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Ein Mann auf der Suche nach der verlassenen Geliebten, der verschwundenen Tochter und einem blonden Engel in Südamerika, eine abenteuerliche Fahrt durch Pampa und Wüsten bis zu dem geheimnisvollen Morro Rock, dem Riesenfelsen im chilenischen Ozean am Fuße der Anden. Erzählungen von ungewöhnlichen Menschen, tragischen Existenzen unserer Gesellschaft in ihrem Leben zwischen Traum und Wirklichkeit.
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Seitenzahl: 96
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Mir selbst gewidmet.
Alle Personen in den Geschichten sind fiktiv.
„Att åldras är som att bestiga ett berg. Man blir andfådd, men får en mycket bättre utsikt.“ (Ingmar Bergman)
RÜCKWÄRTSLÄUFER
Axthiebe an der Tür
Bruderzwist
Black Friday
Blick zurück im Zorn
Träume
Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit
Night in Tunisia
Sechs Highlandfarben
Totentanz mit Mussolini
DER TAG, AN DEM ICH STARB
My Heart Belongs to Daddy
Ein Loch, tiefer als die Hölle
Die Kunst, einen Morro zu besteigen
Eisbein im Bavaria
NUR EINE GUTE FREUNDIN
Blonder Engel
Rozentals Edomo
Jaife im Autokino
GLOSSAR
In jener Nacht schneite es schwere, nasse Flocken, und jemand versuchte mit einer Axt die Eingangstür zu zertrümmern, aber dann war es doch keine Axt, sondern nur der Türklopfer, ein großer Totenkopf aus schwarzem Gusseisen, den ich vor einiger Zeit auf einem Flohmarkt in Antwerpen gekauft hatte.
Ich schaute aus dem Fenster: Nichts zu sehen in der Dunkelheit, nur die Rücklichter eines Autos, das sich entfernte.
- Ich geh mal nachgucken, sagte ich zu Laura, nahm die Achtunddreißiger aus dem Uhrenkasten, schaltete die Außenbeleuchtung ein und öffnete den Sichtschutz. Draußen ein junger Kerl in einem hellen Dufflecoat: groß, schlank und mit dunkelblondem, sorgfältig nach hinten gekämmtem Haar.
- Was ist?, wollte ich rufen, aber da ich keine Sprechanlage habe, sagte ich kein Wort, sondern legte die Kette vor und öffnete die Tür einen Spalt.
- Ich bin Adrian Pesci, sagte der Bursche auf Englisch und lächelte unbekümmert. Tut mir leid die späte Störung, aber es war schwer, hierher zu finden, ihr wohnt sehr einsam. Sogar der Taxifahrer hat sich zweimal verfahren.
- Okay, meinte ich, und nun?
- Schwer, das so zwischen Tür und Angel zu besprechen.
Der Junge lächelte weiter, freundlich und irgendwie vertraut, so dass ich die Pistole in die Gesäßtasche steckte, die Türkette löste und ihn hereinließ.
- Da bin ich aber gespannt, sagte ich. Was gibt‘s für ein Problem?
- Ich komme aus New York, sagte der Junge, Queens.
- Interessant, meinte ich, da ist immer lausiges Wetter.
- Ja, das ist sprichwörtlich in New York, meinte er. Mal zu heiß, mal zu kalt, mal zu trocken, und mal regnet es wie verrückt. Aber lassen Sie mich zur Sache kommen!
Er schaute sich um, etwas unsicher, wie mir schien, so dass ich spontan auf die Ledersessel gleich hinter der Tür wies. Wir setzten uns und ich konnte sein Gesicht aus der Nähe betrachten: große dunkle Augen, eine hohe Stirn und markante Wangenknochen.
- Also schieß los, ermunterte ich ihn, während Laura im Hintergrund stand und die Ohren spitzte.
- Okay, sagte er und überlegte. Da bin ich also: Ihr Sohn.
- Mein Sohn? Du machst Witze.
- Ich habe gewusst, dass Sie zweifeln, meinte er, und so griff er in seine Innentasche und legte einen Stapel Fotos auf den Tisch, die zeigten ihn zusammen mit einer dunkelhaarigen Frau beim Weintrinken auf der Terrasse, beim Tennisspiel, beim gemeinsamen Kochen, im Schwimmbad, beim Fratzenschneiden – all diese Dinge, die man immer auf Familienfotos zu sehen bekommt.
- Du und deine Mutter, nehme ich an.
- Richtig, er schaute mich prüfend an, mit einem Blick, wie ihn die Concierges in der Pförtnerloge haben. Sie heißt Graciela. Ihr wart damals zusammen, wenn ich das so sagen darf, und ich bin das Produkt.
- Guter Witz, wiederholte ich, und das um Mitternacht. Aber dann schaute ich noch einmal genau hin und erkannte sie wieder: Graciela, ein paar Jährchen älter zwar und mit einer dieser modischen Kurzhaarfrisuren, doch da waren ihre Wangengrübchen und die großen braunen Augen. Und was Adrian neben ihr anbelangte: Seine etwas breite Boxernase ähnelte der meinen, eine Nase, wie sie unsere Familie seit Generationen im Gesicht sitzen hat, und in seinen Adern floss das gleiche Blut, Blut, das dicker als Wasser ist, wie der Volksmund sagt. Dennoch – ich wollte es nicht wahrhaben. In Gedanken begann ich die Daten zu vergleichen und nachzurechnen, aber alles passte zusammen. Am Ende gab ich auf. Er war mein Sohn und ich sein Vater. Aber was bedeutete das schon? Für mich war er ein Fremder, ein Yankee aus New York, fremder als alle hier um mich herum: die armenische Taxifahrerin, der Fischmann vom Wochenmarkt, der Pferdepfleger von nebenan und der türkische Taekwondo-Trainer. Trotzdem erhob ich mich, quälte mir ein verlegenes Lächeln ab wie jemand, dem sie in der Tombola den Trostpreis überreichen, und ging auf ihn zu. Und als Adrian zu einem amerikanischen Shakehands ansetzte, übersah ich die ausgestreckte Hand, umarmte ihn in südländischer Manier mit beiden Armen, schlug ihm links und rechts auf die Schultern und küsste ihn pflichtgemäß auf beide Wangen. Und auch Laura, die alles mit angehört hatte, kam herüber, tat dasselbe und bot ihm spontan das Gästezimmer zum Übernachten an.
Wir haben dann noch eine Weile zusammengesessen, eine Flasche Mcduff getrunken, Holz ins Feuer geworfen und geredet: seine Zeit bei den Scouts, seine Spiele in der Soccer League, seine unglückliche Liebschaft mit einem Unterwäschemodel aus Puerto Rico und sein neuer Job an der Berkeley.
Und auch über seine Mutter sprachen wir. Sie lebte in der Bronx, zusammen mit dem Zahnarzt Jorge Ramírez und einem schwarzen Labrador, und wie Jorge zog sie Zähne, und manchmal füllte sie sie mit Gold und setzte zu allem Überfluss noch eine Krone drauf. Von mir hatte sie nie erzählt, und Adrians Besuch hier bei uns – das war ganz allein seine Idee, der Ruf des Blutes, wenn man so will.
- Ich werde ihr schreiben, sagte ich, da gibt es viel aufzuarbeiten.
Der Ruf des Blutes, hatte er gesagt. Da musste er auch seinen Bruder Jonas kennenlernen. Jonas war Offizier und wohnte in der Soldatensiedlung auf der anderen Flussseite. Seitdem ihn seine mongolische Freundin Ganchimeg verlassen hatte, besuchte er uns häufiger, meist zusammen mit seinem kleinen schlitzäugigen Sohn, dem sie, ohne mich zu fragen übrigens, den Namen Dschingis gegeben hatten. Laura kochte dann Schweinefüße in dicken Bohnen. Die aß Jonas mit großem Appetit, schimpfte dabei auf die Russen und hielt zum Schluss eine Stunde Siesta in meiner Hängematte. Später holte er dann oft seine Flinte heraus und zog mit dem Labrador in die Flussauen, um irgendwas zu schießen.
Derartige Knallereien gehen mir am Arsch vorbei, das muss ich einmal so sagen. Ich bin eher der kontemplative Typ und liebe es zu beobachten: balzende Auerhähne, fliegende Fischreiher, herumtollende Jungfüchse, nagende Biber und, wenn es dunkel wird, diesen kräftigen Rehbock hinten an der Wasserstelle bei den Pferdeställen. Und zuweilen hole ich mir auch ein Pferd und reite übers Land bis die Nacht hereinbricht, einfach so und ohne Ziel.
Ich erreichte Jonas am Nachmittag, als er auf dem Weg ins Kasino war.
- Du musst vorbeikommen, sagte ich am Telefon, deine Mutter hat wieder mal gekocht, außerdem habe ich eine Überraschung für dich.
- Eine Überraschung, was für eine?
- Das kann ich dir nicht sagen, dann wäre es ja keine Überraschung.
Aber da ich nichts für mich behalten kann, erzählte ich ihm am Ende doch die ganze Adrian-Geschichte.
- Ich, einen Bruder? Da war er platt, das konnte er nicht glauben.
- Doch, sagte ich, ist zwar nur ein halber genaugenommen, aber ein halber ist immer noch besser als gar keiner, so sehe ich das. Ohne Bruder fehlt dir was. Schau mich an, ich weiß wovon ich rede.
- Das typische Einzelkind, habe ich doch immer gesagt, meinte Jonas mit Ironie, tyrannisch und egoistisch und weibstoll noch dazu.
- Weibstoll, ich schluckte heftig, sagen wir lieber Windhund oder Luftikus.
- Einigen wir uns auf Wüstling, meinte er, das trifft es auch.
Er kam dann ziemlich schnell mit seinem Jeep angebraust, und als sich die beiden gegenüberstanden, da war alles andere als Sympathie zwischen ihnen, eher Misstrauen und Ablehnung. Immerhin sagte Jonas Hello und reichte Adrian die Hand. Freundschaftsküsse und Umarmungen lehnte er ab, selbst wenn sie von einem Bruder kamen.
Laura hatte nach einem Rezeptbuch ein American Dinner zubereitet: mit Krebsfleisch gefüllte Avocados als Starter und Cowboy-Gulasch mit Tomaten, Kidney- und Chilibohnen als Main Course, dazu einige Flaschen American Budweiser. (By the way: You know the difference between making love in a canoe and American Budweiser? There is none. Both is fucking close to water.)
- Wenn ihr erlaubt, ich werde ein Tischgebet sprechen, sagte Adrian und blickte uns einen nach dem anderen an, und da keiner dagegen war, betete er diesen alten schottischen Spruch: Some have meat and cannot eat, some no meat but want it; we have meant and we can eat. So let the Lord be thanked!
- Das war herzerfrischend, sagte Jonas, klingt, als hättest du es bei den Pfadfindern aufgeschnappt.
- Habe ich in der Tat, lächelte Adrian. Ich habe noch eins, willst du hören?
- Danke, danke, verschon uns! Jonas schüttelte den Kopf. Aber mich würde interessieren, ob du in Vietnam warst, ich meine, das Alter hast du ja.
- War ich nicht, sagte Adrian, ich hatte damals studiert, als die Sache mit der Army lief, und ich war freigestellt.
- Ich verstehe, Jonas lehnte sich zurück und dachte nach, aber du hättest trotzdem gehen können, freiwillig.
- Hätte ich, doch wollte ich nicht, weil …, ich bin nun mal gegen Kriege. Die Welt braucht sie nicht.
- Wirklich nicht? Auch nicht zur Verteidigung? Was, bitte schön, willst du tun, wenn dir jemand an die Eier geht?
- Eine blöde Situation, man darf es nicht so weit kommen lassen. Immer wieder reden, reden und nochmals reden.
- Okay, reden sagst du, aber der andere will nicht reden, um nichts auf der Welt. Der will Zoff, nur Zoff, soll es ja geben solche Typen. Nein, wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg, sagt Cicero. Klingt paradox, ist aber richtig. Und darum trage ich eine Uniform, fahre mit einem Panzer und schieße mit einer Kanone.
- Ich sehe es anders, überlegte Adrian. Wenn du Frieden willst, bewahre die Schöpfung und pflege die Gerechtigkeit. Was hältst du davon?
- Nichts, gar nichts, klingt mir zu sehr nach Kirchentag, meinte Jonas, und Laura meinte, sie sollten das Thema wechseln und sich auf das Essen konzentrieren, denn die Spannung zwischen den beiden war mit beiden Händen zu greifen.
Wir haben dann noch Fados aus Lissabon gehört und zwei Flaschen amerikanischen Zinfandel getrunken, aber Stimmung wollte nicht aufkommen, so sehr wir uns bemühten. Jonas konnte Adrian nicht ausstehen und ließ es ihn fühlen, und Laura meinte, das seien Eifersüchteleien, die würden mit der Zeit schon nachlassen. Wunschdenken, wie sich tags darauf herausstellen sollte.
Es war ein schöner Morgen mit viel Schnee und einer kalten, grellen Wintersonne. Zur Abwechslung machten wir allesamt einen Ausflug mit Langlaufskiern über den Deich mit den Kopfweiden, hinunter in die Auen und weiter flussabwärts an den Steinbuhnen vorbei, Laura, Adrian, ich und der Labrador vorne und Jonas, ganz Jägersmann, mit der Flinte hinterher.
- Es ist ein Jammer, sagte Jonas, nichts zu schießen bei dieser Kälte, keine Rebhühner, keine Hasen, keine Füchse, sogar dein Rehbock von gestern Abend hat sich verkrochen.
- Sollte auch kein Jagdausflug sein, meinte ich, nimm nur die Gegend in dich auf, und heute Abend trinkst du eine Flasche Sake und schreibst ein Haiku, so ein dreizeiliges Naturgedicht, wie es die Japse tun.
- Mach ich, grinste er, aber vorher schlitze ich mir mit dem Seppukudolch den Bauch auf, wegen der Schande, dass ich mit leeren Händen zurückgekommen bin. Aber …, vielleicht schieße ich ja doch noch was.
Er war stehengeblieben und blickte gespannt zu der Buhne hinüber, wo sich eine schwarze Katze im Schnee wälzte.
- Großartig, sagte er, schwarz auf weiß, wo findet man sonst noch einmal so ein Ziel? Da kribbelt es einem doch im Zeigefinger.
