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Bryan Dane lebt seinen Traum – am Tag ist er Fotografie-Student, in der Nacht ein aufstrebender Rockstar. Seine Ziele für den Sommer sind, die letzten fehlenden Credit-Points zu erreichen und mit dem Abschluss in der Tasche so viel Zeit wie möglich mit Aufnahmen im Studio zu verbringen. Und die nächsten Monate ohne Sex zu überleben, damit er sein für ein Jahr selbst auferlegtes Zölibat erfüllen kann. Alles läuft nach Plan, bis er Oliver Newcastle trifft. Seit Jahren plant Oliver eine freundschaftliche Heirat mit seiner besten Freundin von der Highschool, aber nun hat er sich tatsächlich in jemanden verliebt und das geht weit über Freundschaft hinaus. Also hat sich Oliver bei seiner Familie geoutet, seinen Job geschmissen und seine kleine Stadt in New England für New York, ein intensives Sommer-Studienprogramm und seine Chance auf das Glück verlassen. Von ihrem ersten Treffen an knistert die sexuelle Spannung zwischen Bryan und Oliver. Aber Bryan will keine Beziehung und Oliver will sich die Hörner abstoßen – er weiß nur nicht wie. Er sucht Hilfe bei Bryan, um sich in der New Yorker Schwulenszene zurechtzufinden, was die beiden in zunehmend sexuelle Situationen katapultiert, bis sie beide nicht mehr leugnen können, dass sie heiß aufeinander sind. Bryan versucht verzweifelt, die Sache möglichst unkompliziert zu halten, aber das Schicksal hat womöglich andere Pläne mit ihnen. "Der Moment des Schicksals" ist ein Standalone der Reihe "Moments in Time"
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Seitenzahl: 428
Veröffentlichungsjahr: 2022
von Karen Stivali
Ein Moments-in-time-Roman
© dead soft verlag, Mettingen 2021
http://www.deadsoft.de
© 2017 Karen Stivali
Titel der Originalausgabe: Moment of Fate
Übersetzung: Elian Mayes
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© IGANDRI – shutterstock.com
© Gallks – shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-492-6
ISBN 978-3-96089493-3 (epub)
Bryan Dane lebt seinen Traum – am Tag ist er Fotografie-Student, in der Nacht ein aufstrebender Rockstar. Seine Ziele für den Sommer sind, die letzten fehlenden Credit-Points zu erreichen und mit dem Abschluss in der Tasche so viel Zeit wie möglich mit Aufnahmen im Studio zu verbringen. Und die nächsten Monate ohne Sex zu überleben, damit er sein für ein Jahr selbst auferlegten Zölibats erfüllen kann. Alles läuft nach Plan, bis er Oliver Newcastle trifft.
Seit Jahren plant Oliver eine freundschaftliche Heirat mit seiner besten Freundin von der Highschool, aber nun hat er sich tatsächlich in jemanden verliebt und das geht weit über Freundschaft hinaus. Also hat sich Oliver bei seiner Familie geoutet, seinen Job geschmissen und seine kleine Stadt in New England für New York, ein intensives Sommer-Studienprogramm und seine Chance auf das Glück verlassen.
Von ihrem ersten Treffen an knistert die sexuelle Spannung zwischen Bryan und Oliver. Aber Bryan will keine Beziehung und Oliver will sich die Hörner abstoßen – er weiß nur nicht wie. Er sucht Hilfe bei Bryan, um sich in der New Yorker Schwulenszene zurechtzufinden, was die beiden in zunehmend sexuelle Situationen katapultiert, bis sie beide nicht mehr leugnen können, dass sie heiß aufeinander sind. Bryan versucht verzweifelt, die Sache möglichst unkompliziert zu halten, aber das Schicksal hat womöglich andere Pläne mit ihnen.
Für M und den Moment des Schicksals, der uns einander nahebrachte.
Es ist 259 Tage her, seit ich das letzte Mal Sex hatte.
Nicht, dass ich zählen würde.
Das hatte nichts damit zu tun, dass ich eine Durststrecke hatte. Es hatte nichts mit einem Mangel an Gelegenheiten oder gar an Lust zu tun. Es war reine Willenskraft. Ein selbstgestecktes Ziel. Ein Test. Und als ich mich entschieden hatte, ein Jahr lang auf Sex zu verzichten, hatte es sich wie eine Notwendigkeit angefühlt.
Vor neun Monaten, immer noch beflügelt von einer Wahnsinnsshow, die wir gerade in einer der größten Hallen, in der wir je gespielt hatten, gerockt hatten, ging ich mit einem hübschen Blonden aus der ersten Reihe hinter die Bühne. Der mit dem sexy Pony, der gerade genug ein Auge verdeckte, um den »Ich will dir einen blasen, bis dir die Knie weich werden«-Blick zu verstärken, den er mir während der gesamten Show zuwarf. Er hüpfte auf die Bühne, sobald der Gig zu Ende war.
Es brauchte keinen Smalltalk oder dass wir uns einander vorstellten. Er hatte nicht einmal nach meiner Hand gegriffen. Wir waren einfach wortlos hinter dem dicken Samtvorhang verschwunden, in einem der kleinen, abgedunkelten Gänge. Ich war kaum stehen geblieben, als er nach meinem Schwanz gegriffen, ihn durch meine Jeans gestreichelt hatte und lächelnd auf die Knie gesunken war.
Fuck, ja!, war der einzige Gedanke in meinem Kopf, bis mein Handy in meiner Tasche vibrierte. Normalerweise ignorierte ich eingehende Nachrichten, wenn ich beschäftigt war – und beschäftigt war ich in diesem Moment auf jeden Fall. Aber irgendetwas sagte mir, dass ich diese Nachricht lesen sollte. Intuition? Göttliche Fügung? Schicksal? Was auch immer es war, es brachte mich dazu, in meine Tasche zu greifen. Frankies Avatar ploppte auf dem Screen auf, zusammen mit vier Worten, die mein Blut kalt werden ließen. Ich wurde positiv getestet.
Es gab nicht viele Dinge, die einen Nach-Gig-Ständer während eines Blowjobs so schnell schlaff werden lassen konnte, aber diese Nachricht brachte es fertig.
»Sorry, ein Notfall.« Ich zog mich von dem Kerl zurück, der eher überrascht als sauer aussah, und versuchte, meine Hände vom Zittern abzuhalten, während ich den Reißverschluss hochzog und darüber nachdachte, was ich zurückschreiben sollte.
Scheiße. Das war weder elegant noch besonders tiefgründig, aber es war alles, was ich zustande brachte, also tippte ich es.
Kannst du herkommen?
Natürlich.
Ich machte mich auf den Weg zurück auf die Bühne, mein Hirn dröhnte. Tommy, unser Drummer, war gerade dabei, seine Drums einzupacken. David, der Bassist, stand ein Stück entfernt an der Bar und unterhielt sich mit den beiden Mädels, die ich vorhin mit ihm hatte flirten sehen. Zuerst sah ich Milo nirgends und ich fragte mich, ob er vielleicht mit jemandem irgendwohin verschwunden war oder ob er, so wie ich, eine Nachricht bekommen hatte.
Mein Magen drehte sich um.
»Das war schnell«, schnurrte Milo in mein Ohr und ließ mich zusammenfahren. »Oooh, du bist ja furchtbar schreckhaft für jemanden, der gerade den schnellsten Blowjob der Welt hatte.«
»Was?«
Er rollte mit den Augen. »Ach, bitte. Ich hab dich doch mit dem Kerl verschwinden sehen. Er ist heiß. Ich hab nicht erwartet, dich so schnell wiederzusehen.«
Ich hatte auch nicht erwartet, so schnell wieder da zu sein. »Etwas kam dazwischen.«
Milo bemerkte wohl den Unterton in meiner Stimme, denn er runzelte die Stirn. »Was ist los?«
Scheiße. Es war definitiv nicht meine Aufgabe, die Neuigkeiten zu erzählen. Milo hatte eindeutig keine SMS von Frankie bekommen, oder falls doch, hatte er sie nicht gelesen. »Nichts. Hey, kann ich mir dein Telefon leihen? Ich habe morgen früh dieses große Shooting und ich muss meine E-Mails checken, aber mein Akku ist fast leer.«
Milo anzulügen war keine leichte Aufgabe. Der Kerl konnte praktisch Gedanken lesen, oder zumindest meine Gedanken. Wahrscheinlich weil wir uns kannten, seit wir siebzehn waren, und schon damals war ich nicht besonders gut darin gewesen, zu verschleiern, was ich dachte. Aber dieses Mal, Gott sei Dank, kaufte er es mir ab und übergab mir sein Handy.
»Jetzt verstehe ich, warum du immer noch gestresst bist. Alter, du kriegst das alles hin. Du schaffst immer alles. Du wirst deinen Abschluss mit Auszeichnung machen und die Leute werden dich mit Jobangeboten bewerfen, weil du Bryan Dane bist und es das ist, was bei dir nun mal passiert.«
Er pikte mir mit einem Finger auf die Nase, was mich normalerweise in den Wahnsinn trieb, aber ich ignorierte ihn, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, lässig zu tun und sein Telefon zu benutzen. Herumschnüffeln war nichts, was ich duldete oder normalerweise tat, aber wenn es einen Zeitpunkt gab, um eine Ausnahme von dieser Regel zu machen, dann ja wohl dieser.
Sein blöder Android-Bildschirm sah so ungewohnt aus, dass ich eine Sekunde brauchte, um das richtige Symbol zu finden. Mein Daumen schwebte darüber und ich zwang mich zum Tippen. Eine Liste mit Nachrichten tauchte auf. Nichts von Frankie. Ich wusste nicht, ob ich erleichtert sein sollte oder nicht. Ich musste verwirrt ausgesehen haben, denn Milo lehnte sich über meine Schulter. Scheiße. »Sorry, ich …«
»Gib mir das.« Er griff nach dem Handy in meiner Hand und wischte auf dem Screen herum, während ich versuchte, mir einen guten Grund für mein Schnüffeln einfallen zu lassen. »Hier.«
Er gab mir das Handy zurück, die Googlesuche war offen. Ich starrte es an, als hätte ich noch nie zuvor ein Smartphone gesehen.
»Kumpel. Sag mir, dass du weißt, wie du von dort aus an deine E-Mails kommst. Ich weiß, dass ihr Fotografie-Studenten alle von euren iPhones besessen seid, aber im Ernst, das Internet ist das gleiche …«
Ich hörte nicht mehr zu. Ausnahmsweise war ich erleichtert, dass sein Software-Ingenieur-Gehirn im Angesicht von Android so high war, dass er nicht bemerkte, wie kurz ich vorm Hyperventilieren war. Ich überprüfte meine E-Mails für den Fall, dass er wieder auf den Bildschirm schaute. Die E-Mail, von der ich gesagt hatte, dass ich auf sie wartete, war wirklich da. Aber auch das ignorierte ich. Ich würde mich später darum kümmern. Nachdem ich meinen Arsch zu Frankie bewegt hatte.
Alles, woran ich mich von der Fahrt nach Tribeca erinnere, ist, dass es in Strömen regnete und kein einziges leeres Taxi in Sicht war. Ich war noch nie so dankbar, dass ich mich für die teurere Domke-Tasche entschieden hatte, denn die war wenigstens wasserdicht, und als ich bei Frankie ankam, war meine Kamera das Einzige, was an mir trocken war.
Er ließ mich ins Gebäude und ich machte mich auf den Weg die zwei übermäßig engen Treppen zu seinem Loft hinauf.
»Gott«, sagte er, als er mich sah, »bist du etwa hergeschwommen?«
Das Wasser bildete quasi einen See auf dem dunklen Hartholzboden um mich herum. »Tut mir leid.«
»Lass mich dir ein Handtuch bringen.« Er verschwand hinter einem japanischen Wandschirm, der sein Bett vom Hauptraum und der Küche trennte.
Ich stellte meine Tasche neben der Tür ab und vermied den Drang, sie zu öffnen. Das Herumtragen von Ausrüstung im Wert von 10.000 Dollar machte mich immer noch unruhig.
Frankie kam mit zwei großen, flauschigen Handtüchern und einem Stapel Kleidung zurück. »Die sollten dir passen. Mach dir keine Sorgen. Sie sind sauber.«
Mein Herz zog sich so sehr zusammen, dass ich mir ziemlich sicher war, dass es fast stehen blieb. Sie sind sauber? Frankie und ich waren fast zwei Jahre lang Zimmergenossen gewesen. Wir trugen die Kleidung des anderen, schliefen im Bett des anderen. Keiner scherte sich darum, dass etwas frisch gewaschen war. Jetzt hatte er das Bedürfnis, darauf hinzuweisen, dass die Jogginghose und das T-Shirt, die er mir lieh, »sauber« waren. Ich wollte ihn umarmen, aber das Wasser lief immer noch an mir herunter, und meine Chucks quietschten bei jeder Bewegung. »Danke.«
Das Badezimmer befand sich hinter einer anderen Trennwand. Ich balancierte die trockene Kleidung hinter die Toilette und wrang mein Haar im Waschbecken aus. Die einzigen Momente, in denen ich es hasste, lange Haare zu haben, waren, wenn ich sie eilig trocknen musste. Ich föhnte es so heiß und schnell, dass mir der Kopf schwirrte, dann stapelte ich meine durchnässten Klamotten in der Ecke, zog mich an und ging barfuß in den Hauptraum.
Frankie hatte sich auf der Couch zusammengerollt und umklammerte ein großes grünes Kissen, als wäre es ein Rettungsring und er am Ertrinken. Normalerweise hätte ich mich ans andere Ende des Sofas gesetzt und meine Füße auf den Couchtisch gelegt, nur um ihn zu ärgern, aber stattdessen setzte ich mich so behutsam wie möglich direkt neben ihn. Ich spürte, dass jede schnelle Bewegung ihn erschüttern konnte.
»Geht es dir gut?«, fragte ich, weil ich anscheinend der Meinung war, dass die dümmste Frage der Welt gerade passend war.
Er schüttelte den Kopf und zum ersten Mal erhaschte ich einen Blick auf seine Augen – rot gerändert und noch feuchter als die Straßen, über die ich hergewatet war.
»Komm her.«
Ich nahm ihm das Kissen ab und zog ihn in eine Umarmung. Ich weiß nicht, wie lange wir dort saßen, aber ich hielt ihn und wiegte ihn hin und her, während er einen derart Art gequälten Schrei losließ, der einem selbst Geräusche entlockt, die man niemanden hören lassen möchte. Meine Augen brannten vor Mitgefühl.
»Es tut mir leid.« Er wand sich los, berührte den nassen Fleck an meinem Hals und versuchte, die Tränen wegzuwischen.
»Ist schon okay.«
»Ist es nicht. Ich verteile meiner Körperflüssigkeiten überall auf dir.« Seine Augen schwammen erneut in Tränen.
»Gott. Denkst du echt, dass mich das kümmert? Und es sind keine Körperflüssigkeiten. Nicht die, die du damit meinst. Das weißt du.«
Er nickte, aber ich konnte ihm ansehen, dass er es nicht so meinte.
Ich atmete tief ein und langsam aus, in der Hoffnung, dass er vielleicht dasselbe tun würde. »Hör zu, ich werde nicht so tun, als hätte ich auch nur die geringste Ahnung, was du gerade durchmachst, aber ich kann dir sagen, dass ich keine Angst habe, dich zu umarmen oder deine Kleidung zu tragen oder dich bei mir ausweinen zu lassen. Und jeder, der das tut, ist niemand, den du in deinem Leben haben willst.«
Er atmete zitternd ein und nickte erneut.
»Ich meine es ernst. Scheiße, du hast doch meine Mutter getroffen. Du weißt, dass ich damit aufgewachsen bin, ihren Vorträgen auf Gesundheitskonferenzen zuzuhören.«
Immerhin zeigte er nun den Anflug eines Lächelns. »Ich weiß noch, wie sie mit Kisten voller Kondome im Wohnheim aufgetaucht ist.«
»Mein Gott.« Selbst Jahre später ließ diese Erinnerung meine Wangen heiß werden, aber da es Frankie zum Lächeln brachte, war ich dankbar dafür. »Siehst du? Du weißt es. Ich habe mein ganzes Leben lang positive Menschen gekannt. Viele von ihnen haben jahrzehntelang ein gesundes Leben geführt, obwohl sie krank wurden, bevor es gute Behandlungsmöglichkeiten gab.«
Sein Kopf bebte. »Ich weiß.«
Meine Gedanken rasten durch all die Dinge, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnerte. Dinge, die meine Mutter über die Patienten gesagt hatte, die sie betreute. Dass eine der größten Ängste war, dass niemand sie jemals wieder berühren würde. Also nahm ich seine Hand und hielt sie fest. Wir saßen still da, bis sein Atem weniger ruckartig kam.
Dann erzählte er mir die ganze Geschichte. Sein Ex, ein älterer Kerl, den ich nie gemocht hatte, hatte angerufen und vorgeschlagen, dass Frankie sich testen lassen sollte. Verdammtes Arschloch, ein Stück Scheiße! Die Klinik hatte angerufen, als Frankie auf der Arbeit gewesen war, und er hatte es gerade noch geschafft, hinzufahren, bevor sie schlossen. Also bekam er nur das Nötigste an Informationen. Und meine Nummer war die einzige, die er gewählt hatte, um die Neuigkeiten mitzuteilen.
Ich hörte zu, nickte und versuchte, seinem Ex nicht den Tod zu wünschen, denn unter den aktuellen Umständen ließ der Gedanke, dass irgendjemand, den ich kannte, aus irgendeinem Grund sterben würde, mich innerlich durchdrehen. Als er schließlich aufhörte, sagte ich: »Hol deinen Laptop.«
»Warum?«
»Auch wenn du morgen früh einen Arzttermin hast, wirst du dich besser fühlen, wenn du heute Abend noch etwas darüber liest. Bring ihn her. Wir lesen zusammen.«
Er stand auf wackeligen Beinen, aber er holte seinen Laptop. Wir saßen zusammen auf der Couch und lasen stundenlang. Als er schließlich an mich geschmiegt einnickte, bewegte ich mich nicht, aus Angst, ihn zu wecken. Wenn alles, was ich tun musste, war, still zu sitzen, um ihm ein paar Stunden Frieden zu schenken, konnte ich das tun. Also tat ich es.
Am nächsten Morgen blies ich mein Shooting ab und ging mit ihm zum Arzt. Was dazu führte, dass ich das Praktikumsangebot verlor, das eigentlich schon beschlossene Sache gewesen war. Was wiederum dazu führte, dass ich zwei der erforderlichen Kurse, die ich noch für den Abschluss brauchte, nicht belegen konnte, weil ich mir ein Semester freigenommen hatte, als der Band eine Tournee angeboten worden war.
Ich beschwere mich nicht. Über nichts davon. Frankie hätte dasselbe für mich getan und ich hätte es selbst dann getan, wenn das nicht so gewesen wäre, denn das war es, was Freunde taten. Ich bereute es nicht. Nicht in dieser Nacht, nicht am nächsten Tag oder als mein Studienberater mir mitteilte, dass ich ein Riesenproblem hatte. Ehrlich, ich war viel zu dankbar, um irgendetwas zu bereuen … abgesehen von meinem Sexleben.
Vorsichtig beschrieb nicht annähernd, wie ich immer an Sex herangegangen war. Was meine Mutter sicher auf eine Art stolz machte, auf die nur sie stolz sein konnte. Und ich hatte nicht gelogen, als ich Frankie daran erinnert hatte, wie lange HIV-positive Menschen leben und ein normales Leben führen können. Aber zu sehen, was er durchmachte – was er für den Rest seines Lebens durchmachen würde, welche Medikamente er ständig nehmen musste, machte mir klar, wie am Arsch ich sein würde, würde ich jemals positiv getestet werden.
Frankie erzählte monatelang keinem unserer Freunde davon und ich verstand, warum, denn ich hatte meine eigenen chronischen Gesundheitsprobleme und erzählte keiner Menschenseele davon. Ich respektierte diese Entscheidung sogar noch mehr, als er ahnte, denn ich verstand, dass man nicht durch eine Krankheit definiert werden wollte, um die man nicht gebeten hatte, die man nicht wollte und die man nie loswerden würde. Meine Krankheit brachte mich zwar nicht um, stellte mich aber vor eine Menge Herausforderungen. Eine davon war mein Stoffwechsel, der als Reaktion auf Medikation völlig durcheinandergeriet.
Zu wissen, dass es Medikamente waren, die Frankie halfen, machte mir eine Heidenangst, weil mir klar war, dass ich sie vielleicht nicht vertragen würde. Und das war der Grund, aus dem ich beschloss, ein Jahr lang keinen Sex zu haben, mich auf die Band zu konzentrieren und endlich meinen Abschluss zu machen.
Es ist 259 Tage her, seit ich das letzte Mal Sex hatte.
Nicht, dass ich zählen würde.
Nur, dass ich es tat, seit ich Oliver getroffen hatte.
Ich verliebte mich nicht auf den ersten Blick. Lust hingegen war etwas anderes.
Das Semester weg von der New York University hatte mir gutgetan. Keine Kurse. Keine Hiwi-Verantwortlichkeiten. Mit der Band auf Tournee zu gehen, war auch toll gewesen. Einige der besten Gigs, die ich je besucht hatte, geschweige denn gespielt hatte. Jetzt war ich bereit, den Sommer über in der Fotografiefakultät zu arbeiten und meine verbleibenden Projekte zu beenden, damit ich offiziell meinen Abschluss machen konnte. Außerdem würde ich jede freie Minute damit zu verbringen, unser neues Album zusammenzustellen.
Wasabi Incident hatte einige Wachstumsprobleme, als David die Band unerwartet verließ, um mit seiner Freundin und jetzigen Verlobten nach Florida zu ziehen. Tommy dagegen war absolut begeistert davon, einen Typen namens Wallace in die Band zu holen, mit dem er schon zusammengespielt hatte, als er für eine andere Band eingesprungen war. Jetzt mussten wir unseren Sound mit dem neuen Mitglied wieder in Form bringen, also schien ein Sommer mit nur ein paar lokalen Auftritten ideal, um uns auf das Schreiben und die Aufnahmen zu konzentrieren.
Ich hatte einen Latte in der einen und eine Tüte mit einem Bagel in der anderen Hand und außerdem die Hoffnung, dass sich heute niemand für ein Tutorium angemeldet hatte, damit ich den ganzen Tag in der Dunkelkammer verbringen konnte. Der Aufzug im Gebäude öffnete sich wie von Zauberhand, sobald ich mich ihm näherte.
Dann sah ich ihn. Groß. Dünn. Schlanke Hüften und lange Beine, die in dunkle Skinny-Jeans gehüllt waren.
»Bitte die Tür aufhalten!«
Seine Stimme war tief, aber sanft. Ich stellte mir sofort vor, wie er mich bat, alles Mögliche zu halten. Vor allem seinen Schwanz. Würde der so lang und verlockend sein wie der Rest von ihm?
Ich gebe es zu, ich hatte seinen Körper zuerst bemerkt. Zum Teil, weil er verdammt sexy war, und zum Teil, weil er genau mein Typ war. Und außerdem, weil das grelle Licht in der Lobby sein Gesicht verdeckte. Die Beleuchtung im Aufzug jedoch nicht. Sobald sich die Tür schloss, drehte er sich zu mir um und ich bekam eine volle Dosis seiner Gesichtszüge zu sehen. Er war mit Abstand der schönste Mensch, ob männlich oder weiblich, den ich je in natura gesehen hatte. Nicht nur stereotypische Schönheit – atemberaubend, auffallend, berauschend. Es gab keine anderen Worte dafür. Und als jemand, der in den letzten drei Jahren als Assistent eines Fotografen bei einigen der besten Modeshootings mitgewirkt hatte, musste es schon etwas heißen, dass ich so überwältigt war.
Ich sagte natürlich nichts. Keine Worte formten sich in meinem Kopf, während ich seine Gesichtszüge studierte. Symmetrie nahezu bis zur Perfektion. Wangenknochen, an denen ein Bildhauer Stunden hätte arbeiten müssen, um sie zu kopieren. Ein Kinn, kantig und kräftig, bedeckt mit hellbraunen Stoppeln, die jede Rasierklingenfirma mit Stolz als das Werk ihres neuesten Produkts bezeichnet hätte. Die Nase, rasiermesserdünn, gemeißelt, aber mit einer abgewinkelten Spitze, die sie nicht zu spitz werden ließ. Die Lippen waren so breit, dass ich an nicht weniger als ein Dutzend obszöne Arten dachte, sie zu benutzen.
Und dann waren da noch seine Augen.
Allmächtiger Gott, seine Augen.
Ich hatte zwei Wochen bei einem Augenfarben-Shooting für eine Kontaktlinsenfirma verbracht. Wir hatten Augen von allen möglichen Menschen fotografiert, von jeder Schattierung und jeder Farbe aus der ganzen Welt.
Kein einziges dieser Models hatte Augen, die mit diesen vergleichbar waren. Die Fahrstuhlbeleuchtung war scheiße, um all die Farbtöne zu bestimmen, die in seinen Iriden schwammen. Ohne wie ein besessener Stalker zu starren, konnte ich blaue, grüne, graue und goldene Streifen ausmachen, die schwarz umrandet waren und von einem bernsteinfarbenen Sternenhimmel um seine Pupille hervorgehoben wurden. Was für eine verdammte Farbe war das? Sie schimmerte wie ein Planet, der aus dem Weltall fotografiert wurde. Und die leichte Abbiegung an den Ecken gab ihnen einen sinnlichen Schlafzimmerblick, der mich von der schieren Anzahl der Fantasien beinahe kollabieren ließ, die er in meinen schmutzigen, von Sex beraubten Verstand spülte.
Mein Schweigen oder mein Starren – oder beides – musste ihn nervös gemacht haben, denn er fuhr sich mit den Händen durchs Haar und wirkte mit einem Mal unruhig. Auch sein Haar war perfekt. Kurz an den Seiten, aber oben länger. Ein weiches, verlockendes Braun mit goldenen Strähnchen; wahrscheinlich hatte er viel Zeit in der Sonne verbracht. Warum war diese Sonne in den letzten paar Sommern nicht auf Fire Island gewesen? Vorzugsweise die, die jeden Morgen durch mein Schlafzimmerfenster geschienen hatte. Wieder schwirrten meine Gedanken zu Tätigkeiten, die irgendwie unpassend für einen Fremden waren. Was zum Teufel? Duschte dieser Kerl mit Pheromonen? Oder verursachte die Tatsache, dass ich seit neun Monaten keinen Sex mehr gehabt hatte, eine Fehlfunktion meines Gehirns?
Zugegeben, meine Auszeit war freiwillig. Und ich hatte echt gedacht, es würde gut laufen, bis Sex am Stiel ins Gebäude spazierte. Während ich eifrig mit mir selbst diskutierte, hielt der Fahrstuhl an, der sexy Fremde stieg aus und verschwand im Flur der Dramaturgieetage. Student? Sommerlehrer? Schriftsteller? Das tat nichts, um seine Anziehungskraft zu mindern. Und er war nur eine Etage unter mir. Der Gedanke an ihn unter mir trug nicht dazu bei, die anderen Teile meines Körpers zu beruhigen, die alle eine obsessive Party feierten, während sie überlegten, wie sie dem mysteriösen Mann wieder begegnen konnten. Oder zumindest herausfinden, wer er war.
Wie es der Zufall wollte, war die Fotografiefakultät leer. Die Sommerstudenten waren noch bei ihren Einführungsseminaren und die wenigen anderen hatten Ausrüstung ausgeliehen oder waren bereits in den Dunkelkammern eingeschlossen. Wenigstens hatte ich es geschafft, meinen Lieblingsraum zu reservieren. Einen der kleineren, die mir immer Glück gebracht hatten. Ich verbrachte den Tag damit, die Rolle zu entwickeln, die ich bei der letzten Übung aufgenommen hatte, und versuchte, ein gemeinsames Thema in den Bildern zu finden, damit ich einige davon für meine Figurenstudienmappe verwenden konnte.
Milo unterbrach mich jede halbe Stunde mit Fragen.
Wie dunkel ist es in einem Darkroom?
Es ist fucking dunkel dort, was hast du denn gedacht?
Weißt du eigentlich, wie verdammt hell mein Büro ist? Ich brauch quasi ’ne Sonnenbrille, um keine Migräne zu kriegen.
Milo arbeitete in einer Galerie in SoHo, in der er das Computersystem bediente und, da er alles an jeden verkaufen konnte, auf der Verkaufsfläche arbeitete, wenn er Zeit dazu hatte. Der Raum war riesig und er hatte recht. Die Sonne konnte blenden, selbst mit den vom Boden bis zur Decke reichenden Jalousien, die sie zum Schutz der Gemälde installiert hatten.
Komm nicht zu spät zur Probe. Tommy und Wallace scheinen irgendwas vorzuhaben.
Was denn?
Kein Plan.
Wenn Milos Spiderman-Sinn kribbelte, war definitiv etwas im Busch. Ich wusste, dass er Wallace nicht ganz traute, und ich konnte es ihm nicht verübeln. Er hatte etwas Zwielichtiges an sich. Aber Tommy betete ihn praktisch an, und ich war froh, dass er endlich einen festen Bandkollegen hatte, mit dem er nach den Konzerten abhängen konnte. Er brauchte einen Wingman. Außerdem konnte Wallace besser Bass spielen als jeder andere, den ich je gehört hatte. Wenn sich erst einmal alle aneinander gewöhnt hatten, würde es schon werden.
Die Bar will, dass wir früher da sind. Die Vorband spielt nicht.
Seit wann?
Habe gerade die Nachricht bekommen. Wir können direkt von der Probe aus kommen.
Ja, klar.
Also, hast du jemals, du weißt schon, Dinge im Dunkeln gemacht? Abgesehen von diesem ganzen Filmkram?
Auf Wiedersehen, Milo.
Kaum war ich mit allem fertig, klopfte es und erinnerte mich daran, dass meine Zeit fast um war. Ich räumte auf und blinzelte in das helle Licht, als ich die Dunkelkammer hinter mir schloss. Technisch gesehen hatte ich für die nächste Stunde noch Bereitschaft, also überprüfte ich die Rezeption. Zwei Nachrichten von Leuten, die Kameras reserviert hatten, und eine Anfrage für ein Tutorium später in der Woche. Ich wollte gerade die Setliste für den nächsten Abend herausholen und durchgehen, da bemerkte ich, dass die Bürotür neben meinem Schreibtisch offen war. Soweit ich wusste, nutzte niemand dieses Büro im Sommer, und ich fragte mich, ob ein paar Studenten dort herumalberten.
Ich spähte hinein. Leer. Ich sortierte den Schlüsselbund, um sicherzugehen, dass ich den Schlüssel hatte, und wollte gerade die Tür abschließen, da bemerkte ich das Lederjournal auf dem Boden neben dem Schreibtisch. Es war kein kitschiger Tagesplaner, sondern ein übergroßes, handgefertigtes Journal mit einer Lederschnur, die um das Journal gewickelt war, um es geschlossen zu halten. Ich bückte mich, um es aufzuheben, und war überrascht, wie warm und weich sich das schwarze Leder anfühlte. Als hätte es jemand kürzlich in der Hand gehabt.
Mit dem Buch unter dem Arm schloss ich das Büro ab und ging zurück zu meinem Schreibtisch. Zwei Mädchen warteten am Aufzug, also fragte ich: »Hat eine von euch das hier vergessen?«
Sie schüttelten ihre Köpfe und kicherten.
»Habt ihr zufällig gesehen, wer in dem Büro war?«
»Nö.«
Die kleinere Brünette zeigte auf das Schild neben dem Aufzug. »Hey, bist du das auf diesem Bild? Ist das deine Band?«
Ich nickte. »Na klar.«
»Cool. Weißt du, ob sie sehr streng sind, was die Ausweiskontrolle angeht?«
Es war schon ein paar Jahre her, dass ich mich als Minderjähriger in eine Bar geschlichen hatte, aber ich erinnerte mich gut daran. »Geht früh hin. Mindestens eine Stunde, bevor die Bands anfangen. Dann passt niemand auf die Tür auf.«
Die zierliche Brünette grinste mich an, ihre Wangen waren rosig und glühten. »Danke.«
Sie kicherten noch immer, als sie in den Aufzug stiegen. Meine Aufmerksamkeit war auf das Journal gerichtet. Ich fuhr mit einem Finger über das erhabene Emblem auf der Vorderseite – ein verschlungener Baum des Lebens. In der unteren linken Ecke waren Initialen in das Leder eingebrannt: OTN. Das Geräusch des sich öffnenden Fahrstuhls erschreckte mich so sehr, dass ich das Buch mit einem Knall fallen ließ. Ein Wirrwarr von Papieren und Karten verstreute sich um mich herum.
Mist. Ich kroch unter dem Schreibtisch herum, sammelte alle Teile ein und war überrascht, dass eine Kalenderkarte von Wasabi Incident zu den Fundstücken gehörte. Hatte derjenige, dem sie gehörte, sie in der Lobby aufgesammelt? Oder bei einem unserer Gigs?
Niemand stieg aus dem Aufzug. Ich hielt den Stapel mit den losen Gegenständen und überlegte, was ich tun sollte. Mit äußerster Vorsicht wickelte ich die Lederschnur ab und öffnete das Buch. Ich wollte die Papiere wieder hineinzulegen und es gleich wieder einpacken, aber die Schrift auf der ersten Seite stach mir ins Auge. OLIVER UNGEKÜRZT … www.oliverungekürzt …, gefolgt von einer Liste von Passwörtern für das Konto und einigen anderen Dingen, die auch wie Passwörter aussahen.
O Gott. Ich hatte geplant, das Tagebuch auf dem Schreibtisch liegen zu lassen, sodass derjenige, der es zurückgelassen hatte, es sehen würde, wenn er wieder nach oben käme, aber dieses Zeug war zu wichtig – und zu privat –, um es dort liegen zu lassen, wo jeder Idiot es sich ansehen konnte. So wie ich.
Ich steckte all das Zeug wieder hinein, wickelte das Band darum, legte es in die unterste Schublade des Schreibtisches und schloss es fest ein. Ich postete eine Nachricht auf der Facebook-Seite der Schule, die besagte, dass derjenige morgen zur Rezeption der Fotoabteilung kommen sollte, um es abzuholen. Dann schrieb ich die gleiche Nachricht auf zwei Zettel und heftete einen neben den Aufzug. Den anderen würde ich dem Wachmann in der Lobby geben, damit er ihn an der Rezeption unten aufbewahrte. Wer auch immer dieses Journal verloren hatte, war wahrscheinlich verzweifelt.
Oliver. Oliver Ungekürzt war wahrscheinlich verzweifelt.
Ich hatte fünfzehn Minuten Zeit, bevor ich technisch gesehen gehen konnte, und die Neugierde überkam mich. Ich nahm meinen Laptop heraus und rief die Website auf. Wer auch immer sie betrieb, hatte ein cooles Foto von Manhattan für den Seitenhintergrund ausgewählt. Dunkel und stimmungsvoll. Kein Avatar für den Ersteller, nur eine kurze Biografie: Aufgewachsen in den verwunschenen Wäldern von New Hampshire, aber derzeit wohnhaft in NYC, mit dem hochfliegenden Traum, ein echter Schriftsteller zu werden. Ausbildung: B.A. und M.A. in Englisch von der UNH, Lehrbefähigung.
Okay, also war er kein dämlicher Student, der ein Sommerpraktikum machte. Mit dem Traum, ein echter Schriftsteller zu werden. Nun, Oliver, mal sehen, ob du schreiben kannst. Also fing ich an, seine Beiträge zu lesen.
OLIVER UNGEKÜRZT (1. Juni)
Ich habe nur 48h in New York gebraucht, um Folgendes festzustellen:
a) es ist hier nicht wie in den meisten TV Shows
b) dafür ist es wirklich die Stadt, die niemals schläft
c) auf alle möglichen Fragen kann man Antworten im Internet finden
d) diese Antworten sind allerdings nicht unbedingt korrekt
e) die Pizzen und Bagels hier sind tatsächlich besser
Mein Name ist Oliver, und ich hoffe, dass dieser Blog ein völlig ehrlicher Bericht über meine Erfahrung sein wird, zum ersten Mal in Manhattan zu leben – zum ersten Mal in irgendeiner Stadt zu leben – und zum ersten Mal in meinem Leben irgendwo offen unterwegs zu sein. Ja. Diese Art von »offen«. Ich bin schwul. Apropos erste Male, das ist das erste Mal, dass ich das irgendwo getippt habe, abgesehen von ein paar peinlichen Chatroom-Erfahrungen.
*wartet darauf, dass die Welt explodiert*
*schaut sich verstohlen um*
Okay, gut. Die Welt scheint nicht untergegangen zu sein. Ich fühle mich schon besser.
Noch zwei weitere Geständnisse:
1: Ich versuche, ein professioneller Schriftsteller zu werden.
2: Ich versuche, das NICHT in diesem Blog einfließen zu lassen.
Wie kann ich das besser erklären? Ich fühle mich, als ob … Hmm. Das ist eigentlich ein gutes Beispiel. Die meisten würden wohl einfach schreiben: »Ich habe das Gefühl, dass …« Verdammt, sogar ich würde das schreiben. Also werde ich das wohl machen.
Nochmal von vorn.
Ich habe das Gefühl, dass ich mein ganzes Leben lang versucht habe, in irgendeine Schublade zu passen, die einfach nicht passend für mich ist. Nein, das ist kein schlechter Witz über weibliche Anatomie, obwohl, ja, ich habe auch schon Frauen gedatet. Aber das meine ich nicht. Ich rede über alles. Die Klamotten, die ich trage, meine Frisur, die Dinge, die ich anderen Leuten erzähle und die, die ich für mich behalte … alles davon. In den nächsten 90 Tagen, während ich in New York lebe, will ich, dass all das, dass der »alte« Oliver vergessen wird. Ende. Aus. Vorbei. Ich will mich nicht mehr verstellen. Ich will ich selbst sein. Oliver. Ungekürzt.
Die Probe war ein kompletter Reinfall. Tommy und Wallace tauchten beide zu spät auf und der Club rief an und sagte, wir müssten noch früher da sein, um aufzubauen, weil einer ihrer Mitarbeiter gekündigt hatte. Wir hatten kaum Zeit, die Setlist durchzugehen, bevor wir Scheiße um die Bühne schleppten, die nicht einmal uns gehörte.
»Arschlöcher.«
Milo murmelte eine Reihe von Flüchen. Trotz seiner Flapsigkeit hatte er einen unglaublichen Sinn für Recht und Unrecht. Dass wir die Zeit damit verbrachten, Sachen wegzuräumen, die die Band von gestern Abend hätte mitnehmen sollen, brachte ihn in eine berechtigte, aber ungewöhnlich schlechte Stimmung. Wäre dies eine andere Bar gewesen, hätten wir dem Manager wahrscheinlich gesagt, er solle sich verpissen, aber dieser Ort war gut zu uns gewesen, seit wir angefangen hatten. Und es war nicht so, dass es uns umbringen würde, ein paar Sachen von der Bühne zu tragen.
Tommy und Wallace alberten mehr herum, als zu arbeiten.
»Ein bisschen Hilfe hier drüben?« Ich konnte den angepissten Tonfall nicht aus meiner Stimme heraushalten und das wollte ich auch gar nicht.
Tommy setzte sein Bier ab und machte Anstalten, Milo mit der lächerlichen Acht-Fuß-Palme mit Brüsten zu helfen, aber Wallace warf seine nervtötend gut frisierten Haare nach hinten und sagte: »Wonach sieht es denn aus?«
Der Neue will also spielen? »Es sieht so aus, als hätte eure Bromance Vorrang vor dieser verdammten Bühne.«
Seine Nasenflügel blähten sich, aber er schaffte es, zu spötteln. »Tja, was soll ich sagen, wir stehen eben nicht alle auf Schwänze.«
Ich hatte keine Zeit für so was. »Wenn das eine Herausforderung war, bin ich nicht interessiert. So oder so, meinst du, du kriegst es auf die Reihe, die Wodka-Kisten hinter der Bar zu holen und deine Ausrüstung aufzubauen?«
Tommy klopfte ihm auf die Schulter und nickte. »Komm schon, du nimmst eine, ich nehme die andere.«
Wallace starrte mich eine Sekunde länger an, was mir recht war. Ich hatte eine ältere Schwester. Ich konnte das Spiel mit dem Anstarren den ganzen Tag spielen, wenn ihn das anspornte.
Milo stellte sich hinter mich und reichte mir ein Bier. »Gut gemacht.«
Ich schnaubte und nahm einen Schluck. »Was ist das Problem von dem Kerl?«
»Hab ich dir doch gesagt. Ich weiß es nicht. Wie meine Mama immer sagte: ›Der Junge ist nicht in Ordnung‹.«
Das brachte mich zum Lachen. Milos Mutter, die knallharte, bibelfeste, alleinerziehende Mutter aus Kentucky, hatte mich bei unserer ersten Begegnung zu Tode geschockt. Ich hatte erwartet, dass sie die Nase rümpfen würde, als Milo mich, seinen langhaarigen, tätowierten Mitbewohner, zu einem schicken Abendessen einlud. Stattdessen war sie liebenswürdig und nett gewesen und verdammt witzig. Sie liebte Milo und scherte sich einen Dreck darum, was andere darüber dachten, dass er schwul war oder sich wie eine Farbexplosion anzog oder einen Freund wie mich hatte, der Eyeliner und mehr Ohrringe in einem Ohr trug, als sie wahrscheinlich insgesamt besaß. Ich bewunderte sie irgendwie. »Deine Mama ist eine kluge Frau.«
Ich wollte noch weiter über Tommy grübeln, aber ich wusste, dass das nicht gut für mich oder den Gig wäre, den wir spielen mussten. Also lenkte ich mich ab, indem ich einen weiteren Blogbeitrag las. Es fühlte sich seltsam dekadent an, die Worte des mysteriösen Tagebuchbesitzers zu lesen.
OLIVER UNGEKÜRZT (04. Juni)
Wenn deine Ex-Verlobte anruft, um dir zu sagen, dass sie einen neuen Verlobten hat …
Jup, genau das ist passiert.
Ich schätze, ich sollte ein klein wenig mehr dazu schreiben. Meine beste Freundin seit der sechsten Klasse ist ein Mädchen, das ich hier nur E. nenne, weil ich nicht will, dass ihr echter Name in meinem Blog auftaucht. Aber sie spielt schon beinahe mein ganzes Leben lang eine entscheidende Rolle darin.
E. ist die Art Freundin, von der ich hoffe, dass jeder das Glück hat, eine solche in seinem Leben zu haben. Sie ist witzig – die Art witzig, die dich selbst dann zum Lachen bringt, wenn du super sauer bist oder zu deprimiert, um dich zu bewegen. Sie ist clever – nervtötend clever. Ich bin kein absoluter Versager was Noten angeht, aber irgendwie hat sie es geschafft, bei jedem verdammten Test, ob standardisiert oder nicht, den wir von der sechsten Klasse bis zum Abitur geschrieben haben, ein kleines bisschen besser abzuschneiden als ich. Nervtötend a.f.. Sie ist freundlich – ich meine nicht auf die aufgesetzte Art, ich meine die Art von Mitgefühl, die so instinktiv ist, dass man sich besser fühlt, egal wie beschissen es einem geht. In einem Wort, sie ist fantastisch. Sie ist die Art Mensch, die sich jeder als Freundin, Liebhaberin und Ehefrau wünschen würde. Und für mich sollte sie alle drei Dinge sein.
Aber Moment, denkt ihr vielleicht: Sagtest du nicht, du bist schwul?
Nun, das ist das Ding. Das bin ich. Und sie ist hetero. Aber bis vor ein paar Monaten waren E. und ich verlobt. Jetzt denkt nicht, dass ich sie hinters Licht geführt habe oder so. Das habe ich nicht. Sie wusste, dass ich schwul bin, bevor ich es vor mir selbst zugeben oder es jemand anderem sagen konnte. Und sie hat nie versucht, mich auszunutzen oder zu ändern. Weit gefehlt. Ich habe ihr aus einem sehr guten Grund einen Antrag gemacht. Wir wollten beide das Gleiche: Heirat, Haus, Kinder. Und es sah nie so aus, als hätte einer von uns die Chance, das mit jemand anderem zu haben.
Ich will nicht zu viele Details von E.s Situation erzählen. Dieser Blog soll eigentlich einen ehrlichen Blick auf mein Leben geben und kein Exposé von ihrem sein. Lasst mich einfach nur festhalten, dass ihr ihre Vergangenheit gute Gründe gab, keine Beziehung zu wollen und Männern nicht zu trauen. Sie dachte wirklich, dass Liebe und eine »normale« Beziehung in ihrem Leben nicht vorkommen würden, aber deswegen wollte sie noch lange nicht die anderen Dinge von der Liste aufgeben. Sie hat immer gesagt, dass sie kaputt genug ist – ihre Worte, nicht meine – und dass sie das Beste draus machen will. Weil wir beste Freunde waren, schien ich das wohl zu sein.
Das kam mir, um ehrlich zu sein, auch total entgegen, denn auch wenn einige enge Freunde wussten, dass ich schwul bin, war ich auf der Arbeit nicht out. New Hampshire ist echt fortschrittlich, was einige Dinge angeht, aber ziemlich altmodisch, was andere Dinge angeht. Deswegen kam es mir nicht wie der schlauste Karriereschritt vor, mich auf der Arbeit zu outen, solange ich noch der jüngste Lehrer an der Highschool war. Ich war mein ganzes Leben als Hetero durchgegangen und das noch ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte durchzuziehen, kam mir nicht wie eine große Sache vor.
Das klingt wahrscheinlich schrecklich für einige von euch. Ehrlich gesagt, klingt es im Moment nicht einmal für mich besonders toll. Aber wenn das das eigene Leben ist und alles, was man bisher kannte, scheint es normal zu sein. Und normal ist bequem, meistens jedenfalls.
Wie auch immer. Als wir mit dem Studium fertig waren, beide einen Job als Lehrer bekamen und beide darüber nachdachten, ein Haus zu kaufen, habe ich ihr die Frage gestellt. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, ob sie Ja sagen würde oder nicht, aber als sie es tat, war ich erleichtert. Sogar glücklich. Ich wusste, dass wir viel Spaß miteinander haben würden und ich war wirklich aufgeregt bei der Aussicht, dass wir Kinder haben und unser Leben gemeinsam verbringen würden.
Aus den Kommentaren zu anderen Beiträgen weiß ich schon, was ihr denkt, also beantworte ich einfach die Frage, bevor sie in den Kommentaren auftaucht. Was ist mit Sex? Nun …
Wir hatten Sex. Manchmal.
Noch mal, ich bin nicht bereit, Details über E. zu verraten, aber sagen wir einfach, dass Sex mit zu den Gründen gehörte, warum sie andere Beziehungen vermeiden wollte. Für mich war es einfach keine so große Sache. Es war kein Teil unserer Beziehung, den ich für wichtig hielt. Ich dachte wirklich, dass, wenn alles andere in unserem Leben gut läuft, die Sache mit dem Nicht-Sex kein Problem sein würde. Ich bin mir sicher, dass einige von euch das für Blödsinn halten oder für verrückt oder dass ich mich verleugnet habe, aber alles, was ich sagen kann, ist, dass es zu der Zeit keine Priorität zu haben schien.
Wir waren zwei Jahre lang verlobt, hatten die Hochzeit geplant, besaßen das Haus, hatten sogar einen gemeinsamen Hund … und dann passierte es. Sie nahm einen Job an und ich schwöre, schon an ihrem ersten Arbeitstag wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Irgendetwas an ihr schien … leichter zu sein. Als ob ein Funke in ihr entfacht worden wäre. Zuerst dachte ich, dass es nur daran lag, dass sie den neuen Job wirklich mochte, oder dass die Kindergartenkinder, mit denen sie jetzt arbeitete, besser zu ihr passten als die launischen Fünftklässler, die sie im Jahr zuvor gehabt hatte. Aber das war es nicht.
Der Unterschied war ein Kollege. Nennen wir ihn B.
Ihr denkt sicher, dass ich B. hassen muss, aber das tue ich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich glaube wirklich, dass B., als er in E’s Leben trat, das Beste war, was ihr passieren konnte. Und ihm. Und mir.
Plötzlich ist das passiert, wovon sie dachte, dass es in ihrem Leben nicht vorkommen würde: Sie traf einen Typen, dem sie vertrauen konnte, zu dem sie sich hingezogen fühlte, der, oh Wunder, nicht schwul war.
Also bin ich zur Seite getreten.
Nur, dass ich nicht wirklich zur Seite getreten bin. Es war eher ein Schritt vorwärts, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit. Ich hatte keine Ausrede mehr, mich nicht zu outen – bei meiner Familie und dem Rest meiner Freunde (die Schule weiß es immer noch nicht, weil ich es mir da nicht verscherzen will, wenn ich zum Ende des Sommers dahin zurückmuss) – und ich hatte auch keine Ausrede mehr dafür, mich bei irgendetwas zurückzuhalten, das ich ausprobieren wollte. Was der Grund dafür ist, dass ich mich für das Sommerschreibprogramm angemeldet habe. So spät noch einen Platz zu bekommen, war reines Glück oder das Universum, das es gut mit mir meint oder wie auch immer man das nennen will.
Ich tippe auf das Universum, denn ich fand schon immer, dass das Universum einen perversen Sinn für Humor hat, wenn es um Schicksal geht, und dass ich in dieses Schreibprogramm gekommen bin, war auf jeden Fall ein Wunder. Aber es wurde mit der schlimmsten Mitbewohnerin in der Geschichte des Zusammenlebens wieder wettgemacht. Das ist allerdings eine Geschichte für einen anderen Blogbeitrag. In diesem Beitrag soll es um E. gehen. Oder darum, wie ich reagiert habe, als E. mir erzählt hat, dass sie und B. heiraten werden.
Wenn ich ehrlich bin, muss ich echt sagen, dass mich das hart getroffen hat. Auf eine Weise, die ich nicht erwartet habe. Versteht mich nicht falsch, ich freue mich für sie – wirklich, wirklich sehr. E. war immer da für mich, egal, um was es ging, seit beinahe zwei Jahrzehnten. Und ihr Glück ist für mich so wichtig wie mein eigenes. Vielleicht sogar wichtiger, weil sie es mehr verdient. Ich freue mich sehr, dass sie jemanden gefunden hat, der ein Lächeln in ihr Gesicht, ihre Schritte zum Schwingen und ein Glühen auf ihre Wangen bringt. Ich freue mich so sehr, dass sie sich die Chance dazu gibt, all das zu fühlen.
Aber ich habe nicht erwartet, mich … traurig zu fühlen. Wie kann ich mich traurig fühlen, wenn die Person, die ich am meisten auf der Welt liebe, so glücklich ist? Ich schätze, ich bin nicht so großmütig, wie ich gerne denken würde. Mir ist plötzlich klar geworden, so ekstatisch wie ich war, all diese neuen Sachen diesen Sommer auszuprobieren und der neue und verbesserte Oliver zu sein, dass ich nie wirklich über die Tatsache nachgedacht habe, dass mein altes Leben nicht wirklich auf mich warten wird, wenn der Sommer vorbei ist. Angenommen, ich ziehe zurück nach New Hampshire, dann werde ich alleine leben, an einem neuen Ort, und wenn ich ganz ehrlich bin, werde ich zum ersten Mal dauerhaft auf mich allein gestellt sein. Ich denke gerne, dass ich in all den Jahren E.’s Fels gewesen bin. Ihr sicherer Ort zum Festhalten. Ihre Schmusedecke. Ihr Ritter in glänzender Rüstung. Aber die Wahrheit ist, dass sie die ganze Zeit all diese Dinge auch für mich war. Nur hat sie jetzt einen neuen festen Platz zum Landen. Äh … sozusagen. Jemand Neues ist in ihr Leben getreten. Mit einer noch glänzenderen Rüstung. Und ich habe … nichts.
Sorry, das klang wohl melodramatisch. Ich bin nicht mittellos oder arm. Ich kann Möbel kaufen und eine neue Wohnung finden und es ist auch nicht so, dass ich keine anderen Freunde habe oder keine neuen finden kann. Es ist nur seltsam … fremd … zu realisieren, dass meine Zukunft nicht mit E. sein wird. Ich bin immer noch ihr bester Freund. B heiratet sie, er schneidet sie nicht von ihrem alten Leben ab oder so. Aber ich bin dann der schwule Single-Kerl auf ihren Partys für Verheiratete. Man wird mich zum Essen oder zu Feiern einladen, nicht zu nächtlichen Saufgelagen. Ich werde … außen vor sein.
Scheint keine so große Sache zu sein, denke ich. Ich meine, ich verliere nicht wirklich etwas. Sie wird immer noch in meinem Leben sein.
Ich fühle mich seitdem nur so allein wie schon lange nicht mehr.
Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich ist, sich in einer Millionenstadt allein zu fühlen. Aber das tue ich.
Ich starrte auf den Bildschirm und las die letzten Worte noch einmal. Allein in einer Millionenstadt. Ein vertrautes Gefühl. Warum verstanen Nicht-New-Yorker nie, dass es möglich war, sich so zu fühlen? Als wären alle New Yorker automatisch beste Freunde, die sich gegenseitig auf Drinks einluden. Ich hasste es, wenn ich die schlechte Nachricht überbringen musste, aber das echte Leben war keine Friends-Folge. New York war voller Menschen, die in Lichtgeschwindigkeit kamen und gingen, die ihre eigenen Tagespläne und Termine hatten und manchmal innerhalb eines Wimpernschlags wieder aus deinem Leben verschwanden. Selbst wenn man hunderte von Menschen kannte, bedeutete das nicht, dass gerade dann jemand Zeit hatte, wenn man selbst Zeit hatte. Oder dass jemand da war, den man anrufen konnte, wenn man ein Problem oder eine Frage hatte. Ich hatte mehr Bekannte, als ich gebrauchen konnte, und eine Handvoll Freunde, mit einer noch kleineren Anzahl von engen Freunden. Und ich hatte in dieser Hinsicht mehr Glück als die meisten. Ich konnte absolut verstehen, dass Oliver sich ein wenig verloren fühlte, als er erfahren hatte, dass seine beste Freundin einen neuen Mann hatte. Oh, Scheiße. Ich hatte den Stich quasi gefühlt, als ich es gelesen hatte.
Es fühlte sich so seltsam an, persönliche Dinge von jemandem zu lesen, den ich wahrscheinlich treffen würde, wenn ich herausfinden würde, wie ich das Buch zu ihm zurückbringen konnte.
Dieser Gedanke ließ mich für zwei Sekunden innehalten, bevor ich die Überschriften der nächsten Themen überflog. Essen. Museen. Ich konnte darauf verzichten, das zu lesen, obwohl ich irgendwie das Gefühl hatte, dass ich sie später sowieso noch lesen würde. Dann fiel mir ein anderer Beitrag ins Auge. »Die Sexparty aufmischen«. Oh, hallo.
Wie immer hätte Milos Timing nicht schlechter sein können.
»Kumpel, wir sind dran.«
Ich schloss den Beitrag und steckte mein Handy in die Tasche. Ich wusste, dass ich diesen Sex-Post so schnell wie möglich lesen würde.
Wie immer hatten Tommy und Wallace ihren Blödsinn im Griff, sobald wir die Bühne betraten. Wir spielten zwei Killer-Sets und meine Laune verbesserte sich. Vor Publikum zu spielen, gab mir immer einen Rausch, der mit nichts anderem zu vergleichen war. Mein Verstand konzentrierte sich auf nichts anderes als auf die Musik, die Worte und das Gefühl meiner Stimme, die durch meinen Körper vibrierte.
Wir waren mitten in der Zugabe, als ich die Augen öffnete und den Blick durch die Menge schweifen ließ. Sich mit einer Person im Publikum zu verbinden, machte die Begeisterung noch so viel besser. Besonders heute Abend. Denn drei Reihen weiter hinten, an die Wand gelehnt und die langen Finger um einen Flaschenhals geschlungen, stand der heiße Fahrstuhltyp.
Der Teil meines Gehirns, der mich ständig daran erinnerte, dass ich abstinent war, schaltete auf Hochbetrieb und schickte Erinnerungsnachrichten an alle meine Körperteile. Deren Büros waren scheinbar jedoch gerade geschlossen, denn nicht einer von ihnen schien die Mitteilung zu erhalten. Ich spürte sein Starren von Kopf bis Fuß und es vibrierte stärker durch mich als Wallace’ zu lautes Trommeln.
Ich ließ den Blickkontakt so lange bestehen, wie es mir möglich war, und tat so, als wäre es keine große Sache. Dann wandte ich meinen Blick jemand anderem zu. Es war egal. Ich konnte den heißen Typen immer noch in meinen Gedanken sehen. Als der Gig endete, ging ich auf die Seite der Bar zu, an der er stand, als wäre ich auf einer Art Autopilot, den ich nicht abschalten konnte.
Was machst du denn da? Keine Aufrisse. Nicht in den nächsten drei Monaten.
Ich wusste das. Ich wusste das und plante auch, mich daran zu halten. Aber ich wollte noch ein kleines bisschen schauen.
»Willst du den Spezialdrink ausprobieren?« Dan, der Barkeeper, kannte uns seit Jahren und gab uns immer einen Drink aus, wenn wir dort spielten.
»Klar.« Ich hielt mich nicht mal damit auf, zu fragen, was es war. »Und kann ich ein paar Nachos haben?«
»Die normalen oder die neuen?«
Ich erhaschte noch einen Blick auf den Kerl. Er lehnte noch immer an der Wand, aber diesmal an einer anderen Stelle. Er sprach mit niemandem. »Überrasch mich.«
Dan stellte ein Hurricaneglas ab, das mit Eis und einem roten Gebräu gefüllt war. Meine Kehle war ausgedörrt, also hakte ich einen Finger ein, um den Strohhalm beiseite zu halten, und trank mehrere Schlucke. Der fruchtige Slush milderte das raue Gefühl, also nahm ich einen weiteren Schluck, bevor ich das Glas auf den Tresen stellte.
»Tolle Show heute Abend.«
Die Stimme kam von so nah, dass ich fast zur Seite wich, um etwas Abstand zu bekommen. Dann sah ich den Sprecher. Der heiße Typ. Aus der Nähe sah er noch heißer aus, weil das schwache Licht der Barbeleuchtung ihn anstrahlte. Ich wünschte, meine Ausrüstungstasche wäre nicht hinter der Bühne, denn wenn ich auch nur eine halbe Ausrede gehabt hätte, hätte ich ein Foto von ihm gemacht. Oder zwanzig.
»Danke, Mann. NYU, richtig?« Als ob ich Probleme hätte, mich zu erinnern, wo ich ihn schon mal gesehen hatte.
Er schenkte mir ein leichtes Lächeln, das eine solche Mischung aus Unschuld und Sexyness war, dass sich mein Wortschatz komplett verflüchtigte. Er lehnte sich noch näher in meine Richtung und sprach direkt in mein Ohr, sodass ich die Hitze seiner Gegenwart spüren konnte, während sich die satten, weichen Töne seiner Stimme in mein Gedächtnis einprägten. »Ja. Ein Sommerkurs, nicht Vollzeit. Bist du ein Student?«
»Nur noch ein paar Monate. Ich beende meine letzten paar Kurse, damit ich meinen Abschluss machen kann. Ich hab ein Semester verpasst, als die Band auf Tournee war.«
»Ein guter Grund für eine Verzögerung. Wo seid ihr getourt?«
Meine Nachos kamen und mir wurde klar, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte und mein Bauch halb voll war von dem, was auch immer zum Teufel in diesem Getränk war. Ich brauchte etwas zu essen, bevor die Aufmerksamkeit des Sexgottes meinen Schwanz zum obersten Herrscher über alle meine Gedanken machte. Ich schnappte mir einen Nacho vom Teller und gab meinem Gegenüber mit einer Geste zu verstehen, dass er gern etwas von dem riesigen Haufen haben konnte, wenn er wollte. »Westküste und ein paar Stopps in Kanada. Wir waren eine der Vorbands, aber es war trotzdem cool. Es war alles, um unser erstes Album zu promoten.«
»Schick.«
Er schien aufrichtig beeindruckt zu sein, aber nicht auf die Fanboy-Art, die viele Leute an den Tag legten. Ich wusste nicht, ob ich Erleichterung oder Enttäuschung über die Tatsache empfand, dass ich von ihm überhaupt nicht die »Ab-hinter-die-Bühne-und-lass-mich-blasen«-Vibes bekam. Nicht, dass ich Ja gesagt hätte. Aber die Stimmung hätte mir trotzdem gefallen. Vielleicht war er hetero. Aber auch das Gefühl hatte ich nicht. Ich musterte ihn, während ich kaute, bis ich merkte, dass ich ihn anstarrte, und drehte mich um, um noch ein paar Schlucke von meinem Drink zu nehmen. Ich grub in meinen Gedanken nach einem neuen prickelnden Gesprächsthema und fragte mich, warum ich mir überhaupt die Mühe machte. Er sagte, er wäre Sommerstudent, also würde er Ende August abreisen und meine Abstinenz würde erst danach vorbei sein. Trotzdem wollte ich wieder diese Stimme in meinem Ohr haben. Ich schob mir einen weiteren Chip in den Mund und kaute schnell, in der Hoffnung, ihn mit etwas Cleverem wie »Woher kommst du?« oder »Wie gefällt dir die NYU?« zu beeindrucken. Dann passierte es.
Es begann mit einem Summen, aber innerlich, nicht äußerlich. Als wäre mein Körper dabei, sein Notfallsystem hochzufahren, um ein Warnsignal zu brüllen. Scheiße. Ich spannte mich an, betete, dass das nur ein Test war und kein echter Notfall. Meine Lippen wurden taub. Meine Hände kribbelten, heiß und kalt zur gleichen Zeit. Hitze lief von meiner Brust über meine Wangen hinauf, während mein Herz schneller hämmerte.
