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Nora Grafs vormaliger Liebhaber Daniel Tanner ist auf rätselhafte Weise verschwunden. Sie bricht deshalb ihren Urlaub bei ihrem neuen Partner bei Köln ab. Eigenmächtig sucht Nora in Schwerin nach dem Vermissten, was bei ihrem Chef Hansen auf wenig Gegenliebe stößt. Für ihn hat Vorrang aufzuklären, was der 15jährigen Michelle widerfuhr. Bald geschehen merkwürdige Dinge um Nora herum. Schließlich wird sogar eine Nachbarin ermordet. Der Täter scheint keinerlei Spuren zu hinterlassen. Nora kämpft mit den Wechseljahren und ignoriert lange eine Vermutung ihres Teams: sie sei das Ziel eines präzise geplanten Rachefeldzugs. Holt sie ihre Berliner Vergangenheit ein? Und ist es ein Zufall, dass der neue Kollege in der Vermisstenstelle ausgerechnet aus Berlin stammt? Mit Hilfe einer Finte will Nora den Täter überführen. Doch die Wirklichkeit überholt ihren Plan.
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2025
Christiane Baumann
Der Mörder neben Dir
Nora Grafs fünfter Fall
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Mörder neben dir
Erster Teil
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
Zweiter Teil
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
Dritter Teil
32
33
34
35
36
37
38
39
Vierter Teil
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
Anhang
Impressum neobooks
Den Schlüssel umgedreht, mein Plan nimmt Fahrt auf! Daniel Tanner ist hinter der dicken Stahltür weggesperrt und sitzt in der Falle. Wenn er aufwachen sollte, kann er sich die Kehle wund schreien und gegen die Tür anrennen, wie er will. Es wird zwecklos sein. Niemand wird ihn hören, niemand wird ihm helfen können. Eine könnte es natürlich: Seine Ex-Geliebte Nora Graf. Vielleicht kommt sie auf das Versteck, aber auch dafür habe ich Vorkehrungen getroffen.
Es wird mir ein Vergnügen sein zu sehen, wie die Graf panisch nach Tanner sucht. Sie muss sich sehr beeilen, denn Tanner hat keinen Tropfen Wasser. Der Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
Die Entführung von Tanner ist wie am Schnürchen abgelaufen, auch wenn es einen Kollateralschaden gab. Doch den kann ich leicht ausblenden.
Tanner ist ein Gewohnheitstier. Fährt immer die selbe Strecke nach Hause, hält unterwegs immer am selben Supermarkt, parkt auf dem selben Stellplatz, wenn er frei ist.
Ich habe auf ihn gewartet, mein Auto neben Tanners Lieblingsplatz abgestellt. Das war ein Wagnis, und tatsächlich wurde der Platz mehrmals belegt. Als Tanner kam, war er leer. Ein bisschen Glück gehört eben dazu.
Ich musste entschlossen und ohne Zögern handeln. Tanner war arglos, roch etwas nach Alkohol aus dem Mund. Die Spritze wirkte sofort, Gegenwehr ausgeschlossen.
Eigentlich wollte ich die Graf möglichst lange vor mich hertreiben, sie mit kleinen Nadelstichen und größer werdenden Attacken in die Knie zwingen, sie zu einem psychischen Wrack machen. Jetzt muss alles einen Zacken schneller gehen. Wegen ihrer überraschenden Abreise nach Köln musste ich zeitnah umplanen.
Der verschwundene Tanner wird Nora Graf zurück nach Schwerin locken. Wozu so ein Ex-Lover doch gut sein kann. Sie wird kommen, weil ich es will. Schluss mit Lustig am Rhein. In Schwerin spielt die tödliche Musik! Ich muss diese Frau unter Kontrolle haben. Hier will ich sie zerstören, hier soll meine Rache vollzogen werden.
Sowie die Graf die Nachricht von Tanners Verschwinden erreicht, wird sie die Koffer packen und nach Schwerin eilen. Das schlechte Gewissen wird sie her führen. Sie hat Tanner für einen anderen verlassen. Aber die Beziehung kann noch nicht so weit abgekühlt sein, dass ihr sein Schicksal egal ist.
Ihr neuer Kerl ist ein unbeschriebenes Blatt für mich. Kann sein, dass er sie begleitet. Das wäre vielleicht sogar nützlich. Nach dem ersten Opfer macht ein weiteres keinen großen Unterschied mehr.
Ich möchte laut aufschreien. All die Wut, die sich wegen der Graf in mir aufgestaut hat, will hinaus gebrüllt werden. Welche Erleichterung wäre es, endlich mit dem Finger auf die Schuldige zeigen zu können. Seht her, meine Rache ist gerecht!
Es gibt tief verborgene Wünsche, die man niemandem sagen darf. Sie lauern in dir und wollen an die Oberfläche. Man kann ihnen keine Zügel anlegen. Früher oder später übernehmen sie die Macht.
Ich atme tief ein und aus, um mich zu beruhigen. Sehe mich noch einmal um, alles okay. Den Schlüssel für die Stahltür lege ich in die Trommel der Waschmaschine. Nora Graf wird ihn finden. Aber findet sie auch Tanner?
Eine übergroße Couch bildete den Mittelpunkt des Zimmers, das in warmes Kerzenlicht getaucht war. Auf einem Beistelltischchen standen zwei mit Rotwein gefüllte Gläser, ein Porzellanteller mit einer Nussmischung und ein zweiter mit winzigen belgischen Pralinen. Aus versteckten Lautsprecherboxen ertönte Leonard Cohens tiefe melancholische Stimme, und Nora Graf bedauerte wieder einmal, kein Konzert mit ihm erlebt zu haben.
Nachdem sie sich ausgiebig geliebt hatten, lagen Nora und Stephan Pütz dicht aneinander gekuschelt unter einer Wolldecke. Stephan küsste Nora auf die Wange, sie grinste glückselig und wünschte, dieser Freitagabend würde nie enden. Er war perfekt verlaufen, so wie die gesamte erste Urlaubswoche. Von Schwerin waren sie zunächst nach Berlin gefahren. Dort hatte Stephan Noras Vater und bei einem späteren Abendessen in Noras ehemaligem Lieblingsitaliener in Köpenick auch ihre zwei Brüder und deren Frauen kennengelernt. Die Männer verstanden sich auf Anhieb. Der Vater gab Nora zu verstehen, dass der Kölner ein ganz famoser Kerl sei. Die Brüder fanden, er wäre ein Kumpel und kein arroganter Wessi, wie sie vermutet hatten, als Nora ihnen vorab erzählte, dass sie sich in jemanden verliebt hatte, der durch Erbschaft reich geworden war und allein in einem Haus in der Nähe von Köln lebte. Dass Stephan den Großteil des geerbten Geldes für soziale Zwecke einsetzte, war sicher hilfreich für die freundliche Aufnahme gewesen.
Nora genoss das Zusammensein mit ihrer Familie; es wurde gegessen, geredet, gelacht und getrunken, und weil alle entspannt nach langer Zeit mal wieder beieinander saßen, verriet eine Schwägerin spontan, dass sie zum zweiten Mal schwanger wäre. Dass ihre Tochter Daphne ebenfalls ein Kind erwartete, behielt Nora für sich. Das Töchterchen war dem Familientreffen fern geblieben; in ihrer Polizeiausbildung musste sie für eine Prüfung lernen. Daphne hatte Stephan Pütz bei einem Besuch in Schwerin kennengelernt, und beide hatten sich sympathisch gefunden.
Stephan bedauerte, Nora keine ähnlich große familiäre Runde präsentieren zu können. Er hätte nur seine Tochter Claudia, die mit Mann und Söhnchen in Den Haag lebe, und seine Mutter Gudrun. Nach Stephans Worten war die Achtundsiebzigjährige eine Kölsche Frohnatur, die schwer zu erschüttern war. Zur Zeit leide sie allerdings an starken Kniebeschwerden, die bald durch eine Operation behoben werden sollten. Trotz ihrer Schmerzen bestand sie auf einem Besuch, weil sie auf keinen Fall die Gelegenheit verpassen wollte, die neue Partnerin ihres Sohnes persönlich unter die Lupe zu nehmen.
Nora wähnte die Millionärswitwe in einer Villa, doch sie lebte in einer Drei-Zimmer-Wohnung in einer der nach dem Krieg errichteten schmucklosen Neubauten im Kölner Stadtzentrum, dafür mit Blick auf den Dom.
Die Wohnung war mit antiken Möbeln voll gestopft. Die mussten dann wohl doch aus der ehemals elterlichen Villa stammen. Mutter Pütz entpuppte sich als eine Dame von zarter Statur und entschlossenem Auftreten. Sie hatte mit Hilfe von Nachbarn Kuchen vom besten Bäcker der Stadt besorgt, einen Tisch gedeckt und ihn ans Sofa gerückt, worauf sie eine für sich und insbesondere für ihr Knie bequeme und möglichst schmerzfreie Lage suchte.
„Greift zu, ihr Lieben“, bat Frau Pütz. Auf einen Stock gestützt, hatte sie die knapp fünfzigjährige blonde Frau, die neben ihrem Sohn an der Wohnungstür stand, begutachtet und sie für passend befunden. Sie hatte Nora mit dem freien Arm an sich gedrückt und vorgeschlagen, dass man du sagen solle. Für Formalitäten hätte sie nämlich noch nie viel übrig gehabt. „Ist es dir recht?“, fragte sie, und Nora nickte; sie mochte diese Frau auf Anhieb.
Mutter Pütz fand es überaus spannend, dass Nora Polizistin war.
„Frau mit Waffe, das hätte ich auch gern gemacht“, sinnierte sie, und Stephan lächelte zustimmend, obwohl er sich wünschte, Nora hätte einen weniger gefährlichen Beruf.
Zum Abschied beteuerte Mutter Pütz, wie froh sie sei, dass Stephan endlich eine Gefährtin gefunden habe, die fest im Leben stehe und keine Flausen im Kopf hätte. Nora und Stephan vermuteten, dass diese Bemerkung auf seine verstorbene Stalkerin gemünzt war. Deren Wahnsinn als Flausen zu bezeichnen, war stark verniedlichend, aber beide gingen drüber hinweg.
Von diesem Besuch abgesehen, hatten Nora und Stephan bisher einen einzigen Vormittag mit Sightseeing in Köln verbracht. Sie waren am Rhein entlang spaziert, über eine der großen Brücken von der sogenannten Schäl Sick, der falschen und rechten Seite des Rheins hinüber zur angeblich besseren, älteren und bekannteren Seite der Stadt gelaufen. Den gewaltigen Dom hatte Nora mit zurückgelegtem Kopf ehrfürchtig von außen betrachtet. Für eine ausführliche Besichtigung war plötzlich keine Zeit mehr. Sie fuhren zurück nach Forsbach in Stephans Haus, das deutlich weniger einer Villa glich als viele der anderen hinter Mauern, Zäunen oder dichten hohen Büschen versteckten Häuser in diesem privilegierten Ort unweit Köln. Und dort taten sie, was sie in diesen freien Tagen zumeist taten, sie schliefen miteinander.
So war es auch an diesem Freitagabend gewesen, der langsam in die Nacht überging. Nora war dabei, auf der Couch in Stephans Armen einzuschlafen, als ihr Handy klingelte. Sie warf einen Blick aufs Display: eine unbekannte Nummer. Die konnte sie ignorieren; schließlich hatte sie Urlaub. Weit weg von Schwerin würde sie niemand zum Einsatz rufen.
Umgehend klingelte es erneut. Stephan stöhnte auf. „Nora, geh bitte ran oder schalt es aus.“
Nora lehnte den Anruf ab. Sie wollte das Handy nicht ausschalten, um im Notfall für die Familie erreichbar zu sein.
Als die Nummer ein drittes Mal auf ihrem Display erschien, meldete Nora sich und gab damit einer unbewussten Befürchtung nach, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte und ihre Hilfe benötigt würde. „Hallo?“
„Ich will Daniel sprechen“, nuschelte eine Frau, sie war offenbar leicht alkoholisiert.
Mit einem Ruck saß Nora aufrecht. Obwohl sie nie die Stimme der Frau ihres ehemaligen Liebhabers Daniel Tanner gehört hatte, war Nora sicher, dass es Daniels Frau war. Woher hatte die ihre Handynummer? Und wieso dachte die, dass Daniel bei ihr wäre? Ihre Affäre war längst beendet.
Nora wandte sich zu Stephan, als hätte er Antworten parat. Er sah sie jedoch bloß fragend an.
Um sich zu vergewissern, hakte Nora nach. „Wer sind Sie?“
„Patrizia Tanner, Daniels Ehefrau. Oder hat er Ihnen etwa vorgegaukelt, dass er Single ist, Frau Graf? Daniel hat drei Kinder! Wir sind seine Familie! Holen Sie ihn ans Handy! Sofort!“
Nachdem mit Daniel Schluss war, mit der eifersüchtigen Ehefrau konfrontiert zu werden, war das Letzte, worauf Nora Lust hatte. Sie verspürte den Impuls, das Gespräch weg zu drücken, aber das wäre feige gewesen. „Das mit Daniel ist lange vorbei, Frau Tanner.“
„Lüge! Er ist bei Ihnen! Stehen Sie gefälligst dazu!“
„Frau Tanner, bitte beruhigen Sie sich. Ich habe keinen Kontakt mehr zu Daniel. Außerdem habe ich zur Zeit Urlaub und bin weit weg von Schwerin.“
Patrizia begann zu schluchzen. „Oh, bitte, seien Sie ehrlich. Wenigstens das. Ich muss ihn sprechen. Nur ganz kurz, bitte! Damit ich weiß, dass er wohlauf ist. Ich versuche, ihn seit Stunden zu erreichen …“ Die Stimme versagte ihr.
Stille in der Leitung. Nora merkte, dass ihr kalt wurde und wickelte die Decke fester um sich. Ging es hier wirklich um Eifersucht?
„Wo soll Daniel denn sonst stecken!“, schrie Patriza Tanner plötzlich ins Telefon. „Er muss bei Ihnen sein. Ich habe überall angerufen. Er ist nirgends. Seit Stunden hat ihn niemand gesehen. Wo ist Daniel? Er muss bei Ihnen sein, er muss!“ Die Verbindung brach ab.
Nora konnte aus irgendeinem Grund Stephan nicht in die Augen schauen. Sie hatte die Affäre mit Daniel beendet, als sie sich in Stephan verliebte. Daniel hatte ihr geholfen, nach dem Tod ihres damaligen Lebensgefährten Tom wieder ins Leben zurückzufinden. Klar war auch Sex im Spiel, als sie sich auf diesen Mann eingelassen hatte, der sie so sehr begehrte. Dass er verheiratet war, darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen. Mit diesen Bekenntnissen Stephan gegenüber sollte die Geschichte mit Daniel abgehakt sein. Schönes Wunschdenken.
Stephan regte sich. „Hab ich das richtig verstanden? Frau Tanner? Sie denkt, ihr Mann ist bei dir? Wieso, Nora?“
„Wenn ich das wüsste“, seufzte sie, „Daniel war überzeugt, dass er unsere Affäre vor seiner Frau verheimlicht hat. Tja, Irrtum. Sie hat sogar meine Handynummer.“
„Aber wieso kommt sie jetzt auf die Idee, dass er bei dir …“ Stephan schüttelte den Kopf.
„Sie sucht Daniel. Sie hätte schon überall ergebnislos angerufen. Sehr merkwürdig, dass er nirgends aufzutreiben ist.“
„Nein, nein, das ist keineswegs merkwürdig, sondern relativ normal. Entschuldige Nora, dieser Daniel ist vermutlich wieder einmal fremdgegangen und hat bei einer anderen Frau die Zeit vergessen.“
Stephan rutschte bis zur Couchkante vor und trank sein Glas aus. Für ihn war die Angelegenheit erledigt. Eine eifersüchtige Ehefrau wähnte ihren Mann bei einer Geliebten; das Normalste der Welt.
Nora war anderer Meinung. Daniel war kein Mann, der wahllos fremd ging. Er liebte seine Frau, seine Kinder … niemals würde er seine Ehe wegen irgendeines Seitensprungs gefährden. Die Affäre mit ihr, Nora, war etwas Besonderes und eine seltene Ausnahme gewesen, das hatte er stets beteuert. Oder hatte sie sich was vorgemacht? War sie doch eine von vielen? Nein! Und selbst wenn, sagte sie sich. Daniel würde intelligent genug sein, seiner Frau wenigstens einen Grund für sein Fernbleiben bis in die Nacht hinein zu geben.
Nora war nahe dran, Daniel anzurufen. Aber Patrizia wählte seine Nummer bestimmt pausenlos. Hoffentlich hatte sie die Krankenhäuser abtelefoniert und sich bei der Polizei nach einem Unfall erkundigt.
Sie spürte Stephans Hand im Nacken. „Denkst du an ihn?“
„Ein kleines bisschen“, gestand sie. „Ist berufsbedingt. Ich muss mir die Dinge immer erklären können. Niemand verschwindet ja einfach so.“
„Wow! Nur weil er ein paar Stunden zu spät dran ist, soll Tanner gleich verschwunden sein? Sie übertreiben, Frau Kommissarin. Komm, trink noch ein Glas gegen die düsteren Gedanken. Der Ehemann kehrt garantiert bald reuig in die Arme seiner Gattin zurück. Glaube mir.“
Am folgenden Morgen war Nora sicher, dass Daniel sich wieder zu Hause eingefunden hatte. Kein Panikanruf von Patrizia oder eine gegenteilige Nachricht von der Dienststelle. Daniel musste daheim sein; das war das Wichtigste. Egal, ob er letzte Nacht seine Frau betrogen hatte. Na ja, ihr, Nora, jedenfalls konnte es egal sein.
Der Samstag verlief sehr harmonisch mit vorzüglichem Essen und langen Spaziergängen. Nora genoss es, unbelastet in den Tag hineinleben zu können. Keine Verbrechen, keine Ermittlungen, keine Nächte ohne Schlaf. Und das noch eine weitere Woche.
Am Montag würde Stephans Mutter ins Krankenhaus kommen. Auch wenn es sich um eine Routineoperation am Knie handelte, Stephan machte sich Sorgen, und Nora war froh, an seiner Seite sein zu können. Wenn die OP ohne Komplikationen verlief und Mutter Pütz in der Reha war, hatten sie und Stephan noch genügend Zeit, das Innere des Doms zu bewundern, zu seiner Spitze hoch zu fahren und die Aussicht über Köln zu genießen, bei Stephans im Ausbau befindlichen Kinderzentrum vorbei zu schauen und in einer urigen Altstadtkneipe Kölsch zu trinken. Außerdem hatte Stephan Karten für eine Karnevalssitzung am kommenden Freitag ergattern können. Als er Nora diese Rarität stolz präsentierte, zeigte sie wenig Begeisterung. Vor ihren Augen standen sofort Fernsehbilder von skurril geschminkten Frauen und Männern, die in albernen Kostümen steckten und sich über dumme Witze kaputt lachten. Doch Stephan zuliebe wollte sie sich in dieses schräge Abenteuer stürzen.
Samstagabend trugen beide gerade das benutzte Geschirr in die Küche, als Noras Handy klingelte. Hansen! Nora freute sich, ihn zu hören. „Hallo, wie geht‘s, Bert? Alles okay bei dir?“
„Bei mir schon“, sagte er betont langsam und mit tieferer Stimme als gewöhnlich. Nora ahnte, dass ihr Chef nicht ohne besonderen Anlass anrief.
„Ist was passiert, Bert?“
„Dann falle ich mal direkt mit der Tür ins Haus, Nora. Daniel Tanner wird vermisst. Ich weiß, dass seine Frau dich gestern deswegen angerufen hat. Sie dachte wohl, ihr seid immer noch zusammen. Wir haben keine Spur von Tanner seit über vierundzwanzig Stunden. Sein Auto wurde heute verlassen auf einem Supermarkt-Parkplatz außerhalb Schwerins gefunden. Und bevor du fragst, es ist routinemäßig alles überprüft worden, was auf den ersten Blick überprüft werden kann, Krankenhäuser und so weiter. Kein Anhaltspunkt, wo Tanner sein könnte.“ Er verstummte.
Nora saß ein Kloß im Hals. Daniel war Schlimmes geschehen! Und sie war vergnügt durch den Tag geträllert! Sofort war ihr die eigene Entführung vom Parkplatz des Schlosspark-Centers gegenwärtig, obwohl sie über ein Jahr her war.
Angst erfasste sie. War auch Daniel entführt worden? Nein, diesen Gedanken durfte sie nicht zulassen.
„Wovon geht ihr aus?“
Hansen ließ ein paar Sekunden verstreichen, bevor er antwortete. „Die Vermisstenstelle kümmert sich um die Suche. Sie ziehen auch in Betracht, dass Tanner sein bisheriges Leben freiwillig aufgegeben haben könnte, Nora.“
„Das ist doch reine Zeitverschwendung! Tanner würde niemals seine Familie im Stich lassen! Ihm muss Schlimmes passiert sein!“
„Wieso sollte ihm jemand etwas antun? Welches Motiv gäbe es dafür? Ich sehe keins, Nora.“
„Das Motiv müssen die Kollegen ermitteln. Welchem Ansatz folgen sie sonst noch außer einem freiwilligen Verschwinden?“
„Ich glaube, sie tun, was erforderlich ist“, entgegnete Hansen schwammig.
„Das befürchte ich auch. Ich komme sofort zurück, Berthold.“
„Hab ich mir gedacht, dass du Hals über Kopf losstürzen willst. Du wirst zu deiner Beziehung zu Tanner befragt werden. Das geht natürlich auch telefonisch, und du könntest weiterhin in Köln bleiben. Du und Tanner, ihr hattet seit wann keinen Kontakt mehr?“
„Das werden knapp drei Wochen, denke ich. Zwischen Stephan und mir hat sich alles so schnell entwickelt.“ Sie unterbrach sich. „Entschuldige, Bert, ich ruf dich gleich zurück.“
Stephan hörte auf, die Spülmaschine zu befüllen. Alle Unbeschwertheit verschwand aus seinem Gesicht. Mit zwei Schritten war er bei ihr. „Du willst nach Schwerin? Wegen Tanner? Er wurde gekidnappt?“
Nora holte sich ein Glas Wasser und trank es im Stehen. Ein wenig Zeit, die Gedanken zu ordnen. Patrizia Tanner war zurecht besorgt gewesen. Und sie sollte fröhlich Karneval feiern?
„Nora? Rede mit mir, bitte!“
„Daniel wird nun als vermisst geführt. Ich fahre nach Schwerin. Ich will helfen, ihn zu finden. Ich kann hier nicht …“
Rumsitzen, hätte sie beinahe gesagt. Als vertrödele sie mit Stephan ihre Zeit. Nora umarmte ihn. „Bitte versteh mich. Ich muss zurück.“
„Etwa heute noch?“
Sie nickte.
„Kannst du denn etwas anderes unternehmen als deine Kollegen? Die tun doch sicher alles Notwendige. Oder?“
„Ja. Aber ich …“
„Was?“
„Es ist wichtig, dass ich vor Ort bin. Erklären kann ich es nicht. Ich habe bloß dieses blöde ungute Gefühl.“ Sie setzte sich auf einen Stuhl, sprang wieder auf und trank ein zweites Glas Wasser.
Stephan beäugte sie kritisch. „Hängst du noch sehr an ihm?“
Nora schreckte zusammen. „Was? Nein! Aber wenn ich jetzt hier bliebe, wäre es, als würde ich ihn im Stich lassen. Das ist …“ , sie suchte nach einem Wort, das wenig emotional klang, „das wäre unfair. Ich bin Polizistin, ich muss ihm helfen. Vielleicht kommt mir in Schwerin eine Idee. Was weiß ich!“ Hilflos breitete sie die Arme aus.
Stephan fühlte sich aus anderem Grund ähnlich hilflos. Für Nora stand der Jobimmer an vorderster Stelle; er war wie ein ewig anwesender Nebenbuhler. Dass war ihm schnell klar geworden, und er hatte sich fest vorgenommen, diese Situation zu akzeptieren. Doch nun, bei der ersten Bewährungsprobe …? Im Stillen wünschte er, Nora würde ihren Job an den Nagel hängen. Für ihn, für sich selbst, für ihre Liebe. Er hatte genug Geld, um ihr ein gutes Leben bieten zu können. Aber würde Nora sich je darauf einlassen?
Er sah, wie aufgewühlt Nora war und zog sie an sich. „Liebes, du kannst nicht die ganze Nacht durch fahren. Außerdem bist du auch viel zu aufgeregt. Warten wir bis morgen früh. Wenn Tanner dann immer noch vermisst wird, komme ich mit, und wir wechseln uns beim Fahren ab.“
„Montag ist die OP deiner Mutter.“
„Sie wird auch wollen, dass ich dich unter diesen Umständen begleite.“
„Nein, lass es“, sagte Nora schroff. „Du bist für deine Mutter da, solange sie dich braucht. Ich rede noch mal mit Berthold.“
Wie Stephan Pütz riet Hansen Nora von einer überhasteten Rückkehr ab, weil die Chance bestand, dass Tanner jederzeit wieder auftauchen könnte. Hansen versprach, Nora umgehend zu informieren, wenn es Neuigkeiten gäbe.
„Danke, Bert. Wie ist es sonst? Habt ihr viel zu tun?“
„Arbeit eben, Nora. Damit werde ich dich nicht belasten. Bis später, wann immer das sein wird.“ Er legte abrupt auf, dass Nora keine Chance hatte nachzufragen oder Grüße an die Team-Kollegen auszurichten.
„Hansen hörte sich an, als hätte er einen neuen Mordfall, Stephan, er wollte aber keine Details rausrücken.“
„Ein neuer Mordfall! Die sollen dich in Frieden lassen. Hast genug Sorgen wegen Tanner.“
Um fünf Uhr am Sonntagmorgen erwachte Nora aus einem bleiernen Schlaf. Ihr erster Gedanke galt Daniel Tanner, und ihre Brust schnürte sich vor Angst zusammen.
Nora tastete im Dunkeln nach ihrem Handy auf dem Fußboden vor ihrer Bettseite. Dort lag es sicherer als auf dem Nachttischchen. Bei einem Anruf konnte sie es aufnehmen, ohne dabei etwas umzustoßen und Stephan eventuell zu wecken. Weder Hansen noch die Kollegen Pankow oder Taube von der Vermisstenstelle hatten sie angerufen. Noras Wut auf diese beiden war immer noch groß. Sie hatten in ihren Augen schlampig ermittelt, als Mark Fröhlich sie in seinen selbst gebauten Bunker gesperrt hatte. Deshalb hatte Tom damals auf eigene Faust nach ihr gesucht. Wenn er das nicht so unbeirrt getan und sie gefunden hätte, wäre sie vielleicht in diesem Verlies elend krepiert. In der Folge wurde er selbst zum Opfer von Fröhlich.
Wenn es nach Nora gegangen wäre, wären Pankow und Taube aus dem Polizeidienst entfernt worden. Doch Gerd Pankow war es gelungen, seinen Chefposten zu behalten. Jochen Taube hatte beim Vertuschen seiner Fehler weniger Geschick bewiesen. Er hatte nun einen fetten Eintrag in der Personalakte, und damit waren seine Karrierechancen verspielt.
Nora wand sich leise aus dem Bett, nahm das Handy auf und schlich auf Zehenspitzen zum Fenster. Die Dunkelheit wurde durch Laternen auf benachbarten Grundstücken durchbrochen. Nora konnte die Umrisse von Büschen und Bäumen erkennen. Von fern bellte ein Hund, ansonsten kein Geräusch. Es lebte sich angenehm in dieser Gegend, trotzdem sah Nora für sich hier auf Dauer keinen Lebensmittelpunkt; sie brauchte wenigstens tagsüber etwas Stadtlärm um sich.
Im Bad rief Nora Steffi an, die einzige Frau in der Vermisstenstelle und die einzige Person dort, der sie vertraute. Doch deren Handy war ausgeschaltet.
Nachdem Nora geduscht hatte und angezogen war, aß sie in der Küche eine Stulle und trank einen Kaffee. Bereits gestern Abend hatte sie ihre Reisetasche gepackt. Sie verstaute gerade zwei Bananen für unterwegs, als Stephan im Pyjama in der Küchentür erschien und schlaftrunken ins Licht blinzelte. Seine Haare standen wirr vom Kopf ab. Er wirkte etwas verloren, und Nora trat auf ihn zu. Sie hielt mitten inne, weil ihr Handy klingelte. Ihr Puls schoss in die Höhe. War Daniel gefunden worden?
Auf dem Display der Name eines jungen Kollegen aus ihrem Team: Igor Diesterheft.
„Igor? Hast du Neues zu Tanner?“
„Nein. Guten Morgen, Nora. Hansen hat mir aufgetragen, dich um halb sechs anzurufen. Er dachte, um diese Zeit würdest du spätestens wach sein und wissen wollen, was los ist. Keine Spur zu Tanner.“
„Es gibt wirklich keine noch so winzige Neuigkeit?“
„Solche Details gehen an mir vorüber. Ich habe leider keinen nützlichen Kontakt zu den betreffenden Kollegen.“
Aber ich. Nora hatte es eilig, das Gespräch zu beenden. „Danke für den Anruf, Igor. Ich bin voraussichtlich in fünf, sechs Stunden in Schwerin, je nach Verkehrslage. Bis dahin.“
Nora öffnete die Fahrertür. „Ich rufe dich an oder schreibe, sobald ich in Schwerin bin.“ Stephan nahm sie in die Arme, und sie küssten sich innig. „Mach eine Pause unterwegs, ja? Ist eine lange Fahrt. Zum Glück ist heute Sonntag, kaum LKWs.“
Nora hupte zweimal, als sie das Auto vom Grundstück auf die Straße steuerte. Sollten die Nachbarn in ihren schicken Häusern ruhig wach werden.
Kurz vor zwölf parkte Nora ihren roten Mitsubishi vor der Kriminalinspektion in Schwerin und blieb im Auto sitzen. Sie war die ganze Strecke bis auf eine Toilettenpause auf einen Rutsch durchgefahren. Ein paar Schluck Wasser und eine Banane waren alles, was sie während des Fahrens zu sich genommen hatte. Wenn der Anlass der Reise weniger dramatisch gewesen wäre, hätte sie die Stunden im Auto beinahe genossen. Bis auf zwei kleinere Staus vor Baustellen waren die Straßen frei gewesen, und auch das Wetter hatte mitgespielt: kein Nebel, kein Regen, kein Schnee, kein Wind, nur ein endloser grauer Novemberhimmel.
Nora schrieb Stephan, dass sie angekommen sei und sich später ausführlicher bei ihm melden würde. „Ich liebe dich“, endete der knappe Text. Pütz antwortete umgehend: er vermisse sie jetzt schon, das Haus sei leer ohne sie, und er liebe sie auch. Er schicktemehrere rote Herzchen hinterher, und Nora empfand eine starke Sehnsucht nach ihm. Sie riss sich vom Handy los und kramte im Auto nach etwas Essbarem. Auf die zweite Banane hatte sie keine Lust; um den Magen zu füllen, trank sie die Wasserflasche leer.
Bevor sie zum Büro von Gerd Pankow, dem Chef der Vermisstenstelle ging, schaute sie auf Verdacht bei Hansen vorbei. Vielleicht arbeitete er auch am Sonntag an seinem neuen Fall.
Und tatsächlich, Hansens Bürotür stand einen Spalt offen. Ihr Chef hockte im bequemen Schreibtischsessel, den Kopf in die Hände gestützt, so dass er seinen kahlen Schädel präsentierte. Nora trat leise ein und räusperte sich. Keineswegs überrascht, erhob Hansen sich und kam Nora mit schwerfälligen Schritten entgegen, als wäre er noch stark übergewichtig wie vor zwei Jahren. Im Unterschied zu seinem Umfang hatte Hansen an seiner Körpergröße keinen Zentimeter eingebüßt und war ein beeindruckender Mann geblieben.
„Nora, hast du deinen Urlaub doch abgebrochen?“
Er nahm Noras ausgestreckte Hand in seine und drückte sie fest. „Na, das hätte ich mir denken können, dass du deinen Dickkopf durchsetzt, Kusinchen. Schön, dich zu sehen, auch wenn der Anlass kein erfreulicher ist.“
„Wie hätte ich denn unter diesen Umständen in Köln herum spazieren können, Bert. Ich mache mir große Sorgen um Daniel.“
„Wir alle, Nora. Setz dich erst mal. Wie war die Fahrt?“
„Lang, mein Lieber, dafür ohne Stau, Gott sei Dank.“
„Na, ihr wart zu zweit und konntet euch abwechseln. Da geht das.“
„Stephan ist zu Hause. Seine Mutter wird morgen am Knie operiert. Sag mal, Bert, hast du zufällig was zu essen für mich in deiner geheimen Schublade?“
„Einen Apfel?“
„Nein, was Richtiges. Kartoffelsalat mit Bratwurst oder eine Boulette“, erwiderte sie lächelnd, „ich bin bis auf eine Pinkelpause schnurstracks durch gebrettert.“
„So siehst du auch aus, erschöpft und hungrig. Ich hab nur Knäckebrot da, ohne alles.“
„Her damit. Und jetzt sag mir bitte, wie es um Daniel steht.“
Hansen hob bedauernd die Schultern und holte ein angebrochenes Päckchen Knäckebrot aus einer Schublade.
Während Nora sich gierig drüber hermachte, strich er sich bedächtig mit einer Hand über seine blank polierte Glatze.
„Diese Angelegenheit mit Tanner ist höchst merkwürdig. Bisher hat niemand Lösegeld gefordert. Wenn du gründlich nachdenkst, kannst du dir vielleicht doch vorstellen, dass er aus freien Stücken abgehauen ist?“
„Nein, niemals! Daniel liebt seine Familie. Sie geht ihm über alles.“
„Ja, aber“, wagte Hansen einen Einspruch, „er hat seine Frau mit dir betrogen, Nora.“
„Na und. Eine Affäre, mein Gott, das kommt …“ In den besten Familien vor, beendete sie für sich den Satz.
Hansen zog die buschigen Augenbrauen zusammen, was ihm einen kummervollen Ausdruck gab. Eine Affäre war nichts Weltbewegendes. Ihn beschäftigte sowieso was anderes. Das Verschwinden von Tanner erinnerte fatal an Noras Entführung. Dasverursachte ihm ein deutliches Grummeln im Magen. Nora würde ähnliche Parallelen ziehen. Um sie nicht darin zu bestärken, äußerte er sich zuversichtlicher als er war. „Ich habe Tanner nur einmal flüchtig gesprochen. In meiner Erinnerung habe ich das Bild eines Mannes, der fest im Leben steht. Er wird bestimmt wieder auftauchen, Nora.“
Halbwegs gestärkt von Hansens Zuspruch und seinem Knäckebrot saß Nora Gerd Pankow und seinem Mitarbeiter Jochen Taube in einem Büro gegenüber. Die Begrüßung war distanziert ausgefallen. Dass ausgerechnet Pankow und Taube mit der Suche nach Daniel beauftragt waren, jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken.
Pankow war Anfang vierzig, groß geraten und noch halbwegs schlank. Sein Gesicht länglich, die hellbraunen Haare kurz geschnitten. Er trug einen dunklen Anzug und dazu ein modisches enganliegendes Hemd. Nora kannte ihn auch als Schlipsträger, aber heute hatte er auf dieses Accessoire verzichtet und sogar den obersten Hemdknopf geöffnet. Unter Pankows aufgesetzt wirkendem gleichgültigen Blick kam Nora sich vor wie ein gefährliches Insekt, das man keine Sekunde unbeobachtet lassen durfte. „Du kennst Daniel Tanner persönlich“, sagte er, „kannst du dir sein Verschwinden erklären?“
Nora wünschte, sie würden sich wieder siezen. Damals, nach ihrer Befreiung aus dem Bunker-Gefängnis war sie mit Pankow zum du übergegangen, wie es unter Kollegen üblich war. Heute bereute sie es. Nora raffte sich zu einer Antwort auf. „Da ich keine Fakten kenne, steht für mich nur fest, dass Tanner seine Familie niemals im Stich lassen würde, um irgendwo neu anzufangen. Das ist für mich ausgeschlossen.“
„Warum?“
„Weil er sein Leben, seine Frau und Kinder liebt.“
Pankow grinste abschätzig. „Das weißt du woher?“
„Ich weiß es eben.“
Das Büro war zu Noras Leidwesen total überheizt. Sie musste sich zwingen, nicht dauernd am Kragen ihres Rollis zu zerren. Zudem nahm sie aus Taubes Richtung einen ihr unangenehmen Nikotindunst wahr; lediglich eine zarte Note, aber ihr Geruchssinn war ausgezeichnet und deswegen manchmal beinahe lästig.
Taube war damit beschäftigt, an einem Pflaster an seinem rechten Daumen herumzupulen. Er war ein paar Jahre älter als sein Chef und ähnlich hoch gewachsen. Im Vergleich mit Pankow war er jedoch beleibter und auch stärker behaart. Er hätte sogar als attraktiver Mann durchgehen können, wenn er mehr Wert auf sein Äußeres legen würde. Taube war nachlässig rasiert, und die Haare mussten dringend geschnitten werden. Zudem lief er in abgetragenen Jeans und billigen schlabbrigen Pullovern rum.
Taube hatte sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt, bemüht, lässig zu erscheinen. Ab und zu sah er Nora halbwegs freundlich an, ansonsten hielt er sich zurück, als wäre er zum Schweigen verdonnert worden.
„Und wie war es mit beruflichen Problemen?“, hakte Pankow nach. „Hat Tanner eventuell bei euren Treffen darüber geredet?“
Nora schüttelte den Kopf. Sie strich sich wie unabsichtlich über die Stirn, auf der sich Schweißperlen gebildet hatten.
„Es gab seit längerem Streit zwischen Tanner als Regisseur und dem Produzenten der TV-Serie ‚SOKO Wismar‘. Weißt du was dazu?“
„Nein. Ich hatte den Eindruck, dass Daniel Tanner sehr zufrieden mit seinem Job war.“
Pankow beugte sich vor. „Tanner stand kurz vor dem Rausschmiss wegen tiefgreifender inhaltlicher Differenzen. Das hat er nie erwähnt?“
„Nein. Arbeit war generell kein Thema. Habt ihr den Produzenten überprüft, wo er Freitagabend war?“
„Er hat ein astreines Alibi, wie das ganze Film-Team von Tanner“, leierte Taube, ohne aufzublicken, herunter.
Pankow übernahm wieder. „Wir überlegen, ob Tanner sich was angetan haben könnte.“
„Was für ein Quatsch!“, entfuhr es Nora. „Ihr seid total auf dem Holzweg! Daniel Tanner ist ein in sich ruhender Mensch, völlig geerdet. Den schmeißt keine Krise um!“
„Wie habe ich mir deine Affäre mit ihm vorzustellen?“
Nora biss sich beinahe auf die Lippen. „Es war eine reine Bettgeschichte.“
Pankow und Taube sahen sich vielsagend an.
„Äh, ja“, sagte Pankow irritiert. „Du bist sehr offen, Nora. Also, ich denke … keine Gefühle?“
Darauf kannst du lange warten, dachte Nora, dass ich dir sage, wie sehr ich Daniel mochte und auch immer noch mag. Dass es mehr zwischen Mann und Frau gab als nur eine Art von Liebe, das würden die beiden sowieso nie verstehen.
„Keine Gefühle, es ging ausschließlich um Sex“, wiederholte sie und gönnte sich innerlich ein Grinsen über ihre sehr direkte Ausdrucksweise.
„Wann war euer Verhältnis zu Ende?“, fragte Pankow mit belegter Stimme.
„Morgen, am Montag, sind es drei Wochen her.“
„Wer hat es beendet?“
„Ich.“
„Warum?“
„Verhältnisse haben es an sich, dass sie früher oder später zu Ende sind. Oder ist das neu für euch?“
Taube versuchte, ein Husten zu unterdrücken.
Pankows Miene blieb undurchdringlich. „Wie hat Tanner die Trennung aufgenommen?“
„Wie ein Mann.“
„Also kein Streit“, stellte Pankow fest.
„Nein.“
„Hast du seit der Trennung Daniel Tanner noch einmal gesehen oder gesprochen?“
„Nein.“
„Hältst du es für möglich, dass sich Daniel Tanner in ein neues Verhältnis gestürzt hat?“
Diese Frage empfand Nora genauso als Provokation wie das überheizte Zimmer. Sie wollten, dass sie sich aufregte und dann etwas Unbedachtes sagte. Wie albern anzunehmen, dass sie solche Tricks nicht durchschaute. Aber sie hatten gut gezielt. Die Vorstellung, dass Daniel sofort nach ihr etwas mit einer anderen Frau angefangen haben könnte, tat weh. Diesen dummen Gedanken musste sie schnellstens wieder aus dem Kopf kriegen.
„Habt ihr sein Smartphone?“, fragte sie zurück.
Pankow nickte. „Es lag im Auto.“
„Vielleicht könnt ihr daraus mehr über Tanner erfahren. Außerdem könnt ihr mit seiner Frau reden. Wenn sie von meiner Affäre mit ihrem Mann wusste, tut sie das eventuell auch, wenn es weitere gegeben haben sollte.“
„Patrizia Tanner ist auch ohne solche Nachfragen momentan sehr angeschlagen. Übrigens ist durchaus denkbar, dass Tanner ein zweites Telefon für seine Amouren benutzte.“
„Und mein Kontakt mit Tanner?“
Pankow wich Nora aus. „Ja, das war auf diesem Smartphone. Er könnte trotzdem ein zweites haben.“
Nora fühlte sich, als säße sie angezogen in einer Sauna. Wie hielten die beiden Männer das aus? Ihr jedenfalls klebte der Pullover regelrecht auf der Haut. Sie musste weg hier; wollte aber unbedingt ihre Hilfe anbieten. Auch wenn sie dafür über ihren Schatten springen und eng mit Pankow zusammenarbeiten müsste. „Wie wäre es, wenn ich für die nächste Zeit in euer Team wechsle? Hansen ist bestimmt einverstanden. Und ich weiß einigermaßen, wie Tanner tickt.“
„Eben deshalb muss ich das ablehnen“, sagte Pankow milde, „du bist befangen, Nora. Hilfreich wäre dagegen, wenn du intensiver über dein Verhältnis mit dem Vermissten nachdenken würdest.“
Sie haben wirklich nichts, erkannte Nora, und es wurde ihr beklommen zumute. Sie haben nur mich und suchen krampfhaft in unserer Affäre nach einem Anhaltspunkt. Um Daniels Schicksal war es bös bestellt. Sie wollte ohne ein weiteres Wort fort, doch etwas musste sie noch los werden: „Meine Beziehung mit Tanner mag für euch interessant sein, und wenn ihr weiter kostbare Zeit damit vergeuden wollt, darin herum zu wühlen, tut das, aber ohne mich. Ich habe keine Geheimnisse. Und deshalb gehe ich jetzt.“ Sie stand auf, und Pankow schaute verblüfft zu ihr hoch. „Du hast meine Nummer, Gerd. Ich werde in Schwerin bleiben.“
In der nächst gelegenen Damen-Toilette riss Nora sich den Pullover über den Kopf. Was sie im Spiegel erblickte, ließ sie erschrecken. Sie war hochrot! Hatte sie etwa mit dieser Birne vor Pankow gesessen? Was musste der über sie gedacht haben? Dass es ihr peinlich war, über ihre Affäre zu reden oder dass sie ihn belog, oder dass sie es nicht schaffte zu lügen, ohne rot zu werden wie ein schüchternes Kind?
Eine Kabinentür öffnete sich, und Nora stand Stefanie Bühler im BH gegenüber. Die Frauen starrten sich überrascht an. Steffi war lange Zeit, bevor Nora und Tom ein Paar wurden, eine Zeitlang mit Tom liiert gewesen. Waren sie und Steffi vor Toms Tod Kolleginnen gewesen, waren sie in ihrer Trauer um ihn zu Fast-Freundinnen geworden.
Was für ein Glücksfall, gleich nach dem Gespräch mit Pankow auf Steffi zu treffen, ihrem nützlichen Kontakt in Pankows Team. Aber halb ausgezogen? Nora suchte nach Worten, Steffi die Sache zu erklären.
Die wiederum betrachtete sie amüsiert. „Hallo, Nora!“
„Tag, Steffi! Sag mal, ist dir auch so warm? Ich schwitze fürchterlich.“
Während Nora sich Wasser ins Gesicht spritzte, wusch Steffi sich die Hände. „Hast wahrscheinlich eine Hitzewallung. Kenne ich von meiner Mutter. Die hat sich sogar mal vor lauter Fremden die Bluse vom Leib gerissen, so heftig war es bei ihr. Du hast mit Pankow wegen Daniel Tanner gesprochen?“
„Äh, ja … warte mal. Hitzewallung? Die hatte ich noch nie.“
Steffi lächelte. „Dann war das deine erste. Ich habe eine Bekannte, die ist erst achtunddreißig und hat das seit Jahren.“
Nora atmete tief durch. Jetzt hatten die Wechseljahre sie erwischt! Unpassender hätte der Zeitpunkt nicht sein können. „Und wie oft kriegt man solch eine Attacke?“
„Alle paar Minuten, wenn du Pech hast. Wie lief es mit Pankow?“, erkundigte sich Steffi erneut.
Nora ging davon aus, dass Steffi wie alle anderen in der Vermisstenstelle von ihrer Beziehung mit Tanner wusste. Deshalb nahm sie kein Blatt vor den Mund. „Pankow hat auf unserem Verhältnis rumgehackt. Totaler Schwachsinn! Habt ihr wirklich keine Ahnung, was Daniel passiert sein könnte?“
„Leider nein. In seinem Auto war neben dem Handy nur eine angefangene Wasserflasche, die war okay, keine Droge drin. Tanner ist auf diesem Supermarkt-Parkplatz in Lübstorf anscheinend von einem Moment auf den nächsten verschwunden. Wir haben sogar einen Suchhund eingesetzt, ergebnislos. Tanner war auf dem Weg nach Hause, nach Wismar. Wir haben alle Mitarbeiter des Marktes befragt, keiner hat ihn gesehen. Morgen versuchen wir, jemanden von der Kundschaft zu finden, der zufällig auch Freitagabend dort eingekauft hat. Der könnte was beobachtet haben.“
„Warum war Daniel denn in Schwerin?“, fragte Nora und hielt die Unterarme unter den kalten Wasserstrahl.
„Er hat sich mit ehemaligen Klassenkameraden im Cafe Prag getroffen. Vorbereitung eines Klassentreffens.“
„Legt Tanner bei diesem Supermarkt oft einen Stopp ein, wenn er auf der Rückfahrt von Schwerin ist?“
„Sporadisch, meinte seine Frau. Wenn ihm irgendetwas einfällt, Wein oder Süßigkeiten für die Kinder. So was in der Art. In seinem Auto waren keine Einkäufe. Er muss gestört worden sein und ist wahrscheinlich in ein anderes Auto eingestiegen oder verschleppt worden.“
Steffi hörte auf, sich die Hände abzutrocknen. „Für dich ist das mit Tanner sicher besonders schlimm. Du wurdest ja wie er auf einem Parkplatz entführt.“
Nora stutzte. „Bei deinen Kollegen kein Wort über Entführung.“
„Unter uns - was soll es sonst sein? Ich hab sofort an dich gedacht. Und Tanner ist schließlich kein jugendlicher Ausreißer, von dem man annehmen kann, dass er spätestens nach zwei Tagen wieder zu Hause aufschlägt.“ Steffi ordnete vor dem Spiegel ihr dunkelblondes Haar, das tadellos saß und genau unterhalb der Ohren endete. Sie war Mitte dreißig, kräftig gebaut und uneitel. Sie verzichtete konsequent auf Schmuck und Schminke und trug gewöhnlich Jeans und schwarze T-Shirts. Nora hätte Steffis dünnes Shirt jetzt gern gegen ihren Rolli getauscht.
„Tanner ist kein Millionär“, sagte Nora, während ihre Hoffnung schwand, dass sie mit ihrer spontanen Befürchtung, Tanner wäre entführt worden, falsch gelegen hatte. Trotzdem hakte sie nach: „Warum also sollte man ihn kidnappen? Und wo bliebe dann die Lösegeldforderung?“
„Bei dir gab es auch keine Geldforderung.“ Steffi wandte sich vom Spiegel ab. „Oh, wie blöd von mir, Nora. Es kann ja auch alles völlig anders sein.“ Sie lächelte vertraulich. „Willst du den Pulli eigentlich wieder anziehen oder zum Ergötzen der Männlichkeit im BH rumlaufen?“
Nora drehte das Wasser ab und tupfte sich mit Papiertüchern die Arme trocken. „Der Anfall ist vorüber. Gott sei Dank.“ Sie streifte den Rolli über und musterte die junge Kollegin genauer. Die sah gestresst und zufrieden zugleich aus. „Du bist irgendwie verändert, Steffi.“
„Das liegt am Team. Taube war ein Kotzbrocken, wie du weißt. Doch seit ihn die Interne in die Mangel genommen und zurechtgestutzt hat, ist er zahm wie ein Kätzchen. Er hat sich tatsächlich geändert, macht sogar freiwillig Doppelschichten. Hätte nie gedacht, dass ich mit dem mal gut auskomme.“
„Und Pankow? Ist der auch zahm geworden?“
„Ach, Nora. Chef bleibt Chef, und der hat seine Macken. Aber wir haben einen neuen Kollegen, Mirko Rudin. Der ist wirklich sehr okay.“
„Ist immer noch eine ziemliche Männertruppe.“
„Na und? Wenn einer mir dumm kommt, gibt’s was auf die Schnauze.“ Sie grinste. „Nein, nein. War Spaß. Wir sind jetzt eine prima Truppe. Mein Computer hat Sehnsucht nach mir, Nora. Ruf mich an, wenn ich dir helfen kann.“
Verwundert blickte Nora Steffi hinterher. Nora kannte sie eher als eine übervorsichtige Kollegin, die sich vor jedem Schritt dreimal rückversicherte, ob er regelgerecht war. Woher dieses neue Selbstvertrauen? Vom Teamgeist oder doch eher vom neuen Kollegen?
Nora prüfte sich im Spiegel. Das Rot im Gesicht war verschwunden; die Stirn fühlte sich trocken an. Sie sah müde, aber keineswegs ausgepowert aus. Vielleicht war die Hitzewallung ein Ausrutscher gewesen, ein Vorbote eines Zustandes, der erst in Jahren eintreten würde. Denn nichts konnte sie gerade weniger gebrauchen als eine körperliche Beeinträchtigung.
Nachdem sie Hansen vom Gespräch mit Pankow berichtet hatte, ging Nora in ihr Büro und fand es verlassen vor. Doch ein eingeschalteter Computer und die über einer Stuhllehne hängende Jacke signalisierten ihr, dass Antje Siggelkow im Haus war.
Nora erledigte, weshalb sie vor allem hergekommen war: sie schloss ihre unterste Schreibtischschublade auf und nahm Waffe und Munition an sich. Dann rief sie in der JVA in Bützow an, in der ihr Entführer Mark Fröhlich einsaß. In Wahrheit hieß der Mann Werner Böttcher, wie sich im Verlauf des Prozesses herausgestellt hatte. Doch für Nora blieb er Mark Fröhlich. Fröhlich war wegen Mordes, versuchten Mordes, Totschlag und Entführung zu lebenslangem Gefängnis und anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt worden und befand sichin seiner Zelle, wie ihr ein Angestellter der Justizvollzugsanstalt versicherte.
Natürlich war Fröhlich in Haft! Was hatte sie sich denn vorgestellt! Dass er einfach mal wie ein Supermann die Gefängnismauern überwunden hatte? Um Daniel zu entführen? Aus Rache an ihr? Wenn Fröhlich dieses Wunder vollbracht hätte, wäre sie doch mit als Erste informiert worden! Wieso benahm sie sich derart panisch? Gehörte das auch zu den Folgen der Hitzewallungen, dass man nicht mehr logisch denken konnte? Zum Glück war niemand außer ihr im Büro und hatte den Anruf mitbekommen. Bevor sie weiteren Unsinn anstellte, sollte sie von hier verschwinden und zu sich fahren. Daheim könnte sie endlich unter die Dusche. Eilig verließ sie das Dienstgebäude.
Eine Stunde später hatte Nora mit Stephan gesprochen und ihm so viel von ihrer Befragung in der Vermisstenstelle erzählt, wie sie mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte. Sie hatte die Reisetasche ausgepackt, geduscht, sich von den verbliebenen Vorräten satt gegessen und Tee getrunken. Ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um Daniel Tanner. Lag er irgendwo verletzt und wartete vergeblich auf Hilfe? Eventuell sogar im Freien? Es war leichter Frost für die Nacht vorhergesagt. Eine weitere Gefahr für ihn.
