Der Nahost-Komplex - Natalie Amiri - E-Book
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Der Nahost-Komplex E-Book

Natalie Amiri

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Beschreibung

Eindringlicher, kenntnisreicher, empathischer ist die komplexe Lage im Nahen Osten nie beschrieben worden

Wenn man versucht, die Geschichte des Nahen Ostens zu verstehen, ist es, als würde man die Züge eines Schachspiels verfolgen – jedoch auf vielen Schachbrettern gleichzeitig. Jeder Zug auf dem einen Brett löst Bewegungen auf den anderen aus. Der 7. Oktober hat das vernetzte Spiel im Nahen und Mittleren Osten noch einmal in eine neue Phase katapultiert: Inzwischen ist die Hamas keine Gefahr mehr, die Hisbollah im Libanon massiv geschwächt, die Islamische Republik Iran hat ihren Verbündeten in Damaskus verloren, die Bevölkerung begehrt abermals und vielleicht entscheidend auf gegen das Regime. Die gesamte Region kann sich in Richtung Frieden bewegen – oder ein einziger falscher Zug lässt alles in sich zusammenbrechen.

Natalie Amiri hat auf ihren Reisen unter anderem mit Frauen aus Gaza gesprochen, mit Angehörigen entführter Geiseln und den kurdischen Kämpferinnen in Rojava. Ihr Buch bietet keine einfachen Antworten. Es ist ein Mosaik aus Stimmen, Ängsten, Hoffnungen und Widersprüchen. Aus Geschichten, die zeigen, wie eng alles miteinander verknüpft ist – und dass wir nur verstehen können, wenn wir die Komplexität aushalten.

„Empathisch. Differenziert. Faktenreich.“
Dunja Hayali

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Seitenzahl: 563

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für ihr neues Buch hat Natalie Amiri bis in den Sommer 2025 hinein recherchiert und zahllose Gespräche geführt: mit Menschen aus Gaza, wo internationale Journalisten seit Kriegsbeginn keinen Zugang haben – über ihre Fassungslosigkeit, dass die Welt diesem Krieg seit zwei Jahren zusieht. Sie ist im engen Austausch mit der Zivilbevölkerung im Iran, die unter der wirtschaftlichen Misere und den Repressionen eines Regimes leidet, das um seine eigene Existenz fürchtet.

In Israel spricht sie u. a. mit dem ehemaligen israelischen Premierminister Ehud Olmert, der sich Sorgen macht, dass »die Seele des Landes« durch Netanjahus Egoismus zerstört wird. Sie trifft israelische Angehörige freigelassener Geiseln und reist zu kurdischen Frauen, die in Nordostsyrien die Stellung gegen den IS halten.

Im besetzten Westjordanland, wo Palästinensern im Schatten des Gaza-Krieges mehr und mehr Land genommen wird, trifft Amiri u. a. auf Basel Adra, Oscargewinner des Dokumentarfilms »No Other Land«. Adra, der mit seinem israelischen Co-Autor die Gewalt von radikalen jüdischen Siedlern gegen Palästinenser dokumentiert, wird heute durch jene noch mehr als zuvor bedroht.

Auch von ihren Begegnungen mit Menschen in Syrien nur Tage nach dem Sturz des Assad-Regimes, die für den Moment aufatmen, berichtet sie. Vom Libanon, der nach der massiven Schwächung der Hisbollah durch Israel politisch zum ersten Mal handlungsfähig sein könnte.

Darüber hinaus fließen ein Austausch mit Carla del Ponte und Kai Ambos über das Völkerrecht und Deutschlands Glaubwürdigkeit, Gespräche mit der kürzlich verstorbenen Margot Friedländer über das »Menschsein« ein. Damit gelingt Natalie Amiri etwas, das heute fast unmöglich erscheint: Sie vermittelt zwischen den Welten, weckt Empathie für alle Seiten und zeigt die Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen der Menschen.

Natalie Amiri, 1978 als Tochter einer Deutschen und eines Iraners in München geboren, studierte Diplom-Orientalistik und Islamwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg. Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) führte sie an die Universitäten von Teheran und Damaskus. Seit 2014 moderiert sie den »ARD-Weltspiegel« aus München. Ab 2015 leitete Natalie Amiri das ARD-Büro in Teheran. Im Mai 2020 wurde sie vom Auswärtigen Amt gewarnt, aus Sicherheitsgründen nicht mehr in den Iran einzureisen, und sie musste daher die Leitung des Teheraner Fernsehbüros abgeben. Sie wurde 2022 und 2024 vom »medium magazin« zur Politikjournalistin des Jahres gekürt und gewann zahlreiche Preise, u. a. den Publizistikpreis der Landeshauptstadt München (2022). Ihre Bücher »Zwischen den Welten« (2021) und »Afghanistan« (2022) wurden zu Bestsellern.

www.penguin-verlag.de

Natalie Amiri

Der Nahost-Komplex

Von Menschen, Träumen und Zerstörung

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Copyright © 2025 Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt

Umschlagabbildung: © Johannes Moths

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-33634-9V003

www.penguin-verlag.de

»Es gibt kein jüdisches, kein muslimisches, kein christliches Blut. Es gibt nur menschliches Blut!«

Margot Friedländer (1921–2025)

Inhalt

Einleitung

6:29 – Der Anschlag

Ghazitna – unser Gaza

482 Tage Dunkelheit

Netanjahu und der 7. Oktober

»Bibi würde sein eigenes Land zerstören.« Interview mit Ehud Olmert

Westjordanland – »ein empörend normales Leben«

Die Macht der Bilder

Sagbar – die Berichterstattung der deutschen Medien

Unsere Glaubwürdigkeit

Die Schlinge

Armer, glücklicher Libanon

Die syrische Befreiung

Der Verrat an den Kurden in Rojava

Schachmatt? Noch kein Ende der Islamischen Republik Iran

Die Nächsten?

Wie schwer ist Frieden?

Dinner mit Margot

Dank

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

Einleitung

Wie oft habe ich in den vergangenen Wochen überlegt, wie dieses Buch beginnen könnte. Jeder Ansatz schien mir plausibel – und im nächsten Moment schon wieder unzureichend. Kaum hatte ich einen Satz notiert, war er von der Realität überholt. Das Geschehen im Nahen Osten vollzieht sich gegenwärtig in einem Tempo, dem ich kaum nachkam. Und zwischenzeitlich fragte ich mich, wie man sich so etwas antun kann, ein Buch zu schreiben mit einem solchen Titel. Es ist wie im Karussell, das sich unablässig dreht, immer schneller, bis man kaum noch unterscheiden kann, was Ursache und was Wirkung ist. Wo will ich in dieser Bewegung, in diesem Strudel, einen Anfang setzen? Diese Einleitung dient am meisten wohl mir, die ich mich nach Monaten, in denen ich im Nahen und Mittleren Osten unterwegs war, sortieren muss. Ich bin mehr als 40 000 Kilometer gereist, habe mit mehr als 200 Personen Interviews geführt, in Syrien, dem Libanon, in Rojava, in Israel, Gaza, dem besetzen Westjordanland, dem Iran, dem Irak und in Deutschland. Mein Telefon vibriert im Minutentakt – Nachrichten aus Journalisten-WhatsApp-Gruppen, aus Beirut, Teheran, Damaskus, Gaza und Jerusalem. Selbst wenn ich den gesamten Tag nichts anderes machen würde, als den Verlauf dieser Chats zu lesen, würden mir 24 Stunden nicht reichen. Wenn ich auf meinem Handy durch die Fotos und Videos der letzten Monate scrolle, wird mir ganz schwindlig.

Vielleicht ist es gut, mit einem Geständnis zu beginnen: In diesem Buch habe ich um jeden Halbsatz gekämpft. Denn Worte sind in dieser Region mehr als nur Worte. Jeder Satz, jeder Ton wird sofort Teil des Konflikts. Wer sich zu Israel oder Palästina äußert, ist nicht Beobachter, sondern wird Teil des Diskurses – und der Diskurs ist längst Teil des Krieges. Ich schreibe und weiß zugleich: Für viele Leserinnen und Leser wird schon die erste Seite darüber entscheiden, ob sie dieses Buch als Versuch verstehen, Komplexität abzubilden, oder als Angriff auf die eigene Position. Ich würde ihnen gern zurufen: »Haltet noch ein paar Seiten durch, bald seid Ihr wieder dran!«

Ich will es dennoch versuchen.

Der 7. Oktober 2023 war ein Schock, der Israel erschütterte, wie es das Land seit seiner Gründung nicht erlebt hatte. Ein Land umzingelt von Feinden. Wer mit seiner Erzählung über den Nahen Osten hier beginnt, blendet das Vorherige aus: die jahrzehntelange Besatzung, die Nakba von 1948, die Blockade von Gaza seit 2007. Der 7. Oktober war nicht der Anfang, sondern die Explosion eines Konflikts, dessen Brandherd nie gelöscht wurde.

Ich notiere mir die nächsten Zeilen in Sderot, einer israelischen Grenzstadt, einen Kilometer von Gaza entfernt. Während ich hier sitze, höre ich hinter mir das dumpfe Grollen der Artillerie, die Gaza beschießt. Im Minutentakt. Vor wenigen Stunden war ich noch im Kibbuz Be’eri, wo jeder eine Geschichte von Tod, Zerstörung und Entsetzen in sich trägt. Am Vortag wiederum war ich beim »Jerusalem-Tag«, einem Aufmarsch radikaler jüdischer Nationalisten, die die Stadt für sich beanspruchen und immer mehr auch das Land. Palästinensische Bewohner wurden von israelischen NGO-Helfern zu ihrem Schutz aus der Altstadt eskortiert.

Ein paar Tage später stand ich vor dem Flüchtlingscamp im besetzten Westjordanland, mit Palästinensern, die dort geboren worden waren und deren Großeltern bereits in Zelten gelebt hatten nach der Vertreibung von 1948. Heute ist ihr Camp von israelischen Soldaten besetzt. Ich traf Basel Adra, den Filmemacher, der in Hollywood einen Oscar gewann und in sein Dorf zurückkehrte – wissend, dass sich nichts zum Besseren ändern würde.

Ständig verknüpfen sich die Fäden: Jeder Ort, jede Begegnung führt in eine Geschichte, die älter ist als die Menschen, die sie erzählen.

»Bis hierhin ist es der Blick durch ein Teleobjektiv. Doch um zu verstehen, was der 7. Oktober ausgelöst hat, muss die Linse geweitet werden«, schreibt mir ein Bekannter, auf mindestens ein 28er Weitwinkel. Denn der 7. Oktober hat Wellen über die gesamte Region gezogen. Es ist, als würde man die Züge eines Schachspiels verfolgen – jedoch auf vielen Schachbrettern gleichzeitig. Jeder Zug auf dem einen Brett löst Bewegungen auf den anderen aus. Der 7. Oktober hat das vernetzte Spiel im Nahen und Mittleren Osten noch einmal in eine neue Phase katapultiert.

Israel verfolgt in diesem Krieg Ziele, die weit über die unmittelbare Auseinandersetzung mit der Hamas hinausreichen. Im Kern geht es darum, den Iran so weit zu schwächen, dass er für Israel keine Bedrohung mehr darstellen kann. Deshalb wurde auch sein wichtigster Stellvertreter, die Hisbollah, massiv geschwächt. Und auch Assads Sturz, der Irans Garant für seine geostrategischen Züge durch die Region war, kommt Israel entgegen, wie auch ein instabiles neues Syrien.

Premierminister Benjamin Netanjahu ist nicht nur durch das Versagen am 7. Oktober gezeichnet, sondern steht auch unter massivem Druck seiner rechtsextremen Koalitionspartner. Diese drängen ihn, jede Form von Kompromiss auszuschließen und die Maximalforderungen durchzusetzen: ein Gaza ohne die Hamas, am besten ohne Palästinenser. Ein Westjordanland unter dauerhafter Kontrolle, mit kontinuierlichem Landgewinn. Netanjahu versucht, seine fragile Regierungskoalition zusammenzuhalten, seine juristische Immunität vor Korruptionsverfahren zu sichern – und zu beweisen, dass nur er in der Lage ist, Israels Sicherheit langfristig zu garantieren.

Meine Idee für dieses Buch, die komplexen Entwicklungen im Nahen Osten zu schildern, begann in Damaskus, fünf Tage nach dem Sturz von Bashar al-Assad. Ich stand in der Umayyaden-Moschee beim ersten Freitagsgebet nach Jahrzehnten der Diktatur. Für einen Moment schien es, als könnten die Geschicke des Landes eine Wendung nehmen. Dort, im Dezember 2024, erhielt ich eine SMS: »Wir bauen ein freies Syrien für alle, ohne Unterscheidung oder Diskriminierung. Syrien braucht uns alle, um es wieder aufzubauen, Stein auf Stein, und Hoffnung auf Hoffnung. Lasst uns wieder aufbauen, was zerstört wurde, reparieren, was beschädigt wurde, und einander unterstützen.« Geschickt von der Führung der HTS-Milizen, die gerade das Land erobert hatten. Haben sie ihre Versprechen gehalten? Nagham, eine syrische Christin, schreibt mir später: »Immer, wenn wir denken, dass es besser wird, passiert etwas Schreckliches.«

Egal wo ich war, ständig passierte etwas. Als ich in Beirut war, bombardierte Israel plötzlich inmitten des Waffenstillstands nach der Auslöschung der Führungselite der Hisbollah wieder die südlichen Vororte. Der Libanon ringt mit der historischen Aufgabe der Entwaffnung der Hisbollah. Für Beirut bedeutet das die wichtigste Machtprobe mit einer Miliz, die tief im Staat verankert ist und die von der Islamischen Republik Iran gesteuert wird.

Wenige Wochen zuvor, in Nordostsyrien, traf ich kurdische Milizionärinnen. Sie erzählten von den Jahren des Widerstands, von den erfolgreichen Kämpfen gegen den IS, von dem Erfolg ihrer Autonomie. Und während ich dort saß, erreichte uns die Nachricht, dass Damaskus und Ankara die Auflösung ihrer Bataillone wünschen, um sie der Armee der Islamisten in Damaskus unterzuordnen. Jener Islamisten, gegen die diese Frauen mutig gekämpft haben. Und genau ihre beiden Feinde wollen jetzt über ihr Schicksal bestimmen.

Oder jener skurrile Morgen in Tel Aviv: Ich saß an einem Hotelpool, ohne zu wissen, dass um mich herum israelische Kampfpiloten schwammen – Männer, die gerade erst aus dem 12-Tage-Krieg gegen die Islamische Republik zurückgekehrt waren. Ein reicher israelischer Geschäftsmann hatte ihnen und ihren Partnerinnen die Nacht im Luxushotel geschenkt, als Dank für ihren erfolgreichen Einsatz.

Und im Iran? Dort hat man die müde hoffnungslose Bevölkerung mit einem gedemütigten und angeschlagenen Regime allein gelassen. Einem Regime im Überlebenskampf, das jedoch noch genug Kraft hat, brutal gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen.

So reiht sich mein Erleben dieser Reisen aneinander, wie ein Mosaik aus Szenen, die einen, wie immer im Nahen Osten, dazu zwingen, mittendrin zu sein, auch wenn man sich für eine Beobachterin hält.

Jeder Akteur nutzt die Schwäche des anderen, um sich Raum zu verschaffen. Fast jeder ist gleichzeitig überfordert von der Gesamtlage.

Lange gab es keinen klaren Plan, wohin die Reise gehen soll.

Dennoch habe ich zwei Jahre nach dem schrecklichen Terroranschlag der Hamas auf Israel zum ersten Mal ein klein wenig Hoffnung, dass es vielleicht doch einen Weg gibt aus der Ausweglosigkeit der ersten Monate, die zu einer Verhärtung der Fronten und der Herzen führten. Zu einer Kälte und Empathielosigkeit auf beiden Seiten.

Im August 2025, sagt mir Iddo, der den Wehrdienst verweigerte, auf einer Demonstration in Tel Aviv, auf der Hunderttausende ein Ende des Krieges fordern: »Ich kann nicht Teil eines Systems sein, das Palästinenser unterdrückt, eines Systems, das ihr Leben in Gefahr bringt. Ich sehe meine Zukunft und Sicherheit als ein Israeli – als ein Jude – nur dann gesichert, wenn es Sicherheit für Palästinenser gibt.«

Auch wenn dies nicht die Mehrheitsmeinung ist, nahmen doch die Stimmen deutlich zu, die »Genug!« rufen. Knapp 75 Prozent der Menschen in Israel verlangen nach 22 Monaten ein Ende des Krieges. In erster Linie, weil die letzten noch lebenden Geiseln lebend zurückgeholt werden sollten, und weil die Gesellschaft müde war.

Ayelet, eine Mutter von drei Kindern, die die Bewegung »Mütter an der Front« gründete und dafür kämpfte, dass der Krieg endete, sagte mir: »Nach weit mehr als 600 Tagen appelliert Netanjahu jetzt für die Einnahme Gazas. Hier wird kein Gaza erobert werden, das wird nicht passieren. Mit wessen Kindern? Wenn Netanjahu das will, soll er doch seine eigenen Kinder einziehen, um in Gaza zu kämpfen. Oder die Kinder seiner ultraorthodoxen Koalitionspartner.« Ihr Ziel war es, dass Mütter auf beiden Seiten wieder schlafen können.

»Die Hamas ist keine Gefahr mehr für Israel«, hieß es wenige Wochen vor Trumps Friedensplan auf Social Media in einem Video, in dem ehemalige ranghohe israelische Sicherheitsverantwortliche, darunter Ex-Militärchefs, Mossad- und Geheimdienstleiter, scharfe Kritik an der Fortsetzung des Kriegs in Gaza äußerten und ein Ende des Kriegs forderten. Darüber spreche ich lange mit Ami Ajalon, dem ehemaligen Schin-Bet-Chef.

Tulli Flint, ein Trauma-Therapeut aus Israel, sagt mir, er sei optimistischer als die meisten Menschen: »20 Jahre lang waren wir mit Netanjahu blockiert. Mit dieser Krise glaube ich, dass es vielleicht eine Veränderung geben könnte, weil viele Menschen aufgewacht sind«. Und er sagt mir noch, dass Krise auf Hebräisch »mashbér« heißt, ein Wort, das auch »Geburt« bedeutet. Die Krise birgt also Chancen.

Die Hamas ist keine Gefahr mehr, die Hisbollah im Libanon ist schwach und hat keinen charismatischen Führer mehr, die Islamische Republik hat ihren Verbündeten in Damaskus verloren. Die gesamte Region kann sich in Richtung eines friedlicheren Nahen und Mittleren Ostens bewegen – oder ein Zug wird falsch gespielt, und alles bricht in sich zusammen. Das wollte US-Präsident Trump verhindern und sorgte mit seinem Plan für Frieden nicht nur für Eindruck, sondern bekam dafür sogar weltweit Lob. Bleibt nur zu hoffen, dass er nicht schnell wieder sein Interesse verliert. Die erste Phase gilt als Teilerfolg: Die israelischen Geiseln sind nach zwei Jahren frei, die Bombardierungen Gazas fürs Erste weitgehend verstummt. Doch die neue Realität ist brüchig. Seit dem Rückzug der israelischen Armee auf die sogenannte Gelbe Linie Mitte Oktober – 53 Prozent des Gazastreifens – ist die Hamas aus dem Untergrund zurückgekehrt. Sie kontrolliert wieder die Straßen, lässt Gegner verschwinden, exekutiert »Verräter«. Trotz riesiger Verluste funktionieren ihre Kommandostrukturen.

Jetzt müsste die internationale Stabilisierungstruppe eintreffen, von der Trumps Plan spricht – doch noch ist auch diese nicht konkret skizziert. Auch wer Mitglied von Gazas Übergangsregierung aus palästinensischen Technokraten werden soll, ist nicht klar. Ein fragiler Moment in einem Landstrich, der zu 80 Prozent zerstört ist, in dem Hunderttausende Palästinenser gerade erst aus dem Überlebensmodus heraustreten und das gigantische Ausmaß ihrer Verluste zu begreifen beginnen. Auch Israel steht laut dem israelischen Vordenker Yuval Harari an einem historischen Wendepunkt: »Was jetzt in Israel geschieht, könnte im Grunde 2000 Jahre jüdischen Denkens, jüdischer Kultur und jüdischer Existenz, zerstören, zunichtemachen. Das ist das schlimmstmögliche Szenario, mit dem wir konfrontiert sind. Wir stehen vor der Möglichkeit einer ethnischen Säuberungskampagne im Gazastreifen und im Westjordanland, die zur Vertreibung von zwei Millionen oder vielleicht noch mehr Palästinensern führen würde, zur Errichtung eines »Groß-Israel«, zum Zerfall der israelischen Demokratie und zur Schaffung eines neuen Israels. […] Eines Staates, der auf der Anbetung von Macht und Gewalt basiert. Dieser Staat wird militärisch stark sein, er wird überleben. […] Und genau das wäre die spirituelle Katastrophe: Denn dies würde das neue Judentum sein, mit dem alle Juden weltweit umgehen müssten.«

Dieses Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Jedes einzelne Kapitel, ja sogar jeder einzelne Aspekt, ist verkürzt, könnte ein eigenes Buch füllen. Im Westjordanland lachte ein Beduine, als ich ihm erzählte, dass ich ihn für ein Kapitel in meinem Buch interviewen möchte: »Ein Kapitel? Zehn Bücher würden nicht ausreichen.« Es ist kein klassisches Sachbuch, sondern eines über Menschen, die aus ihrer Perspektive die Geschichte erzählen. Mal die einen, mal die anderen. Und so wird es Ihnen vielleicht gehen wie mir, als ich eintauchte in ihre Geschichten, auf der einen Seite und auf der anderen: Ich war zutiefst traurig. Ich will mit diesem Buch keine fertigen Antworten geben, schon gar nicht entscheiden, wer Recht hat. Ich habe versucht, Stimmen zu sammeln, Perspektiven nebeneinanderzustellen. Geschichten zu erzählen, von Menschen, Träumen und Zerstörung.

Wer dieses Buch mit Wut im Bauch aufschlägt und Bestätigung für seine eigenen Ansichten sucht, wird enttäuscht werden. Schwarz-Weiß-Denken verdummt und trennt. Ich will keine Echokammer verstärken. Ich habe mir vorgenommen zu zeigen, wie Menschen in diesem Nahost-Komplex leben, zweifeln, hoffen, auf allen Seiten.

Der Diskurs über den Nahen Osten ist gereizt. Viele schweigen deshalb lieber. Doch Schweigen macht die Welt nicht einfacher. Ich glaube, wir brauchen gerade jetzt die Fähigkeit des Perspektivwechsels: das Aushalten von Mehrdeutigkeiten, dass wir auch denen zuhören, mit denen wir nicht einverstanden sind.

Ich schreibe dieses Buch, weil ich glaube, dass uns am Ende mehr verbindet, als uns trennt: der Wunsch nach Sicherheit, nach Frieden, nach Würde. Das klingt banal und ist doch die eigentliche Erkenntnis nach jeder Reise, jedem Gespräch, jeder Begegnung.

Ich freue mich, wenn Sie mitkommen auf diese Reise. Und machen Sie zwischendrin ruhig immer wieder mal eine Pause. Es wird anstrengend werden.

Ich werde jetzt den Stift niederlegen, auch wenn sich das Karussell weiterdreht.

6:29 – Der Anschlag

6:32 Uhr »Amos, geht’s dir gut?«

6:33 Uhr »Ja«

Drei Minuten nach dem ersten Alarm geht Amos Alon vor die Tür. Er hört Explosionen, antwortet seiner Freundin, die sich gerade mit Freunden in Nepal im Urlaub befindet:

7:03 Uhr »Ich glaube, da passiert noch was anderes.«

Amos ist nicht wirklich verängstigt, er sieht nicht kommen, was an diesem Schabbatmorgen passieren wird. Noch ganz verschlafen versucht der junge Mann zu verstehen, was los ist, so früh am Morgen in Be’eri, in seinem Kibbuz.

Ofer Gita’i @ Presse- und Sicherheitssprecher (des Kibbuz Be’eri):

Aufgrund des Verdachts auf Eindringlinge werden die Bewohner gebeten, sich in ihren Häusern zu verstecken, Türen zu verriegeln und bis auf weitere Anweisungen die Häuser nicht zu verlassen.

»Ich habe Fotos und Videos im Kibbuz gemacht, von den Geräuschen, den Explosionen, um sie meinen Freunden zu schicken – so nach dem Motto: ›Schaut mal, wie krass das ist, hier sind anscheinend Terroristen bei uns.‹ Es war eher spaßhaft gemeint, weil ich nicht verstanden habe, dass sie wirklich kommen. Ich dachte, vielleicht ist da … eine kleine Gruppe vielleicht. So fünf oder zehn Leute, die den Zaun durchbrochen haben. Das israelische Militär, die Israel Defense Forces (IDF), wird sich darum kümmern, alles wird gut. Ich meine, das gab es ja in der Vergangenheit schon mal. Uns wurde dann gesagt: ›Bleibt in den Schutzräumen, zwei, drei Minuten, dann könnt ihr wieder raus.‹«

Amos schaltet den Fernseher ein, so schlimm klingt es nicht, denkt er. Doch dann, es ist knapp sieben Uhr, geht plötzlich alles ganz schnell. Die ersten Terroristen stürmen durch das Haupttor in den Kibbuz Be’eri. »Ich hörte Schüsse ganz in meiner Nähe … Schreie. Ich erinnere mich an den ersten Schrei auf Hebräisch, so etwas wie ›Ich wurde getroffen‹, und dann hörte ich Schreie auf Arabisch ›Allahu Akbar‹ – ›Gott ist groß‹ –, dann wieder Schüsse – dann habe ich verstanden …«

Der erste Raketenalarm wird in Israel am 7. Oktober 2023 um 6:29 Uhr Ortszeit ausgelöst. Noch nie gab es einen so massiven Raketenangriff der Terrororganisation, die 2007 die Kontrolle im Gazastreifen gewaltsam an sich gerissen hatte. Die Hamas nennt die Operation »Al-Aqsa-Flut«. Die Warnsirenen ertönen gleichzeitig in südlichen und zentralen Teilen Israels, viele Ortschaften und Städte sind betroffen, wie Tel Aviv, Jerusalem und Sderot. Bis sieben Uhr werden über 1400 Raketen hauptsächlich auf israelische Militarstützpunkte sowie Kibbuzim und Städte im Grenzgebiet abgefeuert. Das israelische Militär wird später bekannt geben, dass innerhalb der ersten vier Stunden nach Angriffsbeginn rund 3000 Raketen auf Israel abgefeuert wurden. Es ist der tödlichste Angriff auf das Land seit Staatsgründung.

7:11 »Amos, geht’s dir gut?«

7:14 »Ich bin im Schutzraum, aber die Tür schließt nicht. Es gibt wirklich heftige Schusswechsel, das klingt wie ein Hinrichtungskommando.«

Amos, der allein zu Hause ist, hat jetzt doch Angst bekommen. Er sitzt im Schutzraum seiner Wohnung, als er feststellt, dass sich seine Tür nicht abschließen lässt – sie bleibt offen.

Ein Schutzraum (»Mamad«) ist ein besonders gesicherter Raum, der bei Raketenangriffen oder Infiltration von Terroristen Schutz bieten soll. Der Mamad hat verstärkte Betonwände, Stahltüren, Sicherheitsfenster mit Stahlläden. In allen Neubauten in Israel ist so ein Safe Room gesetzlich vorgeschrieben. Doch nicht jeder in Be’eri hatte einen Mamad. Und nicht jeder Schutzraum gewährt wirklich den vollen Schutz, wie bei Amos.

»Ich merkte, wie mich die Angst überrollte, mir war klar, dass ich, wenn ich die Tür nicht mal schließen kann, ausgeliefert bin. Ich überlegte, wo ich mich verstecken könnte. Ich hatte keine Waffe, nichts. Ich dachte daran, in den Schrank zu gehen oder unter das Bett, aber ich wusste, dass es keinen Ort gibt, an dem ich mich wirklich verstecken kann. Also kauerte ich mich an den Eingang des Schutzraums. Ich hatte zuvor in dem Zimmer, in dem ein Tonstudio meines Bruders eingebaut ist, einen Mikrofonhalter gesehen, ein Stück Metall. Ich hielt es mit einer Hand über meinen Kopf und wartete. Und sagte mir: Wenn die Terroristen hereinkommen, werde ich kämpfen. Ich lasse mich nicht nach Gaza bringen. Ich kämpfe, bis sie mich töten.«

Er weiß bereits in diesem Moment, er muss alles tun, damit er nicht nach Gaza verschleppt wird. »Wenn sie mich dorthin bringen, komme ich nie wieder zurück. Ich bin ein junger Mann – sie werden mich nie freilassen. Wenn sie hereinkommen, kämpfe ich mit allem, was ich habe.«

Dann hört er die Terroristen – sie sind direkt vor seiner Wohnung, sie versuchen, die Tür aufzubrechen, die Eingangstür der Wohnung hatte Amos noch abschließen können. Sie schießen gegen das Schloss. Es knallt fürchterlich …

Später wird man den Terrorangriff rekonstruieren: Zwei Terroristen nähern sich im Morgengrauen dem Kibbuz, das bereits vor der Staatsgründung Israels aufgebaut wurde. Es ist 6:55 Uhr. Auf den Überwachungskameras nähern sich zwei Männer dem Kibbuz in Militärausrüstung.

Sie schleichen sich an das gelb gestrichene Tor heran und müssen nicht lange warten, bis ein Bewohner des Kibbuz mit seinem Auto ans Tor fährt und es durch einen Sender öffnet. Die beiden Männer springen aus ihrem Hinterhalt, ein Terrorist mit einem Hamas-Stirnband schießt so oft in das Auto hinein – auf dem Beifahrersitz sitzt ein Jugendlicher, hinten noch einer –, bis alle tot zur Seite kippen. Das Fahrzeug rollt noch ein paar Meter weiter. Das Tor zum Kibbuz ist nun halb offen, die Terroristen rennen hinein, einer springt hoch und zerstört die Kamera am Eingang – das Bild, das die Überwachungskamera überträgt, wird schwarz.

Die Bilder des schlimmsten Terrorangriffs in der Geschichte Israels werde ich mir fast zwei Jahre nach dem 7. Oktober vom IDF in Tel Aviv zeigen lassen. 47 Minuten lang die Chronologie des Terrors.

8:03 Ofer Gita’i @ Presse- und Sicherheitssprecher (des Kibbuz Be’eri):

Die Armee ist unterwegs.

Wir versorgen euch mit allen Informationen, die uns vorliegen.

Das Wichtigste: Bleibt eingeschlossen im Schutzraum.

Während Amos wie versteinert im Mamad sitzt, mit beiden Händen die Türklinke nach oben gedrückt, denkt er an seine Familie, vor allem an seinen Zwillingsbruder. Seine ganze Familie lebt in Be’eri. Ihr Haus steht 500 Meter von ihm entfernt. Amos’ Mutter, Inbal, ist hier geboren. Ihr Vater hat den Kibbuz mit aufgebaut, mit 18 Jahren, nachdem er im Alter von sechs Jahren Deutschland verlassen musste. Mit seiner Mutter, die auf einer Veranstaltung Hitler hat reden hören. Sie kam damals zurück nach Hause und sagte: »Wir Juden haben hier keine Zukunft.« Amos’ Großmutter hatte Verwandte im Mandatsgebiet Palästina, sie bekam ein Zertifikat, floh mit ihrer Familie und entkam so den Nazis.

Inbal hat ihrem Sohn oft erzählt, welche Vision des Zusammenlebens ihr Vater, Amos’ Großvater, hatte: Gemeinsam leben, alles teilen. Genau das wollten sie bei der Gründung von Be’eri umsetzen. Keiner verdient Geld für sich selbst, der Erlös der Arbeit wird gleichmäßig verteilt. Der größte Erlös im Kibbuz kommt aus einer Druckerei, die Fotoalben und Verpackungsmaterial herstellt. Es ist eine der größten und modernsten in Israel. Es gibt hier weder Reiche noch Arme. Alle teilen alles, auch Bildung und Kultur. Die Kinder des Kibbuz sind alle wie Brüder und Schwestern. Es war üblich, dass sie in einem Kinderhaus schliefen, getrennt von den Eltern, später ließ man davon ab. Die Idealvorstellung dahinter: Durch bedingungsloses Zusammenleben wird der Kibbuz zur Familie.

Be’eri wurde 1946 gegründet. Er ist einer von 270 Kibbuzim in Israel. In ihnen leben über 125 000 Menschen, knapp zwei Prozent der Bevölkerung. Die Kibbuzim sind ein integraler Bestandteil des israelischen Gründungsmythos.

Die Bewohner leben in einer Art Genossenschaft auf Augenhöhe, in der es kein individuelles Eigentum gibt und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Gerade Be’eri ist zudem dafür bekannt, dass hier hauptsächlich Menschen leben, die sich für einen Friedensprozess mit den Palästinensern einsetzen, für eine Koexistenz, für Dialog.

9:00 Uhr Ofer Gita’i @ Presse- und Sicherheitssprecher:

Spezialeinheiten haben den Kibbuz erreicht.

Bleibt im Schutzraum eingeschlossen und haltet euch weiter auf dem Laufenden.

9:12 »Amos, ich habe gehört, dass ein Festival bei euch in der Gegend stattfand und es viele Verletzte gab. Hast du davon gehört?«

9:12 »Oh, die Party hab ich völlig vergessen.«

Nur drei Kilometer nordwestlich von Be’eri fand in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober ein Elektromusik-Festival statt. Das Nova Tribe Festival. Circa fünf Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Was als Fest des Lebens begann, verwandelte sich am Morgen binnen Minuten zur Hölle.

Es war die Nacht von Simchat Tora, einem jüdischen Feiertag. Tausende junge Menschen hatten sich auf offenem Feld versammelt, tanzten unter freiem Himmel. Die Musik übertönte das Wummern in der Luft, als gegen halb sieben der Himmel von Raketen durchzogen wurde.

Die Teilnehmer dachten, es sei ein »ganz normaler« Raketenalarm, benommen von Alkohol, Drogen und der Euphorie des Festivals, begriffen sie es erst, als sie die bewaffneten Terroristen sahen. Panik brach aus. Menschen rannten über Felder um ihr Leben, suchten Schutz in den umliegenden Wäldern, versteckten sich in Büschen oder unter Fahrzeugen. Doch es gab kaum ein Entkommen. Die Angreifer verfolgten sie, richteten sie auf der Flucht hin, manche direkt auf der Fläche, wo die jungen Menschen kurz zuvor noch ihre Arme in die Höhe gestreckt und im pulsierenden Rhythmus der Musik getanzt hatten. Sie wurden in Dixi-Klos regelrecht hingerichtet, in denen sie sich versteckt hatten. Andere wurden in Schutzbunkern, in denen sich Dutzende verängstigte junge Menschen drängten, durch Explosionen getötet. Die Terroristen hatten Handgranaten durch die Eingänge geworfen. Weitere wurden in ihren Autos erschossen. Wer überlebte, tat es, weil er sich stundenlang bewegungslos neben den Leichen von Freunden tot stellte.

Ron Blindspot erzählt mir seine Geschichte, er war mit Freunden auf dem Festival: Kurz nach acht Uhr ruft Ron noch seine Mutter an, die ihn gelähmt von Angst fragt, wo er sei. »Ich beruhigte sie, weil ich zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht begriffen hatte, wie ernst die Situation mit den Terroristen war.« Doch dann sieht er plötzlich einen Polizisten, der mit gezogener Pistole hinter einem Auto in Deckung geht. Da weiß er: »Etwas Katastrophales passiert.« Ron und sein Freund rennen panisch in eine willkürlich gewählte Richtung, während überall Menschen kreischen und in alle Richtungen fliehen. »Überall rannten Menschen, viele weinten, andere schrien nur noch vor Angst.« In blinder Flucht springen die beiden auf einen Pick-up, der wild über das Gelände rast. »Kugeln pfiffen uns so nah um die Ohren, dass ich dachte, wir würden jeden Moment sterben.« Doch auch der Pick-up muss wenden, weil von der anderen Seite ebenfalls Schüsse kommen. Die Terroristen hatten fast alle Fluchtwege blockiert. »Ich fühlte eine totale Hilflosigkeit, wir verstanden immer noch nicht wirklich, was los ist.«

Irgendwann springen Ron und sein Freund vom Pick-up. Ron versteckt sich in einem Busch, während ringsum wie wild geschossen wird. Manchmal gibt es zehn Minuten Stille, darauf folgen Gewehrsalven. In einem dieser Momente trifft Ron einen Mann, der alles gefilmt hat. »Er zeigte mir auf seinem Handy, was gerade passiert ist, und rief: ›Sie werden alle umbringen!‹« Auf dem Display sieht Ron die Terroristen, wie sie wahllos um sich schießen.

Ron trifft auf Verletzte, Menschen mit Schusswunden, solche, die nicht mehr laufen können. Springt über sie drüber. Schließlich erreicht er mit einer Gruppe Überlebender einen Panzer. Aus ihm steigt ein junger Mann und schreit hysterisch: »Es gibt hier keine Soldaten, niemand ist da!« Ron erinnert sich: »Ich war mir sicher, dass ich sterben würde. Es war nur noch eine Frage der Zeit.« Selbst Polizisten, die eigentlich helfen sollten, funken verzweifelt: »Wir sterben hier alle.«

Ron irrt über das Gelände. »Ich suchte meinen Freund, der vor Stunden Richtung Verletzte gelaufen war. Er ist Mediziner und wollte ihnen helfen, ich hastete durch die Masse an versehrten Menschen. Schwarzer Rauch überall. Schließlich sah ich ihn – völlig verdreckt, voller Kratzer.«

Die Evakuierung ist ein Albtraum. Es muss irgendwann um die Mittagszeit gewesen sein. Menschen werden in Fahrzeuge gedrängt, müssen den Kopf unten halten, um Kugeln zu entgehen. »Auf der Flucht sah ich überall Blut, Dreck, verzweifelte Gesichter. Es sah aus wie in einem Holocaust-Film.«

Mindestens 370 überwiegend junge Menschen werden an dem Tag ermordet, mehr als 44 Festivalbesucher von den Terroristen verschleppt und als Geiseln in den Gazastreifen gebracht.

Was im kollektiven Gedächtnis bleiben wird, sind nicht nur die Zahlen. Es sind die Bilder von Hunderten blutverschmierten Leichen junger Menschen in Partyoutfits, zurückgelassenen Zelten, blutüberströmten Tanzschuhen, umgestürzten Lautsprecherboxen.

Amos denkt die ganze Zeit nur an seine Familie. Er weiß, dass die Terroristen bereits in ihrem Haus sind und versuchen, in ihren Schutzraum einzudringen.

9:55 Seid ihr in Ordnung?

10:00 Amos

10:00 Sie sind drinnen

10:00 Im Haus

10:00 Drückt dagegen, drückt zurück

10:03 Sie öffnen den Bunker

10:03 Jetzt!!!!

10:03 Jetzt!!!

10:11 Sie sind hier drinnen

10:11 Scheiße!!!

10:14 Mamaaa

10:14 Was

10:14 Wissen sie, dass ihr da seid?

10:14 Ja

10:14 Sie haben versucht, den Bunker zu öffnen

10:15 Und wir haben die Klinke halten können

10:15 Super

10:15 Bleibt ruhig

10:15 Noch ein bisschen

10:45 Wieder Angriff

10:45 Was für eine Angst

10:53 Sie sind hier

10:53 Holt Hilfe. Dringend

10:53 Amossss

10:53 Amos, schnell, bitte

10:56 Ich versuche alles

10.56 Haltet mich jede Sekunde auf dem Laufenden

11:02 Glaubst du, dass ihr es schafft zuzuhalten?

11:03 Wir versuchen es

11.03 Sie sind drinnen

11:03 Bitte, schnell

Amos hält die ganze Zeit den Kontakt zu seiner Mutter, seinem Vater und seinem Zwillingsbruder, der gleich in den ersten Minuten des Alarms zu den Eltern gerannt war, mit seiner Verlobten, sie sitzen zu viert in ihrem Mamad.

Doch seit 20 Minuten antworten sie nicht mehr, Amos weiß, sie kämpfen um ihr Überleben. Jede Minute hofft er, dass sie noch leben, jede Minute denkt er, dass es ihre letzte sein kann. Er hat so große Angst um sie, dass er in Panik verfällt. Die Angst um sich hat er vergessen.

Es sind um die 150 Häuser, die die Terroristen stürmten. Amos glaubt, dass sie ganz gezielt vorgegangen sind. »Sie hatten Karten des Kibbuz, wussten genau, wo sie hinwollten – zu den großen Familienhäusern, wo viele Menschen waren. Mein Apartment ist klein, sie wussten, dass sie dort nicht viele Leute antreffen, die sie töten können, also verschwendeten sie nicht viel Zeit und zogen weiter. Aber es kamen immer wieder neue nach. Es hörte einfach nicht auf.«

Später wird das israelische Militär verlautbaren, dass um die 340 Terroristen der Hamas und des Islamischen Dschihad einen der ältesten Kibbuzim Israels angegriffen hatten. Das Haus von Amos’ Vater, Lior Alon, ist eines der Häuser, in das die Terroristen gleich am Anfang stürmen. Sein Haus ist das nächste am Zaun des Kibbuz, und das nächste an der Grenze zu Gaza. Später am Tag werden hier, abseits vom Haupttor, Dutzende von palästinensischen Zivilisten durch den Schutzzaun steigen, den sie zuvor mit einem Traktor eingerissen haben, und sie werden plündern. Sie kommen mit Motorrädern, Traktoren, Pick-ups. Und fahren zurück, beladen mit Fernsehern, Möbeln, Waffen, Pflügen, Autos, Spielsachen, Wertgegenständen, Fahrrädern, Toastern, Haustieren, mit allem, was ihnen in die Hände fällt. Über dieses Loch im Zaun verschleppen sie auch viele Kibbuz-Bewohner. Keiner ist da, der sie aufhält. Niemand, der sie schützt. Niemand, der sich wehrt.

Lior Alon weiß, dass er die Klinke halten muss. Die Klinke ist seine Lebensversicherung. »Sie kamen ein paarmal, sie versuchten die Tür von der anderen Seite zu öffnen. Sie wussten, dass hier noch Menschen leben. Wir haben regelrecht an der Klinke gekämpft. Mehrmals. Doch sie haben es nicht geschafft. Wir gewannen den Kampf. Sie gingen, ermordeten unsere Nachbarn und kamen erneut zurück.« Normalerweise halten sich die Menschen in Be’eri für höchstens ein, zwei Minuten im Schutzraum auf, wenn es Raketenalarm gibt. Lior hat kein Wasser mitgenommen, kein Ladegerät, nichts. »Wir waren barfuß, nur Shorts, keine Kleidung, gar nichts.

Dann zündeten sie unser Haus an. Sie schrien ›Allahu Akbar‹. Es wurde immer heißer, wir hörten das Feuer, und wir spürten die Hitze. Wir hatten Handtücher im Schutzraum, wir stopften sie in den Türspalt und urinierten darauf.«

Amos schreibt einem Freund, der mit seiner Schwester in einem anderen Schutzraum sitzt, nur wenige Meter entfernt. Er drängt Amos zu kommen, er sei sicherer bei ihnen, und sie könnten zu dritt die Tür zuhalten. Amos nimmt seinen Mut zusammen, verlässt seinen Schutzraum, holt ein Messer aus der Küche. »Ich war barfuß, im Pyjama, und ich erinnere mich, wie ich zu mir selbst sagte: ›Drei, zwei, eins, los.‹« Amos öffnet die Tür und rennt um sein Leben.

»Ich hörte Schüsse und dachte, sie schießen auf mich. Als ich an die Kreuzung kam, die ich überqueren musste, um zur Wohnung meines Freundes zu kommen, sah ich nach links – etwa 15 bis 20 Meter entfernt stand ein Terrorist mit einer Panzerfaust. Er stand mit dem Rücken zu mir, sah mich also nicht. Ich war wie gelähmt – ich wusste, dass Terroristen im Kibbuz sind, aber sie mit eigenen Augen zu sehen … Ich wusste, ich muss rennen, ich stockte kurz, dachte meine Füße tragen mich nicht mehr, dann rannte ich weiter, hinter ihm vorbei und hinein ins Apartment meines Freundes.

Ich war so froh, nicht mehr allein zu sein, wir machten uns gegenseitig Mut. Dann hörten wir, dass der Bruder meines Freundes in der Zahnarztpraxis getötet worden ist – er hatte zum Notfallteam gehört, das für den Schutz des Kibbuz zuständig ist. Wir hatten den ganzen Tag über mit ihm Nachrichten ausgetauscht – bis er nicht mehr schrieb.

Auch meine Familie antwortete nicht mehr. Dieses Mal dauerte es zu lange, ich war sicher, jetzt sind sie tot. Ich hatte mit der Freundin meines Bruders ausgemacht, dass mir jeder im Schutzraum in regelmäßigen Abständen ein Lebenszeichen schicken muss – ein Emoji, einen Punkt, irgendwas, damit ich weiß, dass sie leben. Aber sie antworteten nicht mehr.

Ich fing an, bitterlich zu weinen.«

Es vergehen Stunden, bis schließlich um 16:15 Uhr die 99. Division des israelischen Militärs im Kibbuz ankommt. Israelische Soldaten befreien Amos und seine Freunde. »Zunächst haben wir ihnen nicht geglaubt, wir dachten, die Terroristen sprechen Hebräisch und wollen uns in eine Falle locken.«

Als sie vor die Tür treten, liegen vor ihnen zwei tote Terroristen – sie hatten einzudringen versucht. Ein Bewohner aus Be’eri, der auf dem Balkon gegenüber stand, hatte sie getötet. Und Amos und seinen Freunden das Leben gerettet.

»Ich sagte den Soldaten: ›Nehmt mich mit zu den anderen Häusern.‹ Ich wusste, dass die Menschen, die gerade in Todesangst verharrten, schneller die Tür öffnen würden, wenn sie eine vertraute Stimme hörten. Also nahmen sie mich mit, und ich klopfte an die Türen, zu denen wir Zugang hatten, und rief: ›Hier ist Amos, macht auf, macht auf!‹ Vorsichtig öffneten sie ihre Türen. Als sie mich sahen, begannen sie zu weinen. 15 Leute holten wir so raus, bis es zu gefährlich wurde. Es waren immer noch Terroristen im Kibbuz, die sich versteckt hatten. Sie schossen auf uns. Deshalb ließ das Militär die Bewohner auch nicht in den Kibbuz zurück. Er war zur Sperrzone erklärt. Um 18 Uhr kämpften inzwischen um die 700 Soldaten gegen die Terroristen.

Es war dunkel geworden. Ich wollte unbedingt zum Haus meiner Familie. Ich spürte mein Herz im ganzen Körper schlagen, als würde es gleich zerreißen. Ich sagte den Soldaten: ›Ihr müsst das Haus meiner Eltern checken und sie da rausholen‹ – es dauerte Ewigkeiten.

Plötzlich sagte mein Freund: ›Ich sehe sie, dort hinten.‹

Für mich spielten sich die nächsten Sekunden wie in Zeitlupe ab – ich sah, wie meine Mama, mein Vater, mein Zwillingsbruder und seine Freundin einer nach dem anderen aus dem Jeep des Militärs ausstiegen, ich riss mich von der Hand des Soldaten los und rannte.

Ich sprang über Leichen, über tote Terroristen, ich rannte über den Kriegsschauplatz direkt in die Arme meiner Familie. Ich konnte es nicht fassen, wir waren alle noch am Leben.«

Was am Morgen vor dem Tor des Kibbuz beginnt, wird zu einem 17-stündigen Albtraum für die rund 1000 Bewohner von Be’eri. Erst am späten Samstagabend gelingt es der israelischen Armee endlich, das Dorf wieder unter Kontrolle zu bringen. Am Ende wird das Militär mehr als 100 Terroristen auf dem Gelände des Kibbuz getötet haben.

Und am Ende des Tages ist jeder zehnte Bewohner von Be’eri tot. 32 Personen sind verschleppt. Erst nach zwei Tagen gilt Be’eri offiziell als befreit. Der Kibbuz, der bekannt war für seine vielen Friedensaktivisten, ist der am schwersten betroffene Ort mit den meisten Todesopfern des 7. Oktober. Be’eri wird zum Symbol des Schreckens.

Dieser Angriff ist der schwerwiegendste in der Geschichte Israels, mit knapp 1200 getöteten Zivilisten und Soldaten und rund 250 Entführungen. Der 7. Oktober 2023 markiert den schlimmsten Tag in der Geschichte Israels. Die gezielten Infiltrationen durch die Hamas verwandelten Dutzende friedlicher Gemeinden in Schauplätze von Terror, Tod und Verwüstung. Das Datum ist ein tiefer Einschnitt – nicht nur wegen des Ausmaßes der Gewalt, sondern auch aufgrund der erfahrenen absoluten Verwundbarkeit. Innerhalb weniger Stunden drangen Hamas-Kämpfer aus dem Gazastreifen über Land, Luft und See in zahlreiche Orte im Süden Israels ein, durchbrachen den Grenzzaun und erreichten über zwanzig zivile Gemeinden. Besonders hart traf es neben Be’eri die Kibbuzim Kfar Aza und Nir Oz, wo Hunderte Menschen brutal ermordet oder entführt wurden. Beim Angriff auf das Nova-Musikfestival starben Hunderte unschuldiger feiernder Menschen. Auch Städte wie Ofakim und Sderot wurden überfallen, die Angreifer kamen mehr als zwanzig Kilometer Richtung Landesinneres.

Der 7. Oktober 2023 erschütterte die israelische Gesellschaft in ihren Grundfesten, in ihrem Vertrauen in den Staat und seine Schutzmechanismen. Er veränderte das kollektive Bewusstsein, das Sicherheitsverständnis und zum großen Teil auch die politische Einstellung der Bevölkerung Israels, radikalisierte die Ziele der Politik – mit weitreichenden Folgen für die Gesellschaft und den weiteren Verlauf des israelisch-palästinensischen Konflikts.

Als ich im Januar 2024 für die ARD nach Israel zur Berichterstattung geschickt werde, bin ich in einem Hotel untergebracht, das in der Nähe unseres Studios in Tel Aviv liegt. Bei meiner Einreise bin ich die Einzige, die sich am Flughafen an den Schalter für »International Passports« anstellt. Wer fliegt auch in ein Kriegsgebiet. Das Erste, was mir beim Check-in im Hotel gezeigt wird, ist der Schutzraum, es ist der Keller. Dorthin werde ich während meines Aufenthalts in Israel noch öfter rennen, zwei Minuten hat man in Tel Aviv ungefähr Zeit von Beginn des Alarms, bis Raketen einschlagen. In Grenznähe zu Gaza wie im Kibbuz Be’eri sind es 15 Sekunden. Die Warnung kommt über verschiedene Apps, mindestens eine davon hat jeder in Israel auf seinem Handy installiert. Auch im Norden des Landes, an der Grenze zum Libanon, dort, wo die Hisbollah kurz nach dem 7. Oktober in einen Zermürbungskrieg eingestiegen war und fast täglich auf Israel Raketen abfeuert, hat man nur wenige Sekunden Zeit, um Schutz in einem Bunker zu finden. Seit Beginn des Angriffs feuerten die Hamas und ihre Verbündeten bis Mitte Januar 2024 mehr als 12 000 Raketen auf Israel ab. Aus dem Libanon, heißt es laut den IDF, waren es zusätzliche 2000. Seit dem 7. Oktober sind zehntausende Israelis aus ihren Häusern im Norden des Landes evakuiert worden.

Als ich beim Frühstück im Hotel sitze, wundere ich mich, dass der Raum so voll ist und wieso die Menschen eher ungewöhnlich für einen Hotelaufenthalt gekleidet sind. Sie haben Hauspantoffeln an und Trainingsanzüge. Alle Tische sind voll besetzt, ich setze mich an einem dazu und höre, dass alle hebräisch sprechen. »Wieso seid ihr hier im Hotel?«, frage ich einen älteren, hageren Mann, der sich gerade total verschwitzt neben mich gesetzt hat. »Oh, wir stammen alle aus Be’eri. Wir wurden evakuiert und leben seit dem 7. Oktober hier, die Unterkunft hat uns der Staat zur Verfügung gestellt.«

Es ist Lior Alon, der Vater von Amos. Auch seine Frau Inbal sitzt am Frühstückstisch. »Und seitdem wart ihr nicht mehr in Be’eri?«, frage ich Lior. »Doch, doch, wir sind eine kleine Gruppe von Leuten, die jeden Tag mit dem Minibus abgeholt werden und in unseren Kibbuz gehen, die Ernte muss eingeholt werden, außerdem ist es wichtig, dass wir dort sind.« Ich frage Lior, ob ich einmal mitfahren dürfe. Er wird nachfragen, denn so leicht ist es für Nichtbewohner des Kibbuz nicht mehr, hineinzukommen, ich müsste das verstehen, seit dem 7. Oktober habe sich alles verändert.

Zwei Tage später sitze ich mit Lior im Auto. Er wird mir Be’eri zeigen. Als wir durch das gelbe Tor fahren, stehen rechts und links bewaffnete Schutzmänner. Wir fahren langsamer, steigen schließlich aus. Die Zerstörung ist immens. Be’eri mit seinen wunderschönen Gärten mit Zitrus- und Avocadobäumen galt immer als der schönste von allen Kibbuzim. Nun lebt kein Mensch mehr hier, die Überlebenden wurden verteilt auf Hotels im ganzen Land.

Lior zeigt mir sein Haus, es ist eine verkohlte Ruine, es sieht unwirklich aus, wie eine Filmkulisse. Kein einziger Gegenstand ist noch heil. Ein Klavier liegt auf dem Boden, die weißen Tasten sieht man unter dem Ruß durchblitzen. Lior ist tapfer, er geht wie ein Reiseführer durch die Ruinen seines Lebens, als hätte das alles nichts mit ihm zu tun. Dann sagt er: »Wir haben das Gefühl, dass es nicht mehr unser Zuhause ist. Wir haben es am 7. Oktober verlassen, und obwohl ich immer wieder zurückkomme, fühlt es sich nicht mehr wie mein Zuhause an. Es ist, als wäre es das Haus von jemand anderem. Ich fühle hier nichts mehr.«

Gleich neben dem Haus ist ein Gelände abgeschirmt, dahinter befinden sich mehrere Menschen in weißer Schutzkleidung. Wir dürfen es nicht betreten. Lior erklärt mir, dass hier menschliche Überreste für das nationale Zentrum für Rechtsmedizin, das Abu Kabir, gesammelt werden, damit sie dort identifiziert werden können, stark verbrannte und verstümmelte Überreste, die keiner Person zugeordnet werden konnten. Oft gelingt dies im Nachhinein dann nur anhand von DNA und Zahnabdrücken. Im Januar 2024 wissen viele immer noch nicht, ob ihre Familienangehörigen am 7. Oktober von den Terroristen ermordet oder als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden.

Ich gehe durch den Kibbuz und filme ein Haus nach dem anderen. Das ganze Dorf sieht aus wie am Abend des 7. Oktober, nur das Blut ist inzwischen getrocknet. Und die Leichen sind weggeschafft. Zuerst wurden die der Bewohner geborgen. Dann erst die Terroristen. Ich filme verkohlte Plüschelefanten, zerstörte Kinderschaukeln, oft ist die gesamte Fassade eines Hauses abgebrannt, sodass man die einzelnen Stockwerke der Familienhäuser sieht. Stühle, Geschirr, Bücher, alles liegt halb verbrannt zwischen den Dachziegeln und dem Schutt des Hauses. Die Mauern, die noch stehen, sind teilweise durchlöchert von Einschüssen. Ich treffe auf Or Gat, ich habe ihn das erste Mal auf einer Demonstration in Tel Aviv gesehen. Am 14. Oktober, schon eine Woche nach dem Terrorangriff der Hamas, kamen zum ersten Mal Angehörige der rund 250 Geiseln auf dem seit diesem Tag so benannten »Platz der Geiseln« zusammen und forderten von der Regierung, sich für die Freilassung der Geiseln einzusetzen. Bis heute versammeln sich teilweise Zehntausende auf dem Platz, der zum symbolischen Zentrum des zivilen Protests gegen die Regierung Netanjahu wurde.

Or will nicht gerne sprechen, ich spüre, wie genervt er von all den Journalisten ist, die ihm wieder und wieder die gleichen Fragen stellen. Ich glaube, er antwortet mir nur, weil seine Schwester Carmel als Geisel nach Gaza verschleppt wurde. Deshalb zwingt er sich mit Journalisten zu sprechen, weil er hofft, dass sie Druck auf die israelische Regierung ausüben und seine Schwester nicht in Vergessenheit geraten lassen. Or zeigt mir, wo seine Mutter von den Terroristen erschossen wurde. Wir stehen auf dem Gehsteig, vor uns liegt Gaza, hinter uns eine Wohnanlage, die sehr europäisch aussieht, gut bürgerlich, wie Viertel in Randgebieten von Metropolen. Er zeigt mir Bilder, auf denen seine Mutter in ihrem Blut genau dort liegt, wo wir gerade stehen. Mit seiner Schwester wurden auch sein Bruder, dessen Frau und ihr Kind entführt. Alon, Yarden und ihre dreijährige Tochter Geffen wurden von vier Hamas-Terroristen in ein Auto gezerrt. Irgendwo auf dem Weg nach Gaza schafften sie es, aus dem Auto zu springen. Sie rannten, so schnell sie konnten. Während sie rannten, reichte Yarden ihre Tochter an ihren Mann Alon weiter, weil sie weiß, dass er schneller laufen kann als sie. Die Terroristen folgten ihnen, schossen auf sie. Yarden ließ sich zurückfallen, damit der Vater mit der Tochter entkommen konnte. Sie wurde nach Gaza verschleppt. Ors Familie war zerstört. Seine Schwester Carmel befindet sich zum Zeitpunkt unseres Treffens seit 135 Tagen in Geiselhaft der Hamas. Kein Tag vergeht, an dem die Familie nicht für ihre Freilassung kämpft. Selbst auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2024 treffe ich Ors Bruder Alon, der für ihre gemeinsame Schwester Camel in die Landeshauptstadt gekommen ist. Zusammen mit weiteren Angehörigen wollen sie auf das Schicksal der Geiseln aufmerksam machen, die Welt auffordern, sie zu unterstützen.

Knapp ein halbes Jahr später, ich höre es in den Nachrichten, verlieren sie den Kampf für ihre Schwester Carmel. Die 40-jährige Ergotherapeutin, die mit Yogastunden vielen weiteren Geiseln, die nach Gaza verschleppt wurden, Mut machte, an das Überleben zu glauben, und so ihre Moral in den Tunneln der Hamas aufrechterhielt, wurde nach zehn Monaten Geiselhaft im August 2024 von ihren Hamas-Entführern ermordet. Vermutlich durch einen Kopfschuss. Laut israelischer Armee in einem Tunnel bei Rafah, der in ein Kinderzimmer mündet, man sieht auf dem Video eine Wand, die mit Disney-Figuren bemalt ist. Die Ermordung von ihr und fünf weiteren Geiseln erfolgte laut IDF, weil sich israelische Truppen dem Ort genähert hatten, wo die Geiseln versteckt gehalten wurden.

Lior bringt mich auf die Avocadofelder. Hierher kommen seit dem 7. Oktober externe Helferinnen und Helfer aus den größeren Städten, um die Ernte einzuholen. Als ich sie danach frage, ob der Krieg in Gaza zu einem Ergebnis führen wird, sind sie unterschiedlicher Meinung. »Wenn wir 20 000 oder 30 000 Palästinenser töten, dann rekrutieren wir doch die nächste Generation von Terroristen. Wir säen die Saat«, sagt mir Ron, ein ehrenamtlicher Pflücker. »Aber das ist nicht die Meinung der Mehrheit in Israel, oder?«, frage ich. »Du musst verstehen, die Israelis sehen nicht, was in Gaza passiert. Sie schauen keine internationalen Nachrichten, also wissen wir nicht, was dort vor sich geht. Wir wollen es nicht sehen.« Dann ruft mich Dan zu sich, ein weiterer Freiwilliger. Er winkt abwertend Richtung Ron: »Er ist naiv. Er ist ein Linker. Den meisten Menschen in Israel geht es besonders jetzt um ihre Sicherheit. Es geht um unser Überleben. Wir haben keine Kapazität, uns das Leid dort drüben anzusehen, wir leiden selbst.« Und dabei hält er sich die Hand vor die Augen.

Ich laufe über die Avocadofelder, es wirkt fast friedlich hier. Bis man die Einschläge von Artillerie aus Gaza hört. Von hier bis zur östlichen Grenze des Gazastreifens sind es etwa vier Kilometer. Mit dem Auto fünf bis sieben, zu Fuß um die 45 Minuten. Ich höre hebräische Musik hinter den üppigen grünen Blättern. Eine ältere Frau hört sie über ihr Handy, während sie Avocados pflückt. Ich frage sie, was das für Musik ist. »Liebesmusik – aus unserer Kindheit. Es war einmal ein wunderschönes Land, und wir dachten, wir hätten dieses neue Land für uns erschaffen.« Ihr laufen Tränen übers Gesicht. »Unsere Eltern kamen nach dem Krieg aus Europa nach Israel. Und jetzt mache ich mir Sorgen um mein Land, um seine Demokratie. Wir sorgen uns um unsere Sicherheit. Netanjahu will für immer an der Macht bleiben – wie ein Diktator. Wir lieben unser Land, so, wie es einmal war: wirklich liberal, demokratisch, offen.

Es ist Netanjahu, seine Politik, seine Strategie. Er will König des Nahen Ostens sein, Herrscher über die Weltmeere, so denkt er.« »Wird es mit Netanjahu eine Lösung geben?«, frage ich. »Vielleicht ist es zu spät. Die Menschen hier haben so viele Jahre für den Frieden gearbeitet, gerade in den Kibbuzim. Und schau, was mit ihnen passiert ist – vor drei Monaten. Sie wurden ermordet. Sie wurden vergewaltigt. Sie wurden von der Hamas entführt. So viel Blut … Ich hasse das.«

»Kann man das vergessen?«, frage ich sie.

»Ich hoffe es. Be’eri ist das liberalste, demokratischste Gebiet in Israel. Und doch: Kann man weitermachen, wenn so viele Menschen ermordet wurden und entführt? Kann man noch an Frieden glauben?«

Das israelische Militär hat am 7. Oktober völlig versagt. Gleichzeitig ist dieses Datum zum Ausdruck dafür geworden, dass militärische Stärke zur absoluten Priorität in Israel wurde. Mehr als je zuvor. Anfang 2024 glaubte in Israel kaum jemand daran, dass eine Zwei-Staaten-Lösung für nachhaltige Sicherheit sorgen wird. Zu diesem Zeitpunkt sind viele davon überzeugt, dass das militärische Vorgehen der Regierung Netanjahu in Gaza der Sicherheit Israels dient.

Bis auf ein paar Ausnahmen. Ich treffe auf eine weitere Frau, auch sie ist traurig. Ihr Sohn hat sie gerade angerufen. Aus Gaza. Was erzählt er ihr von dort? »Mein Sohn sagt, dass wir kämpfen müssen, dass wir Gaza vernichten müssen, dass wir die Menschen in ein anderes Land umsiedeln müssen und Gaza beherrschen sollen.« »Wenn du das hörst – was macht das mit dir?«, frage ich sie. »Ich kann es nicht ertragen. Ich kann nichts tun. Ich weine, weil ich spüre, dass ich mit diesem Hass nicht umgehen kann, der in jemandem ist, den ich auf die Welt gebracht habe. Ich habe mein ganzes Leben für den Frieden gekämpft und habe alles dafür getan.«

Lior Alon bringt mich gegen Abend noch einmal zu seinem Haus. Über die Treppe, die kein Geländer mehr hat und bei der kaum eine Stufe noch betretbar ist, hangeln wir uns hoch aufs Dach. Von dort zeigt er mir Gaza, das mit dem bloßen Auge zu erkennen ist. Er ist einer der wenigen, den ich in diesen Tagen treffe, der an Frieden glaubt. »Krieg ist niemals gut, verstehst du. Die Rache, die das israelische Volk am Anfang wollte – es reicht. Es reicht jetzt. Wir müssen eine Lösung finden, um in Frieden zu leben – eine Zwei-Staaten-Lösung, Frieden schließen, sogar mit der Hamas, denn es gibt keine andere Wahl. Wir können nicht immer kämpfen. Sie töten uns, wir töten sie. Das geht doch nicht immer so weiter.« »Aber wir stehen hier auf den Ruinen deines Hauses, du hast alles verloren, deine Freunde wurden ermordet, bist du nicht voller Hass?« frage ich Lior Alon. »Nein, bin ich nicht. Ich war eine Woche voller Hass. Aber das ist vorbei. Jetzt bin ich voller Wut auf meine Regierung. Denn das, was passiert ist, ist wegen der Regierung passiert.

Wegen dieser Ben-Gvir- und Smotrich-Leute – Faschisten, die Araber behandeln wie Dreck und die Gebiete besetzen. Und sie errichten – das darf man in Israel nicht sagen – ein Apartheid-Regime in Judäa und Samaria (damit meint er das Westjordanland). Aber ich muss dir sagen, das ist nicht die Meinung der Menschen von Be’eri – das ist nur meine Meinung, und ich bin eine sehr kleine Minderheit.« Er zeigt nach rechts und links von seinem Haus und erinnert mich daran, dass hier Menschen lebten, die an Frieden glaubten, die kranke Menschen aus Gaza vor dem 7. Oktober an der Grenze abholten und in israelische Krankenhäuser zur Behandlung brachten. Und sich nun hintergangen fühlen.

Als ich zurück nach Tel Aviv fahre, komme ich an dem Gelände des Nova-Festivals vorbei. Dreieinhalb Monate nach dem Massaker sind dort Hunderte von zarten roten Anemonen auf der Wiese des Grauens gewachsen. Als würden sie die Wunden heilen wollen. In Israel nennt man sie »Kalaniyot«, sie gelten hier als Nationalblume, die jedes Jahr im Februar blüht.

15 Monate später, Ende Mai 2025, besuche ich Lior Alon noch einmal in Be’eri. Er erzählt mir, dass sie bis Anfang des Jahres in dem Hotel wohnten, in dem wir uns kennenlernten. Jetzt sind sie in einer provisorischen Unterkunft in Hatzerim untergebracht, etwa 40 Kilometer von Be’eri entfernt. Sie warten darauf, dass die neuen Häuser für die Bewohner von Be’eri fertig gebaut werden, ungefähr zwei Jahre wird es noch dauern, denkt Lior. Wir fahren durch den Kibbuz. Er stoppt an seinem Haus, es ist immer noch so zerstört und verrußt und unangerührt wie vor fünfzehn Monaten. Nach ein paar Sekunden kommt er wieder zurück, mit einem halben Wanderstock. Er lächelt. Den Stock habe er am 6. Oktober seinem besten Freund gebracht. Er wollte wandern gehen, doch er wurde am 7. Oktober von den Hamas-Terroristen getötet. Er ist glücklich, dass er den Stock gefunden hat, so hat er etwas, was ihn immer an seinen besten Freund erinnern wird. Wir sind auf dem Gelände angekommen, auf dem gerade die neuen Häuser gebaut werden. Die Grundmauern stehen schon. Lior erzählt mir, dass in Be’eri seit Langem darüber diskutiert wird, wie sie mit dem 7. Oktober umgehen wollen. »Die eine Hälfte sagt: ›Wir wollen uns an gar nichts erinnern.‹ ›Wir wollen nicht, dass die Kinder sehen, was passiert ist – diese Häuser, die abgebrannten Häuser. Alles muss abgerissen werden.‹ Und die anderen sagen, auch ich: ›Wir müssen daran erinnern.‹ Denn in 15 oder 20 Jahren wird sonst niemand mehr wissen, was passiert ist. Menschen außerhalb Israels – oder sogar Israelis – werden vergessen haben, was geschah. Deshalb ist es wichtig, etwas zu bewahren – so wie in Auschwitz –, um die Erinnerung zu erhalten.«

Wegen dieses Streits – und weil die beiden Nachbarschaften, die am meisten zerstört und in denen die meisten Menschen ermordet wurden, betroffen sind – haben sie beschlossen, noch keine Entscheidung zu treffen, erzählt mir Lior. Lior wollte immer zurück nach Be’eri, er war einer der wenigen, die kurz nach dem 7. Oktober jeden Tag in den Bus in Tel Aviv stiegen, um hierherzukommen. »Ich sagte immer, dass die Menschen des Kibbuz – 80, vielleicht sogar 90 Prozent – wieder zurückkommen nach Be’eri. Dass es hier wieder gut werden wird. Wir werden wieder hier leben, und unser Kibbuz wird wieder aufblühen.« Damals waren die Leute wütend auf Lior, sie sagten: »Du redest Unsinn. Das ist nicht realistisch. Viele werden nicht zurückkommen.«

»Aber«, und jetzt lächelt er, »mit der Zeit sehen wir, dass immer mehr Menschen zurückkommen und sagen: ›Wir wollen wieder in Be’eri leben.‹«

Ein weiterer Ort, dessen Bewohner am 7. Oktober angegriffen wurden, ist Sderot, direkt an der Grenze zu Nordgaza, nur einen Kilometer entfernt. Auch hier sind die Hamas-Terroristen eingefallen, auch hier haben sie gemordet. Ich bin dort mit meiner Übersetzerin unterwegs, wir laufen einen Hügel hinauf. Oben befindet sich eine Aussichtsplattform, die zum Gedenken an die im Gaza-Krieg 2014 gefallenen israelischen Soldaten errichtet wurde. Ich sehe Dutzende Menschen die Selfies machen und durch ein Fernrohr, das man mit seiner Kreditkarte freischalten kann, die Zerstörung in Nordgaza betrachten. Für etwa einen Euro kann man den Krieg heranzoomen. Es gibt auch Menschen, die hierherkommen, um sich die Zerstörung mit Genugtuung anzusehen.

Zurück in Tel Aviv. Ich habe es bis jetzt vermieden, das »Material des Grauens vom Terrorangriff der Hamas« anzuschauen, das das israelische Militär Journalistinnen und Journalisten sowie Delegationen aus der ganzen Welt zur Verfügung gestellt hat. Ich war am 7. Oktober nicht in Israel im Einsatz. Und das, was ich in den Archiven der Nachrichtenagenturen an Material über den 7. Oktober gesichtet habe, war brutal genug. Doch als ich mich dazu entschloss, dieses Buch zu schreiben, traf ich die Entscheidung, dass ich dieses Material gesehen haben muss. Also vereinbarte ich einen Termin mit dem israelischen Militär, Ende Mai 2025. Heute. Niki Stewart ist stellvertretende Sprecherin der IDF, sie ist diejenige, die dafür zuständig ist, die Bilder und Filme des 7. Oktober Journalisten, Politikern, Delegationen aus aller Welt zu zeigen. Auch »Influencern«, Menschen mit öffentlichem Effekt. Ihre Einheit sammelte jegliches Material von den Bodycams der Hamas-Terroristen, die den ganzen Angriff mitfilmten, Überwachungskameras, Autokameras, Handyclips von Opfern und Zeugen. Persönliche Clips von Angehörigen von Ermordeten, Material des Militärs. Es ist nicht editiert, wird mir gesagt. Nur chronologisch aneinandergereiht und mit Ortsnamen untertitelt. Es ist eine Zusammenfassung. Es gibt Stunden an Filmmaterial.

Der Film, den ich gleich sehen werde, ist die 23. Version. Immer wieder erhält das Militär neue Aufnahmen. Auch von Soldaten, die im Zuge des Krieges in Gaza Kameras oder Handys sichergestellt haben. 47 Minuten in einem kargen Raum mit vier leeren weißen Wänden. Nur ein mittelgroßer Bildschirm hängt an der Wand. Auf dem Tisch steht eine Flasche Wasser. Man muss sein Handy abgeben. Das Material darf nicht den Raum verlassen. Auch weil die Angehörigen nur deshalb ihr Einverständnis gegeben haben, dass ihre Liebsten in Momenten der größten Not gezeigt werden. Notizen darf man sich machen. Niki sagt mir, dass ich jederzeit sagen kann, dass wir stoppen sollen, ich kann auch den Raum verlassen. Viermal in der Woche zeigt Niki den Film. »Wie gehst du damit um, solche grausamen Bilder wieder und wieder zu sehen?« Sie wird mit im Raum sitzen bleiben, das tut sie immer. »Aber du wirst bemerken, ich habe meinen Laptop dabei und mein Handy, ich werde nicht hinsehen, sondern arbeiten.«

Wer diese Bilder nicht beschrieben bekommen möchte, der kann die folgenden Seiten bis zum nächsten Kapitel überblättern.

Der Film beginnt. Es erscheint der Titel: Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 – Collected Raw Footage. »3000 Terroristen infiltrierten Israel, 300 tote israelische Soldaten, 900 tote Zivilisten, mehr als 240 Geiseln«.

Es folgen minutenlang Bilder von Hamas-Terroristen, gefilmt von Überwachungskameras, die in fahrende Autos schießen, die daraufhin an Geschwindigkeit verlieren und zum Stoppen kommen. Die Terroristen ziehen die toten Körper heraus. Rufen »Allahu Akbar«. Ein Mädchen, mit einem Top bekleidet, liegt mit verdrehten Beinen tot auf der Straße. Ein Pärchen ermordet im Auto. Ständig hört man Schüsse. Die Szene des Eintritts der Terroristen in den Kibbuz Be’eri. Terroristen, die durch den Kibbuz gehen, durch den Garten, sie atmen schwer, Kameras sind an ihrer Uniform angebracht, man sieht den Angriff aus ihrer Perspektive. Sie schießen ins Haus hinein. Man hört »Zünd es an, zünd es an« auf Arabisch. Sie zünden die Fensterrahmen eines Hauses an, das langsam Feuer fängt. In einem Haus läuft noch Musik, die Terroristen schleichen sich an, dann springen sie ins Haus und eröffnen das Feuer. Auf einem Film sieht man einen Vater, der seine zwei kleinen Söhne, sie müssen ungefähr sechs, sieben oder acht Jahre alt sein, alle nur mit Unterhosen bekleidet, quer durch den Garten panisch in den Bunker schleift, wenige Augenblicke darauf zwei Terroristen, sie werfen eine Handgranate in den offenen Schutzraum, man sieht die Explosion, der Vater kippt blutüberströmt aus dem offenen Eingang in den Garten. Die zwei Kinder rennen schreiend hinaus, ebenfalls blutüberströmt. Die Überwachungskamera im Zimmer filmt weiter. Sie sind verängstigt, verwirrt, voller Blut. Einer schreit: »Ich will meine Mama.« Dann kommt der eine Bruder auf den anderen zu und schaut in sein Gesicht. »Dein Auge, kannst du noch sehen?« »Nein.«