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Bringen manche Klienten Sie dazu, sich für sie anzustrengen, während sie selber eher in der konsumierenden Position bleiben? Fühlen Sie sich hin und wieder von Klienten geschmeichelt, aber auch unter Druck gesetzt, überfordert oder gar eingeschüchtert? Bemerken Sie manchmal im Nachhinein, dass Ihnen im Coaching die Distanz verloren ging und Sie sich mit dem Klienten zusammen gegen dessen Umfeld "verbündeten"? Dabei können narzisstische Reaktionen eine zentrale Rolle spielen. Narzissmus stellt spezielle Anforderungen an das Miteinander und löst nicht selten ungewollte Reaktionen beim Gegenüber aus – selbst wenn es sich dabei um einen gut ausgebildeten Coach oder Therapeuten handelt. Dieses Buch zeigt Wege zu einem anderen Umgang mit dem verkannten Phänomen Narzissmus auf: wie Sie Grenzen ziehen und Wachstum fördern können, indem Sie eine Verbindung zu dem Menschen hinter der narzisstischen Maske aufnehmen.
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2015
Bianca OlesenDer Mensch hinter der MaskeVom Umgang mit narzisstischen Klienten in Coaching und Beratung
Bringen manche Klienten Sie dazu, sich für sie anzustrengen, während sie selber eher in der konsumierenden Position bleiben? Fühlen Sie sich hin und wieder von Klienten geschmeichelt, aber auch unter Druck gesetzt, überfordert oder gar eingeschüchtert? Bemerken Sie manchmal im Nachhinein, dass Ihnen im Coaching die Distanz verloren gegangen ist und Sie sich mit dem Klienten zusammen gegen dessen Umfeld »verbündet« haben? Dabei können narzisstische Reaktionen eine zentrale Rolle spielen. Narzissmus stellt spezielle Anforderungen an das Miteinander und löst nicht selten ungewollte Reaktionen beim Gegenüber aus – selbst bei gut ausgebildeten Coaches oder Therapeuten. Dieses Buch zeigt Wege zu einem anderen Umgang mit dem verkannten Phänomen Narzissmus auf: wie Sie Grenzen ziehen und Wachstum fördern können, indem Sie eine Verbindung zu dem Menschen hinter der narzisstischen Maske aufnehmen.
Bianca Olesen ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Gestalttherapeutin in eigener Praxis sowie Trainerin und Coach mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Kommunikation, emotionale Kompetenz und Stress & Entspannung.
Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2016
Coverfoto: © DNY59 – www.istockphoto.com
Covergestaltung / Reihenentwurf: Christian Tschepp
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2016
Satz & Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn
ISBN der Printausgabe: 978-3-95571-983-6
ISBN dieses E-Books: 978-3-95571-430-7 (EPUB), 978-3-95571-431-4 (MOBI), 978-3-95571-432-1 (PDF).
So wie ich bin
Ich träume davon, dass jemand mich annähme, einfach so wie ich bin,
mit meinen ungereimten Wünschen, unfertigem Charakter und alten Ängsten.
Ich träume davon, dass jemand mich gelten lässt, ohne mich zu erziehen,
mit mir übereinstimmt, ohne sich anzustrengen.
Ich träume davon, dass ich mich nicht verteidigen muss,
nicht erklären und kämpfen muss, dass einer mich liebt.
(Otti Pfeiffer)
Dieses Buch gäbe es nicht ohne die Klienten, die ich begleiten, von denen ich viel lernen und in diesem Buch erzählen durfte. Einen herzlichen Dank dafür!
Und ich danke Henning, Jonas und Rieke für ihre Engelsgeduld und Unterstützung, Katharina Arnold für die motivierende Zusammenarbeit und all den lieben Menschen in meinem Leben einfach dafür, dass es sie gibt.
Zu entdecken, dass ich andere Menschen brauche, ist wohl die schönste Erfahrung meines Lebens.
Als ich gefragt wurde, ob ich dieses Buch schreiben würde, erlebte ich – gleichzeitig – drei verschiedene Reaktionen in mir: Die Erwachsene in mir freute sich über die Möglichkeit, einer Herzensangelegenheit Form geben zu können und Einblick, Verständnis und Achtsamkeit für die Arbeit mit besonderen Persönlichkeiten zu vermitteln. So sagte ich rasch zu.
Die grandiose Narzisstin in mir fühlte sich unglaublich geschmeichelt und hätte sowieso ohne weiteres Überlegen zugesagt. Ihr reichte die Tatsache, dass sie gefragt worden war, um sich für einige Tage bestätigt und wertgeschätzt zu fühlen. Letztlich wäre das Buch an sich für sie gar nicht nötig gewesen, die Anfrage war schon Kompliment genug.
Die depressive Narzisstin in mir fiel wie in eine Totenstarre, gequält von Selbstzweifeln, Druck und der Überzeugung, niemals ein Buch schreiben zu können, das nützlich oder gut sein könnte. Sie wurde besonders in der Stille der Nacht aktiv und raubte mir mit Grübeleien, Sorgen und heftigen Fluchtimpulsen den Schlaf und jegliche Kreativität.
Mit diesem inneren Chaos ging ich in Konferenz, erkennend, welche Teilnehmer ich mir eingeladen hatte.
Hätte ich der Depressiven nachgegeben, gäbe es dieses Buch nicht, nur viel Gejammer über den Druck, den ich dadurch verspürte. Die Erwachsene wäre enttäuscht über einen verpassten Herzenswunsch und die Grandiose empört über die ausgelassene Chance auf Anerkennung.
Hätte ich wiederum der grandiosen Narzisstin nachgegeben, ohne die Erwachsene zu hören, hätte ich wohl zugesagt, aber nie eine Seite geschrieben …
Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin der Erwachsenen gefolgt, der es wirklich wichtig ist, im Bereich Coaching und Beratung psychologisches Wissen zu vermitteln, damit Coachs und Berater diese Kenntnisse für ihre Klienten nutzbringend einsetzen können, statt unbewusst deren „Spiele“ mitzuspielen und damit sich selbst und ihren Klienten mehr Schaden als Nutzen zuzufügen. Gerade im Bereich der Persönlichkeitseinseitigkeiten ist dies eine große Herausforderung für Coach und Berater.
Die innere Konferenz ging übrigens in viele weitere Runden, und ich habe dabei der Depressiven und der Grandiosen immer wieder das Wort erteilt: Von meinem depressiv-narzisstischen Anteil habe ich zum zeitlichen Rahmen, zu der realistischen Planung und dem Anspruch an die Struktur und die Inhalte Rat bekommen. Diese Seite von mir, die nie gut genug zu sein glaubt, findet Antworten auf Fragen wie: Was ist wohl notwendig, damit es gut werden kann? Gleichzeitig brauchte diese Seite von mir viel Unterstützung, musste ernst genommen werden in ihrer Angst, den Anforderungen von außen nie gerecht werden zu können.
Die grandiose Narzisstin in mir sprühte vor Ideen, beobachtete ihre Umwelt und fand im täglichen Erleben viele lebendige Beispiele für das Buch. Sie findet Antwort auf Fragen wie: Wo „im echten Leben“ finden sich Beispiele für narzisstische Reaktionen? Was würde einem Leser nützen? Mit diesem Teil von mir habe ich immer wieder mein Ziel imaginiert. Den Moment, in dem mich das Gefühl der Begeisterung berauschen würde: Es ist fertig und gelungen! Den Moment, in dem ich das Skript an meine Lektorin schicken würde und sie (nicht ich!) zufrieden wäre. Und schließlich die Anerkennung meiner Freunde und Kollegen (nicht meiner selbst!) für das fertige Buch. Mit dieser Seite von mir konnte ich den Stolz, die Begeisterung, die Freude bereits spüren, und das zog mich immer wieder an den Schreibtisch.
Die Erwachsene schließlich war in diesem (Schaffens-)Prozess die ständige Vermittlerin zwischen diesen beiden Anteilen in mir.
Glauben Sie bitte nicht, dass meine grandiose Seite nicht meist einen depressiven Berg überwinden musste, um sich an den Schreibtisch zu setzen. Und an manchen Tagen gewann der Berg, die Angst vor dem Versagen. Hätte er gewonnen, hätte ich mir das Versagen letztlich selbst bestätigt. In der depressiven Seite liegt eben auch die Tendenz, alles für das Versagen zu tun, um das alte minderwertige Selbstbild zu bestätigen. Das fühlte sich nicht gut an, aber vertraut, gewohnt und sicher für die depressiv-narzisstische Seite.
Die grandiose Seite verachtete den anderen Teil und geriet in Wut, wollte dem Sog hin zum Buch nachgeben, koste es, was es wolle, statt sich davon abhalten zu lassen.
Und die Erwachsene schließlich war damit beschäftigt, im Kampf der beiden zu vermitteln, um schreiben zu können.
Möglicherweise bekommen Sie eine Idee davon, wie erschöpfend diese Zeit war. Und hier ging es nur um ein Projekt, ein Buch. Fühlen Sie sich nun ein in Menschen, die diesen inneren Kampf immer und immer wieder bei alltäglichen Entscheidungen kämpfen, und Sie bekommen ein erstes Gefühl dafür, wie es ist, in einer narzisstischen Struktur gefangen zu sein.
Wir werden nicht anders, sondern mehr
Aus der obigen Beschreibung ist bereits deutlich geworden, dass auch ich narzisstische Anteile in mir trage. Ich kenne beide Plätze: den des narzisstisch verletzten Klienten und den des Coachs. Daher weiß ich um das Phänomen Narzissmus und die Schwierigkeiten, die sich dadurch im Coaching ergeben können.
Diese beiden narzisstischen Seiten von mir, die depressive wie die grandiose, werden mich wie viele andere Facetten meiner Persönlichkeit begleiten, solange ich lebe. Nach meiner Erfahrung und meinem Verständnis kann es nicht gelingen, einen ungeliebten Persönlichkeitsanteil zu beseitigen. Die Lösung liegt stattdessen darin, die Facetten der eigenen Persönlichkeit mit ihren oft gegenläufigen Bedürfnissen und Gefühlen anzunehmen. Mit den vielen Persönlichkeitsanteilen in uns leben und umgehen zu lernen. Uns und unsere Beziehungen nicht logisch, geradlinig, gleichförmig, vorhersehbar und damit letztlich langweilig zu wünschen, sondern lebendig, spontan, unvorhersehbar, sich ständig bewegend und entwickelnd zu gestalten.
Und diese Vorannahme gilt auch für das Coaching. Schon oft habe ich den Satz „Und ich dachte, damit wäre ich schon durch ...“ von Klienten und Kollegen gehört. Auch ich war mal ein Anhänger der „operativen Persönlichkeitsentwicklung“: Wenn man aus seiner Persönlichkeit erst alles „entfernt“ hätte, womit man sich schwertut, könne man um das Übriggebliebene herum die Persönlichkeitseigenschaften entwickeln, die man vermeintlich noch braucht, die einem besser gefallen, meist: die den anderen besser gefallen würden.
Ich kenne die Idee, dass Entwicklung vor allem kognitiv geschieht, in Gesprächen, im Lernen und Arbeiten. Und ich verstehe und respektiere den Wunsch, irgendwann an den Punkt zu kommen, an dem alte Verletzungen endgültig verheilt sind, alter Schmerz nicht mehr weh tut, ein Thema abgearbeitet oder abgelöst ist. Nur habe ich bisher bei niemandem erlebt, dass dies gelingen kann.
Ich glaube vielmehr, dass der Weg in die Zufriedenheit, also in den eigenen Frieden, durch die Integration führt, durch die liebende Annahme auch dessen, was schmerzt, nervt, ärgert, behindert, stört. Sodass problematische Anteile nicht abgelöst oder „operativ entfernt“ werden, sondern der Reichtum der Facetten bewusster gelebt wird und Störendes durch den wiederbelebten Gegenpol ausgeglichen wird: Persönlichkeitsentwicklung ist meines Erachtens keine operative Methode, sondern das bewusste Erleben und Verstehen von Wachstum.
Wir werden eben nicht anders, sondern mehr.
Ich bin mir bewusst, dass es aus therapeutischer Sicht noch vieles mehr und auch viel Kontroverses zu diesem Thema zu schreiben gäbe. Doch in diesem Buch will ich dem Gesamtbild, Entstehungsbedingungen und Herangehensweisen für Coaching und Beratung näher auf den Grund gehen. Ich wende mich also an Leser, die als Coach, Berater und in anderer Funktion beratend mit Menschen arbeiten. Dies ist insgesamt ein weites Berufsfeld. Um den Lesefluss nicht unnötig zu behindern, wird im Folgenden zusammenfassend von Coaching und Coachs gesprochen.
Auch wenn die Begleitung resp. das Coaching Ihrer Klienten in diesem Sinne Ihre „Arbeit“ ist, liebe Leserin, lieber Leser, möchte ich das Wort „Arbeit“ nicht für die Art der Begegnung verwenden, wie sie in diesem Buch beschrieben wird. Der Fokus soll nicht auf die Arbeit im Sinne festgelegter Abläufe, Arbeitsschritte oder Programme gelegt werden, die dazu dienen, ein im Voraus definiertes Ziel zu erreichen. Ich möchte den Blick auf die zwischenmenschliche Beziehung, die Begegnung im Moment, kurz: den konkreten Umgang mit einer narzisstischen Reaktion richten: Dieses Vorgehen ist wesentlich kleinschrittiger als die Arbeit mit vielen anderen Klienten. Je ausgeprägter die narzisstischen Züge eines Klienten sind, desto mehr könnte man sogar von einem kleinstschrittigen Vorgehen sprechen. Dabei sollen Sie natürlich die Ziele Ihres Klienten nicht aus den Augen verlieren, schließlich haben Sie ja einen Arbeitsauftrag mit einem konkreten Ziel. Ich möchte Sie lediglich ermutigen, Ihren Anspruch an das Tempo, mit dem Sie das Ziel erreichen möchten, zugunsten begegnungsorientierter Momente zu drosseln und so für die Nachhaltigkeit der Ziele zu sorgen.
Darüber hinaus will ich auch gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass die narzisstischen Strukturen der Klienten dem Coaching Grenzen setzen: Ist der Anteil narzisstischer Reaktionen im Verhalten eines Klienten so hoch, dass er die Kriterien für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung nach ICD-10 bzw. DSM-5 erfüllt (vgl. Abschn. 1.3), benötigt dieser Mensch eine andere Unterstützung als ausschließlich die eines Coachs. Ich spreche hier konkret von Psychotherapie, die beziehungsorientiert vorgeht und das Beheben psychischer Krankheit oder Störung fokussiert, die in der Persönlichkeit des Menschen zum Ausdruck kommen und Probleme bei der Lebensbewältigung hervorrufen. Im Gegensatz dazu fokussieren Coaching und Beratung eine akute, nicht zu bewältigende Situation und deren Lösung und gehen dabei ziel- und ergebnisorientiert vor.
Eine narzisstische Entwicklung kann zudem auch Auswirkungen wie zum Beispiel Delinquenz, antisoziales Verhalten oder Suizidalität haben. Dies muss zusätzlich zur Begleitung durch Coaching in einem anderen Rahmen betrachtet und bewertet werden, der nicht Inhalt dieses Buches ist. Gerade bei somatischen Symptomen, Substanzmissbrauch und Sucht, bei Selbst- und Fremdgefährdung müssen Fachärzte, Beratungs- und Hilfestellen und möglicherweise auch andere behördliche Stellen in die Begleitung einbezogen werden.
Zum leichteren Verständnis des Textes
Bevor wir nun in das Thema einsteigen, möchte ich noch ein paar Worte zur Struktur des Textes verlieren, um Verwirrung oder Missverständnissen vorzubeugen:
Geschlechterfrage. Dieses Buch verzichtet der Verständlichkeit halber auf die Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Form und Anrede. Wenn von Klienten, Kollegen usw. die Rede ist, dann sind damit selbstverständlich beide Geschlechter gemeint.
Begrifflichkeiten. Außerdem wird der sprachlichen Vereinfachung halber im Text von „dem Narzissten“, „dem narzisstisch geprägten Klienten“, „narzisstischen Reaktionen“ oder der „narzisstischen Persönlichkeit“ gesprochen. Zum einen treffen diese Bezeichnungen keine Aussage über die Ausdrucksweise oder die Intensität narzisstischer Persönlichkeitsmerkmale. Zum anderen wollen sie nicht aussagen, dass ein Mensch narzisstisch ist, sondern dass seine Persönlichkeit narzisstische Seiten hat, ebenso wie auch andere Seiten. Und zuletzt ist damit in keinem Fall die „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ gemeint, ein definierter Terminus der ICD-10 bzw. des DSM-5 mit einer umgrenzten Symptomatik.
Anonymisierung. Die im Buch erwähnten Klienten werden unter veränderten Namen zitiert.
Literaturtipps. Am Ende des Buches unter der Rubrik „Literatur“ finden Sie neben den hier zitierten Büchern noch einige weitere Titel, die ich Ihnen zur Vertiefung gern ans Herz legen möchte.
Und nach diesen Formalitäten wünsche ich Ihnen nun eine interessante Lektüre!
Sommer, 2015
Bianca Olesen
1.1 Mythos und Wirklichkeit
„Was ich mir vom Leben wünsche? Ich habe mich so lange hinter meiner Maske versteckt. Ich möchte gefunden werden. Wie früher beim Versteckspielen möchte ich gefunden werden. Und dann geliebt werden, so, wie ich bin. Das möchte ich am allermeisten. Und ich habe so wahnsinnige Angst davor, dass ich weglaufen könnte. Aber ganz tief drinnen will ich endlich gefunden werden.“
(Klient im Verlauf des Coachings)
Der Begriff Narzissmus leitet sich ab von der Sagengestalt des jungen Narziss (gr. Narkissos) aus der griechischen Mythenwelt. Er war der schöne und stolze Sohn des Flussgottes Kephissos und der Wassernymphe Leiriope. Es kursieren verschiedene Versionen der Sage. In der wohl bekanntesten Fassung – von Ovid – gerät Narziss in eine Art Wahn: Er verliebt sich in sein Spiegelbild, das er im Wasser erkennt, und versucht verzweifelt, es zu greifen und festzuhalten. Am Ende stirbt der schöne Jüngling, da er sich nicht mehr von seinem eigenen Anblick im Wasser abwenden kann.
Ungeachtet der Abweichungen in den jeweiligen Versionen stimmen alle darin überein, dass sie das Leiden und Sterben von Narziss mit dem Ins-Wasser-Schauen in Zusammenhang bringen.
Abbildung 1.1: Narziss aus der griechischen Mythologie (Gemälde von Caravaggio, 1598/99, Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom)1
Im Mythos von Narziss finden sich bereits zentrale Aspekte, die für das Erscheinungsbild und die Entstehung des Narzissmus eine wichtige Rolle spielen. Ich möchte sie hier als Einstieg in das Thema genauer beleuchten, da sie für ein grundlegendes Verständnis hilfreich sind.
I. Die Rolle des kindlichen Umfelds
Mutter und Vater spielen nur zu Beginn der Sage eine Rolle. Sie wirken anscheinend ausschließlich an seiner Entstehung mit. In anderer Weise sind Kephissos und Leiriope als Eltern nicht präsent. Weder Mutter noch Vater sind als Spiegel seines Selbst emotional anwesend. Daher fehlt Narziss jede Möglichkeit, sein wahres Selbst zu erkennen: sein Wesen und seine Fähigkeiten, aber auch seine Grenzen und zudem die Tatsache, dass seine Freiheit die Grenzen anderer berührt.
Mit „Selbst“ bezeichne ich hier die Gesamtheit aller Kognitionen, die ein Mensch über sich bildet als Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ (in Abgrenzung zu der Frage: „Was tue und was besitze ich?“). Dieses Selbst bildet der Mensch im Kontakt zu sich selbst, das heißt in Beobachtung körperlicher, seelischer und geistiger, also innerer Prozesse, unabhängig davon, ob er dabei im Kontakt zu anderen Menschen, Tieren, der Natur, Dingen oder seiner Spiritualität ist oder allein. Das Selbst(bild) in diesem Sinne sehe ich dabei in Anlehnung an die Gestalttherapie prozesshaft: Es unterliegt im Verlauf des Lebens einem ständigen Wandlungsprozess mit dem Ziel des Ich-selbst-Werdens, wenngleich zentrale Bedürfnisse und emotionale Prozesse über die Zeit hinweg konstant bleiben. Und in Anlehnung an den Sozialpsychologen Elliot Aronson (Aronson, Wilson & Akert, 2008) meine ich, dass eine aufgrund umgeleiteter Aufmerksamkeit oder mangelnder Selbstwahrnehmungsfähigkeit fehlende Selbstaufmerksamkeit („Awareness“ in der Gestalttherapie) ein konstantes Selbst(bild) verhindert. Insofern ist die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung zentral für die Ausbildung eines konstanten, „wahren“ Selbst: „Das bin ich!“ (in Abgrenzung zu: „So soll ich mich verhalten, um dazuzugehören“). Und wie im Folgenden erläutert, bedarf ein Kind für die Entwicklung der Selbstwahrnehmungsfähigkeit in den ersten Lebensjahren unbedingt der emotionalen Präsenz der Eltern als Spiegel seines So-Seins.
Ein Kind ist bis zu einem bestimmten Alter noch nicht zur Selbstreflexion fähig. Selbstreflexion meine ich dabei als Selbstwahrnehmung, deren Bewertung und das Ableiten von Konsequenzen. Ein Kind kann nicht wie ein Erwachsener eine Metaebene einnehmen, sich beobachten, sein Handeln bewerten und planvoll korrigieren. Es lebt ganz im Moment und handelt mehr oder weniger impulshaft. Es bedarf der liebevollen Spiegelung durch seine Bezugspersonen, um sein Wesen zu erkennen und dabei die Grenzen seiner Freiheit im Kontext anderer zu verstehen. Das meint etwa die verständnisvolle, beschreibende Rückmeldung zum Erleben des Kindes. Die Erwachsenen imitieren zum Beispiel Verhalten und Gesichtsausdrücke eines Babys, etwa sein Gähnen, und unterstreichen das Verhalten mit den Worten „So müde bist du“. Weint ein Kind, trösten die Eltern: „Dein Teddy ist weg, und jetzt bist du traurig. Komm mal her in meinen Arm.“
Dabei geht es nicht um den Anspruch, als Eltern perfekt sein zu müssen. Kinder erkennen, respektieren und überstehen „imperfekte“ Eltern und brauchen sie sogar, um sich selber das „Imperfektsein“ gestatten zu können. Es geht hier vielmehr um eine grundsätzliche Haltung der liebevollen Annahme des Kindes als autonomes Wesen mit eigenen Impulsen und eigenem Willen. Liebevolle Spiegelung ermöglicht dem Kind, sein Denken, Handeln und Fühlen nach dem Erleben in seine Erfahrungen einzuordnen und Worte dafür zu finden, mit denen es sich später artikulieren kann. Indem es die Reaktionen seiner Bezugspersonen, ihre Sichtweisen, Aussagen und Haltungen zu sich verinnerlicht, entwickelt es seine Selbstrepräsentanz, sein inneres Bild von sich. Sein Selbstbild setzt sich also zusammen aus dem Abgleich des eigenen Erlebens im Moment mit den Rückmeldungen der anderen: aus ihren Reaktionen, ihren Blicken, ihren Gefühlen zu ihm, ihren Worten an es und ihren Umgang mit ihm.
Für ein Kind ist es überlebenswichtig, sich dem Umfeld anzupassen. Seine Versorgung und sein Schutz hängen davon ab. Die Bindung zu Bezugspersonen abzubrechen ist daher nicht vorgesehen. Vielmehr hat ein Kind die Fähigkeit, Autonomieimpulse zugunsten einer sicheren Bindung zurückzustellen. Erfährt ein Kind keine liebevolle Spiegelung und keinen Respekt für sein individuelles Wesen, kann es sein Selbst nicht erkennen und entwickelt sich zu jemandem, der in der Gunst der Bezugspersonen stehen will. Dazu muss es jede Selbstempathie, die Verbindung nach innen, unterbinden. Es opfert unbewusst und unreflektiert seine Individuation zugunsten seines Überlebens. Es bewältigt damit eine überfordernde Aufgabe und bildet eine Maske aus, eine passende Ersatzpersönlichkeit anstelle der lebendigen, angelegten Persönlichkeit, und beginnt zu leisten, statt zu fühlen. Die Grundannahme hierbei ist, dass Emotionen, die die organismischen Reaktionen regulieren sollen, im Kontext des Bezugsumfeldes nicht zum Ausdruck gebracht werden können. Als Kompensation muss deshalb eine „Maske“ ausgebildet werden, mit der die eigenen Gefühle unterdrückt und stattdessen die angepassten Reaktionen gezeigt werden können.
Wie kann ein Kind es aber aushalten, wenn seine Eltern seine Fähigkeiten, Eigenschaften, Besonderheiten, seinen Eigen-Sinn und seine Eigenarten – kurz: seine Individualität – nicht anerkennen, wenn auch nicht aus böser Absicht? Es übernimmt das Bild der Bezugspersonen von sich, dann kann es wieder mit ihnen übereinstimmen. Jedes Verhalten, Denken und Fühlen der Bezugspersonen erscheint ihm „richtig“ und normal, die darin enthaltenen verbalen und nonverbalen Botschaften als wahr. So lernt es, den Schmerz über das Erleben solcher Ablehnung zu unterdrücken: indem es sich selber ablehnt. Es fügt sich in sein Umfeld ein: Eben darin besteht die Fähigkeit zur Anpassung.
II. Fehlende Empathie und starker Selbstbezug
Als Jüngling weist Narziss andere hochmütig zurück. Er ist so stolz, dass ihn deren Zuneigung ebenso wenig berührt wie ihr Schmerz über seine Ablehnung. Heute würden wir ihn wohl als eingebildet und arrogant bezeichnen und feststellen, dass Narziss zu Empathie nicht fähig ist.
In der Rückmeldung der Eltern an das Kind ist eine weitere Lernerfahrung enthalten: der Vorgang der Reflexion, der zu einer Selbsteinschätzung im Kontext des Umfelds führt. Entscheidend ist, welcher Maßstab bei der Reflexion angesetzt wird: Werden als umgrenztes Umfeld die Bezugspersonen zum Maßstab, muss sich ein Kind zu ihrem Gefallen verhalten („Wenn du nicht XY tust, dann ist die Mama traurig“). Wird das gesamte Umfeld, die Gesellschaft zum Maßstab, muss sich ein Kind zum Gefallen diffuser Unbekannter verhalten („Man macht das nicht“). Im besten Falle wird ein Kind sein eigener Maßstab („Bist du zufrieden mit dir?“) im Kontext der anderen („Und wie geht es den anderen damit?“): Die Entdeckung und das Ausprobieren des Selbst in der Gemeinschaft reduziert, wenn es gelingt, die kindlich-natürliche Grandiosität auf eine gesunde, realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten in Abgrenzung zu anderen. Das Erleben von Großartigkeit und Allmacht wird frustriert und enttäuscht, wenn das Kind Grenzen und Misserfolge erlebt. Diese Zeit der Frustration ist eine wichtige Erfahrung, um Enttäuschung und Niederlage verkraften zu lernen, um Frustrationstoleranz zu entwickeln und freiwillig zurücktreten zu können, statt sich immer durchsetzen zu müssen. Um in dieser Phase aber nicht von der Grandiosität in die Minderwertigkeit zu fallen, bedarf es weiterhin der liebevollen Unterstützung der Eltern und des Verständnisses für den Frust, Ärger, die Enttäuschung und Ohnmachtsgefühle des Kindes. Kinder brauchen viele Jahre der Spiegelung von außen, bis sie ein Wertesystem und damit die Fähigkeit zur Bewertung und schließlich die Fähigkeit zur Selbstreflexion entwickelt haben (vgl. hierzu z. B. Spitzer, 2006, 2008, 2009, 2010).
Der Narzisst hingegen hat einen Mangel an Spiegelung erlebt und konnte kaum lernen, sich realistisch zu reflektieren. So zeigt er wenig oder gar keine Selbstreflexionsfähigkeit. Die Auswirkungen davon fallen entweder zu seinen Gunsten (im Falle des grandiosen Narzissten) oder zu seinen Lasten (im Falle des depressiven Narzissten) aus. Statt sich realistisch zu reflektieren, muss er ständig den Fokus auf sich richten, um sein Verhalten an den von außen vorgegebenen, erlernten Maßstäben zu messen. Insofern kreist er um sich, steht im Fokus der eigenen, kognitiven Aufmerksamkeit. Die Selbstempathie hat er unterbunden, und die Wahrnehmung seiner emotionalen Reaktionen auf die Anpassung vermeidet er. Grundsätzlich bleibt die Fähigkeit zur Empathie so zwar vorhanden, sie wird aber nicht entwickelt und geformt. Doch nur wer weiß, was er fühlt, kann spüren, was er braucht, und seine Bedürfnisse selber stillen lernen, anstatt dies von anderen zu fordern (so wie ein Kind, dessen Bedürfnisbefriedigung durch die Eltern ein Geburtsrecht ist). Nur so lernt man, die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisbefriedigung mit der Umwelt in Einklang zu bringen und neben der Selbstempathie auch die Fremdempathie zu formen. Stattdessen hat der Narzisst kognitive Empathie (Ekman, 2010, S. 249) entwickelt, die nicht auf Einfühlung beruht, sondern auf Denken, Wissen und Erfahrung, Interpretation und Fantasie.
Ohne echte Empathie fehlt aber die Fähigkeit, mit anderen fühlend in Kontakt zu sein. Dann bleibt der Mensch insofern allein, dass er Kontakt nur noch intellektuell vollzieht, aber nicht mehr erlebt, denn Erleben ist Fühlen. Der Teufelskreis hat sich damit geschlossen: Der Narzisst bleibt allein und leidet darüber Not, er ist sich nur noch selber ein Mindestmaß an Halt und bezieht sich daher umso stärker auf sich selbst. Das wiederum erlebt sein Umfeld als distanziert, arrogant, kalt und bleibt ebenfalls emotional auf Distanz.
Im Coaching zeigt sich bei diesen Klienten dann, dass sie sich ihren emotionalen Wahrnehmungen ausgeliefert fühlen: „In mir ist so viel los, das halte ich kaum aus!“, oder: „Wenn ich außen zur Ruhe komme, dann wird es innen so laut, das ist unerträglich!“ Und sie können ihre emotionalen Wahrnehmungen nicht strukturieren, nicht verstehen, sondern sind zutiefst verunsichert: „Was ist los mit mir? Wer bin ich eigentlich wirklich?“
III. Die Maske des Narzissten
Narziss verliebt sich in ein (äußeres) Bild von sich selbst. Er richtet seine Liebe also nicht auf sein Inneres, sondern auf etwas Widergespiegeltes.
In einem langen, qualvollen Sehnen, das Narziss selbst als traurigen Wahnsinn (Ovid, 3, 479) beschreibt, verzehrt er sich nach dem Bild im Wasser. Sein Erkennen reicht nicht an sein wahres Wesen heran.
Von der Ablehnung der lebendigen Impulse durch das Bezugsumfeld zutiefst verunsichert gestaltet der Narzisst früh im Leben eine Maske von sich aus, um den Vorstellungen seines Umfeldes gerecht zu werden. Und er glaubt, diese Maske sei er selbst. Der Fluch der Narzissten besteht also in dem Zwang, stets die Maske, das Bild von sich, im Fokus behalten zu müssen, die Maske immer aufrechtzuerhalten. So kreisen sie um sich selber, und daher rühren letztlich ihre Probleme. Um es einmal metaphorisch auszudrücken: Über die Jahre hinweg und in verschiedensten Lebenskontexten gestalten Narzissten prachtvoll bunte, großartige und schillernde Masken aus mit verliebten Details und den Blick des Betrachters bannenden Verzierungen. Und oftmals erhalten sie auch Applaus dafür. Doch die Sehnsucht nach Verbundenheit bleibt und wird nicht gestillt, der Narzisst leidet ständig Mangel an liebevoller Zuwendung. Verstehen kann er den „traurigen Wahnsinn“ nicht. Deutlich wird das an Aussagen wie: „Ich will aber, dass mich alle toll finden! Ich kann mir auch nicht vorstellen, das nicht mehr zu wollen“, oder: „Ich bin erfolgreich, habe ein Haus, eine Familie, uns geht es prima. Eigentlich ist alles so gut ... Ich habe doch alles, was ich will, warum nur bin ich so unglücklich?“
Nun haben wir bereits einen ersten Blick hinter die Maske des Narzissten gewagt und gesehen, dass wir es hier mit einem durchaus komplexen Phänomen zu tun haben. Stark narzisstisch geprägte Menschen einfach als selbstverliebte Egozentriker zu bezeichnen, sich über sie aufzuregen und ihnen möglichst aus dem Weg zu gehen – das ist einfach, manchmal sogar notwendig, aber es greift zu kurz, gerade und vor allem, wenn Sie als Coach tätig sind.
Die narzisstische Gesellschaft
Narzissmus ist ein aktuelles Thema. Nicht zuletzt auch der Narzissmus unserer Gesellschaft. In der aktuellen Diskussion wird jedoch oft nur eine Seite des Phänomens betrachtet. So beschreibt zum Beispiel die Weltgesundheitsorganisation im Zusammenhang mit dem Begriff „narzisstisch“ bisher nur eines der Gesichter des Narzissmus: den sich für grandios haltenden, hochmütigen Narzissten, dem Erfolg, Macht, Schönheit und ideale Liebe wichtiger sind als alles andere; der aus mangelndem Einfühlungsvermögen heraus andere übervorteilt, um selbst im Mittelpunkt der Bewunderung zu stehen; der sich für besonders hält, auch für besonders wichtig, und der demzufolge ein besonderes Anspruchsdenken an den Tag legt; der neidisch, egoistisch und ausbeuterisch ist, andere verachtet und entwertet. – Ein Abbild der Ellenbogengesellschaft unserer Zeit.
Bemühungen, in der Schule genau wie in der Arbeitswelt soziale Kompetenzen wieder stärker zu fördern, werden von Leistungsdruck, Absatzdruck, Zensuren- und Bildungsdruck, um nur einige Formen des Erfolgsdruckes unserer Zeit zu nennen, mit Nachdruck unterminiert. Meist wird die Aufmerksamkeit zudem nur auf die interpersonelle Kommunikation gerichtet, auf die soziale Interaktion zwischen zwei oder mehr Individuen. Die ebenso wichtige intrapersonelle Kommunikation, die innerhalb eines Individuums stattfindet, wird vielerorts gänzlich außer Acht gelassen. Nach innen, unausgesprochen, gilt trotz aller Schulungen das Prinzip: Der Erfolgreichste gewinnt! Menschen werden nach ihrem Leistungsergebnis bewertet, aber nicht im Hinblick auf den Prozess, der zu dem Ergebnis geführt hat. Es scheint wenig zu interessieren, wie viele „Leichen den Weg des Erfolges pflastern“.
Wo die Fähigkeit belohnt wird, sich bei machttragenden Schlüsselfiguren einzuschmeicheln, und solange erwirtschafteter Gewinn höher gewertet wird als ein sozialer Effekt, scheinen wir den Blick zu verlieren für gemeinschaftsdienliche Kompetenzen wie beispielsweise Selbstwirksamkeit, Empathie für das Selbst und den anderen, Umsichtigkeit, Kontaktfähigkeit sowie Autonomie in Gemeinschaft. Getreu dem Motto von Georg-Volkmar Graf Zedtwitz-Arnim „Tu Gutes und rede darüber“ bekommt der Anerkennung, der viel über sich redet. Ob es wirklich Gutes war, das getan wurde, wird dabei heute manchmal vergessen. Das ist Narzissmus. Aber eben nur eine Seite des Phänomens.
Es scheint, als ob dem Narzissmus als solchem dasselbe widerfährt wie dem einzelnen Narzissten: Man sieht nur seine grandios-glänzende Maske, und schnell sind die Traurigkeit, Angst und Bedürftigkeit dahinter vergessen. Die zweite Seite der Maske, die depressiv-minderwertige Seite, wird nicht mehr mit dem Narzissmus in Verbindung gebracht.2
Auch nach den Diagnosekriterien der ICD-10, dem von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen internationalen Diagnoseklassifikationssystem der Krankheiten und verwandten Gesundheitsprobleme, wird vor allem die grandiose Ausdrucksform des Narzissmus beschrieben und die Kehrseite der Medaille, die depressive Ausdrucksform, nicht als narzisstischer Ausdruck berücksichtigt.
Um dieser Einseitigkeit zu begegnen, wird in diesem Buch zwischen zwei Grundausprägungen der narzisstischen Persönlichkeit unterschieden, die sozusagen „beide Seiten der Medaille“ beschreiben: den grandiosen und den depressiven Narzissten.
Beide Ausprägungen finden sich sowohl bei Männern als auch bei Frauen, wenn auch vielleicht nicht in gleichem Maße. Der grandiose Narzissmus wird in der Literatur eher als die männliche Form beschrieben, der depressive Narzissmus eher als die weibliche (vgl. z. B. Wardetzki, 2007). In meiner Praxis kann ich diese eindeutige Zuordnung allerdings nicht bestätigen. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen, dass wenige Menschen durchgehend narzisstisch sind, nicht einmal durchgehend grandios oder depressiv narzisstisch, und dass diese beiden Begrifflichkeiten dazu dienen sollen, das Phänomen Narzissmus in seinen Grundzügen zu beschreiben. Wird im Text also vom „Narzissten“ gesprochen, dient dies der Verständlichkeit des Textes, wenngleich es stimmiger wäre, von einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur oder einer narzisstischen Reaktion zu sprechen. Der Mensch ist ein lebendiges, pulsierendes, wachsendes, sich anpassendes und sich dadurch veränderndes Lebewesen. Ein Mensch ist nicht so oder so, er (re)agiert in bestimmten Kontexten so oder so. Können Menschen hingegen nicht oder nur noch selten anders als narzisstisch reagieren, sollte sie nicht ausschließlich der Coach begleiten. Die meisten „Narzissten“ reagieren kontextuell grandios narzisstisch oder depressiv narzisstisch oder sogar ganz anders, zuweilen auffällig und dann auch ganz „normal“. Trauen Sie einem Narzissten zu, mehr zu sein als narzisstisch, dann ist bereits ein gutes Fundament für Ihre Zusammenarbeit gelegt.
Der grandiose Narzisst
Der grandiose Narzissmus entspricht der in der ICD-10 beschriebenen Ausprägung, die besonders von einer übertriebenen Vorstellung der eigenen Bedeutung und Größe gekennzeichnet ist. In der Literatur und in der aktuellen Diskussion finden sich zwei Thesen dafür, wie diese übertriebene Vorstellung entstanden sein mag (z. B. Röhr, 2005, oder Johnson, 2011, um nur einige zu nennen).
Grandiosität als Reaktion auf emotionale Vernachlässigung. Um der Kindheitserfahrung mangelnder emotionaler Resonanz und Abwertung seines Selbst zu entkommen, hat sich der grandios fühlende Narzisst ein ideales Größenselbst erschaffen, quasi ein unerreichbares und unverletzliches Idealbild seiner selbst, welches er anstelle seines stark minderwertig fühlenden, gestörten und brüchigen Selbst zu leben bemüht ist, um nie wieder verletzbar zu sein. Hier steht die grandios narzisstische Seite stark im Vordergrund, die allgegenwärtige depressiv-narzisstische Seite wird von anderen eher übersehen.
Grandiosität als Reaktion auf Überbehütung und übertriebene Kontrolle. Oder er hat übertriebene Aufmerksamkeit und Überfürsorge seiner Bezugspersonen erlebt, musste keine Widerstände überwinden, wurde vor Frustrationen bewahrt und fand viele Bedürfnisse fast ungefragt erfüllt. Er stand also unhinterfragt im Mittelpunkt und erwartet nun, dass dies ewig so weitergeht.
Ein Narzisst in der grandiosen Ausprägung hat häufig Fantasien von unbegrenztem Erfolg, Macht, Schönheit oder idealer Liebe und ist überzeugt, besonders und einmalig zu sein und nur von anderen besonderen Menschen oder solchen mit hohem Status verstanden zu werden oder mit diesen zusammen sein zu können. Er leidet sozusagen an einem Realitätsverlust hinsichtlich seiner eigenen Bedeutung, seiner Macht, seines Status, seines Wissens und seiner Kompetenzen. Realitätsverlust bedeutet, den Bezug zur Realität verloren und das kritische Hinterfragen der eigenen Wahrnehmungen anhand der beschreibbaren, nachprüfbaren Umstände eingestellt zu haben. Es wird zur Wahrheit erklärt, was wahr sein soll, und nicht, was tatsächlich gerade ist. In schweren Fällen sprechen wir von Wahn. Aus dem Realitätsverlust bezüglich der eigenen Person kann sich ein Größen- oder Allmachtswahn entwickeln. Im Größenwahn überschätzen sich Betroffene bis zur Selbstschädigung selber, z. B. durch übertriebene Geldausgaben und riskantes Verhalten. Im Allmachtswahn verliert ein Betroffener die realistische Einschätzung seiner psychischen und physischen Grenzen und Möglichkeiten.
Im grandiosen Narzissmus zeigt ein Mensch ein übergroßes Bedürfnis nach Bewunderung, er braucht es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und ständige Anerkennung zu bekommen, und hat eine übertriebene Anspruchshaltung. Diese zeigt sich vor allem in der unbegründeten Erwartung einer besonders vorteilhaften Behandlung oder der automatischen Erfüllung seiner Wünsche und Bedürfnisse. Er nutzt zwischenmenschliche Beziehungen für seine Zwecke aus und kann skrupellos lügen und andere übervorteilen, um eigene Ziele zu erreichen. Es mangelt ihm an Empathie, und er lehnt es sogar ab, die Gefühle und Bedürfnisse anderer anzuerkennen oder sie nachzuvollziehen, sich also empathisch einzufühlen. Er ist häufig neidisch auf andere oder der Überzeugung, andere seien neidisch auf ihn, und seine Verhaltensweisen und Einstellungen zeugen oft von Arroganz, Hochmut und Verachtung für andere (Verachtung meine ich hier im Sinne der Grundemotionen nach Paul Ekman als Signal der Hierarchieklärung, der Abwertung des anderen zur eigenen Aufwertung [Ekman & Friesen, 1975, S. 67, und Ekmann, Kuhlmann-Krieg & Reiss, 2010, S. 252]). Unangenehme Gefühle und Erinnerungen sowie das Empfinden von Minderwertigkeit quälen den grandiosen Narzissten unter seinem großartig konstruierten Selbst fast pausenlos, wenn auch oft unbewusst. Unangenehmes Empfinden muss aber um jeden Preis abgestellt werden. Und da dies nicht gelingen kann, betäubt sich der Narzisst und versucht, die Auslöser der unangenehmen Empfindungen so weit wie möglich zu eliminieren: Alkohol- und Nikotinmissbrauch und der Genuss anderer stofflicher und nichtstofflicher Suchtmittel werden zu diesem Zweck häufig herangezogen. Essstörungen können sich ebenso als Reaktion auf den Zwang entwickeln, den perfekten Körper zu erhalten, wie exzessive sportliche Betätigung und ein Schönheitswahn bis hin zur Inanspruchnahme schönheitschirurgischer Angebote: Die Vergänglichkeit wird operativ entfernt.
Trauer zuletzt ist ein Gefühl, das die meisten Menschen mit Schwäche assoziieren, womöglich weil wir uns in Momenten der Trauer verletzlich erleben. Trauer hält der grandiose Narzisst deshalb kaum aus. Wenn der grandiose Narzisst traurig ist, wütet er.
BEISPIEL
Grandiose Narzissten findet man zuvorderst natürlich in der Filmbranche. Mit ihrer Suche nach Bewunderung und ihrer immensen Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit sind sie auf der Bühne zuhause, oftmals auch in Verbindung mit dem erwähnten Schönheitswahn: Schönheitsoperationen und sogar der Einsatz von Nervengiften wie Botulin bleiben unhinterfragt und scheinen so normal wie ein Restaurantbesuch.Ein Klient berichtete mir von seinen Nachbarn, die sich beschwert hatten, weil er am Sonntag den Rasen gemäht hatte. Auf die Frage, ob die verbreitete Regel, an Sonntagen die Ruhe zu wahren, auch in seiner Wohnsiedlung gelte, antwortete er: „Ja sicher, aber ich verstehe die Aufregung trotzdem nicht. Das war eben eine Ausnahme.“Nachdem mir ein anderer Klient erzählt hatte, dass er seiner Kollegin im Beisein des Vorgesetzten gesagt habe, was er von ihr halte („Ich habe kein gutes Haar an ihr gelassen.“), fragte ich ihn: „Und was war Ihr Eindruck, wie hat sich Ihre Kollegin damit gefühlt?“ Seine Antwort darauf: „Die Frage verstehe ich nicht ...?“Die grandiose Form des Narzissmus zeigt sich in
Fantasien von unbegrenztem Erfolg, Macht, Schönheit und idealer Liebe und der Überzeugung, besonders zu sein und nur von anderen besonderen Menschen verstanden zu werden, z. B. solchen mit hohem Status,
schweren Fällen in einem Größen- oder Allmachtswahn,
einem übergroßen Bedürfnis nach Bewunderung und dem Im-Mittelpunkt-der-Aufmerksamkeit-Stehen,
einer übertriebenen Anspruchshaltung, der Erwartung einer vorteilhaften Behandlung und der automatischen Erfüllung der Bedürfnisse,
arroganten, hochmütigen und verächtlichen Einstellungen und Verhaltensweisen,
dem Ausnutzen und Übervorteilen anderer zu eigenen Zwecken,
dem Neid auf andere und der Überzeugung, andere seien neidisch auf den Betroffenen,
einem Mangel an Empathie,
in der Tendenz zu süchtigem Verhalten,
wütenden Reaktionen bei Anlässen, die eher Traurigkeit auslösen würden, und
der Frage:
„Wer bin ich noch, wenn ich nicht großartig bin?“
Fällt Ihnen jemand ein, ob aus dem beruflichen oder aus dem privaten Umfeld, auf den einige oder mehrere der Charakteristika zutreffen?
Nehmen Sie sich zur Beantwortung dieser Frage bitte ein paar Minuten Zeit. Am Ende des Buches komme ich darauf noch einmal zurück …
Der depressive Narzisst
Der depressive Narzisst belegt den Pol der Minderwertigkeit. Seine Großartigkeit besteht im Ausmaß seiner (selbst empfundenen) Minderwertigkeit in all ihren Ausprägungen.
Er hat übertriebene Vorstellungen von der eigenen Unbedeutsamkeit und Unfähigkeit. Die Kindheitserfahrung mangelnder emotionaler Resonanz, womöglich in Verbindung mit der Abwertung seiner Person, ist bei ihm vordergründig. Schon früh hat der depressive Narzisst seine Bedürfnisse geopfert und sich seinen Bezugspersonen angepasst, um emotionale Reaktionen aus ihnen herauszulocken. Aufopferung und Erduldung seines Loses hat er idealisiert. In der Überzeugung der Wertlosigkeit und des Aushaltens liegt seine Großartigkeit, darüber definiert er in paradoxer Weise seinen Wert. Der depressive Narzisst trägt in sich die Frage: „Wer bin ich noch ohne mein Drama?“ Indem er das idealisierte Opferdasein lebt, betäubt er sein zutiefst verletztes, gestörtes Selbst mit all seinen unangenehmen Gefühlen. Der depressive Narzisst zeigt ein übertriebenes Maß an Selbstverachtung bei gleichzeitiger Idealisierung der anderen. Er überträgt seine Ideale unbegrenzten Erfolges und Glanzes, unbegrenzter Macht und Schönheit und idealer Liebe auf sein Gegenüber und ist von dessen Besonderheit und Einmaligkeit überzeugt. Leben depressiv fühlende Narzissten in einer Partnerschaft oder Familie, werden Partner und Kinder dazu gebraucht, dieses Ideal zu erfüllen. Nicht selten gehen daher depressive mit grandiosen Narzissten eine Partnerschaft ein. Aus der Unterstützung des Partners und der Förderung der Talente der Kinder kann eine Lebensaufgabe werden, die hartnäckig über die eigenen Grenzen hinaus erfüllt wird. Auch die Grenzen von Partnern und Kindern werden dabei missachtet, die keinen eigenen Interessen nachgehen, sondern das Ideal des Narzissten bedienen sollen. Der depressiv fühlende Narzisst leidet wie der grandiose Narzisst an einem Realitätsverlust bezüglich seiner Bedeutung und Macht, seines Status, seines Wissens und seiner Kompetenzen. Dieser Realitätsverlust kann sich zu einem bedenklichen Nichtigkeits- und Schuldwahn entwickeln. Im Nichtigkeitswahn bezieht ein Betroffener Ereignisse selbstschädigend auf sich, er interpretiert Situationen als Beweis seiner eigenen Nicht-Bedeutung, seines eigenen Nicht-Wertes: „Ich bin bedeutungslos, es ist egal, ob es mich gibt oder nicht!“ Im Schuldwahn interpretiert ein Betroffener Ereignisse als Beweis seines Verschuldens: „Ich mache wirklich alles falsch, ich bin immer schuld!“ Bedenklich sind diese beiden Wahrnehmungsstörungen deshalb, weil sie zu suizidalen Impulsen führen können, wenn die Gefühle eigener Wertlosigkeit und Schuld unerträglich werden. Der depressive Narzisst kann im Laufe seines Lebens unter Phasen depressiver Verstimmungen bis hin zu schweren Depressionen leiden. Es treten begleitend häufig Essstörungen und Süchte auf. Der depressive Narzisst hat eine übertriebene Anspruchshaltung an sein Umfeld: Die idealisierten anderen sollen sich in ihre Rollen fügen, an seiner Stelle seine Ideale von Schönheit, Erfolg und Macht ausleben und ihm Dankbarkeit und Anerkennung zollen. Da er anderen keine Wahl lässt, ist das ein hochegoistischer Akt. Dabei bleibt dem depressiven Narzissten der Hintergrund seines Tuns unbewusst. Allerdings stößt er damit an Grenzen:
An zeitliche Grenzen.
„Ich habe zwei Kinder mit reichlich Hobbys, talentierte Turnerinnen und begnadete Musikerinnen übrigens. Training, Wettkämpfe, Veranstaltungen, da müssen die beiden natürlich oft gefahren werden. Da bleibt keine Zeit für Entspannung oder eigene Hobbys.“
An die Grenzen seiner Kraft.
