you are broken

    or turned into gold

Zuerst

Blut.

Überall ist Blut. An seinen Händen, an ihren Händen, auf seinem Hemd, seinem Gesicht, auf den Fliesen, in Schlieren verschmiert, auf dem kleinen runden Teppich, es tränkt ihn, dunkel, schwarz beinahe, der Teppich war einmal blau, er wird nie mehr blau sein.

Auf dem Weiß der Fliesen ist das Blut rot. Er kniet im Blut. Er hat nicht gewusst, dass es so rot ist, so hellrot: große herabgefallene, zerborstene Blutstropfen gleich Mohnblumen. Sie sind schön, schön wie ein Frühlingstag auf einer sonnigen Wiese, draußen beim Wald … der Frühling ist fern. Die Fliesen sind kalt und weiß, weiß wie Schnee, und es ist Winter.

Es wird immer Winter bleiben.

Unsinniger Gedanke, warum sollte es immer Winter bleiben?

Er muss etwas tun. Etwas gegen das Blut. Ein Meer aus Blut, ein rotes, unendliches Meer, purpurne Wogen, karminrote Gischtkämme, spritzende Farbe. All diese Worte in seinem Kopf!

Wie lange kniet er schon so da, mit den Worten im Kopf? Das Rot beginnt zu trocknen, Ränder zu bekommen, etwas von seiner Schönheit zu verlieren, die Mohnblumen verwelken, vergilben wie die Worte, wenn man sie auf Papier schreibt …

Er schließt die Augen. Reiß dich zusammen. Denk jetzt der Reihe nach. Was muss getan werden? Was zuerst? Was ist das Wichtigste?

Das Wichtigste ist, dass niemand etwas erfährt.

Handtücher. Er braucht Handtücher. Und Wasser. Einen Lappen. Die Spritzer an der Wand gehen schlecht ab, in den Zwischenräumen der Fliesen werden sie bleiben. Wird jemand es sehen?

Seife. Seine Fingernägel haben dunkle Ränder. Eine Bürste. Er schrubbt, bis seine Hände rot sind, von einem anderen Rot, einem warmen, schmerzenden, lebendigen Rot.

Sie sieht ihm nicht zu. Sie hat den Blick abgewandt, aber sie hatte immer den Blick abgewandt, sie hat so gelebt – mit abgewandtem Blick. Er wirft die Handtücher in die Waschmaschine.

Sie sitzt da, gegen die Wand gelehnt; weigert sich, mit ihm zu sprechen.

Er kniet sich noch einmal vor sie, auf den Fußboden, der wieder weiß ist, nimmt ihre Hände in seine. Flüstert ihr eine Frage zu, ein einziges Wort: »Wohin?«

Und er liest die Antwort in ihren kalten Händen:

Weißt du noch? Der Wald? Es war Frühling, und diese kleinen weißen Blumen blühten überall unter den Buchen … wir gingen Hand in Hand, und du fragtest mich, was für Blumen das wären … ich wusste es nicht … Der Wald. Der Wald war unser einziger gemeinsamer Ort, und damals war unsere einzige gemeinsame Zeit, unsere einzige wirklich gute Zeit, nur wir beide, weißt du noch, weißt du noch, weißt du noch …

»Ich weiß«, flüstert er. »Ich erinnere mich. Der Wald. Buschwindröschen. Ich habe später jemand anderen gefragt, wie sie heißen. Buschwindröschen …«

Er hebt sie auf seine Arme wie ein Kind. Sie ist schwer und leicht zugleich. Sein Herz pocht im Rhythmus der Angst, als er sie trägt, hinaus in die Nacht. Halt dich doch fest. Hilf mir doch. Hilf mir doch ein einziges Mal!

Die Kälte schlägt ihm entgegen, draußen, er riecht den Frost in der Luft, den kommenden Frost.

Noch ist der Boden nicht gefroren. Er hat Glück. Es ist ein seltsamer Gedanke, Glück zu haben, in dieser Februarnacht. Es ist nicht weit zum Wald hinaus. Es ist zu weit. Er blickt sich um.

Niemand ist da. Niemand sieht. Niemand weiß und niemand wird sich erinnern.

Und im Wald blühen keine kleinen weißen Blumen. Der Boden ist ein einziger braun-schlammiger, aufgeweichter Sumpf. Die grauen Buchen tragen keine Blätter. Er nimmt dies alles nur schemenhaft wahr, es ist zu dunkel. Es ist gerade dunkel genug. Hier gibt es keine Straßenlaternen mehr. Die Erde gibt nur widerwillig nach, der Spaten ist stumpf. Er flucht, lautlos. Sie sieht ihn noch immer nicht an. Sie sitzt an einen der dunklen Bäume gelehnt und scheint in Gedanken versunken. Und plötzlich packt ihn die Wut.

Er kniet zum dritten Mal in dieser Nacht vor ihr, er schüttelt sie, versucht, sie auf die Beine zu ziehen, er will sie anschreien, er schreit sie an, nur in Gedanken, stumm, mit offenem Mund.

Du bist das selbstsüchtigste, gedankenloseste Geschöpf, das ich kenne! Was du getan hast, ist unverzeihlich. Du weißt, du weißt doch, was geschehen wird! Du hast natürlich nicht darüber nachgedacht, oh nein, du nicht, deine Gedanken kreisten nur um deine eigene, erbärmlich kleine Welt. Du hast eine Lösung für dich gefunden, nur keine Lösung für mich, für uns, du hast keine Sekunde daran gedacht … Und dann weint er, weint wie ein Kind, an ihrer Schulter.

Sie streicht ihm über den Kopf, sachte, sachte. Aber nein, es ist nur ein Ast.

1

Anna

Es war der erste wirklich kalte Tag des Winters, an dem Anna die Puppe fand.

Ein blauer Tag, hoch und klar wie eine Glaskuppel über der Stadt. Sie zog die Handschuhe an, ehe sie auf ihr Rad stieg. Auf dem Weg zur Schule dachte sie, dass sie ans Meer fahren würde, gleich mittags, um zu sehen, ob es an den Rändern zugefroren war. Es würde zufrieren, wenn nicht heute, dann in ein paar Tagen.

Das Eis kam immer im Februar.

Und sie atmete die kalte Luft mit einer Art kindischer Vorfreude, schob den Schal vom Gesicht, streifte die Mütze von ihren dunklen Haaren und betrank sich an der Kälte, bis ihr schwindelig war. Sie fragte sich, in welcher der vielen Kisten im Keller ihre Schlittschuhe waren und ob es schneien würde und ob ihre Langlaufskier auch im Keller auf sie warteten oder auf dem Dachboden und ob sie Gitta überreden könnte, den alten Schlitten herauszuholen, den mit dem roten Band. Wahrscheinlich, dachte sie, würde Gitta sich zu alt fühlen. Mein Gott, wir sind achtzehn, würde sie sagen, oder du bist es jedenfalls fast, willst du dich wirklich auf einen alten Schlitten mit rotem Band setzen und dich komplett lächerlich machen? Du machst im Sommer Abitur, mein Kind, du solltest wirklich über andere Dinge nachdenken. Anna lächelte, als sie ihr Fahrrad vor der Schule abstellte. Gitta nannte sie von jeher »mein Kind«, es war ein wenig, als hätte man eine große Schwester, obwohl Gitta nur ein halbes Jahr älter war. Aber sie tat all die Dinge, die man tat, wenn man erwachsen war oder glaubte, es zu sein, all die Dinge, die Anna nie tun würde. Sie verbrachte die Freitagabende beim Tanzen im Fly In. Sie fuhr seit zwei Jahren mit dem Moped zur Schule, und sie würde es in ein Motorrad umtauschen, sobald sie das Geld dafür hatte. Sie trug nur Schwarz, sie trug Tangas, sie schlief mit den Jungen – mein Kind, wir sind achtzehn, lange, lange alt genug, du solltest dir langsam Gedanken machen –, sie lehnte mit Hennes an der Schulmauer und rauchte.

Anna stellte sich dazu und sah den Wolken nach, die ihr warmer Atem in die Luft malte.

»Na«, sagte Hennes, »fängst doch noch an, was?«

Anna schüttelte den Kopf. »Keine Zeit.«

»Ist auch besser so«, meinte Gitta freundlich und legte einen Arm um Annas schmale Schultern. »Wenn du einmal anfängst, kannst du nicht wieder aufhören. Das ist die Hölle, mein Kind, merk dir das. Bleib du lieber bei deinen Luftwolken.«

»Im Ernst«, sagte Anna. »Ich wüsste nicht, wann ich rauchen sollte. Es gibt genug andere Dinge zu tun.«

Hennes nickte. »Die Schule, was?«

»Ach ja«, sagte Anna leichthin, »die auch.«

Und sie wusste genau, dass Hennes nicht begriff, was sie meinte, aber es war ihr völlig egal. Sie konnte Hennes nicht erklären, dass sie zum Meer musste, um nachzusehen, ob es zugefroren war. Und dass sie über Gittas Schlitten mit dem roten Band nachgedacht hatte. Er hätte es nicht begriffen. Gitta würde sich zieren, den Schlitten rauszurücken, aber sie verstand Anna ganz gut. Und wenn niemand zusah, wirklich niemand, würde sie mit Anna Schlitten fahren und sich aufführen wie eine Fünfjährige; sie hatte es im letzten Winter getan und vorletzten Winter. Genauso wie alle Winter davor.

Und Hennes und alle anderen würden über der Vorbereitung der nächsten Kursarbeit sitzen.

»Es ist Zeit«, sagte Hennes und sah auf die Uhr. »Wir sollten gehen.« Er drückte seine Zigarette auf der Mauer aus und blies sich das rötliche Haar aus der Stirn. Golden, dachte Anna, rotgolden. Und sie dachte, dass Hennes vermutlich zu Hause vor dem Spiegel jeden Morgen übte, sich dieses Haar aus der Stirn zu pusten. Hennes war perfekt, Hennes war groß, er war schlank, er war klug, er hatte die Winterferien mit Snowboarden verbracht, irgendwo in Norwegen. Er hatte ein »von« im Nachnamen, das er beim Unterschreiben wegließ, was ihn noch perfekter machte. Es gab durchaus Gründe dafür, dass Gitta gerade mit Hennes an der Mauer stand und rauchte, Gitta verliebte sich ständig neu, und jedes dritte Mal in Hennes.

Anna konnte seinen Mund nicht leiden; dieses leicht ironische Lächeln, mit dem er seine Umwelt bedachte. Wie jetzt. Genau jetzt.

»Wollen wir unserem polnischen Kurzwarenhändler Bescheid sagen?«, fragte Hennes und nickte zu den Fahrradständern hinüber, wo eine Gestalt in grüner Militärjacke hockte, geduckt, die schwarze Strickmütze tief ins Gesicht gezogen, die Stöpsel eines alten Walkmans in den Ohren. Die Zigarette in seiner Hand war beinahe verglüht, und Anna fragte sich, ob er es nicht merkte. Und ob er nicht hätte herüberkommen können, zu Gitta und Hennes, zum Rauchen.

»Tannatek!«, rief Hennes. »Acht Uhr. Kommst du mit rein?«

»Vergiss es«, sagte Gitta. »Der hört dich nicht. Lebt in seiner eigenen Welt. Gehen wir.«

Gitta beeilte sich, Hennes’ langen Schritten die Treppe hinauf zur gläsernen Eingangstür zu folgen, sie waren im gleichen Englischkurs, doch Anna hielt sie auf.

»Hör mal … es ist wahrscheinlich eine dumme Frage«, begann sie, »aber …«

»Es gibt nur dumme Fragen«, antwortete Gitta gutmütig.

»Bitte«, sagte Anna ernst. »Erklär mir den Kurzwarenhändler.«

Gitta sah zu der Gestalt mit der schwarzen Wollmütze hinüber. »Den kann dir niemand erklären«, sagte sie. »Die halbe Abiturstufe fragt sich, weshalb der in der Elften hergekommen ist. Er ist doch im Deutschkurs 1, genau wie du …«

»Erklär mir das Wort«, beharrte Anna. »Warum heißt er bei allen so? Der polnische Kurzwarenhändler? Ich habe bisher nie darüber nachgedacht.«

»Liebes Kind.« Gitta seufzte. »Ich muss wirklich gehen. Die Siederstädt kann Unpünktlichkeit in ihrem Leistungskurs nicht leiden. Und wenn du dein kluges Köpfchen ein wenig anstrengst, kommst du schon darauf, was unser polnischer Freund verkauft. Ich gebe dir einen Tipp: keine Rosen.«

»Stoff«, sagte Anna und merkte, wie lächerlich das Wort aus ihrem Mund klang. »Bist du sicher?«

»Du meine Güte, die ganze Schule weiß das«, erwiderte Gitta, ein wenig ungeduldig jetzt. »Anna. Natürlich bin ich mir sicher.« Sie drehte sich in der Tür noch einmal um und zwinkerte. »In letzter Zeit ist er teurer geworden«, sagte sie. Dann winkte sie und verschwand durch die Glastüren nach drinnen.

Anna blieb allein draußen stehen und kam sich dumm vor. Sie wollte wieder an den alten Schlitten mit dem roten Band denken, aber stattdessen dachte sie das Wort »Seifenblase«. Ich lebe, dachte sie, in einer Seifenblase. Die ganze Schule weiß Dinge, die ich nicht weiß. Aber vielleicht will ich sie gar nicht wissen. Und ich werde doch ans Meer fahren, ganz allein, ohne Gitta. Und ich habe es satt, dass sie mich »liebes Kind« nennt, denn im Gegensatz zu ihr weiß ich, was ich will, im Gegensatz zu ihr weiß ich, dass ich nach dem Abi nach England gehe, ich weiß, was ich studieren werde. Und es ist viel kindischer, in schwarzen Klamotten herumzulaufen und sich einzubilden, man würde dadurch schlauer aussehen.

Und dann, nach der sechsten Stunde, nach einem absolut tödlichen Biokurs, fand sie die Puppe.

Später dachte sie oft darüber nach, was geschehen wäre, wenn sie sie nicht gefunden hätte. Nichts, wahrscheinlich. Alles wäre für immer so geblieben, wie es war, sie in ihrer Seifenblase, einer schönen und irgendwie auch eigensinnigen Seifenblase – aber kann denn irgendetwas so bleiben, wie es war, wenn man beinahe achtzehn ist? Natürlich nicht.

Die Kollegstufe besaß einen eigenen Raum, einen schäbigen Raum mit zwei ausrangierten Tischen, einer Menge zu kleinen Holzstühlen und einem alten Sofa sowie einer ständig kaputten Kaffeemaschine. Anna war die Erste, die in dieser Mittagspause ins Kollegstufenzimmer kam. Sie hatte in der Pause versprochen, auf Bertil zu warten, der irgendeinen Zettel von ihr kopieren wollte, irgendetwas wegen Deutsch. Bertil war der typische Zettelverlierer, er war ständig etwas zerstreut, und seine unkleidsam dicke Brille nützte ihm dabei nichts. Anna dachte, dass er vermutlich auch in einer Seifenblase lebte, aber seine war von innen beschlagen.

Sie hätte die Puppe nicht gefunden, wenn sie nicht auf Bertil gewartet hätte. Sie hätte die Puppe nicht gefunden, wenn sie ihre Sachen nicht ausgepackt hätte, um Bertils Zettel zu suchen, und wenn dabei ihr Bleistift nicht unter das Sofa gerollt wäre und wenn –

Anna bückte sich, um den Bleistift hervorzuholen.

Und da lag die Puppe.

Sie lag ganz hinten an der Wand, zwischen Staubflusen und Kaugummipapieren, ein wenig verloren. Anna versuchte, das Sofa von der Wand abzurücken. Es war zu schwer. Unter den durchgesessenen Polstern musste es aus Stein sein, ein Marmorsofa, oder ein Sofa voller schwarzer Weltraumlöcher mit unendlichem Gewicht. Sie legte sich davor auf den Bauch, streckte ihren Arm aus – bekam die Puppe zu fassen und zog sie hervor. Und einen Moment lang war sie allein mit der Puppe, ehe die anderen kamen.

Sie hielt sie im Staub vor dem Sofa auf dem Schoß und sah sie an, und es war, als erwiderte die Puppe ihren Blick. Sie war so groß wie Annas Hand, leicht, ganz aus Stoff. In das Gesicht zwischen den dunklen Zöpfen waren zwei blaue Augen gestickt, ein roter Mund, eine winzige Nase. Die Puppe trug ein geblümtes kurzes Kleid – blaue Blumen auf weißem Grund –, dessen unterer Saum ein wenig ausfranste, und eine Art Hose, die jemand, der nicht besonders gut nähen konnte, aus einem alten Stück Jeansstoff gemacht hatte. Die Blumen auf dem kurzen Kleid waren beinahe völlig verblichen, ein verschwundener Garten, nur noch zu erahnen. Die blauen Stickgarn-Augen waren abgewetzt, als hätten sie schon zu viel gesehen, sie blickten müde und ein wenig ängstlich. Anna entfernte die Staubflusen aus den Haaren der Puppe.

»Woher kommst du?«, flüsterte sie. »Was tust du hier? Welches Kind hat dich verloren?«

So saß sie auf dem Boden, als der erste Schwall der anderen hereinströmte, und sie hatte für einen Moment das seltsame Gefühl, die Puppe vor ihren Blicken schützen zu müssen. Natürlich war das Unsinn. Sie stand auf und hielt sie in die Höhe.

»Gehört die jemandem?«, fragte sie, so laut, dass die Puppe zusammenzuzucken schien. »Ich habe sie unter dem Sofa gefunden. Hat einer von euch sie da verloren?«

»Klar«, sagte Tom, »das ist meine Lieblingspuppe, Mensch, die suche ich schon seit Tagen!«

»Quatsch, das ist meine!«, rief Hennes. »Die nehm ich jeden Abend mit ins Bett! Ohne die kann ich gar nicht einschlafen.«

»So, so«, sagte Nicole, »na ja, andere Leuten machen es mit Hunden, warum also nicht mit Stoffpuppen …«

»Lass mal sehen, vielleicht ist es auch meine«, mischte sich Jörg ein und nahm Anna die Puppe aus der Hand. »Ach nein, meine hatte eine rosa Unterhose. Diese hier hat gar keine Unterhose … das ist ja sehr unziemlich.«

»Gib sie mir mal!«, rief irgendwer, und dann flog die Puppe durch die Luft, während Anna dastand und zusah, wie sie sie hin und her warfen. Wie sie über sie lachten. Und etwas in ihr zog sich krampfhaft zusammen. Sie ballte die Fäuste, aber sie sagte nichts. Es war, als wäre sie sechs Jahre alt, als wäre es ihre Puppe, und sie sah wieder die Angst in den abgewetzten, müden blauen Augen vor sich.

»Hört auf!«, rief sie schließlich. »Hört auf damit! Sie gehört irgendeinem Kind und ihr könnt nicht … wenn sie kaputtgeht … irgendwem gehört sie doch! Ihr benehmt euch wie in der ersten Klasse!«

»Das ist der Stress vor dem Abi, davon wird man unerhört kindisch«, sagte Tom entschuldigend. Aber er ließ die Puppe nicht los. »Fang sie doch«, sagte er und klang wirklich, als wäre er sechs Jahre alt. Anna fing die Puppe nicht, Bertil tat es, Bertil mit seinen zu dicken Brillengläsern. Er gab sie ihr schweigend zurück. Sie gab ihm schweigend das Blatt, das er kopieren wollte. Und die anderen vergaßen die Puppe.

»Die Putzfrau«, sagte Bertil, ehe er ging. »Vielleicht hat die Putzfrau ein Kind … könnte doch sein.«

»Könnte sein«, sagte Anna und lächelte ihn an. »Danke.«

Aber als er ging, dachte sie, dass sie nicht hätte lächeln sollen. Bertil hatte diesen flehenden Hundeblick hinter seinen Brillengläsern, wenn er sie ansah, und sie wusste genau, was er bedeutete.

Nachdem die anderen alle gegangen waren – zu ihren Nachmittagskursen, zur Bäckerei im Einkaufscenter, nach Hause –, nachdem das Kollegstufenzimmer wieder leer und still war, saß Anna noch immer auf dem Sofa, allein, die Puppe auf den Knien. Draußen war der Tag noch immer blau. Der Raureif an den Bäumen glitzerte silbern. Doch, sicherlich fror das Meer.

Sie ließ ihren Blick über die Reihe der Bäume gleiten, die vor der Siebzigerjahre-Fensterwand draußen standen, sah ihre Äste winken, schwer von Eiskristallen. Und dann blieb ihr Blick an einer Gestalt hängen, die auf der Heizung an der Fensterwand saß, und sie erschrak.

Sie hatte die Gestalt vorher nicht bemerkt.

Es war Tannatek, der polnische Kurzwarenhändler, und er sah sie an. Er musste mit den anderen gekommen sein und seitdem dort sitzen, sie hatte ihn nicht bemerkt. Anna schluckte.

Er trug immer noch die schwarze Wollmütze, auch drinnen, genau wie im Deutschkurs, in dem er wie immer kein Wort gesagt hatte. Unter dem offenen Militärparka sah man ein Böhse-Onkelz-Logo auf seinem schwarzen Pullover. Seine Augen waren blau.

Anna wusste nichts über ihn, nur dass er nach der Zehnten hergekommen war, ein Quereinsteiger von der Realschule. Im Moment fiel ihr nicht einmal sein Vorname ein. Sie war ganz allein mit ihm. Es war sehr still. Und auf einmal hatte sie Angst. Ihre Hände krallten sich um die Puppe.

Er räusperte sich. Und dann sagte er etwas, das Anna nicht erwartet hatte.

Er sagte: »Sei vorsichtig mit ihr.«

»Wie?«, fragte Anna, perplex.

»Du hältst sie zu fest. Sei vorsichtig mit ihr«, wiederholte Tannatek.

Anna sah auf ihre Hände, die noch immer in den Stoff gekrallt waren, begriff und ließ die Puppe los. Sie fiel auf den Fußboden. Tannatek schüttelte den Kopf. Dann stand er auf, kam auf Anna zu – sie saß ganz steif da, versteinert, gefroren – und bückte sich nach der Puppe. Er hob sie auf und trat einen Schritt zurück.

»Ich war es«, sagte er. »Ich habe sie verloren. Verstehst du?«

»Nein«, sagte Anna ehrlich.

Er schüttelte wieder den Kopf. »Natürlich nicht.«

Tannatek sah die Puppe einen Moment lang an, er hielt sie wie etwas Lebendiges. Dann setzte er sich wieder auf die Heizung, bückte sich nach seinem Rucksack, der dort stand, und legte sie hinein, oben auf die Bücher und Ordner. Dann setzte er sich wieder auf die Heizung, holte eine einzelne Zigarette aus der Tasche, erinnerte sich offenbar, dass er hier nicht rauchen durfte, zuckte die Achseln und steckte die Zigarette wieder ein.

»Tja«, sagte Anna, und ihre Stimme klang noch immer zu ängstlich. Sie stand vom Sofa auf. »Tja, wenn die Puppe wirklich dir gehört … dann ist ja alles in Ordnung. Dann kann ich ja jetzt gehen. Ich hab heute nichts mehr. Keine Kurse.«

Tannatek nickte. Doch Anna ging nicht. Sie stand mitten im Raum, als hielte etwas sie dort fest, und dieser Moment gehörte zu denen, die sie später nicht erklären konnte, sich selbst nicht und auch niemand anderem. Was geschah, geschah einfach.

Sie blieb so lange stehen, bis er etwas sagen musste, und er sagte: »Danke.«

»Danke wofür?«, fragte sie. Sie wollte eine Erklärung. Irgendeine.

»Danke, dass du sie gefunden hast«, sagte er und nickte zu seinem Rucksack hin, aus dem Anna eine Stoffhand der Puppe lugen sah.

»Ja, hm, oh, bitte«, sagte Anna. »Ich …«

Sie schüttelte den Kopf über sich selbst und versuchte, ein Lachen hervorzuholen, ein kleines, belangloses Lachen, mit dem man ein Gespräch rettet, das zu versiegen droht, ehe es begonnen hat.

»Du siehst aus, als wolltest du eine Bank überfallen«, sagte sie und, als er sie verständnislos ansah: »Mit der Mütze, meine ich.«

»Es ist kalt«, sagte er.

»Hier drin?«, fragte Anna und fand neben dem versiegten Lachen noch so etwas wie ein Lächeln, obwohl sie nicht wusste, ob es überzeugend aussah.

Er sah sie noch immer an. Und dann nahm er die schwarze Wollmütze ab, ganz langsam, wie ein Ritual. Sein Haar war blond und durcheinander. Anna hatte vergessen, dass es blond war. Er trug die Mütze seit einer Weile – einer Woche? Zwei? Von Zeit zu Zeit kam er mit einem Drei-Millimeter-Schnitt zur Schule, aber jetzt reichte sein Haar bis fast über die Ohren.

»Die Puppe, ich dachte … ich dachte, sie gehört einem kleinen Mädchen …«, begann Anna.

Er nickte. »Sie gehört einem kleinen Mädchen.« Und plötzlich war er es, der lächelte. »Was dachtest du? Dass sie mir gehört?«

In dem Moment, in dem er lächelte, fiel Anna sein Vorname ein. Abel. Abel Tannatek. Sie hatte ihn in irgendeiner Liste gesehen, im letzten Jahr.

»Wem gehört sie denn?«, fragte Anna, die Großinquisitorin Anna Leemann, dachte Anna, die zu viele Fragen stellte, hartnäckig, neugierig.

»Ich habe eine Schwester«, sagte Abel. »Sie ist sechs.«

»Und warum …« Warum trägst du ihre Puppe mit dir herum? Warum verlierst du sie unter dem Kollegstufensofa?, wollte die Großinquisitorin Anna Leemann fragen. Doch dann ließ sie es. Großinquisitoren sind nicht sehr sympathisch.

»Micha«, sagte Abel. »Sie heißt Micha. Sie wird sich freuen, dass die Puppe wieder da ist.«

Er sah auf die Uhr, stand auf und schulterte den Rucksack.

»Ich muss los.«

»Ja, ich … ich eigentlich auch«, sagte Anna rasch. Sie traten nebeneinander in den blauen, kalten Tag und Abel sagte: »Du hast doch nichts dagegen, wenn ich meine Mütze wieder aufsetze?«

An den Bäumen glänzte der Raureif jetzt so hell, dass man die Augen zusammenkneifen musste, und die Sonne spiegelte sich in den Pfützen auf dem Schulhof, gleißend, blendend.

Alles war heller geworden, beinahe gefährlich hell.

Bei den Fahrradständern hatte sich eine Horde von Fünft- oder Sechstklässlern versammelt. Anna sah zu, wie Abel sein Rad aufschloss. Sie hatte noch so viele Fragen, sie musste sie jetzt stellen, rasch, ehe dieses Gespräch zu Ende ging, ehe Abel Tannatek sich wieder in die anonyme, geduckte Gestalt mit den Ohrstöpseln verwandelte, in den polnischen Kurzwarenhändler, den die anderen mit einem Spitznamen versehen hatten wie mit einer Hülle, die sie davor schützte, den Inhalt berühren zu müssen.

»Warum hast du nichts gesagt, als sie die Puppe durch die Luft geworfen haben?«, fragte Anna. »Warum hast du gewartet, bis die anderen weg waren?«

Er schob sein Fahrrad rückwärts aus dem Gewirr der anderen Fahrräder heraus. Er war schon fast fort, schon fast nicht mehr dort, wo Anna sich befand, schon fast wieder in seiner eigenen Welt.

»Sie hätten es nicht verstanden«, sagte er. »Es geht auch niemanden etwas an.«

Inklusive mir, dachte Anna.

Abel holte den uralten Walkman aus der Tasche seines Militärparkas und entwirrte die Kabel.

Warte!, wollte Anna rufen.

»Hörst du tatsächlich die Onkelz?«, fragte sie und nickte zu seinem Pullover hin, dessen weiße Aufschrift man unter der nicht ganz geschlossenen Jacke sah.

Da lächelte er wieder. »Wie alt bin ich, zwölf?«

»Aber … der Pullover …«

»Geerbt«, sagte Abel knapp. »Er ist warm. Das ist die Hauptsache.«

Er gab ihr einen Ohrstöpsel. »White noise«, sagte er.

Anna hörte nichts als knisterndes, lautes Rauschen. White noise, das, was ein Radio ausspuckt, das keinen Empfang hat. »Es hilft, die anderen fernzuhalten«, sagte Abel, nahm ihr den Ohrstöpsel weg und stieg auf sein Rad. »Wenn man denken möchte.«

Und dann fuhr er weg und Anna stand da und alles war anders als zuvor.

White noise.

Sie fragte Gitta nicht nach dem alten Schlitten mit dem roten Band. Sie fuhr allein zum Meer, später, als es schon dämmerte. In der Dämmerung am Meer war es am leichtesten, sich über die eigenen Gedanken klar zu werden, sie vor sich im Sand auszubreiten und sie zu ordnen. Es war gar kein richtiges Meer. Nur der Bodden, seichtes Flachwasser. Wenn es wirklich zufror, konnte man hinüberlaufen zur Insel Rügen.

Anna stand lange am verlassenen Strand von Eldena und sah aufs Wasser hinaus, das eine Eishaut bekam. Es war jetzt glatt, poliert, es glänzte wie die Dielen zu Hause, gebohnert und abgeschliffen von der Zeit.

Das Haus war alt, seine hohen Räume atmeten Vergangenheit. Es stand in der Fleischervorstadt, zwischen anderen alten Häusern, verfallen und grau zu sozialistischen Zeiten, renoviert und herausgeputzt nach der Wende. Seltsam, an diesem Tag hatte sie das Haus auf ganz andere Weise gesehen. Als ginge sie nicht alleine durch die hohen Räume, sondern mit Abel Tannatek an ihrer Seite.

Sie sah die hohen Bücherregale mit seinen Augen, die Sessel, die dicken, sichtbaren Balken in der Küche, die Bilder an den Wänden, modern, schwarz-weiß, unerkennbar, den Kamin im Wohnzimmer, den Strauß von Winterzweigen auf dem großen Esstisch. Alles war schön, schön wie auf einem Bild, unberührbar und unwirklich schön.

Sie ging mit Abel an ihrer Seite die breite hölzerne Innentreppe hinauf in ihr Zimmer, wo der Notenständer am Fenster stand. Sie versuchte, Abel Tannatek aus ihrem Kopf zu schütteln, die schwarze Mütze, den alten Militärparka, den geerbten Pullover, die verblichene Puppe. Sie wog die Querflöte in der Hand. Auch die Querflöte war schön.

»Ich werde Musik studieren«, sagte Anna laut in den Raum. »Vielleicht. Auch das ist zu schön … zu …«

Aber sie wusste nicht, zu was. Und die silbernen Töne der Querflöte klangen verkehrt an diesem Tag. Sie ertappte sich dabei, wie sie versuchte, der Flöte etwas ganz anderes zu entlocken, etwas Unmelodisches und Disharmonierendes, etwas gewaltsam Kratzendes und Widerspenstiges: white noise.

Die Querflöte schien sich in ihren Händen zu winden, sie begriff nicht, was man von ihr wollte. Vor dem Fenster hatte der Nachmittag sich dunkelblau auf den Garten gelegt, jenen Hinterhofgarten, in dem sie so viele Sommer lang mit Gitta gesessen und gelacht hatte. Als sie jetzt das Fenster öffnete, hörte sie die Spatzen in den vertrockneten Ranken des Geißblatts, das neben ihrem Fenster die Wand überzog. Im Sommer würde es wieder blühen und es würde die Luft mit seinem Duft schwer und melancholisch machen … im Sommer, in einer Million Jahren.

An diesem Tag blühte eine einzige Rose am Rosenstrauch. Sie war so einzeln, dass sie unerträglich kitschig wirkte, und Anna hatte dem Versuch widerstehen müssen, sie abzuschneiden. Heute hatte sie keinen Sinn für Rosen.

Die Luft über dem Wasser war jetzt dunkelblau. Irgendwo hing ein Fischerboot zwischen Wasser und Himmel. Anna zerstörte die dünne Eisschicht mit der Spitze ihres Stiefels und hörte das leise Knacken und das Wasser darunter.

»Er wohnt mit hundertprozentiger Sicherheit nicht in so einem Haus«, sagte sie leise. »Ich weiß nicht, wie so jemand wohnt. Anders.«

Und dann trat sie mit dem Fuß ganz ins Wasser, bis das Wasser durch den Stiefel drang und die Kälte sie erreichte.

»Ich weiß überhaupt nichts!«, schrie sie dem Meer zu. »Überhaupt nichts!«

Worüber denn?, fragte das Meer.

»Über die Dinge außerhalb der Seifenblase!«, rief Anna. »Ich will … ich will …« Sie hob die Hände, wollene, gemusterte Handschuhhände, hilflos, und ließ sie wieder sinken.

Da lachte das Meer, aber es hatte kein freundliches Lachen. Es machte sich lustig. Bilde dir bloß nicht ein, du könntest so einen kennenlernen wie Tannatek, sagte das Meer. Und denk mal an den Drei-Millimeter-Haarschnitt. Bist du sicher, dass du dich da nicht mit einem Rechten anlegst? Nicht jeder, der eine kleine Schwester hat, ist ein guter Mensch. Was ist überhaupt ein guter Mensch? Und hat er überhaupt eine kleine Schwester? Vielleicht …

»Sei doch still«, sagte Anna zum Meer und drehte sich um, um über den kalten Sand zurückzugehen.

Hinter dem Strand zur Linken erhob sich der Wald, schwer und schwarz. Im Frühling würden die Buschwindröschen zwischen den hohen Buchen blühen, aber bis dahin war es noch eine Weile hin.

2

Abel

»Bilde dir bloß nicht ein, du könntest so einen kennenlernen wie Tannatek«, sagte Gitta. »Denk mal an den Drei-Millimeter-Haarschnitt …« Sie schlug ihre Füße unter und wippte ein wenig auf der Ledercouch auf und ab. Anna dachte daran, wie sie als Kinder genau diese Couch als Trampolin benutzt hatten. Die Couch stand vor einer Glaswand und dahinter lag irgendwo der Strand. Man sah den Strand nicht, das halbe Neubaugebiet lag dazwischen. Das Haus mit der Glaswand im Wohnzimmer war ein Teil des Neubaugebietes, ein Klotz von einem Haus, völlig quadratisch, irgendwie modern, aber auf eine misslungene Art.

Der Garten war zu ordentlich. Gitta hatte erklärt, sie wäre sich fast sicher, dass ihre Mutter in unbeobachteten Momenten die Blätter der Buchsbaumhecke steril abwusch.

Gitta kam nicht besonders mit ihrer Mutter aus. Sie war Chirurgin an der Klinik, so wie früher Annas Vater, aber er war auch nicht besonders mit ihr ausgekommen und in eine weniger ordentliche Praxis geflohen.

»Anna?«, sagte Gitta. »Worüber denkst du nach?«

»Ich dachte … ich dachte über unsere Eltern nach«, sagte Anna. »Und dass sie alle Ärzte sind oder sonst was.«

»Sonst was«, sagte Gitta, stieß die Luft verächtlich durch die Nase aus und drückte ihre drinnen verbotene Zigarette auf einer Untertasse aus. Sie rauchte sie vermutlich nur, weil sie verboten war. »Ganz genau. Was hat das mit Tannatek zu tun?«

»Nichts«, sagte Anna und seufzte. »Alles. Ich habe mich gefragt, was seine Eltern sind. Woher er kommt. Wo er wohnt.«

»Ostseeviertel«, sagte Gitta. »Ich seh ihn da immer langfahren. Plattenbau, da beim Aldi.«

Sie rutschte auf dem Sofa ganz nach vorne und sah Anna scharf an. Ihre Augen waren blau. Wie die von Abel, dachte Anna, aber anders. Wie viele Arten von Blau gab es auf der Welt? Theoretisch unendlich viele … »Warum willst du all diese Dinge wissen?«, fragte Gitta mit einem gewissen lauernden Unterton.

»Nur … so«, sagte Anna.

»Ach, nur so«, meinte Gitta. »Ich werd dir was sagen, mein Kind. Du hast dich verknallt. Werd nicht gleich rot, das passiert jedem. Aber du hast dir den Falschen ausgesucht. Mach dich nicht unglücklich. Mit einem wie Tannatek kannst du höchstens eine Fickbeziehung führen und da fängst du dir wahrscheinlich noch was ein. Das ist nichts für dich.«

»Jetzt halt mal die Luft an!«, sagte Anna und merkte, dass sie fauchte. »Wir reden hier überhaupt nicht über Beziehungen und übers … über … darüber schon gar nicht. Meine Welt ist vielleicht nicht ganz so beschränkt wie deine, und ich denke ab und zu über was anderes nach als darüber, wie ich den nächsten Kerl ins Bett kriege.«

»Den nächsten?«, fragte Gitta und grinste. »Wer war der erste? Hab ich was verpasst?«

»Mit dir kann man nicht reden«, knurrte Anna und stand auf. Doch Gitta zog sie wieder hinunter auf den modernen, eckigen Ledersessel, einen Sessel, den man hervorragend steril abwaschen konnte – und das, dachte Anna böse, war bei Gittas momentanem Lebenswandel sicherlich von Nutzen.

»Hey, Anna«, sagte Gitta. »Nun reg dich nicht gleich so auf. War nicht böse gemeint, okay? Ich will nur nicht, dass du dich unglücklich machst. Ich mag dich, weißt du? Könntest du dich nicht in jemand anderen verlieben?«

»Ich bin in überhaupt niemanden verliebt«, sagte Anna. »Du kannst also gleich wieder damit aufhören, es mir einreden zu wollen.«

Sie sah durch die Glasscheibe hinaus auf das Neubaugebiet. Wenn sie ihre Augen ganz fest zukniff, konnte sie die Häuser vielleicht unsichtbar werden lassen und das Wasser dahinter erkennen. Es war eine Frage des Willens. Und wenn sie sich sehr, sehr anstrengte, konnte sie vielleicht etwas über Abel Tannatek herausfinden. Ohne Gitta. Warum hatte sie den Mund nicht halten können? Warum hatte sie Gitta erzählen müssen, dass sie mit Abel gesprochen hatte? Weil es drei Tage her war, seit sie mit Abel gesprochen hatte, dachte sie, deshalb. Weil er seitdem nicht wieder mit ihr gesprochen hatte. Kein Wort. Weil es war, als hätte er überhaupt nie mit ihr gesprochen. Die Seifenblase hatte sich wieder um Anna geschlossen und die kalte Hülle aus Schweigen hatte sich um Abel geschlossen. In der Seifenblase jedoch war etwas zurückgeblieben. Ein glimmender Funke. Neugier.

»Jetzt hör mal zu, mein Kind«, sagte Gitta und zündete eine neue Zigarette an. Bestand ihr Leben völlig aus Zigaretten? Sie machte Anna ganz wahnsinnig mit dem Angezünde und Ausgedrücke und Herumgekrame. »Hör mal gut zu. Ich weiß schon, du bist ein Ende schlauer als ich, ein gutes Ende, bessere Noten und alles, und die Musik … du denkst über Dinge nach, über die Leute wie ich nicht nachdenken. Das weiß ich alles. Aber in dieser einen, einzigen Sache solltest du wirklich auf mich hören. Vergiss Tannatek. Denk mal an die Puppe. Warum rennt er mit einer Kinderpuppe herum? Kleine Schwester? Na, ich weiß nicht. Kann schon sein, er hat eine kleine Schwester, aber ich hätte die Puppe mal gründlich untersucht. Was hat er gesagt? Du sollst sie vorsichtig anfassen? Siehst du keine Krimis? Liest du nicht wenigstens welche? Du liest doch Bücher! Ich meine, ich weiß nicht, woher er seinen Stoff bezieht, aber er hat mal so eine Bemerkung fallen lassen, und ich denke, er hat gute Kontakte nach Polen rüber. In irgendwas muss man doch das Zeug auch transportieren?«

»Du meinst, in der Puppe …«

Gitta zuckte die Schultern. »Ich meine gar nichts. Ich denke nur laut. Meine Güte, wir sind ja alle froh, dass es ihn gibt, unseren polnischen Kurzwarenhändler. Er ist immer noch der Billigste, und es ist so einfach … guck mich nicht so an, ich bin kein Junkie. Nicht jeder, der mal ein Bier trinkt, ist Alkoholiker, oder? Jedenfalls würde ich nicht alles glauben, was unser Kurzwarenhändler so von sich gibt. Der rettet auch nur seine Haut. Tun wir doch alle, so oder so.«

»Wie meinst du das?«

Gitta lachte. »Keine Ahnung. Klang direkt philosophisch, was? Also, die Sache mit der Puppe und der Schwester … sehr anrührend, wirklich. Und das weiße Rauschen … vielleicht spinnt er ein bisschen, der Pole. Vielleicht hat er dich aber auch auf den Arm genommen. Sich was ausgedacht, um dich zu beeindrucken. Du bist gut in der Schule. Er ist mit dir in Deutsch. Du könntest ihm helfen. Aus irgendeinem Grund scheint er es sich in den Kopf gesetzt zu haben, das Abi zu machen. Vielleicht macht er sich interessant.«

»Natürlich«, sagte Anna. »Er macht sich interessant. Indem er nicht mit mir redet. Glückwunsch zu deiner Logik, Gitta.«

»Aber es ergibt Sinn!«, rief Gitta. »Er lässt dich eine Weile in deiner Verlie… in deiner Neugier verschmoren, und dann …«

»Hör auf, mit der Zigarette herumzufuchteln«, sagte Anna nüchtern und stand auf, diesmal endgültig; diesmal, um zu gehen. »Du wirst noch die Wohnzimmergarnitur deiner Eltern anzünden.«

»Liebend gern«, sagte Gitta. »Sie brennt leider schlecht.«

Sie musste es versuchen. Sie würde es versuchen. Wenn Abel nur mit den Leuten sprach, denen er da draußen auf dem Hof seinen Stoff verkaufte, würde sie ihm eben Stoff abkaufen. Der Gedanke war waghalsig und neu, und sie brauchte zwei weitere Tage, um den Mut zu sammeln. Zwei Tage, in denen sie Abel im Deutschkurs dabei beobachtete, wie er schwieg. Er saß auch mit ihr in Bio und in Mathe und schwieg. Bisweilen schien er zu träumen. Und in den ersten Stunden schlief er manchmal ein. Sie fragte sich, was er nachts tat. Sie fragte sich, ob sie es wissen wollte.

Es war ein Freitag, an dem sie sich endlich einen Ruck gab. Tannatek lehnte bei den Fahrradständern wie immer, ganz am Ende, wo nur noch wenige Räder standen. Er hatte die Hände tief in den Taschen vergraben, die Stöpsel des Walkmans in den Ohren und den Reißverschluss des Militärparkas ganz bis oben zugezogen. Alles an ihm fror, seine ganze Gestalt war eine Statue der Februarkälte. Er rauchte nicht, stand nur da und sah ins Nichts.

Der Schulhof war beinahe leer. An einem Freitagmittag hatten die meisten es eilig, nach Hause zu kommen. Zwei Typen aus der Elf überquerten den Hof vor Anna und sprachen mit Tannatek, und sie blieb stehen – stand dumm mitten auf dem Hof und wartete und spürte, wie der Mut sie verließ. Sie glaubte zu sehen, wie er einem der Jungen etwas gab, aber sie war sich nicht sicher, es waren zu viele Jackenärmel und Rucksackschnallen im Weg. Sie hoffte, dass er sie nur leer ansehen würde, wenn sie ihn fragte. Sie hoffte, er würde sagen: »Ich soll was verkaufen? Wer sagt das? Unsinn!«, und Gitta hätte nur eine ihrer Geschichten erzählt.

Die Jungen verschwanden, Tannatek drehte sich um und sah ihnen nach, und irgendwie trugen Annas Füße sie über den Hof, und plötzlich stand sie hinter ihm.

»Abel«, sagte sie.

Er zuckte zusammen, fuhr herum und sah sie mit einem Blick an, der im ersten Moment nichts ausdrückte als Erstaunen. Niemand hier sprach ihn mit Vornamen an. Das Erstaunen zog sich zurück hinter das Augenblau, er verschmälerte das Blau misstrauisch und musterte sie, abwartend, fragend: Was willst du? Er war einen guten Kopf größer als sie, und seine breiten Schultern gaben ihm etwas Bulliges, wie er so dastand, die Wirbelsäule unter der Kälte gekrümmt, die Hände wieder in den Taschen. Anna dachte an die Kampfhunde, von denen es bei den Plattenbauten draußen zu viele gab. Manche von ihnen hatten deutsche Runen in die Halsbänder geprägt … Sie hatte plötzlich wieder Angst vor Tannatek, und der Name »Abel« verschwand aus ihrem Kopf, machte sich klein und verkroch sich in einer Ritze. Lächerlich. Gitta hatte recht gehabt. Anna hatte sich einen anderen Tannatek zusammengeträumt, von ferne.

»Anna?«

»Ja«, sagte sie. »Ich … ich wollte … ich wollte fragen … dich fragen …« Jetzt musste sie die Sache durchziehen. Aber alle Worte waren in ihrem Kopf zerdrückt worden, von einer bedrohlichen, breitschultrigen Gestalt. Sie holte tief Luft. »Bei Gitta läuft eine Party«, sagte sie, was gelogen war, »und wir brauchen was zum Feiern. Was genau hast du?«

»Wann?«, fragte er. »Wann brauchst du etwas?«

Also funktionierte es so nicht. Natürlich nicht, dummes Kind, dachte Anna, er schleppte nicht kiloweise Stoff mit sich herum, es war eine Sache von Bestellung und Lieferung. Er las ihre Gedanken. »Eigentlich …«, sagte er, »warte. Vielleicht habe ich sogar etwas da.«

Er sah sich um, griff in die Tasche des Militärparkas und holte ein kleines Plastiktütchen heraus. Sie beugte sich vor und erwartete irgendeine Sorte von Pulver, sie kannte sich nicht aus mit solchen Dingen, sie hatte gegoogelt, aber Google Drugs gab es noch nicht, ein Manko, das sicher bald behoben werden würde … er griff mit Daumen und Zeigefinger in die milchig durchsichtige Tüte und zog einen Blisterstreifen hervor. Anna sah, dass noch mehrere Blisterstreifen in der Tüte waren, Blisterstreifen voller Tabletten. Die in dem Streifen, den er jetzt in der Hand hielt, waren rund und weiß.

»Du hast doch gesagt, zum Feiern?«, fragte er leise.

Anna nickte. Tannatek nickte ebenfalls. »Zwanzig«, sagte er.

Sie beförderte einen Zwanziger aus ihrem Portemonnaie und beeilte sich, den Blisterstreifen einzustecken. Es waren zehn Tabletten. Der Preis erschien ihr nicht besonders hoch.

»Du kennst dich aus mit dem Zeug?«, fragte Tannatek, und es war genau zu hören, was er dachte.

»Ich nicht«, antwortete Anna. »Aber Gitta.«

Er nickte wieder, steckte das Geld weg und fischte nach den Stöpseln des Walkmans.

»White noise?«, fragte Anna, aber eigentlich wollte sie schon gar kein Gespräch mehr anfangen, sie fragte es nur, um es gefragt zu haben, ihr Herz raste, sie wollte weg, weg von dem zu kalten Schulhof, weg von Tannatek, dem Kampfhund, weg von den Tabletten in seiner Jackentasche, weg, weg, weg. Sie sehnte sich auf einmal nach dem kühlen Silber der Querflöte in ihren Händen. Nach einer Melodie. Keinem weißen Rauschen, einer wirklichen Melodie.

Sie erwartete nicht, dass Tannatek ihr wieder einen der hoffnungslos alten Ohrstöpsel geben würde. Doch genau das tat er. Sie hielt ihn an ihr Ohr, weil es von ihr erwartet wurde, nicht, weil sie es wollte. Das ganze Projekt Ich-habe-Verständnis-für-den-polnischen-Kurzwarenhändler-und-werde-ein-besserer-Mensch war ihr auf einmal zuwider.

Aus dem Ohrstöpsel drang kein weißes Rauschen. Sondern eine Melodie. Als hätte jemand Annas Wunsch gehört. »Es ist nicht immer white noise«, sagte Tannatek.

Die Melodie war so alt wie der Walkman, nein, älter. Suzanne. Anna kannte den Text, seit sie klein war.

Sie gab den Stöpsel zurück, perplex.

»Cohen? Du hörst Cohen? Den hört meine Mutter.«

»Ja«, sagte er, »das hat meine Mutter auch getan. Ich weiß nicht mal, wie sie darangekommen ist. Sie kann kein Wort verstanden haben. Sie konnte kein Englisch. Und sie war zu jung für diese Sorte von Musik.« Er zuckte die Schultern.

»War?«, fragte Anna. Es war noch kälter geworden, gerade eben, fünf Grad kälter. »Ist sie …?«

»Tot?«, fragte Abel hart. »Nein. Nur weg. Seit zwei Wochen. Aber es macht keinen Unterschied. Ich denke nicht, dass sie wiederkommt. Micha … Micha denkt, sie kommt wieder. Meine Schwester, sie …«

Er stockte, hob den Blick und sah Anna an. »Bin ich völlig übergeschnappt? Warum erzähle ich dir das?«

»Vielleicht, weil ich frage?«

»Es ist zu kalt«, sagte er und schlug den Kragen des Parkas hoch. Sie blieb stehen, während er sein Rad aufschloss. Es war beinahe genau wie bei ihrem ersten Gespräch – Worte in der eisigen Luft zwischen Fahrradständern, gestohlene Worte, irgendwie heimatlos, zwischen Tür und Angel. Man konnte später behaupten, man hätte gar nichts gesagt.

»Fragt denn sonst niemand?«, sagte Anna. Er schüttelte den Kopf, befreite das Rad.

»Wer denn? Es gibt niemanden.«

»Es gibt eine Menge Leute«, sagte Anna. »Überall.«

Sie machte eine weit ausladende Geste, die den vereisten Schulhof einschloss, die Schule, die Bäume, das Firmament. Doch es war niemand da. Abel hatte recht: Es gab niemanden. Es gab nur sie beide, Anna und ihn, nur sie unter dem endlos hohen Eishimmel.

Er hatte das Rad befreit. Zog sich die schwarze Mütze noch tiefer über die Ohren. Nickte, ein Abschiedsnicken vielleicht, oder nur ein Nicken für sich selbst, eine Bestätigung der Tatsache, dass es niemanden gab. Dann fuhr er los.

Lächerlich, jemanden an einem Freitagmittag mit dem Fahrrad durch die Außenbezirke von Greifswald zu verfolgen. Auch nicht sehr unauffällig. Doch Abel drehte sich nicht um. Der Februarwind war zu kalt, um sich umzudrehen, wenn man Fahrrad fuhr. Sie fuhr hinter ihm die Wolgaster Straße entlang, jene lange, gerade Verkehrsader, die in die Stadt hinein- oder aus der Stadt herausführte, die die Innenstadt mit Gittas abwaschbarem Neubaugebiet verband, mit dem Strand, mit dem Winterwald voll hoher, blattloser Buchen. Mit den Feldern dahinter, mit der Welt. Auf ihrem Weg führte die Wolgaster Straße zwischen den Plattenbauten von Schönwalde und dem Ostseeviertel hindurch, Namen, über die Anna jetzt plötzlich lachen musste. Das Lachen schmeckte bitter.

Abel folgte der Straße nur ein Stück weit, ließ den ewig zähen Strom der Autos dann hinter sich und bog beim Parkplatz des Netto-Ladens ab. Nur wenige Autos standen auf dem Parkplatz, zwei Frauen mit struppigen kurzen Haaren und orangefarbenen Warnjacken lehnten an einer Mülltonne und rauchten, neben sich einen Eimer mit Kies, um die Straße zu streuen. ABMler. Ihre Hände waren rot gefroren. Die Luft roch nach Schnee. Vor dem Eingang des Getränkemarkts schrie ein Betrunkener seinen Hund an. Abel fuhr am Netto vorbei und durch ein Tor in einem grünen Drahtzaun, gesäumt von toten Winterbüschen. Hinter dem Tor stieg er vom Rad. Dort gab es einen Hof mit einem hell gestrichenen Gebäudeklotz und einer Spielplatzburg aus rot-blau-buntem Plastik. Steril abwaschbar. Auf dem Schild »Unbefugten ist der Zutritt verboten«, das am Tor hing, wucherte ein aufgespraytes schwarzes Hakenkreuz, das jemand anders später durchgestrichen hatte. Man sah es trotzdem.

Eine Schule. Es war eine Schule, eine Grundschule offenbar. Verlassen, jetzt nach dem Mittagsklingeln, verlassen und verwaist. Anna schob ihr Rad in die struppigen Büsche am Tor, stellte sich daneben und versuchte, unsichtbar zu sein. Zuerst dachte sie, vielleicht gehörte diese Schule zu Abels Klientel: Klingeling – der polnische Kurzwarenhändler ist da! Vielleicht gab es auch ältere Schüler hier. Ein halb gestohlenes Fahrrad hing, sinnlos festgekettet, an einer Laterne, nur noch ein Skelett aus Rahmen und Lenker. Eine der Mülltonnen auf dem Hof war umgefallen oder umgeworfen worden und der Februarwind fegte eine Handvoll Abfall über den Hof. Der Rahmen der doppelflügeligen Tür war aus rotem Plastik, ans Glas hatte jemand eine Schneeflocke aus Papier geklebt. Es war ein Versuch, die Dinge freundlicher zu gestalten. Aber der Versuch war zu bemüht. Die ganze angestrengte Fröhlichkeit der Schule brannte in Annas Augen. Sie machte den Februarwind nur noch kälter, machte das Brüllen des Betrunkenen vom Netto-Parkplatz hinter dem Zaun noch lauter.

Auf der Betonstufe vor der Tür saß ein kleines Mädchen in einer schmutzig-pinkfarbenen Daunenjacke, die Arme um die Knie geschlungen, frierend. Anna beobachtete, wie Abel über den leeren Schulhof ging, und fragte sich, ob es ein Maximum an Trostlosigkeit gab. Oder ob sie einfach immer weiterwuchs, ins Unendliche, Trostlosigkeit in allen Facetten, wie die Farbe Blau, über die sie nachgedacht hatte.

Und dann geschah etwas Unerwartetes. Die Trostlosigkeit zerbrach.

Abel begann zu rennen. Jemand rannte ihm entgegen: das Mädchen in der zerschlissenen rosa Jacke. Sie flogen aufeinander zu, die kleine Gestalt und die große Gestalt, die Arme ausgebreitet – ihre Füße schienen den Boden nicht mehr zu berühren –, und jetzt trafen sie sich in der Mitte. Die große Gestalt hob die Kleine auf, wirbelte sie in der Luft herum, einmal, zweimal, dreimal, in einem Strudel aus hellem Kindergekicher.

»Es ist wahr«, flüsterte Anna hinter ihrem Busch. »Gitta, es stimmt. Er hat eine Schwester. Micha.«

Abel hatte das rosa Kind abgesetzt, und Anna duckte sich, denn jetzt drehte er sich um und ging zurück zu seinem Rad. Er sah sie nicht. Er sah sich nicht um. Er sprach mit Micha. Er lachte. Er hob sie hoch und setzte sie auf den Gepäckträger seines Rades, sagte noch etwas zu ihr und stieg auf. Anna verstand keines seiner Worte, doch seine Stimme klang anders als in der Schule. Jemand hatte ein Licht zwischen den Sätzen angezündet. Vielleicht, dachte Anna, sprach er eine andere Sprache. Polnisch. Wenn Polnisch so leuchtete, würde sie es lernen. Mach dir nichts vor, Anna, sagte Gitta in ihrem Kopf. Du würdest wahrscheinlich auch Hinterostmandschurisch lernen, um mit Tannatek zu sprechen. Und Anna antwortete mit einem gewissen Ärger: Er heißt Abel. Aber dann fiel ihr ein, dass Gitta überhaupt nicht da war und dass sie sich besser noch tiefer ins Februargebüsch duckte, wenn sie nicht wollte, dass Abel und Micha sie sahen. Sie sahen sie nicht. Abel fuhr vorbei, ohne nach rechts und links zu gucken, und Anna hörte ihn sagen:

»Sie haben Königsberger Klopse heute, es stand auf dem Plan.«

»Klopse«, wiederholte die helle Kinderstimme hinter ihm. »Klopse mag ich. Wir könnten auch nach Königsberg verreisen, irgendwann, oder?«

»Irgendwann«, antwortete Abel. »Aber jetzt verreisen wir zuerst zur Mensa und …«

Und dann waren sie zu weit weg und Anna konnte nichts mehr verstehen. Aber sie verstand, dass es keine andere Sprache war, die das Licht zwischen Abels Sätzen angezündet hatte, weder Polnisch noch Hinterostmandschurisch, es war ein Kind in einer rosa Daunenjacke, ein Kind mit einem türkisen Schulranzen und zwei blonden, strähnigen Zöpfen, ein Kind, das sich im kalten Wind mit handschuhlosen, rot gefrorenen Händen an seinen Rücken klammerte.

Zur Mensa. Wir verreisen zur Mensa.

Die Uni-Mensa befand sich in der Stadt, am Beginn der Einkaufsstraße, Anna war schon mit Gitta da gewesen. Es gab eine Cafete dort, mit billigem Kuchen, und Gitta war ab und zu in irgendeinen Studenten verliebt. Anna folgte Abel nicht. Sie fuhr über die Straße und zum Ryck hinunter, dessen schmales Flussbett parallel zur Wolgaster Straße verlief. Am Ryck entlangzufahren war ein Umweg, aber sie wollte nicht, dass Abel sie doch noch sah. Sie beeilte sich. Der Kies hatte sich zu bösen kleinen Eisklumpen zusammengeschlossen, die dünnen Fahrradreifen schlingerten auf den Pfützen, der Wind blies aus Richtung Stadt, ihre Nase war beinahe erfroren – und tief in ihr sang es. Nie war der Himmel so hell gewesen, die Zweige der Bäume am Fluss so golden. Nie hatte das werdende Eis auf dem Ryck so geglänzt. Sie wusste nicht, ob das nur der Ehrgeiz in ihr war, etwas herauszufinden, was niemand wusste. Das Glück, es beinahe herausgefunden zu haben.

Vor der Mensa herrschte ein Durcheinander an Menschen und Rädern, Gesprächen und Rufen, Wochenendplänen und Verabredungen. Einen Moment lang hatte Anna Angst, Abel in diesem Durcheinander nicht wiederzufinden. Doch dann sah sie einen rosa Fleck im Gewühl, der durch die gläserne Drehtür schlüpfte, und kurze Zeit später befand sie sich auf dem Weg die breite Treppe hinauf zur Essensausgabe. Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen, holte ihr Halstuch aus dem Rucksack, band es sich um den Kopf und kam sich völlig lächerlich vor. Was bin ich denn? Ein Stalker? Sie nahm sich oben ein orangefarbenes rechteckiges Plastiktablett vom Stapel und reihte sich in die Schlange der Studenten ein. Es war ein seltsamer Gedanke, dass sie bald zu ihnen gehören würde. Nach der Au-pair-Zeit in England. Nicht dass sie zum Studieren hierher zurückkommen würde, die Welt war zu groß, um in der eigenen Stadt zu bleiben, sie wartete auf Anna, eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Abel und Micha standen bereits an der Kasse. Anna drängelte sich nach vorn, häufte irgendetwas Undefinierbares auf ihren Teller, das vielleicht aus Kartoffeln bestand, mit der gleichen Wahrscheinlichkeit aber aus überfahrenem Hund, und beeilte sich, ebenfalls zur Kasse zu kommen.

Sie sah, wie Abel eine Plastikkarte zurück in sein Portemonnaie steckte, weiß mit hellblauem Aufdruck. Alle Studenten hatten solche Plastikkarten.

»Entschuldigung«, fragte sie das Mädchen hinter ihr, »brauche ich so eine Karte?«

»Du kannst auch so bezahlen«, sagte das Mädchen. »Bist du neu? Die Karten gibt’s unten in der Cafete, du brauchst nur deinen Studentenausweis vorzuzeigen. Fünf Euro Pfand und du kannst dann am Automaten Geld draufladen und …«

»Moment«, sagte Anna. »Was ist, wenn ich keinen Ausweis habe?«

Das Mädchen zuckte die Achseln. »Oh, da sind sie streng. Dann musst du den vollen Preis fürs Essen bezahlen. Finde besser deinen Ausweis wieder.«

Anna nickte. Sie fragte sich, wo Abel seinen Ausweis gefunden hatte.

Auch der volle Preis für den überfahrenen Hund war nicht besonders hoch. Und dann stand Anna mit ihrem Tablett verloren hinter der Kasse und sah sich nach der rosa Daunenjacke um.

Sie war nicht die Einzige, die den Hals reckte und umherspähte, eine Menge Leute schien hier damit beschäftigt zu sein, eine Menge anderer Leute zu suchen. Nirgendwo war ein rosa Fleck zu sehen, nirgendwo ein Kind mit dünnen blonden Zöpfen. Plötzlich ergriff eine unsinnige Panik Anna. Sie hatte sie verloren, sie würde sie nie wiederfinden, sie würde nie wieder mit Abel Tannatek reden, weil es dumm war, Stoff bei ihm zu kaufen, den sie später wegwarf, sie würde nach England gehen und nie herausfinden, warum er so war, wie er war, und wer dieser andere Abel war, der ein Kind in der Luft herumschleuderte, sie würde …

»Im kleinen Saal ist bestimmt noch Platz«, sagte jemand neben ihr zu jemand anderem, und zwei Tabletts schoben sich an ihr vorbei, zur Tür hinaus. Anna folgte ihnen. Und dann sah sie, dass es noch einen Speisesaal gab, man musste durch den Flur gehen, wo rechts eine zweite Treppe hinunterführte. Und links, im zweiten Speisesaal, den eine große Glaswand vom Flur trennte, leuchtete ein rosa Fleck. Der Boden war nass von Winterstiefelspuren. Anna balancierte ihr Tablett vorsichtig durch das Gewühl – nicht dass sie Angst um den überfahrenen Hund hatte, der war ohnehin nicht mehr zu retten –, aber es wäre sicher auffällig, mitsamt dem Tablett mitten zwischen den Tischen auszurutschen und der Länge nach hinzufallen. Die rosa Jacke hing ganz hinten über einem Stuhl, und dort, in der Ecke, saßen Abel und Micha. Anna hatte Glück, Abel wandte ihr den Rücken zu. Sie setzte sich an den Tisch neben ihnen, ihrerseits mit dem Rücken zu Abel.

»Was ist das denn?«, fragte ein Student neben ihr und sah sich den Auflauf auf ihrem Teller an.

»Toter Hund«, antwortete Anna, und da lachte er und wollte ein Gespräch mit ihr anfangen, woher sie wäre, aus dem Ausland? Wegen des Kopftuchs, und er wäre im ersten Semester und ob sie auch in der Fleischmannstraße wohnte …

»Du hast aber gesagt, du erzählst heute«, sagte eine Kinderstimme hinter ihr. »Hast du gesagt. Du hast überhaupt nichts erzählt, seit … seit hundert Jahren. Seit Mama verreist ist.«

»Ich musste nachdenken«, sagte Abel.

»Träumst du?«, fragte der Student. Anna sah ihn an. Es war ein hübscher Student, Gitta hätte er gefallen. Aber Anna wollte nicht mit ihm reden. Nicht jetzt. Sie wollte nicht, dass Abel ihre Stimme hörte. »Ich … ich bin ein bisschen krank«, flüsterte sie. »Ich … kann nicht so viel reden. Mein Hals, weißt du. Erzähl … erzähl du doch was.«

»Was soll ich erzählen?«, fragte er. »Ich bin noch nicht lange hier, ich hatte gehofft, du kannst mir was erzählen, über die Stadt … ich bin aus München, die ZVS hat mich hierher verfrachtet, aber sobald ich woanders einen Platz kriege, bin ich weg hier und …«

Anna aß den toten Hund, der tatsächlich aus Kartoffeln bestand, nickte ab und zu und versuchte, den Studenten auszublenden. Sie versuchte, auf einen anderen Kanal umzuschalten, auf den Abel-und-Micha-Kanal. Eine Weile war da etwas wie white noise in ihrem Kopf, das Rauschen zwischen den Kanälen, und dann, dann gelang es ihr. Sie hörte den Studenten nicht mehr. Sie hörte den Lärm im Essenssaal nicht mehr. Sie hörte Abel. Nur noch Abel.

Dies war der Moment, in dem sich alles von innen nach außen kehrte. In dem die Geschichte begann, die auch Annas Geschichte werden sollte. Sie hatte natürlich schon vorher begonnen, mit der Puppe, mit den alten Kopfhörern, mit dem kleinen Mädchen auf dem trostlosen Schulhof. Mit dem Wunsch, zu begreifen, wer oder wie viele Personen Abel Tannatek war. Anna schloss die Augen für eine Sekunde und fiel aus der wirklichen Welt heraus. Sie fiel hinein in den Beginn eines Märchens. Denn der Abel, der hier in der Mensa saß, nur zwanzig Zentimeter entfernt von Anna, zwischen orangefarbenen Plastiktabletts und schwirrenden Semestergesprächen, vor einem kleinen Mädchen mit dünnen blonden Zöpfen … dieser Abel war ein Märchenerzähler.

Das Märchen, in dem Anna landete, war so hell und lichtdurchflutet wie der Moment, in dem er Micha in der Luft herumgeschleudert hatte. Doch sie hörte hinter den Worten eine uralte Dunkelheit lauern, die Dunkelheit aller Märchen, die Kehrseite.

Erst später, viel später, erst zu spät würde Anna begreifen, dass dieses Märchen tödlich war.

Sie hatten ihn nicht gesehen. Keiner von ihnen. Er verschwand in der Menge der Studenten, er war unsichtbar geworden, unsichtbar hinter seinem orangefarbenen Tablett mit dem weißen Mensateller und dem undefinierbaren Essen darauf.

Er lächelte über seine eigene Unsichtbarkeit. Er lächelte über die beiden, die dort drüben so nahe beieinandersaßen und doch an verschiedenen Tischen, Rücken an Rücken. Sie waren zusammen hier und wussten es noch nicht. Wie jung sie waren! Er war einmal so jung gewesen wie sie. Vielleicht war das der Grund, weshalb er noch immer ab und zu in die Mensa ging, es war nicht wie damals, natürlich, es war eine andere Mensa und eine andere Stadt, und doch war es ein Besuch in seiner Erinnerung.

Er betrachtete die beiden wie ein Bild, während er sein undefinierbares Essen aß. Nein, nicht die beiden. Die drei. Da war ein Kind bei Abel, ein kleines Mädchen. Hier also schlief er nicht, hier war er ein anderer – und Anna Leemann mit ihrem Kopftuch, mit dem sie glaubte, nicht erkannt zu werden, auch Anna war eine andere Anna. Sie waren alle nur Schauspieler, die in der Schule ihre Rolle spielten. Die Rolle des Dealers. Die Rolle des braven Mädchens. Und er? Auch er spielte nur eine Rolle …

Manche Rollen waren gefährlicher als andere.

Anna hob den Kopf und sah zu ihm hinüber und er verbarg sein Gesicht hinter einer Zeitschrift wie ein Amateurdetektiv. Er würde noch ein Weilchen unsichtbar bleiben.

3

Micha

»Erzähl von der Insel«, sagte Micha. »Erzähl, wie sie aussieht.«

»Aber das habe ich dir schon hundert Mal erzählt«, sagte Abel. »Du weißt genau, wie die Insel aussieht.«

»Ich habe es vergessen. Die letzte Geschichte ist so lange her! Tausend Jahre! Bestimmt. Da war Mama noch da. Wo ist Mama jetzt?«

»Ich weiß es nicht und das habe ich dir auch schon hundert Mal gesagt. Auf dem Zettel stand nur, dass sie plötzlich verreisen muss. Und dass sie dich lieb hat.«

»Dich nicht?«

»Die Insel«, sagte Abel, »besteht ganz aus Felsen. Oder soll ich sagen, bestand? Die Insel bestand ganz aus Felsen, es war eine winzige Insel, und sie lag weit, weit draußen im Meer. Auf der Insel lebte nur eine einzige Person, eine sehr kleine Person, und weil sie am liebsten auf den Klippen saß, ganz vorne, über der Brandung des Meeres – deshalb nannte man sie die kleine Klippenkönigin. Oder eigentlich nannte sie selbst sich so, da es ja niemand anderen gab.

Die Vögel hatten ihr erzählt, dass es andere Inseln gab. Sie hatten auch vom Festland berichtet. Das Festland, sagten die Vögel, ist eine unendlich große Insel, über die man wochenlang wandern kann, ohne auf die andere Seite zu gelangen.

Das konnte die kleine Königin sich nicht vorstellen. Um ihre eigene Insel herumzuwandern, dauerte nur drei Stunden. Dann kam man wieder dort an, wo man losgegangen war. So blieb das Festland für die kleine Königin ein ferner, unwirklicher Traum. Abends erzählte sie sich selbst Geschichten vom Festland: von Häusern mit tausend Zimmern und von Läden, in denen man alles bekommen konnte, was man wollte; man brauchte es nur aus den Regalen zu nehmen.

Aber eigentlich brauchte die Klippenkönigin keine tausend Zimmer und keine Läden voller Regale. Sie war völlig glücklich auf ihrer winzigen Insel. Das Schloss, in dem sie wohnte, besaß genau ein Zimmer, und darin stand nichts als ein Bett. Denn das Spielzimmer der kleinen Königin waren die Wiesen auf der Insel und ihr Badezimmer war das Meer.