Der Mittwochsmann - Notker Karcher - E-Book

Der Mittwochsmann E-Book

Notker Karcher

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Beschreibung

Wie erlebt ein Helfer den Alltag in einem stationären Hospiz? Seit sechzehn Jahren hilft der Autor den hauptamtlichen Palliative-Care-Fachkräften bei der Pflege und Betreuung von schwerkranken und sterbenden Menschen. Einmal in der Woche. Am Mittwoch. In der Spätschicht am Nachmittag. Was er auf der Station erlebt, in der Begegnung mit den Patienten und ihren Angehörigen, beschreibt er in seinem sehr persönlichen und engagierten Bericht, der einen einfühlsamen Blick auf die Realität und Vielschichtigkeit einer menschlichen Grenzsituation wirft. Dabei macht er deutlich, was mit der Palliative Care, der umfassenden Fürsorge von Menschen auf ihrem letzten Weg gemeint ist, bei der ein Team von Fachkräften beteiligt ist, die den Betroffenen Hilfe und Trost bieten. Sein Bericht - sensibel und informativ!

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Seitenzahl: 98

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Anfänge

Offene Tür

Keine Suppe

Hintergrund

Einblicke

Antwort an Rilke

Ein besonderer Moment

Eine Abschiedsfeier

Frau B.

Bei Herrn Z.

Kehrseite

Psalm 22

Nochmal Kehrseite

Kehrseite III

Klage

Eine Herausforderung anderer Art

Inzwischen …

Merkwürdig

Zu spät

Die Tochter

Geschwister

Die Mutter

Auch das ist möglich

Letzter Dialog

Allein

Das Mädchen

Der Bub

Der Junge

Die dritte Tochter

Biografie

Jugendliche Helferinnen

Schwestern und Pfleger

Pflege kreativ

Der Arzt

Die Musiktherapeutin

Der Seelsorger

Trost

Endgültig

Das Ehepaar

Alltag

Die Mutter

Der rätselhafte Vers

Angst

Nähe

Tausch

Morbus Hunter

Bedrückend

Bescheiden

Stütze

»Es ist, was es ist«. (Erich Fried)

Epilog

Prolog

» Sie rennen offene Türen ein«, meinte die Augsburger Vinzentinerin lapidar auf die Frage nach meiner Eignung als männlicher Helfer im stationären Hospiz. Zwei ihrer Mitschwestern arbeiteten auf dieser Station, die vom St. Vinzenz-Hospiz-Verein getragen wird, der sich auch ambulant um Schwerkranke und Sterbende kümmert. Der Verein hatte vor wenigen Jahren ein solches Haus im Süden der Stadt eröffnet. Davon hatte die klösterliche Frau in einem Referat berichtet, zu dem ich nach einigem Zögern gegangen war, begegnete mir doch das Wort 'Hospiz' immer wieder und signalisierte mir auf diese Weise, ich müsse mich endlich für einen entsprechenden Einsatz entscheiden. Seit längerem spielte ich mit dem Gedanken. Die Schwester schickte mich zur Leiterin des Hospizhelfer-Kurses, der in nächster Zeit beginnen sollte. Ich käme gerade zur rechten Zeit.

Ihre Mitschwester erklärte mir erfreut, ich sei der vierte Mann, der sich, in einer Gruppe von insgesamt sechzehn Teilnehmerinnen und Teilnehmern, für den Kurs interessiere. Das habe sie bisher noch nie erlebt. Es seien in der Mehrzahl Frauen, die sich als Hospizhelferinnen engagierten. Nach einem längeren prüfenden Gespräch zeigte sich die verantwortliche Frau zuversichtlich und meinte, sie traue mir das Vorhaben zu und nahm mich in ihre Liste auf.

Ich absolvierte daraufhin, zusammen mit den anderen Interessenten, einen gut halbjährigen Lehrgang, der von einem einwöchigen Praktikum auf der Hospiz-Station unterbrochen wurde. In einer ausgewogenen Mischung erfuhren wir Grundlegendes aus der Medizin, der Psychologie, der Gesprächsführung, der Spiritualität, der Pflege und aus weiteren, verwandten Disziplinen, wir übten nonverbale Kommunikation und aktives Zuhören, Achtsamkeit und Geduld und konnten uns darüber klarwerden, ob wir den Anforderungen des Dienstes gewachsen sind. Jeweils am Freitagabend hörten wir Referate von Fachleuten, redeten in der Gruppe über unser Befinden und bekamen Antworten auf unsere Fragen. Es herrschte eine gute, manchmal ausgelassene Stimmung, konnten wir uns doch aktuell nicht immer konkret vorstellen, welche Schwierigkeiten in den drei in Frage kommenden Bereichen auftreten können. Denn es ging sowohl um ambulanten Dienst in Familien und in Pflegeheimen, als auch um stationäre Mithilfe, Arbeiten, die sich der inneren Struktur und dem Anspruch der Einsatzorte entsprechend unterscheiden. Doch wurden uns die Tätigkeiten und Aufgaben klar vor Augen gestellt. Ausdauer, Kreativität, Flexibilität und persönliche Festigkeit waren in allen Bereichen gefordert.

Immer klarer wurde mir dabei, und meine Erfahrung in den kommenden Jahren bestätigte es, was die Mitte unseres Dienstes ausmacht. Sie wird kurz und bündig im Namen ausgedrückt: Helferin und Helfer zu sein in den verschiedensten Variationen von Hilfe, sei es die Zubereitung einer Tasse Kaffee oder die Unterstützung bei der Pflege oder die Hinwendung und Präsenz bei den Kranken. Jede, auch die einfachste Helfertätigkeit, ist Teil des umfassenden Hospiz-Dienstes, sie unterstützt und entlastet die hauptamtlichen Fachkräfte, ermöglicht diesen den Freiraum, den sie für die Pflege und für die damit verbundenen Pflichten benötigen. Darüber hinaus wurde deutlich, welch hoher Anspruch an jede und jeden von uns gestellt wird, entsprechend den Zielen, die sich die Hospizbewegung gesetzt hat.

Der Abschluss des Kurses bildete ein Wochenende im Kloster des Ordens, in dem in Gesprächsrunden Meinungen und Erfahrungen der Teilnehmer zur Sprache kamen. Hatte sich an unseren Entschlüssen etwas geändert? Sind wir überzeugt, uns den Dienst zumuten zu können? Wie geht es uns beim Gedanken an unsere zukünftigen Einsätze?

Es wurde meditiert, gefeiert und gesungen. Wir übten uns im autogenen Training und machten lange Spaziergänge. In einem abschließenden, persönlichen Gespräch mit der Leiterin ging es wesentlich darum, wie weit unsere Entscheidungen gereift waren und um unsere Wünsche, in welchem der drei Bereiche wir tätig werden wollten. Natürlich war uns klar, dass nicht alle persönlichen Vorstellungen erfüllt werden konnten.

Wenige Wochen danach wurde mir, meinem Wunsch entsprechend, ein Platz im stationären Hospiz angeboten, den ich bis heute als Glücksfall empfinde. Seit nunmehr sechzehn Jahren bin ich einmal in der Woche im Einsatz, am Mittwoch, in der Spätschicht.

Anfänge

Es ist eine bescheidene Station mit sechs Betten, in der ich meinen Dienst an jenem ersten Nachmittag im November 2002 begann, bestens betreut von einer jungen Ordensschwester mit einer Palliative-Care-Qualifikation, deren muntere Gestimmtheit mich recht ermutigte. Sie erklärte ausführlich und genau, gab mir Ratschläge und Tipps. Es wurde ein guter Anfang, an den ich mich gern erinnere.

Die Schwester stellt mich den Patienten vor, den ‚Gästen‘, wie diese im Haus auch genannt werden. Ich bin angespannt. Das Mitgehen in die Zimmer wird mir jedoch durch meine Betreuerin erleichtert. Vor einem der Räume, dessen Tür halb geöffnet ist, schweigt die Nonne. Die Patientin liegt schlafend mit kaum wahrzunehmenden Atemzügen, über eine Infusion mit Medikamenten versorgt. »Sie ist auf dem Weg«, erklärt mir die Begleiterin leise. Die Frau ruht gebettet, auf der einen Seite von Polstern gestützt, um einem Wundliegen vorzubeugen.

Der Begriff ‚Gäste‘. Ich erinnere mich, wie lebhaft, ja geradezu ehrfürchtig die klösterliche Kursleiterin über diesen alternativen Ausdruck für die Schwerkranken gesprochen hat. Ich hatte damals als Neuling den Eindruck, dass sie dem Begriff eine besondere, gar spirituelle Bedeutung beimisst. Das Wort bringt die Verweildauer der Kranken auf der Station zur Sprache. Sie sind als Gäste vorübergehend im Haus. Doch verlassen sie dieses Haus anders als Gäste eines Hotels oder eines familiären Festes. Das Weggehen und Sich-Verabschieden der Stationsgäste ist von einer besonderen Qualität, deren Ernst im Wort ‚Gäste‘ nicht sofort zum Ausdruck kommt. Dass es da um schwere, unheilbare Krankheit und ums Sterben geht, wird erst beim zweiten Blick deutlich. Aus meiner Helfer-Erfahrung der zurückliegenden Jahre heraus bin ich bemüht, den Begriff nicht zu verwenden, da ich mit ihm eine andere Vorstellung verbinde.

Ich erfahre, dass die Patienten in der Regel von ihren Hausärzten medizinisch versorgt werden. Ist dies nicht möglich, springt ein erfahrener Palliativ-Mediziner ein, mit dem die Station zusammenarbeitet. Er schaut regelmäßig bei den ihm anvertrauten Kranken vorbei, spricht mit ihnen, mit den Schwestern, macht sich ein Bild vom aktuellen Ergehen der Patienten, verschreibt entsprechend notwendige Medikamente und klärt Familienangehörige auf.

Die Schwester ist unablässig am Berichten und Informieren. Sie ist allein auf der Station, mit mir als Helfer, den sie in seinen Dienst einweist. Dazu muss sie nach den Kranken schauen, diese lagern, nach den Infusionen schauen, sie pflegen und ihre Protokolle schreiben, damit sie beim Schichtwechsel am Abend der Nachtschwester den aktuellen Stand übergeben kann.

Ich bin seit halb zwei Uhr auf der Station. Nach der Kennenlern-Runde ist Zeit für Kaffee und Kuchen für die Patienten, ein Dienst, der, neben der Vorbereitung des Abendessens, zu meinen Hauptaufgaben während der Spätschicht gehört. Je nach dem Befinden der Kranken hilft dabei die Schwester mit. An diesem ersten Nachmittag muss sie mich aktiv unterstützen und dazu vieles erklären.

Der Arbeitsplatz ist die Stationsküche mit ihren vielerlei Tätigkeiten, ein Ort, in den ich immer wieder zurückkehre. Die Köchin hat in der großen Küche im Erdgeschoss, neben der Zubereitung von individuellen Mahlzeiten für die Kranken, auch einen Kuchen für den Kaffee am Nachmittag gebacken. Den bringe ich zu Beginn meiner Spätschicht in die Küche der Station und verteile ihn von dort, je nach Wunsch, zusammen mit Tee, Milch oder heißer Schokolade an die Patienten. Wieder bin ich in den Zimmern, erkundige mich, ob eher Eis oder Joghurt angebracht ist. Wieder hilft die Schwester mit. Auf einem Tablett trage ich das Gewünschte in die Zimmer, helfe, wo dies nötig ist, beim Essen und Trinken, bin auf diese Weise in Kontakt mit den Kranken.

Der Kontakt zu ihnen – er steht ganz oben im Helferdienst. Wobei es nicht darum geht, mich aufzudrängen. Es gibt so viele Möglichkeiten, in die Zimmer zu gehen, sei es, ein Patient läutet, weil Hilfe nötig ist, sei es, ich fülle den Pflegeschrank auf – mit Handtüchern, Waschlappen, mit aus Endloswindeln zugeschnittenen Teilen, die zur Reinigung benötigt werden. Hinzu kommen ‚Durchzüge‘, Linnen, die zusätzlich über die Spannbetttücher gelegt werden und nicht zuletzt die ‚Safetex‘- Betteinlagen. Dabei ergibt sich immer wieder, so erlebe ich es, die Möglichkeit zum Gespräch, mit den Patienten, mit Familienangehörigen und mit Besuchern.

Die für die Pflege der Kranken benötigte Wäsche wird zu dieser Zeit noch im Haus gereinigt. In den folgenden Monaten werde ich zu Beginn meines Dienstes zunächst in die Waschküche im Keller gehen, um die fertigen, nassen Teile aus den Waschmaschinen zu nehmen und in die Trockner zu legen, diese später leeren und die gefüllten Waschkörbe ins stationäre Bad tragen. Dort sortiere ich die Wäsche, lege die Handtücher und die Betteinlagen zusammen und verteile sie in die Schränke auf den Zimmern. In diesen Schränken ist ein Bereich für die verschiedensten notwendigen Pflegeutensilien reserviert. Dort bringe ich die geordneten Teile unter und kontrolliere, ob genügend Material für die umfangreiche Pflege der Schwerkranken während des Tages, am Abend und am nächsten Morgen vorhanden ist.

Diese Arbeit nimmt ein ‚gerütteltes Maß‘ an Zeit in Anspruch. Neben der Essensvorbereitung in der Teeküche gehört sie zu den ‚hauswirtschaftlichen‘ Tätigkeiten meiner Spätschicht. Sie bilden die Eigenart des stationären Helferdienstes, die jedoch meine Anwesenheit bei den Kranken und Sterbenden einschließt und ermöglicht. Diese haben mit ihren Anliegen und Bitten stets Vorrang. Daher unterbreche ich meine Arbeit im Bad oder in der Küche, wenn sie um Hilfe rufen, frage nach und gebe das Problem, wenn ich es nicht lösen kann, an die Schwester weiter.

Diese spezielle Gestalt des stationären Dienstes, vor allem seine ‚hauswirtschaftliche‘ Seite, sie war mir bekannt. Davon hatte ich während meiner Ausbildung im Praktikum erfahren. Sie war auch im theoretischen Teil des Helferkurses immer wieder zur Sprache gekommen. Das war mir bewusst, als ich die Chance ergriff, auf der Station zu arbeiten. Ich habe es bis heute nicht bereut, kam doch meine eigene Betreuung durch die hauptamtlichen Fachkräfte hinzu, die ich sehr schätze und nicht missen möchte.

Und es kam die Erweiterung meiner Kochkünste hinzu, wurde ich doch, in den ersten Wochen, von der liebenswürdigen, älteren Vinzentinerin, der ich immer wieder in der Spätschicht half, über die Zubereitung eines Grießbreis eingeführt. Ich kam daraufhin in den kommenden Jahren zu dem zweifelhaften Ruf, ich könne besagte Speise besonders gut herrichten, und mir daher die diensttuenden Schwestern, mit einem Augenzwinkern, deren Vorbereitung gerne überließen. Sie übersahen jedoch dabei, dass ich beim Kochen dieses süßen Breis stets ins Schwitzen kam.

Die Schwester lässt mich allein, nachdem sie mir die Arbeit mit der Pflegewäsche erklärt hat. Ich habe diese auf einen Wagen gelegt und gehe mit ihm von Zimmer zu Zimmer, verweile, bevor ich klopfe, versuche auf diese Weise, die Schwierigkeiten des Anfangs zu überwinden, und öffne die Tür.

Es dauert, bis ich mutiger und sicherer werde in der Begegnung mit den Schwerkranken. Dabei erlebe ich Unterschiede. Mal geht der Kontakt schneller, mal braucht es Zeit. Die Initiative geht von den Kranken aus. Von mir ist, so habe ich gelernt, Achtsamkeit gefordert und Zurückhaltung.