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Stell dir vor: Du ganz allein in einer Sommernacht im Auto unten auf der Flussallee. Und oben ein weißer Mond neben dem Fernsehturm - eine Idylle zum Genießen. Aber dann überholt dich ein roter Wagen in rasendem Tempo, stellt sich quer und bremst dich aus. Und es sind drei, die aussteigen: zwei Mittelgewichtler mit flachen Nasen, etwas zu klein geratenen Bowlerhüten auf dem kahlgeschorenen Kopf und vielen Muskeln unter dem T-Shirt sowie ein Riesenweib der Art, wie sie früher in Berghöhlen wohnten: kolossal, mit zotteligen über die Schultern hängenden Haaren und einem mächtigen Hintern in der Jogginghose. Es fehlte nur noch das Wolfsfell um die Schulter und die Stachelbeere in der Hand. "Mach die beschissene Tür auf, du Arschloch!", brüllt die Schlampe, während die beiden Kerle gegen die Tür treten und in einer unbekannten Sprache fluchen, und ich brülle zurück, dass ich einen Scheißdreck tun werde. Zehn manchmal frivole und ausgefallene Roadstories, trocken, mokant und sarkastisch vom Polarkreis über Sachsen, Ungarn und Spanien bis zu den vornehmeren Etablissements in Buenos Aires, wo ein strenger Siez-Comment herrscht und die Mädchen bei der Vorstellung scheu und verschämt einen Knicks machen.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Meinen Enkelinnen und Enkeln Luisa, Sophia, Nicholas, Frederick und Theresa gewidmet.
Úgy szép az élet, ha zajlik – Das Leben ist schön, wenn es turbulent ist (ungarische Lebensweisheit)
DER OBERST, DER GOBB SAGTE
EINE SCHLÜPFRIGE MORDSSTORY
HERMANN HESSES GARTENZAUN
EIN RIESENWEIB MIT STACHELKEULE
AURORA BOREALIS
KIERKEGAARD UND RAGNARÖK
FARBENLEHRE
VORFAHRT OHNE GNADE
GEFÜLLTE HAMMELFÜßE
UNGARN MASKIERT
GLOSSAR
Ich bin Advokat, Doktor beider Rechte und beseelt von der hehren Idee der Gerechtigkeit, denn Gerechtigkeit ist ein heiliges Gut und ohne Gerechtigkeit ist alles nichts. Meine Spezialität: Nicht Handels- und Wirtschaftsrecht, wie meine Eltern es damals gerne gehabt hätten, nein, ich habe mich auf das Sexualstrafrecht verlegt, eine anrüchige Materie und weit gefächert. Das reicht vom Sex mit Schafen über Beischlafdiebstahl bis hin zur Körperverletzung beim Liebesspiel, wie das hiesige Amtsgericht schamhaft einen Eichelabbiss umschrieben hatte, aber wenn Not am Mann ist und der Fall interessant, dann mache ich auch schon mal andere Sachen.
Wilhelm Sachse, der noch im letzten Augenblick in meiner Küchenkanzlei aufgekreuzt war, war weder Sodomit noch Exhibitionist, Sadomasochist, skatophil oder so was in der Art, und ob er noch eine intakte Eichel hatte, habe ich auch nie erfahren. Er war einfach ein gefrusteter Grenztruppenoffizier mit sächsischem Akzent, einer chilenischen Frau namens Nora und einer attraktiven Tochter.
In seiner Jugend war er Melker gewesen, ein guter Melker, wie ich gehört hatte, einer, der elf Liter Milch in zehn Minuten handmelken konnte.
Später, mit dem roten Parteibuch in der Hand, war er bei den Grenztruppen eingestiegen und hatte es bis zum Oberstleutnant und zwei goldenen Sternen auf den geflochtenen Schulterstücken gebracht.
- Nur fünf Minuten, Herr Doktor, sagte Sachse in mühsam unterdrücktem Sächsisch und blickte auf seine Uhr, - es ist wegen einer Mietgeschichte. Seit fast einer Stunde bin ich unterwegs, da werden Sie mich nicht nach Hause schicken, nur weil ich nicht angemeldet bin. Mit seinen wasserblauen Augen schaute er mich an, und dabei bewegte er den Kopf fortwährend wie eine chinesische Nickfigur.
- Kommen Sie rein, sagte ich resignierend, obgleich ich wusste, dass der Nachmittag hin war. Aus fünf Minuten würden, wenn es gut lief, mindestens fünfzig werden, und wenn es schlecht lief, zwei Stunden.
- Ausgesprochen nett, dass Sie mich noch reingelassen haben, sagte Sachse, und strich sich mit der Hand über seinen grauen Bürstenhaarschnitt. - Wir aus dem Osten werden immer behandelt wie die Zulus, wenn ich das mal so sagen darf.
Er war verbittert, weil man ihn beim Anschluss, wie er es nannte, nicht übernommen hatte. Jetzt züchtete er Tauben oben auf seinem Hausdach in der Großen Westerstraße, aber nicht die Kopf-ab-Bratpfanne-Tauben, sondern Rasseviecher, Weißscheiteltauben, Luzerner Goldkragen und Marquesen-Tauben.
Das war ein ziemlich lausiges Geschäft, weil der Hausverwalter ihn schikanierte: Dachluke zu, Leiter weg, Taubenschlag auf, all diese Sachen, die einen Mann zur Weißglut treiben.
- Und alles nur, weil ich Sachse bin und manchmal Gobb statt Kopf und Marschn statt Morgen sage. Wenn man es genau nimmt: Das ist Rassismus in Reinkultur, das ist … ihm fehlten die Worte.
- Ich würde vorschlagen, Sie beruhigen sich erst mal, wir trinken einen Cognac, und dann sieht die Welt ganz anders aus.
- Mit größtem Vergnüschn, Schulldjung: Vergnügen. Er schmunzelte, und man sah ihm an, dass er zu der Sorte Mensch gehörte, die sich schon zum Frühstück einen Schluck gönnte oder zwei.
- Hier, sagte ich und goss ihm ein. - Ich hab was ganz Exquisites: Ararat Gold, ein Geschenk von einem Mandanten aus dem Kaukasus.
- Arafat? Jetzt machen die verrückten Palästinenser auch schon Cognac. Sachse verzog das Gesicht und rümpfte die Nase.
- Nix Arafat, sagte ich. - Armenischer Cognac, vom Berg Ararat, da wo die Arche Noah Anker geworfen hatte. Sie wissen doch: Altes Testament, Erstes Buch Mose.
- Keine Ahnung, ich bin kein Bibelfetischist, sagte Sachse, wobei er das Sch bei Fetisch so weich und stimmhaft aussprach, dass ich seinen Hausverwalter verstehen konnte.
Nein, etwas Konkretes hatte er heute nicht, der Herr Oberstleutnant i. R., er wollte sich einfach wieder mal ausheulen bei einem, der immer ein offenes Ohr hatte für alle, die vom Schicksal gebeutelt waren.
- Wenn er mir noch einmal blöd kommt, dieser Verwalter, dann müsste ich ihm eins aufs Maul geben. Oder wie sehen Sie das?
- Ich sehe das genauso, sagte ich,- aber Sie sollten darauf achten, dass er nicht Rache nimmt an Ihren Luzerner Goldköpfen.
- Goldkragen, verbesserte Sachse, - eine edle Rasse. Es wäre ein Jammer, wenn denen was passiert, ein richtiger Schicksalsschlag. Letztes Jahr hat eine von ihnen ihr Leben ausgehaucht. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie mich das getroffen hat. Eine halbe Nacht hat es da oben in meinem Schoß gelegen, das Tierchen. Ich hab mir die Augen ausgeheult, es gestreichelt und seinen kleinen Gobb in der Hand gehalten, und dann ist Nora im Nachthemd gekommen und hat mich runtergeholt. Da war es schon drei und der Mond stand hell über dem Krematorium neben dem Friedhof.
- Abenteuerlich, was sich da oben abspielt auf Ihrem Dach, meinte ich.
- Klar, er nickte, - und es gibt keinen Fahrstuhl in diesem verdammten Haus, ich muss immer zu Fuß rauf, aber das ist gut für Herz und Lunge, obwohl das linke Knie …, das schmerzt wie Hulle, hab‘ schon an ein Ersatzknie gedacht, so ein Hightech-Ding aus Titan ohne Kilometerlimit, in der Charité machen sie das wunderbar, und danach läufst du wie Oscar, the fastest Man on no Legs, aber die zehn-neun auf hundert, die wirst du nie schaffen, da kannst du rennen, wie du willst.
- Und jetzt nach Haus, da dackeln Sie auch das ganze Stück?
- Um Himmelswillen! Er schüttelte den Kopf. - Das tu ich mir nicht an, das ist schlimmer als ein Spaziergang durch das VEB-Chemiekombinat, nee, ich nehm‘ die Elektrische, obwohl …, das ist auch nicht immer ein Vergnüschn, was für Pack sich da herumtreibt.
Neulich ein grünhaariger Typ mit Lippen- und Nasenpiercings direkt gegenüber auf dem Sitz, ein richtiger Kotzbrocken. Und ich frach ihn ganz höflich, ob er was dageschn hätte, seine Füße von dem Sitz neben mir zu nehmen, und der Typ grinst nur und sagt, ich soll einfach die Schnauze halten. Beim Militär hätte man ihm die Faxen ausgetrieben: Arrestanstalt und Disziplinargombanie. Aber heute? Alles Weicheier und Wendekrieger. Er schaute wieder auf die Uhr, stand auf und ging zur Tür.
- Dann grüßen Sie Ihre Frau und lassen Sie sich den Curanto schmecken, sagte ich.
- Nix, er schüttelte den Kopf. - Nora ist heute Abend bei den Frauen vom lateinamerikanischen Kulturverein, die lesen da Allendes Geisterhaus oder so was.
- Kenn ich, sagte ich, - das ist doch, wo der eine Sohn besoffen aus dem Fenster springen will und der andere hält ihn an den Füßen fest. Gutes Buch, sehr gut.
- Keine Ahnung, Sachse zuckte die Schultern, - ist nicht mein Ding so ’ne Familiensaga. Ich lese lieber Polizeigeschichten, da ist Spannung drin, und jetzt hol ich mir eine Pizza und danach steige ich rauf zu meinen Dauben und schau mir die Sterne an: Nicht die Andromeda, die Plejaden oder so was, nur ein paar mickerige lausige Sterne.
- Und was macht das Töchterchen, April oder wie war noch ihr Name? Ich versuchte, das Thema zu wechseln.
- Abril, mit b, b wie Bilbao, zweiter Buchstabe im ABC. Lebt jetzt in der Hauptstadt. Habe ich Ihnen schon ein Foto gezeigt?
Er fingerte eins aus seiner Brieftasche heraus: eine dunkelhaarige Mestiza, die mich an Miss Puerto Rico erinnerte, nicht die mit dem Krönchen, aber Platz drei oder vier, und die sind ja auch nicht zu verachten. Jedenfalls gefiel sie mir mit ihren schwarzen Augen und ihrer leicht gebogenen Nase und ich war mir sicher: im Tanga oder Bikini hätte sie mir noch mehr gefallen.
- Eine wahre Schönheit, Sie können stolz sein, meinte ich. - Sicherlich eine, nach der man sich auf der Straße umguckt, oder?
- Andauernd. Sie geht zum Briefkasten an der Ecke und schon die erste Anmache: Hi, ich kenn dich doch woher oder Gibst du mir deine Handy-Nummer? Aber daran hat sie sich gewöhnt, die Kleene, so was steckt sie souverän weg. Übrigens, Ihr Honorar, Herr Doktor, ich habe es nicht vergessen. Nächste Woche zahle ich, dann …
Er beendete den Satz nicht, stand auf und ging, und ich fragte mich, warum ich den Alten mochte. Vielleicht war es seine Bescheidenheit, seine Treuherzigkeit oder seine Tochter. Keine Ahnung. Wahrscheinlich war es einfach seine abgewetzte Lenin-Mütze an meinem Garderobenhaken.
*****
Das erste, was ich von Akira sah, war sein Hintern, und der war voller Narben, große und weniger große.
- Mein letzter Gladiatorenkampf im Circus Maximus, sagte er und setzte sich auf sein weißes Handtuch. - Das ging gegen einen Braunbären.
- Guter Witz, ich hätte auf einen Massai-Löwen getippt, meinte ich und legte mich eine Stufe höher, dorthin, wo das Thermometer neunzig Grad zeigt.
Der Laden war eine russische Sauna, hieß Polarbär und gehörte einem Pakistani namens Ali. Ali hatte früher in der Blockhütte eine Pizzeria namens Sunnie’s Corner gehabt, sich aber dann wegen der italienischen Konkurrenz kurzerhand auf Saunabetrieb umgestellt, obwohl ich nicht glaubte, dass er jemals selbst einen Saunabesuch mit allem Drum und Dran gemacht und auch nur die Spur einer Ahnung von der hohen Kunst des Aufgussmachens hatte.
Akira war, abgesehen von seinem narbigen Hintern, auch sonst ziemlich sonderbar anzuschauen: etwas o-beinig, Schnauzbart, Pferdeschwanz, einer, der mit unbeweglichem Gesicht und einem Fuchsschwanz an seinem Chopper durch die Gegend fährt und keine Pfütze auslässt. Sah irgendwie gefährlich aus. Zuerst hatte ich den Eindruck, dass er etwas schielte, der gute Akira, aber es waren wohl nur seine Augen, die mich irritierten.
- Netter Laden hier, sagte ich, - und zum Schluss gibt es immer ein paar Schläge mit Birkenzweigen auf das Gerippe, wunderbar, das regt die Blutzirkulation an. Ali hat ein paar Bündel draußen vorbereitet.
- Auspeitschen! Akira setzte sich auf und schaute mir ins Gesicht, als hätte ich den Vorschlag gemacht, er solle seiner Mutter die Kehle durchschneiden.
- Nun ja, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten mit dem Auspeitschen, sagte ich. - Ich meinte kein Sadomaso oder so.
- Auspeitschen, das ist Ost-Knast, da reagiere ich allergisch, wenn ich nur daran denke. Er legte sich wieder hin.
- Hab mir so was Ähnliches gedacht vorhin, sagte ich, - sieht aus, als hätte man Sie ganz schön in der Mangel gehabt.
- Kann man so sagen, er nickte. - Aber nicht diese zarte chinesische Tropfenfolter, sondern die rustikale Methode mit Knüppel und Karbatsche.
- Und das für Zigarettenschieberei?, wandte ich ein.
- Etwas übertrieben, oder?
- Nun ja, er kräuselte die Stirn, atmete tief aus und schien verlegen. - Genaugenommen war auch etwas Fluchthilfe mit dabei oder Menschenschmuggel.
Aber trotzdem kein Grund, jemanden durchzuprügeln und dann in die Dunkelzelle zu stecken, und darum habe ich mich beschwert, jetzt, wo sich jeder beschwert, sogar mein Schwager hat sich beschwert, weil ihm vor zehn Jahren so ein Typ von der Volkspolizei mal den Jackenknopf abgedreht hat, ohne Grund, einfach so, um zu zeigen, dass die Bullen gleich nach dem lieben Gott kommen in der Hierarchie.
Und dann zählte er auf, was er alles gemacht hatte, die vier großen As: Anzeigen, Anträge, Akteneinsicht, Anwälte – alles für‘n Arsch. Und damit wären es fünf, wenn er richtig gezählt hatte, fünfmal A.
- Ja, alles für ‘n Arsch, wiederholte er, - schlechter Anwalt und dumme Beamte, und selbst wenn du einen Namen weißt, dann gibt es Verfahrenseinstellung, weil keiner was gesehen hat. Die sind alle blind wie die Fledermäuse und stumm wie Moorleichen. Aber die Narben auf meinem Hintern sind da und darum mache ich weiter.
Ich konnte ihn gut verstehen mit seiner Verbitterung. Anstatt den Schwanz einzuziehen und geduckt durch die Straßen zu schleichen, kamen sie alle allmählich wieder aus ihren Löchern gekrochen, die roten Kämpfer, stellten sich auf die Sonnenseite und schwangen große Reden von Demokratie und diesen Sachen, und einige von ihnen waren Minister geworden und klopften jeden Abend ihre Sprüche im Fernsehen. Irgendwann würde man ihnen den Friedensnobelpreis verleihen, sie heiligsprechen oder zum Papst wählen.
War schon eine verrückte Welt, so verrückt, dass man manchmal den Eindruck hatte, im Irrenhaus zu leben, und da wir alle das gleiche Gewand trugen, wussten wir am Ende nicht mehr, ob wir zu den Verrückten oder zu den Aufpassern gehörten.
- Nun, manchmal kann man sich schon an den Kopf fassen, sagte ich und nahm etwas Eukalyptus und Latschenkiefer mit der Schöpfkelle. - Neulich habe ich von einem gehört, der hat dem Richter, bei dem er abgeblitzt war, Fenster und Hausflur mit Kot beschmiert.
Wir redeten noch was über Hirohito, da wusste er kaum was zu sagen, über Kung Fu-Filme, da war er schon besser, und über Jazz, da war er richtig gut, und dann nahm er sein Handtuch und ging.
Ein paar Wochen danach war ich wieder mal in Akiras Gegend. Ich wollte eine chinesische Würgekette kaufen und zwei Qigong-Kugeln, die Gesundheit bringen und Yin und Yan.
Danach beschloss ich, Akira Hallo zu sagen, denn er hatte mich dreimal vergeblich angerufen.
Akira wohnte in einer Straße, in der sich, wie es schien, alle Japaner und Chinesen der Stadt angesiedelt hatten.
Da waren drei chinesische Wäschereien, japanische Restaurants mit Sushi-Angeboten, ein chinesisches Kino, in dem einmal wöchentlich auch eine Art Peking-Oper angeboten wurde, und der Laden von Onkel Ho, der alles verkaufte, was irgendwie mit Ostasien zu tun hatte, angefangen von Peking-Enten über chinesisches Bier, japanischen Whisky und Seidenmalereien bis zu Wurfeisen und ähnlichem Mist.
An der Ecke gab es eine chinesische Heiratsvermittlung, die daneben auch Maniküre, Fußpflege, Massagen, chinesische Medizin und Porträtfotografien anbot, und auf der gegenüberliegenden Seite begann der japanischkoreanisch-chinesische Straßenstrich mit Damen, wie man sie nur im Paradies findet: Von blendender Schönheit wie Rubine und Korallen und wohlverwahrten Perlen gleich, wie es im Koran heißt, nur dass sie nicht auf Kamelen saßen, sondern auf ziemlich hohen Fetish-Heels das Pflaster traten.
Akira wohnte im vierten Stock, ohne Lift und direkt neben einem Heiratsvermittlungsinstitut. Ich klingelte und Akira öffnete, diesmal bekleidet.
Er trug weiße Turnschuhe, blaue Jeans und ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck Ich liebe tote Pitbulls, und darunter war die Karikatur eines solchen Viechs, auf dem Rücken liegend und alle viere in die Luft gestreckt.
Ich selbst mag es nicht ganz so lässig, denn dann wird man leicht unterschätzt, und so ziehe ich mir gern meinen dunkelblauen Businessdress an, dazu ein blassrosa Hemd mit Collo di Milano und die bläuliche Seidenkrawatte mit kleinen weißen Punkten.
- Eine steile Treppe, lieber Akira, sagte ich und holte tief Atem, - sicher ein Problem für die Klavierträger.
Aber er schüttelte den Kopf und wollte gleich zur Sache kommen. Er hatte nämlich den Typ von damals ausfindig gemacht, nicht den mit dem Totschläger, der hatte sich Heiligabend an einem Baukran aufgehängt, nein den, der ihn damals gefangen und eingebuchtet hatte, und nun wollte er, dass ich ihn verklagte.
- Er heißt Sachse und er ist ein böser Mann, sagte Akira, - und ich weiß, Sie kennen ihn.
- Klar, dass ich ihn kenne. Er ist mein Mandant, er züchtet Tauben, liebt die Tiere und seine Kinder und hat Schmerzen in seinen Knien. Aber klagen? Jetzt ist alles verjährt. Zu viel Zeit ist vergangen, wie soll man da noch was beweisen?
- Hier ist der Beweis. Akira schüttelte verständnislos den Kopf, zog sein rotes T-Shirt hoch und zeigte wieder seine Narben.
- Das ist egal, nach fünf Jahren soll Rechtsfrieden eintreten, sagen die Gerichte, und Sie sind nicht der Einzige, dem man Unrecht tut. Da gibt es noch viele andere, die können ein Lied davon singen.
- Ein Lied singen? Warum singen sie, wenn sie verprügelt wurden? Er blickte mich entgeistert an.
- Nun ja, ich musste schmunzeln, - sie singen nicht wirklich: keine Klagelieder, weil sie in der Zelle waren, und keine Freudenhymnen, weil sie wieder rausgekommen sind. Eine Redensart, das sagt man so.
Er nickte, schaute mit seinen kleinen Augen nach oben auf den Wasserfleck an der Decke und rieb seine Finger wie nach einer Schlittenfahrt ohne Handschuhe.
- Seltsam: ein böser Mann, eine böse Tat und kein Gericht, sagte er dann. - Aber ich muss ihm ins Gesicht schauen und er soll Reue zeigen und Buße tun, und Sie müssen ihm das sagen.
- Ich werde es versuchen, sagte ich. - Aber Sie sollten sich zurückhalten. Die Menschen hier haben was gegen die Yakuza, die haben schon genug Ärger mit der Mafia und Camorra.
Und so fuhr ich dann zu Sachse, um ihm Bescheid zu sagen, und traf auf seine Frau Nora.
- Mein Mann ist oben bei seinen Tauben, sagte sie. - Wollen Sie raufgehen oder einen Pisco trinken?
- Danke, kein Schnaps vor Sonnenuntergang. Ich winkte ab. - Aber vielleicht können Sie ihn herunterholen?
- Herunterholen? Sie kicherte. - Das ist ein Tagesausflug bis nach oben.
- Rufen Sie ihn auf Handy an, das dürfte das Einfachste sein.
- Handy? Sie lachte. - Er hat eins, ein Weihnachtsgeschenk, aber er kann damit nicht umgehen, obwohl das so ein Ding für Senioren ist.
Ein Grenzschützer, der kein Handy hat – jetzt wurde mir klar, weshalb sein Staat zugrunde gegangen war. Schließlich schlug ich so ein Dosentelefon vor. Das war einfach: zwei aufgeschnittene Konservendosen und eine Kordel, mehr nicht.
- Sehr gut, lachte sie, - werde ich ihm an den Tannenbaum hängen zu Weihnachten, aber wenn Sie ihn heute unbedingt sprechen wollen, steigen Sie hinauf, es ist interessant da oben, ich zeige Ihnen den Weg.
Wie erwartet, war Sachse mit seinen Tauben beschäftigt.
- Wollte Ihnen nur kurz was mitteilen, sagte ich. - Ein ehemaliger Knastfritze ist aufgetaucht, ein Japaner, der will was von Ihnen.
- Japaner? Sachse schien zu überlegen. - Ich erinnere mich, da war so ein Mister Nagasaki, kriminell, Mafia, Fluchthilfe, den mussten wir hart anfassen, dienstliche Anordnung von oben, will sagen: von ganz oben, von allerhöchster Stelle. Habe gar nicht gewusst, dass er noch hier ist, habe gedacht, der ist zurück nach Okinawa oder wo er herkommt. Und was will er?
- Reue und Buße.
- Von mir? Ich glaub, ich hör nicht richtig. Soweit kommt’s noch! Ich hab ihn zweimal gesehen, den Herrn, mehr nicht.
- Nun ja, Sie haben ihn festgenommen, Sie haben ihn eingeliefert, Sie waren der Oberhäuptling.
- Nix Oberhäuptling, sagte er, - nitschewo! Ich war so ein Bürohengst, ich hab an meinem Schreibtisch gesessen und die Erlasse umgesetzt, das hab ich, und einmal im Jahr hab ich die Feier organisiert und eine schöne Rede gehalten, bei der immer gegrinst wurde, der sächsische Akzent, wissen Sie, wird man nie los, da kann man machen, was man will.
Nee, soll mal Ruhe geben, dieser Rächer der Enterbten, oder er kann mir den Schuh aufblasen. Aber Sie als Anwalt, sie können doch …, so was gibt’s doch hier im Westen, Sie können doch, ich meine, dass er sich nicht weiter als zweihundertfünfzig Meder nähern darf, und wenn doch, dann zahlt er eine Geldstrafe und beim zweiten Mal ab in den Knast, so wie diese Stager oder wie sie heißen.
- Stalker, sagte ich. - Aber so ein Urteil wird nicht helfen. Der Mann ist Asiate, und die ticken anders.
- Gut zu wissen, sagte Sachse. - Sollen ziemlich nachtragend sein, hört man immer wieder, und ein verrücktes Rechtsgefühl, da kommt man nicht dahinter.
- Ja, sagte ich. - Haben Sie gewusst, dass die sogar ihre Viecher bestrafen, wenn die was ausgefressen haben: Knast, Prügel, Nahrungsentzug und Todesstrafe für Hunde und Meerschweinchen?
Das hatte er nicht gewusst und er versprach, ab jetzt vorsichtig sein.
*****
Seltsam! Heute Morgen noch hatte ich an sie gedacht und jetzt plötzlich stand sie vor mir, in einer dunkelgrünen Lederkombination und dunkelgrünen Motorradstiefeln, große schwarze Augen, tizianrot geschminkte Lippen und – fast hätte ich es vergessen – der schönste Hintern, den ich je gesehen hatte. Und ich hatte so einige gesehen.
- Komm herein, deine Harley kannst du im Hof abstellen, sagte ich und spielte den Commander Cool, als ich mich wieder gefangen hatte. Grün war meine Lieblingsfarbe und außerdem geschieht es nicht jeden Tag, dass man von einer Motorrad-Lady im Kampfdress besucht wird.
- Nix Harley! Sie schüttelte ihren Kopf. - Das ist Kawasaki-Ninja, ein Liter, die Ultimative.
Dazu lächelte sie und mir wurde klar, es war schon lange her, dass mich jemand so angelächelt hatte, dreißig Jahre oder fünfunddreißig, und das Lächeln kam von der Leinwand des Cosmo-Programmkinos und gehörte Audrey Hepburn.
- Kaffee? Ich ging nach hinten und stellte zwei Tassen auf ein Tablett.
- Am liebsten Espresso.
