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Wer gibt heutzutage, in der von Massenkonsum geprägten Welt, noch 50.000 Dollar für einen handgefertigten Mantel aus – und warum ist derjenige bereit, so viel dafür zu zahlen? Auf einer Reise von London über Peru nach Italien, Frankreich und Australien geht Meg Lukens Noonan dieser Frage nach. Sie besucht den für seine Entwürfe aus Seide weltberühmten Stefano Ricci, fährt in ein abgelegenes peruanisches Dorf, aus dem das weicheste Fell der Welt stammt, und zu einem australischen Graveur, der Labels aus Gold fertigt. Exzellent und humorvoll geschrieben, befasst sich das Buch mit Themen wie Maßschneiderei, bewusstem Konsum und Qualitätsbewusstsein.
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2013
Einleitung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Bildteil
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Epilog
Danksagung
Quellenangaben
Impressum
»Man sollte entweder ein Kunstwerk sein oder ein Kunstwerk tragen.«/1
Oscar Wilde
»Der wollene Rock […] ist das Ergebnis der vereinigten Arbeit einer großen Zahl von Arbeitern. Der Schäfer, der Wollsortierer, der Wollkämmer oder Krempler, der Färber, der Tuchkardierer, der Spinner, der Weber, der Walker, der Appreteur und viele andere: Sie alle müssen ihre verschiedenen Fertigkeiten zusammenwirken lassen, um auch nur dieses schlichte Erzeugnis herzustellen.«/2
Adam Smith
Vor nicht allzu langer Zeit stieß ich auf die Internetseite von John H. Cutler, einem Schneider in vierter Generation aus Sydney, Australien. Die Seite war ausschließlich einem Mantel gewidmet, den Cutler für einen langjährigen Kunden angefertigt hatte. Der Mantel, schrieb er, sei das ultimative Beispiel für eine besondere Art der Maßschneiderei, die im Englischen als »bespoke« bezeichnet wird. Was genau »bespoke« bedeuten sollte, war mir damals nicht ganz klar, obwohl ich bemerkt hatte, dass der Begriff neuerdings immer häufiger benutzt wurde. Ich hatte Anzeigen für bespoke Fahrradtouren und Wellnessprogramme gesehen. Die Fluggesellschaft Virgin Atlantic ließ in der ersten Klasse Getränke mit sogenannten bespoke Eiswürfeln servieren, die nach dem Abbild des Gründers Sir Richard Branson geformt waren. Ich nahm an, der Begriff drücke auf etwas theatralische Art aus, dass eine bestimmte Sache den Wünschen des Kunden entspreche.
Im Grunde genommen stimmt das auch, aber es stellte sich heraus, dass »bespoke« eine konkretere Bedeutung hat und aus dem englischen Schneiderhandwerk des 17. Jahrhunderts stammt. Wenn jemand bei seinem Schneider ein Kleidungsstück in Auftrag geben wollte, suchte er sich zunächst einen Stoff aus, von dem er eine bestimmte Menge reservieren ließ. Dieser Stoff galt dann als »bespoken«, also besprochen. Von da an bezeichnete das Wort etwas ganz Bestimmtes: Es stand für Bekleidung, die von Anfang an nach den genauen Maßen und Wünschen einer Person gefertigt wurde.
Verständlicherweise sehen die Schneider auch vierhundert Jahre später »bespoke« noch als ihr Wort an. Es überraschte mich nicht, dass ihnen der neumodische Gebrauch des Wortes durch andere Geschäftszweige missfiel, die damit ihren Produkten oder Dienstleistungen die Anmutung der vornehmen britischen Oberschicht verleihen wollten. Besonders ärgerte es die Schneider, dass einige Bekleidungshersteller ihre Waren als »bespoke« bezeichneten, obwohl sie bestenfalls nur teilweise nach Maß gefertigt wurden.
Auf der Londoner Savile Row, der kleinen, weltweit als Drehkreuz für Luxusschneiderei bekannten Gasse, regte sich Protest gegen ein Unternehmen, das dort ein Geschäft eröffnet hatte. Die Firma fertigte ihre Anzüge in Deutschland nach Standardschnittmustern, die nur geringfügig angepasst wurden. Die Beschwerde, die verhindern sollte, dass die Firma ihre Waren »bespoke« nennen durfte, wurde allerdings von der britischen Werbeaufsichtsbehörde mit der Begründung abgewiesen, dass das Wort schon zu weitverbreitet sei, um seinen Gebrauch wieder einschränken zu können.
Während ich mir die blumigen Texte und bewegenden Bilder auf Cutlers Internetseite ansah, lief im Hintergrund Vivaldis ergreifendesStabat mater.Dort war John Cutler zu sehen – ein silberhaariger Mann in den Sechzigern, der sich mit einem Maßband um den Hals auf einen Arbeitstisch stützte –, hier gab es Nahaufnahmen von Knöpfen, Fingerhüten und Nähnadeln, die wie klassische Stillleben ausgeleuchtet wurden. Das Bild einer Hand, die Nadel und Faden durch einen Stoff zog, erinnerte an die berühmte Gotteshand von Michelangelo. Und dann war da natürlich noch der Mantel, der zugeknöpft auf einer Schneiderpuppe drapiert aus jedem Blickwinkel abgelichtet worden war.
Dies war, las ich, der perfekte Mantel. Vom Entwurf bis zur Vollendung waren mehrere Monate vergangen und der Schneider hatte bei der Herstellung nur die feinsten Materialien verwendet. Der Mantel war aus Wolle gefertigt, die vom Vikunja, einem kleinen, dem Lama ähnlichen Tier, gewonnen worden war, das nur in den unwirtlichen Hochebenen der südamerikanischen Anden zu finden ist. Auf der Webseite wurde erklärt, dass dieses Material weicher, leichter und sehr viel seltener als Kaschmir sei und somit nicht nur der großartigste, sondern auch der teuerste Wollstoff der Welt.
Für das Innenfutter hatte Cutler beste italienische Seide von einem berühmten Designer aus Florenz besorgt. Die Knöpfe waren das Nonplusultra der Verschlussindustrie, hergestellt aus indischem Wasserbüffelhorn, in einer 150 Jahre alten englischen Knopffabrik. Auf der Innenseite des Mantels gab es sogar eine 18-Karat-Goldplakette, die derselbe Meistergraveur entworfen hatte, der auch im Auftrag der britischen Königsfamilie den Siegelring für Prinz Charles und die Einladungen für die Hochzeit von Charles und Diana hergestellt hatte.
Aber das war noch nicht alles. Der Schneider und seine beiden Werkstattkollegen hatten den gesamten Mantel Stich für Stich von Hand genäht.
»Ich habe den Mantel so hergestellt, als gäbe es keine Maschinen«, schrieb Cutler.
Das war offensichtlich selbst in der Welt der Maßschneiderei höchst ungewöhnlich. Auf der Seite wurde nicht verraten, wie viel der Mantel denn nun letztlich gekostet hatte – wohl aus Gründen des Anstands –, aber mit ein paar Klicks durch die Presseberichte ließ sich der Preis leicht herausfinden: Der Kunde hatte fünfzigtausend Dollar für diesen Mantel bezahlt.
Ich betrachtete die Fotos des marineblauen Mantels. Meine ungeschulten Augen sahen ein schlichtes, kastenförmiges und einreihiges Kleidungsstück, das genauso gut bei einem Räumungsverkauf bei Macy’shättehängen können. Ich war fassungslos und hatte jede Menge Fragen.
Warum sollte jemand so viel Geld für einen Stoffmantel ohne Gattungsmerkmal, also ohne Luxuslabel à la Tom Ford, Burberry Prorsum, Loro Piana, ausgeben? Was war so toll an dem Besitz eines so unscheinbaren Gegenstands, von dem nur der Besitzer und der Schneider wissen konnten, wie außergewöhnlich er ist? Wer brachte die Geduld auf, wochen- oder gar monatelang auf einen Mantel oder Anzug zu warten, den man eigentlich heute haben wollte? Wie überleben Maßschneider in Zeiten von sofortiger Bedürfnisbefriedigung und Übernachtversand? Und wer genau hat bei den derzeitigen finanziellen Turbulenzen fünfzigtausend Dollar für einen Wollmantel übrig?
Ich dachte immer noch über diesen Mantel nach, als ich einige Tage später die Wäsche verstaute und versuchte, die Klamotten meiner Teenagertochter in Schränke und Schubladen zu quetschen, die bereits bis zum Anschlag vollgestopft waren mit Kleidern, Blusen, Jeans, Röcken und Pullovern von Herstellern wie H&M, Target, ASOS und Forever 21. In meinem eigenen Kleiderschrank, der ebenfalls mit wenig spektakulären Klamotten überfüllt war, sah es nicht besser aus.
Was war das eigentlich alles? Ich befühlte die Stoffe und las die Etiketten. Viele Kleidungsstücke enthielten Polyester oder Ähnliches und fast alles war in China hergestellt worden. Ein Großteil sah schon ziemlich mitgenommen aus, aber das überraschte mich nicht mehr. Es handelte sich um Kleidungsstücke mit eingebautem Qualitätsverlust, die genauso gut ein Verfallsdatum hätten haben können wie eine Packung Hüttenkäse. Wenn Nähte aufgingen, sich Knötchen bildeten oder die Sachen aus der Mode kamen, würde ich – wenn ich die Zeit dafür fand – sie in große Plastiktüten packen und zum nächsten Secondhandladen bringen. Was wirklich gar nicht mehr tragbar war, würde ich in den Müll werfen.
Wie war es dazu gekommen? Wann war Kleidung zu einem Wegwerfartikel geworden?/1Ich weiß, dass es in meiner Kindheit noch nicht so war. Wie so viele andere meiner Generation ging ich zweimal im Jahr mit meiner Mutter neue Kleidung kaufen – erst für den Frühling und Sommer, dann für den Herbst und Winter, was damals den beiden traditionellen Produktionszyklen der Designer und Hersteller von Bekleidung entsprach. In den späten 1980ern begann die Globalisierung diesen Rhythmus zu verändern. Um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, erneuerten jetzt einige Händler ihr Angebot häufiger. Gleichzeitig wurde ein Großteil der Produktion nach China und in andere Entwicklungsländer verlagert, wo es zahlreiche billige Arbeitskräfte gab, die den Bekleidungsherstellern Preissenkungen ermöglichten.
Währenddessen wurden die Design- und Herstellungsprozesse durch schnellere Kommunikationsmittel und computergesteuerte Maschinen beschleunigt. Plötzlich konnten Trendwenden mit atemberaubender Geschwindigkeit umgesetzt werden. Die Hersteller nannten dies die »Just-in-time-Produktion«: Mode, die in einer Woche auf einem Laufsteg auftauchte, konnte schon in der nächsten als billige Kopie produziert werden. Dank des Internets wussten Konsumenten außerdem immer schneller über Trends Bescheid und standen vor den Läden Schlange, um die neusten Waren abzugreifen.
Hersteller dieser sogenannten »Fast Fashion« wie das schwedische Unternehmen H&M, die spanische Kette Zara (die hauptsächlich in ihrer Heimat produzieren), die britische Firma Topshop und die US-amerikanische Kette Forever 21 haben uns und insbesondere unsere Töchter hervorragend darauf trainiert, unsere Einkaufsgewohnheiten der neuen Normalität anzupassen. Wir haben gelernt, dass – frei nach Ernest Hemingway – Shopping niemals ein Ende hat.
Uns wurde beigebracht, dass Kleidung, die wir heute in den Läden sehen, beim nächsten Besuch wahrscheinlich schon wieder verschwunden sein wird. Die mehr als 1700 Zara-Läden erhalten beispielsweise zweimal wöchentlich neue Ware. Einer Studie zufolge besucht der durchschnittliche Zara-Kunde die Geschäfte der Kette 17-mal pro Jahr, also ungefähr alle drei Wochen. Dank der kurzen Lebensdauer der Kollektionen und der hohen Abverkaufsraten enden nur wenige Artikel auf dem Grabbeltisch. Diese Strategie sorgt für gleichbleibend hohe Gewinne.
Die Käufer lernten: Wer zögert, verliert. Es blieb keine Zeit, um eine Anschaffung sorgfältig abzuwägen, zumal es auch nicht nötig ist, lange über den Kauf einer Zehn-Euro-Jeans bei Forever 21 nachzudenken. Man musste also weder finanziell noch emotional viel investieren, um ein Geschäft voller Freude über einen Kauf zu verlassen. Dieses Glücksgefühl mochte zwar nur von kurzer Dauer sein, aber die nächste Dosis war ja nie weit weg. Was machte es da schon, wenn unsere Pullover ausbeulten oder die Reißverschlüsse versagten? Das erlaubte uns doch nur, noch mehr Klamotten zu kaufen.
Dieses Einkaufsverhalten wie in einem Hamsterrad hat ernste Konsequenzen, die weit über fehlenden Stauraum in unseren Kleiderschränken hinausgehen. Für die Herstellung synthetischer Fasern werden Millionen Liter Öl benötigt und beim konventionellen Baumwollanbau werden riesige Mengen an Pestiziden eingesetzt. Die Arbeitsbedingungen für die Textilarbeiter sind bei diesem Tag und Nacht andauernden Modewettlauf mit der Zeit miserabel, zudem sind sie permanent Giftstoffen ausgesetzt.
Gleichzeitig wird der Platz für unseren Müll knapp: Die Environmental Protection Agency gab bekannt, dass US-Amerikaner pro Jahr ungefähr 13 Millionen Tonnen Textilien entsorgen. Das ist viermal mehr als 1980 und nur ungefähr 15 Prozent davon werden recycelt. In Großbritannien herrscht mit ungefähr einer Million Tonnen pro Jahr ein ähnliches Verhältnis zwischen Weggeworfenem und Wiederverwendetem. Die angesammelten Kleiderberge auf unseren Müllkippen bestehen hauptsächlich aus biologisch nicht abbaubaren Kunststoffen, die auf Erdölbasis hergestellt werden. Die von uns entsorgten natürlichen Materialien werden zwar abgebaut, produzieren allerdings während des Zerfalls Methan, das vermutlich als Treibhausgas den Klimawandel beschleunigt.
Neben der Überfüllung unserer Müllkippen, der Ausbeutung unserer Ressourcen und der Vergiftung von Luft und Wasser hat die Schnell- lebigkeit der Mode auch dazu geführt, dass kaum jemand noch den Weg unserer Kleidung vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt nachvollziehen kann. Ich muss zugeben, dass ich mir nicht einmal sicher bin, ob die Sachen, die ich trage, während des Herstellungsprozesses jemals von einer Menschenhand berührt wurden. Vermutlich bin ich nicht die Einzige, die über die Entstehung ihrer Kleidung nichts weiß, ebenso wenig wie über die Produktion der Hackbällchen, die im Kühlfach des Supermarkts liegen. Der ständige Konsum hat uns auch von der Vorstellung entfernt, dass diese gekauften Waren etwas Besonderes sind. Durch die Allgegenwärtigkeit von Wegwerfkleidung denken viele von uns, dass zahlreiche dieser Dinge kaum noch etwas wert sind.
John Cutlers Vikunjamantel war jedoch offensichtlich etwas Dauerhaftes. Er war ein »Slow«-Mantel, die Antithese zu den Waren aus einem Einkaufszentrum. Der Mantel hatte mich nachdenklich gemacht.
Ich begann Bücher über diese spezielle Welt der Maßschneiderei zu lesen – hübsche Bücher voller Schwarz-Weiß-Fotos von eleganten Menschen wie dem Duke of Windsor, Fred Astaire oder Katharine Hepburn. Ich las über Schneider, Weber, Scherer und Siebdrucker, von denen es heute viele schwer haben. Ich kroch in den Kaninchenbau der Vergangenheit und begriff, dass die Geschichten über Textilien und Kleidung auf vielerlei Art die Geschichte der Menschheit widerspiegeln. Ich sah mir die Anzüge und Mäntel genau an, die Männer in Kinofilmen und im Fernsehen trugen, und entwickelte allmählich eine Nostalgie für etwas, das ich nie erlebt hatte.
Dann wurde mir klar, dass ich mir all dies wirklich gern selbst ansehen würde. Ich verschickte also jede Menge E-Mails und rief fast alle an, die irgendwie an der Herstellung von John Cutlers Vikunjamantel beteiligt gewesen waren, und fragte sie, ob ich sie besuchen könnte. Einige sagten sofort zu, andere zögerten. Ein paar von ihnen hielten mich vermutlich für ein bisschen verrückt. Letztlich sagten jedoch alle Ja und ich begann zu packen.
Nun ja, ehrlich gesagt ging ich zuerst neue Klamotten einkaufen. Dann begann ich zu packen.
Bei Platon heißt es: »Zuletzt begab ich mich zu den Handwerkern. Denn mir selbst war ich, um es gerade heraus zu sagen, Nichts zu wissen bewusst; von diesen aber wusste ich wenigstens, dass ich sie als Kenner von Vielem und Schönem finden würde. Und hierin ward ich nicht getäuscht; sondern sie verstanden Dinge, die ich nicht verstand, und insofern waren sie weiser als ich.«/2
Auf meinen Reisen begegneten mir tatsächlich weise Menschen. Ich fand auch einige Besessene, die unglaublich viel Zeit und Geld in ihre Kleidung investierten. Ich durfte hinter den Samtvorhang der Bespoke-Maßschneider blicken, wo »knowing, not showing« der inoffizielle Leitspruch ist. Ich traf Männer mit »einem geheimen Laster«, wie Tom Wolfe es nennt, der sich ein bisschen auskennt mit edlen Anzügen. Es waren Männer, die sich rühmen, Details wie funktionstüchtige Ärmelknöpfe und handvernähte Knopflöcher schon aus einiger Entfernung erkennen zu können.
Begleitet von einer bekannten Forscherin begab ich mich hoch hinauf in die peruanischen Anden auf der Suche nach den Vikunjas. Die schreckhaften, langhalsigen Tiere mit den großen Puppenaugen waren wegen ihrer wertvollen Wollhaare beinahe ausgerottet worden, bevor sie dank einer der bemerkenswertesten Arterhaltungsmaßnahmen des zwanzigsten Jahrhunderts vor dem fast sicheren Aussterben gerettet wurden. Ich reiste nach Florenz zu Stefano Ricci, dem legendären Seidenexperten und Designer luxuriöser Herrenbekleidung, von dem John Cutler den Stoff für das Innenfutter besorgt hatte. In England beobachtete ich, wie wunderschöner Stoff aus Kammgarn von den Webstühlen einer 150 Jahre alten Textilfabrik kam und wie mit Geräten aus viktorianischer Zeit marmorierte Büffelhornknöpfe modelliert und poliert wurden. Ich aß Meerschweinchen in Lima und Trüffel in der Toskana.
Ich beobachtete Schneider in ihren Kellerwerkstätten in der Londoner Savile Row bei der Arbeit. In Sydney traf ich John Cutler, dessen eigener Kleiderschrank eine museumsreife Sammlung handgefertigter, sorbetfarbener Kaschmirmäntel und Seidenhosen beinhaltet. Außerdem ging ich mit einigen seiner illustren Kunden essen, die zu meiner Erleichterung durchaus humorvoll mit ihren exzentrischen Gewohnheiten und der Sucht nach maßgeschneiderter Kleidung umgingen – insbesondere, wenn sie leicht beschwipst vom exzellenten Champagner waren. Schließlich sah ich mir auch den Vikunjamantel an, den ich über einer Sofalehne liegend in dem Penthouse eines Wolkenkratzers in Vancouver fand.
Ich entdeckte eine Welt, die in vielerlei Hinsicht genauso vom Aussterben bedroht ist wie die der Vikunjas noch vor wenigen Jahrzehnten. Für die Schneider und andere traditionelle Gewerbetreibende ist es schwer, junge Menschen für ihre Berufe zu gewinnen. Einerseits mangelt es an Lehrstellen und Ausbildungsmöglichkeiten, andererseits wollen ohnehin nur wenige junge Menschen jahrelang in glanzlosen Hinterzimmern schuften, um ein Handwerk bis zur Meisterschaft zu erlernen. Europäische Handelsgruppen haben mit großem Bedauern vorhergesagt, dass die heutigen Kunsthandwerker wie Weber, Punzer, Graveure, Schuhmacher und Schneider wohl die letzten ihrer Art sein werden.
Nichtsdestotrotz begegnete ich auch einigen Menschen, die erfolgreich sind. Sie hatten die unteren und mittleren Marktsegmente den fernen Megafabriken überlassen und sich auf die Luxuswelt konzentriert, die sich immer und immer wieder als erstaunlich stabile Nische erwies. In schwierigeren Zeiten wurden die Reichsten unter den Reichen – wie auch der Auftraggeber für den Vikunjamantel – sogar noch anspruchsvoller. Sie verlangten nach Waren in bester Qualität, nach Handwerkskunst von Fachleuten und vor allem nach Dingen, die niemand sonst haben konnte. All dies sind Eigenschaften der maßgeschneiderten, bespoke Bekleidung. Geschäftstüchtige Hersteller haben auch die Märkte der Entwicklungsländer ins Visier genommen, wo frisch gebackenen Millionären, von denen viele nur ein oder zwei Jahrzehnte zuvor noch in Mao-Anzügen gekleidet waren, klar wurde, dass sie sich ihrer neuen Rolle entsprechend einkleiden müssten.
Natürlich können sich die meisten Menschen keinen maßgefertigten Vikunjamantel für fünfzigtausend Dollar leisten – auch nicht die Version für sechstausend Dollar aus weit weniger mondäner Schafwolle. Der eine oder andere mag so viel Geld für ein extra angefertigtes Kleidungsstück schlichtweg als obszön empfinden. Trotzdem werden diese jahrhundertealten Gewerbe von genau jenen Individuen am Leben erhalten, die sich solchen Luxus leisten können und gewillt sind, ihr Geld auf diese Art und Weise auszugeben.
Als ich mich auf die Spuren des Mantels begab, wusste ich nichts über das Schneiderhandwerk. Der Höhepunkt meiner eigenen Nähversuche war ein Baumwollwickelkleid, das ich im Hauswirtschaftsunterricht in der siebten Klasse gemacht hatte. Zurückgekehrt bin ich von meinen Reisen voller Bewunderung für die talentierten, kunstfertigen Menschen und ihre Produkte aus Textilfasern, Stoffen und Garn. Ich beneide sie um die Befriedigung, die es ihnen bereiten muss, etwas von Grund auf zu erschaffen. Sie sind echte Macher, was immer weniger Menschen von sich behaupten können. Und sie wünschen sich nichts weiter, als das Glück zu haben, weitermachen zu dürfen. Ich wünsche ihnen das auch.
John Cutler sah von seinem Arbeitstisch auf, als Keith Lambert die Schneiderei im Erdgeschoss inmitten von Sydneys Bankenviertel betrat. Lambert, der gut gebaute 43-jährige Geschäftsführer eines Weinunternehmens mit den ebenmäßigen Gesichtszügen eines Nachrichtensprechers, war wie immer makellos gekleidet. Der Schneider erkannte Lamberts marineblauen Nadelstreifenanzug sofort, den er einige Jahre zuvor gefertigt hatte. Der Anzug saß immer noch hervorragend, stellte Cutler mit Genugtuung fest. Das Hemd aus bester Sea-Island-Baumwolle stammte ebenfalls von J. H. Cutler, genauso wie die Krawatte. Oh ja, an die leuchtende Stefano-Ricci-Seide mit dem aufwendigen blauen Medaillondruckerinnerte er sich besonders gut. Perfekt. Cutler begrüßte Lambert, der wie immer Rosie, seinen Jack-Russel-Terrier, auf dem Arm trug. Cutler machte das nichts aus. Er hatte sich an die Hündin gewöhnt.
Der Schneider legte seine schwere Schere ab und bat Lambert in das Beratungszimmer, das mit türkisblauen Wänden, edler Ledergarnitur und einem antiken Perserteppich an englische Herrenklubs erinnerte.Die Farben waren so gewählt worden, dass sie eine besondere Ruhe ausstrahlten. Sie trugen dazu bei, aufkommende Zweifel der Kunden zu zerstreuen, die sich darauf vorbereiteten, große Geldsummen auszugeben. Auch der Raumduft nach frisch geschnittenem Gras und Pfingstrosen, den Cutler gelegentlich versprühte, wenn er morgens das Geschäft öffnete, schien zu beruhigen.
Überall gab es stilvolle Kleinigkeiten zu entdecken wie die gerahmten Schwarz-Weiß-Fotografien, die das ursprüngliche Geschäft von J. H. Cutler aus dem 19. Jahrhundert zeigten. In einer zylinderförmigen Glasvitrine lagen die alten Kassenbücher, wo einst die ersten Bestellungen bei seinem Urgroßvater verzeichnet wurden. Auch die Bildbände mit Abbildungen des Duke of Windsor, Cary Grant und anderer Stilikonen bestätigten den Männern, die hier ihre Einkleidungswünsche besprechen wollten, dass sie Teil einer glanzvollen Tradition wurden. Und sie hatten recht: John Cutler führte das Geschäft in vierter Generation.
Lambert machte es sich auf dem grünen Chesterfield-Sofa bequem und setzte die Hündin zu seinen Füßen ab. Cutler bemerkte, dass sein Kunde ziemlich gut aussah, wenn man bedachte, was er gerade durchgemacht hatte. Es war kein Geheimnis, dass eine schwierige Zeit hinter Lambert lag. Er hatte seinen Job als leitender Geschäftsführer der South Limited, einem der größten Weinproduzenten der Welt, verloren. Der Aufsichtsrat, zu dem auch sein Schwiegervater, der berühmte Milliardär und Gründer von Rosemount Estate Wines, Robert Oatley, gehörte, hatte ihn entlassen, als die Gewinne eingebrochen waren. Das war bester Stoff für eine Seifenoper, weshalb über dieses Familiendrama ausführlich in den Zeitungen und Nachrichtensendungen berichtet wurde. Wenn Lambert nicht darüber spräche, würde Cutler selbstverständlich nicht danach fragen. Zwischen Schneider und Kunde gibt es eine unausgesprochene Abmachung, die ähnlich der Beziehung zwischen Arzt und Patient vor allem auf Diskretion und Vertrauen beruht.
Lambert nahm den von Cutler angebotenen Kaffee an – für einen Scotch war es noch ein bisschen zu früh – und erklärte, warum er gekommen war. Er wollte einen neuen Mantel. Da er zukünftig mehr Zeit in Nordamerika verbringen würde, brauchte er Kleidung für echte Winter. In der folgenden Stunde versuchte Cutler, Lamberts Vorstellungen von dem Kleidungsstück zu ergründen. Bevor er einen Stil oder einen Stoff vorschlug, versuchte er immer zu verstehen, wie sein Kunde sich fühlte und wie er sich mit dem neuen Kleidungsstück fühlen wollte. Für Cutler bestand das Schneiderhandwerk nicht einfach im Verstecken von Bäuchen oder in der Begradigung hängender Schultern. Manchmal ging es darum, eine verwundete Seele zu stützen und einem Mann neues Selbstbewusstsein für die Welt zu geben, egal was diese Welt ihm entgegenwarf.
»Man kleidet die Psyche eines Mannes genauso wie seinen Körper«, sagte Cutler gern. »Wenn du einem Mann den falschen Anzug gibst, hast du als Schneider versagt.«
Das Gleiche ließe sich natürlich auch über Mäntel sagen. Es gab viele Möglichkeiten und jede kam einer anderen Aussage gleich. Lambert hätte sich beispielsweise für einen langen Chesterfield mit schickem Samtkragen entscheiden können, aber Cutler kannte Keith gut genug, um zu wissen, dass das zu formell wäre. Der Schneider hätte auch einen Polomantel mit Gurt vorschlagen können, wie er zuerst von britischen Offizieren der Kavallerie in Indien zum Warmhalten zwischen den Chukkas eines Polospiels getragen wurde. In Lamberts Fall könnte dies allerdings zu verwegen wirken. Viel zu sportlich hingegen wäre ein Düffelmantel, benannt nach der belgischen Stadt, in der der schwere Wolltwill hergestellt wird, den man traditionell für die Mäntel mit Knebelknopf verwendet. Bei einem Raglan mit den diagonalen Schulternähten würden die Schultern zu sehr hängen, ein Offiziersmantel wäre zu militärisch, ein Car Coat zu lässig.
Lambert erklärte Cutler, dass er sich einen lockeren Sitz wünsche, aber nicht zu locker. Der Mantel müsse gut zu transportieren und elegant, schnörkellos, klassisch sowie schlicht geschnitten sein. Cutler zeichnete einige Entwürfe. Lambert machte einige Vorschläge. Cutler äußerte seine Meinung, Lambert antwortete. Nach einigem Hin und Her hatte man sich geeinigt: Es sollte ein einreihiger Mantel mit eingefassten Seitentaschen und einem Kragen werden, der sich bei Kälte bis ganz nach oben zuknöpfen ließ.
In Sydney wurde Cutler nicht oft um die Anfertigung eines Übermantels gebeten, dafür war das Klima zu mild. Trotzdem war er der Aufgabe gewachsen. Er besaß vierzig Jahre Erfahrung und einen Abschluss von der besten Schneiderakademie der Welt. Die ZeitschriftForbeshatte ihn sogar einen der besten Schneider weltweit genannt und in eine Reihe mit der Elite der Zunft in der berühmten Londoner Savile Row gestellt.
»Ich halte jenen Gentleman für den bestgekleideten, dessen Kleidung niemand beachtet.«/1
Anthony Trollope
An einem der seltenen wolkenlosen Oktobervormittage sitze ich in Londons West End in einem Taxi und stecke im Stau. Das Problem ist diesmal weder der übliche Verkehrskollaps noch eine Sperrung wegen der Fortbewegung königlicher Verwandtschaft oder eines Wohltätigkeitsrennens. Nein, die heutige Verzögerung wird von Schafen verursacht. Auf Erlass seiner Königlichen Hoheit, des Prince of Wales, befinden wir uns mitten in der British Wool Week, die die Savile Row mit einem Fest begeht. Die abgesperrte Straße wurde in einen Scheunenhof verwandelt, auf dem unter anderem eintausend Quadratmeter geschnittenes Gras, eine grob zusammengezimmerte Scheune und zwei Herden mit zweifellos verdutzten Schafen zu finden sind.
Als ich endlich beim Presseempfang im Restaurant Sartoria eintreffe, das als Hauptquartier der Veranstaltung dient, werden bereits die Begrüßungsreden gehalten. Ich finde noch einen Stehplatz in der hintersten Reihe in einem Meer von Männern in guten Wollanzügen. Die meisten Anzüge sind dunkel und einfarbig oder mit dezenten Nadelstreifen versehen, nur einige Männer fallen mit moosgrünen Plaidmustern und passenden Schiebermützen aus der Reihe – jene Art von Bekleidung, die förmlich nach Jagdhunden als Accessoires schreit. Ein Redner nach dem anderen hält seine Lobeshymne auf die Wolle, die Bauern und Prinz Charles, der als leidenschaftlicher Schafhalter bekannt ist.
Zehn Monate sind vergangen, seit die Geschäftsführer von Textil-unternehmen, Designer, Teppichhersteller und Händler auf den Klappstühlen in einer kühlen, zweihundert Jahre alten Fachwerkscheune in Cambridgeshire Platz genommen haben. Sie waren gekommen, um sich von Prinz Charles den Fünfjahresplan für die Campaign for Wool erklären zu lassen, die das angeschlagene Wollgeschäft des Commonwealth wiederbeleben sollte. Charles hatte seinen zweireihigen, kamelhaarfarbenen Mantel anbehalten, als er sich vor das kleine Publikum stellte. Hinter ihm waren große Heuballen und ein rotes Fuhrwerk mit Rohwolle zu sehen, während er die allgemeine Lage jenes Materials bedauerte, das über Jahrhunderte der ruhmreiche Motor der britischen Wirtschaft gewesen war. Die Kosten der Schafschur, sagte er, seien höher als der Preis, der für Wolle bezahlt werde. Der Bedarf sei stark zurückgegangen und die Bauern verkleinerten ihre Herden oder lösten sie ganz auf.
»Die Zukunft dieser wunderbaren Textilfaser sieht wirklich düster aus«, sagte Prinz Charles, der nach seinen Anmerkungen noch etwas Zeit im Gespräch mit den Anwesenden verbrachte, aber verschwand, bevor der Mutton Renaissance Club seinen berühmten Hammeleintopf servierte.
Die Mitglieder des Komitees, von denen an diesem Vormittag viele im Sartoria sind, haben seither hart an der Planung für die einwöchigen Werbeaktionen und Plakatkampagnen in ganz England gearbeitet, mit denen die Menschen daran erinnert werden sollen, dass Wolle ein warmes, natürliches, bequemes und nachhaltiges Material ist. Das Fest in der Savile Row ist dabei die wichtigste Veranstaltung – und vermutlich auch das Ereignis, bei dessen Vorbereitungen ordentlich aus der Laphroaig-Flasche nachgeschenkt wurde. (»Was sagst du da? Schafe? In der Savile Row? Blendende Idee, mein Lieber.«)
Noch vor Sonnenaufgang entließen an diesem Morgen Viehwaggons aus Devon in der südwestlichen Moorlandschaft Englands sechzig frisch gebadete und gebürstete Schafe auf ihre temporäre Weide in London. Es waren nicht einfach irgendwelche Schafe: Der eine Teil bestand aus der letzten in Großbritannien verbliebenen Herde der Bowmont-Schafe, die schottische Genforscher in den 1980ern aus Sächsischen Merinos und Weißen Shetlands gekreuzt hatten, um eine widerstandsfähige und besonders feinfaserige Rasse zu züchten. Der andere Teil bestand aus Exmoor Horns, eine gedrungene, uralte Rasse mit schwarzer Nase, elegant nach hinten geschwungenen Hörnern und langer, dichter weißer Wolle. Auch die Bauern hatte man für den Anlass herausgeputzt. Die beiden altehrwürdigen Schneidereien Huntsman und Anderson & Sheppard hatten sie (und ihre Hunde) mit maßgeschneiderter Bekleidung aus englischen Wollstoffen ausgestattet, die auf englischen Webstühlen gewebt worden waren.
»Das ist genau der richtige Stoff«, erläutert ein Geschäftsführer der Weberei im Sartoria. »Es ist der Stoff, den ein Gentleman vor Goretex und Polarfleece über sein Tweedjackett zog, um dann mit einem festen Paar Schuhe den Mount Everest zu besteigen.«
Der Satz wird mit Lachern bedacht, doch scheint gleichzeitig ein Hauch von Nostalgie wie feiner Nebel durch den Raum zu schweben, als hätte sie jemand mit einem feinen Zerstäuber versprüht.
Ich gehe hinaus, um mir die Herden anzusehen und ein Gefühl für die Savile Row zu bekommen, diese nur vierhundert Meter lange Seitenstraße, die für Männer mit einem Faible für handgefertigte Kleidung eine Bedeutung hat wie Cooperstown für Baseballfans und St. Andrews für Golfer. Heute haben etwa ein Dutzend der hier ansässigen Schneider ihre Läden für Besichtigungen geöffnet und mehrere haben kurze Vorträge über den einen oder anderen Aspekt ihres Geschäfts angekündigt. Dies ist, soweit ich weiß, eine extrem seltene Form der Selbstdarstellung für eine Gruppierung, die es die längste Zeit ihrer Geschichte vorzog, ihre Aktivitäten hinter zugezogenen Vorhängen und unauffälligen, verschlossenen Türen auszuüben. Von der Straße einsehbare Fenster hatte es bis 1969 nicht gegeben, als der unkonventionelle Designer Tommy Nutter ein Geschäft mit dem Schneidermeister Edward Sexton in der Hausnummer 35a eröffnete. Unterstützung erhielt er von Peter Brown, dem Geschäftsführer der Apple Corps der Beatles mit dem Hauptquartier auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Nutter war der Liebling des hippen London. Mick und Bianca Jagger, Twiggy, Elton John und John Lennon – der laut dem Autor und Historiker James Sherwood in den Nutter-Werkstätten unter dem Codenamen Susan bekannt war/2– trugen seine charakteristischen dreiteiligen Anzüge mit den riesigen Reverskragen, enger Taille und weiten Hosen. Alle Beatles bis auf George Harrison trugen seine Kreationen auch auf dem Plattencover vonAbbey Road.Als wären seine Modelle nicht schon Rebellion genug gegen die altehrwürdige Savile Row, erdreistete er sich auch noch, seine Waren in provokant gestalteten Schaufenstern auszustellen. Einmal waren dort zum Beispiel Phalluskerzen und ausgestopfte Ratten zu sehen. Gestaltet wurden die Auslagen von dem jungen Simon Doonan, der später der Kreativchef von Barneys werden sollte. Nutter erlaubte den Passanten nicht nur einen Blick in seinen verspiegelten Verkaufsraum, sondern er ermutigte sie sogar, hereinzukommen und sich umzuschauen.
Nutter starb 1992 infolge seiner Aids-Erkrankung. Wenn er noch lebte, wäre er sicher vom heutigen Spektakel in der Savile Row begeistert: Banker staksen in einer Mischung aus Verwunderung und Belustigung durch die Menge. Touristen posieren in Jeans und Regenjacken vor einem Schild, auf dem »Achtung Schafe« steht. Knopflochschneider und Bügler machen ausgedehnte Zigarettenpausen vor ihren Arbeitsräumen im Souterrain. Die Fernsehteams scheinen nicht genug von Harry Parker zu bekommen, dem in Tweed gekleideten, rotwangigen Landwirt, der einen Heidenspaß dabei hat, seine Exmoor Horns vor den Kameras von einem Ende des schmalen Geheges zum anderen zu treiben. Am Ende der Straße auf einem abgesperrten, mit Rasen ausgelegten Karree trinken einige Leute Champagner in einem offenbar nur mit Einladung zugänglichen Viehwagen, der in leuchtendem Preußischblau gestrichen wurde.
Die Savile Row entstand in den 1730er-Jahren auf dem damaligen Grundbesitz des dritten Earl of Burlington, in der Gegend um die Piccadilly Street im damals noch vorwiegend ländlichen Londoner Stadtteil West End. Wie Richard Walker inThe Savile Row Story: An Illustrated Historybeschreibt, war der weltmännische Lord Burlington ein Hobbyarchitekt, dessen Leidenschaft für das alte Rom sich in der Errichtung von Burlington House zeigte, seinem neopalladianischen Palast. Obwohl er wohlhabend und mit der reichen Erbin Dorothy Savile verheiratet war, wurde das Geld irgendwann wegen seiner Extravaganzen knapp. Der Lord war gezwungen, einen Teil seiner Ländereien zu erschließen. Er ließ einige Straßen bauen, darunter Old Burlington, Cork, Clifford, Boyle und später New Burlington und Savile, die er möglicherweise nach seiner Frau benannte, um sie über den Verkauf ihrer Gärten hinwegzutrösten. Lord Burlington überwachte persönlich den Bau der Stadthäuser, die schon bald von Aristokraten, Militärangehörigen und Ärzten bezogen wurden. Da sie natürlich angemessene Kleidung benötigten, ließen sich in der Umgebung Schneider mit ihren Werkstätten nieder.
Als West End boomte, hatten sich die Vorstellungen über die angemessene Kleidung eines Gentlemans gerade radikal gewandelt. Nach der Französischen Revolution wurde alles abgelehnt, was an die Maßlosigkeit und Ausschweifungen Ludwigs XVI. erinnerte. Darüber hinaus kam der klassische nackte Männerkörper wieder in Mode, wie er bei antiken griechischen Skulpturen zu sehen war, und der englische Adel entdeckte die freie Natur. An den Wochenenden zog man sich in die Landhäuser zurück, wo man viel Zeit mit Fuchsjagden, Wanderungen und anderen Aktivitäten verbrachte, die nach schnörkelloser und bequemer Kleidung verlangten. Als einige dieser Gutsherren begannen, ihre ländlichen Outfits auch in der Stadt zu tragen, verstärkten sie sogar unter weltmännischen Städtern das Verlangen nach gut geschnittener Bekleidung aus Stoffen in gedämpften Farben.
»Es passierte schnell«, schreibt Richard Walker. »Eben noch war der durchschnittliche Aristokrat in Samt und Spitze gehüllt, dann war er plötzlich in rustikaler Schlichtheit unterwegs.«/3
Ohne die Ablenkung durch Glanz und Glitzer stand die Figur des Mannes plötzlich im Mittelpunkt. Der Bedarf an qualifizierten Schneidern war groß. Mithilfe von Schnitttechniken und geschickt platzierter Polsterung konnten sie fast jedem – egal ob Hühnerbrust oder Kugelbauch – zu der heiß begehrten V-förmigen Silhouette verhelfen.
»In den Augen englischer Schneider war der perfekte Mann eine Mischung aus dem Gentleman vom Lande, der natürlichen Unschuld Adams und dem nackten Apollo«, fasst die Historikerin Anne Hollander inAnzug und Eroszusammen. »Die bekleidete Silhouette wurde nunmehr eine Abstraktion der Nacktheit. Das neue Idealbild des nackten Mannes wurde nicht mehr in Bronze oder Marmor, sondern mittels Wolle, Linnen und Leder dargestellt.«/4
Das Aushängeschild dieser klassizistischen Nüchternheit wurde schon bald ein junger Mann namens George »Beau« Brummell. Ian Kelly erzählt in der BiografieBeau Brummell: The Ultimate Man of Style/5die Geschichte seines Aufstiegs zu einer Bekleidungslegende. Im Jahr 1793 traf der gut gebaute, am Eton-College ausgebildete Teenager zufällig mit dem Prince of Wales, dem späteren König Georg IV., zusammen. Der Prinz war so eingenommen von dem charismatischen Brummell, dass er dessen Aufnahme in sein persönliches Husarenregiment veranlasste. Der wenig anspruchsvolle Posten bestand vornehmlich im Tragen schnittiger Uniformen inklusive hoher, mit Quasten versehener Stiefel und der Begleitung des zukünftigen Königs bei seinen weinseligen Empfängen. Obwohl der Prinz doppelt so alt war wie Brummell, ließ er sich von ihm in Fragen des Stils und der Körperpflege beraten. Brummell kam dieser Aufgabe mit größtem Vergnügen nach, in der Regel mit dem ihm eigenen, bösartigen Humor. Es hieß, dass der sensible, pummelige Prinz sogar weinte, wenn Brummell ihm sagte, dass seine Hose nicht passe.
Brummell wurde zum Captain befördert, quittierte aber den Militärdienst, als sein Regiment in das unzivilisierte Manchester versetzt wurde. Er lebte von einer bescheidenen Erbschaft und verbrachte seine Zeit mit der Pflege und Präsentation seiner zurechtgemachten Erscheinung. In seinem Haus in der Chesterfield Street wurde er häufig von Bewunderern, darunter der Prinz, besucht, die ihn bei seinen alltäglichen Verrichtungen beobachteten. Brummell plädierte vor allem für Sauberkeit, was bei dem Dreck und Gestank im London des späten 18. Jahrhunderts ein durchaus radikaler Ansatz war. Er verbrachte mehrere Stunden mit Rasieren, Zähneputzen, Auszupfen von Haaren und Baden in heißem Wasser oder Milch und er schrubbte sich mit einer festen Bürste, bis er krebsrot war. (In Biografien wird vermutet, dass die Milchbäder zur Linderung der wunden Stellen dienten, die im frühen Stadium der Syphilis auftreten.) Nach seiner täglichen Toilette kleidete er sich an. Dabei lautete das Motto immer: Weniger ist mehr!
»Wer wirklich elegant sein will, sollte unbemerkt bleiben«, sagte er.
Brummells Alltagskleidung bestand aus einem einfachen, gut geschnittenen dunkelblauen Frack kombiniert mit gelbbraunen oder schwarzen Reithosen und hohen schwarzen Stiefeln, von denen Brummell gern behauptete, sie seien mit Champagner poliert worden. Er vervollständigte sein Outfit mit einer gestärkten Halsbinde aus Leinen, die über ein hochgeschlossenes weißes Hemd geknotet wurde. Brummell war so perfektionistisch, dass Dutzende zerknitterte Halsbinden auf dem Boden landeten, bis eine zu seiner Zufriedenheit gebunden war. Wenn er endlich aus der Tür trat, war er das viel bewunderte Abbild ungekünstelter Eleganz. Eine zufällige Begegnung mit Beau Brummell konnte einem entweder den Tag versüßen, falls er sich dazu herabließ, einen zu grüßen, oder verderben, wenn er den Mantel verspottete, den man trug, oder – noch schlimmer – jemanden komplett ignorierte./6
Bald handelte sich Brummell durch seinen schonungslosen Spott Ärger mit dem sensiblen, zunehmend pummeligen Prinzen ein. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war eine Bemerkung über dessen Gewicht. »Wer ist Ihr fetter Freund?«, fragte er den Begleiter des Prinzen, der in Hörweite war. (Brummell war nicht der Einzige, der die Leibesfülle des Prinzen thematisierte: Der Essayist Leigh Hunt saß zwei Jahre im Gefängnis, weil er den Prinzen unter anderem »einen korpulenten Mann in den Fünfzigern«/7genannt hatte.) Verstoßen aus dem engeren Kreis des Prinzen und geplagt von immer höheren Spielschulden, floh Brummell nach Frankreich, wo er infolge seiner Syphiliserkrankung verrückt wurde, in eine Anstalt kam und dort mittellos starb.
Viele halten Brummell nicht nur für den ersten Promi der modernen Geschichte, sondern auch für einen Vorläufer jenes öffentlichen Verfalls, den wir mit einer bestimmten Art kometenhafter Berühmtheit in Verbindung bringen. Trotz seines unrühmlichen Endes war Brummells Einfluss enorm. Lord Byron stellte fest, dass es zu seinen Lebzeiten drei große Männer gegeben habe: ihn selbst, Napoleon und Beau Brummell – und der Größte von ihnen sei Brummell gewesen./8
Virginia Woolf war ebenfalls fasziniert von Brummell, auch wenn sie nicht genau sagen konnte, warum. In einem Essay aus dem Jahr 1925 schrieb Woolf: »Ohne auch nur eine edle, bedeutende oder wertvolle Handlung vollbracht zu haben, machte er Eindruck; er steht für ein Symbol; sein Geist weilt immer noch unter uns.«/9
Seine offensichtlichste Hinterlassenschaft findet sich überall dort, wo es Männer mit Mänteln und Schlipsen gibt. Und doch bewirkte er viel mehr, als nur den Weg für moderne Bürokleidung zu ebnen: Er half auch, die landläufige Definition von Überlegenheit in einer Gesellschaft zu verändern, die von einem starren Ständesystem bestimmt war. »Seine Besonderheit lag ausschließlich in seiner Persönlichkeit und wurde weder durch Titel, geerbte Herrschaftshäuser, große Ländereien noch einen festen Wohnsitz gestützt«,/10heißt es bei Hollander.
Brummells enorme Bekanntheit und großer Einfluss bewiesen, dass ein Mann sich nicht mehr durch Ränge und Titel definierte. Was man brauchte, war eine entschiedene Haltung – und einen exzellenten Schneider.
In den Fußstapfen von Mr. Brummell mache ich mich also auf den Weg durch die östliche Savile Row zu den von Lord Burlington gebauten Reihenhäusern, wo sich die ältesten Schneidereien der Straße befinden. Meine erste Station ist Henry Poole & Co in der Nummer 15. Ich weiß zwar, dass die Öffentlichkeit heute willkommen ist, aber als ich die große schwere Tür aufstoße, habe ich das Gefühl, dass mich gleich ein sehr bestimmter, aber furchtbar freundlicher Türsteher abweisen wird. Im Laden treffe ich auf Angus Cundey, den habichtsgesichtigen Firmenleiter, der tapfer die Besucher begrüßt – selbst jene unter uns, die aussehen, als könnten wir eine Reitjacke nicht von einer kugelsicheren Weste unterscheiden. Cundey, ein direkter Nachkomme jenes Mr. Poole, der das Geschäft 1806 eröffnete, steht neben einer niedrigen achteckigen Vitrine aus Walnussholz mit Messingbeschlägen, in der seidene Einstecktücher und glänzende Knöpfe ausgelegt sind. Hinter ihm stehen halbrunde Ledersessel vor einem Kamin, der von kopflosen Schaufensterpuppen mit bestickten Militärmänteln und Rüschenhemden flankiert wird. Neben der Feuerstelle hängen schwarze Brigg-Regenschirme an der Wand. (Das billigste Exemplar à laMit Schirm, Charme und Melonemit einem Griff aus Whangee-Bambus kostet um die fünfhundert Dollar.) In einem anderen Wandregal werden glänzende Stahlschwerter präsentiert, die als Accessoires für einen Samtfrack gemietet oder gekauft werden können. Unauffällig in einer Ecke platziert, steht eine Jockeywaage aus viktorianischer Zeit. Die mit einem Ledersitz versehene Vorrichtung diente Poole zur dezenten Klärung von Disputen mit Kunden, die behaupteten, seit der letzten Anprobe nicht zugenommen zu haben.
