Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Der Palast der Meere E-Book

Rebecca Gablé

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Bestseller

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E-Book-Beschreibung Der Palast der Meere - Rebecca Gablé

London 1560: Als Spionin der Krone fällt Eleanor of Waringham im Konflikt zwischen der protestantischen Königin Elizabeth I. und der katholischen Schottin Mary Stewart eine gefährliche Aufgabe zu. Ihr fünfzehnjähriger Bruder Isaac soll unterdessen das Erbe des Hauses Waringham antreten. Aber Isaac flieht und schleicht sich als blinder Passagier auf ein Schiff. Nach seiner Entdeckung nimmt ihn der junge Matrose Francis Drake unter seine Fittiche, doch bei einem Stopp auf der Insel Teneriffa verkauft Kapitän und Freibeuter John Hawkins ihn als Sklaven an spanische Pflanzer. Erst nach zwei Jahren kommt Isaac wieder frei - unter der Bedingung, dass er erneut in Hawkins' Dienst tritt. Zu spät merkt Isaac, dass Hawkins sich als Sklavenhändler betätigt - und dass sein Weg noch lange nicht zurück nach England führt ...

Meinungen über das E-Book Der Palast der Meere - Rebecca Gablé

E-Book-Leseprobe Der Palast der Meere - Rebecca Gablé

Inhalt

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungDramatis PersonaeAlte und Neue Welt um 1570Britannien und Niederlande um 1570ERSTER TEIL, 1560–1563London, März 1560Greenwich, März 1560Plymouth, März 1560Waringham, April 1560Auf See 34°58’ N, 11°26’ W, Mai 1560London, Mai 1560Santa Cruz, Mai 1560Windsor, September 1560Abona, September 1560London, September 1560Abona, Mai 1561Greenwich, Juni 1561Ipswich, August 1561Abona, Oktober 1562Waringham, Oktober 1562Sierra Leone, Oktober 1562Hampton Court, Oktober 1562Auf See 19°20’ N, 60°34’ W, November 1562Waringham, Mai 1563ZWEITER TEIL, 1566–1569London, November 1566Greenwich, November 1566Stirling, Dezember 1566Waringham, Dezember 1566Edinburgh, Februar 1567Waringham, Februar 1567London, April 1567Greenwich, Juni 1567Plymouth, September 1567Auf See, 42°53’ N, 9°27’ W, Oktober 1567Santa Cruz, November 1567London, Dezember 1567Auf See, 10°38’ N, 40°20’ W, Februar 1568Hampton Court, Mai 1568Rio de la Hacha, Juni 1568Carlisle, Juni 1568San Juan de Ulúa, September 1568Hampton Court, Oktober 1568Auf See, 23°18’ N, 97°14’ W, Oktober 1568Whitehall, Dezember 1568Auf See, 50°06’ N, 5°29’ W, Januar 1569DRITTER TEIL, 1577–1579London, November 1577Auf See, 38°25’ N, 25°25’ W, November 1577Waringham, April 1578Waringham, Mai 1578Greenwich, Juli 1578Auf See, 46°02’ N, 11°05’ W, Juli 1578Port Nicholas, März 1579London, März 1579Panamá, April 1579Windsor, April 1579Port Nicholas, April 1579Westminster, November 1579VIERTER TEIL, 1585–1588London, Dezember 1585Plymouth, Dezember 1585Hampton Court, Dezember 1585Waringham, April 1586Plymouth, Juli 1586London, Juli 1586Richmond, Oktober 1586Fotheringhay Castle, Februar 1587Cádiz, April 1587London, Juli 1587Hampton Court, Dezember 1587Tyburn, März 1588Plymouth, Juli 1588Vor Calais, Juli 1588Waringham, August 1588Nachbemerkung und Dank

Über das Buch

»Rüttle uns auf, oh Herr, wenn wir zu selbstgefällig sind, wenn unsere Träume wahr geworden sind, weil wir zu bescheiden geträumt haben.«

Francis Drake

London 1560: Als Spionin der Krone fällt Eleanor of Waringham im Konflikt zwischen der protestantischen Königin Elizabeth I. und der katholischen Schottin Mary Stewart eine gefährliche Aufgabe zu. Ihre Nähe zur Königin schafft Neider, und als Eleanor sich in den geheimnisvollen König der Diebe verliebt, macht sie sich angreifbar. Unterdessen schleicht sich ihr fünfzehnjährige Bruder Isaac als blinder Passagier auf ein Schiff. Nach seiner Entdeckung wird er als Sklave an spanische Pflanzer verkauft. Erst nach zwei Jahren kommt Isaac wieder frei – unter der Bedingung, dass er in den Dienst des Freibeuters John Hawkins tritt. Zu spät merkt Isaac, dass Hawkins sich als Sklavenhändler betätigt – und dass sein Weg noch lange nicht zurück nach England führt …

Über die Autorin

Rebecca Gablé studierte Literaturwissenschaft, Sprachgeschichte und Mediävistik in Düsseldorf, wo sie anschließend als Dozentin für mittelalterliche englische Literatur tätig war. Heute arbeitet sie als freie Autorin und lebt mit ihrem Mann am Niederrhein und auf Mallorca. Ihre historischen Romane und ihr Buch zur Geschichte des englischen Mittelalters wurden allesamt Bestseller und in viele Sprachen übersetzt. DER PALAST DER MEERE ist ihr fünfter Roman um das Schicksal der Familie Waringham, die bei Historienfans mittlerweile Kultstatus genießt.

www.gable.de

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen

Copyright © 2015 by Rebecca Gablé

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München

Für die deutsche Originalausgabe:

Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Karin Schmidt

Umschlagmotiv: The Mariners Mirror, titlepage (colour engraving), Bry, Theodore de (1528-98) / National Maritime Museum, London, UK / Bridgeman Images

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel, punchdesign, München

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

Innenillustrationen: Jürgen Speh, Deckenpfronn

Vorsatzkarte: Jürgen Speh, Deckenpfronn

ISBN 978-3-7325-1180-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Im Gedenken an Stefan Lübbe

Like as the waves make towards the pebbled shore,

So do our minutes hasten to their end.

Each changing place with that which goes before,

In sequent toil all forwards do contend.

DRAMATIS PERSONAE

Es folgt eine Aufstellung der wichtigsten Figuren, wobei die historischen Personen mit einem * gekennzeichnet sind.

Waringham

Isaac of Waringham

Eleanor of Waringham, seine ältere Schwester, das »Auge der Königin«

Isabella of Waringham, seine jüngere Schwester

Francis, Earl of Waringham, sein älterer Bruder

Millicent Howard, Francis’ Gemahlin

Lappidot, Adah und Zillah, ihre Kinder

Abigail Wheeler, eine büchersüchtige Magd

John Harrison, ein entfernter Cousin und Arzt in London

Marian Edmundson, noch ein entfernter Cousin, Abenteurer zur See

Hof und Adel

Elizabeth I. *, Königin von England

Robert »Robin« Dudley*, Earl of Leicester

William Cecil*, Secretary of State, Baron Burghley

Katherine Knollys*, offiziell Elizabeths Cousine, wahrscheinlich aber ihre Halbschwester, Hofdame

Francis Knollys*, ihr Gemahl

Laetitia »Lettice« Knollys*, ihre Tochter

Henry Carey*, Baron Hunsdon, Lady Katherines Bruder

Lady Mary Sidney*, Robin Dudleys Schwester, Hofdame

Katherine Grey*, Elizabeths Cousine, eine gefallene Hofdame

Burchard Kranich*, alias Doktor Burcot, Alchemist, Betrüger und Heiler

Thomas Tallis*, Musiker der Chapel Royal und Papist

Francis Walsingham*, Diplomat, Meisterspion, Secretary of State

Mahalath of Helmsby, eine papistische Hofdame

Jeremy und Jethro Andrews, Gentlemen Pensioners und Eleanors Schatten

Richard Topcliffe*, ein Ungeheuer

Sir Amyas Paulet*, Diplomat und Verwahrer der schottischen Königin

Sir Walter Raleigh*, Favorit der Königin, Soldat, Entdecker und Poet

Gilbert Gifford*, Doppelagent

Anthony Babington*, Verschwörer und potenzieller Königinnenmörder

John Ballard*, Jesuit und Mitverschwörer

Londoner Unterwelt

Gabriel Durham, der König der Diebe

Lewis Draper, sein Bruder

Rosalin Durham, ihre Mutter

Ben Ruby, »der Totengräber«, Gabriels Statthalter

Lancelot, Meister der »Seven Sisters«

Andrew Basset, Meister der »Merry Minstrels«

Ned Willcox, Meister der »Red Slayers«

Schotten

Mary Stewart*, Königin von Schottland

Henry Stewart*, Lord Darnley, ihr 2. Gemahl

James Hepburn*, Earl of Bothwell, ihr 3. Gemahl

Sir Graham Douglas, ein Highlander

Seefahrer und Piraten

John Hawkins*, Freibeuter, Treasurer der Admiralität

Francis Drake*, sein Cousin, Freibeuter und Weltumsegler

Robert Barrett*, Kommandant der Jesus of Lübeck

William Boroughs*, Kommandant der Golden Lion

Charles Howard of Eppingham*, Lord High Admiral

Martin Frobisher*, Freibeuter und Vizeadmiral

Spanier

Álvaro de la Quadra*, Bischof von Aquila, der spanische Gesandte am englischen Hof

Pedro Soler*, Zuckerpflanzer auf Teneriffa

Padre Pedro Soler*, sein Sohn

Fernando, sein weniger heiliger Sohn

Clara, seine Tochter

Tomás, ein Guanche, der eigentlich Arafo heißt und auch gar kein Spanier ist

Miguel de Castellanos*, Kommandant von Rio de la Hacha

Martín Enríquez de Almanza*, Vizekönig von Neuspanien

Baltasar de Escobar, Zuckerpflanzer und Goldschmuggler

José de Velasco, korrupter Gouverneur von Panamá

Alejandro Farnesio*, Herzog von Parma, Gouverneur der Spanischen Niederlande

Alonso Pérez de Guzmán*, Herzog von Medina Sidonia, Kommandant der spanischen Armada

Alte und Neue Welt um 1570
Britannien und Niederlande um 1570

ERSTER TEIL1560–1563

»Einer Frau die Regentschaft, Souveränität oder Herrschaft über ein Reich, eine Nation oder eine Stadt anzuvertrauen ist wider die Natur, anmaßend gegen Gott, ein Verstoß gegen seinen offenbarten Willen und seine Gebote, und schließlich ist es eine Untergrabung jeder guten Ordnung und Gerechtigkeit.«

John Knox: Der erste Trompetenstoß wider die abscheuliche Herrschaft der Frauen (1558)

London, März 1560

»Das Eisen ist heiß«, sagte der Constable, und das Funkeln in den Augen verriet seine freudige Erwartung.

»Hier ist ein Mann, der seine wahre Bestimmung gefunden hat«, murmelte Isaac.

»Halt lieber die Klappe«, warnte die Marktfrau, die in der dicht gedrängten Menge neben ihm stand.

Der Constable legte die Hand um den hölzernen Griff des langen Brandeisens, das in einem Kohlebecken zu seiner Linken lag, hob es hoch und zeigte den Zuschauern das rot glühende »M«. Ein beifälliges Raunen ging durch die Menge.

Die junge Frau am Pranger fing an zu schluchzen. Sie stand in unwürdiger Haltung leicht vorgebeugt, Hals und Handgelenke steckten in den dafür vorgesehenen Löchern. Ihr ohnehin schmuddeliges Kleid war mit Flecken übersät, wo die Dreckfladen und sonstigen Wurfgeschosse der Umstehenden sie getroffen hatten, die vornehmlich auf ihr schmales Hinterteil gezielt zu haben schienen.

Der Constable trat vor die arme Sünderin und strich ihr mit der linken Hand das Haar zurück; es wirkte geradezu zärtlich. Sie hatte die Augen zugekniffen, und so sah sie nicht, wie er das Eisen hob. Ohne jedes Zögern und zielsicher drückte er es ihr mitten auf die Stirn. Das glühende Eisen zischte auf der Haut, ein dunkler Rauchkringel stieg auf, und die Verurteilte stieß einen langgezogenen Schrei aus.

Die Schaulustigen applaudierten und johlten – weil der Gerechtigkeit Genüge getan war oder weil sie sich gut unterhalten fühlten, Isaac wusste es nicht.

»Das war’s. Deine zwei Stunden sind um, Mädchen«, sagte der Constable und zwickte sie augenzwinkernd in die linke Brust, ehe er den Bolzen zurückzog und die schwere hölzerne Zwinge aufklappte. »Und jetzt hör schon auf zu flennen. Wir hätten dir auch ein Ohr abschneiden können. Verdient hättest du’s allemal.«

Die Leute von Cheapside begannen, sich zu zerstreuen und kehrten zu ihren Marktständen, Läden und Werkstätten zurück.

Nur die junge Frau am Pranger rührte sich nicht.

»Was ist?«, schnauzte der Constable. »Willst du noch ein Stündchen länger bleiben?«

Sie richtete sich langsam auf, presste den Handrücken vor den Mund, um ihr Schluchzen zu unterdrücken, und torkelte nach links, gefährlich nah an den Rand der erhöhten Plattform.

Isaac stieg die fünf Stufen hinauf und nahm ihren Ellbogen. »Komm, Sarah.«

Ruckartig drehte sie den Kopf weg, damit er ihr Brandmal nicht sah. »Mir ist so schlecht …«, flüsterte sie.

»Das wird wieder«, entgegnete er und gab sich Mühe, unbekümmert zu klingen. »Jetzt lass uns erst einmal von hier verschwinden.«

»Ihr solltet Euch nicht mit so einer abgeben«, belehrte der Constable ihn streng. »Was hat ein feiner junger Gentleman wie Ihr mit einem durchtriebenen Luder wie der da zu schaffen?«

»Sie ist meine Braut«, gab Isaac zurück. »Wir wurden einander versprochen, ehe ihr Vater Opfer einer papistischen Verschwörung wurde und verarmte, sodass sie sich als Küchenmagd verdingen musste.«

Es war gelogen, aber der Constable starrte ihn verdattert an und kam gar nicht auf die Idee, diese wilde Geschichte anzuzweifeln. Isaac war ein hervorragender Lügner. Es war nichts, worauf er sonderlich stolz war, aber in einer Stadt wie dieser hatte eine solche Gabe durchaus ihre Vorzüge.

Mit einem Kopfschütteln wandte der Ordnungshüter sich ab, winkte seine beiden Büttel herbei und bedeutete ihnen, Kohlebecken und Brandeisen wegzutragen.

Sarah zitterte am ganzen Leib. Das war der Schock, nahm Isaac an. Oder womöglich auch die Kälte. Die Märzsonne, die fahl durch dünne Schleierwolken schien, hatte noch nicht viel Kraft. Falls Sarah vor ihrer Bestrafung Schuhe und Mantel besessen hatte, waren sie im Gefängnis abhandengekommen. Das dünne Kleid war kein ausreichender Schutz gegen den ruppigen Wind, der zwischen den dicht gedrängten Häusern auf der West Cheap entlangwehte.

Aber Isaac hatte seinen eigenen Umhang zu Hause vergessen wie so oft und konnte ihr deshalb nur seinen Arm anbieten. Das Mädchen stützte sich darauf und ließ sich von der Plattform helfen, das Gesicht immer noch abgewandt.

Sie gingen ein Stück die belebte Straße entlang, wo die Marktweiber, Krämersfrauen und Dienstmägde, die ihre Einkäufe erledigten, dem seltsamen Paar mit finsteren Blicken folgten oder sogar die Faust schüttelten. Dann bogen Isaac und Sarah in die Bread Street ein. Hier wurden die Häuser allmählich größer und vornehmer, und es herrschte weniger Betrieb.

An der Kirchhofmauer von All Hallows hielt Sarah an, ließ Isaac los und lehnte sich an das schmiedeeiserne Tor. »Wo willst du mich hinbringen?«, fragte sie. Ihre Stimme klang dünn.

»Keine Ahnung«, gestand er achselzuckend. »Erst mal nur weg von dort.« Er schaute sie an. Jetzt hielt sie den Kopf gesenkt, aber er konnte das rot glänzende Zeichen auf ihrer Stirn trotzdem sehen. Jeder konnte es sehen – das war ja der Sinn der Sache. »Wo … kannst du denn hin?«

»Nirgends.«

Er lehnte sich neben ihr an die hüfthohe Mauer. »Was hast du angestellt?«

Sie brauchte ein Weilchen, ehe sie es fertigbrachte, ihm zu antworten. »Ich … ich hab die Audleys vergiftet. Meine Herrschaft.«

Er zog scharf die Luft durch die Zähne. »Süßer Jesus … Dafür hätten sie dich auch in siedendem Öl kochen können.«

»Die Audleys sind aber doch nicht gestorben.«

»Trotzdem.«

»Ja, ich weiß.« Sie schwieg einen Moment. Als sie wieder sprach, klang ihre Stimme bitter: »Ich wollte sie gar nicht umbringen. Sie sollten sich nur mal ein paar Tage so richtig elend fühlen. So wie ich und alle anderen, die für sie schuften müssen.«

»Und? Hat es geklappt?« Isaac konnte ein Grinsen nicht ganz unterdrücken.

Sarah nickte. »Aber das war nicht wert, mein Leben zu ruinieren. Ich hätte nie gedacht, dass sie mir auf die Schliche kommen. Vermutlich hat einer der anderen Dienstboten mich beobachtet und dann angeschwärzt. Der Kammerdiener, schätze ich. Und jetzt … jetzt weiß ich überhaupt nicht, was aus mir werden soll, Isaac.«

Mit einem Mal überwand sie ihre Scham und hob den Kopf. Das Brandmal auf der Stirn sprang ihn regelrecht an. Es würde natürlich verheilen und verblassen. Aber keine Haube würde es jemals vollständig verdecken, dafür war es zu groß. Von heute an würde jeder, der Sarah sah, auf den ersten Blick wissen, dass sie irgendetwas Abscheuliches ausgefressen hatte, denn das »M« stand für »Missetäter«. Sie würde nie wieder anständige Arbeit finden, egal, wohin sie ging.

Isaac griff nach seiner Börse. Sie war beklagenswert leicht, doch als er den Inhalt in die Linke schüttete, sah er, dass es immerhin fast zwei Schilling waren, die er bei sich trug. Er nahm Sarahs schwielige Hand. Ihre Nägel waren ganz abgekaut. Das hatte sie als kleines Mädchen schon gemacht, als sie in die Krippe gekommen war, erinnerte er sich. Ein Waisenkind von Königin Marys Gnaden …

Isaac ließ die Pennys in ihre Hand klimpern. »Hier.«

»Das kann ich nicht annehmen«, protestierte sie halbherzig, während ihre Faust sich schon um die Münzen schloss.

Er winkte ab. »Schon gut. Morgen ist Sonnabend, da verdiene ich immer gut.«

»Womit?«, fragte sie.

»Beim Pferderennen in Mile End.«

»Du wettest?« Ihr missfälliger Tonfall war schon irgendwie drollig, so in Kombination mit dem Brandmal auf der Stirn, aber er nahm Abstand davon, sie darauf hinzuweisen.

Er schüttelte den Kopf. »Ich reite. Die Londoner Gentlemen lassen es sich etwas kosten, wenn ihre Gäule ein Rennen gewinnen.« Er verschwieg, dass er seinen Lohn gelegentlich gleich wieder verlor – beim Hahnenkampf oder bei der Bärenhatz, auf die er leidenschaftlich wettete.

Sie waren an der Einmündung zur Thames Street angelangt, wo wie üblich ein hektisches Durcheinander herrschte: Fuhrwerke, Reiter, Kutschen und Fußgänger drängten sich auf der Straße in beide Richtungen, und da nie irgendwer Platz machte, waren alle sich gegenseitig im Weg. Ein jeder war in Eile, doch viele fanden einen Moment Zeit, um die junge Küchenmagd mit dem frischen Brandmal auf der Stirn zu begaffen. Zwei Handwerksburschen in Lederschürzen spuckten auf die Straße, kaum dass sie sie passiert hatten.

Sarah war stehengeblieben und starrte furchtsam auf das Gewimmel, so als sei sie erst gestern vom Lande gekommen und nicht in Sichtweite von St. Paul aufgewachsen.

»Isaac, was … was soll ich nur tun?« Sie war bleich, ihr vormals hübsches Gesicht wirkte eigentümlich starr, und sie sah aus, als hätte sie die Zähne zusammengebissen. Sicher schmerzte die Brandwunde höllisch. Doch was ihr vor allem zu schaffen machte, war die Furcht. »Es wird bald dunkel. Ich … ich weiß nicht, wo ich hin soll.«

Isaac schämte sich ein wenig dafür, dass er ein Zuhause hatte, wohin er gehen konnte, ganz gleich, was er angestellt hatte. Das Willkommen dort war vielleicht nicht immer besonders herzlich, doch die Tür stand ihm stets offen. Und er wusste, was für ein Luxus das war. »Kennst du das Savoy?«, fragte er.

»Du meinst die Ruine draußen vor der Stadt? Wo die Beutelschneider und Straßenräuber und solches Gesindel hausen?«

»Hauptsächlich Bettler«, widersprach er. »Vielleicht auch ein paar Langfinger und Huren, aber sie sind harmlos. Es gibt schlimmere Orte, wo du landen könntest.«

»Weil ich jetzt selbst zum Gesindel zähle«, sagte sie leise. Es klang fassungslos.

Er hob kurz die Schultern und nickte. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, die Tatsache blieb, dass sie ihrer Herrschaft Gift ins Essen gemischt hatte. Er wusste, dass das Leben Sarah immer ziemlich herumgestoßen hatte. Aber das ging vielen so, ganz besonders in dieser Stadt. Nicht alle nahmen das indes zum Vorwand, das Gesetz zu brechen. Wer es tat, musste sich über sein Risiko im Klaren sein.

»Im Savoy gibt es einen Kerl mit einem Holzbein. Er ist ein Schwindler, verstehst du. Er bindet sich das gesunde Bein hoch und schnallt sein Holzbein an, um beim Betteln mehr Mitgefühl zu wecken. Darum nennen sie ihn Harry Dreibein. Geh zu ihm und bestell ihm einen Gruß von mir. Er wird dir weiterhelfen.«

»Woher kennst du solche Leute nur?«, fragte Sarah.

»Das willst du nicht wissen«, erwiderte er lächelnd, beugte sich vor und küsste sie auf die Wange. »Viel Glück, Sarah.«

Es dämmerte schon, als er die stattliche Kaufmannsvilla an der Ropery erreichte, und das Tor war verschlossen. Isaac klopfte vernehmlich an die Pforte, die in den rechten der beiden Flügel eingelassen war, und nach wenigen Augenblicken öffnete ihm der Diener, der die Pförtnerkate bewohnte.

»Danke, Hugh.« Isaac trat über die Schwelle.

Hugh nickte, biss von der Fleischpastete ab, die er in der Hand hielt, und bemerkte kauend: »Wo wart Ihr denn nur wieder? Euer Onkel ist in Sorge.«

»Oh, wunderbar«, murmelte Isaac vor sich hin. Er wusste, ›Euer Onkel ist in Sorge‹ war Hughs Ausdruck für ›Du steckst in Schwierigkeiten‹. »Wieso ist er nicht im Gildehaus oder beim Lord Mayor oder wo immer die Aldermen sich sonst treffen, um die Geschicke der Stadt zu lenken?«

»Woher soll ich das wissen?«, gab Hugh achselzuckend zurück. »Alles, was ich Euch sagen kann, ist, dass heute Mittag ein Bote aus Waringham gekommen ist, und kurz darauf schickte Euer Onkel ein paar Leute aus, Euch zu suchen. Ohne Erfolg, natürlich, weil Ihr wieder einmal nicht dort wart, wo Ihr sein solltet.«

Isaac antwortete nicht. Waringham. Nichts vermochte ihm so abrupt Bauchschmerzen zu verursachen wie dieser Name. Ein Bote. Und eine Suchmannschaft. Einen Moment lang konnte er sich nicht rühren, dann wandte er den Kopf und schaute zum Tor.

Doch Hugh hatte die Pforte verschlossen und befestigte den Schlüssel mit einer vielsagenden Geste am Gürtel. »Denkt nicht mal dran«, knurrte er.

Isaac zwang seine Füße, sich zu bewegen, ließ Hugh grußlos stehen und wandte sich nach rechts, wo das vornehme Wohnhaus seines Onkels stand. Warmes Licht fiel aus den Fenstern der Halle, flackerte dann und wann, als zwinkere es ihm zu. Es tat anheimelnd, dieses Licht, aber er wusste, es lockte ihn in irgendeine Katastrophe.

Wütend stieß er die unverschlossene Haustür mit der flachen Hand auf und stieg die Treppe zur Halle hinauf. Beinah beeilte er sich, weil er es hinter sich bringen wollte.

Durch die offene Tür trat er in den hell erleuchteten Raum mit den weinroten Seidentapeten. Seine Tante und sein Onkel saßen mit ihrem Sohn und einem Fremden am Tisch, aber ehe Isaac sie begrüßen konnte, löste sich etwas wie eine Kanonenkugel in einem grünen Kleid vom Fenstersitz und flog auf ihn zu, und im nächsten Moment klammerten sich zwei Arme um seinen Hals. »Isaac …« Es war ein tonloses Flüstern. »Gott sei Dank.«

»Isabella.« Er strich seiner Schwester ein wenig unbeholfen über den Rücken und drückte die Lippen auf ihren dunklen Schopf. Sie rührte sich nicht, lockerte auch ihren Klammergriff nicht. Ihr Gesicht war an seinem Hals vergraben, und er fühlte eine warme Nässe. Er hielt seine Schwester fest und kniff einen Moment die Augen zu. Isabella war der einzige Mensch auf der Welt, den Isaac vorbehaltlos liebte. Bei allen anderen hatte er oft Zweifel. Weil sie es nicht verdienten oder weil so schöne Gefühle nicht gerade seine starke Seite waren. Aber seine kleine Schwester liebte er unerschütterlich, bedingungslos und abgöttisch, und wenn sie traurig war oder gar weinte, wankte die Erde unter seinen Füßen.

»Was ist passiert?«

»Vielleicht hättest du die Güte, dich zu uns zu gesellen, Isaac, wo Gott schon ein Wunder gewirkt und dich nach Hause geführt hat«, lud sein Onkel Philipp ihn ein. Es war der übliche, schneidende Tonfall, diese »Was habe ich nur verbrochen, dass ich mit dir geschlagen bin«-Stimme, doch heute klang sie seltsam matt.

Isaac befreite sich behutsam aus Isabellas Umklammerung und sah ihr in die kornblumenblauen Augen. Er nahm ihre Hand und führte sie zum Tisch. Seine Tante Laura saß neben ihrem Gemahl auf einem der Brokatsessel, kerzengerade und elegant – die perfekte Dame in jeder Lebenslage. Aber auch ihre Augen waren gerötet, so als hätte sie geweint. Und von dem Ausdruck, mit dem sie ihn anschaute, wurde ihm sterbenselend: liebevoll und … mitfühlend.

Ihr Sohn Cecil saß ihr gegenüber und wünschte sich offenbar meilenweit fort, und der Mann neben ihm, den Isaac zuerst nicht erkannt hatte, war der Sohn des Stewards von Waringham.

»Jasper …«

»Isaac.«

»Also?« Isaac setzte sich neben ihn und zog Isabella auf den freien Stuhl an seiner Seite, weil er sie in seiner Nähe haben wollte.

Einen furchtbaren Moment lang sprach niemand. So als hätten sie sich alle verschworen, ihn weiter auf die Folter zu spannen.

Dann rührte sich Jasper und sagte: »In Waringham sind die Pocken ausgebrochen. Dein Neffe Lappidot ist krank. Er … Womöglich kommt er durch, es ist noch zu früh, um sicher zu sein. Aber … er hat sein Augenlicht verloren.« Jasper hatte offensichtlich Mühe, so ruhig und nüchtern fortzufahren, wie er begonnen hatte.

Isaac wollte schlucken und konnte nicht. Blind. Lappidot war sechs Jahre alt. Und blind.

Jasper sah ihm ins Gesicht. »Dein Bruder sagt, du musst nach Hause kommen.«

Das war das Letzte, wirklich das Allerletzte auf der Welt, was Isaac wollte. Mein Zuhause ist hier, hätte er einwenden können, aber er wusste, es würde nichts nützen.

»Was könnte ich denn tun?«, fragte er – eine erbärmliche Abwehr.

»Etwas völlig Neues, Isaac«, gab sein Onkel zurück, verschränkte die beringten Finger auf dem Tisch und beugte sich leicht vor. »Etwas, womit du noch keinerlei Erfahrung hast: Du könntest Verantwortung übernehmen und die Belange deiner Familie ausnahmsweise einmal über deine Wünsche stellen.«

»Ja, das klingt großartig, Sir«, konterte Isaac. »Ich wette, ich wäre eine richtig große Hilfe. Wer weiß, vielleicht kann Lappidot ja wieder sehen, wenn ich ihm die Hand auflege.«

»Du gottloses Schandmaul, wenn du …«, fuhr Master Durham auf, doch seine Gemahlin unterbrach ihn:

»Philipp, bitte. Es ist niemandem damit gedient, wenn ihr wieder streitet.«

Der mächtige Kaufherr mäßigte sich. Es kostete ihn sichtlich Mühe, aber es gab praktisch nichts, was er seiner Frau abschlug. Das hieß indes nicht, dass er schon fertig mit seinem missratenen Neffen war: »Wo hast du wieder gesteckt?«

»Gott, muss das wirklich jetzt sein?«, gab Isaac zurück, wandte sich an den Boten aus Waringham und fragte: »Wer ist sonst noch krank? Ist es schlimm?«

Jasper Pembroke nickte. »Bislang niemand sonst von eurer Familie. Meine Eltern und Geschwister sind auch noch gesund, aber meinen Onkel, den Stallmeister, hat es erwischt. Im Gestüt ist es am schlimmsten.«

Master Durham erhob sich. »Isaac, ich rede mit dir. Würdest du mich gütigst nicht ignorieren wie eine vorlaute Dienstmagd?«

Unwillig sah der junge Mann ihn wieder an. »Sir.« Er dachte nicht daran, sich zu entschuldigen.

»Ich wähnte dich in der Krippe.«

»Ich war auch dort, aber …«

»Deine Ausreden interessieren mich nicht«, fiel sein Onkel ihm ins Wort. Das machte er gern, war aber jedes Mal empört, wenn Isaac es tat. »Lass mich dich daran erinnern, wie es war, mein Junge: Du hast in der Nacht vor Aschermittwoch an der Bankside – wo du überhaupt nichts verloren hattest – eine Wirtshausschlägerei angezettelt und bist wegen Ruhestörung und ungebührlichen Betragens vor dem Richter gelandet. Ich unbelehrbarer Tor habe dein Bußgeld bezahlt – nicht zum ersten Mal –, und du hast eingewilligt, während der Fastenzeit in der Krippe zu arbeiten, um mich zu entschädigen. Weißt du überhaupt, was ein Ehrenwort ist? Bist du in der Lage, zu begreifen, was es bedeutet?«

Isaac spürte seine Wangen heiß werden, und auch ihn hielt es nicht mehr auf seinem Platz. Mit einem unangenehm lauten Schaben fuhr sein Stuhl zurück, als er aufsprang. »Ich war dort!«, wiederholte er wütend.

Es war eine Buße, die ihm vergleichsweise wenig ausmachte, denn er war gern in der Krippe. Sie war ein Waisenhaus an der Old Fish Street, das sein Vater, sein Onkel und einige andere Gönner gemeinsam gestiftet hatten, lange vor Isaacs Geburt, als der alte König Henry die Klöster dichtgemacht hatte und die Armen, Kranken und Waisen nicht mehr wussten, wohin sie sich wenden sollten. Die Krippe nahm elternlose Straßenkinder auf und behielt sie, bis sie alt genug waren, um für sich selbst zu sorgen. Weil es dort kein Gesinde gab, aber Vieh gehalten und ein großer Gemüsegarten bestellt wurde, war jede Hilfe willkommen, und Isaac hatte keine Angst davor, sich die Hände schmutzig zu machen.

»Ich weiß, was ein Ehrenwort bedeutet, Sir. So wie ich weiß, dass du diese Geschichte hier ausbreitest, um mich vor meiner Schwester und vor Jasper zu beschämen. Nur zu, tu das, wenn es dich erleichtert. Aber ich habe mein Wort nicht gebrochen. Die Köchin schickte mich auf den Markt nach Cheapside, um Speck und Zwiebeln zu kaufen, und dort stand Sarah Cooper am Pranger und wurde gebrandmarkt.«

»Sarah Cooper?«, fragte seine Tante verständnislos. »Wer ist das?«

»Sie war drei, vier Jahre in der Krippe«, erklärte ihr Sohn. »Ihr Vater wurde in Smithfield verbrannt, ihre Mutter war vorher schon gestorben. Darum kam sie zu uns.«

Auch Cecil schaute gelegentlich in der Krippe vorbei; oft genug zumindest, um deren Bewohner zu kennen. Anders als Isaac ging er jedoch nicht hin, um die Ställe auszumisten, sondern um die Bücher zu führen.

»Ich … konnte nicht einfach verschwinden, als ginge mich das nichts an«, versuchte Isaac zu erklären.

»Wieso nicht?«, fragte Master Durham. »Es ging dich in der Tat nichts an. Wenn die Kinder die Krippe verlassen, sind wir nicht länger für sie verantwortlich.«

»Aber das heißt nicht, dass wir aufhören müssen, ihre Freunde zu sein, oder?«

Sein Onkel stieß hörbar die Luft aus. »Es erstaunt mich immer wieder aufs Neue, wo du dir deine Freunde suchst.«

»Oh, jetzt komm, Vater, es reicht«, sagte Cecil begütigend, und mit einem verstohlenen Blick gab er Isaac zu verstehen, dass er wissen wollte, was Sarah Cooper angestellt und wo Isaac sie hingebracht hatte. Cecil war acht Jahre älter als er, aber auch kein Kind von Traurigkeit. Er war Isaacs verlässlichster Verbündeter in diesem Haus.

Master Durham gab nach. Es kam nicht einmal so selten vor, dass er sich von seiner Frau oder seinem Sohn erweichen ließ, denn eigentlich, wusste Isaac, war sein Onkel gar kein so übler Kerl. Sie waren eben nur wie Eule und Nachtigall: Es lag nicht in ihrer Natur, einander zu verstehen.

»Vielleicht wäre es das Beste für dich, nach Waringham zu gehen, Isaac«, sagte seine Tante. »Wenigstens für eine Weile. Diese Stadt ist ein schlechter Einfluss für ein Temperament wie deines. Du bist noch nicht einmal fünfzehn Jahre alt und schon …« Sie brach ab.

Aber Isaac wusste, was sie sagen wollte: ein Taugenichts. Ein wilder Geselle. Ein Lump, mit dem es ein schlimmes Ende nehmen wird. Und womöglich hatten alle recht, die dergleichen von ihm sagten, denn die Nacht vor Aschermittwoch war nicht die erste gewesen, die er im Gefängnis verbracht hatte.

»Bitte, Isaac, komm nach Hause«, beschwor seine Schwester ihn. »Francis und Millicent sind so verzweifelt. Wir … brauchen dich.«

Das Tonnengewicht, das er auf den Schultern spürte, wurde schwerer. Er fühlte jetzt schon, wie der Kummer seines Bruders und seiner Schwägerin ihm die Luft abschnürte.

»Dir bleibt gar nichts anderes übrig«, befand Jasper Pembroke nüchtern. »Ganz gleich, ob Lappidot lebt oder stirbt, ein Blinder kann keinen Adelstitel erben. Und dein Bruder hat keine weiteren Söhne. Du weißt, was das bedeutet.«

Isaac starrte ihn an, untypisch sprachlos, und dachte: Gott, ich weiß, ich stelle deine Güte oft auf eine harte Probe. Aber ich finde, das habe ich nicht verdient.

»Isaac?«

Er fuhr leicht zusammen, denn er hatte ihre Schritte nicht gehört.

»Was tust du hier draußen? Du wirst dir den Tod holen.«

»Nein, so leicht nicht.« Er wandte den Kopf. Die Nacht war hell, denn der Mond war mehr als halbvoll und der Himmel ungewöhnlich klar für London. Isaac konnte seine Schwester gut erkennen: Sie stand einen Schritt zur Linken, eine schmale Gestalt in einem feinen Wollmantel. Ihr Gesicht schien im Mondschein schwach zu leuchten. »Kannst du nicht schlafen?«

Isabella schüttelte den Kopf.

»Dann setz dich zu mir.« Einladend wies er neben sich auf die Krone der Mauer, die das Grundstück vom Fluss trennte. Früher war hier ein Kai gewesen, und die Schiffe der reichen Durham hatten ihre Ladungen aus aller Welt bis vor die Haustür gebracht. Aber über die Jahre waren die Schiffe immer größer geworden und konnten die London Bridge nicht mehr passieren. Die Zugbrücke zwischen dem zweiten und dritten Bogen der mächtigen Brücke, die sich früher öffnen ließ, um die Handelssegler mit ihren langen Masten hindurchzulassen, funktionierte schon seit Jahren nicht mehr, und der Stadtrat sah keinen Sinn darin, sie reparieren zu lassen. Master Durham hatte den Kai an seinem Grundstück durch die Mauer ersetzen lassen, um gegen die häufigen Hochwasser gefeit zu sein. Ein paar Stufen führten zur Mauerkrone hinauf, eine längere Treppe auf der anderen Seite hinab zum Ufer und der kleinen Anlegestelle, wo die feine Barke mit dem Wappen der Durham vertäut lag.

Isabella kletterte behände hinauf und setzte sich neben ihren Bruder.

Wortlos reichte Isaac ihr seinen Becher.

Sie trank einen Schluck und verzog das Gesicht. »Ich glaube, an Bier werde ich mich nie gewöhnen.«

»Gut so«, lobte er pflichtschuldig.

Sie schwiegen ein Weilchen und lauschten den Geräuschen vom Fluss, dem leisen Gurgeln der zurückströmenden Flut, dem Grölen der Betrunkenen in einem vorbeiziehenden Wherry.

»Ich verstehe einfach nicht, was du an dieser Stadt findest«, brach es aus Isabella hervor. »Sie ist laut und vulgär und dreckig.«

»Drei gute Gründe, sie zu lieben«, erwiderte er und grinste in seinen Becher.

»Im Ernst, Isaac.« Die Augen der Zwölfjährigen betrachteten ihn mit Unverständnis. »Waringham ist so wundervoll, so friedlich und schön.«

»Friedlich. Wie eine Gruft.«

»Komm schon, das stimmt nicht. In der Schule herrscht ewig Trubel, auf dem Gestüt genauso. Und übernächste Woche ist der Jahrmarkt. Ich hoffe jedenfalls, dass Francis ihn nicht absagen muss wegen der Pocken. Für mich ist Waringham … ich weiß nicht so recht. Wie ein Stück vom Paradies.«

»Ich bin froh für dich«, bekannte er. »Aber für mich ist es eher die Hölle.«

»Wieso?«

»Weiß nicht.« Er dachte einen Moment nach. »Weil dort immer so grässliche Dinge passieren, schätze ich.«

Dabei hatte er keineswegs immer so empfunden.

Isaac war als Bastard zur Welt gekommen, während sein Vater, der Earl of Waringham, im Tower eingesperrt gewesen war und auf seine Hinrichtung wartete. Die war dann jedoch in letzter Minute abgeblasen worden, und Isaacs früheste Erinnerung war die an einen herrlichen Sommertag in Waringham, seine Mutter in einem wundervollen blauen Kleid, strahlende Augen und lachende Gesichter, wohin man blickte: die Hochzeit seiner Eltern. Damals war Waringham noch kein Ort des Schreckens gewesen, im Gegenteil. Wenn Isaac gelegentlich versuchte, zu ergründen, warum er so geraten war, wie er war – was nicht besonders häufig vorkam –, und sich zurückbesann, war das Waringham der Vergangenheit immer ein sicherer, heller Ort. Zurückgezogen und fernab vom Hof hatten sie dort in der ländlichen Einöde von Kent gelebt, und wann immer er konnte, hatte Isaac sich vor dem Schulunterricht gedrückt und war ins Gestüt geschlichen, wo niemand je verlangte, er solle anders sein, als er war.

Die Schatten waren gekommen, als Mary Königin wurde. Erst für Isaac, dann für den Rest von England. Weil sein Vater Mitglied des Kronrats geworden war, seine Mutter erste Hofdame der Königin, waren seine Eltern plötzlich aus dem idyllischen Landschaftsgemälde, das Waringham war, herausgepurzelt. Bedenkenlos hatten sie Isaac und Isabella in der Obhut ihres großen Bruders in Waringham zurückgelassen, um bei Hofe zu leben, doch Francis hatte nicht verhindert, dass Vater Simon, der das berühmte Internat von Waringham jetzt in Lord und Lady Waringhams Abwesenheit leitete, Isaacs Freiheit ein Ende machte und ihn an die Schulbank fesselte – gelegentlich im wahrsten Sinne des Wortes. Irgendwann war Isaac so verzweifelt und wütend gewesen, dass er Vater Simons Bett in Brand gesteckt hatte. Der strenge Schulmeister hatte nicht darin gelegen, als es geschah, aber es hatte ihr Verhältnis nicht gerade verbessert. Francis hatte glaubhaft den Anschein erweckt, er leide unter der Misere mehr als sein kleiner Bruder, aber geholfen hatte er ihm nicht. Du musst dich ändern, Isaac, nicht die Welt um dich herum, hatte Francis gesagt. Mit Trauermiene. Aber Isaac konnte nicht.

Dann hatte die Königin aus Gründen, die er nie begriffen hatte, plötzlich angefangen, Protestanten zu verbrennen. Sein Vater war nach Waringham zurückgekehrt und hatte Francis befohlen, mit seiner Frau und seinen Kindern auf den Kontinent ins Exil zu gehen, denn auch Francis und Millicent waren Protestanten.

Du glaubst nicht im Ernst, die Königin würde den Sohn ihres loyalsten und ältesten Freundes auf den Scheiterhaufen stellen, oder?, hatte Francis ungläubig gefragt.

Über das, was diese Königin zu tun bereit und in der Lage ist, wage ich keine Prognosen mehr, hatte ihr Vater geantwortet, und von der Verbitterung in seiner Stimme war Isaac ganz flau geworden.

Also ab mit Francis und den Seinen nach Frankfurt. Ihr Vater hatte Isaac und Isabella mit nach London genommen. Isaacs Martyrium hatte also ein Ende gefunden, und seine Mutter hatte ihr Hofamt niedergelegt, weil sie die Königin nicht länger ertragen konnte, und sich um ihn und seine kleine Schwester gekümmert. Aber nichts war besser geworden. Während in Smithfield die Scheiterhaufen loderten und lähmende Angst sich über die Stadt legte wie bitterer Brandgeruch, war die Ernte auf den Feldern verdorben, zwei Jahre hintereinander. Ganz England hungerte, aber nirgendwo war es so schlimm wie in London. Schließlich waren sie nach Waringham zurückgekehrt. Kaum dort, hatte sein Vater einen Schnupfen bekommen. Seine Mutter einen Tag darauf. Eine Woche später waren beide tot.

Als lese sie seine Gedanken, sagte Isabella: »Es war die Grippe, die sie umgebracht hat, Isaac. Nicht Waringham. Was ist das für ein abergläubischer Unsinn, den du da ausbrütest?«

»Ich habe nie behauptet, es habe an Waringham gelegen«, protestierte er.

Als hätte er gar nichts gesagt, belehrte seine kleine Schwester ihn weiter: »Beinah ein Zehntel aller Engländer ist daran gestorben. Es war eine Epidemie.«

»Ja, Isabella, ich weiß«, erwiderte er ungeduldig. »Aber ist dir noch nie der Gedanke gekommen, dass Vater die verdammte Grippe …«

»Nicht fluchen!«

»Entschuldige. Dass er sie willkommen geheißen hat, weil er es einfach nicht aushalten konnte, dass die Königin, die er auf den Thron gesetzt hatte, den Verstand verloren hat und ihre eigenen Untertanen verbrannte?«

Isabella schauderte, aber sie schüttelte den Kopf. »Er hat sich bestimmt Vorwürfe gemacht. Das sagt Madog auch. Aber die Grippe kann man sich doch nicht aussuchen, Isaac. Und du weißt ganz genau, dass er uns niemals im Stich gelassen hätte.«

»Nicht freiwillig«, räumte er ein.

Master Durham und seine Frau, die eine Schwester des verstorbenen Lord Waringham war, hatten Isaac in ihr Heim aufgenommen und immer behandelt, als wäre er ihr eigenes Kind. Und Isaac hatte praktisch nichts unterlassen, um sicherzustellen, dass sie diesen Schritt bitter bereuten. Nicht aus böser Absicht. Eher versehentlich.

Isabella hingegen war in Waringham geblieben, weil sie das unbedingt wollte. Madog Pembroke, der Steward, hatte sie in seine Familie aufgenommen, bis Königin Mary ihr schwer geprüftes Land im vorletzten Herbst endlich von ihrer Gegenwart erlöst hatte und starb, ihre Schwester ihr auf den Thron folgte und Francis, der neue Lord Waringham, genau wie all die anderen protestantischen Exilanten nach Hause kommen konnte.

»Ich hatte irgendwie geglaubt, jetzt sei endlich Ruhe«, sagte Isaac. »Schluss mit Scheiterhaufen und Schicksalsschlägen. Aber siehe da, Lappidot hat die Pocken und ist blind. Vielleicht irre ich mich, kann schon sein. Vielleicht ist Waringham kein Unglücksort. Trotzdem frage ich mich langsam, wie unser Geschlecht fünfhundert Jahre überdauern konnte.«

»Mit Beständigkeit, Bruder«, antwortete Isabella und sah ihm ins Gesicht. »Mit Geradlinigkeit und mit Ehre.«

»Ach herrje.« Er kratzte sich am Kopf. »Alles Dinge, die ich nicht besitze.«

»Das tust du sehr wohl!«

Er musste über ihren entrüsteten Tonfall lachen, legte einen Arm um ihre Schultern und sah auf den Fluss hinab. Tausendfach spiegelten die Wellen das Mondlicht, funkelten wie die Kronjuwelen und machten den Fluss schöner, als er es je bei Tag sein konnte. Am gegenüberliegenden Ufer blinkten die Lichter der Bankside, denn die Schänken und Hurenhäuser dort drüben lagen außerhalb der Stadtgrenzen und kannten daher keine Sperrstunde. Die Vorstellung, all dem den Rücken kehren zu müssen, war deprimierend. Schlimmer als das. Sie war niederschmetternd.

Er spürte Isabella frösteln und ließ sie los. »Geh lieber ins Haus, es wird zu kalt.«

Sie nickte. »Und was ist mit dir?«

»Ich komme gleich nach.«

Sie ergriff seine Rechte, drückte sie kurz an ihre Wange und ließ sie dann wieder los. »Es wird besser gehen, als du glaubst«, sagte sie zuversichtlich, während sie von der Mauer kletterte. »Wenn du erst einmal zu Hause bist und die Fohlzeit anfängt, wirst du dieser grässlichen Stadt keine Träne mehr nachweinen und sie einfach vergessen.«

Wenn ich tot bin, dachte er. Nicht eher. »Ja, bestimmt.«

»Bleib nicht mehr so lange«, ermahnte sie ihn. »Jasper will früh aufbrechen.«

»In Ordnung. Gute Nacht, Isabella.«

Sie verschmolz mit den Schatten der akkurat beschnittenen Büsche des Gartens, und Isaac wartete, bis er die Haustür hörte. Dann leerte er ohne Hast seinen Becher, stand schließlich auf und balancierte mit ausgebreiteten Armen die Mauerkrone entlang, bis er die Treppe erreichte. Statt seiner Schwester ins Haus zu folgen, stieg er die Stufen zur Anlegestelle hinab, kletterte in das kleinere der beiden Boote seines Onkels und löste die Leine.

»Ich stehle es nicht, Gott«, stellte er klar. »Ich borge es nur.«

Greenwich, März 1560

»Aber irgendwen muss sie heiraten, Mylady«, sagte Don Álvaro de la Quadra, der spanische Gesandte. Es klang beschwörend.

Eleanor of Waringham zog die linke Braue in den Höhe. »Irgendwen?«

»Natürlich wäre es die beste Lösung gewesen, sie hätte sich für Seine Majestät, meinen Herrn König Felipe, entschieden, der ihr Schwager und immer ein Freund der Engländer war, aber …« De la Quadra brach kopfschüttelnd ab.

»Aber König Felipe war des Wartens müde und hat eine französische Prinzessin genommen, darum ist es jetzt wirklich müßig, davon zu reden, nicht wahr?«, bemerkte Eleanor. Sie sagte es mit leisem Spott. Verschmitzt, hätte man meinen können. Denn der spanische Gesandte sollte nicht merken, wie besorgt man am englischen Hof über Felipes eheliche Verbindung mit Frankreich war.

Ein zweistimmiges Lachen ließ sie beide aufschauen. Die Königin stand ein wenig außer Atem vor ihrem Tanzpartner. »Wollt Ihr wohl achtgeben, Ihr unmusikalischer Klotz!«, schalt sie. »Wenn Ihr die Schritte nicht auswendig kennt, müsst Ihr eben zählen. Oder war es Eure Absicht, Eurer Königin den Hals zu brechen?«

Robin Dudley verneigte sich. »Ich ersuche untertänigst, mir die Antwort zu erlassen«, erwiderte er frech.

Elizabeth schlug ihm mit dem Fächer vor die Brust – nicht gerade sanft. »Gleich noch einmal«, befahl sie, und auf ihr Zeichen setzten die Musiker wieder ein. Dudley legte die Hände um ihre Taille, sie die Linke auf seine Schulter, und er hob die Königin zu einer Drehung, als wiege sie nicht mehr als ein Strohhalm. Als er sie absetzte, fanden ihre Hände zueinander, und dieses Mal klappte die komplizierte Wende ohne Pannen.

Elizabeths Augen strahlten.

Dudley setzte zur nächsten Hebefigur an, sodass der Lord Chamberlain und der Lord Treasurer ihm eilig Platz machen mussten.

»Aber die Königin kann doch unmöglich daran denken, ihn zum Gemahl zu nehmen«, wisperte de la Quadra.

»Wie kommt Ihr nur darauf, Exzellenz?«, gab Eleanor zurück, ohne den Blick von den Tänzern abzuwenden. »Ganz abgesehen von allem anderen, hat Robin Dudley bereits eine Gemahlin.«

Der Gesandte schnaubte diskret. »In diesem Land sind Scheidungen doch leichter zu erwirken als Weiderechte …«

Eleanor wandte den Kopf und schaute ihm in die Augen. Sie hielt jeden Ausdruck aus ihrem Gesicht fern und sagte nichts. Schweigen, hatte sie gelernt, konnte manchmal mehr sagen als tausend Worte, und so war es auch dieses Mal: Dem spanischen Gesandten fiel plötzlich siedend heiß ein, dass auch Eleanors Eltern sich hatten scheiden lassen. Seine Taktlosigkeit beschämte ihn so sehr, dass er errötete. Eleanor verbuchte das als persönlichen Triumph, denn Diplomaten sah man nicht gerade oft erröten.

Für einen winzigen Moment berührte sie seinen Ärmel, um ihm zu bedeuten, dass ihm verziehen war. Dann vertraute sie ihm an: »Sie ist sich ihrer Lage sehr wohl bewusst, seid versichert. Ihr mögt die Königin für flatterhaft halten, Exzellenz, oder gar für verantwortungslos, weil sie sich noch für keinen Bräutigam entschieden hat. Aber sie ist weder das eine noch das andere.«

»Natürlich nicht«, pflichtete er ihr hastig bei, aber sie hörte, dass er nicht überzeugt war.

Kühl und grau ging der Tag vor den Fenstern des Presence Chamber zur Neige, und Regen begann gegen die Butzenscheiben zu klimpern. Die Diener gingen umher und zündeten eine verschwenderische Zahl von Kerzen an, sodass die Brokatgewänder und Juwelen der Höflinge zu funkeln begannen.

Wie meistens verbrachte Elizabeth den Nachmittag auch heute hier in der großen Audienzhalle, empfing Gesandte, Lords, Bischöfe oder andere wichtige Gentlemen, um sich ihre Anliegen oder Berichte anzuhören. Es war ein ansprechender, wundervoll ausgestatteter Raum und in der kalten Jahreszeit immer ausreichend beheizt, aber alle Anwesenden im Presence Chamber mussten stehen – und zwar oft stundenlang –, während die Königin auf einem prunkvollen Sessel saß. Und wenn sie des Stillsitzens überdrüssig wurde, kam es vor, dass sie nach den Musikern schickte und einem der anwesenden Gentlemen die Ehre erwies, eine Gaillarde mit ihm zu tanzen. Oder auch eine Volta wie gerade eben, die deutlich mehr Berührungen gestattete als die vergleichsweise züchtige Gaillarde und über die mancher Bischof den Kopf schüttelte, weil bei den Hebefiguren gelegentlich ein Blick auf die Unterröcke der Tänzerin gewährt wurde. Von sauertöpfischen Moralhütern ließ die Königin sich freilich nicht abhalten, und in letzter Zeit erwählte sie für die Volta meistens Robin Dudley. Oder genauer gesagt: immer Robin Dudley. Er war ein hervorragender Tänzer. Ebenso ein exzellenter Reiter und Fechter, er verstand sich zu kleiden, hatte mit der Königin und Eleanor zusammen die Schulbank gedrückt und war darum hoch gebildet und sprach vier oder fünf Sprachen – kurzum, Robin Dudley hatte alles, was die Königin an einem Mann schätzte.

Kein Wunder, dass der spanische Gesandte nervös war. Eleanor war es auch.

»Es wird ihr nun gar nichts anderes mehr übrigbleiben, als Erzherzog Karl von Österreich zu nehmen«, befand de la Quadra. »Wenn sie das Haus Habsburg als Verbündeten verliert, ist England endgültig isoliert. Ihr bleibt gar keine Wahl.«

»Sie ist die Königin«, erinnerte Eleanor ihn kühl. »Sie hat die Wahl, seid versichert.«

»Aber sie muss doch wissen, welch eine mächtige Allianz die Schotten und die Franzosen bilden, jetzt, da Mary Stewarts Gemahl König von Frankreich geworden ist«, zischte der Gesandte aufgebracht. »Und solange Königin Elizabeth nicht heiratet und Söhne zur Welt bringt, ist Mary Stewart als ihre Cousine ihre Erbin!«

»Es gibt andere, die als Erben ebenso in Frage kommen. Und davon abgesehen, wird Euer König Felipe England vor der französisch-schottischen Allianz schützen, wenn er weiß, was gut für ihn ist, nicht wahr? Denn sobald Frankreich seine gierigen Finger nach den spanischen Niederlanden ausstreckt, wird er England brauchen. Also droht mir nicht, denn es wird nichts nützen.«

Don Álvaro de la Quadra schüttelte den Kopf. Es betrübte ihn immer, wenn er erleben musste, dass eine Frau wie ein Mann mit ihm redete, wusste Eleanor. Das widersprach seiner Vorstellung von der gottgewollten Ordnung der Welt. De la Quadra war nicht nur der Gesandte des spanischen Königs in England, er war auch der Bischof von Aquila, darum hielt er sich für einen Experten, was die gottgewollte Ordnung der Welt anging. Eleanor musste allerdings einräumen: Nicht nur katholische Bischöfe vom Kontinent sprachen einer Königin die Fähigkeit ab, ohne einen Gemahl an ihrer Seite zu herrschen. Die protestantischen Gelehrten taten das gleiche. Ein Weib ist unausgefüllt ohne Mann und Kinder, hatte einer von ihnen in der Halle ihres Bruders erklärt, und wenn ihr Gärtchen nicht beackert wird, trübt sich ihr Geist. Gefährlich für eine Königin …

Eleanors Bruder Francis, der Earl of Waringham, hatte den Gast eigenhändig und ziemlich unsanft aus seiner Halle befördert – was ihm überhaupt nicht ähnlich sah –, aber der Mann hatte nur gesagt, was die meisten Menschen glaubten.

»Sie muss sich für einen Bräutigam entscheiden, und zwar bald«, grollte de la Quadra leise. »Wenn sie es nicht tut, wird sie ganz Europa ins Chaos stürzen. Und wenn sie diesen Fatzken nimmt, erst recht.«

Eleanors Mundwinkel verzogen sich amüsiert, als sie sich vorstellte, was Robin Dudley wohl dazu sagen würde, als Fatzke bezeichnet zu werden. Er reagierte ausgesprochen empfindlich auf Beleidigungen. Darüber hinaus war er das nicht. Er war ein Draufgänger und hatte ein Talent, andere Männer mit seiner scharfen Zunge gegen sich aufzubringen, aber er war ein großartiger Mann. Einer der besten, die Eleanor kannte. Willensstark, unerschrocken, humorvoll und in aller Regel aufrichtig. Das war ja das Schlimme. Jeder, der Robin kannte, verstand, warum die Königin so bezaubert von ihm war. Oder vielleicht war besessen das treffendere Wort …

Elizabeth war zu ihrem Thronsessel zurückgekehrt, und die Musiker hatten sich zurückgezogen. Die Königin stützte die Hände auf die Armlehnen – es war eine Geste der Entschlossenheit – und sah sich im Presence Chamber um. »Don Álvaro«, sagte sie mit einem Lächeln. »Was gibt es Neues von meinem lieben Schwager Felipe?«

De la Quadra verabschiedete sich mit einer hastigen Verbeugung von Eleanor und trat vor die Königin. »Der König ist in Sorge wegen der Hugenotten in Frankreich, Majestät«, berichtete er.

»Wie schön, dass er einmal um etwas anderes besorgt ist als mein Wohlergehen und das meiner Untertanen«, gab sie schelmisch zurück, und hier und da wurde geschmunzelt und gekichert.

»Das seinem Herzen indes niemals fern ist«, versicherte der Gesandte.

»Erinnerst du dich, wie es war, als ihr Vater König war?«, fragte Robin Dudley leise, der zu Eleanor ans Fenster getreten war.

»Das könnte ich schwerlich vergessen. Wenn mein Vater und König Henry im selben Raum waren, bekam ich kaum Luft vor Angst.«

»Ja, sie waren nicht die besten Freunde, so viel ist gewiss«, gab Robin grinsend zurück. Er hatte bemerkenswert gute Zähne, die immer ein wenig zu leuchten schienen, wenn er lächelte, weil seine Haut dunkler war als die der meisten anderen Leute. Zigeuner nannten seine zahlreichen Feinde ihn deswegen abfällig. »Wenn der alte König einen Scherz machte, brachen die Höflinge in Gelächter aus. Lang und laut. Und immer klang es gepresst oder schrill, denn es war nicht ehrlich. Sie lachten, weil sie fürchteten, was er tun würde, wenn sie es nicht täten.«

Eleanor nickte.

»So ist es bei ihr niemals.« Er ruckte diskret das rundliche Kinn in Elizabeths Richtung. »Sie kann auch furchteinflößend sein und toben wie ihr alter Herr, aber sie macht die Menschen nicht so nervös.«

»Nein, ich weiß.« Die Höflinge und Bediensteten verehrten ihre Königin. Der Kronrat respektierte sie. Und die Damen und Gentlemen ihres Gefolges liebten sie. Einige lagen ihr auch zu Füßen. Manchmal erschreckte Eleanor das.

»El, tust du mir einen Gefallen?«, fragte er unvermittelt.

Sie unterdrückte ein Seufzen. »Das sollte ich eigentlich nicht, aber ich halte es nicht für völlig ausgeschlossen.«

»Würdest du zur Pferdeauktion deines Bruders reiten und zwei seiner andalusischen Stutfohlen für mich ersteigern?«

»Warum in aller Welt machst du das nicht selbst?«, fragte sie verblüfft. »Du bist Master of the Horse an diesem Hof, nicht ich.«

»Ich weiß.« Er schwieg einen Moment, als wolle er abwarten, ob sie ohne weitere Erklärungen einwilligte. Als er feststellen musste, dass sie das nicht tat, bekannte er eine Spur verlegen: »Du und ich wissen, dass an meiner Stelle Francis Master of the Horse hätte werden müssen. Darum ist es mir immer ein wenig peinlich, mit ihm über Pferdeangelegenheiten zu sprechen.«

»Oh, Robin«, schalt sie lachend. »Sollte es möglich sein, dass du meinen Bruder so schlecht kennst? Ein Hofamt ist das Allerletzte auf der Welt, was er je gewollt hätte. Im Übrigen beschämt es dich sonst nie, wenn du die Vorzüge deiner privilegierten Stellung genießt.«

»Was soll das denn bitte heißen?«, fragte er, und die haselnussbraunen Augen verdunkelten sich um eine Nuance, wie immer, wenn er entrüstet oder wütend war.

»Ein lukratives Amt, Ländereien, ein Haus in Kew, der Hosenbandorden«, zählte sie auf. »Und das alles innerhalb eines Jahres. Habe ich etwas vergessen?«

»Nein«, knurrte er. »Und wenn du erwartest, dass ich mich rechtfertige, muss ich dich enttäuschen.«

»Das erwarte ich nicht«, stellte Eleanor klar. Sie wusste, es war kein geringes Opfer, das Robin erbringen musste, um für die königliche Gunst zu bezahlen. Elizabeth hatte ihm Gemächer gleich neben ihren eigenen zuweisen lassen und suchte ihn dort zu jeder Tages- und Nachtzeit auf, um Karten zu spielen, italienische Gedichte zu lesen oder einen Rat einzuholen, den sie dann meistens doch nicht befolgte. Robin Dudley war nicht mehr Herr über seine Zeit und seine Person. Er gehörte der Königin mit Haut und Haar. Er musste sich ständig zu ihrer Verfügung halten, und sie gestattete nicht, dass er seine Frau besuchte.

Im Grunde ging es Eleanor kaum anders. Es gab vieles, was sie und Robin gemeinsam hatten: Beide waren sie mit der Königin zusammen aufgewachsen, hatten sie durch ihre wechselvolle und stürmische Jugend begleitet, waren beide mit ihr zusammen im Tower eingesperrt gewesen, als Königin Mary, Elizabeths ältere Schwester, die jüngere verdächtigte, an einer Revolte gegen sie beteiligt gewesen zu sein. All ihre Köpfe hatten damals gewackelt, auch wenn für Elizabeth die Gefahr am größten gewesen war. Schreckliche und gute Zeiten hatten sie gemeinsam erlebt. Doch während Eleanor sich keinen anderen Ort auf der Welt vorstellen konnte, wo sie sein wollte, als an der Seite der Königin, fragte sie sich manchmal, wie freiwillig Robin seine Rolle übernommen hatte. Auf einem weißen Schlachtross war er damals nach Hatfield gekommen, als Mary gestorben war und Elizabeth zur Königin proklamiert wurde, und hatte sich ihr zu Füßen geworfen. Hatte er geahnt, dass er dort eineinhalb Jahre später immer noch sein würde, zu ihren Füßen, um ein paar Ländereien, aber ebenso ein paar Blessuren reicher?

Eleanor wusste es nicht.

»Also wirst du’s nun tun oder nicht?«, fragte er.

»Das kommt darauf an, welche Nachrichten wir aus Schottland hören«, gab sie zurück. »Alles wird davon abhängen, ob wir die Blockade des Firth of Forth halten können. Wenn die Lage sich nach Ostern zuspitzen sollte, kann ich nicht nach Waringham und Gäule für dich kaufen.«

Er lehnte sich neben ihr an die Wand und verschränkte die Arme in dem vornehmen geschlitzten Wams. »Ist es wahr, dass die alte schottische Königin krank ist?«

»Ich bin überzeugt, du weißt so viel wie ich«, gab sie zurück.

Marie de Guise, die französische und höchst katholische Königinmutter, regierte Schottland, während die rechtmäßige Königin, Mary Stewart, an der Seite ihres Gemahls den französischen Thron zierte. Aber auch in Schottland waren die Protestanten auf dem Vormarsch, und ihre Opposition war stark. Um sie zu unterstützen und die gefährliche Allianz zwischen Frankreich und Schottland auszuhöhlen, hatte Königin Elizabeth den schottischen Rebellen Soldaten und Schiffe geschickt und belagerte Leith, den Hafen von Edinburgh, um französische Schiffe abzufangen, die Marie de Guise Truppen und womöglich Kanonen bringen wollten.

»Das wage ich zu bezweifeln«, antwortete Robin. »Und was genau erwartet die Königin, das du tust, sollten die Franzosen die Blockade durchbrechen?«

Eleanor sah ihn an und lächelte. »Frag lieber nicht, Robin.«

»Warum nicht? Denkst du, deine Antwort könnte mir den Schlaf rauben?«

»Nichts könnte dir den Schlaf rauben«, gab sie zurück. »Aber deine letzten Illusionen vielleicht.«

Er hob abwehrend die Linke. »Verstehe. Also sag lieber nichts. Sie sind mir teuer, meine letzten Illusionen.«

Nachdem die Königin das Presence Chamber verlassen hatte, leerte der Saal sich zügig. Für die Gesandten wurde es Zeit, sich auf den Rückweg in die Stadt zu machen, für die Höflinge, sich für das abendliche Bankett umzukleiden. Wenn die Königin in Greenwich – ihrem Lieblingspalast – weilte, gab es fast jeden Abend ein prachtvolles Bankett, und oft wurde bis weit nach Mitternacht getanzt und gefeiert. Die Graubärte im Kronrat schüttelten die Köpfe über so viel Prunk und Ausgelassenheit, aber sie hatten eigentlich keinen Grund, sich zu beklagen. Ganz im Gegensatz zu ihrem Vater verstand die Königin es, die höfischen Freuden zu genießen, ohne ihre Pflichten zu vernachlässigen. Sie stand vor Tau und Tag auf, egal, wie spät es nachts zuvor geworden war, widmete ein oder zwei Stunden ihren philosophischen oder literarischen Studien und machte anschließend bei jedem Wetter einen strammen Spaziergang durch die Parkanlagen, ehe sie sich in ihren Privatgemächern das Frühstück servieren ließ, in dessen Verlauf sie ihre Hofbeamten oder Ratgeber empfing, um ihr Tagewerk zu beginnen. Königin Elizabeth vernachlässigte ihre Amtsgeschäfte niemals und fand nur deswegen Zeit zum Ausreiten, Musizieren und Tanzen, weil sie mit wenig Schlaf auskam.

Als Eleanor und Robin ihr ins innere Heiligtum des Palastes folgten, wo Elizabeths Privatgemächer lagen und nur ihre engsten Vertrauten Zutritt hatten, trafen sie an der Tür zum Privy Chamber auf Sir William Cecil, den Secretary of State.

»Lady Eleanor? Ich hatte gehofft, Euch vor dem Essen noch kurz zu sprechen«, sagte er. Seine Stimme war tief und ein wenig rau, doch er sprach meist in mildem Tonfall. Erst als sein Blick auf Robin fiel, gruben sich schlagartig Furchen in seine Stirn. »Dudley.«

»Cecil«, grüßte Robin kaum weniger frostig. »El, wir sehen uns später.« Damit wandte er sich ab und eilte davon.

»Ungehobelter Rüpel«, knurrte Cecil ihm hinterher.

Eleanor gab keinen Kommentar ab. Das tiefe gegenseitige Misstrauen und die Antipathie dieser beiden Männer waren ihr alles andere als neu.

»Ich schwöre, die ständige Anwesenheit dieses Emporkömmlings bei Hofe bringt mich in ein frühes Grab«, prophezeite der Secretary.

Eleanor schnalzte mitfühlend, wandte aber ein: »Den Triumph würdet Ihr ihm niemals gönnen, Sir.«

Cecil lächelte sie treuherzig an, und die Krähenfüße um seine Augen, die dieses Lächeln zum Vorschein brachte, vertrieben für einen Moment den melancholischen Ausdruck.

William Cecil war zweifelsfrei der mächtigste Mann an der Seite der Königin und ihr genauso ergeben wie Robin Dudley, aber die beiden Männer waren einfach zu unterschiedlich, um einander zu verstehen. War Robin ein temperamentvolles Schlachtross, dann war Cecil ein Arbeitspferd. Er stammte aus einem unbedeutenden Rittergeschlecht, welches dem Hause Tudor seit drei Generationen treu diente. Er hatte in Cambridge studiert, wo er neben einer soliden klassischen Bildung eine protestantische Gesinnung erworben hatte. Am Gray’s Inn in London hatte er die Rechtswissenschaften erlernt und an einem der königlichen Gerichte seine Laufbahn im Dienst der Krone begonnen. Er war vierzig, sah aus wie sechzig, er trank und aß mäßig, bevorzugte dunkle Kleidung und enge Halskrausen und besaß keinen nennenswerten Humor. Darüber hinaus war er absolut integer, fleißig, gescheit und listenreich und Elizabeth unerschütterlich ergeben.

Eleanor war heilfroh, dass sie ihn hatten.

Jetzt hob er belehrend einen Zeigefinger. »Ich sage Euch, Dudley wird sie und uns alle ins Unglück stürzen. Er ist verantwortungslos und unbedacht und nur auf seinen eigenen Vorteil aus.«

»Ihr tut ihm unrecht«, widersprach Eleanor kurz angebunden.

»Ihr wisst ganz genau, worauf er es abgesehen hat«, beharrte er. »Und wenn er Erfolg hat und sie ihn in ihr Bett lässt, dann gnade uns Gott …«

»Seine Anwesenheit bei Hofe entspricht ihrem Wunsch und Befehl«, erinnerte sie ihn. »Ich sehe nicht, welche Wahl er hätte.«

»Sein Vater und sein Großvater wurden als Verräter hingerichtet, was glaubt Ihr …«

»Es gab solche, die auch meinen Vater und meinen Großvater Verräter genannt haben«, fiel sie ihm ins Wort.

»Das war anders«, widersprach er kategorisch. »Sie waren unschuldig.«

»Hätte mein Vater Robins Vater nicht besiegt, sondern umgekehrt, würden heute alle etwas anderes sagen.« Und um das leidige Thema zu beschließen, fragte sie: »Ihr wolltet mich sprechen?«

Er nickte, nahm zaghaft ihren linken Ellbogen und führte sie zu einem dämmrigen Fenstersitz. Robin machte sich gern darüber lustig, dass der Secretary vertrauliche Gespräche vorzugsweise in dunklen Ecken führe, und es stimmte.

»Die Königin hat angedeutet, dass der Herzog von Finnland uns nach nunmehr vier Monaten lange genug mit seinem Besuch entzückt hat«, begann er mit konspirativ gesenkter Stimme, obwohl sie allein waren. »Er sammelt Calvinisten und andere Eiferer um sich, und Ihr wisst, wie die Königin über religiösen Fanatismus denkt. Sie möchte den Herzog gern loswerden, aber es muss auf eine Weise geschehen, die seinen königlichen Bruder, Erik von Schweden, nicht brüskiert.«

»Nichts leichter als das, Sir. Johann von Finnland ist ein Gauner. Er hat seinen Londoner Schneider mit Falschmünzen bezahlt.«

»Was?« Der Secretary sah sie fassungslos an. Aber er fragte nicht: Ist das sicher? Er wusste, dass Eleanor ihm nie ein Geheimnis enthüllte, das nicht überprüft und erwiesen war.

»Und nicht nur den Schneider«, fuhr sie fort. »Er wirft mit Geld nur so um sich, aber vornehmlich mit gefälschten Reichsgulden. Ihr Silbergehalt ist so gering, dass kein Kaufmann in London mehr Geschäfte mit Herzog Johann machen will.«

»Hm.« Cecil strich sich mit der Linken über den spärlichen weißen Bart. »Denkt Ihr, wenn wir ihn damit konfrontieren, wird er beschämt genug sein, um abzureisen?«

»Wir könnten ihm auch höflich drohen. Wenn der Kaiser von diesen Falschmünzen erfährt, dürfte er alles andere als erbaut sein, denn eigentlich ist der Reichsgulden eine Kurantmünze.«

»Eine was?«, fragte Cecil.

»Kurantmünze. Das heißt, der Silberwert entspricht dem Nennwert. Der Kaiser hat diese hochwertigen Münzen eingeführt, damit es überall in seinem Reich eine einheitliche Währung gibt, der die Menschen vertrauen. Wenn sich herumspricht, dass Falschmünzen im Umlauf sind, ist dieses Vertrauen im Handumdrehen erschüttert, denkt Ihr nicht?«

Der Secretary schüttelte den Kopf. »Woher wisst Ihr solche Dinge nur immer?«

»Ich könnte mich entschließen, Eure Verwunderung als Beleidigung aufzufassen. Dass Herzog Johann die Londoner Krämer betrügt, weiß ich von einer meiner wertvollsten Quellen in der Stadt, der Zofe der Gemahlin des Lord Mayor. Ich habe bei meinem eigenen Schneider und über meinen Onkel, Master Durham, ein paar diskrete Erkundigungen eingezogen, die die Aussage der Zofe bestätigten. Und was es mit dem Reichsgulden auf sich hat, habe ich mir vom Lord Treasurer erklären lassen.«

»Gut gemacht, Mylady«, raunte Cecil. »Ich bin sicher, Herzog Johann legt keinen Wert auf eine Bloßstellung. Gewiss lässt er sich überreden, bald abzureisen.«

Das Klügste wäre gewesen, Robin Dudley mit dieser delikaten Mission zu dem stolzen jungen Herzog zu schicken, denn die beiden Männer waren seit Johanns Ankunft im letzten Herbst Freunde geworden. Doch Eleanor schlug es nicht vor, sondern überließ es Cecil, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Als sie in die privaten Gemächer der Königin kam, berichtete sie ihr von der Unterhaltung.

»Ach herrje, der arme Herzog Johann«, spöttelte Elizabeth.

Sie stand in der Mitte ihres großzügigen Schlafgemachs, hoch aufgerichtet wie eine stolze Artemis, und ihr Kleid verschlug Eleanor wieder einmal den Atem. Es war weinrot – eine leuchtende und doch gedeckte Farbe – mit einem eingewebten weißen Blütenmuster. Die Ärmel waren weit gebauscht, die Taille eng und der Rock üppig – kein Schnitt betonte Elizabeths schlanke und mädchenhafte Figur besser. Der aufwändige Kragen aus steifer Spitze umspielte ihren Hals und ragte hinten auf wie ein Segel, und sie trug tropfenförmige Perlohrringe und eine passende Kette mit einem rubinbesetzten goldenen Kreuzanhänger.

Katherine Knollys, ihre Erste Hofdame, hockte vor ihr und band die roten Seidenschuhe zu.

»Oh, Cat, was machst du denn da, du bist doch nicht meine Zofe …«, schalt die Königin.

Lady Cat, wie alle sie nannten, schaute lächelnd zu ihr hoch. »Gönnt mir die Freude, Majestät.« Sie stand wieder auf – nicht ganz ohne Mühe, denn sie war eine ziemlich füllige Dame –, betrachtete ihr Werk von Kopf bis Fuß und nickte zufrieden. »Perfekt.«

»Gut«, sagte die Königin. Es klang wie ein Stoßseufzer. Sie liebte schöne Kleider und Juwelen, aber das lange Stillstehen während der Prozedur des Ankleidens war ihr ein Gräuel. »El, reich mir den Spiegel, sei so gut.«

Eleanor nahm den großen Handspiegel mit dem perlenbesetzten Goldrahmen vom Tisch und brachte ihn ihr.