Der Monarch - Jack Soren - E-Book

Der Monarch E-Book

Jack Soren

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4,99 €

Beschreibung

Der Monarch ist berüchtigt: bei kriminellen Kunstsammlern, denen er ihre illegalen Kunstwerke stiehlt, und Museen, von denen er immense Summen für die Rückführung verlangt. Doch Jonathan Hall hat seine Karriere als internationaler Kunstdieb jüngst beendet. Da wird New York von einer grausamen Mordserie erschüttert: Der Killer ritzt seinen Opfern die Umrisse eines Schmetterlings in die Brust – das Markenzeichen des Monarch! Ehe Jonathan sich versieht, ist er in einem tödlichen Spiel gefangen …

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Seitenzahl: 657

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Jack Soren

Der Monarch

Roman

Aus dem Amerikanischen von Marco Mewes

HarperCollins®

HarperCollins® Bücher

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by HarperCollins

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

The Monarch

Copyright © 2014 by Martin R. Soderstrom

erschienen bei: Witness Impulse, New York

Published by arrangement with Witness Impulse,

an imprint of HarperCollins Publishers, LLC.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Redaktion: Thorben Buttke

Coverabbildung: Collaboration JS / arcangel images, ostill, M. Shcherbyna, DrHitch / Shutterstock

ISBN eBook 978-3-95967-993-0

www.harpercollins.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Für Kiersten

Der Unterschied zwischen Dummheit und Genialität ist der, dass Genialität ihre Grenzen hat.

– Albert Einstein

ERSTER TEIL

Freitag

1

The Cloisters MuseumNew York City19:30 Uhr Ortszeit

Joe Wagner blätterte lautstark durch seinen Notizblock. Er suchte darin keine Hinweise, sondern wollte nur den Museumsverwalter ablenken, der immer wieder über die Schulter zur Leiche hinüberblickte.

Obwohl er bereits sein ganzes Leben in New York wohnte, hatte Wagner es erst vor zwei Jahren zum ersten Mal ins The Cloisters Museum geschafft. Das Gelände lag im Stadtteil Washington Heights an der Nordspitze von Manhattan. Damals hatte er seinen Sohn auf dem Schulausflug hierher begleiten müssen.

Am Ende hatte ihm der Trip sogar Spaß gebracht, dabei hatte er nicht mal gewusst, was ein „Cloister“ überhaupt sein sollte. Es hatte ihn überrascht, dass es sich um einen simplen Kreuzgang handelte, einen besonders reich verzierten Klostergarten. Die Architektur hatte ihn zutiefst fasziniert, und er war erstaunt gewesen, als er erfuhr, dass jeder einzelne Stein noch vor dem Ersten Weltkrieg aus Frankreich hierher transportiert worden war. Auch deshalb hatte die Anlage auf ihn eher wie eine europäische Burg gewirkt als wie ein Museum.

Aber heute war er nicht Joe Wagner, der zwangsverpflichtete Aufpasser einer Horde unbändiger Teenager, sondern Joseph Wagner, Special Agent in Charge des FBI, der eine Ermittlungsgruppe von Bundesbeamten anführte. Und das tat er schon seit sechs Wochen. Seit die erste Leiche gefunden worden war.

Heute Nacht war der eierbecherförmige Springbrunnen aus beigefarbenem Kalkstein, der die Mitte des Klostergartens beherrschte, mit Blut gefüllt. Es triefte über den Rand, auf den jemand die halb nackte Leiche eines verstümmelten Mannes gelegt hatte. Irgendwann einmal hatten sich an dieser Stelle friedliebende Mönche über den Stein gebeugt, um ihren Durst zu stillen.

Heute Nacht wurde Wagner von dem ganzen Fluss aus Scheiße, in den er geraten war, mitgerissen, und der einzige Baum, an dem er sich vielleicht hätte festhalten können, drohte umzustürzen und ihn und seine ganze Karriere unter sich zu begraben.

„Wer hat die Leiche gefunden?“, fragte Wagner seinen Zeugen, den Kurator des Museums, Roger Benoit. Er war ein kleiner, blasser, femininer Kerl, der nach Babypuder roch.

Wagners Team stellte den restlichen Museumsangestellten gerade dieselbe Frage, was im Grunde sinnlos war, aber sie hatten Vorschriften, an die sie sich halten mussten. Dazu gehörte der exakt ausgearbeitete Fragenkatalog. Sollte Benoit sich unangemessen behandelt fühlen, würde die Beschwerde in Windeseile bei Wagners Vorgesetzten landen, und das konnte er im Augenblick überhaupt nicht gebrauchen.

„Äh, Connie. Connie Baker“, antwortete Benoit. Er hatte einen hauchfeinen europäischen Akzent. Wagner konnte nicht mit Sicherheit sagen, zu welcher Sprache er gehörte oder ob er überhaupt echt war.

„War sie allein?“

„Ich glaube schon, ja. Sie war auf dem Weg zur Westterrasse, als sie sich wunderte, wieso das Plätschern des Springbrunnens so dumpf klang. Dann haben wir sie schreien gehört und sind herausgelaufen, um nachzusehen, was passiert ist. Die Arme wäre beinahe umgekippt. Aber kann man es ihr verübeln?“ Benoit tupfte sich unentwegt mit einem Stofftaschentuch die Stirn ab, eine Geste, die nur noch hektischer wurde, nachdem er Connie Baker erwähnt hatte.

Wagner glaubte zwar nicht, dass der Mann etwas mit dem Mord zu tun hatte, aber irgendwas stimmte mit ihm nicht.

„Wann war das?“, fragte er und kritzelte in seinem Notizblock herum.

„Ach herrje, warten Sie. Das muss so eine Stunde her sein. Um halb sieben, schätze ich.“

„Und weshalb war sie allein auf dem Weg zur Westterrasse?“

„Ist das wirklich wichtig für Ihre Untersuchung?“

„Wir versuchen nur, alle Angestellten auszuschließen. Sicherzustellen, dass keiner von ihnen in die Sache verwickelt ist.“

„Verwickelt? Gütiger Himmel, natürlich ist sie nicht in die Sache verwickelt.“

„Nun, weshalb war sie dann alleine unterwegs?“

„Sie …“ Benoit lehnte sich ein wenig vor, damit er die Stimme senken konnte. „Sie war unterwegs, um eine Zigarette zu rauchen.“

„Hmm. Verstehe.“

Wagner stellte noch ein paar weitere sinnlose Fragen und dankte dem Kurator dann für seine Zeit. Niemand der hier Angestellten hatte irgendetwas mit dem Mord zu tun, das stand außer Frage, aber bei diesem speziellen Fall mussten sie sehr gründlich arbeiten und wirklich jede Eventualität ausschließen.

Er machte sich noch einige Notizen und ging dann hinüber zu seinem Kollegen, Special Agent Mike Evans, der neben der Leiche auf ihn wartete.

„Irgendetwas Hilfreiches?“, fragte Wagner, steckte seinen Notizblock weg und knöpfte seine Jacke zu, um sich gegen die abendliche Aprilkälte zu schützen.

„Nichts“, erwiderte Evans. Er war etwas kleiner als Wagner, aber sein Bürstenschnitt stand akkurat in die Höhe und glich den Größenunterschied wieder aus. „Sie werden ein paar Sitzungen beim Therapeuten brauchen, aber keiner von ihnen hat was damit zu tun. Die Hälfte hat Mühe, nicht ohnmächtig zu werden. Die wollen einfach nur nach Hause.“ Evans lieferte ziemlich genau die Zusammenfassung, die Wagner erwartet hatte.

„Gib ihnen Bescheid, dass sie vorher noch in die Zentrale kommen müssen, damit wir ihre Aussage aufnehmen können. Na ja, du weißt ja, wie es läuft.“ Wagner drehte sich um und wollte gehen.

„Hör mal, wir haben ein Problem.“

„Was du nicht sagst“, erwiderte Wagner in einem Anflug von Ärger.

„Das New Yorker Police Department flippt total aus.“

„Haben die schon eine Verbindung zu den anderen Morden hergestellt?“

„Das ist auch so eine Sache. Die Presse war noch vor uns hier.“

„Bitte was?“

„Als Duke und ich hier ankamen, waren sie gerade dabei, das Tor zu stürmen. Wir mussten die Hälfte von ihnen erst mal wieder vom Gelände jagen.“

„Woher …“

Evans hielt ihm einen dicken, braunen Briefumschlag hin. Wagner öffnete ihn und zog den Inhalt heraus. Es war ein unbeschrifteter Aktenordner und ein Taschenbuch mit dem Titel Die Herrschaft des Monarchen. Wagners Magen zog sich schmerzhaft zusammen, als er einen Blick auf das Cover des Buchs warf. Das schwarze Schmetterlingssymbol, das den glänzenden weißen Einband schmückte, sah genauso aus wie der blutige Schmetterling, den jemand in die Brust der Leiche geritzt hatte, die nur wenige Schritte entfernt lag.

Er blätterte durch den Aktenordner. Polizeireporte, FBI-Akten und äußerst blutige Tatortfotos der ersten beiden Morde. In nur sechs Wochen waren bereits drei Morde auf dem Schreibtisch von Wagners Einheit gelandet, und alle waren von bizarren post mortem durchgeführten Verstümmelungen begleitet.

„Jesus.“

„Ja. Das wurde heute Morgen an so ziemlich jede Redaktion der Stadt geliefert. Wir versuchen, es zurückzuverfolgen, aber bisher ist da nichts zu holen. Keine Poststempel, keine Fingerabdrücke.“

„Wann zur Hölle ist das hier rausgekommen?“, fragte Wagner und blätterte durch die ersten paar Seiten des Taschenbuchs.

„Vor ein paar Jahren. Über die Morde steht da nichts drin. Aber die Autorin, Emily Burrows, lebt hier in Washington Heights. Eine Engländerin mit Arbeitsvisum.“

„Warum wussten wir nichts davon? Ach, vergiss es. Das Police Department braucht Beschäftigung? Sag ihnen, sie sollen diese Autorin herbringen, bevor irgendwelche Reporter auf die Idee kommen, sie ausfindig zu machen. Falls sie das nicht längst getan haben.“

„Das bezweifle ich. Ihre Nummer ist nirgendwo registriert. Wir haben ihre Adresse nur über das Visum herausgefunden. Ein Glückstreffer.“

„Ja, wir sind heute wirklich mit Glück gesegnet.“

„Dabei kennst du die schlechten Neuigkeiten noch gar nicht.“

„Wusst’ ich’s doch.“

„Der Direktor ist auf dem Weg hierher.“

Wagner verzog das Gesicht, als hätte er körperliche Schmerzen. „Großartig. Wir stecken ziemlich in der Scheiße. Nicht nur deswegen.“ Er wedelte mit dem Umschlag. „Hast du dir die Leiche schon mal angesehen?“

„Nein, wieso?“

„Sieh ihr mal ins Gesicht“, meinte Wagner und führte Evans hinüber zu dem Toten, der auf dem Brunnenrand lag.

„Verdammter Mist. Das ist Bob Cummings.“

„Niemand Geringere. Irgendjemand hat sich verdammt viel Mühe gegeben, dass wir diesen hier nicht einfach still und leise abhandeln können.“

„Heilige Scheiße. Bob Cummings. Das Police Department wird durchdrehen, wenn die das hören.“

Evans wusste, wovon er sprach. Abgesehen davon, dass Cummings New Yorks populärster Nachrichtensprecher gewesen war, hatte er selbst mal zur New Yorker Polizei gehört. Genau wie Evans.

Er beugte sich vor und warf einen etwas genaueren Blick auf das Ende des zusammengerollten Stoffstücks, das dem Toten aus dem verdrehten Hals ragte. „Ist das hier die Todesursache?“

„Möglich“, sagte Wagner. „Der Gerichtsmediziner ist auf dem Weg. Die Verstümmelung wurde ihm vermutlich nach dem Tod zugefügt; wie bei den anderen auch.“ Wagner wies mit dem Kinn auf den grob ins Fleisch geschnittenen Schmetterling.

„Nicht ganz wie bei den anderen, oder?“, wandte Evans ein und deutete auf die Reihe von Blutergüssen in Cummings’ Gesicht. „Aus dem hier hat er erst mal die Scheiße herausgeprügelt.“

„Ja“, stimmte Wagner zu. Die anderen Opfer hatten, abgesehen von den Verstümmelungen, kaum Anzeichen von Gewalteinwirkung aufgewiesen. „Ich bin mir noch nicht sicher, was das zu bedeuten hat.“

„Hmm.“ Evans grunzte und beugte sich zum blutverschmierten Kiefer der Leiche hinab. „Was zum Teufel ist das?“

„Ich hab nicht die geringste Ahnung. Sieht nach einer Art Tuch aus. Aber er hat ’ne Menge davon geschluckt.“ Wagner deutete auf den freiliegenden Bauch des Opfers, der sich auffällig nach außen wölbte.

„Was zum Teufel!“

„Was auch immer es ist, es ist ungefähr einen Meter lang, und wir können es überhaupt nur sehen, weil der Killer es keinen Millimeter weiter hineinstopfen konnte.“

„SAC Wagner?“, rief ein junger Agent von den Stufen herüber, die in den Garten führten. Wagner wandte den Kopf nach ihm um. „Direktor Matthews ist hier. Er fragt nach Ihnen.“

„Bin ich froh, nicht in deiner Haut zu stecken“, sagte Evans.

„Immer noch besser als in seiner“, erwiderte Wagner und deutete auf Cummings’ Leiche. Obwohl er sich nicht hundertprozentig sicher war, ob das stimmte.

„Hey, Pete“, begrüßte Wagner seinen Chef, als er in die Lobby des Museums trat. Er versuchte, den Ton der Begegnung gleich ein wenig lockerer zu gestalten. Dem Blick nach zu urteilen, den Direktor Matthews ihm zuwarf, war die Mühe allerdings vergeblich.

Helle rote und blaue Lichter flackerten durch die milchigen Glasbausteine, die den Eingang zum Museum umsäumten. Am Ende der Auffahrt vor dem Gebäude standen so viele FBI-Fahrzeuge herum, dass man hätte meinen können, das Bureau hätte seinen Fuhrpark hierher verlegt. Jenseits der Autos und der Absperrungen testete eine gierige Horde Reporter die Toleranzgrenze der New Yorker Polizei.

„Das ist ein beschissener Start in den Tag, Joseph“, sagte Matthews und starrte zu den Journalisten hinüber. Er war genauso groß wie Wagner und ähnlich gebaut, trotzdem hatte Joe in Gegenwart seines Vorgesetzten immer das Gefühl, der Kleinere zu sein.

„Das glaub ich Ihnen, Sir.“

„Sie haben mir versprochen, dass ich es nicht bereuen werde, diesen Fall nicht an die große Glocke zu hängen. Erinnern Sie sich?“

Und wie Wagner sich erinnerte. Vor sechs Wochen hatten ein paar Jugendliche am Rande des Central Parks die erste verstümmelte Leiche gefunden – ein unbekannter Maler ohne nennenswerte Feinde. Wagner hatte angenommen, dass der Killer den jungen Mann nur zufällig ausgewählt hatte. Dass der Fundort der Leiche dem Täter wichtig war und die Aufmerksamkeit, die er damit erregen konnte. Warum der Killer unbedingt Aufmerksamkeit wollte, war zu dem Zeitpunkt unwichtig gewesen.

Wagner war überzeugt gewesen, dass der Killer irgendeinen Fehler machen würde, wenn sie ihm die Anerkennung und die Aufmerksamkeit vorenthielten. Vielleicht einen frustrierten Anruf bei der Polizei oder ein Brief an die Zeitungen.

Irgendetwas.

Aber wie sich herausstellte, ging der Mörder äußerst methodisch vor. Und er hatte Geduld. Mehr Geduld als Matthews offenbar, dachte Wagner.

Es wäre ein Leichtes gewesen, den Fall der New Yorker Polizei zu überlassen und nach Hause zu fahren. Aber einer der Teenager, die die Leiche gefunden hatten, war Wagners Sohn gewesen.

Das hatte Wagner stinksauer gemacht, und als er herausfand, dass das Opfer in Teilzeit für die Post gearbeitet hatte und damit Staatsdiener war, hatte er diesen Umstand ausgenutzt und den Fall zu sich ins FBI geholt. Aber das Schlimmste daran war, dass er seinen alten Freund Matthews vorgeschickt hatte, sich die Zuständigkeit zu angeln.

Der zweite Mord hatte sich vor drei Wochen ereignet, diesmal war das Opfer Inhaber einer Kunstgalerie gewesen. Wieder hatten sie keine erwähnenswerten Feinde in seinem Umfeld gefunden. Die einzigen Verbindungen zwischen den beiden Opfern waren ihr Bezug zur Kunstszene gewesen und das grausige Symbol, das ihre Leichen zierte.

Der Galerist war an irgendeinem unbekannten Ort ermordet und dann mitten in der St. Patrick’s Cathedral an der Madison Avenue aufgehängt worden, die Arme ausgestreckt, als wäre er an ein unsichtbares Kreuz genagelt. Ihm war derselbe grobe Schmetterling ins Fleisch geschnitten worden wie dem ersten Opfer.

Noch immer von seiner Taktik überzeugt, hatte Wagner alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Mord aus den Zeitungen rauszuhalten, was bei diesem Fundort noch schwieriger geworden war. Nur widerstrebend hatte Matthews sich bereit erklärt mitzuspielen und sogar seinen Einfluss beim Erzbischof geltend gemacht. Das war keine Kleinigkeit gewesen.

Und jetzt das hier.

„Wir sichten die Videoaufnahmen des Museums und die aller Verkehrskameras in der Umgebung, aber …“

„Aber Sie werden nichts finden. Genau wie bei den anderen“, unterbrach Matthews ihn.

„Nein, Sir. Vermutlich nicht. Wenn das hier derselbe Kerl ist, weiß er, was er tut. Die Tatsache, dass er keinen Alarm ausgelöst hat, beweist das.“

„Sie tun sich gerade keinen Gefallen, Joseph“, brummte Matthews. Er drehte sich um und sah seinen Special Agent direkt an. Er war wenigstens zehn Jahre älter als Wagner und bereits dessen Mentor gewesen, als Joe noch ein Frischling an der Akademie gewesen war. Aber die Unterschiede im Dienstrang und ihren Methoden hatten einen Keil zwischen sie getrieben, lange bevor dieser Fall seinen Schatten auf sie geworfen hatte.

„Geben Sie mir einen Lagebericht. Danach muss ich zum Erzbischof, der mir den Arsch dafür aufreißen wird, dass ich die Versprechen gebrochen habe, die ich ihm nach dem letzten Mord gemacht habe.“

Wagner verzog das Gesicht, während er den Stand der Dinge übermittelte. Er wusste, dass Matthews sich auf die Anstrengungen bezog, mit denen er den Bischof dazu gebracht hatte, das Mordopfer in seiner Kathedrale zu verschweigen. Er hatte ihm versprochen, dass er es nicht bereuen würde, so wie Wagner es Matthews versprochen hatte. Zweimal sogar.

Er erzählte Matthews, wo die Leiche lag, beschrieb ihm den Tatort und gab Benoits Bericht darüber wieder, wie die Leiche entdeckt worden war. Matthews nickte weder, noch blinzelte er auch nur, während er zuhörte.

Wagner war sich sicher, dass es seinem Chef alle Selbstbeherrschung abverlangte, ihn nicht mit einem kräftigen Schlag zu Boden zu schicken, dafür, dass er ihn in diese Lage gebracht hatte. Er hoffte nur, dass Matthews’ Karriere durch diese Sache keinen permanenten Schaden erlitt. Der Mann war für den Posten des Direktors geboren. Wenn Wagner an seiner Stelle gewesen wäre, hätte er vermutlich direkt bei der Begrüßung zugeschlagen.

„Das Opfer ist Robert Cummings, der Nachrichtensprecher. Er war der Cop, der vor einigen Jahren von den Korruptionsvorwürfen freigesprochen wurde.“

„Ein öffentlicheres Opfer hätte unser Täter sich nicht aussuchen können“, murrte Matthews.

„Nein, Sir. Aber das ist noch nicht alles“, begann Wagner, als er seinem Chef alles über die kleinen Care-Pakete erzählte, die die Redaktionen der Stadt erhalten hatten. Matthews’ Auge zuckte bei den Neuigkeiten, und Wagner bereitete sich auf den unausweichlichen Schlag vor.

„Holt. Mir. Diese. Frau.“

„Sie ist bereits auf dem Weg. Ich hab die Polizei losgeschickt, sie herzuholen.“

„Nein, nicht hierher. Alles, was wir hier tun, wird landesweit in den Medien breitgetreten. Beseitigen Sie dieses Chaos und schließen Sie hinter sich ab. Ich will, dass dieses Museum morgen früh wieder öffnen kann. Der Erzbischof ist schlimm genug, ich brauche nicht noch eine Meute reicher Kunstliebhaber, die mir durch ihre Anwälte ihre Jammerbriefe zukommen lassen. Bringen Sie die Frau direkt in die Gerichtsmedizin.“

„Ja, Sir. Wird erledigt. Sonst noch etwas?“

„Ich denke, Sie haben genug angerichtet, Joseph“, sagte Matthews, bevor er durch die Tür ins Freie trat. Er hielt sich eine Zeitung vors Gesicht, damit die Presse kein Bild von ihm bekam, während er in seinen Wagen stieg.

„Joe!“

Wagner drehte sich um und sah Evans auf sich zurennen. Der Mann rannte nie oder nannte ihn Joe, wenn er nicht wirklich aufgeregt war. Und wenn Evans aufgeregt war, bedeutete das schlechte Neuigkeiten.

„Was?“

„Ich glaube, wir haben die Tatwaffe identifiziert.“

„Und?“

„Das wird dir nicht gefallen.“

2

Tallahassee, Florida21:00 Uhr Ortszeit

Jonathan Hall legte die Finger wieder auf den Griff der Beifahrertür und kämpfte gegen den Drang an, die Tür einfach aufzustoßen und möglichst schnell möglichst weit wegzurennen.

Er saß neben der Frau, mit der er sich diesen Abend getroffen hatte und die bereits vor zwanzig Minuten direkt vor seinem bescheidenen Häuschen angehalten hatte, aber er wartete noch immer auf eine kleine Lücke in dem mehr als einseitigen Gespräch, was wirklich töricht war. Trudy Malloy hatte nicht aufgehört zu reden, seit sie ihn vor zwei Stunden abgeholt hatte, und er hatte keine Ahnung, wie er auf die Idee kam, dass ihr ausgerechnet jetzt die Themen ausgehen würden.

Nach der ersten Stunde hatte er angefangen, im Geiste kleine Spiele zu spielen, um sich davon abzuhalten, verrückt zu werden oder sich die Salatgabel ins Auge zu rammen, nur damit dieses Date ein frühes Ende fand. Es war seine erste Verabredung, seit seine Frau Samantha vor knapp zwei Jahren verstorben war. Und wenn das hier ein Vorgeschmack darauf war, wie die Frauen über vierzig sich in Tallahassee aufführten, würde es auch seine letzte bleiben.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Jonathan sich überhaupt nie auf diese Verabredung eingelassen. Trudy war eine gut aussehende Frau, daran gab es keinen Zweifel. Er war nur nicht daran interessiert, jemand „Neuen zu finden“.

Seine elfjährige Tochter Natalie war da ganz anderer Ansicht.

Die letzten sechs Monate hatte sie sich als Jonathans persönlicher Dating-Service betätigt. Es war kaum ein Tag vergangen, an dem sie nicht mit einer Empfehlung nach Hause gekommen wäre. Mal war es eine Lehrerin an ihrer Schule, mal die geschiedene Mutter einer Freundin, die wie perfekt für ihn gemacht sei. Trudy passte in beide Kategorien: Sie war die Kunstlehrerin an Natalies Schule und war erst letzten Frühling geschieden worden.

„Und dann sagte ich: Hanna, wenn du glaubst, dass Paris dasselbe ist wie New York, bist du offensichtlich noch in keiner der beiden Städte gewesen. Ich meine, ernsthaft, ich war in Paris, als ich mit siebzehn mein Kunststipendium erhalten habe – erwähnte ich das? –, und habe zwei Jahre in New York Film studiert, also denk lieber mal eine Sekunde nach, bevor du so einen Unsinn verbreitest. Und wissen Sie, was sie gesagt hat? Das erraten Sie nie.“

Jonathan lächelte, machte sich aber nicht die Mühe zu antworten. Er war im Restaurant zwei Mal auf Trudys Trick mit der rhetorischen Frage hereingefallen und hatte bald erkannt, dass er nur ein Komparse ohne eigenen Text in diesem Stück war. Wäre das hier eine Raumschiff-Enterprise-Episode, würde er ein rotes Oberteil tragen. Jonathan sah an sich herunter und stellte fest, dass er tatsächlich ein rotes Hemd trug. Sein Lächeln wurde noch breiter, als ihm die Ironie der Situation bewusst wurde. Leider verstand Trudy sein Lächeln als Bestätigung dafür, dass ihre Geschichte jetzt erst richtig interessant wurde. Oh nein.

„Schweinehackbällchen! Ehrlich, ich meine, als ob Schweinehackbällchen auf irgendeinem makrobiotischen Ernährungsplan – Verzeihung – Lifestyle-Plan zu finden wären. Ich meine …“

Schweinehackbällchen? Wovon zur Hölle sprach sie jetzt schon wieder? Hatte sie die letzte Geschichte überhaupt beendet, bevor sie mit dieser hier angefangen hatte? War er zwischenzeitlich ohnmächtig geworden? Jonathan drehte sich zur Seite und blickte noch einmal zu seinem Haus. Es war nur zehn Meter entfernt. Der ungepflegte Vorgarten und die völlig ausgebleichte Fassade waren für ihn mit einem Mal ein Symbol der Hoffnung, statt, wie üblich, nur ein deprimierendes Mahnmal seines leeren Portemonnaies.

Es war seine Zuflucht. Und, noch wichtiger: Die Person, die ihm das hier angetan hatte, befand sich dort drin. Natalie würde hierfür büßen müssen.

Ich weiß wirklich nicht, was passiert ist, Liebling. Dein Guitar-Hero-Controller muss ganz allein vom Regal gefallen sein. Mit voller Wucht. Zweimal. Er lächelte bei dieser Vorstellung, auch wenn er wusste, dass er so etwas niemals tun würde. Und das nicht nur wegen des Leids, das er seiner Tochter damit antäte: Die Dinger kosteten ein Vermögen.

Als Trudy anfing, von ihrem neuesten Hobby zu erzählen – sie hatte angefangen, ihre Fotos in selbst gestaltete, kunstvoll verzierte Sammelalben einzukleben – und von ihrer neuesten Katastrophe im Geschäft für Bastelzubehör, wurde Jonathan klar, dass er die Sache irgendwie beenden musste.

Ohne Vorwarnung beugte er sich vor und küsste Trudy. Mit diesem Trick überraschte er sich sogar selbst. Sie brauchte eine Sekunde, um ihren Sprachfluss zu stoppen, dann aber herrschte endlich Ruhe. Süße, alles durchdringende Ruhe.

Ganz unerwartet wurde Jonathans Körper bewusst, dass er gerade zum ersten Mal seit Samanthas Tod wieder eine Frau küsste.

In einem plötzlichen Anfall von Leidenschaft lehnte er sich zu Trudy hinüber und glitt mit einer Hand hinter ihren Rücken. Doch bevor seine Libido sich zu sehr erheben konnte, krachten die letzten zwei Stunden schwer in seine Erinnerung zurück, und er zwang sich, sich von Trudy zu lösen.

Er rechnete beinahe damit, dass Trudy ihre Geschichte einfach dort wieder aufnehmen würde, wo sie sie unterbrochen hatte, aber das tat sie nicht. Ihre Wangen waren von einem tiefen Rot erfüllt und sie keuchte leicht.

„Schön. Das hat Spaß gemacht“, sagte Jonathan, unfähig, ihr in die Augen zu schauen.

„M-hm“, war alles, was Trudy erwiderte.

Er öffnete die Tür und sah zu, dass er wegkam, solange er es konnte. Als er sich umdrehte, um ihr vom Rasen vor seinem Haus aus zuzuwinken, sah er, dass sie ihn noch immer beobachtete und keinerlei Anstalten machte loszufahren. Vielleicht dürfte Natalie die Sache später in der Schule ausbaden, aber auch Jonathan würde dafür vermutlich noch büßen.

Er schlüpfte ins Haus und zog die Tür hinter sich zu. Nachdem er sich einen Augenblick voller Erleichterung gegen die Tür gelehnt hatte, warf er einen kurzen Blick durch den Vorhang des Fensters, das nach vorne hinausführte. Trudy saß noch immer da und hatte sich keinen Millimeter gerührt.

„Ach herrje.“

Jonathan bezahlte die Babysitterin und schickte sie durch die Hintertür hinaus. Falls Trudy noch immer dort draußen war, wollte er nicht, dass sie etwas davon mitbekam.

„Ich wusste, du wirst sie mögen“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Jonathan drehte sich um und entdeckte Natalie, die im Pyjama auf den Treppenstufen saß, in der Hand ein halb geschmolzenes Eis am Stiel aus Schokolade. In ihrem Alter war die Welt noch einfach: Süßigkeiten waren gut, Schule war schlecht, und Jungs waren ekelig.

Der Tod ihrer Mutter hatte das Mädchen schwer getroffen, aber sie schien die Tragödie mittlerweile zu überwinden und fand allmählich wieder ihr altes Selbst: witzig, voller Streiche und rechthaberisch. Und genau so wollte Jonathan sie auch haben.

Dieser plötzliche Wunsch jedoch, sich zu Jonathans Doktor in Liebesdingen aufzuschwingen, beunruhigte ihn. Irgendetwas war vor einigen Monaten geschehen. Seitdem machte sie sich andauernd Sorgen, dass ihr Vater einsam sein könnte. Er war noch dabei gewesen herauszufinden, was sie so beunruhigte, als Anfang der Woche die Schulpsychologin angerufen und ihn zum Gespräch gebeten hatte.

Natalie hatte angefangen, sich zu prügeln. Nachdem sie einem Jungen in ihrer Klasse die Nase blutig geschlagen hatte, hatte sie sich der Schulpsychologin endlich anvertraut. Offensichtlich wurde sie von Albträumen geplagt. Albträumen, in denen Jonathan starb.

„Das ist völlig normal für ein Kind in ihrem Alter, besonders nach dem Tod eines Elternteils“, hatte die Psychologin gesagt.

Natalie litt unter zwei wiederkehrenden Träumen: Im ersten sah sie Jonathan alleine sterben. Im zweiten sah sie ihn an der Seite einer geheimnisvollen Frau, wohlauf und in Sicherheit.

„Natalie sieht das, was ihrer Mutter geschehen ist, als den natürlichen Lauf der Dinge an“, erklärte die Psychologin. „Ihr Unterbewusstsein leitet daraus eine als naheliegend und unausweichlich empfundene Entwicklung ab, die zu Ihrem Tod führt. Das ist der erste Traum. Der zweite ist das, was Freud ‚Wunscherfüllung‘ nannte. Um das aufzuhalten, was sie als normal und unvermeidlich empfindet, erweitert sie die Situation um einen zweiten Elternteil – jemand, den der Tod sich anstelle von Ihnen holen kann. Ein Lockvogel sozusagen.“

Die Schulpsychologin hatte das noch weiter ausgeführt, aber Jonathan hatte genug gehört. Das erklärte ihre Verkuppelungsversuche. Und soweit es ihn betraf, war der einzig wichtige Aspekt an der Situation, dass er selbst schuld daran war. Wenn er seinen Job als Vater anständig gemacht hätte, hätte er seiner Tochter besser dabei geholfen, mit dem Tod ihrer Mutter fertig zu werden. Er hatte offensichtlich völlig versagt. Und was noch schlimmer war, er hatte es nicht einmal bemerkt.

Noch immer hatte er keinen Schimmer, wie er mit dem Problem umgehen sollte, also hatte er fürs Erste entschieden, aufmerksamer zu sein und nicht jeden Gedanken und jedes Gefühl, mit dem Natalie sich ihm offenbarte, sofort vom Tisch zu fegen. Aus diesem Grund hatte er sich bereit erklärt, das Date aus der Hölle wahrzunehmen.

„Talie, ich sollte dir den Hals umdrehen“, sagte Jonathan. „Redet sie in der Schule auch so viel?“ Er hängte seine Jacke auf und gab Natalie einen Kuss auf die Stirn. Sie war viel zu sehr mit Schokolade verschmiert, als dass er eine Umarmung riskieren wollte.

„Natürlich. Sie ist eine Lehrerin!“

„Haha, sehr witzig, kleine Lady“, erwiderte er und wuschelte durch ihr Haar, bevor er in die Küche ging. Natalie tapste barfuß hinter ihm her. Er holte einen Brownie aus dem Kühlschrank und biss ein großes Stück davon ab. „Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“, fragte er durch seinen mit Schokoteig gefüllten Mund.

„Das meiste“, antwortete Natalie. Sie aß ihr Eis auf, warf den Stiel in den Müll und setzte sich auf die Anrichte neben der Küchenspüle.

„Das meiste, hm? ‚Meiste‘ wie in ‚Ich habe darüber nachgedacht, es zu tun‘ oder wie in ‚Ich brauche ein bisschen Hilfe‘?“

„Und, hast du sie geküsst?“, fragte Natalie verschwörerisch und mit einem breiten Grinsen.

„Natalie, beantworte meine Frage.“

„Das Zweite. Ich brauche nur ein bisschen Hilfe bei dieser dämlichen Bruchrechnung.“

„Oh. In Ordnung.“ Jonathan hasste Bruchrechnung und hatte schon vor langer Zeit festgestellt, dass Natalie nicht die Einzige war, die sich jetzt durch die sechste Klasse quälen musste. Alles, was sie in der Schule durchnahm, musste er ebenfalls erneut lernen, damit er ihr bei den Hausaufgaben helfen konnte.

„Also, hast du?“, fragte Natalie erneut.

„Habe ich was?“, meinte Jonathan unschuldig, als er die Milchtüte aus dem Kühlschrank nahm und mit einem großen Schluck den Brownie hinunterspülte.

„Dad! Igitt, nimm ein Glas.“

„Tut mir leid“, sagte er und nahm ein Glas aus dem Regal. Als er die Milch einschenkte, sah er kleine Brownie-Stückchen darin treiben und nahm sich vor, eine neue Milch zu kaufen.

„Ich verstehe nicht, wie ihr zwei euch nicht verstehen konntet“, sagte Natalie. „Sie ist Künstlerin, und du bist Fotograf. Das ist doch auch so was wie ein Künstler, oder?“

„Nicht wenn man es so macht, wie ich es tue“, murmelte Jonathan vor sich hin. Er hatte dringend einen Job gebraucht, als er sein altes Leben hinter sich gelassen hatte, und da er üblicherweise überall „Fotograf“ als Beruf angegeben hatte, wenn er auf seinen Reisen ein Zollformular hatte ausfüllen müssen, hatte er sich gedacht, dass das als Job so gut war wie jeder andere. Er hatte nicht lange gebraucht, um herauszufinden, wie falsch er damit gelegen hatte. Vorzugeben, etwas zu können, und es dann tatsächlich zu tun, waren zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Er war ein fürchterlicher Fotograf, und jetzt verdienten sie das bisschen Geld, das sie hatten, mit Porträtaufnahmen und Passfotos.

„Wie bitte?“, fragte Natalie.

„Ich sagte, es wird Zeit fürs Bett, Kleine.“ Er jagte Natalie kitzelnd die Treppe hinauf, und nachdem er mit ihr Zähne geputzt und ihr einen Gutenachtkuss gegeben hatte, knipste er ihr Licht aus.

„Dad?“

„Ja, Liebling?“

„Mach dir keine Sorgen. Wir finden schon jemanden für dich.“

„Schlaf jetzt. Lass das mal meine Sorge sein. Und denk daran, dass wir morgen früh noch deine Bruchrechnung machen.“

„So böse!“

Wieder in der Küche, schenkte Jonathan sich einen Scotch ein und ging ins Wohnzimmer, um ein wenig Einsamkeit zu genießen. Er liebte sein Leben mit Natalie, aber er genoss die Nächte, wenn es dunkel war, das Haus in Ruhe versank und er wusste, dass Natalie sicher in ihrem Bett lag. Nach einer Weile legte er leise ein wenig Etta James auf und blätterte durch einige Fotos, die er von Samantha und Natalie aufgenommen hatte, wenige Monate bevor rauskam, dass Samantha krank war. Sie hatte es bereits die ganze Zeit gewusst, aber für sich behalten.

Jonathan hatte sie vor zwölf Jahren getroffen und sich augenblicklich verliebt. Deshalb hatte er versucht, sein damaliges Leben als Kunstdieb, der allen nur unter dem Namen Der Monarch bekannt war, hinter sich zu lassen – eine Entscheidung, mit der er seinen Partner Lew mächtig verärgert hatte.

Doch sein Ausstieg hatte nicht funktioniert. Über die Jahre hatten sie sich zu viele Feinde gemacht, und eines Nachts, als er mit Samantha gerade Urlaub in Paris gemacht hatte, hatte ihn seine Vergangenheit eingeholt. Es war ihm gelungen, Samantha zu beschützen, aber sie kannte nun sein Geheimnis.

Als die Gefahr ausgestanden war, hatte er ihr alles erzählt. Er hatte wissen müssen, ob sie ertragen würde, was er ihr aufbürdete. Sie hatte ihm gesagt, dass sie es könne, doch Jonathan hatte Zweifel in ihren Augen gesehen.

Nach einer letzten gemeinsamen Nacht war Jonathan aus dem Bett geschlichen und in die bleiche Morgendämmerung verschwunden. Er hatte einen Zettel hinterlassen, auf dem er ihr erklärte, wie leid es ihm täte und wie sie ihn erreichen könne, sollte sie jemals in Gefahr sein – besonders, wenn es aufgrund ihrer gemeinsamen Zeit wäre. Aber er sah sie niemals wieder.

Zumindest erst Jahre später. Genauer gesagt vor fünf Jahren, als sie die Kleinanzeige im Internet aufgegeben hatte, die in Wirklichkeit ihr Hilferuf war. Er hatte es gar nicht glauben können, als er die Anzeige las.

So wie er es kaum hatte glauben können, dass er, dank ihrer letzten gemeinsamen Nacht, Vater einer sechs Jahre alten Tochter war.

„Kleine Sekunde, ich hab’s hier irgendwo“, sagte Jonathan und durchsuchte seine Taschen. Das Licht in dem 24-Stunden-Store war geradezu absurd hell, und in diesem Augenblick schien jede einzelne Lampe direkt auf ihn gerichtet zu sein.

Er hätte schwören können, dass er den Fünfdollarschein vom Tisch eingesteckt hatte, bevor er die Straße hochgegangen war, um Milch für Natalies Frühstücksflocken zu kaufen, aber jetzt fand er nichts als leere Taschen. Er lächelte den Wartenden hinter sich entschuldigend zu, die entweder so taten, als sähen sie ihn gar nicht, oder als hätten sie es nicht eilig.

„Da ist er!“, rief Jonathan mit etwas zu viel Freude. Er hatte gewusst, dass er nicht mehr aus dem Haus hätte gehen sollen, nachdem er die Drinks vom Dinner mit Trudy noch mit einem Scotch gekrönt hatte, aber sie brauchten die Milch. Also war er zu Fuß gegangen. Und auch, wenn er nicht direkt betrunken war, war er eben auch nicht ganz auf der Höhe.

Die junge Kassiererin belächelte seinen Triumph mitleidig, während sie ihm sein Wechselgeld gab. „Schönen Tag noch“, murmelte sie an ihrem Kaugummi vorbei.

Jonathan schnappte sich seine Milch und stürmte aus dem Laden, wobei er fast einen Aufsteller mit Teppichreinigern umwarf. Er floh nicht nur vor der peinlichen Situation, sondern wollte auch schnell wieder nach Hause zu Natalie. Das Haus war zwar fest verschlossen, und sie schlief tief und fest in ihrem Bett, trotzdem hasste er es, sie allein zu lassen. Das Leben als alleinerziehender Vater stieß ihn immer wieder viel weiter aus seiner Komfortzone heraus, als es irgendein Tag als Kunstdieb je geschafft hätte.

Auf dem Spaziergang nach Hause dachte er über Natalies Träume nach. Dabei versank er so tief in seine Grübeleien, dass er die zwei Männer nicht bemerkte, die ihm mit einem Mal folgten. Er war gerade von der Hauptstraße in die nur dürftig erhellte Nebenstraße eingebogen, in der einige Blocks entfernt sein Haus lag. Seine Instinkte brauchten ein paar Minuten, um sich von dem dichten Scotch-Nebel in seinem Gehirn zu befreien.

Jonathan blieb abrupt stehen und tat, als suche er nach etwas in seinen Taschen. Die Männer blieben ebenfalls stehen. Als er sein Täuschungsmanöver beendet hatte, ging er langsam weiter, und auch seine zwei Schatten bewegten sich wieder.

Scheiße.

Vermutlich hatte man ihn nur als Opfer eines guten alten Raubüberfalls auserkoren. Aber worauf warteten die Typen dann noch?

Er sah nach vorn, die schwach beleuchtete Straße entlang, und fand die Antwort auf seine Frage. Auch wenn sie kärglich war, reichte die Straßenbeleuchtung gerade noch aus, um eine Bedrohung abzuwehren. Aber weiter vorn waren zwei Laternen ausgefallen. Er wusste, wenn er darauf wartete, dass sie alle in den dunklen Schatten traten, würden schlimme Dinge geschehen.

Er zog in Erwägung, einfach loszurennen. Jonathan war noch immer ziemlich gut in Form, und es waren nur ein paar Blocks. Aber nichts deutete darauf hin, dass die Typen hinter ihm runtergekommene Junkies waren. Bei dem Glück, das er neuerdings hatte, waren sie vermutlich Mitglieder des olympischen Staffelteams.

Nein, es blieb ihm nur eine Möglichkeit: Konfrontation.

Und so prosaisch es auch war, seine größte Sorge im Moment galt tatsächlich der Milch. Er hatte kein Geld mehr, um eine neue zu kaufen, sollte sie bei dem, was auch immer gleich geschehen würde, als große Lache auf der Straße enden. Also schwenkte er nach rechts an den Rand des Gehwegs und schwang die Tüte oben auf die Hecke, die das Grundstück neben ihm umsäumte. Nachdem Jonathan überzeugt war, dass die weichen Äste die Tüte hielten, drehte er sich um und marschierte direkt auf seine Verfolger zu.

Damit überraschte er die beiden derartig, dass sie nicht nur stehen blieben, sondern sogar einige Schritt zurückwichen. Einer von ihnen war klein und dick und sah aus, als bestünde seine größte Fitnessübung darin, sich nachts auf die Seite zu rollen, um zu furzen. Er lief ein kleines Stück hinter seinem Kumpel, und Jonathan vermutete, dass das die Rangordnung zwischen den beiden widerspiegelte. Der andere Kerl würde ein Problem werden. Er war riesig. Nicht ganz zwei Meter, schätzte Jonathan, der trotz seiner eigenen Größe von fast eins neunzig noch zu seinem Verfolger hochschauen musste.

Er brachte vermutlich noch mehr auf die Waage als der Mann hinter ihm, aber auf andere Art und Weise. Und er schien wirklich angepisst zu sein.

Das Gute daran war: Jonathan war sich sicher, dass sein dicker Kumpel keine Probleme machen würde, sollte er den Kerl hier erst mal außer Gefecht gesetzt haben.

Er bremste sich selbst. Vielleicht fangen wir nicht gleich mit einem Angriff an. Wer wusste schon, was die beiden wollten?

„Kann ich euch Jungs helfen?“, fragte er, die Stimme weder bedrohlich noch eingeschüchtert. Sollten die beiden entscheiden, in welche Richtung sich das hier entwickelte.

Der Große warf seinem Freund einen kurzen unsicheren Blick zu, bevor er antwortete, und in diesem Augenblick erkannte Jonathan, dass er einfach hätte weitergehen sollen. Ganz egal, was diese beiden sich gedacht oder vorgenommen hatten, als sie begonnen hatten, ihm zu folgen, sie hätten nicht das Geringste getan. Was auch immer jetzt geschah, war Jonathans Schuld, und er wusste es.

„Halt dich von ihr fern, Mann“, blaffte der Typ.

„‚Ihr?‘ Wovon zur Hölle … warte mal. Du meinst Trudy?“ Jonathan war erstaunt. Nicht über die Verbindung zu seinem Date, sondern darüber, dass die beiden Jungs ihm und Trudy offensichtlich gefolgt waren und er es nicht einmal bemerkt hatte. Bin ich so eingerostet?

„Hast du sie gevögelt? In meinem verfickten Auto gevögelt, du beschissener Wichser?“ Die coole Fassade des Kerls hatte etwa zehn Sekunden lang gehalten. Jetzt stand er kurz davor zu heulen. Es war wirklich beschämend.

„Hör mal …“ Jonathan ging im Geiste die Masse an Dingen durch, die Trudy ihm an diesem Abend erzählt hatte, und fand den Namen ihres Ex-Mannes. „Hör mal, Steve. Du hast das völlig falsch verstanden. Oh Mann, hast du das falsch verstanden.“

„Lass sie … lass sie einfach in Ruhe. Wichser.“ Der Kerl hatte wirklich einen riesigen Wortschatz. „Sie muss mit jeder Menge Scheiße klarkommen, und das kann sie nicht, wenn du so vor ihr herumgockelst.“

„Genau!“, warf der kleine Fettklops ein.

„Okay. Ich werd’s mir merken und die, äh, Herumgockelei im Zaum halten“, erwiderte Jonathan. Er seufzte und ging zurück zu seiner Milch, nachdem er beschlossen hatte, dass es in etwa so gefährlich war, diesen Jungs den Rücken zuzudrehen, wie ohne Badematte zu duschen.

Plötzlich explodierte eine Wolke aus Schmerz in seiner Schläfe.

„Wichser!“, brüllte Steve. Als er und sein rundlicher Freund davonrannten, gaben sie sich tatsächlich noch ein High-Five.

Jonathan nahm die Hand von seiner Schläfe und fand Blut an den Fingern. Er sah zu Boden und entdeckte den Stein, den sie nach ihm geworfen hatten.

„Wie alt seid ihr? Zehn?“, rief er ihnen nach. Für eine Sekunde erwog er, die Verfolgung aufzunehmen, entschied dann aber, dass er Steve ausreichend bestrafte, indem er ihm Trudy überließ.

Er schnappte sich die Milchtüte von der Hecke, die sie sicher bewahrt hatte, und hörte ein Plopp.

„Nein, nein, nein.“ Er hob die Tüte an und entdeckte den dünnen Milchstrahl, der aus dem Loch drang, das er gerade in die Tüte gerissen hatte. „Verdammt!“

Jonathan rannte los, die Milchtüte wie eine Bombe ausgestreckt vor sich haltend, während Milch aus der Tüte rann und ihn von oben bis unten besudelte.

Als er endlich in seiner Küche stand und sich einen Behälter geschnappt hatte, war gerade noch genügend Milch für eine Tasse übrig. Er stellte die Tasse vorsichtig in den Kühlschrank und ging ins Bad, um sich einen Verband und eine Ibuprofen für die pochende Beule an seiner Schläfe zu holen.

Er reinigte die Wunde, doch als er unter der Spüle nach Verbandszeug suchte, fand er nur noch eine leere Schachtel.

Jetzt hatte er die Nase endgültig voll. Er schleuderte das Handtuch ins Becken, stampfte ins Wohnzimmer und klappte seinen Laptop auf. Während das Gerät hochfuhr, schenkte er sich einen weiteren Drink ein, um die Stimme in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen, die ihn davor warnte, sein Versprechen zu brechen.

„Komm schon!“, sagte er ein bisschen zu laut und verzog das Gesicht, einerseits wegen der Schmerzen in seinem Kopf, aber auch wegen der Vorstellung, er hätte Natalie wecken können. Als die Stimme in seinem Kopf schwieg und auch der Schmerz abebbte, öffnete er ein Browserfenster und besuchte eine Website, die er seit Jahren nicht geöffnet hatte.

Die Seite baute sich auf und fragte nach seinem Log-in und seinem Passwort. Weder irgendein Log noch ein Text gaben einen Hinweis darauf, was für eine Seite es war, was nur fair war, immerhin kannte die Seite auch seine echte Identität nicht.

Jonathan loggte sich mit zwei langen Zahlenreihen ein, die seinen Usernamen und sein Passwort bildeten und die er vor sehr langer Zeit auswendig gelernt hatte.

Eine Minute später waren seine Zugangsdaten bestätigt, und vor ihm erschienen die Details seines Bankkontos auf den Cayman Islands. Als der Kontostand auf dem Bildschirm erschien, linderte das seinen Frust ein wenig. Neunstellige Summen hatten für gewöhnlich diese Wirkung.

„Genug ist genug“, sagte er und tippte die Befehle für eine Überweisung auf sein privates Konto in Tallahassee ein. Er würde nicht viel nehmen. Das wäre unklug. Hunderttausend sollten genügen.

Jonathan leckte sich die Lippen, als er mit dem Mauszeiger über dem Button schwebte, der den Auftrag bestätigte. Das würde alles verändern. Nie wieder beschissene Fotos machen. Nie wieder langweilige Kunden. Nie wieder Rabattmarken sammeln oder Kleingeld zählen. Nie wieder Benzingeld aus dem Sparschwein fischen.

Er sah hoch und sein Blick fiel auf Samantha und Natalie, die vom Kaminsims zu ihm herübersahen. Das schummerige Licht ließ ihre Gesichter abwechselnd enttäuscht und wütend wirken. Auf ihrem Sterbebett hatte Samantha ihm das Versprechen abgenommen, dass er niemals zulassen würde, dass sein altes Leben auch nur in die Nähe seiner Tochter käme. Er hatte mit Freuden zugestimmt, dann aber hatte sie angefügt, dass dazu auch das Bankkonto seines alten Lebens gehörte.

Jonathan hatte das nicht gefallen, aber er hatte den Sinn dahinter verstanden. Sie wollte, dass Natalie so normal wie möglich aufwuchs. Und auch wenn sein Geld technisch gesehen nicht gestohlen war, war es der Lohn für einige mehr als gesetzeswidrige Aktivitäten. Ein kurzer Blick in ihre Augen hatte ihn bedingungslos alles schwören lassen. Doch das war damals gewesen.

Nach einem langen Augenblick voller Selbsthass schlug er den Laptop zu, kippte den Rest seines Drinks weg und legte sich aufs Sofa. Eine vertraute Beule drückte ihm in den Rücken, dort, wo sich eine Sprungfeder gelöst hatte. Er schüttelte seine Verzweiflung ab und lachte leise.

„Sieh es mal so: Es kann unmöglich noch schlimmer werden.“

3

Bundesgefängnis Yazoo CityYazoo, Mississippi21:00 Uhr Ortszeit

„Bitte, nimm Platz“, sagte der Sekretär des Gefängnisdirektors und lächelte spöttisch. Lewis „Lew“ Katchbrow schlurfte in seinen Fußfesseln zu einem der leeren Plastikstühle, die an der Wand standen, und wuchtete seine ein Meter achtzig große und hundert Kilo schwere Gestalt hinein. Er verzog das Gesicht, als seine Hände, die mit Handschellen an die Ketten um seine Hüfte gefesselt waren, gegen die Armlehnen gequetscht wurden. Lew hörte den Sekretär kichern, ignorierte ihn aber.

So hatte Lew die meiste Zeit seiner zwei Jahre im Bundesgefängnis in Yazoo City, Mississippi, verbracht – unter dem Radar. Er hatte sich um seine eigenen Angelegenheiten gekümmert. Meistens, das bedeutete: bis auf heute. Er konnte noch immer kaum glauben, was in den letzten paar Stunden geschehen war.

Die Tür zum Speisesaal war einfach zugeschlagen und hatte Lew und etwa zwanzig andere Insassen hungrig und wütend zum Warten im Regen verdammt. Als ein Mann, der einen strikten Tagesablauf gewohnt war, hatte Lew vorgehabt, einfach nur in seine Zelle zurückzukehren und aufs Abendessen zu warten, aber die Pläne eines anderen waren ihm in die Quere gekommen.

Lenny Dyson, ein älterer Häftling, der sich auf einen Stock stützte, um sein lahmes Bein zu entlasten, hatte aus heiterem Himmel angefangen herumzubrüllen und wild mit seinem Gehstock herumzufuchteln. Lenny war normalerweise nicht gewalttätig, weshalb man ihm überhaupt nur erlaubte, einen Gehstock zu haben, aber seine Schreie wurden immer schriller und schließlich warf er sich zu Boden, krümmte sich und zuckte, als hätte er einen Anfall. Alle Anwesenden, selbst Oberaufseher Rory Dupont, der versuchte, die hungrigen Häftlinge möglichst ruhig zurück in ihre Zellen zurückzutreiben, rannten hinüber, um zu sehen, was los war.

Lew blieb stehen, wo er war.

Er hatte schon einige Männer ausflippen sehen und musste nicht noch einem weiteren dabei zuschauen. Stattdessen klappte er den Kragen seines gefängnisgrauen Hemdes hoch, um etwas Schutz vor dem Regen zu haben, und wartete.

Dann entdeckte er den wahren Grund für Lennys plötzlichen Anfall. Er tat nur so. Er war überhaupt nicht zusammengeklappt.

Er war die Ablenkung.

Delroy Thibideau, ein schlaksiger schwarzer Mithäftling, berüchtigt für sein Temperament, marschierte mit zielsicherem Schritt über den Hof. Zuerst dachte Lew, er wolle etwas von ihm. Er baute sich möglichst breit auf und versuchte, sich daran zu erinnern, womit er den Kerl gegen sich aufgebracht haben mochte. Aber Delroy war überhaupt nicht an Lew interessiert, sondern hielt die Augen auf einen Punkt hinter ihm gerichtet.

Als Delroy näher kam, sah Lew, wie er etwas aus seinem Ärmel schüttelte und in die Hand fallen ließ – eine Klinge. Das hier war keine Prügelei. Jemand würde sterben.

Hinter sich entdeckte Lew einen kleinen weißen Kerl namens Mickey King. Auch Mickey hatte er noch nicht wirklich kennengelernt, aber er hatte auf den Gefängnisfluren einiges über ihn erfahren. Hier drinnen funktionierte die Kommunikation besser als jedes Telefonnetz da draußen. Mickey hatte eine große Klappe. Vielleicht, um damit seine geringe Größe zu kompensieren, dachte Lew. Er wusste auch, dass Mickey eine Vorliebe für bestimmte Begriffe hatte, die Delroy ohne Zweifel genug in Rage gebracht haben könnten, um ein paar Löcher in den kleinen Mann piksen zu wollen.

Spitznamen, wie sie Mickey so leicht über die Lippen kamen, wurden in keinem Gefängnis ungestraft laut ausgesprochen, aber in einem Bundesknast im Süden Mississippis war es reiner Selbstmord.

Lew warf einen Blick hinüber zu Lenny, der sich noch immer auf dem Boden herumwälzte wie ein Irrer. Der Oberaufseher hatte es geschafft, ihm seinen Gehstock zu entringen, konnte ihn aber nicht beruhigen. Lew erwog, ihm einfach zuzurufen, was hier wirklich los war, aber er wusste, wie lange ein Verräter hier drin überlebte. Allerdings würde sein Leben hier allein schon dadurch deutlich schwieriger werden, dass er bloß in der Nähe gewesen war, als ein Häftling abgestochen wurde. Seine vorzeitige Entlassung könnte er damit vergessen, und das ließ er nicht zu.

Delroy warf Lew einen kurzen Blick zu, bevor er sich wieder ganz auf Mickey konzentrierte, der noch immer keine Ahnung hatte, was da auf ihn zukam. Für Lew war die Botschaft so eindeutig wie eine zehn mal zehn Meter große Werbetafel: Aus meinem Weg, Homey!

Lew täuschte einen Schritt zur Seite vor und tat, als würde er Delroys Befehl befolgen. Doch als sie auf gleicher Höhe waren und Lew sicher sein konnte, dass der Oberaufseher nicht hinsah, handelte er.

Delroy war schon dabei gewesen, mit rechts auszuholen, und hatte deswegen sein Gewicht auf die linke Seite nach hinten verlagert. Lew trat hinter ihn, packte das improvisierte Messer und stieß von hinten gegen die Schulter des freien Arms. Die Schwerkraft erledigte den Rest.

Delroy ließ das Messer los, als er versuchte, das Gleichgewicht wiederzuerlangen, und klatschte dann auf den matschigen Boden. In einer einzigen, fließenden Bewegung warf Lew die Waffe aufs Dach der Cafeteria und machte auf dem Absatz kehrt, um mit langsamen Schritten hinüber zu seinem Zellenblock zu gehen.

Er hörte Schritte im Schlamm hinter sich und wusste, dass nur eine sehr kleine Chance bestand, dass Delroy die Sache einfach auf sich beruhen lassen würde. Es war noch nicht vorbei.

Er drehte sich um, als Delroy noch gut sechs Meter entfernt war.

„Ich geh wieder rein, Boss!“, rief er dem Oberaufseher zu.

Delroy blieb mitten im Lauf stehen, wohl wissend, worauf die Aufmerksamkeit des Aufsehers gerade gerichtet war.

„Was? In Ordnung, geh rein“, sagte Oberaufseher Dupont, dem offenbar nur daran gelegen war, den um sich schlagenden Lenny endlich zur Ruhe zu bringen.

Delroys Blick brannte sich in Lews. Lew wusste, er sollte sich einfach umdrehen und weitergehen, aber er konnte nicht anders. Er tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn, als würde er sich an einen unsichtbaren Hut fassen. Delroy riss die Augen noch ein Stückchen weiter auf – was eine enorme Leistung war, wenn man in Betracht zog, dass sie bereits groß wie Untertassen gewesen waren –, blieb aber, wo er war.

Lew drehte sich um und ging zurück in seine Zelle.

Eine Stunde später, als Lew in den Aufenthaltsraum trat und die Tür hinter sich zuschlagen hörte, wusste er, dass die Zeit gekommen war, für seine Einmischung zu bezahlen. Dann hörte er Delroys unverwechselbares Kichern.

„Ach, Scheiße.“ Lew ballte die Hände zu Fäusten und drehte sich um, bereit für die Auseinandersetzung. Doch er öffnete die Hände sofort wieder, als er erkannte, dass er in etwas viel Schlimmerem gelandet war als einer Horde wütender Sträflinge.

„Ich glaube, wir müssen uns mal unterhalten, ese.“

Oh ja, Delroy war da, aber er war nicht derjenige, der sprach. Stattdessen saß er etwas abseits auf einem Tisch nahe der Wand, neben ihm Lenny, der immer wieder kraftvoll seinen Stock in die offene Hand knallen ließ, wie ein Polizist, der in den 1920ern eine illegale Kneipe aufmischte. Neben der Tür standen außerdem noch zwei Gorillas, beide größer als Lew und Delroy zusammengenommen. All das war schon ziemlich mies.

Aber das Schlimmste – und viel Verwirrendere – war der Anführer der kleinen Gruppe. Er stand vor seinen Leuten und musterte Lew, der hinuntersah in ein Paar Augen, das viel dunkler wirkte, als er es in Erinnerung hatte.

„Mickey King“, sagte Lew. „Eine seltsame Art, mir dafür zu danken, dass ich dir das Leben gerettet habe.“ Er trat einen Schritt zurück und ließ sich auf einer Tischkante nieder. Er hatte nicht den leisesten Schimmer, was hier gespielt wurde, aber er war überzeugt davon, dass eine möglichst friedvolle Körperhaltung zwingend war, wenn er weiteratmen wollte. Das Einzige, was er wusste, war, dass der Mord, den er vorhin verhindert hatte, überhaupt kein Mord gewesen war.

„Mach du nur deine Sprüche, Junge“, sagte Delroy. Mickey drehte sich um und brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen, vor dem Delroy zurückzuckte, als hätte er eine heiße Herdplatte berührt.

„Meine Partner sind ein wenig aufgebracht“, erklärte Mickey. „Sie haben heute mit einer dicken Belohnung für unser kleines Täuschungsmanöver da draußen gerechnet. Jetzt sind sie besorgt, dass sie vielleicht leer ausgehen. Besorgt genug, dass sie sich von dir gerne eine Entschädigung holen würden.“

Lew sah zu, wie Mickey langsam auf und ab schritt, während er sprach. Er tigerte nicht herum wie ein besorgter oder aufgebrachter Kerl, sondern wie ein Lehrer, der jemandem erklärte, wie die Welt funktionierte. Außerdem hatte Lew bemerkt, dass Mickey neuerdings einen mexikanischen Akzent hatte.

Lew lagen einige bissige Kommentare auf der Zunge, aber er entschied, dass er lieber noch eine Weile still bleiben sollte, wenn ihm seine Gesundheit lieb war. Er blickte zu Delroy, der den Kopf abwandte. Mal ganz abgesehen von diesem kleinen Triumph bekam er allmählich eine Ahnung, was hier abging. Und wenn er richtiglag, steckte er wirklich enorm in der Scheiße.

„Der einzige Grund, weshalb du im Augenblick nicht verblutest, ese, ist der, dass du ehrbare Absichten hattest. Du wusstest weder, wer ich bin, noch, was wirklich los war, also bist du ein echtes Risiko eingegangen, als du mich beschützt hast. Ich bin wirklich gerührt.“

„Es war ja nicht so, als hätte eine echte Gefahr bestanden, Mr Colero“, antwortete Lew und versuchte sein Glück. Wenn er beweisen konnte, dass er clever war und die Tarnung seines Gegenübers durchschaut hatte, hatte er vielleicht eine Chance.

Miguel Colero, vornehmlich bekannt als „White Mike“ – aufgrund seiner hellen Hautfarbe und seiner Vorliebe für Koks –, hatte sich den Löwenanteil des gesamten Drogenhandels in Südflorida unter den Nagel gerissen, bevor er im vergangenen Herbst plötzlich von der Bildfläche verschwunden war. Lew hatte davon gehört, weil er immer ein Auge auf die Polizeiaktivitäten im Sunshine State Florida hatte, mit besonderem Interesse für Tallahassee.

Jeder ging davon aus, dass Miguel Colero von seinen eigenen Leuten oder der Konkurrenz ausgeschaltet und irgendwo verscharrt worden war, aber da nur äußerst wenige Fotos von ihm existierten, war es quasi unmöglich, das zu bestätigen.

„Und offensichtlich kannst du zwei und zwei zusammenzählen. Bravo, ese“, antwortete Mickey. „Aber bis ich wieder auf der anderen Seite dieser Mauern stehe, bin ich weiterhin Mickey King, comprende?“

„Si“, erklärte Lew. Er war weit davon entfernt, nicht mehr in Schwierigkeiten zu sein, aber noch hatte man ihm nichts getan, und das war etwas wert, wenn man bedachte, wer da vor ihm stand.

Lew hatte noch immer einen Haufen Fragen, etwa wie der weiße Mike unter einem falschen Namen in einem Knast in Mississippi gelandet war oder weshalb er mit einem dilettantischen Haufen wie diesem zusammenarbeitete, um wieder rauszukommen, aber die einzige Frage, die wirklich zählte, war: „Also, worum geht’s hier?“

„Ah, seht ihr? Seht ihr? Hier haben wir einen Überlebenskünstler. Ein cleverer Typ, der sich an die Umstände anpassen kann. Er heult nicht rum, wenn er in der Scheiße steckt, sondern er sucht seinen Vorteil in jeder Lage“, erklärte Mickey und richtete die letzten Worte offensichtlich an Delroy.

„Ich geb mein Bestes“, sagte Lew. Er spürte ernste Spannungen zwischen Delroy und Mickey und wollte um jeden Preis vermeiden, dass sie hier direkt vor ihm ausbrachen.

„Wir planen hier gerade den zweiten Take“, erklärte Mickey. „Delroy wird einen zweiten Versuch unternehmen, Mickey King unter die Erde zu bringen, diesmal allerdings erfolgreich. Deine Aufgabe wird es sein, dafür zu sorgen, dass nicht wieder irgendein hilfsbereiter Samariter in die Szene platzt. Ist doch klar, oder?“

„Kristallklar“, meinte Lew. „Und was kommt dann? Sie karren deinen Sarg die Straße entlang, bis du mit einem fröhlichen ‚Kuckuck‘ herausspringst?“

Mickey antwortete nicht, offenbar irritiert, dass Lew seinen Plan so einfach durchschaut hatte. Lew machte sich eine mentale Notiz, nicht ganz so clever dazustehen. Zu smart zu sein war genauso gefährlich wie zu dämlich, wenn man es mit Typen wie White Mike zu tun hatte.

„Das Timing ist hier wichtig“, erklärte Mickey. „Mickey King muss bis zum Abendessen tot sein. Heute Nacht fährt der Transporter los, und Mickeys Leiche muss hintendrauf liegen.“ Die Art, wie er von sich selbst in der dritten Person sprach, begann Lew auf die Nerven zu gehen.

„Verstehe“, sagte Lew. „Hör mal, ich will echt keinen Ärger oder so. Ich find’s super, dass du mich für so ’nen korrekten Typen hältst und alles, aber du hast mir gerade jede Menge Zeug erzählt, das dir echt gefährlich werden kann. Setzt du da nicht ein bisschen viel Vertrauen in dein Bauchgefühl?“

„Mein Bauch irrt sich nie, ese“, antwortete Mickey. „Aber es schadet auch nie, sich etwas abzusichern.“ Er schnippte mit den Fingern, und Delroy hielt eine zusammengerollte Plastiktüte hoch. Er öffnete die Hand und die Tüte entrollte sich, um die darin eingewickelte Klinge sichtbar werden zu lassen.

Lew musste nicht fragen, welche Waffe das war. Oder wessen Fingerabdrücke darauf waren.

„Wie habt ihr die vom Dach bekommen?“, wollte er dennoch wissen, aber Mickey war durch damit, Fragen zu beantworten.

Lew begann sich zu fragen, wie er Delroys und Lennys Schicksal entgehen konnte. Er wusste, dass die beiden tot sein würden, bevor der Plan vollendet sein und Mickey sich heute Abend aus seinem Sarg erheben würde.

Und jetzt war er Teil des Plans geworden.

Ein paar Stunden später, als die Gefangenen sich fürs Essen anstellten, waren alle Mitspieler auf ihren Positionen – auch Lew.

Er stand schon wieder im Regen, der sich einfach weigerte nachzulassen. Delroy stand angespannt auf der anderen Seite des Hofs und wirkte wie ein Läufer, der nur auf den Startschuss wartete. Auch Lenny war da, aber er konnte unmöglich noch einen Anfall vortäuschen, das würde die ganze billige Show auffliegen lassen. Delroy würde sich einfach so auf Mickey stürzen müssen, wenn das Signal kam, mitten vor allen Leuten.

Lew vermutete, dass die Aufregung und Panik, die der Angriff nach sich ziehen würde, nur helfen konnten, die ganze Aufführung noch realistischer wirken zu lassen. Seine Aufgabe war es, Oberaufseher Dupont abzufangen, sobald er hier auftauchte.

Mickey stand in der Warteschlange außerhalb des Speisesaals und hob mitten im Gespräch die Hände. Das war Delroys Signal, loszulegen. Lew sah auf und wurde Zeuge, wie Delroy aus seinem Startblock stürmte. Zuerst dachte er, der Mann würde einfach stumpf in vollem Sprint über den ganzen Hof hetzen, aber dann schien er sich zu besinnen und verfiel wieder in die Rolle des angesäuerten Cholerikers.

Lew ging hinüber zum Ende des Gebäudes und warf einen Blick um die Ecke, hinter der die Warteschlange hungriger Häftlinge verschwand. Am Ende der Schlange stand Dupont und war in ein Gespräch verwickelt. Die Gefangenen, mit denen er sprach, waren nicht in den Plan einbezogen, das Gespräch konnte also jede Sekunde abbrechen. Und als hätte er es geahnt, sah Lew, wie der Oberaufseher einem der Männer auf die Schulter klopfte und sich dann umwandte, um genau in Richtung der Hauptvorstellung zu spazieren.

„Verdammt“, zischte Lew, als er sich aufmachte, den Mann aufzuhalten. Er erwischte ihn wenige Schritt vor der verräterischen Ecke, von der aus der Aufseher einen perfekten Blick auf das sich anbahnende Chaos haben würde. Lew bezweifelte nicht, dass Delroys Schauspielerei die Mitgefangenen täuschen würde, denen es im Endeffekt egal war, ob hier wirklich jemand abgeschlachtet wurde oder nicht, aber wenn der Oberaufseher direkter Zeuge des Zwischenfalls wurde, kämen sie mit der Scharade nicht durch.

Der Gefängnisarzt war ausreichend geschmiert; dass er Mickey für tot erklären würde, war also gar keine Frage – außer der Aufseher konnte noch vor dem Arzt einen Blick auf die „Leiche“ werfen.

Lew sah den Arzt gerade auf den Speisesaal zugehen. Seine Aufgabe musste darin liegen, einfach nur zufällig in der Nähe zu sein, wenn es passierte. Lew hatte den Doc vorher nicht einmal gesehen; aber er war ja auch mit Wichtigerem beschäftigt gewesen.

„Was gibt’s denn, Lewis“, fragte der Oberaufseher.

„Ich, äh … Also es ist so, ich hab mich was gefragt“, stammelte Lew. Er wusste, dass er sich etwas hätte überlegen sollen, bevor er sich dem Aufseher in den Weg stellte. Gleich einem Chamäleon konnte er sich an jede Situation anpassen, wenn sein Leben in Gefahr war, doch Improvisationstheater war nie seine Stärke gewesen. Er brauchte die richtige Motivation, und jemand anderem die Flucht zu ermöglichen reichte da einfach nicht aus.

„Lass dir Zeit, Lewis“, sagte Dupont. Lew wusste, dass der Mann nur deshalb so geduldig war, weil Lew bis heute „Der Unsichtbare“ gewesen war, der noch kein einziges Mal auf dem Radarschirm der Gefängnisverwaltung aufgetaucht war. Häftlinge wie ihn liebten die Aufseher. Aber Lew war dabei, sich mit vollem Anlauf genau in ihr Fadenkreuz zu werfen.

„Ich weiß, es ist vermutlich ein Regelverstoß, Boss, aber ich hab mich gefragt, ob ich wohl ein …“ Ein was? Eine Begnadigung? Einen Sportwagen? Ein Amen? Lews Hirn ratterte wie blöde und fragte sich, wie lange es bloß dauern konnte, irgendjemanden abzustechen, besonders jemanden, der sich nicht wehrte.

„Ein was, Lewis?“, fragte Dupont, dem allmählich die Geduld ausging. Lew erblickte über seine Schulter hinweg den Gefängniszaun und dahinter eine Reihe hochgewachsener Ulmen.

„Ein … äh … Bäumchen haben könnte. Für meine Zelle“, platzte es schließlich aus Lew heraus, der seine eigenen Worte nicht glauben konnte. Echt jetzt? Ein verschissener Baum? Warum hast du ihn nicht gleich nach einem Whirlpool und einem Blowjob gefragt?

„Ein was?“, fragte Dupont irritiert nach. Aber inzwischen hatte der Tumult um die Ecke angefangen, bis zu ihnen vorzudringen, und Lew hatte keine Zeit mehr, ihm zu antworten.

Auf der anderen Seite des Gebäudes fingen die Männer an herumzubrüllen und zu johlen. Es war der Gefängnischor, der vergossenes Blut begleitete, und jeder Insasse kannte seine Melodie. Die Männer in der Warteschlange begannen auszuscheren und um die Ecke zu rennen. Aber auch der Aufseher kannte den Chor nur allzu gut.

„Zurück in die Reihe! Sofort!“, brüllte er. Der kumpelhafte Ton war mit einem Mal verflogen. Lew wollte nur, dass der Aufseher endlich um die Ecke ging, damit er selbst sich klammheimlich verdrücken konnte. Irgendein Teil seines Gehirns jammerte unerwarteterweise lautstark, dass die ganze Aufregung bedeutete, dass er eine weitere Mahlzeit verpasste. Daran hatte er vorher gar nicht gedacht.

Endlich verschwand Dupont hinter der Ecke und deutete augenblicklich mit einem erhobenen Arm zum Wachturm. Überall ertönten Trillerpfeifen, und die Sirenen heulten los. Lew wusste es besser, als rennend aus der Masse auszubrechen, wenn die Scharfschützen auf den Türmen bereits das Auge am Zielfernrohr hatten. Also tat er, was seiner Ansicht nach jeder der Anwesenden tun würde, der nicht in den Plan involviert war: Er spazierte um die Ecke, um zuzusehen, wie ein Mann „starb“.

Mickey lag auf dem Boden, die Klinge steckte in der Schutzweste, die er unter der Gefängniskluft trug, während der Blutbeutel, den er daran befestigt hatte, den Schlamm unter ihm scharlachrot färbte. Der Doc kniete bereits neben dem Verletzten und gab zwei Vertrauenshäftlingen den Befehl, Mickey sofort auf die Krankenstation zu bringen. Der Doc würde Mickey für tot erklären, noch bevor die letzte Zelle heute verschlossen war.

„Ihr alle! Zurück in eure Zellen“, rief der Oberaufseher, der sich offensichtlich Sorgen machte, wie er dem Direktor erklären sollte, dass der Kerl ausgerechnet in seiner Schicht ausgeweidet worden war. Von irgendwoher erschienen mit einem Mal jede Menge Wachen und Vertrauenshäftlinge, um die Männer zurück in ihre Zellen zu treiben.

„Immer schön ruhig und friedlich, Ladys! Stress kann tödlich sein“, rief eine der Wachen den Häftlingen zu und lud sein Gewehr durch, um das Gesagte zu betonen. Die Gefangenen brummelten vor sich hin und einige versuchten, noch ein wenig herumzutrödeln. Die meisten aber gehorchten, und so marschierte die Menge langsam zurück zu ihren zugewiesenen Zellen. Lew schloss sich ihnen an, vor allem, um endlich dem Regen zu entkommen.

„Katchbrow!“, rief jemand über die Köpfe der anderen hinweg, und Lew blieb wie angewurzelt stehen.

Mist.

Er drehte sich um und sah Dupont auf sich zukommen. „Ja, Boss?“