Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Der Nordseespuk E-Book

Tilman Spreckelsen

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E-Book-Beschreibung Der Nordseespuk - Tilman Spreckelsen

Die Stimmen der Toten rufen übers Meer – der zweite Nordseekrimi mit Dichter und Anwalt Theodor Storm und seinem Schreiber Peter Söt.Husum, 1843: Nachts am Hafenbecken sieht Peter Söt, der Schreiber und Freund des jungen Anwalts Theodor Storm, im Schlick einen goldenen Pokal aufglänzen. Als er Werkzeug holt, um ihn zu bergen, findet er keinen Kelch mehr – statt dessen liegt nun eine Leiche im Schlick. Der erste von mehreren Toten, die Husum in Angst versetzen. Alle Ermordeten hatten Kontakt zu einer Sekte, die vor über hundert Jahren auf der Insel Nordstrand ein Paradies auf Erden, einen Gottesstaat errichten wollte. Storm entdeckt, dass die Gemeinschaft im Verborgenen bis heute besteht. Nimmt sie jetzt späte Rache?Der zweite Fall für Theodor Storm und Peter Söt an der Nordseeküste: historisch präzise, düster spannend, nordisch klar.

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E-Book-Leseprobe Der Nordseespuk - Tilman Spreckelsen

Tilman Spreckelsen

Der Nordseespuk

Ein Theodor-Storm-Krimi

FISCHER E-Books

Inhalt

[Karte]Als Marguerite de Bourignon, [...]EinsZweiDreiVierFünfDas erste Mal hörte [...]SechsSiebenAchtNeunAm 23. März 1636, morgens [...]ZehnElfZwölfDreizehnWie schlimm es um [...]VierzehnFünfzehnDie Jungfrau Antoinette blieb [...]SechzehnSiebzehnSie war krank gewesen, [...]AchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDreiundzwanzigSchlechte Nachrichten von überallher: [...]VierundzwanzigDie wichtigsten PersonenNachwortAntoinette de Bourignon

Als Marguerite de Bourignon, Ehefrau des Kaufmanns Jean de Bourignon aus der Stadt Lille, am 13. Januar 1616 das Kind endlich zur Welt gebracht hatte, ihr drittes, wieder ein Mädchen, wollte ihr die Hebamme die Kleine nicht zeigen. »Geduld«, sagte sie, »Ihr seid noch zu schwach, die Geburt war hart.«

Am zweiten Tag bestand die Mutter darauf, ihre Tochter zu sehen. Die Magd legte ihr das Bündel in den Arm. Aus den feinen Decken ragte der Kopf heraus, die Stirn dicht bedeckt mit schwarzem Pelz, der Mund, wie es schien, ohne Oberlippe, an ihrer Stelle rohes Fleisch. Die Mutter schrie, und die Magd nahm das Kind wieder weg.

Später verlangte Marguerite de Bourignon noch einmal nach ihrem Kind. Sie saß aufrecht im Bett, ihre rechte Hand krampfte sich um ein Kissen.

»Lass mich mit ihr allein«, sagte sie zu der Magd. Als sich die Tür geschlossen hatte, schaute sie dem Kind lange ins Gesicht. Sie sah, dass sich der schwarze Pelz schon etwas gelichtet hatte und dass die Oberlippe durchaus an ihrem Platz war, aber mit der Nase verwachsen. Das Kind hatte die Augen geöffnet und starrte sie regungslos an.

»Du Scheusal«, flüsterte die Mutter. Endlich ließ sie die Hand mit dem Kissen zurücksinken und schüttelte sich vor Weinen. Die Magd kam ins Zimmer und nahm das Kind wieder mit.

Es dauerte Monate, ehe sie das Mädchen wieder ansehen wollte. In der Zwischenzeit war es auf den Namen Antoinette getauft worden, in Abwesenheit der Mutter, die sich noch nicht dazu in der Lage sah, das Bett zu verlassen. Ein Chirurg hatte die Lippe des Säuglings von der Nase getrennt, und die Wunden verheilten gut.

Viele Jahre später erzählte Antoinette, ihre Mutter hätte sie bis zu ihrem Tod kein einziges Mal in den Arm genommen. Und dass sie bereits als Kind vor Kissen ein unerklärliches Grauen gehabt hätte.

 

Eins

Ich spürte Tröpfchen auf der Haut. Der Himmel war schwarzgrau, bis zum Sonnenaufgang konnte es nicht viel länger als eine Stunde sein. Ich wusste, dass ich meinen Weg auch ohne Stablaterne finden würde, wenn ich nur vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzte.

Wir hatten bei Hans Blunck Branntwein getrunken, bis Blunck den Krug vor mich hingestellt hatte und schlafen gegangen war, weil ich schon lange der letzte Gast gewesen war.

Ich war auf dem Weg in meine Kammer bei Böttchermeister Kruse in der Süderstraße am anderen Ende von Husum. Die Wasservögel waren schon wach. Als ich zum Hafenbecken kam, hörte ich die Schreie der Möwen und sah ihre Schemen auf den Pfählen. In meinem Schädel pochte es noch vom Rausch oder schon vom Kater, der sich ankündigte, und dieses Pochen dröhnte mir hart und seltsam unregelmäßig in den Ohren. Wo das Becken anfing, ahnte ich immerhin. Ich kam so nah heran, wie ich es gerade noch vernünftig fand. Der Boden war in den letzten Tagen aufgeweicht gewesen und nun wieder leicht gefroren, er knirschte unter meinen Schritten. Als ich stehen blieb, hörte das Pochen auf.

Im Mai 1843 war ich nach Husum gekommen, ein halbes Jahr war ich jetzt hier, wahrscheinlich würden es noch ein paar Monate mehr werden, aber weiter voraus dachte ich nicht. Für die Husumer würde ich immer ein Fremder bleiben, obwohl ich als Schreiber beim jungen Anwalt Theodor Storm arbeitete, dessen Familie zu den ältesten und angesehensten hier gehörte, wenigstens von der Mutterseite her – Lucie Storm, die Mutter Theodor Storms, war eine geborene Woldsen, und dieser Name hatte seit Generationen einen guten Klang in der Stadt.

Mein Kopf schien zu pendeln. Vor, zurück, vor. Ich blinzelte, um klarer zu sehen. Mein Blick fiel auf den grauen Schlick. Jetzt, bei Ebbe, war bis auf ein Rinnsal in der Mitte des Hafens alles Wasser verschwunden. Der Himmel war etwas heller geworden, die Wolkendecke transparenter. Gerade riss sie auf, durch einen Spalt fiel dämmriges Licht auf den Schlick und wurde zurückgeworfen. Die Lücke schloss sich schnell, aber vorher konnte ich noch sehen, was da so trüb geleuchtet hatte: Ein goldener Kelch lag wie umgestürzt im Hafenbecken, die glatte Trinkschale ruhte auf einem breiten Sockel.

Ich war nicht betrunken genug, um mich für einen Kelch in den Hafen zu werfen. Im Schlick würde ich nicht weit kommen, wusste ich, und seit ich mich im letzten Sommer mit Theodor Storm im Moor verirrt hatte und beinahe untergegangen war, hütete ich mich vor unsicherem Grund. Angeln, dachte ich, vielleicht könnte ich den goldenen Kelch zu mir herüberziehen, wenn ich nur ein Seil und einen Haken hätte. Aber würde ein Haken an der glatten Schale hängen bleiben? Und würde ich die Schnur auswerfen können, ohne mit meinem pendelnden Kopf das Gleichgewicht zu verlieren? Den mächtigen Kran, der am Ende des Hafens in einem alten, fünf Meter hohen Holzgehäuse steckte, würde ich kaum allein bewegen können, ganz abgesehen von dem Lärm, den schon der Versuch dazu machen würde. Ich überlegte kurz, ob ich mir eines der Ruderboote ausleihen könnte, die an den Pfählen festgemacht waren, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich es über diesen Untergrund bewegen sollte.

Ich drehte mich nach links, lief die Schiffbrücke entlang und passte auf, dass ich nicht gegen die Bohlen des Krangehäuses stieß. Ich erreichte den Zingel, den Weg, der vom Hafen zum Dorf Rödemis führt und dabei die Schleuse überquert, die den Zufluss der Au ins Becken reguliert. Hier, am Südrand der Stadt, waren die Zäune niedriger und die Schuppen vielleicht einfacher zugänglich. Als ich mich einem näherte, der vielversprechend ausgesehen hatte, fing ein unsichtbarer Hund wütend an zu bellen und eine Stimme rief aus dem Haus, wer da sei?

Es wäre gut, wenn mich jetzt keiner sieht, dachte ich, vor allem nicht Storm. Obwohl ich im Sommer mit ihm sogar in ein Lagerhaus eingebrochen war, in seinem Auftrag. Storm hatte dabei eine Tunnelbohrmaschine gefunden, die angeblich bei einem Schiffsunglück zerstört worden war, und so einen Versicherungsbetrug aufgedeckt. Er war damals in Hochstimmung gewesen. Das hier hätte ihm wahrscheinlich nicht gefallen.

Erst in Rödemis fand ich, was ich suchte. Ich stieg über den Zaun des Vorgartens und schlich mich zum Haus, nahm die Leiter, die neben der Wand im bereiften Gras lag und verließ das Grundstück wieder. Nur für kurz, dachte ich, und wenn ich jemandem begegnet wäre, hätte ich ihm das auch so gesagt.

Die Leiter war schwer, irgendwann ließ ich ihr Ende über den Boden schleifen. Das Geräusch war so laut, dass ich sie wieder hochhob und lieber langsamer zum Hafen ging. Wenn die Wolkendecke aufriss, konnte ich mich ein paar Schritte lang besser orientieren. Wenn sie sich schloss, musste es eben so gehen.

Als ich wieder dort ankam, wo ich den Kelch gesehen hatte, ließ ich die Leiter vorsichtig in den Schlick gleiten, bis sie flach darauf lag. Ich kletterte herunter und blieb auf der Leiter liegen. Was immer die Leute in den Hafen geschmissen hatten, faulte hier vor sich hin. Weil ich im Dunkeln nur Umrisse sah, musste ich nach dem Kelch tasten. Ich fasste in verrottendes Gemüse, Scherben, Tierknochen und Federn, meine Hände waren nach kurzer Zeit schleimig und stanken schlimm. Einmal schnitt ich mir an einer Muschelschale den Daumen auf. Irgendwann war da Stoff unter meinen Fingern, grob gewebt, trocken und einigermaßen steif. Und unter dem Stoff etwas Festes.

Der Kelch war das nicht, der war verschwunden. Ich musste zweimal hinsehen, um zu erkennen, was an seiner Stelle lag: der ausgestreckte Körper eines Mannes, halbnackt, reglos, das Gesicht in den Boden gedrückt.

Als ich das Würgen spürte und mich übergab, dachte ich noch, dass ich unbedingt die Leiter zurückbringen musste, bevor mich jemand sah.

Zwei

»Der Kelch war also aus Gold, Söt, sind Sie sicher?«

Es war nicht leicht gewesen, Theodor Storm wach zu bekommen. Er hatte mich erst angewidert angesehen und mit dem Finger auf den dunklen Fleck auf meinem Hemd gezeigt. Ich wusste selbst, dass ich nach Erbrochenem stank, sicher auch nach Branntwein, und dass für Storm beides zusammengehören würde. Aber ich wollte ihm als Erstem berichten, was ich gesehen hatte, weil ich ihm in diesem Moment eher zutraute als mir, den nächsten Schritt zu unternehmen. Als ich dann von dem Kelch gesprochen hatte, war sein Ekel verschwunden. Er hatte sich in seinem Bett aufgerichtet und mich neugierig angestarrt.

»Und wo ist der Kelch jetzt?«

Storm hatte zwei Räume im Haus des Versicherungsagenten Schmidt in der Großstraße gemietet. Der vordere war seine Kanzlei, im hinteren wohnte er. Das Haus war alt, wie die meisten hier, und zeigte mit dem Giebel zur Straße, die sich verbreiterte und in den Marktplatz überging.

»Ich weiß nicht. Als ich zurückkam, lag da nur noch ein Mann.«

»Was für ein Mann?«

»Keine Ahnung. Ziemlich einfach gekleidet, vielleicht ein Seemann. Tot, glaube ich.«

»Woher wissen Sie das? Drehen Sie sich bitte mal um.«

Ich ging wieder ins vordere Zimmer. Tagsüber arbeitete ich hier mit Storm. Mein Stehpult war der einzige Fleck im Raum, der nicht mit Büchern oder dicken Aktenbündeln bedeckt war. Oder mit Noten. Da Storm als Anwalt nicht sonderlich beschäftigt war, ließ er mich oft die Stimmen für die Sänger des Chors abschreiben, den er im letzten April gegründet hatte. Während Storm sich anzog, fühlte ich plötzlich den Schwindel wie eine Welle aufsteigen. Ich hielt mich mit beiden Händen am Stehpult fest und versuchte das Blatt zu lesen, das ich gestern nach Storms Diktat geschrieben hatte. Seit neuestem sammelte er Spukgeschichten, die er in Büchern fand oder die er sich erzählen ließ. In dieser ging es um einen Handwerksgesellen, der in ein neues Zimmer zieht und dort in manchen Nächten vom Kehrgeräusch eines Besens geweckt wird. Eines Nachts kommt er spät heim und sieht von draußen durch das Fenster in seine Kammer, wo eine weiße Gestalt sitzt und hinausschaut.

Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen, und ich hatte Mühe, den kurzen Text zu Ende zu lesen.

»Dann wollen wir mal«, sagte Storm, als er aus seinem Schlafzimmer zu mir in die Kanzlei kam. »Sie sind übrigens ziemlich bleich, Söt, die Sache setzt Ihnen zu, oder?«

War das noch mal eine Spitze wegen des Flecks auf meinem Hemd? Meine Antwort wartete er nicht ab. Er verließ das Haus durch die Seitentür, lief nach vorn zur Großstraße und bog dann nach links. Ich hatte erwartet, dass er quer über den Marktplatz zur Krämerstraße und dann hinunter zum Hafen laufen würde, aber er eilte an der Rathaustreppe vorbei und dann wieder links den engen Weg entlang, der nach Norden und direkt zum Schloss führte. Während wir liefen, fing es wieder an zu regnen.

Der große, langgestreckte Bau hinter dem Wassergraben war mir von vielen Besuchen vertraut. Im Sommer war es dort angenehm kühl, jetzt aber spürte man die Zugluft und die Feuchtigkeit der Wände. Auch die prächtigen großen Kamine hielten das Schloss nicht warm. Der alte Hans von Krogh residierte dort, der Amtmann des dänischen Königs für Husum und Umgebung, dessen Töchter in Storms Chor sangen. Auch sein Verwalter Anton Setzer wohnte mit seinen elf Kindern im Schloss. Seine schöne Tochter Laura war ebenfalls im Chor. Inzwischen hatte ich verstanden, dass Storm auf dem matschigen Weg zum Kavalierhaus war, einem hohen Gebäude mit spitzem Giebel, das sich in einigem Abstand zum Schloss auf demselben Grundstück befand. Dort lebte Husums Bürgermeister Kaup, der für alles zuständig war, was in der Stadt und am Hafen geschah. Auch für die Untersuchung eines außergewöhnlichen Todesfalls.

»Finden Sie nicht, dass es langsam mal schneien könnte, so kurz vor Weihnachten?«, fragte Storm durch den Nieselregen. Er zog am Seil der Türglocke. Wir hörten die schlurfenden Schritte von der anderen Seite. Der Aufseher öffnete. Er trug statt der Uniform einen Schlafrock und gab sich keine Mühe, seinen Ärger zu verbergen. »Ich weiß, Herr Tostensen, dass ich Sie recht früh aufsuche«, begann Storm, aber Tostensen unterbrach ihn nuschelnd, dass der Herr Bürgermeister schon aus dem Haus sei und wegen seiner Rückkehr nichts hinterlassen hätte.

Der Regen war mit jeder Minute stärker geworden, ich sah, wie Storms dunkelblonde Haare an seiner Stirn klebten und sich dicke Tropfen von ihnen lösten. Das Haar sah noch dünner aus als sonst.

»Hat es Sinn, lieber Herr Tostensen, wenn wir vielleicht drinnen auf den Bürgermeister warten?«, sagte Storm betont höflich. Ich merkte, dass er gleich explodieren würde. Tostensen merkte es wohl auch und gab mit mürrischem Gesicht den Weg frei. Wir stiegen die Treppe hinauf und folgten dem Gang bis in Kaups Arbeitszimmer. Storm setzte sich auf das Sofa, ich nahm mir einen Stuhl. »Denken Sie bitte noch mal nach, Söt«, sagte Storm. »Haben Sie niemanden in der Nähe des Hafens gesehen? Auch nicht auf dem Weg dorthin?« Ich versuchte mich zu erinnern. Etwas war mir entfallen, das spürte ich, etwas, das ich in der Nacht bemerkt und unheimlich gefunden hatte. Ich hatte nur keine Ahnung, was.

Die Haustür wurde geöffnet und wieder zugeschlagen, dann hörten wir rasche Schritte auf der Treppe. Storm setzte sich aufrecht hin.

»Die Herren, so früh schon?«, sagte Kaup. Er trug Pantoffeln. Seine Haare waren völlig durchnässt, der Mantel hing wohl schon in der Garderobe bei den Stiefeln. Er setzte sich an seinen Schreibtisch. »Der Tee ist gleich da.«

»Herr Söt hat heute Morgen eine Beobachtung am Hafen gemacht«, sagte Storm, »und trotz seines wenig präsentablen Zustands habe ich ihn gebeten, Ihnen gleich mitzuteilen, was er gesehen hat.«

Ich hätte auch gleich in die Süderstraße gehen und den Rausch in meiner Kammer ausschlafen können, dachte ich ärgerlich. Aber Kaup machte nicht den Eindruck, als ob er den Fleck auf meinem Hemd überhaupt bemerkte.

»Herr Söt?«

Als ich anfangen wollte, öffnete sich die Tür. Kaups Dienstmädchen brachte ein Tablett mit Kanne, Stövchen und Teetassen aus dünnem Porzellan. Sie schenkte jedem von uns ein. Vom Gang her kam durchdringendes Geschrei.

»Isabella?«, fragte Storm.

»Sie kriegt Zähne«, sagte Kaup, »und wenn einer mal da ist und zwei Wochen Ruhe, dann kommt schon der nächste. Es ist zum Verrücktwerden. Also, Herr Söt, was haben Sie gesehen?«

Ich erzählte der Reihe nach. Beim Kelch hörte Kaup aufmerksam zu und stellte Fragen zu seiner Form und Ausstattung, von denen ich kaum eine beantworten konnte. Als ich von dem Mann im Hafenbecken erzählte, winkte er ab.

»Den bergen wir gerade«, sagte er, und Storm, der mit meiner sensationellen Geschichte gleich zum Bürgermeister geeilt war, verbarg seine Enttäuschung darüber nicht, dass ihm jemand zuvorgekommen war. Auch ein Fischer hatte die Leiche entdeckt, als er auf dem Weg zu seinem Boot gewesen war, um dort zu schlafen. Er hatte sich bei Kaup gemeldet, während ich noch damit beschäftigt war, Storm zu wecken. Wieder dachte ich, dass ich mir das Ganze hätte sparen können, und auch Storm dachte wahrscheinlich gerade an sein Bett.

»Ich vermute mal, dass er im Suff da reingefallen ist«, sagte Kaup. »Das hätten natürlich auch Sie sein können, Herr Söt, wenn Sie Pech gehabt hätten. Denken Sie mal darüber nach.«

»Wenn ich da reingefallen wäre, dann hätte ich mir vielleicht das Gesicht mit Schlick beschmiert, aber das hätte ich überlebt. Woran ist der Mann eigentlich gestorben?«

»Was weiß ich, vielleicht ertrunken? Wir werden ihn natürlich obduzieren, das ist ja neuerdings so vorgeschrieben …« Kaup verstummte plötzlich und schien nachzudenken.

»Ertrunken ja wohl nicht«, sagte Storm vorsichtig.

Durch die Stille drang wieder Isabellas Gebrüll.

»Würden Sie beide mich noch einmal zum Hafen begleiten?«, sagte Kaup nach einer Weile. »Vielleicht klärt sich dort alles. Und wahrscheinlich wissen wir inzwischen auch, wer der Tote ist.«

Es war noch nicht wieder richtig hell geworden, und so wie ich die Stadt in diesem Winter erlebt hatte, würde es heute wahrscheinlich bis zur Dämmerung so bleiben. Kaup hatte seine Stiefel wieder angezogen und lief voraus über das Schlossgelände und durch die Neustadt bis zur Hohlen Gasse, die direkt zum Hafen führte. Es war Freitag, zwei Tage vor Heiligabend, und die Stadt war noch schläfriger als sonst. In den Geschäften wurden allmählich funzelige Öllampen entzündet, Türen klapperten, Fensterläden knarrten im Wind, aber es ließ sich kaum jemand auf der Straße blicken. Nur der Rauch aus den Kaminen zeigte, dass die Häuser bewohnt waren, der Geruch nach Torf, Brot oder Branntwein aus den Backstuben und Brennereien. Im Laden von Konditor Oombur, der vor vielen Jahren aus Flensburg zugezogen war und hier geheiratet hatte, warteten die Dienstmädchen auf das Weihnachtsgebäck, das ihnen die fünfzehnjährige Nichte von Frau Oombur verkaufte. Anna war in der ganzen Stadt für ihre schlechte Laune berüchtigt, vor allem frühmorgens.

Auch in Theodor Storms Elternhaus in der Hohlen Gasse wurde gebacken. Wir liefen an der breiten Fassade vorbei, die die Nachbarhäuser überragte, an der Treppe zur Eingangstür im Hochparterre und an dem Tor zum Nebengebäude, dem Packhaus, in dem Storms Vater seine Kanzlei hatte. Er gehörte keiner der alten Familien an, sondern hatte sich hochgearbeitet, vom Sohn eines einfachen Müllers aus der Gegend von Rendsburg zum Anwalt, Abgeordneten und Träger des Danebrogordens, den ihm der dänische König, der Herrscher über die Herzogtümer Schleswig und Holstein, verliehen hatte. »Ik bin en Westermöhlner Buurjung, Ritter nebenbei, aber das tut nichts!«, hatte ich ihn einmal sagen hören, als er in besonders aufgeräumter Stimmung war. Das kam bei dem Bauernjungen aus dem Dorf Westermühlen nur selten vor. Meist saß er in seinem Kontor, studierte Akten, knurrte, wenn er einen Fehler fand, oder führte lange Gespräche hinter verschlossenen Türen mit den Honoratioren der Stadt. Mich konnte er nicht leiden. Er traute mir nicht, und ich konnte ihm das nicht verdenken.

Die Flügel der Packhaustür standen offen. Vielleicht war schon ein Klient gekommen oder eine Lieferung für die Küche, die über den Hof gebracht wurde. Das ging jetzt schon seit Tagen. Storm sagte, dass es vor Weihnachten immer so sei.

Am Hafen war das Licht fast unverändert, die graue Wolkendecke lag immer noch schwer über der Stadt, aber dass seit meinem Versuch, den Kelch zu bergen, etwas Zeit vergangen war, sah ich an der langsam zurückkehrenden Flut. Das Wasser näherte sich der Stelle, wo ich den Mann gesehen hatte. Im Schlick waren jetzt tiefe Schleifspuren, aber keine Fußabdrücke. Am Rand des Beckens standen vier Männer um einen Schemen herum, den ich für die Leiche hielt.

Kaup ging auf die Männer zu.

»Nun, Lützen?«

Broder Lützen war Husums Stadtwachtmeister und Polizeidiener. Manchmal bekam er es mit Kneipenschlägereien zu tun, obwohl die Wirte darauf achteten, dass diese Dinge innerhalb ihrer vier Wände blieben. Wenn jemand auf dem Pfingstmarkt bestohlen wurde, musste Lützen der Sache nachgehen, meist ohne Ergebnis. Aber für alles, was jenseits der engen Grenzen Husums geschah, und das waren oft genug Raubüberfälle oder sogar Morde, war er nicht zuständig. Im Sommer saß er mit seinem Freund Tostensen im Garten vor dem Kavalierhaus auf dem Schlossgrund und döste in der Sonne. Eine Leiche im Hafenbecken war er nicht gewohnt.

Der Tote lag jetzt auf dem Rücken. Sein massiger Körper wirkte noch immer kräftig, besonders der nackte Oberkörper. Einer von Lützens Helfern wischte mit einem Tuch vorsichtig die Schlickschicht aus dem Gesicht der Leiche. Die langen dreckbespritzten Haare waren blond, der Vollbart offenbar auch. Jetzt kam die stumpfe Nase zum Vorschein, der leicht geöffnete Mund, die geschlossenen Augen. Kaup beugte sich zur Leiche und versuchte, die Lider zu öffnen. Es gelang ihm nicht.

»Kennt ihn jemand?«, fragte er in die Runde.

Das Gesicht des Toten wurde im Nieselregen langsam feucht. Wir schüttelten den Kopf.

»Was meinen Sie, Lützen«, sagte Kaup, »wollen Sie Ihre Helfer losschicken? Vielleicht wird ja irgendwo jemand vermisst?«

»Also los, geht schon«, sagte Lützen.

»Und die Leiche?«, fragte Kaup.

»Moment«, sagte Lützen zu den drei Männern. Kaup überlegte. »Am besten bringen Sie den Toten in die Arrestzelle im Scharfrichterhaus«, sagte er dann. »In einer Decke, ohne großes Aufsehen. Gerade jetzt im Advent. Und sagen Sie Herrn Chirurg Hitscher Bescheid wegen der Obduktion.«

Im Westen war es heller geworden, auch wenn die Sicht nicht weit reichte. Irgendwo im Nebel war das Meer. An klaren Tagen konnte man bis zur Insel Nordstrand sehen. Vom Binnenhafen aus verlief die Fahrrinne in großen Bögen zur Küste. Im Sommer war ich den Weg manchmal mit Bottilla gelaufen, die damals bei Storms Vermieter Schmidt Dienstmädchen war. Jetzt arbeitete sie auf einem Bauernhof in Mecklenburg. Im November war ein Brief von ihr gekommen.

»Was ist, Söt?«

Storm und Kaup hatten sich für den Rückweg bereitgemacht. Ich spürte, wie mir der Regen in den Kragen lief.

»Söt?«

»Ich komme.«

Worüber Storm und Kaup sprachen, hörte ich nicht. Sie trennten sich am Beginn der Großstraße, und während der Bürgermeister weiter zum Kavalierhaus ging, bogen Storm und ich in Richtung der Kanzlei ab.

Vor dem Eingang schaute mich Storm von oben bis unten an. »Kommen Sie heute Nachmittag wieder«, sagte er, »trocken und möglichst sauber.« Auf dem Heimweg wich ich den Rinnsalen und dem Matsch aus, so gut es ging. Ich bin ihm das schuldig, dachte ich. Aber ich wäre lieber weit weg.

Drei

Es war bereits Nachmittag, als ich aufwachte. Im Traum hatte mir der Tote seine Geschichte erzählt, und ich erinnerte mich daran, dass ich sie beängstigend, aber vollkommen logisch gefunden hatte. Als er danach seine immer noch geschlossenen Augen plötzlich öffnete und mich anstarrte, wachte ich auf. Mein Hemd war durchgeschwitzt, und die Geschichte des Toten war verschwunden.

Ich hörte Geräusche aus der anderen Kammer. Von Lorenz Brenner, dem Böttchergesellen, trennte mich nur eine dünne Bretterwand, wir bekamen alles voneinander mit, aber er störte mich nicht weiter. Er war seit Oktober im Haus, und Böttchermeister Kruse sagte von ihm, er sei zwar nicht das hellste Licht im Hafen, aber ehrlich und fleißig. Und vor allem sei er kräftig genug für das Böttcherhandwerk, mehr verlange er ja gar nicht.

Ich hatte nicht viel mit ihm zu tun. Als ich jetzt in den Hof ging, um mich zu waschen, hörte ich seine Schritte auf der Treppe. Wenig später stand er neben mir.

»Na, Peter, wieder die Nacht zum Tag gemacht?« Er zwinkerte mir zu. Seine Stimme klang immer so, als hätte er beim Sprechen eine Kartoffel im Mund.

»Was?«, fragte ich.

»Dein Hemd. Ich mein ja nur. Hast ganz schön was erlebt, oder?«

»Geht so«, sagte ich.

Der Regen hatte nachgelassen, aber die Süderstraße war ein Morast, und ich war froh, als ich zum Marktplatz kam und zur Kanzlei. Storm war nicht allein. Seine Cousine Constanze verbrachte Herbst und Winter bei den alten Storms im Haus in der Hohlen Gasse. Ihre Mutter war eine Schwester von Lucie Storm, auch sie also eine geborene Woldsen, und Constanzes Vater war der Bürgermeister von Segeberg. Nun saß sie in der Kanzlei, vor sich eine Teetasse und einen Teller mit Keksen. Sie lächelte ihren Cousin freundlich und ein wenig spöttisch an, während Storm ihr gerade von einem schwierigen Mandanten erzählte, der sich auf seiner Hallig mit allen seinen Nachbarn angelegt hatte.

»Ich habe ihm gesagt, Knudsen, Ihr Nachbar zäunt die Wiese ein, damit seine Schafe nicht mehr zu Ihnen rüberlaufen, setzt den Sommerdeich instand und hat versprochen, den Brunnen zu säubern, was wollen Sie eigentlich noch? Und dann sagt er zu mir …«

»Hallo, Herr Söt«, sagte Constanze.

Der Arzt Kuhlmann, Storms bester Freund, hatte vor kurzem gesagt, wenn Constanze einem Menschen direkt ins Gesicht blicke, dann sei das, wie wenn man plötzlich die Verdunkelung von einer Lampe entferne: Constanze blendet auf, hatte er gesagt. Sie war siebzehn, hatte freundliche runde Wangen, eine hohe Stirn und eine ausgeprägte Nase wie alle Woldsens. Und wie der alte Storm. Theodor hatte seinen Zinken von beiden Seiten geerbt.

»Haben Sie etwas geschlafen?«, fragte Storm. Er besah mich genauer als sonst, und ich fragte mich, ob er am liebsten zur Kontrolle an mir gerochen hätte.

Auf einer Damastserviette stand das lackierte Teebrett mit den Tassen und dem rubinroten Zuckerglas, neben dem Tisch auf dem Dielenboden war das Becken mit den glühenden Torfkohlen, und darauf stand der blankgeputzte Kessel. Der Deckel klapperte in einem fort, ein Geräusch, das mich immer wahnsinnig machte, je länger ich nun schon bei Storm arbeitete, desto mehr. Daneben stand eine einfache Teekanne – einmal hatte ich gehört, wie Storm seinen Eltern die alte holländische Kanne seiner Großmutter abschwatzen wollte, erfolglos. Jetzt goss er seiner Cousine mit großer Geste ein. Constanze ließ ein Stück Kandis hineinfallen und tat noch etwas Rahm in die Tasse.

»Weißt du, Constanze«, sagte Storm, »ich glaube ja, dass man alles über einen Menschen erfahren kann, wenn man nur genau hinsieht, wie er seinen Tee bereitet.« Das sagte er oft, und wahrscheinlich hatte es auch seine Cousine schon gehört.

»Du wolltest mir aber doch von deinen Spukgeschichten erzählen«, sagte Constanze, »diese Sammlung.«

»Ach ja«, sagte Storm, und seine Miene hellte sich auf. »Setzen Sie sich doch, Söt, und nehmen Sie sich Tee. Sie wissen ja, wo die Tassen sind.«

Constanze ließ ihren Blick auf ihrem acht Jahre älteren Vetter ruhen und erwartete offensichtlich, von ihm unterhalten zu werden.

»Brauchen Sie mich heute, Herr Advocat?«, fragte ich.

»Nein«, sagte Storm. »Aber fragen Sie doch noch mal bei Kaup nach, ob Ihr Mann inzwischen einen Namen hat und ob sich Ihr goldener Kelch vielleicht doch noch gefunden hat.«

»Du sagst das so, als ob du nicht an den Kelch glaubst, Theodor«, hörte ich Constanze noch, als ich zur Tür ging.

Wenn ich die Wege rund um Storms Kanzleiwohnung nicht inzwischen schon auswendig gekannt hätte, wäre ich im Dämmerlicht sicher irgendwo angestoßen oder gestolpert. Die Stadt lag im Nebel, viele Fenster, die zur Straße hinausgingen, waren jetzt wie blind. Es ist leicht, im Winter hier zu verschwinden, in den kurzen Tagen und den endlosen Nächten, und ich fragte mich wie immer um diese Zeit, warum ich eigentlich noch blieb.

Als Kind, das niemand haben wollte, hatte ich mich einer Bande von Jungen angeschlossen, denen es so ging wie mir. Angeführt von einem Mann, den wir »Meister« nannten und der jeden Einzelnen von uns ausgewählt hatte, führten wir aus, was er uns befahl, und lebten gut damit. Wer kräftig war, setzte seine Fäuste für ihn ein, wer flink und geschickt war, stahl. Weil ich Talent zum Lernen zeigte, unauffällig und wachsam war, ließ er mich zum Schreiber ausbilden. Er sorgte dafür, dass ich bei Geschäftsleuten in Norddeutschland unterkam, deren Geheimnisse er wissen wollte, und ich lieferte ihm die Abschriften der brisantesten Dokumente. Dann erhängte sich einer dieser Kaufmänner, als sein Bankrott unvermeidlich geworden war, und ich fühlte zum ersten Mal, dass etwas an diesem Leben nicht in Ordnung war. Wenig später wurde ich zu Theodor Storm nach Husum geschickt, um auch ihn auszuspionieren. Erst im allerletzten Moment stellte ich mich gegen den Meister und gegen alles, was ich zehn Jahre lang gewesen war.

In den Monaten seither hatte sich viel geändert. Obwohl Storm wusste, dass ich im letzten Sommer heimlich seine Akten kopiert hatte, vertraute er mir. Wahrscheinlich mehr als zuvor. Ich hatte es gut bei ihm, die Arbeit war leicht. Trotzdem dachte ich jeden Tag darüber nach, die Stadt zu verlassen.

Ich war die Großstraße bis zum Ende gelaufen, wo sie links auf die Hohle Gasse, rechts auf die Neustadt stieß. In meinem Rücken läutete es von der Marienkirche fünfmal. Der Torfrauch aus den Schornsteinen mischte sich mit dem Nebel. Nur aus dem kleinen Eckhaus mit der hellgrünen Fassade und den geschlossenen Fensterläden, an dem ich gerade vorbeilief, kam kein Rauch.

Im Schlossgelände stieß ich vor dem Kavalierhaus auf Tostensen, der dick eingepackt auf dem Weg in die Stadt war. Am Rand seiner Kappe sammelten sich schon die Tropfen. Als er mich sah, blieb er stehen. »Paar Minuten früher, und ich hätte im Haus bleiben können«, sagte er mürrisch. Er schloss die Tür auf. »Sie sollen zum Herrn Bürgermeister kommen. Mantel da hinhängen, sonst tropft er alles voll!«

Er verschwand in einem der Zimmer, und ich stieg wieder die Treppe hinauf.

»Das ging aber schnell«, sagte Kaup und zeigte auf einen Stuhl am Fenster. Er setzte sich mir gegenüber. »Herr Storm schickt Sie?«

»Er möchte wissen, ob es etwas Neues gibt.«

»Eigentlich geht es ihn ja nichts an«, sagte Kaup. »Bisher jedenfalls.«

Er wirkte müde, die kurzen Haare klebten ihm an der breiten Stirn, als ob er eben noch außer Haus gewesen wäre. Vor ihm lag ein Blatt Papier, wahrscheinlich frisch beschrieben, damit kannte ich mich aus.

»Und, gibt es Neues?«

»Ich möchte erst etwas von Ihnen«, sagte Kaup. »Sie haben ja die Leiche entdeckt. Was haben Sie eigentlich heute früh am Hafen gemacht?«

»Ich war auf dem Heimweg.«

»Von?«

»Von Hans Blunck, gleich hier um die Ecke, falls Sie seine Schnapsbrennerei nicht kennen sollten.«

»Ich war noch nicht Kunde dort, falls Sie das meinen. Wen haben Sie da gestern noch getroffen?«

»Warum wollen Sie das eigentlich wissen?«

Kaup schwieg einen Moment lang.

»Weil ich klären muss, ob Sie den Mann, den wir aus dem Hafen gezogen haben, als Erster tot gesehen haben oder als Letzter lebendig.«

Ich brauchte einen Moment, bis ich verstand, was er damit meinte.

»Ich kenne den Mann doch gar nicht.«

»Das reicht leider nicht aus, um Sie reinzuwaschen.«

»Muss ich das denn? Wieso verdächtigen Sie mich überhaupt?«

»Sie müssen das verstehen, Söt, Sie tischen uns da eine seltsame Geschichte auf: Da ist ein goldener Kelch, der wundersamerweise auftaucht und wieder verschwindet, eine irgendwo mitten in der Nacht gefundene Leiter, ein Schreiber, der im Hafenschlick auf den Knien herumrutscht und schließlich eine halbnackte Leiche, die genau wie dieser Kelch plötzlich erscheint, aber die Freundlichkeit hat, so lange zu warten, bis wir sie bergen können.«

»Wenn ich gleich nach Hause gegangen wäre, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen, hätte ich mir also den ganzen Ärger erspart?«

»Außer wenn Sie jemand beim Nachhausegehen gesehen hätte. Dann wäre der Ärger umso größer. Möchten Sie übrigens eine Tasse Tee?«

Ich hatte Lust auf Branntwein. Obwohl mein Ruf wahrscheinlich nicht mehr weiter zu beschädigen war, nickte ich lieber zum Tee, und Kaup zog zweimal an einer Klingelschnur, die neben seinem Schreibsekretär an der Wand angebracht war.

»Ich war fast bis zum Morgen bei Blunck. Am Ende allein.«

»So dass Sie niemand gesehen hat, als Sie gegangen sind? Nicht einmal Blunck?«

»Richtig.«

»Sie hätten also jederzeit auf Andresen stoßen können, mit ihm streiten, sich prügeln …«