Der Moment der Stille - Karen Stivali - E-Book

Der Moment der Stille E-Book

Karen Stivali

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Beschreibung

Jason Stern wuchs behütet auf mit hingebungsvollen Schwestern, einem Vater, der einer der angesehensten Rabbiner in Brooklyn war, und einer Mutter, die die beste Babka der Welt machte. Er machte sich auf den Weg zur NYU und war für alles bereit - außer sich in den falschen Mann zu verlieben, sich zu outen und von seiner einst so geliebten Familie verstoßen zu werden. Trotzdem schaffte Jason es, seinen Abschluss mit Auszeichnung zu machen. Jetzt hat er Freunde, die ihn wie eine Familie behandeln, und er ist stolz darauf, die größte LGBTQ-Jugendeinrichtung in Manhattan zu leiten. Das Leben ist gut zu ihm, aber er verliebt sich immer noch in die falschen Männer ... Als der charmante, sexy Quinn Fitzpatrick seine Arbeit im Heim aufnimmt, ist Jason sofort Feuer und Flamme. Quinn ist groß, blond, witzig - verdammt, fast perfekt. Nur ob Quinn schwul ist, scheint selbst er nicht zu wissen. Und falls er es weiß, sagt er es niemandem. Lange Arbeitstage verwandeln sich in lange Nächte, in denen geredet und gelacht wird, und Jason wagt zu hoffen, dass er sich dieses Mal in den richtigen Mann verliebt. Aber Quinn hat mit seiner Vergangenheit zu kämpfen und muss wichtige Entscheidungen für seine Zukunft treffen. Als Quinn zu einem stillen Rückzug aufbricht, weiß Jason, dass die Stille alles verändern könnte.

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Seitenzahl: 394

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Karen Stivali

Der Moment der Stille

Moments in time 4

Aus dem Englischen von Cleo Göttert

Impresum

© dead soft verlag, Mettingen 2023

http://www.deadsoft.de

Für Fragen zur Produktsicherheit:

[email protected]

© the author

Titel der Originalausgabe: Moment of Silence

Übersetzung: Cleo Göttert

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Vjom – stock.adobe.com

© Volodymyr – stock.adobe.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-658-6

ISBN 978-3-96089-659-3 (ebook)

Dieses Buch wurde in Erinnerung an all die Weihnachts- und Chanukkafeste geschrieben, die ich als Kind mit meiner Familie gefeiert habe. Obwohl viele der Menschen, die an diesen Feiern teilgenommen haben, nicht mehr hier sind, bleiben diese Erinnerungen in meinem Herzen lebendig.

Inhalt:

Jason Stern wuchs behütet auf mit hingebungsvollen Schwestern, einem Vater, der einer der angesehensten Rabbiner in Brooklyn war, und einer Mutter, die die beste Babka der Welt machte. Er machte sich auf den Weg zur NYU und war für alles bereit - außer sich in den falschen Mann zu verlieben, sich zu outen und von seiner einst so geliebten Familie verstoßen zu werden. Trotzdem schaffte Jason es, seinen Abschluss mit Auszeichnung zu machen.

Jetzt hat er Freunde, die ihn wie eine Familie behandeln, und er ist stolz darauf, die größte LGBTQ-Jugendeinrichtung in Manhattan zu leiten. Das Leben ist gut zu ihm, aber er verliebt sich immer noch in die falschen Männer ...

Als der charmante, sexy Quinn Fitzpatrick seine Arbeit im Heim aufnimmt, ist Jason sofort Feuer und Flamme. Quinn ist groß, blond, witzig - verdammt, fast perfekt. Nur ob Quinn schwul ist, scheint selbst er nicht zu wissen. Und falls er es weiß, sagt er es niemandem.

Lange Arbeitstage verwandeln sich in lange Nächte, in denen geredet und gelacht wird, und Jason wagt zu hoffen, dass er sich dieses Mal in den richtigen Mann verliebt. Aber Quinn hat mit seiner Vergangenheit zu kämpfen und muss wichtige Entscheidungen für seine Zukunft treffen. Als Quinn zu einem stillen Rückzug aufbricht, weiß Jason, dass die Stille alles verändern könnte.

Kapitel Eins

Früher war die Arbeit eine zwölfstündige Ablenkung von der Tatsache, dass ich kein Liebesleben hatte. In den letzten drei Wochen war es eine Lektion darin, wie verdammt sexy ein Priester aussehen konnte, wenn er Schränke baute.

Fast-Priester. Er hat sein Gelübde noch nicht abgelegt. Die hoffnungsvollen Gedanken kamen mir fast genauso schnell in den Sinn wie die negativen.

Außerdem ist er heterosexuell.

Ich stieß einen langen, langsamen Atemzug aus und versuchte, mich auf den Stapel Förderanträge auf meinem Schreibtisch zu konzentrieren, anstatt den Flur hinunterzuschauen und Quinn beim Kistentragen zu beobachten. Verdammt, ich liebte es, ihm beim Tragen von Sachen zuzusehen. Die Armmuskeln spannten sich, das T-Shirt war straff über seinen Rücken gezogen.

Scheiß drauf. Ich schob meinen Stuhl so schnell zurück, dass er auf dem abgenutzten Holzboden quietschte. Quinn musste es gehört haben, denn als ich in den Flur trat, sah er mich direkt an – ein Blick, der mich an unangemessenere Dinge denken ließ, als ich je über einen Kollegen gedacht hatte, egal wo. Und ich hatte schon an vielen Orten gearbeitet.

»Brauchst du Hilfe?« Ich fragte mich, ob das Verlangen in meiner Stimme für irgendjemanden außer mir wahrnehmbar war.

Quinn lächelte kurz und nickte, bevor er den Karton auf einen Stapel anderer stellte. Er wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn, wodurch sich sein wirres blondes Haar so aufrichtete, dass ich mich fragte, ob er morgens nach einer durchzechten Nacht auch so aussah. Ein Gedanke, der mir zweifellos ein One-Way-Ticket in die Hölle einbrächte, wenn er wirklich Priester würde. Und wenn die Hölle existierte. Nicht, dass das eine oder andere von Bedeutung gewesen wäre. Alles, was zählte, war, dass ich aufhörte, zu starren und ihm half, die verdammten Kisten zu tragen.

Ich versuchte, so lässig wie möglich zu wirken, und warf einen Blick in den Raum, der in ein paar Monaten die neue Küche des Heims sein sollte. Im Moment war es ein riesiger, kahler Raum mit schäbigem Linoleum, das an den Ecken abblätterte, und Stücken von Putz, die an mehreren Stellen der Wand fehlten. Die Materialien für den Wiederaufbau waren alle gespendet und Quinn als Arbeitskraft angestellt worden. Ein Teil meiner Aufgabe war es, ihm zu helfen, was höllisch viel einfacher wäre, wenn ich mich auf irgendetwas konzentrieren könnte, wenn er im selben Raum war.

Ich sah mir die Kartons und Kisten an der Wand an. »Sind die alle heute angekommen?«

»Ja. Eine zweite Ladung ist gerade gekommen. Ich habe sie bestellt und hoffe, das ist in Ordnung. Ich wusste nicht, dass du hier bist.«

Na toll. Ich bin unsichtbar. »Hey, solange niemand etwas für die Lieferungen verlangt, kannst du für alles unterschreiben, was auftaucht.«

»Es ist erstaunlich, wie viel sie gespendet bekommen haben. Du musst sehr überzeugend gewesen sein, als du diese Unternehmen um Hilfe gebeten hast. Ziemlich beeindruckend.« Er schenkte mir wieder eines seiner mörderischen Lächeln.

Okay, also vielleicht nicht ganz unsichtbar … »Danke. Es ist leicht, überzeugend zu sein, wenn es etwas ist, das einem am Herzen liegt.«

»Nun, dir muss das New Home sehr am Herzen liegen. Collin hat gesagt, du arbeitest seit Jahren mit diesem Heim zusammen.«

»Drei.« Ich lächelte und dachte an Collin. Die fehlgeleitete Verliebtheit, die ich im vorletzten Sommer für ihn empfunden hatte, hätte beinahe unsere Freundschaft ruiniert, aber wir hatten es geschafft, sie zu retten. Wir sprachen nicht oft miteinander, aber als er erfahren hatte, dass Quinn drei Monate lang mit mir arbeiten würde, hatte er mir eine SMS geschickt und mich gebeten, für ihn auf seinen großen Bruder aufzupassen. »Großer Bruder« war wörtlicher gemeint, als ich erwartet hatte. Quinn war nicht nur einige Jahre älter als Collin, er war auch mindestens drei Zentimeter größer und viel kräftiger gebaut. Stark.

Konzentrieren. Einfach konzentrieren.

»Super, dass du die Zeit dafür gefunden hast, während du auf dem College warst.« Quinn ging den Flur hinunter, und ich folgte ihm hinaus zum Wagen. »Hast du als Praktikant angefangen?«

»Nicht ganz. Ich war fast ein Bewohner.«

Quinns Augenbraue hob sich, und er musterte mich mit deutlicher Neugier. Dass er mich so aufmerksam ansah, ließ eine neue Welle unangemessener Gedanken durch mein Gehirn wirbeln. Er öffnete den Mund, hielt aber inne, wahrscheinlich um zu überlegen, wie er taktvoll fragen konnte, was ich meinte. Ich hatte es nicht eilig zu antworten, denn das gab mir die Gelegenheit, seine Lippen zu studieren. Seine perfekten, rosafarbenen …

»Jason.« Die schrille Stimme unserer sechzigjährigen Sekretärin Alice schallte durch die Luft. Ich drehte mich um und sah, wie sie sich aus ihrem Bürofenster lehnte. »Da ist eine junge Dame, die dich sprechen möchte. Ich habe sie gerade in dein Büro geschickt. Was machst du hier draußen auf der Straße?«

»Ich helfe beim Ausladen.« Komisch, wenn man bedachte, dass ich es noch nicht einmal geschafft hatte, eine Kiste anzufassen, geschweige denn, sie ins Gebäude zu tragen.

»Nun, geh rüber ins Büro. Sie wird denken, ich schicke sie auf eine aussichtslose Suche.« Alice erinnerte mich an meine Großmutter, was es mir schwer machte, Nein zu ihr zu sagen.

»Ich bin gleich da.« Ich drehte mich zu Quinn um, der es geschafft hatte, drei weitere Kartons aus dem Lastwagen zu holen. »Tut mir leid, ich sehe besser mal nach, wer wartet. Lass mich zwei davon nehmen.«

Quinn reichte mir die beiden obersten Kisten und wartete, bis ich sie gut in der Hand hatte, bevor er sie losließ. Mein Arm streifte seinen, und die Berührung der warmen, glatten Haut in der kalten Herbstluft löste einen neuen Schwall von Fantasien aus.

»Ich möchte die junge Dame nicht warten lassen.« Er lächelte wieder.

»Und ich möchte Alice wirklich nicht verärgern.«

Quinn gluckste. Schon der Klang seines Lachens ließ meine Gedanken in die falsche Richtung rasen. Tief und männlich, aber mit einem kleinen Keuchen am Ende, bei dem ich mich fragte, wie er wohl über andere Dinge keuchen würde.

Hör auf. Hör einfach auf.

Und welche junge Frau könnte hier sein? Soweit mir bekannt war, gab es keine Neuzugänge, und die Liste der Freiwilligen war voll, da die Studenten ihren Zivildienst ableisten mussten. Auch die Betten waren leider alle belegt. Ich kämpfte mich durch die Tür und achtete darauf, nicht zu sehr wie ein Tollpatsch auszusehen, falls Quinn mich beobachtete. Es war nicht ganz einfach, um die Ecke zu manövrieren, aber ich schaffte es, nicht gegen die Wand zu prallen. Dann sah ich die Frau im Flur stehen und ließ fast alles fallen.

Ich hatte meine Schwester Leah seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen, aber da stand sie vor meinem Büro und wippte von einem Fuß auf den anderen, wie sie es immer tat, wenn sie nervös war. Es war gut, zu wissen, dass sich einige Dinge nicht geändert hatten.

»Hey«, sagte ich, als ich näher kam.

Ihr Blick schweifte vom Boden hoch. Dunkle Augen, genau wie meine, nur viel stärker geschminkt. Wann hatte sie angefangen, Make-up zu tragen?

»Jason.« Ihre süße, melodische Stimme überflutete mein Gehirn mit Gefühlen. Als wir Kinder waren, hatten wir uns nachts auf unser Dach geschlichen und stundenlang geredet. Wenn ich einschlief, hörte ich diese Stimme öfter, als ich zählen konnte. Ich hatte sie schon so lange nicht mehr gehört.

»Geht es dir gut?« Sie schien nicht verletzt oder übermäßig verärgert zu sein, nur nervös. Und viel hübscher, als ich sie in Erinnerung hatte. Ich meine, ich fand sie immer schön. Wir hatten beide die zarten russischen Gesichtszüge unserer Mutter. Große Augen, schmale Nase, hohe Wangenknochen, glattes dunkles Haar. Als wir klein waren, hatten uns die Leute für Zwillinge gehalten. Ich war nur zehn Monate älter, und bis zur neunten Klasse waren wir gleich groß. Dann bin ich dreißig Zentimeter gewachsen und sie blieb eins zweiundfünfzig.

Leah nickte, und ich merkte, dass sie zu verlegen war, um zu sprechen. Ein Knoten bildete sich in meiner Kehle. Ich wollte sie umarmen, aber es war schon so viel Zeit vergangen. Zeit, die mit Schweigen gefüllt war. Ich schob meine Hände in meine Taschen.

Sie blinzelte, und eine einzelne Träne fiel ihr auf die Wange, sodass mir die Augen brannten und tränten.

»Mir geht es gut«, sagte sie. »Und es tut mir so leid.«

Leah katapultierte sich nach vorne und schlang ihre Arme um mich. Ich taumelte eine Sekunde lang, eine Mischung aus Schock und Aufprall, dann hielt ich mich fest. Gott, es fühlte sich gut an, sie zu umarmen. Ich hatte sie nicht nur vermisst, ich konnte mich auch nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal jemanden umarmt hatte oder in den Arm genommen worden war.

Ich drückte sie ganz fest an mich und ließ dann von ihr ab. »Bist du sicher, dass es dir gut geht? Was ist los?«

Sie schaute sich um und wischte sich mit den Fingerspitzen über die Augen. »Können wir irgendwo reden?«

»Sicher.« Ich zeigte zu meinem Büro. Es gab noch keine Tür, aber es war auch niemand da außer Quinn, der immer noch mit dem Ausladen des Lastwagens beschäftigt war, und Alice, deren Büro sich eigentlich im Gebäude nebenan befand. Ich räumte einen Stapel Papiere vom freien Stuhl, dann zog ich meinen Schreibtischstuhl heran und setzte mich ihr gegenüber. »Was hat das alles zu bedeuten?«

Leah atmete tief ein und langsam wieder aus und sah mich unter ihrem dunklen Pony hervor an. »Du musst mir einen Gefallen tun.«

Ja, natürlich. Enttäuschung machte sich in meinem Magen breit, und meine Schultern spannten sich an. »Okay …«

»Ich treffe mich mit einem Typen. Aus der Schule. Er ist im Architekturprogramm, aber wir waren zusammen in einer Klasse, und wir haben uns gut verstanden.«

Es hatte sich herumgesprochen, dass sie auf die Parson’s School ging und eine Art Designstudium absolvierte. »Klingt super.«

»Das ist es.« Wieder ging der nervöse Blick über ihr Gesicht. »Aber ich mache mir Sorgen.«

Und los geht’s. »Und warum?«

»Er ist Methodist. Und sein Vater ist ein ziemlich bekannter Pfarrer.«

»Oje.«

»Genau.«

»Wissen Mom und Dad überhaupt, dass du dich mit ihm triffst?«

Ihr Pony wippte hin und her, während sie den Kopf schüttelte.

»Dann triff dich einfach weiter mit ihm.«

Wieder traten ihr Tränen in die Augen. »Ich muss es ihnen irgendwie sagen.«

»Warum?«

Sie schnappte erschrocken nach Luft, hielt dann den Atem an und starrte auf ihren Schoß. Sie hob ihren Kopf und unsere Blicke trafen sich. »Ich bin schwanger.«

Ich hörte die Worte, aber ich brauchte eine Sekunde, um sie zu verarbeiten.

Heilige Scheiße! Ein Baby? Meine kleine Schwester kriegt ein Baby?

Sie wischte sich erneut über die Augen und fummelte dann an der Kante ihres Ärmels herum. »Bist du sauer?«

»Was? Nein. Natürlich nicht.«

Mehr Tränen. Ich griff in die oberste Schreibtischschublade und kramte darin herum, bis ich einen Stapel Servietten von der Pizzeria fand. Ich reichte sie ihr und sah zu, wie sie sich die Augen trocknete und die Nase putzte, während ich darüber nachdachte, welche der zig Fragen, die mir durch den Kopf gingen, ich ihr zuerst stellen sollte.

»Jason, ich weiß nicht, was ich tun soll.«

Verständlich. »Nun, zuerst einmal, bist du sicher? Warst du bei einem Arzt?«

Sie nickte. »Ich bin ungefähr in der zehnten Woche. Der Arzt hat gesagt, dass alles ganz normal aussieht.«

»Normal« war nicht das Wort, das meine Eltern für den derzeitigen Zustand meiner unverheirateten, zweiundzwanzigjährigen Schwester verwenden würden. »Das ist gut.«

»Ich denke schon.« Sie schniefte und begann, eine der anderen Servietten zu zerreißen.

»Hast du es ihm … Scheiße, ich kenne nicht mal seinen Namen.?«

»Christopher.«

Ich versuchte, mein Lachen zu unterdrücken, aber es gelang mir nicht.

Sogar Leah lächelte ein wenig. »Ich weiß. Könnte es noch offensichtlicher sein, dass er Christ ist? Und ja, er weiß es. Er ist sogar ziemlich glücklich.«

»Was ist mit dir? Bist du glücklich?«

Ihre Augen wurden groß. »Ich weiß es nicht.«

Ohoh. »Liebst du den Kerl?«

»Ja.« Es gab nicht einmal das geringste Zögern.

»Liebt er dich?«

»Ja.« Mehr Serviettenschnipsel.

»Willst du das Baby?«

»Ja, natürlich. Ich wollte schon immer Kinder haben.«

Ich holte tief Luft und seufzte. »Du hast nur eine Scheißangst, es Mom und Dad zu sagen.«

Sie schloss ihre Augen und nickte. »Ich versuche es schon die ganze Woche, aber ich schaffe es nicht.«

»Hast du es noch jemandem erzählt?«

»Nein. Ich habe es Christopher sofort gesagt, als ich es erfahren habe. Ich hätte es vielleicht Rachel gesagt, wenn sie in der Nähe gewesen wäre, aber sie ist nach der Hochzeit nach North Carolina gezogen. Hast du das gewusst?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte von der Hochzeit meiner älteren Schwester von einem alten Nachbarn erfahren, den ich auf Fire Island getroffen hatte und der annahm, dass ich zu der Hochzeit eingeladen war. Das war nicht der Fall.

»Es tut mir leid, Jason. Ich habe versucht, sie dazu zu bringen, dich einzuladen. Mom hat es auch versucht. Dad hat darauf bestanden, dass es nicht der richtige Zeitpunkt und Ort ist, um Familienprobleme zu besprechen.«

Das brachte es auf den Punkt. Ein Familienproblem. Der eine Sohn. Die große Enttäuschung. Das schwule Schaf. Das schändliche Geheimnis. Das war ich. »Ich habe es verstanden. Ich habe nichts anderes erwartet. Aber danke für den Versuch.«

»Du weißt, wie sie sind. Und du weißt, wie sie reagieren werden, wenn ich ihnen davon erzähle. Die Tochter des Rabbiners, geschwängert vom Sohn des Pfarrers? Das ist wie in einem schlechten Film.« Sie legte ihre Hände auf ihren Bauch und streichelte ihn schützend.

Sie hatte recht. Sie würden es nicht gut aufnehmen. »Was wirst du tun?«

Leah kaute auf ihrer Lippe und rümpfte die Nase – ihr Ich-bitte-dich-gleich-um-einen-Gefallen-Gesicht.

Ich zog eine Augenbraue hoch.

»Ich dachte, du könntest vielleicht mitkommen, wenn ich es ihnen sage. Vielleicht redest du für mich mit Dad?«

Das war alles gar nicht lustig, aber ich lachte. »Im Ernst? Glaubst du, Dad wird ausgerechnet auf mich hören?«

»Das hat er immer getan.«

»Das ist schon lange her. Er hat seit dem Tag, an dem er mich rausgeschmissen hat, kein Wort mehr mit mir gesprochen.«

»Ich weiß.«

»Wie kannst du dann denken, dass es eine gute Idee ist, mich mitzunehmen? Soll ich ihm sagen, er soll es positiv sehen, wenigstens bist du nicht schwul, sondern nur schwanger?«

»Nein.« Sie sah verletzt aus, und ich bedauerte den Sarkasmus.

»Hör mal, es ist nicht so, dass ich dir nicht helfen will. Ich weiß nur nicht, wie.«

»Ich dachte, vielleicht … wenn er dich sieht, ich weiß nicht. Vielleicht würde er erkennen, dass er bereits ein Kind verloren hat und vielleicht nicht noch ein weiteres verlieren will. Ich dachte, vielleicht würde er uns beiden vergeben.«

Ich hatte meine Zweifel, aber sie sah so hoffnungsvoll aus.

Leah streckte ihre Hand aus und ergriff meine. »Kommst du mit mir? Bitte, J-Bear?«

»Wirklich? Ganz im Ernst? Die ganze Zeit ohne einen einzigen Anruf oder eine E-Mail, und jetzt ziehst du die J-Bear-Karte?« Das war ihr Spitzname für mich, als wir Kinder waren. Ich hatte ihn gehasst und geliebt und konnte nie Nein sagen, wenn sie ihn benutzt hatte.

»Hat es funktioniert?« Die großen braunen Augen machten mich stutzig. Welpenaugen.

Scheiße. »Ja, es hat funktioniert. Wann willst du das machen?«

»Jetzt?«

Mir fiel die Kinnlade herunter.

»Ich habe es überprüft. Daddy ist heute Abend zu Hause, weil er morgen früh für den Rest der Woche zu einer Art Meeting nach Florida abreist. Ich dachte, es wäre gut, wenn er etwas Zeit zum Nachdenken hätte, falls es nicht gut läuft.«

Mein Magen zog sich zusammen und ich bemerkte, dass sich meine Hände so sehr verkrampft hatten, dass meine Knöchel weiß geworden waren. Ich zwang mich, mich zu entspannen. Die Chance, dass es glattging, war gering genug. Wenn ich wütend hineinginge, sänke die Chance gegen null. »Leah …«

Sie ließ die Schultern hängen und starrte auf den Haufen zerrissener Servietten in ihrem Schoß. »Es ist okay. Es war eine dumme Idee. Du bist mir nichts schuldig. Es tut mir leid, dass ich …«

»Ich gehe mit.«

Ihre Augen wurden groß. »Du gehst mit?«

Ich habe diese Woche nichts besonders Dummes getan, abgesehen davon, dass ich mich in einen Priester verknallt habe. Klar. Warum nicht? »Lass mich den Leuten sagen, dass ich wegmuss.«

Leahs Gesicht erhellte sich mit einem breiten Lächeln. »Danke, J-Bear.«

»Danke mir noch nicht. Vielleicht funktioniert das gar nicht.«

»Ich danke dir, dass du Ja gesagt hast.«

Ihre Augen wurden wieder feucht. Waren das die Schwangerschaftshormone oder hatte sie mich genauso vermisst wie ich sie? Es war mir eigentlich egal. Ich war nur froh, dass sie hier war.

Ich bat Quinn, abzuschließen, wenn er ginge, und Alice, mir alle Nachrichten zu mailen, die während meiner Abwesenheit kämen, dann machten Leah und ich uns auf den Weg. Meine Nerven lagen blank, als ich die Treppe zur U-Bahn hinunterstieg. Ich hatte die U4 nicht mehr genommen, seit ich das letzte Mal nach Hause gefahren war.

Nach Hause.

Das Wort erfüllte mich mit einer Mischung aus Sehnsucht und Furcht. Es war nicht mehr mein Zuhause. Es war nur noch der Ort, an dem ich aufgewachsen war. Der Ort, an dem mein Vater lebte. Der Ort, bei dem ich mir nicht sicher war, ob ich überhaupt dorthin wollte.

Kapitel Zwei

Die Straße sah so aus wie immer – mit Bäumen gesäumte, kaputte Bürgersteige, ordentlich gepflegte Häuser in einer Reihe. Vertraut und fremd zugleich. Mein Frösteln hatte nichts mit der Oktoberbrise zu tun, sondern mit der Tatsache, dass jeder Schritt mein altes Zuhause näherbrachte.

»Bist du okay?«, fragte Leah.

Ich tue das für sie. Es geht um sie, nicht um mich. »Es geht mir gut.«

»Du zitterst ja.«

»Ich hätte eine dickere Jacke anziehen sollen.« So ein Quatsch. Meine Lederjacke war mehr als warm genug, aber sie hatte keine Superkräfte, also konnte sie nicht verhindern, dass die Flashbacks durch mein Gehirn rasten.

Unsere Eingangstreppe.

Ich bin fünf Jahre alt, und mein Vater hält mir eine aufmunternde Rede darüber, dass ich an meinem ersten Tag im Kindergarten nicht nervös sein muss.

Ich schüttelte heftig den Kopf, um ihn freizubekommen, und zwang mich, die Backsteinstufen hinaufzusteigen. Leah schloss die Tür zum Haus auf.

Der erste Atemzug brachte mich fast um den Verstand. Langsam atmete ich ein und nahm die Mischung der Düfte in mich auf. Gebratenes Huhn … etwas frisch Gebackenes, vielleicht Challah? Der schwache, allgegenwärtige Geruch von Kerzenwachs und Rauch. Jedes Aroma wirbelte um mich herum wie ein Geist.

Leah schloss die Tür leise hinter uns. »Bist du bereit?«

»Ich denke schon.«

So bereit, wie ich es jemals sein werde.

Wir schlichen den Flur hinunter zum Büro meines Vaters, wobei wir wie immer leichtfüßig gingen. Er konnte telefonieren oder mit jemandem zusammen sein, und wir hatten nie stören wollen. Ich wich auf die linke Seite des Flurs aus, um das Quietschen der Dielen zu vermeiden. Die massiven Holztüren seines Büros waren angelehnt. Ich konnte den tiefblauen Teppich vor seinem Schreibtisch sehen.

Ich bin acht und liege auf dem Läufer auf dem Bauch und male mit den fünfzig Zauberstiften, die ich zu Chanukka bekommen habe, während mein Vater an seinem Arbeitsplatz schreibt.

Leah blickte zu mir auf, als wir uns der Tür näherten, und wir blieben stehen, um zu lauschen. Ich hörte seine Stimme, aber sonst nichts. Mein Herz schlug schneller, und meine Nägel bissen sich in meine Handfläche, aber die Erinnerungen kamen immer wieder. Ich starrte auf das Muster, das in das dunkle Holz der Tür geschnitzt war.

Ich bin zwölf, und mein Vater hat mich in sein Büro gerufen. Ich werde bald dreizehn, und er bereitet mich auf meine Bar Mitzwa vor. »Du wirst bald ein Mann sein.« Seine Augen sind freundlich und sanft und voller Stolz.

Ich schluckte schwer und bekämpfte den Drang zu gehen. Ich zwang mich, mich zu konzentrieren, und dachte an Leah. An das, was sie ihm zu sagen hatte. Es half nicht.

Ich bin vierzehn Jahre alt. Ich bin in das Büro meines Vaters gegangen, um ihn um Rat für ein Schulprojekt zu bitten. Er unterhält sich mit einem gut aussehenden jungen Fremden, einem Mann in den Zwanzigern mit seidigem dunklem Haar, dunklen Wimpern und einem Fünf-Uhr-Schatten. Ein Mann mit schlanken Hüften und langen Fingern und einem sanften Lächeln, das mich erkennen lässt, dass ich mich, obwohl er ein Mann ist, zu ihm hingezogen fühle. Ich werde rot und stottere, als ich ihm die Hand gebe, und er drückt meine Finger auf eine Weise, die ich mir in meinem Zimmer millionenfach vorstellen werde.

Die Stimme meines Vaters dröhnte. Er stritt sich eindeutig mit demjenigen, mit dem er telefonierte. Leah warf mir einen besorgten Blick zu, aber ich zuckte mit den Schultern. Wenn wir auf einen anderen Tag warteten, würde sich das Problem nicht in Luft auflösen, und wir waren jetzt hier. Sie schien meine Gedanken zu lesen und nickte mit einem leichten Seufzer. Ich legte meine Hand auf ihre Schulter, weil ich mich an irgendetwas festhalten musste, aber auch, um sie zu beruhigen.

Ich bin achtzehn Jahre alt. Mein Stipendienbrief von der NYU ist gerade angekommen. Er ist umfangreicher, als wir erwartet hatten. Mein Vater strahlt mich von seinem Schreibtisch aus an, lächelt und strahlt. Ich bin voller Hoffnung und Aufregung.

Mein Herz klopfte so stark, dass ich sicher war, Leah könnte es hören.

Ich bin neunzehn Jahre alt und zum ersten Mal in meinem Leben verliebt. Ich bin in den Winterferien zu Hause, schwebe auf Wolke sieben und denke, dass mein Leben perfekter ist, als ich es mir je hätte erhoffen können. Ich will meiner Familie die Neuigkeit mitteilen, denn ich war noch nie so glücklich. Mein Vater ruft mich in sein Büro und ist gespannt darauf, was ich zu sagen habe. Ich sage es ihm.

»Ich habe jemanden kennengelernt.« Ich kann meine Gefühle kaum zurückhalten.

»Wunderbar.« Er setzt sich auf die Kante seines Schreibtisches. »Also sag mir, wer ist diese glückliche junge Frau?«

Ich ignoriere das Missverständnis und lasse mich von meiner Aufregung anspornen. »Wir haben uns vor ein paar Wochen auf einer Party kennengelernt. Wir haben so viel gemeinsam. Wir haben die ganze Nacht geredet, und seitdem sind wir unzertrennlich. Ich habe noch nie jemanden getroffen, dem ich mich so nah gefühlt habe wie ihm. Es ist … magisch.«

Er gluckst. »Klingt, als ob mein Sohn denkt, er sei verliebt.«

»Ich glaube, das bin ich. Und ich möchte, dass du ihn kennenlernst.« Ich halte den Atem an und bete, dass das Glühen, das ich spüre, all dies in ein positives Licht rückt. Wie könnte es anders sein? Mein ganzes Leben lang hat er mir gesagt, dass er sich nichts sehnlicher wünscht als mein Glück, und ich bin überglücklich.

»Wen willst du mir vorstellen?« Die dunkle Wolke, die über das Gesicht meines Vaters gezogen ist, bemerke ich nicht sofort, und ich rede weiter.

»Marcus. Er ist Student und arbeitet Teilzeit, hat also viel zu tun, aber ich bin sicher, dass er sich die Zeit nehmen würde, dich und die Familie kennenzulernen. Ich möchte …«

Mein Vater steht auf und geht von seinem Schreibtisch weg, weg von mir. Er bleibt vor seinem Bücherregal stehen, und endlich begreife ich, dass das vielleicht nicht gut ausgeht.

»Papa, er wird dir gefallen. Er ist so klug, er arbeitet an …«

Er dreht sich um, hebt die Hand, und ich bin sofort still. Niemand spricht, wenn die Hand meines Vaters erhoben wird.

»Du glaubst, dass du in einen Jungen verliebt bist?«

In mir brodeln die Emotionen – Liebe, Angst, Verlangen, Sehnsucht. »Ich weiß, dass ich es bin. Das ist es, wonach ich gesucht habe, solange ich denken kann. Ich habe mich schon öfter in Männer verknallt, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Noch nie hat jemand …«

»Hast du diese Gefühle schon einmal gehabt?«

Ich nicke und sehe, wie sich die Augen meines Vaters schließen, als er sich wieder der Bücherwand zuwendet. »Dad, wenn du ihn triffst …«

»Ich werde diesen jungen Mann nicht treffen. Und du wirst ihn auch nicht mehr sehen.« Seine ernste Stimme jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken.

»Das geht nicht, wir wohnen im selben Wohnheim.«

»Dann ziehst du nach Hause.«

Ich schüttle den Kopf und versuche, zu verstehen, was er sagt. »Nein.«

»Du wirst nach Hause ziehen. Du wirst auf eine andere Universität gehen. Du wirst diesen Jungen nicht wiedersehen.«

»Du verstehst das nicht. Ich liebe ihn. Ich will nicht aufhören, ihn zu sehen, und es gibt nichts, was du tun kannst, um uns daran zu hindern, zusammenzusein.«

»Du willst mir sagen, dass das, was du für diesen Jungen zu empfinden glaubst, wichtiger ist als alles andere in deinem Leben? Deine Familie? Dein Glaube? Alles, wozu du erzogen worden bist, zu respektieren und zu ehren?« Er hat sich jetzt zu mir umgedreht und sieht mich mit so dunklen und ernsten Augen an, wie ich sie noch nie gesehen habe.

Ich stehe auf und begegne seinem Blick, schlucke schwer, um meine Stimme ruhig zu halten. »Ich sage dir, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben glücklich bin. Ich sage dir, dass ich jemanden getroffen habe, den ich liebe.« Ich halte inne und atme tief durch. »Ich sage dir, dass ich schwul bin.«

Die Dunkelheit in seinen Augen breitet sich über seine gesamten Gesichtszüge aus. »Sei vorsichtig mit dieser Entscheidung. Sie wird dein Leben verändern.«

»Es ist keine Wahl. Ich glaube, ich habe es schon immer gewusst. Um ehrlich zu sein, dachte ich, du wüsstest es auch.«

Seine Nasenflügel blähen sich auf, und er geht auf und ab, bevor er sich mir wieder zuwendet. »Wenn du dich für diesen Lebensstil entscheidest, wirst du es ohne meine Unterstützung tun.«

Die Worte tun weh, aber ich kenne meinen Vater. Er hat Hunderte von Menschen beraten. Er ist fürsorglich und liebevoll. Sein Beruf ist es, Menschen zu helfen. »Dad, es gibt einige Schulen, in denen gleichgeschlechtliche Paare …«

»Nicht in meiner Shul. Nicht in meiner Familie.«

»Aber …«

»Es gibt kein Aber in dieser Diskussion. Du sollst nicht bei einem Manne liegen wie bei einer Frau; das ist ein Gräuel. Die Liebe rechtfertigt diese Tat nicht. Du hast mit diesem Marcus geschlafen?«

Ich kann nicht sprechen.

»Dein Schweigen antwortet für dich.«

Ich kann ihn nicht ansehen. Ich kann nichts ansehen. Ich schließe meine Augen und frage mich, wie das alles so furchtbar schiefgehen konnte. Mein Blut fühlt sich dick an, als ob mein Herz es kaum noch durch meine Adern pumpen kann. »Ich kann nicht ändern, was ich fühle.«

»Und ich kann meine Überzeugungen nicht ändern. Ich kann die Worte der Tora nicht ändern. Wenn du dich dafür entscheidest, wirst du nicht länger Teil dieser Familie sein.«

»Das würdest du tun? Du würdest mich verstoßen?«

»Das ist deine Entscheidung, Jason, nicht meine.«

Ich kriege kaum die Worte heraus. »Es ist keine Wahl.«

»Wenn du das glaubst, dann ist das deine Entscheidung. Und ich habe keinen Sohn mehr.«

Mein Körper spürt jedes Wort, aber mein Gehirn will es nicht verarbeiten. »Das kannst du nicht ernst meinen.«

»Hast du jemals erlebt, dass ich nicht meine, was ich sage?«

Mein Gehirn holt auf. »Nein.«

»Dann haben wir nichts mehr zu besprechen.«

Der Flur schimmerte, und mir wurde klar, dass ich schon viel zu lange nicht mehr geblinzelt hatte. Leah wippte neben mir von einem Fuß auf den anderen.

»Er ist fast fertig«, flüsterte sie.

Ich lauschte, und tatsächlich verabschiedete er sich, und das Telefon klickte, als er es in die Ladestation zurücklegte. Es gab eine Pause, und in diesen Momenten hörte ich nur Leahs beschleunigten Atem und meinen eigenen rasenden Herzschlag.

Leahs Hand zitterte, als sie ihre geballte Faust an die Tür brachte und leise klopfte.

»Herein.« Trotz der ruhigen und einladenden Stimme meines Vaters fühlte ich mich alles andere als ruhig oder eingeladen.

»Hi, Daddy.« Leah klang wieder wie ein kleines Mädchen. Ich stellte mir vor, wie sie mit Zöpfen und Brille zu ihm ging, um ihn zu fragen, ob sie Geld haben könnte, um mit ihren Freundinnen ins Kino zu gehen.

»Ich habe dich schon vor Stunden zu Hause erwartet. Ich dachte, du hättest donnerstags keinen Unterricht.«

»Habe ich auch nicht, Daddy. Ich hatte heute etwas anderes zu tun.« Sie griff nach meiner Hand, und wir betraten gemeinsam sein Büro.

Mein Vater hatte mir den Rücken zugekehrt. Leah hatte recht. Er war am Packen und stopfte eifrig Papiere in die Aktentasche, die er schon so lange hatte, wie ich mich erinnern konnte. Er schloss sie und hob sie vom Schreibtisch, bevor er aufblickte. Als er mich sah, wäre sie ihm fast aus den Händen geglitten, aber er behielt die Fassung und stellte sie auf den Boden, bevor er wieder aufblickte.

»Ich sehe, dass die anderen Dinge, die du tun musstest, mit deinem Bruder zu tun hatten.«

War das ein gutes Zeichen? Wenn sie einen Bruder hatte, dann musste er auch einen Sohn haben, oder?

»Ja.« Leah drückte meine Hand fester, und ich drückte zurück. Das Taubheitsgefühl in meinen Fingern lenkte mich von der Mischung aus Angst und Wut ab, die in mir brodelte.

Ich wusste, dass er mit Leah sprach, aber er starrte mich direkt an, während er sprach. »Ich verstehe. Haben sich Dinge geändert, von denen ich wissen sollte?« Leah und ich tauschten einen kurzen Blick aus.

»Ja«, sagte sie.

»Und nein«, fügte ich hinzu.

Mein Vater seufzte und setzte sich an seinen Schreibtisch. »Ich habe keine Zeit für Rätsel. Warum sagt ihr beiden mir nicht, worum es geht, und wir können alle mit unserem Leben weitermachen?«

Leah sah mich an, und ich nickte, immer noch ihre Hand haltend.

Sie schluckte schwer. »Ich habe jemanden getroffen.«

Mein Blick flog zum Gesicht meines Vaters. Er wurde blass. Er hatte es auch gehört. Genau dieselben Worte, die ich vor drei Jahren zu ihm gesagt hatte.

Kapitel Drei

Die Fahrt mit der U-Bahn nach Brooklyn war fast elektrisierend vor Anspannung und Beklemmung gewesen. Die Fahrt zurück in die Stadt war völlig gefühllos. Leah saß so still, dass ich ein paar Mal nachsah, ob sie noch atmete. Mein Vater hatte sie nicht verstoßen – selbst er konnte seine schwangere Tochter nicht auf die Straße setzen –, aber er war so uneinsichtig gewesen, dass Leah nicht unter seinem Dach bleiben wollte. Ich konnte es ihr nicht verdenken.

Sie war nach oben gegangen, um einen Koffer zu packen. Ich hatte unten gewartet und das Treppenhaus bewacht, was dumm war, da niemand zu Hause war und mein Vater seine Tür in der Sekunde geschlossen hatte, in der unser Gespräch beendet war, und uns beide aus seinem Büro und seinem Leben ausgesperrt hatte.

Leah rief Christopher an, sobald wir das Haus verlassen hatten. Als ich hörte, wie sie mit ihm sprach, fühlte ich mich besser. Ich weiß nicht, was er sagte, aber die Panik in ihrer Stimme verflog innerhalb von Sekunden, nachdem er zu sprechen begann. Ihr Körper entspannte sich, und sie klammerte sich an das Telefon, während sie sich von seinen Worten beruhigen ließ. Ich hatte ihn noch nicht kennengelernt, aber ich mochte ihn bereits.

»Das ist deine Haltestelle.« Leah zeigte aus dem Fenster, als der Zug in den Astor Place einfuhr.

»Ich werde nicht zulassen, dass du deinen Koffer noch so viele Blocks zu Christophs Wohnung schleppst.«

»Ich komme schon klar.« Sie angelte nach dem Griff, aber ich schob ihn außer Reichweite.

»Du wolltest die Hilfe deines großen Bruders, jetzt hast du sie. So leicht wirst du mich nicht wieder los.«

Ich erwartete noch mehr Streit, aber stattdessen zog sie mich näher an sich heran und küsste mich auf den Kopf. »Ich habe dich vermisst, J-Bear.«

»Ich habe dich auch vermisst.«

Leah hatte keinen Schlüssel zu Christophers Wohnung, aber er kam sofort herunter, als sie klingelte. Ich bin mir sicher, dass er mich gesehen hatte, als ich eine Stufe unter ihr auf der Treppe stand, aber er hatte nur Augen für sie. Sobald er die Tür öffnete, zog er sie in eine Umarmung, hielt sie fest, drückte seine Stirn an ihre und sah ihr direkt in die Augen. »Es wird alles gut«, sagte er mit solcher Überzeugung, dass sogar ich ihm glaubte.

Oje.

Dann wandte er sich mit ausgestreckter Hand an mich. »Ich bin Chris. Freut mich, dich kennenzulernen.«

»Gleichfalls.« Ich schüttelte seine Hand. Er war stark, selbstbewusst und freundlich, ein lässiger Geschäftsmann mit einem Hauch von künstlerischem Flair. Meinem Blick begegnete er mit einem Nicken, dann blickte er zu Leah, als wollte er sich vergewissern, dass sie noch da war.

»Danke, dass du sie heute begleitet hast.« Sein Blick war wieder auf meinen gerichtet, und ich sah echte Dankbarkeit in seinen Augen. »Ich habe es vorgeschlagen, aber sie dachte, du hättest mehr Glück.«

»Tut mir leid, dass das nicht zutrifft.«

»Hey, nicht deine Schuld. Ich bin nur froh, dass du mitgegangen bist.«

»Ich auch«, sagte Leah. »Und sogar noch mehr, dass uns das wieder zusammengebracht hat.«

»Wolltest du mit hochkommen?«, fragte Chris.

Ich winkte mit einer Hand. »Vielleicht ein anderes Mal. Ich habe heute Abend noch eine Menge Arbeit zu erledigen.«

»Es tut mir leid«, sagte Leah. »Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauern würde.«

»Kein Problem. Ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist.«

Sie umarmte mich, während Chris ihren Koffer nahm. »Wir sehen uns bald wieder, okay?«

»Auf jeden Fall.«

Die Nachtluft war sehr kühl. Ich zog meine Jacke um mich, als ich die zwanzig Blocks zum Gebäude von New Home ging. Der Duft von honiggerösteten Nüssen von dem Verkäufer an der Ecke erregte meine Aufmerksamkeit, und mir wurde klar, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Dann fiel mir ein, dass ich es nicht wie geplant zur Bank geschafft hatte. So ein Mist. Es war nicht wichtig. Zumindest nicht genug, um vier Blocks weit zum nächsten Geldautomaten zu laufen. Das Essen konnte warten. Mein Magen hatte sich sowieso noch nicht von dem Gespräch mit meinem Vater erholt.

Als ich die Stufen zum Gebäude hinaufging, bemerkte ich, dass aus einem der hinteren Räume Licht schimmerte. Die Tür war nicht verschlossen, und ich hörte Musik. Sie wurde lauter, je weiter ich den Flur hinunterging. In der zukünftigen Küche brannte Licht. Als ich um die Ecke bog, erblickte ich Quinn, der die Arme hoch über den Kopf gestreckt und weit gespreizt hatte, um den Bereich zwischen zwei Fenstern zu vermessen. Er stand mit dem Rücken zu mir, was gut war, denn ich hätte meinen Blick nicht abwenden können, wenn ich es gewollt hätte.

Sein dunkles T-Shirt war hochgerutscht und zeigte einen Streifen leicht gebräunter Haut über seinen tief sitzenden Jeans. Scheiße. All die Anspannung, die ich in den letzten Stunden gespürt hatte, wurde durch das intensive Verlangen ersetzt, hinter ihn zu treten und meinen Körper an seinen zu pressen.

Hör auf. Hör einfach auf. Das ist keine Option. Das ist keine …

»Oh, hey.« Quinn drehte sich um, ein Lächeln im Gesicht. »Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich länger geblieben bin. Ich dachte mir schon, dass du irgendwann zurückkommen würdest, also habe ich einfach weitergearbeitet.«

»Das ist super. Danke.«

»Dafür bin ich ja da.« Er kritzelte ein paar Zahlen in sein Notizbuch.

»Ich war überrascht, als ich Musik hörte.«

»Tut mir leid.« Er griff nach seinem iPhone und drehte die Lautstärke herunter. »Ich will dich nicht stören, wenn du zu arbeiten hast.«

»Das stört mich nicht. Ich arbeite die ganze Zeit mit Musik. Und ich mag dieses Lied.«

»Oh, okay.« Er drehte die Lautstärke wieder hoch, und ich versuchte, nicht auf seine Finger zu starren, die über das Telefon streichelten.

»Wenn du diese Art von Musik magst, solltest du dir die Band meines Freundes anhören.«

Quinns Augen leuchteten auf. »Wasabi Incident?«

»Hast du schon von ihnen gehört?«

»Collin hat mir alles über sie erzählt. Eigentlich war es Bryan, der mir zuerst vorgeschlagen hat, mich hier zu bewerben. Er ist der Leadsänger, richtig?«

»Das ist er. Die Welt ist klein.«

Quinn nickte. »Ihr habt alle zusammen auf Fire Island gelebt?«

»Nein. Collin und ich haben zusammengearbeitet, wir waren keine Mitbewohner. Er wohnte mit Bryan und Tanner und einem Haufen anderer Leute zusammen. Aber Collin hat uns einander vorgestellt. Ich gehe zu den Konzerten der Band, wann immer ich kann. Bryan ist ein guter Kerl.«

»Scheint so. Ich habe ihn noch nicht persönlich getroffen. Vielleicht können wir mal eine seiner Shows sehen.«

Mein Herz schlug doppelt so schnell. Beruhige dich, Dumpfbacke, er schlägt kein Date vor, er will sich nur eine Band ansehen. »Das wäre klasse.«

»Cool.« Quinn schaute sich um und wirkte nervös.

Hat er gerade gemerkt, dass er dem Schwulen einen fast nach einem Date klingenden Vorschlag gemacht hat? Mist. »Ich will dich nicht von der Arbeit abhalten. Ich habe eigentlich eine Menge Papierkram zu erledigen.«

»Oh, sicher.« Er fummelte an der Klammer des Maßbandes herum. »Ich nehme nur noch ein paar Messungen vor, dann bist du mich los.«

Der Gedanke, dass irgendein Teil von ihm mein Haar berührte, löste ein neues Kribbeln in mir aus. »Lass dir Zeit.«

»Hey, wenn es nicht zu persönlich ist, ist alles gut gelaufen mit deiner Schwester?«

Ich dachte, ich hätte die Ereignisse des Nachmittags gut verkraftet, aber diese eine Frage reichte aus, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ich öffnete den Mund, um zu antworten, aber alles, was mir gelang, war ein leises Husten und ein Schulterzucken.

»Entschuldigung«, Quinn hob eine Hand und nickte. »Das geht mich nichts an.«

»Nein, das ist es nicht. Es ist nur eine verfickte Situation. Entschuldige, soll ich vor dir nicht fluchen?«

Quinn lachte, und der satte, tiefe Klang erfüllte den Raum. »Priester können ficken sagen, sie können es nur nicht tun. Und ich bin kein Priester.«

Ich gluckste. »Na gut.«

»Ich weiß eine Menge über kaputte Familien.«

»Ja?«

»Ja. Wenn du reden willst …«

Ich dachte nicht, dass ich das täte, aber als ich ihn ansah, mit ernstem Gesicht, die Augen fest auf meine gerichtet, gab es plötzlich nichts, was ich mehr wollte.

Kapitel Vier

»Was hältst du von Burgern?« Ich schloss die Tür der Unterkunft ab und trabte die Treppe hinunter.

»Ich liebe sie.«

Quinn schlüpfte mit den Armen in seine Lederjacke, und mein Magen knurrte mehr von seinem Anblick als von dem Gedanken an die bevorstehenden Burger. »Lass uns gehen.«

Das Lokal war nur ein paar Blocks von der Unterkunft entfernt. Meine Freundin Muriel arbeitete dort seit zwei Jahren, sodass ich oft dort gegessen hatte. Quinn folgte mir durch das mäßige Gedränge an der Bar zu einem der kleinen Holztische im hinteren Teil. Ich warf Muriel einen Blick zu und sie nickte.

Quinn schwang sich an den Tisch und sah sich um. »Coole Bude.«

Ich betrachtete die alten Filmplakate und die signierten Schwarz-Weiß-Fotos, als ob ich sie zum ersten Mal sehen würde.

»Der Besitzer hat früher am Broadway gearbeitet und dort alle Fotos gesammelt. Er ist der Großonkel von Zac Efron. Oder so ähnlich.«

»Redet ihr über mich?«, fragte Muriel, als sie mit einem frechen Grinsen auf den pinkfarbenen Lippen an unserem Tisch erschien. Muriel änderte ihren Look saisonal, und in dieser Saison waren es blonde Haare mit lila Spitzen und rosa Lippenstift, der so stark glänzte, dass man sich praktisch selbst darin sehen konnte.

»Ich spreche von dem berüchtigten Onkel Dan. Nicht von dir.«

Sie schmollte und legte jedem von uns Besteck und Servietten vor die Nase. »Willst du mich nicht vorstellen?«

Die Art und Weise, wie ihr Blick zwischen mir und Quinn hin und her wanderte, ließ meinen Puls rasen. Ich kannte diesen Blick. Sie wollte wissen, ob er mein Date war. »Muriel, das ist Quinn Fitzpatrick. Er hilft in den nächsten Monaten beim Wiederaufbau des Heims.«

Ihre perfekt gezupften Augenbrauen zogen sich hoch. »Sehr schön. Ich kann es kaum erwarten, zu sehen, was du aus dem Haus machst.«

Ich kannte diesen Ton. Sie flirtete. Wer könnte ihr das verdenken? Quinn sah verdammt gut aus. Seine Wangen färbten sich leicht rot. Er hatte ihren Tonfall bemerkt.

»Du solltest vorbeikommen und dich freiwillig melden. Wir können immer ein weiteres Paar Hände gebrauchen.«

Flirtet er zurück?

Muriel grinste. »Das werde ich vielleicht tun. Also, was kann ich euch beiden bringen? Die Speisekarte ist gleich da oben.« Sie beugte sich über Quinn, gerade nah genug, um seine Schulter zu streifen, während sie auf die Kreidetafel über dem Tisch hinter uns zeigte.

»Was ist gut?«, fragte Quinn.

»Alles«, sagte sie mit einer so schwülen Stimme, dass ich mit den Augen rollte.

Sie warf mir einen strengen Blick zu. »Ich weiß schon, was du willst. Cheeseburger mit Spiegelei und Bacon, getoastetes Brötchen, Zwiebelringe statt Pommes.«

»Diesmal keine Zwiebelringe«, korrigierte ich. »Pommes. Extra knusprig.«

Ihre Augen verengten sich, und sie blickte wieder zwischen mir und Quinn hin und her. Ich bestellte immer Zwiebelringe. Es sei denn, ich hatte ein Date. Zwiebelatem und Dates passten nicht zusammen. Jetzt zweifelte sie wieder, und ich war froh darüber. Wie dumm war das denn? Ich wollte nicht, dass sie mit meinem Kollegen flirtete, dem Fast-Priester, der wahrscheinlich hetero war. Ich schüttelte den Kopf über meine eigene Lächerlichkeit. Gott steh mir bei.

Ich hatte das Gefühl, dass er das nicht tun würde.

»Weißt du was?«, sagte Quinn. »Das klingt toll. Mach zwei daraus.«

»Es wird dir schmecken.« Muriel kritzelte die Bestellung auf ihren Block. »Der Frühstücksburger ist die Spezialität des Hauses. Ich garantiere, dass du wiederkommen und mehr essen wirst.«

Quinn gluckste. »Da bin ich mir sicher. Vielleicht kann ich dich sogar dazu bringen, zu liefern, wenn du vorbeikommst, um dich freiwillig zu melden.«

Sie strahlte ihn an. »Das werde ich auf jeden Fall tun. Kann ich euch beiden etwas zu trinken bringen, während ich eure Bestellung aufgebe?«

»Sam Adams. Oktoberfest«, sagte ich.

»Klingt gut.« Quinn schenkte ihr ein weiteres Lächeln.

Ernsthaft, flirtet er oder was?

Muriel schlenderte zur Bar hinüber, um unsere Bestellung aufzugeben, und warf einen kurzen Blick zurück zu unserem Tisch, während sie mit dem Barkeeper sprach.

Quinn rückte seine Gabel und sein Messer auf der Serviette zurecht, dann sah er auf und bemerkte, dass ich ihn beobachtete. »Was?«

»Das war ziemlich geschmeidig, sie zu bitten, sich freiwillig zu melden. Bringen sie euch in der Priesterschule bei, so zu reden?«

Er lachte. Ein satteres, tieferes Lachen, als ich es bisher von ihm gehört hatte. Es gefiel mir. Sehr sogar. »Ja, ich nehme an, das tun sie.«

»Fühle dich frei, diese Ausbildung in den nächsten Monaten so oft wie möglich zu nutzen. Wir können immer mehr Hilfe gebrauchen.«

»Wird gemacht.« Quinn schlüpfte aus seiner Jacke und sah sich nach einem Platz um, wo er sie ablegen konnte.

»Soll ich es hier aufhängen?« Ich zeigte auf den Haken am oberen Ende des Pfostens auf meiner Seite der Nische.

»Klar. Danke.«

Er reichte mir die Jacke, und ich atmete den betörenden Duft tief ein – nicht den des Leders, sondern einen Duft, den ich bei unserer ersten Begegnung wahrgenommen hatte, den ich aber nicht genau identifizieren konnte. Süß, würzig, ein Hauch von Zitrusfrüchten, Kiefer und Rauch – vielleicht Wald?

»Was?« Quinns Stirn legte sich in Falten.

Ich griff nach seiner Jacke und hatte es nicht eilig, ihm zu sagen, dass ich darüber nachgedacht hatte, wie er roch. »Ich denke nur über das Camp nach.« Lässig.

»Was für ein Camp?«

Muriel stellte unsere Biere auf die Untersetzer und eilte zurück an die Bar.

Ich nahm einen Schluck und ließ die kühle, bernsteinfarbene Flüssigkeit über meine Zunge rinnen, bevor ich sie herunterschluckte. »Ich war früher jeden Sommer eine Woche im Pfadfinderlager, und ein paar Jahre lang war ich in einem anderen Lager oben in den Adirondacks. Das waren so ziemlich die einzigen Male, die ich jemals außerhalb der Stadt war, abgesehen von ein paar Reisen nach Florida, um meine Großeltern zu besuchen.«

»Wow. Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Ich bin in einer wirklich kleinen Stadt in Connecticut aufgewachsen. Wir sind ständig campen gegangen.«

»Das muss schön gewesen sein.«

Er nickte und nahm ein paar Schlucke Bier. »Das war es größtenteils. Mein Vater ist gestorben, als ich fünfzehn war, und damit haben die Campingausflüge der Familie so ziemlich aufgehört. Meine Mutter ist nicht sehr naturverbunden, und ich kann es ihr nicht verübeln, dass sie an ihren freien Tagen nicht mit drei Jungs in Zelten schlafen wollte.«

Ich gluckste. »Ich könnte mir nicht vorstellen, dass meine Mutter auch nur eine Nacht in einem Zelt überlebt. Meine Eltern sind auch beide in Brooklyn aufgewachsen. Sie haben mich und meine Schwestern aus demselben Grund ins Zeltlager geschickt wie ihre Eltern – um zu beweisen, dass Bäume nicht immer in Parks stehen.«

»Aus gutem Grund. Wie bist du jetzt darauf gekommen? War es, weil du heute deine Schwester gesehen hast?«

Äh, nein. Aber eine gute Antwort. Lass uns damit weitermachen. »Vielleicht.« Die Seltsamkeit des Nachmittags überspülte mich in Windeseile. »Eigentlich war es gut, meine Schwester zu sehen. Unerwartet, aber gut. Meinen Dad zu sehen …«

Quinn beobachtete, wie ich mein Bier aufhob und einen weiteren Schluck nahm. Seine Augen auf mir zu haben, ließ ein Kribbeln nervöser Energie durch meinen Körper wandern. Wenn er wüsste, welche Wirkung er auf mich hatte, würde er wahrscheinlich jedes Mal, wenn wir uns unterhielten, die nächste Wand anstarren.

»Ich nehme an, du siehst deine Familie nicht sehr oft?«

»So gut wie gar nicht, seit ich mich geoutet habe.«

»Oh.« Seine Augen verdunkelten sich.

Ich zog den bewussten, unverwandten Blick vor, aber auch dieser war faszinierend. Nur war ich mir nicht sicher, ob es Mitleid oder Missbilligung war, was ich in der Dunkelheit las, und beides wollte ich nicht.

»Ist schon gut. Glaub mir. Ich habe mich daran gewöhnt. Deshalb war es heute ein bisschen komisch. Es ist drei Jahre her.«

»Wow.« Er schüttelte den Kopf. »Ich schätze, ich sollte nicht überrascht sein. Es ist eineinhalb Jahre her, dass Collin sich geoutet hat, und unsere Mutter hat immer noch nicht mit ihm gesprochen.«

»Ich weiß. Das war eines der wichtigsten Dinge, die dein Bruder und ich gemeinsam hatten.«