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Das Ermittlerduo Jacobson und Kerr wird zu einem Wohnungsbrand in Woodlands, einem sozialen Brennpunkt in der mittelenglischen Stadt Crowby, gerufen. Dort finden sie die Leiche eines zuvor erschlagenen Gelegenheits-Dealer. Kurz darauf erschüttert ein weiteres Verbrechen Crowby: im gediegenen Willow Court wird die "Familie des Jahres" ermordet aufgefunden. Vor kurzem strahlten sie noch von den Titelseiten der Zeitungen, jetzt scheint es, als hätte der Vater erst seine Frau, seine drei Kinder und dann sich selbst umgebracht. Nur eine hat das Gemetzel überlebt: es ist die 10-jährige Freundin der Jüngsten - und Tochter der Geliebten des toten Drogendealers ...
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Seitenzahl: 421
Veröffentlichungsjahr: 2020
Iain McDowall, in Kilmarnock, Schottland, geboren, war Universitätsdozent für Philosophie und Computerfachmann, ehe er als Autor von Kriminalromanen bekannt wurde. Heute lebt er in Worcester, England, wo sich auch die fiktive Stadt Crowby befindet, in der seine Kriminalromane allesamt spielen.
Das Ermittlerduo Jacobson und Kerr wird zu einem Wohnungsbrand in Woodlands, einem sozialen Brennpunkt in der mittelenglischen Stadt Crowby, gerufen. Dort finden sie die Leiche eines zuvor erschlagenen Gelegenheits-Dealer. Kurz darauf erschüttert ein weiteres Verbrechen Crowby: im gediegenen Willow Court wird die „Familie des Jahres“ ermordet aufgefunden. Vor kurzem strahlten sie noch von den Titelseiten der Zeitungen, jetzt scheint es, als hätte der Vater erst seine Frau, seine drei Kinder und dann sich selbst umgebracht. Nur eine hat das Gemetzel überlebt: es ist die 10-jährige Freundin der Jüngsten – und Tochter der Geliebten des toten Drogendealers...
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Iain McDowall
Der perfekte Tod
Kriminalroman
Deutsch vonWerner Löcher-Lawrence
Über Iain McDowall
Informationen zum Buch
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Teil I
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
Teil II
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
Teil III
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
Impressum
Diesmal für Jesse
Sheryl hatte sich wieder mal vom Barmann des »Poets« überreden lassen, ihn mit zu sich zu nehmen. Der Himmel wusste, warum. Der Kerl konnte einen schwindlig reden und schien dann ganz verrückt nach ihr. Gestern Abend wenigstens. Im Moment wirkte er nicht so. Lag platt auf dem Rücken und sägte wie ein Holzfäller. Im Licht der Nachttischlampe merkte man ihm auch sein Alter an. Seine Augen waren noch das Beste an ihm. Tiefblau und immer nett lächelnd. Aber jetzt waren sie fest geschlossen, und Sheryl sah nur die Stoppeln auf seinem Doppelkinn, die fetten roten Adern, die sich auf seinen Nasenflügeln abzuzeichnen begannen, und die Art, wie die Mundwinkel am Ende jedes Schnarchers schmatzend aufflatterten. Sie wandte sich ab. Wenigstens war er ein richtiger Kerl. Ein Mann und kein blödes Weichei, das auch noch Besitzansprüche stellte, bei ihr einziehen und ihr Vorschriften machen wollte. Seine Frau störe es nicht, sagte er. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Was blieb der Ärmsten auch übrig, so wie sie aussah. Wer hinten im Bus saß, kriegte nicht viel ab. Es sei denn, ein Achtzehntonner knallte rein. Er sagte immer, dass sie nicht mehr zusammen ins Bett gingen. Sheryl hoffte, dass das stimmte. Schon der Gedanke, vom selben Schwanz gebumst zu werden wie die …
Sie schlüpfte aus dem Bett und zog sich schnell an. Jeans und ein blaues Oberteil. Einen Pullover, der eigentlich in die Wäsche gehörte. Leise zog sie die Tür hinter sich zu. Besser, Anne-Marie wusste nicht, dass jemand mit in der Wohnung war. Wenigstens nicht definitiv. Die Starkbierdosen vorm Kamin hatte sie sicher längst bemerkt, genau wie die ungewohnte Packung Marlboro neben den Silk Cut von ihrer Mum. Anne-Marie war zehn und helle wie nur was: Ihr entging nie etwas, und sie wusste zwei und zwei zusammenzuzählen. Kam morgens gut aus dem Bett und war immer längst auf, bevor man laut werden musste. Sie war in der Küche, als Sheryl hereinkam, und sorgte dafür, dass Lucy, die Kleine, nicht zu viel Zucker über ihre Rice Krispies schüttete.
»Guten Morgen, Mum«, sagte sie. »Ich habe ihr gesagt, es ist schlecht für ihre Zähne.«
»Morgen, meine Süßen.«
Sie quetschte sich am Tisch vorbei und gab beiden einen Kuss auf den Kopf.
Lucy kicherte.
»Ich hab geträumt, ich wäre ein Pirat«, sagte sie.
»Ja so was.«
Sie schaltete den Wasserkocher ein und löffelte Kaffeepulver in eine Tasse. Neben der Spüle türmte sich das schmutzige Geschirr. Darum würde sie sich später kümmern. Sie nahm den Kaffee mit ins Wohnzimmer, ließ sich aufs Sofa sinken und griff nach ihrer Zigarettenschachtel. Das musste morgens als Erstes sein, aber auf keinen Fall würde sie die kleinen Lungen ihrer zwei Süßen mit Nikotin zunebeln, während sie frühstückten. Ein BH – der von letzter Nacht – lag auf der Sofalehne. Sie stopfte ihn hinter ein Kissen, zündete sich eine Zigarette an, zog ein paar Mal und nippte an ihrem Kaffee. Unter dem BH war die Fernbedienung zum Vorschein gekommen. Sie legte sie auf den niedrigen, wackligen Tisch und packte die Zeitschriften auf einen ordentlichen Stapel. Mit Frühstücksfernsehen konnte sie nichts anfangen. Sie begriff nicht, wie einer in aller Frühe schon diesen verfluchten Lärm ertragen konnte, das ganze Licht und die Hektik. Sie konnte die Mädchen jetzt im Bad hören: Anne-Maries klare Anweisungen und Lucy, die nicht aufhören wollte zu kichern. Die große Schwester hatte ein Händchen für die Kleine, Gott sei Dank. Das war gut … ach was: Super war das, toll. Die Kleine war immer rechtzeitig fertig, mit allem, was dazugehörte. In ein paar Minuten würden sie reinkommen, damit sie ihr Okay gab. Sheryl drückte die Zigarette aus, trank den letzten Schluck Kaffee und überprüfte ihre Frisur in dem großen, bedruckten Spiegel über dem Kamin. Das Ding war potthässlich, der grelle Harley-Davidson-Schriftzug unten und das Motorrad kamen einem bei jedem Reingucken in die Quere. Aber sie hatte ihn billig bekommen. Vorerst musste er reichen.
»Wir sind fertig, Mum«, sagte Anne-Marie, streckte den Kopf herein und zupfte an Lucys Schal herum. Sheryl zog ihren Mantel an, schob die beiden in den kleinen, dunklen Flur, wo die Birne kaputt war, öffnete die Kette an der Tür und folgte ihnen ins Treppenhaus. Sie hatte ihnen eingebläut, niemals die Aufzüge zu benutzen. Auf keinen Fall. Sie selbst tat es auch nicht. Zu schmierig waren sie, zu dreckig, und da gab es zu viele Horrorgeschichten. Die Treppe führte rauf und runter und gab einem die Möglichkeit, sich in zwei Richtungen zu verteidigen, zu rufen und zu schreien. Im Aufzug war man eingesperrt, saß in der Falle. Fertig zum Verzehr: ein Hähnchen im Grill.
Draußen war es noch dunkel, und wie gewöhnlich regnete es. Es war der ewig gleiche, mistnasse Nieselregen, der noch bis in die letzte Ecke drang. Aber die Mädchen – Anne-Marie vorneweg – hüpften zur Bushaltestelle, als wäre das hier die Yellow Brick Road. So ungefähr das einzig Gute, was man über das William Blake House – so hieß der Block, in dem sie wohnten – sagen konnte, war, dass es günstig zur Bushaltestelle lag. Von einigen Häusern in der Siedlung war man eine Viertelstunde zur Haltestelle unterwegs.
Als sie glücklich im Bus saßen und die Häuser links und rechts an ihnen vorbeiglitten, sah Sheryl auf die Uhr. Endlich einmal war der Bus pünktlich. Es war genau halb acht. Wenn sie fahrplanmäßig in der Flowers Street ankamen, hatten sie fünf Minuten, um den nächsten Bus zu bekommen. Den um 8 Uhr 15 und nicht erst den um 8 Uhr 30. Was bedeutete, dass die Chance bestand, zeitig anzukommen und nicht in absolut letzter Minute über den verdammten Schulhof hasten zu müssen. Auf dem Amt hatten sie ihr erklärt, der Schulweg werde ein echtes Problem sein, und sie könne nicht erwarten, dass für zwei Schüler ein extra Schulbus eingesetzt werde. Sie hatte sich trotzdem nicht von ihrem Plan abbringen lassen. Auch von der hochnäsigen Schulsekretärin nicht, die sie anrufen musste, um mit dem Rektor einen Termin wegen der Einschreibung zu vereinbaren. Sie hatte das Recht, ihre Kinder auf die Schule zu schicken, die ihr am besten gefiel. Das war heute so. Punkt. Und es kam nicht in Frage, dass Sheryls kleine Lieblinge auf die Grundschule in Woodlands gingen, wo sie eher lernten, sich einen Joint zu drehen oder einen Eckladen auszurauben, als sich die Schuhbänder richtig zuzubinden. Davon hatte sie sich nicht abbringen lassen. Schluss, aus.
Der Bus fuhr scharf um eine Ecke. Lucy stieß Anne-Marie fester mit dem Ellbogen in die Seite, als nötig gewesen wäre.
»Hui!«, sagte sie.
Und dann noch einmal: »Hui!«
Aber Anne-Marie sah nicht von ihrem Buch auf. Sheryl sagte »Pssst!« und strich Lucy sanft über den Kopf. Sie lehnte sich zurück und sah ihr Spiegelbild im Fenster. Ihr zu schmaler Mund wirkte angespannt, und in den Augen lag Nervosität und Müdigkeit. Wenn nötig, bringe ich sie selbst hin. Sheryl hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Mädchen auf die Grundschule in den Bartons zu schicken, und es am Ende auch geschafft. Die Bartons – das war die andere Seite der Stadt. Eine, wie man so sagte, gute Gegend. Ärzte und Anwälte schickten ihre Kinder auf die Schule dort. Eltern mit Jobs in Büros. Und so weiter. Grant, der junge Typ aus der Beratungsstelle, hatte ihr geholfen, sich um den Papierkram gekümmert und die Fahrkarten für die Mädchen besorgt. Ob er gedacht hatte, sie würde sich dafür revanchieren? Gesagt hatte er nie was. Vielleicht war er zu schüchtern. Oder schwul, wie jemand gemeint hatte. Schade wäre das, er hatte so ein nettes, ruhiges Lächeln. Sex mit ihm war bestimmt leicht und zärtlich. Nicht die ewig gleiche, leidige Kraftmeierei.
Der Bus verließ die Siedlung und steuerte auf die Innenstadt zu. Dave würde wahrscheinlich längst weg sein, wenn sie zurückkam. Er fand schon hinaus und würde dafür sorgen, dass die Tür gut abgeschlossen war. Den Schlüssel warf er in den Briefkasten. Da war Verlass auf ihn. Er war kein schlechter Kerl. Wahrscheinlich würde er ihr auch etwas dalassen. Zehn, zwanzig, vielleicht sogar dreißig Pfund. Damit bezahlte er sie nicht. Nein, das war es nicht. Ein junges Ding wie du, hatte er einmal gesagt, mehr so nebenhin, dass sie wusste, wie er es meinte, ohne darauf antworten zu müssen. Ganz allein mit zwei kleinen Kindern. Da ist es doch nur natürlich zu helfen, oder?
Sie hatte darauf heiser gelacht, hatte ihn ihre Bluse aufknöpfen lassen und den Kopf an seine Brust gelegt. Tu nicht so unschuldig, Dave. Ein starker, gut aussehender Mann wie du braucht nicht dafür zu bezahlen.
Florida Boy und Charlie saßen in Charlies Wagen und warteten, bis die Schlampe, Sheryl oder wie sie hieß, mit ihren zwei Bälgern unwiderruflich im Bus saß und die Siedlung verlassen hatte. Es sollte ein sauberer Job werden, sagte sich Charlie noch einmal. Zügig rein und zügig wieder raus. Sie waren jetzt Profis. Oder wenigstens fast: Die Jahre mit Kinderkram lagen so gut wie hinter ihnen. Der Wagen, zum Beispiel. Der war bis Ende der Woche sicher. Das war gleichsam garantiert. Eingebaut. Gestern Nachmittag war er mit der Bahn schwarz nach Birmingham New Street und dann zum Messezentrum gefahren. Nur Kinder klauten Autos im eigenen Viertel. Profis holten sich ihre Schlitten von anderswo und bedienten sich auch nicht wie die Amateure auf dem Parkplatz des Messezentrums. Die Autos da wurden schon nach Stunden und nicht erst nach Tagen vermisst. Nein, Charlie hatte den Plan entworfen und sich auch daran gehalten: Mit dem Taxi war er rüber zum Flughafengebäude gefahren, hatte einen unverdächtigen Milchkaffee im Lavazza-Laden getrunken und war dann zügig zum Langzeitparkhaus marschiert. Alles, was zu neu oder zu teuer war, hatte er gar nicht erst in Betracht gezogen, sondern nach etwas Solidem, Verlässlichem gesucht, einem Wagen, der praktisch unsichtbar war.
Florida Boy fuhr mit nervösen, zittrigen Fingern über das Armaturenbrett aus Walnuss unter der Windschutzscheibe.
»Genau unsere Kragenweite, Charles, alter Knabe. Genau das Richtige, supercool«, sagte er.
Charlie nickte zustimmend. Florida Boy hatte tatsächlich keinen Grund, sich zu beklagen. Es war ein Rover 219, 97er Zulassung: Die Karre war ein verfluchtes Ende schneller, als sie aussah, wenn auch zum Erschrecken langweilig. Kein Bulle, der was auf sich hielt, würde so was anhalten, selbst in einem Monat voller Sonntage nicht. Und wenn alles gut ging, waren sie längst in der verfluchten Firma drin und hatten die Beine unterm Tisch, wenn sie den Wagen wieder loswerden mussten. Dann konnte es sehr gut sein, dass sie ein geiles, glänzendes Teil übernehmen würden, und zwar ganz legal. Zur exklusiven Verfügung von Charlie Taylor und Florida Boy Bilston. Inklusive Steuerplakette, Versicherung und dem ganzen Scheiß. Die feste Mitgliedschaft in Babe-Magnet-City. Er machte das Seitenfenster auf und schnipste nachdenklich die Asche ab.
Der Deal sah so aus: Eine Woche Probelauf ohne irgendwelche Fragen. Ein paar kleine Jobs, die gerade anstanden. Jobs, um die sich die offizielle Mannschaft nicht kümmern wollte. Auf den Punkt erledigt, ohne jede Hilfe. Versaut ihr es oder werdet erwischt, hilft euch keiner. Wenn alles perfekt klappt – und nichts weniger wurde erwartet –, steht ihr für drei Probemonate auf der Gehaltsliste.
»Supercool, genau das Richtige«, sagte Florida Boy noch einmal.
Offenbar stand Bilston gut unter Strom. Darauf würde er in Zukunft achten müssen, dachte Charlie. Wie es aussah, war es für den kleinen Job heute Morgen aber womöglich keine schlechte Sache. Bei so was musste man volles Rohr rangehen und sich einen Scheiß draus machen, und FB sollte den Hauptjob übernehmen. So wie Charlie es sah, war er selbst heute eher der Moderator. Das war auch was, was Profis auszeichnete: ihre Fähigkeiten voll auszunutzen und sich auf die Stärken ihrer Kollegen zu verlassen. Die Uhr im Walnussarmaturenbrett blubberte von 7 Uhr 39 auf 7 Uhr 40. Taylor drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und klopfte Bilston auf den Arm.
»Los, Kumpel«, sagte er so cool wie möglich. »Wird Zeit, dass wir loslegen.«
Sie stiegen aus, und Taylor schloss den Wagen ab. Locker, aber ohne Zeit zu vergeuden, gingen sie die gut dreißig Meter den Bürgersteig entlang bis zum Eingang. Das William Blake House war etwa halbhoch. Nur zehn Stockwerke. Links und rechts standen fünf identische Blocks, eine düstere Reihe, umgeben von ungepflegten Rasenflächen und aufgerissenem Teer. Eine Minute standen sie draußen, die Kapuzen nicht nur wegen des Regens über die Köpfe gezogen. FB rüttelte an der Tür, aber sie war verschlossen. Die Stadt hatte kürzlich erst die Sicherheitsvorschriften verschärft. Die Blocks verfügten heute alle über Wechselsprechanlagen. Man klingelte bei dem Arsch, den man besuchen wollte, und der ließ einen dann rein.
Es dauerte kaum zwanzig Sekunden, bis sie inoffiziell reinkamen. Ein junger Typ mit einer zerrissenen Winterjacke trat aus einem der Aufzüge und kam auf die gläserne Haustür zu. Die Stadt hatte allen Mietern ein Merkblatt geschickt: »Lassen Sie niemals Fremde ins Haus.« Florida Boy warf dem Jungen einen Blick zu, als der den rechten Türflügel aufdrückte, aber der Kleine hatte sowieso die Hosen voll und hielt ihnen ohne jeden Widerspruch die Tür auf.
»Danke, Kumpel«, sagte Charlie ruhig.
Freundlichkeit kostete nichts, wenn einer sie sich redlich verdient hatte.
Sie nahmen die Treppe, ohne sich zu beeilen. Eine hässliche große »4« auf der Wand begrüßte sie, als sie die richtige Etage erreichten. Jemand hatte mit grüner Farbe »Fotzen sind besser als zwei« unter die Zahl geschrieben. Charlie kicherte und zog die Korridortür auf, die zu den Wohnungen führte. Neue Schlösser waren was anderes. Die machten schon was. Aber Charlies Schwester wohnte drei Blocks weiter im Byron House. Da war er gestern Abend hin und hatte ein paar Stunden geübt. Erst sah es aus, als brauchte er extra Werkzeug, aber Übung macht den Meister und so. Jetzt kriegte er es mit einer Kreditkarte hin. Einfach, leise: Genau so, wie er es liebte. Man musste nur den Winkel richtig berechnen und dann ausreichend drücken. Flutsch.
»Voilà, wie man in Frankreich sagt«, flüsterte er und steckte die Karte zurück in die Tasche.
»Diese miesen, ausländischen Drecksäcke«, sagte Florida Boy.
Charlie drückte die Tür unendlich langsam auf, legte den Finger an die Lippen und bedeutete FB, ihm zu folgen.
Dave, der Barmann, war noch im Bett. Saß an die Wand gelehnt da und schien die Kummerecke in einer der Zeitschriften der Nutte zu lesen. Zog an einer halb gerauchten Zigarette.
»Oh, oh. Schlimme Angewohnheit«, sagte Florida Boy und trat in die Tür.
Wie eine verfluchte Hausratte war er durch die Wohnung geschlichen, aber jetzt war Schluss mit lustig. Dave fing fürchterlich an zu fluchen, warf die lila Decke zur Seite und schwang die Füße auf den Boden. Kraft genug hatte er, aber Florida Boy hatte längst das Montiereisen unter dem Fleece-Pullover hervorgezogen und gab Dave damit eins auf die Koteletten, noch bevor dessen große, haarige Füße den so gar nicht dazu passenden Teppich berührten.
Charlie zog ein langes Stück Wäscheleine heraus, das er von seiner Schwester hatte mitgehen lassen. Sie verschnürten den Ficker, solange er noch nicht wieder wusste, wo oben und unten war.
»Der ist am Arsch, völlig genagelt«, sagte Florida Boy mit glänzenden, zuckenden Augen.
Vor dem Schminktisch lag ein Haufen schmutziger Wäsche. Florida Boy nahm eine Unterhose und stopfte sie Dave in den Mund. Charlie und er packten Dave bei den Beinen und zogen ihn ins Wohnzimmer. Sie sollten dem Kerl eine Abreibung verpassen. Nicht zu heftig, aber vor allem ins Gesicht zielen: zur Abschreckung, hatte man ihnen erklärt. Bis alles wieder verheilt war, würde Dave als wandelndes Beispiel dafür herumlaufen, dass es besser war, sich respektvoll zu erweisen und niemanden zu verarschen. Und sie sollten den Ficker auch zum Reden bringen. Er sollte sein Fehlverhalten bis in alle Einzelheiten erläutern und Namen nennen.
Sie zogen ihn vors Sofa und traten den wackligen Tisch zur Seite. Es traf sich gut, dass die Nutte einen elektrischen Kamin hatte. Und der Strom war auch nicht abgestellt. Charlie befreite die Konstruktion von ihrer billigen Einfassung. Das Kabel war gerade lang genug. Geschickt schraubte er das Schutzgitter ab und schaltete die Apparatur ein, alle drei Stangen. Dave wand sich auf dem Boden, seine Augen schössen umher wie bei einem Goldfisch mit Überdosis.
»Also, alter Knabe«, sagte Florida Boy. »Ich zieh dir jetzt den Schlüpfer aus dem Maul, und du sagst kein Sterbenswörtchen, bis du gefragt wirst. Comprendes?«
Dave hörte auf sich zu winden und schien Einverständnis zu nicken. Er hustete und würgte, als wieder Luft in seine Kehle drang. Charlie trat einen Schritt zurück und sah ihn verächtlich an. Mindestens vierzig war der Typ und schreckte doch nicht davor zurück, so ’ne junge, knackige Schnalle zu vögeln.
Florida Boy machte sich an die Arbeit und packte die Heizstäbe. Wie einen Schild. Mit dem unteren Stab ging er bis auf ein paar Zentimeter an Dave Gesicht heran und legte dazu sein bestes Wahnsinnsgrinsen auf. Charlie steckte sich eine Zigarette an. So eine geile Scheiße. Besser als arbeiten, besser als auf Stütze leben. Wenn Dave ihnen gesagt hatte, was sie wissen wollten, würde ihm FB noch ein paar reinhauen, und schon waren sie weg. Auftrag erfüllt.
»Wer steckt sonst noch mit in der Sache, alter Knabe?«, fragte Florida Boy, und die Heizstäbe zuckten in seiner alles andere als ruhigen Hand. Charlie zog selbstsicher an seiner Zigarette und wartete darauf, dass die Antwort herausgesprudelt kam.
Die Firma wusste sowieso schon fast alles. Das hier diente vor allem der Bestätigung – und dem Zurechtstutzen von Riesenbaby Dave. Aber Dave sagte nichts. Er war wieder zu Atem gekommen und lag einfach so da: verschnürt und mit großen Augen. Florida Boy stellte die Heizstäbe ab und gab ihm eins in die Fresse.
»Ich hab dich was gefragt, alter Knabe.«
Alles wäre glattgegangen, dachte Charlie später, wenn der Trottel nur wie ein normaler Mensch reagiert hätte. Wenn er geantwortet und meinetwegen schnell was erfunden hätte. Aber Dave hatte offenbar zu viele Filme gesehen und war auf ’nem hoffnungslosen Macho-Trip. Wie es manchmal vorkam, wenn alte Typen noch mal Oberwasser kriegten und dachten, sie wären unbesiegbar. Irgendwie hatte er sich aufrichten können, FB auf dem falschen Fuß erwischt und ihm die Knie in den Leib gerammt. Bilston war auf den Heizstrahler gefallen, und die Stangen hatten sich ihm in den Rücken gebrannt, bevor das verfluchte Ding endlich durchgeknallt war. Worauf FB sich hochgerappelt und völlig den verfickten Verstand verloren hatte.
Charlie hatte natürlich noch versucht, ihn wegzuziehen, aber nicht an ihn rankommen können. Florida Boy schlug wie wild mit dem Montiereisen um sich: Tisch, Fernseher und der riesige hässliche Spiegel bekamen fast genauso viel ab wie der Kopf des Barmanns. Charlie hätte es wahrscheinlich auch erwischt, wäre er ernsthaft dazwischengegangen. Ihr miesen Drecksäcke, hatte Dave noch ausspucken können, während er aus irgendeinem Grund versuchte, sich aufs Sofa zu hebeln. Was keine besonders tollen letzten Worte waren, dachte Charlie. Aber du hast ja recht, Kumpel, du hast ja nur allzu recht.
Wenn sie gegessen und nachgesehen hatte, ob mit Lucy alles in Ordnung war, verbrachte Anne-Marie den Rest der Mittagspause am liebsten mit ihrer Freundin Sarah Adams im Lernmittelraum. Am anderen Ende konnte es schon mal etwas laut werden. Wo die Computer standen. Wo Sophie Norman und ihre Truppe dumme E-Mails an ein paar Jungs an ihren Partnerschulen in Frankreich und Deutschland schickten. Aber hier, bei den wenigen Regalen der Schulbücherei, war es nicht so schlimm. Anne-Marie hatte angefangen, den ›Herrn der Ringe‹ zu lesen. Der war viel schwerer als der ›Hobbit‹, aber den hatte sie jetzt schon zweimal durch, und tief in ihrem Herzen wollte sie wissen, was als Nächstes mit dem Ring passierte. Mum hatte gesagt, sie könnten sich auch die Filme ansehen, aber Anne-Marie las lieber die Geschichte. Einen Film konnte man sich nur ansehen: In einem Buch konnte man leben.
Sarah war natürlich Harry-Potter-Fan. Sie las den ›Feuerkelch‹ gerade zum dritten Mal. Die meisten Kinder, die »Freude am Lesen« hatten, wie Mrs Harrison es nannte, waren Harry-Fans. So viele waren es allerdings auch nicht. Anne-Marie hatte nichts gegen Harry. Den Anfang vom ersten Band, als Harry noch bei den Dursleys wohnte, hatte sie ziemlich gemocht, aber als er in die öde, alte Schule kam, hatte sie den Spaß verloren. Mrs Harrison sagte, es sei nicht so wichtig, was sie läsen, Hauptsache, sie läsen überhaupt. Die Freude am Lesen bleibe einem sein Leben lang erhalten. Mrs Harrison hatte ihr auch vom ›Hobbit‹ erzählt. Als würde sie Anne-Marie in ein echtes magisches Geheimnis einweihen. Als Anne-Marie dann letzte Woche ›Die Gefährten‹, den ersten Band des ›Herrn der Ringe‹ auslieh, sagte Mrs Harrison, das sei eigentlich eher etwas für Erwachsene. Aber das soll dir den Spaß nicht verderben, hatte sie dann noch freundlich hinzugefügt.
Es war auf jeden Fall eine sehr, sehr lange Geschichte. Drei ganze Bücher. Mit Bildern. Merkwürdigen, schönen Bildern, die man allein schon stundenlang ansehen konnte. Er muss wirklich, wirklich schlau gewesen sein, dachte Anne-Marie, dieser Mr Tolkien. Bilbo hatte den Zauberring gefunden – er hätte ihn allerdings nicht behalten sollen – und den Gollum mit einem einfachen Rätsel überlistet. Und Frodo und er waren richtige, ausgewachsene Hobbits. Keine pickligen kleinen Schuljungen wie Harry.
In ihre Geschichten versunken saßen die beiden Mädchen nebeneinander, bis es klingelte. Es war halb zwei. Schnell klappten sie die Bücher zu. Heute Nachmittag würden sie ihr Geschichtsprojekt vortragen: »Cavaliers und Roundheads. Der englische Bürgerkrieg« – beiden gefielen die Cavaliers am besten, da sie auf Seiten des Königs standen.
»Ich frage meine Mum, ob du Donnerstag zu uns zum Tee kommen darfst«, sagte Sarah. »Glaubst du, dass deine Mum dich lässt?«
»Ich muss sie fragen«, sagte Anne-Marie.
Es war ein langer Weg für ihre Mum, sie von Sarah abzuholen, dreimal umsteigen, aber als Sarahs Dad sie einmal mit dem Auto zurückgebracht hatte, war Mum ziemlich sauer gewesen. »Was ist denn, Mum?«, hatte Anne-Marie sie gefragt, nachdem Sarahs Dad wieder gegangen war. Mum polierte gerade den Spiegel über dem Kamin. Sie legte das Tuch zur Seite, nahm sie in den Arm und drückte sie ganz fest an sich. Wir sind genau so viel wert wie die, Liebling. Nein, noch mehr. Vergiss das nie.
Der Großteil ihrer Klasse stand bereits vor der Tür, als Anne-Marie und Sarah kamen. Sie stellten sich hinten an, hinter einem sehr kleinen Jungen, den alle Froggy nannten, obwohl kaum noch einer wusste, warum. Sein wirklicher Name war Tom, aber nur Mrs Harrison nannte ihn so. Anne-Marie wurde nervös. Ob Mrs Harrison krank war? Aber dann sah sie ihre Lehrerin den Flur heruntereilen. Bei ihr war noch eine andere Frau. In Uniform. Eine Polizistin, wie Anne-Marie sah, als die beiden näher kamen. Anne-Marie drängte sich gegen die Wand und versuchte, sich so klein wie möglich zu machen. Unsichtbar wollte sie sein, wie Bilbo. Sosehr ihre Mum sie auch liebte, am liebsten wäre sie immer noch aus dieser Schule weggelaufen, und sie wusste, wenn die Polizei irgendwen holen kam, würde sie es sein.
Zwei Stunden später fand Marion Adams vor der Schule keinen Parkplatz für ihren Renault Espace. Das Ganze wurde langsam lächerlich. Man musste praktisch schon eine Stunde vorher kommen, wollte man auch nur irgendwo in der Nähe des Schultors parken. Sie bog ab und fuhr die Barton Avenue halb hinunter, fand endlich eine Lücke, parkte und ging zu Fuß zurück. Was um diese Jahreszeit ganz und gar kein Vergnügen war. Aber wenigstens kam Sarah pünktlich heraus. Immerhin, dachte sie. Endlich einmal hatte sie nach dem Klingeln nicht noch ewig in der Klasse herumgehangen und die Lehrerin mit Fragen bombardiert.
Sie nahm Sarah bei der Hand und eilte mit ihr zurück zum Auto. Sarahs spitze Nase lief rot an, so kalt und nass wehte der Wind. Lernbegierig. So hieß es immer in ihrem Zeugnis. Nun, das war in Ordnung, dachte Marion Adams, reichte aber nicht. Die Lehrer waren als Kinder wahrscheinlich auch lernbegierig gewesen – und jetzt sieh sie sich einer an: Kurven in alten Autos herum, und was sie verdienen, ist ein Witz. Steve, ihr Mann, hatte die Schule mit sechzehn geschmissen, ohne Abschluss. Aber er hatte was aus sich gemacht, oder? Absolut, zumindest in ihren Augen. Sie deutete mit dem Schlüssel auf den Espace und drückte. Es gefiel ihr, wie die Lichter aufblinkten, wenn die Türen sich entriegelten. Als würden sie gehorsam grüßen. So einen Wagen sah man kaum auf dem Lehrerparkplatz. Überhaupt nicht, um genau zu sein. Keine sechs Monate alt und ein strikt limitiertes Sondermodell. Sie spürte die Regentropfen auf dem Griff, als sie die Tür öffnete. Die Tropfen schienen die Farbe des Wagens anzunehmen, während sie an ihm herunterliefen. Autoschweiß: perlende, silbergraue Kaulquappen.
Sie selbst hatte eine wärmere Farbe gewollt. Etwas Freundlicheres. Kirschrot oder sogar Gelb. Aber Steve wollte Silber, und damit war es entschieden gewesen. Fast hätten sie wegen des Nummernschilds gestritten. Waren so nahe an einem echten Streit gewesen wie nur je, weil sie dachte, eins mit seinen Initialen könnte witzig sein, ein Spaß. Aber Steve meinte, wenn man sich schon jedes Jahr ein neues Auto kaufte, dürften die Leute das auch ruhig am aktuellen Buchstaben der Zulassung auf dem Nummernschild sehen. Mrs Adams schnallte Sarah, die auf den Beifahrersitz geklettert war, den Sicherheitsgurt um, ließ den Wagen an und fädelte sich in den Vorstadtverkehr ein.
Der Espace war ein echter Fortschritt gegenüber dem Space Wagon, da waren sie sich einig. Nicht, dass mit dem Mitsubishi etwas nicht in Ordnung gewesen wäre, aber der Espace war einfach der bessere Wagen. Eine Klasse höher. Acht Lautsprecher. Fünf herausnehmbare Sitze. Sämtliche Sicherheits-Features, die man sich denken konnte. Damit schalten wir eins rauf, in den sechsten, hatte Steve gesagt, als sie den Wagen abholten. Und die Klimaanlage: Im Sommer war es sofort angenehm kühl und an einem kalten Tag wie diesem kuschelig warm.
»Anne-Marie musste heute früher nach Hause. Da war eine Polizistin«, verkündete Sarah mit bedeutungsvoller Miene.
Mrs Adams antwortete nicht. Sie tat so, als nähme das Fahren ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ihre Methode, mit dem Anne-Marie-Problem umzugehen, bestand darin, jede Nennung des Namens möglichst zu überhören. Wenn Sarah erst ein bisschen älter war, davon war sie überzeugt, würde sie selbst sehen, dass der kleine Bastard – denn das war diese Anne-Marie am Ende doch – keine angemessene Freundin für sie war. Kein Grund zur Sorge, hatte Steve gesagt, und sie hatte ihm zugestimmt. Es war alles nur eine Frage der Zeit.
»Daddy geht heute Abend mit uns zum Bowling, Liebes«, sagte sie.
Von der Polizei abgeholt, das passt, dachte sie. Gott allein wusste, was sich die Mutter dabei dachte, normalen Menschen ihre Kinder aufzuhalsen. Sie waren immer nett und sauber angezogen, das musste man zugeben. Aber wer wollte sagen, woher die Sachen stammten? In Vierteln wie Woodlands wurde auf Bestellung geklaut. Das hatte sie in der ›Mail on Sunday‹ gelesen, und laut Steve, der das Mädchen einmal nach Hause gefahren hatte, war die Wohnung ekelhaft gewesen. Gott sei Dank hat sie mir keinen Platz angeboten, sagte er, als er wieder zu Hause war.
»Ich mag nicht zum Bowling. Ich will, dass Anne-Marie kommt«, sagte Sarah und zupfte am Reißverschluss ihrer Schultasche.
»Aber du siehst sie doch morgen schon wieder in der Schule«, sagte Marion Adams und nahm damit das Anliegen ihrer Tochter zumindest zur Kenntnis. Mehr jedoch nicht. Sie ließ sich dadurch nicht von ihrem Thema abbringen. »Heute haben wir einen Familienabend. Du, ich, Daddy und die Jungs. Nur wir und sonst keiner.«
Sie hatten die Bartons jetzt fast durchquert. Gleich waren sie zu Hause. Sarah sagte eine Weile nichts, und dann: »Anne-Marie sagt, Tolkien ist besser als Harry Potter. Ich glaube aber nicht. Was meinst du, Mummy?«
Aber ihre Mutter hatte weder Tolkien noch J. K. Rowling gelesen.
»Ich glaube, man kann seinen Kopf auch zu tief in Bücher stecken, mein Lämmchen«, sagte sie und setzte den Blinker.
Mit sanftem Schwung steuerte sie den Espace in ihre Straße und betrachtete das Thema damit als beendet.
Sheryl und die Mädchen würden bei Candice übernachten. Candice wohnte im zweiten Stock und war ebenfalls alleinerziehende Mutter. Sie hatte ein großes, ausziehbares Sofa in ihrem Wohnzimmer, auf dem Sheryl, Lucy und Anne-Marie schlafen konnten. Morgen, hatte der Beamte gesagt, müsse Sheryl aufs Wohnungsamt, um alles Nötige für eine neue Bleibe in die Wege zu leiten. Candice hatte nur ein Kind, einen achtjährigen Jungen namens Liam. Liam besaß einen Game Boy, und Anne-Marie beschäftigte Lucy, indem sie ihr zeigte, wie man damit »Tetris« spielte. Liam hing vorm Fernseher und kümmerte sich nicht weiter um die beiden. Candice und Sheryl saßen in der Küche und rauchten. Candice machte zwei Smirnoff Ice auf und gab Sheryl eine Flasche.
Sheryl hatte ganz rote Augen und zupfte sich nervös an der Lippe. Sie und die Mädchen besaßen nichts mehr außer dem, was sie am Leibe trugen, nicht mehr als das, was sie bei sich gehabt hatten.
»Die Feuerwehr sagt, wir hatten alle ganz schön Glück«, sagte Candice. »Noch zehn Minuten und das Feuer hätte sich ausbreiten können. Dann wäre vielleicht der ganze Block abgebrannt, nicht nur deine Wohnung.«
Sheryl nickte. Aber Candice fragte sich, ob sie ihr wirklich zuhörte.
»Wir hatten ja nicht viel«, sagte Sheryl endlich. »Aber jetzt haben wir nichts mehr. Überhaupt nichts.«
Die Wohnung war schon ausgebrannt gewesen, als Sheryl von den Bartons zurück nach Woodlands gekommen war. Der Block war evakuiert worden, die Bewohner standen auf der anderen Seite der Straße, zitterten und beschwerten sich über den Nieselregen. Ein paar Polizisten waren da, Feuerwehrwagen, Gaffer. Sogar ein Reporter und ein Fotograf vom ›Evening Argus‹ waren gekommen. Das ist sie, hörte sie die Leute sagen, als sie voller Angst von der Haltestelle zum Haus gerannt kam. Dave war längst tot, als die Feuerwehrleute ihn fanden. Im Bett geraucht, hieß es. Geraucht und eingeschlafen. Ja, er war Raucher, sagte sie den Leuten. Der Feuerwehr, der Polizei, dem Reporter. Der Reporter hatte gefragt, ob er ein Foto von ihr machen dürfe und ob sie vielleicht auch ein Foto von den Mädchen bei sich habe, das sie ihm leihen könne. Aber das hatte sie rundweg abgelehnt. Nein, hatte sie gesagt, kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram.
Candice nahm einen Schluck aus ihrer Flasche.
»Der arme Dave.«
Sheryl schüttelte zur Antwort nur den Kopf. Ihre Zigarette verqualmte so gut wie unberührt im Aschenbecher. Dave war kein Idiot, dachte sie, und er trank auch nicht morgens schon oder nahm Drogen. Beides hatten die Bullen ihr in den Mund legen wollen: Dass Dave völlig hinüber gewesen sei und mit seiner Zigarette die Matratze in Brand gesetzt hätte. Sie hatte aus reinem Instinkt heraus gelogen. Von Drogen weiß ich nichts. Aber ja, getrunken hat er schon mal. Wenn sie glücklich damit waren, das zu glauben, hatte sie nichts dagegen. Absolut nicht: Sie hatte auch so schon genug am Hals, worüber sie sich Sorgen machen musste. Aber Sheryl kannte Dave – und Woodlands – ein ganzes Stück besser, um so was auch nur entfernt glauben zu können.
Florida Boy war aus Woodlands in ein möbliertes Zimmer in der Nähe der Mill Street gezogen. Das Sozialamt zahlte die Miete. Sein Bewährungshelfer hatte gemeint, es würde ihm »mehr Unabhängigkeit« geben und dabei helfen, sich »aus alten Bindungen zu lösen«. FB lag bäuchlings auf dem Bett und jammerte wegen seines elenden Rückens. Charlie achtete nicht weiter darauf. Es war längst nicht so schlimm, wie der Trottel sagte. Yeah, er hatte sich verbrannt. Aber er würde’s überleben, oder? Der menschliche Körper verfügte über tolle Selbstheilungskräfte und so weiter. Sie konnten auf keinen Fall damit zum Arzt oder ins Krankenhaus laufen. Dann könnten sie genauso gut eine verdammte Anzeige in die Zeitung setzen. Vielleicht sollte sich Lisa die Sache morgen mal ansehen. Lisa war eine von Charlies Verflossenen, die eine Weile als Schwesternhelferin gearbeitet hatte: bis sie die Kleine mit langen Fingern in der Krankenhausapotheke erwischt hatten. Offen gestanden waren die Verbrennungen von FB noch die kleinste ihrer Sorgen. Und er hatte die Schmerzen verdient. Dieser verfluchte, Pillen schluckende Wichser.
Während Florida Boy stöhnte und wimmerte, lief Charlie im Zimmer auf und ab. Das winzige Handy wog schwer in seiner Hand. Ach, Scheiße, dachte er schließlich und wählte die Nummer. Bring es hinter dich.
»Ich bin’s, Charlie«, sagte er, als am anderen Ende jemand abnahm. »Ich nehme an, ihr habt gehört, dass wir ein kleines Problem …«
Nein, Kumpel. Nicht wir, ihr habt ein Problem. Du und dein Kollege. Niemand sonst. Die Abmachung gilt nicht mehr. Ihr seid auf euch gestellt, ihr Wahnsinnigen.
»Aber …«
Und noch eins. Erwähnt diese Organisation niemandem gegenüber. Du weißt, was ich meine. Nicht mal indirekt. Kein Hinweis, nichts. Ihr kennt uns nicht – aber wir euch. Ruf diese Nummer nie wieder an. Nie wieder.
Steve Adams steuerte den Espace auf den Parkplatz des Freizeitparks Crowby. Steve, Marion und die zehnjährige Sarah saßen vorn, Matt, zwölf, und Mark, vierzehn, hinten. Tagsüber fuhr er den weißen Mondeo mit Firmenlogo und Kontaktinformationen. Es war erstaunlich, wie viel Geschäfte in Gang kamen, bloß weil einer im Stau hinter dir stand und sich die Nummer aufschrieb. Aber abends und am Wochenende war Familienzeit, da nahm er den Espace. Dafür war der Wagen schließlich da. Er parkte in einem gut beleuchteten Bereich in der Nähe einer der Überwachungskameras. An dem Wagen war noch kein einziger Kratzer, und das sollte auch so bleiben.
Er bezahlte für zwei volle Spiele und lieh vier Paar Bowlingschuhe aus. Er selbst hatte eigene dabei und die Bowlingkugel, die ihm Marion letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. Er zahlte mit seiner HSBC-Platinum-Card. Er sah keinen Sinn mehr darin, bar zu bezahlen, es sei denn, es ließ sich nicht vermeiden. Mit Plastik ging es so viel besser. Zahl einmal im Monat die Rechnung und lass die Typen dir das Geld mindestens achtundzwanzig Tage zinsfrei vorschießen. Lass die Trottel dafür zahlen, die sich das Geld borgen müssen und nicht fristgemäß damit rüberkommen. Das war sein Motto. Oder war es zumindest bis kürzlich gewesen.
Während sie sich die Schuhe anzogen und zu Bahn zehn hinübergingen, nickte er einem halben Dutzend bekannter Gesichter zu. Es war fast so etwas wie ein öffentlicher Auftritt. Plötzlich sah er es so. Als klare Aussage am Abend vor der großen Nacht. Zusammen etwas unternehmen. Eine positive Haltung zeigen. Darum drehte sich doch alles. Darum ging es. Bill Elliot und seine Familie spielten auf Bahn sechs. Steve ließ die anderen vorgehen, um schnell ein paar Worte zu wechseln. Er hatte gehört, dass Billy Boys Baufirma ein paar große Anwesen an der Wynarth Road renovierte. Gehobene Unterkünfte für Ruheständler. Vielleicht zwanzig, dreißig Wohnungen für gut betuchte alte Knacker. Alles komplett mit Wächtern, Krankenschwestern und ausgesuchtem Hilfspersonal. Ohne jeden Zweifel würde es da Kabel- oder Satellitenfernsehen geben – und keinen Grund auf dieser Welt, warum Elliot ihn nicht beim Bauherrn empfehlen sollte. Wäschst du meine Hand und so weiter. Es war allemal billiger, bei der Verkabelung gleich an Fernsehen und überhaupt alle digitalen Dienste zu denken. Das war der Punkt.
»Auf die Weise sparen sie ein Vermögen, Bill«, sagte er.
Elliot wirkte nicht ganz überzeugt, aber nach ein bisschen Zureden versprach er, den Gedanken weiterzugeben.
Steve klopfte ihm herzlich auf die Schulter.
»Danke, Mann. Wenn wir den Job kriegen, schulde ich dir was.«
Elliot zwinkerte ihm unverbindlich zu und ging zurück zu seiner Bahn.
Das Adams’sche Familienbowling nahm seinen gewohnten Gang. Das erste Spiel war reiner Spaß. Steve spielte bewusst in die Breite, patzte und gab den anderen kostenlose Tipps. Spiel zwei dagegen war fast schon ernst. Steve lag Kopf an Kopf mit Mark, seinem Ältesten. Irgendwann würde der Junge ihn schlagen, aber das war in Ordnung. So sollte es sein. Bowling war genau wie das Leben. Er selbst war besser als sein Dad gewesen, und die Jungen würden ihn einst überflügeln. Das war nur natürlich. Vielleicht schaffte es sogar die kleine Sarah. Jetzt, wo sie die gleichen Rechte hatten und all den Quatsch.
Hinterher spendierte er den Kindern Cola und Pommes. Keine Burger. Nicht, wenn sie vorher schon gegessen hatten. Marion bestellte sich einen Milchshake. Erdbeer-Vanille. Steve blieb bei seinem Kaffee, erwachsen, ungesüßt. Sie sollte das vom Gewichtsstandpunkt aus sehen. Selbst wenn sie jeden Tag ins Fitnessstudio ging und sonst noch alles Mögliche machte. Was das anging, hatte er seine Position deutlich gemacht. Er hatte sie gewarnt. Eine fette Frau war das Einzige, womit er sich nicht abfinden würde. Da gab es eine klare Grenze.
Matt fragte, ob er mit dem Flugsimulator spielen dürfe. Nein, lautete die Antwort. Sie mussten nach Hause, wenn sie aufgegessen hatten. Sonst kam Sarah zu spät ins Bett. Der Trick bei so was wie Bill Elliots Bauauftrag, dachte er, bestand darin, schnell zu sein. Und schnell bedeutete schnell: bevor irgendein elegant gekleideter Verkäufer einer landesweit operierenden Firma oder Kette dem Kunden um den Bart strich. Am besten, bevor überhaupt einer mitbekam, dass da ein Geschäft zu machen war. Zu wissen, was im Ort ablief, das war der einzige Weg, wie eine kleine Firma wie seine heutzutage den Kopf oben behalten konnte.
Marion schickte Sarah gleich zum Zähneputzen und ins Bett, als sie nach Hause kamen. Matt und Mark verschwanden geräuschvoll in ihren Zimmern. Zweimal musste er zu Mark hinaufbrüllen, dass der den verfluchten Ton leiser drehen sollte. House Music: nicht in meinem verdammten Haus, bitte schön. Bei Matt hieß es unter der Woche um zehn Uhr Licht aus, bei Mark um elf. Mark hatte sich heute beim Essen beschwert, dass er immer noch wie ein kleines Kind behandelt werde, andere Jungen in seiner Klasse aber schon die ganze Nacht über wegbleiben dürften, wenn sie wollten. Dafür wirst du mir eines Tages dankbar sein, mein Sohn, hatte er ihm erklärt. Wenn du ohne Vorstrafe oder Einstichnarben auf dem Arm erwachsen geworden bist. Mark hatte darauf nichts mehr gesagt. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, seinem Vater zu widersprechen.
Endlich waren sie allein im Wohnzimmer. Er und seine Missus. Marion stand am Barschrank und schenkte zwei Gläser australischen Shiraz ein. Sie redete von irgendeiner Schnulze, die sie gestern Abend aufgenommen hatte und sich gern ansehen würde. Er überlegte, ob er ihr nachgeben oder auf italienischem Fußball und Sky Sports 1 bestehen sollte. Wenn er sich für Fußball entschied, ging sie wahrscheinlich nach oben und sah sich den Film im Schlafzimmer an. Wenn er nachgab, würde sie sich an ihn kuscheln und war hinterher vielleicht noch für was anderes in Stimmung.
»Dann sehen wir uns doch deinen Film an«, sagte er und zappte durch die Kanäle, während der Recorder zurückspulte.
Marion gab ihm ein Glas und setzte sich.
»Können wir vorher noch schnell das Ende der Lokalnachrichten sehen?«, fragte sie.
Gib ihnen den kleinen Finger, dachte er und schaltete auf ITV um: »Die Schlagzeilen noch einmal im Überblick. Bei einem Wohnungsbrand in Crowbys Problemviertel Woodlands stirbt ein Mann. Eine junge Familie hat Glück und überlebt.«
Das waren die Nachrichten, aber was störten ihn diese Leute? Das war nicht sein Problem.
»Sarah hat erzählt, dass da was passiert ist«, sagte Marion. »Ich glaube, die Polizei hat die Töchter aus der Schule geholt. Vielleicht können sie ein paar Tage nicht kommen, bis alles geklärt ist, und Sarah kann sich eine neue Freundin suchen.«
Steve nickte. Das Foto war absolut mies. Aber sie waren zu erkennen. So gerade. Das Bild wirkte wie ein Automatenschnappschuss. Zu nahe dran, schlecht ausgeleuchtet, eindimensional. Verschwommen und zu den Seiten hin körnig. Die Perfektion der TV-Anlage, die er persönlich installiert hatte, ließ auch noch die kleinste Schwäche deutlich zu Tage treten. Die Anlage war natürlich das Beste vom Besten: Sechsunddreißig-Zoll-Bildschirm. Nicam-Rundum-Stereo. Elektronisch steuerbares Antennensystem. Und immer so weiter. Das ging verdammt noch mal nicht anders. Das war das Verkaufsargument: Genau die Anlage steht auch zu Hause bei mir. Trotzdem, sie waren es, das war klar zu erkennen. Die beiden Bälger und ihre Mutter. War selbst kaum erwachsen. Dreiundzwanzig, vierundzwanzig, wenn er es richtig sah.
Die Nachrichten waren vorbei, und er drückte auf Start. Den Namen des Toten hatten sie nicht genannt, vielleicht mussten sie erst noch mit den Verwandten Kontakt aufnehmen. Mit dem Glas in der Hand ließ er sich in die Polster zurücksinken.
»Ich hoffe, der Film ist nicht zu lang«, sagte er.
Wie beiläufig legte er seiner Frau die Hand in den Nacken und streichelte sie genau, wie sie es mochte.
Der kurze, kleine Rock, den sie angehabt hatte, als er ihr die Kleine zurückgebracht hatte. Tat so, als wischte sie den Spiegel ab, und wollte ihm doch nur ihren Arsch vorführen. Die nackten, langen Beine.
Er streichelte Marion jetzt nur noch mit einem Finger und fuhr mit dem Fingernagel eine kurze Linie auf und ab. Auf und ab. Etwas später wollte er sie wie gewohnt rannehmen, und an wen er dabei denken würde, wusste er auch schon.
Es war ein trüber, grauer Morgen. Chief Inspector Jacobson sah aus dem Bürofenster auf die leere Fußgängerzone hinaus, wo nur wenige Bürger dem schneidend kalten Wind trotzten. Geduckt, mit flatternden Mänteln hasteten sie dahin, schoben die Schultern vor und zogen die Köpfe ein. Es war einer der Tage, an denen man sich fragte, warum es einen angesichts der Äonen menschlicher Möglichkeiten – vergangen oder noch zukünftig – ausgerechnet hierher an diesen Ort verschlagen hatte: nach Crowby, mitten im Februar.
Zum dritten Mal studierte er jetzt schon den Zettel in seiner Hand, auf dem die Tagesordnung der Zehn-Uhr-Besprechung bei Greg Salter stand. Sein alter Boss, Chivers, war für Jacobson immer der DCS gewesen, der Detective Chief Superintendant oder auch nur kurz der »Super«. Salter dagegen war auch sechs Monate nach seiner Ankunft für Jacobson einfach nur Greg Salter. Ein Eindringling, ein Wichtigtuer, eine Nervensäge.
Er wandte sich vom Fenster ab, betrachtete den Zettel und zerbrach sich den Kopf, wie er sich entschuldigen könnte, um einer Stunde, womöglich auch zwei Stunden vergeudeter Zeit voller Management-Gerede zu entgehen. Das Telefon klingelte. Es war Peter Robinson, Crowbys zweiter Pathologe. Der, der die Arbeit machte, während sein Chef, Professor Merchant, auf angenehmen Tagungen in wärmeren Breiten Vorträge hielt.
»Frank? Gut, dass ich Sie erwische.«
Robinson sprach den Namen noch etwas zögerlich aus. Erst vor kurzem hatte er seine Gewohnheit abgelegt – die mit seinem jugendlichen Alter und einer gewissen Schüchternheit zu tun hatte –, Jacobson mit Rang und Titel anzusprechen.
»Wir haben gestern einen Toten hereinbekommen. Tod durch Verbrennungen wurde als Todesursache angenommen. Die Leiche wurde in einer ausgebrannten Wohnung gefunden. Näheres Hinsehen belehrt uns aber eines anderen. Zu Matsch geschlagen trifft es laienhaft ausgedrückt besser.«
»Bin schon unterwegs, mein Junge«, sagte Jacobson.
Mit der freien Hand langte er nach seinem Mantel und wäre dabei fast mit dem Kleiderständer zu Boden gegangen, der uralt und wacklig war und zu so gut wie nichts mehr taugte. Bisher hatte sich Jacobson aber geweigert, ihn durch einen neueren, tauglicheren zu ersetzen.
Die Fahrt kostete ihn zwanzig Minuten. Von unterwegs rief er Harry Fields an, der gerade erst zum DCI befördert und gleichzeitig zum Leiter des Drogendezernats ernannt worden war. »Clean« Harry, wie sie ihn nannten, war ein weiterer unwilliger Teilnehmer an Salters Führungsbesprechungen. Nicht, dass Jacobson ein besonders enges Verhältnis zu ihm unterhalten hätte, aber Fields war ganz sicher der am wenigsten Verschlagene, Doppelzüngige in der Führungsriege des Police Departments. Auf jeden Fall würde er Jacobsons völlig unaufrichtige Entschuldigung ohne irgendwelche Nebentöne überbringen.
Die Pathologie war im vierten Stock des neuen Krankenhausflügels untergebracht. Robinson, der endlich in seine de facto längst ausgeübte Position hineinwuchs, benutzte Merchants Büro, wenn der große Mann nicht da war. Was immer öfter der Fall zu sein schien. Er sah Jacobson den Flur herunterkommen und trat aus der Tür, um ihn zu begrüßen. Nicht zum ersten Mal erinnerte er Jacobson an einen zu groß geratenen, leutseligen Schuljungen. Die sympathische Variante eines Strebers.
»Wollen Sie die Leiche sehen, äh, oder reicht Ihnen das Video der Obduktion?«, fragte Robinson.
»Ich bin für das Video«, sagte Jacobson und dachte, dass ihm schon seine erste Obduktion als Erfahrung fürs Leben gereicht hätte. Wenn er mit den Jahren auch den Überblick verloren hatte, bei wie vielen er tatsächlich anwesend gewesen war, wäre er doch lieber regelmäßig über heiße Kohlen gelaufen, als sich der Prozedur erneut auszusetzen.
In Merchants Büro stand eine komplette Videoanlage. Ganz zu schweigen von der Cona-Kaffeemaschine. Ohne dass ihm ein Kaffee angeboten worden wäre, schenkte sich Jacobson eine große Tasse ein, bevor er sich setzte. Robinson hatte alles vorbereitet und wahrscheinlich vorher gewusst, dass Jacobson sich für die Videoaufnahme und nicht die direkte Inaugenscheinnahme des Opfers entscheiden würde. Er spulte schnell durch die Aufnahme und hob nur die Stellen hervor, die er für die wichtigsten hielt.
Jacobson zwang sich hinzusehen, zwang sich zuzuhören und nicht zurückzuschrecken. Soweit er erkennen konnte, war der Körper von Kopf bis Fuß verbrannt. Die erste Einzelheit, die ihm dabei auffiel und nach der er gleich fragte, war die Position der Hände: Zu Fäusten geballt schienen sie wie zur Abwehr vor den Körper gehoben. Robinson erklärte ihm, dass die Haltung typisch für eine so schlimm verbrannte Leiche sei.
»Die Hitze führt zu Thermobrüchen in den Armen. Was Sie sehen, ist das Ergebnis davon.«
Für Jacobson sah es aus, als wäre ein Boxer vom Blitz getroffen worden, während er sich seinem Gegner stellte. Eine ganze Minute verstrich, bis er das Gefühl hatte, wieder normal sprechen zu können.
»Der Wohnungsbrand gestern in Woodlands, richtig? Ich nehme an, Sie wissen, wer der arme Kerl ist?«
Robinson hatte sich ein Beispiel an Jacobson genommen und sich ebenfalls einen Kaffee eingeschenkt. Er nahm einen schnellen Schluck, bevor er antwortete.
»Es besteht die Annahme, dass es sich um einen Mr David Carter handelt. Neununddreißig Jahre. Wohnhaft in Woodlands. Neunzig Prozent der Körperoberfläche sind verbrannt, dreiundneunzig Komma drei, um genau zu sein. Die offizielle Identifikation steht noch aus …«
Robinson hob die Tasse an die Lippen und nahm einen zweiten, größeren Schluck.
»Dazu brauchen wir seine zahnärztlichen Unterlagen, was wohl ein paar Tage in Anspruch nehmen wird.«
Wieder hielt er das Band an, und man sah seine eigene große Gestalt, die sich über den Kopf der Leiche beugte. Robinson spulte weiter, bis der Kopf den ganzen Bildschirm einnahm. Wenn man das noch einen Kopf nennen konnte, dachte Jacobson. Das Haar, falls er welches gehabt hatte, war völlig verbrannt und dazu auch der Großteil der Kopfhaut. Da war eigentlich nur noch der Schädel, an dem seitlich ein paar geschmolzene Fleischteile hingen: wie das Weiße an einer schlecht geschälten Orange.
Robinson deutete auf den oberen Schädelbereich.
»Es ist gar nicht so leicht, wie man denken mag, einen durchschnittlichen Schädel einzuschlagen«, sagte er. »Und gewöhnlich auch nicht nötig. Wenn die Schläge hart genug sind, kommt es zu inneren Blutungen. Resultat: Tod, Koma – oder wenigstens Bewusstlosigkeit.«
Jacobson nahm alle Kraft zusammen, um weiter hinzusehen. Schließlich hatte er diesmal noch Glück und musste sich nur das Video ansehen, statt der Obduktion selbst beizuwohnen. Dennoch hätte er unter Eid geschworen, die gallige Süße des verbrannten Fleischs riechen zu können.
Robinson tippte mit dem abgekauten Fingernagel seines langen Zeigefingers mitten auf den Bildschirm.
»Das Scheitelbein, Frank, das Obere des Kopfes. Sehen Sie sich nur die Brüche dort an. Wie viele es sind und wie tief sie gehen. Da brauchten Sie schon eine Axt oder einen Pickel – und Muskeln wie ein Preisboxer –, um mehr Schaden anzurichten.«
»Es war also ein stumpfes Instrument? Sagen wir, ein Baseballschläger oder ein Montiereisen?«
»Genau. Die Rissbildung überzieht praktisch den ganzen Bereich. Klare Linien gibt es nicht. Wer immer das getan hat, war entweder unglaublich stark oder – und das kommt mir wahrscheinlicher vor – vor Wut dem Wahnsinn nahe. Populär ausgedrückt sieht es für mich aus, als wäre da einer total ausgeflippt.«
Jacobson trank den letzten Schluck Kaffee. Hier im Krankenhaus war an eine Zigarette nicht zu denken.
»Das Feuer kam also später? Um die wahre Ursache zu vertuschen?«
Robinson schaltete den Monitor aus und setzte sich auf Merchants Schreibtischkante. Seine langen Beine baumelten in der Luft.
»Ich bin kein Brandexperte, aber in der Lunge ist keine Spur von Ruß. Das ist der klare Beweis. Dieser Mann war tot, lange bevor ihn der Rauch erreichte. Das steht absolut außer Frage.«
